Akademie der Kunst und Philosophie | Academy of Arts and Philosophy
Akademie der Wissenschaften | Académie des sciences | Colégio des Artes
 

 

Kurs Nr. 020 

Johann Wolfgang von Goethe

Wissenschaft, Kunst und Religion


"Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Aengstliches Klagen
Wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei.
Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme
Der Götter herbei." - Johann Wolfgang von Goethe, Beherzigung

"Was wär ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
So dass, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermisst." - 
Johann Wolfgang von Goethe


 
 

 
 
 
 
 

 

Wissenschaft, Kunst und Religion, Naturwissenschaftliches Anschauen und Denken im Sinne von Goethe

Aus dem Inhalt:

 
"Ein großes Übel in den Wissenschaften, ja überall, entsteht daher, daß Menschen, die kein Ideenvermögen haben, zu theoretisieren sich vermessen, weil sie nicht begreifen, daß noch so vieles Wissen hierzu nicht berechtigt."  - Johann Wolfgang von Goethe

"Der eigentliche Obskurantismus ist nicht, dass man die Ausbreitung des Wahren, Klaren, Nützlichen hindert, sondern dass man das Falsche in Cours bringt." - Johann Wolfgang von Goethe

Was heute zum Beispiel in der Medizin an Universitäten, vor allem amerikanischen Elite-Universitäten, als Wissenschaft verkauft wird - rote Gentechnik, Erzeugung des Menschen in der Petrischale, risikoreicher Eingriff der Eizellenspende (die Frauen müssen Hormone schlucken, die Gefahren sind Nierenversagen und Thrombose, ganz zu schweigen von den Leihmüttern, den Behinderungen der Retortenkinder usw.) gibt ein trauriges Bild der Wissenschaft ab und macht den nominalistischen Einfluss an heutigen Universitäten deutlich.  Dazu Goethe:
"Gewinnt aber auch in der Wissenschaft das Falsche die Oberhand, so wird doch immer eine Minorität für das Wahre übrigbleiben, und wenn sie sich in einen einzigen Geist zurückzöge, so hätte das nichts zu sagen. Er wird im stillen, im verborgenen fortwaltend wirken, und eine Zeit wird kommen, wo man nach ihm und seinen Überzeugungen fragt, oder wo diese sich, bei verbreitetem allgemeinem Licht, auch wieder hervorwagen dürfen." - Johann Wolfgang von Goethe
Alexander von Humboldt (1769 - 1859) sagt über Goethe, durch seine Naturansichten sei er "gewissermassen mit neuen Organen ausgestattet worden". Goethe stand mit ihm in engem Austausch geistig-wissenschaftlicher Art. Interessant sind zum Beispiel Humboldts geologische Untersuchungen. Die Untersuchungen der östlichen Gebiete musste er auf die Zukunft verlegen, "wenn die gequälte Menschheit nicht mehr der wilden Barbarei der Osmanen erliegt.": 

"Auf Ischia am Epomäus und, wie es nach den Berichten der Alten scheint, auch in der Lelantischen Ebene bei Chalkis sind Laven aus Erdspalten geflossen, die sich plötzlich geöffnet haben. Neben diesen Erscheinungen, welche in die historische Zeit, in das enge Gebiet sicherer Traditionen fallen und welche Carl Ritter in seiner meisterhaften Erdkunde sammeln und erläutern wird, enthalten die Küsten des Mittelmeeres noch mannigfaltige Reste älterer Feuerwirkung. Das südliche Frankreich zeigt uns in der Auvergne ein eigenes geschlossenes System aneinandergereiheter Vulkane: Trachytglocken, abwechselnd mit Auswurfskegeln, aus denen Lavaströme bandförmig sich ergießen. Die lombardische seegleiche Ebene, welche den innersten Busen des Adriatischen Meeres bildet, umschließt den Trachyt der Euganeischen Hügel, wo Dome von körnigem Trachyt, von Obsidian und Perlstein sich erheben: drei auseinander sich entwickelnde Massen, welche die untere Kreide und den Nummuliten-Kalk durchbrechen, aber nie in schmalen Strömen geflossen sind. Ähnliche Zeugen alter Erdrevolutionen findet man in vielen Teilen des griechischen Kontinents und in Vorderasien,
Ländern, welche dem Geognosten einst reichen Stoff zu Untersuchungen darbieten werden, wenn das Licht dahin zurückkehrt, von wo es zuerst über die westliche Welt gestrahlt, wenn die gequälte Menschheit nicht mehr der wilden Barbarei der Osmanen erliegt." [8]

Ähnlich wie Goethe, ist Alexander von Humboldt der Ansicht, "erst durch das Christentum wurde die wichtige Lehre von der Einheit der Menschenart allgemeiner verbreitet. Mit dieser Ansicht milderte sich das Schicksal der Sklaven, die früher, als einem andern Geschlechte angehörig betrachtet wurden." Allerdings brachten die Ausartung des Christentums "würdigere Ansichten von der Menschennatur in Vergessenheit, und mit Empörung lesen wir von öffentlichen Sklavenmärkten, die im 15. Jahrhundert zu Lisboa, Cadix und Madrid gehalten worden sind, wenn auch die Päpste niemals aufhörten den Grundsatz von der Einheit des Menschengeschlechts zu proclamieren." 

"Während die Gefühle abstarben, welche das classische Alterthum belebten und den Geist auf Handlung und Aeußerung menschlicher Thatkraft, nicht auf Zustände und Beschauung der Außenwelt, leiteten; gewann eine neue Sinnesart Raum. Es verbreitete sich allmälig das Christenthum; und wie dieses, selbst wo es als Staatsreligion auftrat, in der großen Angelegenheit der bürgerlichen Freiheit des Menschengeschlechts für die niederen Volksclassen wohlthätig wirkte, so erweiterte es auch den Blick in die freie Natur." [9] - Alexander von Humboldt
Das Erringen der römischen Weltherrschaft ist allerdings ein Werk gewesen der Größe des römischen Charakters, einer lang bewährten Sittenstrenge, einer ausschließlichen, mit hohem Selbstgefühl gepaarten Vaterlandsliebe. Nachdem aber die Weltherrschaft errungen war, fanden sich nach dem unvermeidlichen Einflusse der hervorgerufenen Verhältnisse jene herrlichen Eigenschaften allmälig geschwächt und umgewandelt. Mit dem Nationalgeiste erlosch die volksthümliche Beweglichkeit der Einzelnen. Es verschwanden Oeffentlichkeit und Bewahrung der Individualität der Menschen, die zwei Hauptstützen freier Verfassungen. Die ewige Stadt war das Centrum eines zu großen Kreises geworden. "Es fehlte der Geist, der einen so vieltheiligen Staatskörper hätte dauernd beseelen können. Das Christenthum wurde Staatsreligion, als das Reich bereits tief erschüttert und die Milde der neuen Lehre durch den dogmatischen Zwist der Parteien in ihren wohlthätigen Wirkungen gestört war. Auch begann schon damals »der lästige Kampf des Wissens und des Glaubens«, welcher unter mancherlei Gestaltung, der Forschung hinderlich, durch alle Jahrhunderte fortgesetzt wird." Äussere Mittel des Zwanges, kunstreiche Staatsverfassungen, eine lange Gewohnheit der Knechtschaft konnten freilich einigen, sie konnten das vereinzelte Dasein der Völker aufheben; aber das Gefühl von der Gemeinschaft und Einheit des ganzen Menschengeschlechts, von der gleichen Berechtigung aller Teile desselben hat einen edleren Ursprung. Es ist in den inneren Antrieben des Gemüths und religiöser Ueberzeugungen gegründet. "Das Christenthum hat hauptsächlich dazu beigetragen den Begriff der Einheit des Menschengeschlechts hervorzurufen; es hat dadurch auf die »Vermenschlichung« der Völker in ihren Sitten und Einrichtungen wohlthätig gewirkt. Tief mit den frühesten christlichen Dogmen verwebt, hat der Begriff der Humanität sich aber nur langsam Geltung verschaffen können: da zu der Zeit, als der neue Glaube aus politischen Motiven in Byzanz zur Staatsreligion erhoben wurde, die Anhänger desselben bereits in elenden Partheistreit verwickelt, der ferne Verkehr der Völker gehemmt und die Fundamente des Reichs mannigfach durch äußere Angriffe erschüttert waren. Selbst die persönliche Freiheit ganzer Menschenclassen hat lange in den christlichen Staaten, bei geistlichen Grundbesitzern und Corporationen, keinen Schutz gefunden. Solche unnatürlichen Hemmungen, und viele andere, welche dem geistigen Fortschreiten der Menschheit wie der Veredlung des gesellschaftlichen Zustandes im Wege stehen, werden allmälig verschwinden. Das Prinzip der individuellen und der politischen Freiheit ist in der unvertilgbaren Ueberzeugung gewurzelt von der gleichen Berechtigung des einigen Menschengeschlechts. So tritt dieses »als Ein großer verbrüderter Stamm, als ein zur Erreichung Eines Zweckes ( der freien Entwickelung innerlicher Kraft) bestehendes Ganzes« auf. Diese Betrachtung der Humanität, des bald gehemmten, bald mächtig fortschreitenden Strebens nach derselben (keinesweges die Erfindung einer neueren Zeit!) gehört durch die Allgemeinheit ihrer Richtung recht eigentlich zu dem, was das kosmische Leben erhöht und begeistigt. In der Schilderung einer großen welthistorischen Epoche: der der Herrschaft der Römer, ihrer Gesetzgebung und der Entstehung des Christenthums, musste vor allem daran erinnert werden, wie dieselbe die Ansichten des Menschengeschlechts erweitert und einen milden, langdauernden, wenn gleich langsam wirkenden Einfluß auf Intelligenz und Gesittung ausgeübt hat." [10]
 

Wie Goethe den Amerikanern ihr Ein und Alles wurde

Goethe als Nationaldichter der Vereinigten Staaten? Wer sich das Organisationskomitee der 1949 in Aspen, Colorado abgehaltenen „Goethe Bicentennial Convocation“ anschaut, kann sich dieses Eindrucks kaum erwehren. Man habe für die Planung der Festveranstaltung anlässlich des großen Goethe-Jubiläums, so liest man in einer Ankündigungsbroschüre, einige der „herausragenden Bürgerinnen und Bürger dieser Nation aus Wirtschaft, Industrie, Bildung, Wissenschaft, Politik, Musik und Literatur“ zusammengebracht, „Männer und Frauen, die einen Sinn haben für die intellektuellen und kulturellen Anliegen der Weltgemeinschaft“. An der Spitze: der ehemalige amerikanische Präsident Herbert C. Hoover, der Nobelpreisträger und Neu-Amerikaner Thomas Mann sowie der Kanzler der University of Chicago und führende Bildungstheoretiker des Landes, Robert M. Hutchins. In einem Radiogespräch, das Hutchins und der Theologe Reinhold Niebuhr in zeitlicher Nähe zur Jubiläumsveranstaltung führten, bringt es auf den Punkt. Gleich zu Anfang des Gesprächs ging es um ein für Goethes Leben und Denken charakteristisches Spannungsverhältnis. Niebuhr: „Vielleicht besteht darin seine wahre Größe, dass er eine universelle Lebensform will, welche die Unabhängigkeit des Einzelnen, die Einzigartigkeit eines bestimmten Bestandteils innerhalb der Weltkultur nicht aufhebt.“ Goethe erscheint hier geradezu als Personifikation des Wappenspruchs im großen Siegel der Vereinigten Staaten: „E pluribus unum“. Aber worum ging es Niebuhr genau? Er sprach von der Unabhängigkeit des Einzelnen, der in einen Gesamtzusammenhang eingebunden ist, ohne sich zugleich in ihm aufzuheben. Die Formulierung ist unscharf genug, um sowohl als individuelles Bildungskonzept wie auch als globale Gesellschaftsidee verstanden zu werden, und darum nicht zuletzt als Kommentar zur Weltlage 1949: Im gleichberechtigten Verhältnis der Teile und des Ganzen, des Einzelnen und der Gemeinschaft erkannten die Diskutanten einen westlichen Gegenentwurf zum Menschen- und Gesellschaftsbild sowjetischer Prägung. Die intellektuelle Essenz, die sich für Niebuhr und Hutchins mit dem Namen Goethe verband, wurde in einen Zusammenhang eingefügt, den die neuere Forschung als „Cold War Literature“ bezeichnet. [11]

Ralph Waldo Emerson ging in seinen für die kulturelle Begründung der Vereinigten Staaten wegweisenden Schriften wiederholt auf die in Goethes Spätwerk entfalteten Ideen ein. Emerson fragte sich, wie ließ sich angesichts der für die Vereinigten Staaten unausweichlichen Bezogenheit auf die Philosophien, die Literaturen, die Wissenschaften der europäischen Welt überhaupt so etwas wie eine allgemeine, einheitliche Kultur des Landes denken? Indem Emerson das Verschiedenartige und Zusammengesetzte zum Programm erhob, transformierte er Goethes Ideen zum amerikanischen Kulturprinzip schlechthin: „Unser Land, unsere Bräuche, Gesetze, unsere Ziele und unsere Vorstellungen von Angemessenheit und Gerechtigkeit, wir haben sie nicht selbst gemacht, wir fanden sie schon fertig; wir zitieren sie nur.“ Dazu Goethe:

„Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein ... mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“ - Johann Wolfgang von Goethe
Emerson sprach von der „Lockerheit“ vieler Werke Goethes. Was sich hier abzeichnet, ist eine „Poetik des Mittleren“ (Carlos Spoerhase), die elastisch genug ist, um Mannigfaltiges in sich aufzunehmen, ohne zugleich den Anspruch der Einheitsbildung aufzugeben. Emersons großer Essay über „Goethe; or, the Writer“ war ein Aufruf an die Schriftsteller der Vereinigten Staaten zur Goethe-Nachfolge. Man denke nur an Goethes spätes Romanexperiment „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, in dem das Auswandern nach Amerika ein Zentralmotiv ist, und hier wiederum bloß an den Namen einer weiblichen Zentralfigur. Vertauscht man die Reihenfolge der Buchstaben, so wird aus dem Namen Makarie: Amerika. Wie niemand anders im Roman repräsentiert Makarie die glückliche Verbindung von Individualität und Gemeinschaft: „Das Verhältnis sämtlicher vorübergehenden Personen zu Makarien war vertraulich und ehrfurchtsvoll, alle fühlten die Gegenwart eines höheren Wesens, und doch blieb in solcher Gegenwart einem jeden die Freiheit, ganz in seiner eigenen Natur zu erscheinen. Jeder zeigt sich wie er ist, mehr als je vor Eltern und Freunden, mit einer gewissen Zuversicht, denn er war gelockt und veranlasst nur das Gute, das Beste was an ihm war an den Tag zu geben, daher beinahe eine allgemeine Zufriedenheit entstand.“ Es sind Begriffe der Sozialität („alle fühlten die Gegenwart“) und der Individualität („ganz in seiner eigenen Natur“), die hier zusammengeführt werden. In Makaries Charakterisierung geht es um nichts anderes als um die Idee einer gesellschaftlichen Einheit, die der Individualität des Einzelnen nicht entgegensteht, sondern sie, im Gegenteil, noch zu befördern scheint. Dass sich für Goethe mit dieser Vorstellung eine Grundeigenschaft des jungen Amerikas verbindet, lässt sich ausserdem mit Stellungnahmen aus derselben Werkphase belegen. Von hoher Aussagekraft ist ein Stück aus den „Maximen und Reflexionen“, das sich der religiösen Vielfalt im fernen „Neu York“ widmet: „In Neu York sind neunzig verschiedene Religionen, christliche Confessionen, von welchen jeder auf ihre Art Gott und den Herrn bekennt, ohne weiter an einander irre zu werden. In der Naturforschung, ja in jeder Forschung, müssen wir es so weit bringen; denn was will das heißen dass jedermann von Liberalität spricht und den andern hindern will nach seiner Weise zu denken und sich auszusprechen?“ Die Vielfalt an christlichen und vorchristlichen Religionen in der rasch prosperierenden Stadt am Hudson River stellt die gesellschaftliche Einheit also nicht in Frage, zumindest solange eine ausgesprochen antichristliche Religion wie der Islam sich nicht unkontrolliert ausbreitet wie im nahen Osten. Und dies wiederum wird auf eine Haltung der „Liberalität“ zurückgeführt, die allerdings nicht falsch verstanden werden darf, sozusagen als Freibrief für Islam, das Christentum nach und nach zu unterwandern oder einer philosophie-freien „Naturforschung“, die skrupellos an den Genen herummanipuliert. New York erscheint in diesem Sinne bei Goethe als ein stadtgewordenes Kollektivwesen, das über den amerikanischen Kontext hinaus als Vorbild auch für andere Bereiche des sozialen Lebens dienen könnte und sollte. Heute wissen wir allerdings, dass die amerikanische Wissenschaft, die vergiftete Lebensmittel, genmanipulierte Pflanzen, Tiere und zum Teil Menschen hervorgebracht hat, nicht unbedingt als Vorbild dienen kann. [12]

Goethe bringt dies in der zum Roman gehörigen Aphorismensammlung „Aus Makariens Archiv“ zum Ausdruck: „Wissenschaften entfernen sich im Ganzen immer vom Leben und kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zurück. Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die äussern und innern Erfahrungen ins Allgemeine, in einen Zusammenhang.“ Jenseits der buchstäblichen Wortbedeutung, als ein zusammenfassendes Lehrbuch, ist das Kompendium für ihn jene Buchform, in der Vielfältiges und Unterschiedliches zusammengestellt und zugleich als Gesamtheit miteinander verbunden werden. Das Einzelne verliert sich dabei nicht im Ganzen oder löst sich gar in ihm auf, sondern kommt, im Gegenteil, in ihm erst angemessen zur Geltung. Was Makarie als Person in intellektueller und sozialer Hinsicht verkörpert, im ästhetischen Charakter des Archivs, im vielstimmigen Zusammenhang aus Einzelheiten, findet es seine ästhetische Entsprechung. Der poetische Text ist für Goethe also beides zugleich, nämlich Ausdrucksform und Reflexionsmedium. Einige sehen Goethe daher als Urheber einer "Ideengeschichte der offenen Gesellschaft", verstanden als eine soziale und politische Gemeinschaft der vielen Einzelnen und Verschiedenen. Es ist eine Idee, die immer noch aktuell ist. [13]
 

Goethes Naturwissenschaft, abendländische Monadenlehre

»Ins Innre der Natur« –
O du Philister! –
»Dringt kein erschaffner Geist.«
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern!
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
»Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!«
Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male.
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist." - Johann Wolfgang von Goethe, Allerdings, Dem Physiker

Wir haben auf dem Gebiet der Naturwissenschaft schon seit über 100 Jahren zwei Strömungen heraufkommend, den Goetheanismus und den Darwinismus. Man darf die Bedeutung des Darwinismus natürlich nicht verkennen, aber man muss die sogenannte Dezendenztheorie von der Seite des Darwinismus und des Goetheanismus betrachten. Der Darwinismus betrachtet die physische Entwicklung von der physischen Seite her: äußere Impulse, Kampf ums Dasein, Selektion und stellt damit die absteigende Entwicklung dar. In der Geistesgeschichte der Menschheit hatte es immer wieder Anläufe zur Überwindung der Kluft zwischen Glauben und Wissen und zur Durchchristung des Denkens gegeben. Seit dem Erlöschen der urchristlichen Weisheit, insbesondere der theologischen Strömung der "paulinischen Gnosis", waren es nicht mehr die Theologen, sondern die Weltkinder, die um eine neue Beseelung und Durchgeistigung des menschlichen Erkennens rangen. Im Goetheschen Zeitalter haben viele mit Nachdruck auf dieses Ziel und die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten hingewiesen. Ohne die christliche Terminologie zu verwenden, hat Goethe bis in die Gebiete der Naturwissenschaft hinein eine Gedanken- und Erkenntnisart angestrebet und auch bereits mit guten Ergebnissen angewendet, in der wir die Anfänge einer Durchchristung im paulinischen Sinne sehen können.  "Goethes Naturwissen beruht namentlich darauf, dass er sich viel damit beschäftigt hat, wie die anderen zu ihrem Wissen gekommen sind... In der neueren Zeit ist es ein sicherer Weg, den Materialismus zu überwinden, die Art des Forschens in der Naturwissenschaft zu durchschauen. Und Materialisten auf naturwissenschaftlichem Gebiete werden die Menschen eben nur deshalb, weil sie sich entweder gar nicht oder zu wenig befassen mit der Art ihres Forschens. Sie bleiben bei den Ergebnissen stehen, bei dem, was die Klinik, das Kabinett, die Sternwarte bringt. Sie gehen nicht über zum Goetheanismus, zu der Betrachtung der Art des Forschens." Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Goethe ein Anhänger der Leibnizschen Monadenlehre war: "Und wenn wir an anderer Stelle Goethe erfassen, da wo Goethe mit voller Wahrung der Welten-Einheitserkenntnis anerkennt einer jeden Seele Selbstständigkeit im Leibnizschen Sinne, dann weht uns nicht in Worten von Goethe aus an, doch aber der Gesinnung nach die abendländische Monadenlehre, die ein Wiedererklingen ist der Sankhyaphilosophie"  [14]

"Ich nehme verschiedene Klassen und Rangordnungen der letzten Urbestandteile aller Wesen an, gleichsam der Anfangspunkte aller Erscheinungen in der Natur, die ich Seelen nennen möchte, weil von ihnen die Beseelung des Ganzen ausgeht, oder noch lieber Monaden - lassen Sie uns immer diesen Leibnizschen Ausdruck beibehalten! Die Einfachheit des einfachsten Wesens auszudrücken, möchte es kaum einen besseren geben. Nun sind einige von diesen Monaden oder Anfangspunkten, wie uns die Erfahrung zeigt, so klein, so geringfügig, dass sie sich höchstens nur zu einem untergeordneten Dienst und Dasein eignen. Andere dagegen sind gar stark und gewaltig. Die letzten pflegen daher alles, was sich ihnen naht, in ihren Kreis zu reissen und in ein ihnen Angehöriges, das heisst in einen Leib, in eine Pflanze, in ein Tier, oder noch höher herauf, in einen Stern verwandeln. Sie setzen dies so lange fort, bis die kleine oder große Welt, deren Intention geistig in ihnen liegt, auch nach aussen leiblich zum Vorschein kommt. Nur die letzten möchte ich eigentlich Seelen nennen. Es folgt hieraus, dass es Weltmonaden, Weltseelen, wie Ameisenmonaden, Ameisenseelen gibt und dass beide in ihrem Ursprunge, wo nicht völlig eins, doch im Urwesen verwandt sind." - Johann Wolfgang von Goethe, 1813
Ebenso wie die verborgene Christlichkeit der Goetheschen Erkenntnisart und die der deutschen Idealisten, wird seit langem die grundsätzliche Unchristlichkeit der Kantischen Philosophie verkannt. Sie ist als Wissenschaft verkleideter Unglaube. Der Kantianismus setzt alte vorchristliche Anschauungen fort, die im Orient und später im Islam ihre Ausbildung gefunden haben. Das Tragische liegt daran, dass nach dem Christus-Ereignis, und zwar auch innerhalb des Christentums, die Bewusstseins- und Gedankenentwicklung diesen Einschlag immer noch nicht in sich aufgenommen hat. Überall, wo wie bei Kant aus der Erkenntnis-Resignation grundsätzlich an der Trennung von Glauben und Wissen festgehalten wird, setzt sich der vorchristliche Stand des menschlichen Bewusstseins unverwandelt fort. [15]

"Denn was heutzutage als Wissenschaft über die Bienen existiert, ist vollständig von Irrtum durchzogen." Nicht nur die Bienen-Wissenschaft erweist sich da als etwas "Unbrauchbares", auch die Art der Bienenhaltung heute ist weit davon entfernt, dem Wesen der Bienen gerecht zu werden. "Die moderne Bienenzüchterei weiß nichts mehr davon, macht deshalb manches Verkehrte mit ihren Neuerungen. Der modernen Wissenschaft fehlen die erforderlichen Einblicke." In Bezug auf Bienenwissenschaft ist nur gut, was aus alten Zeiten stammt, "während die Naturforscher von heute da zum Teil schauderhaftes Zeug machen. Das ist ganz und gar nicht anwendbar, führt die Leute irre." Man denke nur an mit Paraffin und Pestiziden verseuchte künstliche Bienenwaben, die dem Bienenvolk heute aufgezwungen werden, sogar von Bio- und Demeter-Imkern. Es hat eine Zeit des groben Materialismus in der Wissenschaft gegeben. Sie ist zwar lange hinter uns, und wird höchstens noch von denen, die auf dem "allerlaienhaftesten Standpunkt" stehen, noch als etwas Mögliches angesehen, dennoch wird es schwierig für viele Wissenschaftler dem Goetheanismus zu folgen, zum Beispiel wenn es um die Seele des Bienenvolkes geht, oder die Berührung von Biene und Blüte. Es gehört zu den "interessantesten Beobachtungen der geistig-übersinnlichen Welten, jene aurische Hülle, die immer entsteht, wenn eine Biene oder ein anderes solches Insekt an einer Blüte saugt...insbesondere wenn sich irgendwo an einem Baum ein ganzer Bienenschwarm niederlässt und dann abzieht, sozusagen mit der Geschmacksempfindung im Leibe, die da war. Dann ist der ganze Bienenschwarm eingehüllt in diese ätherische Aura, aber auch ganz durchdrungen von diesen geistigen Wesenheiten, die man Sylphen oder Lemuren nennt." Sie weisen den Weg, sie sind die Führer der Biene. Die Seele des Bienenstockes ist keine gewöhnliche Gruppenseele, sondern ein besonderes Wesen für sich. "Der Geist des Bienenstockes steht höher als der Geist des einzelnen Menschen...Die Biene ist das Symbolum des Geistesmenschen, der nichts von Sterblichkeit weiß. Die Geistigkeit, die der Mensch hatte, als der Planet sich noch in feurigem Zustande befand (Saturn), wird er auf höherer Stufe wiederum erreichen, wenn der Planet als Venus wieder feurig sein wird." Deshalb wurde die Biene früher als Wärme- oder Feuerwesen bezeichnet. Der ganze Bienenstock entwickelt eine Temperatur, die der Bluttemperatur des Menschen entspricht, und die auf "diesselbe Entwicklungsstufe zurückgeht wie das menschliche Blut."  [16]

Grundgedanke der Goethe-Schopenhauer'schen Farbenlehre [17]:

Die Farben können sich verhalten wie die "Konsonanzen in der Musik, dass nämlich die Farben von den leichtesten Zahlenverhältnissen, gerade wie die Konsonanzen, als die angenehmsten erschienen, z.B. Violett und Rot, und einige andere dergleichen." Goethe

Aristoteles bekannte sich zu einer sogenannten dynamischen Naturauffassung. Er ist nicht der Ansicht, dass die Körper aus Teilen bestehen, die für einander undurchdringlich sind, wie die Atomisten es taten, sondern er dachte sie - ähnlich wie Leibniz - aus Kräften zusammengesetzt. Während für den Bekenner der atomistischen Sicht ein zusammengesetzter Körper nur ein Aggregat ist, ist derselbe für Aristoteles eine Einheit, in der wirlich in jedem ihrer Punkte eine Durchdringung der einfachen Stoffe stattgefunden hat. Diese Ansicht von der Mischung der Stoffe übertrug Aristoteles auch auf die Farbenmischung. Die Erklärung der Farben nach Titus Lucretius Carus (99-55 v. Chr.) dagegen krankt an einem Fehler aller materialistischen Erklärungsversuche der Naturerscheinungen.  [18]

Die Erforschung des Einzelnen ist nach Goethe und Leibniz nur möglich, wenn man das Auge für das Ganze frei und offen hat. Indem sich die moderne Wissenschaft immer mehr ins Einzelne verliert, kommt ihr das Verständnis abhanden für das Wesen der Dinge. [19]

"Wie irgend jemand über einen gewissen Fall denke, wird man nur erst recht einsehen, wenn man weiß, wie er überhaupt gesinnt ist. Dieses gilt, wenn wir die Meinungen über wissenschaftliche Gegenstände, es sei nun einzelner Menschen oder ganzer Schulen und Jahrhunderte, recht eigentlich erkennen wollen. Daher ist die Geschichte der Wissenschaften mit der Geschichte der Philosophie innigst verbunden...Denn zur Einsicht in den geringsten Teil ist die Übersicht des Ganzen nötig." Goethe
Man kann Plato leicht missverstehen, wenn man ihn so auslegt, als wenn er nur auf die Ideen, das Geistige, gesehen und darüber das Sinnliche vollständig übersehen habe. Er nahm nicht das Sinnliche ohne Geist wahr - wie unsere heutigen Naturwissenschaftler - sondern erkannte in allem Sinnlichen auch das Geistige. Wie Goethe sah er in jedem Objekt der Sinnenwelt zugleich ein Geistiges; Goethe nennt es "geistig-körperlich". Nach Goethe entsprang die Wissenschaft für die Griechen aus dem Leben. [20]
"So entzückt uns denn auch in diesem Fall, wie in den übrigen, am Plato die heilige Scheu, womit er sich der Natur nähert, die Vorsicht, womit er sie gleichsam nur umtastet, und bei näherer Bekanntschaft vor ihr sogleich wieder zurücktritt, jenes Erstaunen, das, wie er selbst sagt, den Philosophen so gut kleidet." - Goethe

"Wie rein, wie ruhig gegen spätere Zeiten, wo die Theorien keinen anderen Zweck zu haben schienen, als die Phänomene beiseite zu bringen, die Aufmerksamkeit von ihnen abzulenken, ja sie womöglich aus der Natur zu vertilgen." - Goethe

Was die schriftliche Überlieferung betrifft, so gibt es einen Faden, der aus der alten Welt in die neue herüberreicht. Man müsse dreier Hauptmassen gedenken, welche die größte und entschiedenste Wirkung hervorgebracht haben, der Bibel, der Werke Platos und Aristoteles. [21]
"Jene große Verehrung, welche der Bibel von vielen Völkern und Geschlechtern der Erde gewidmet worden, verdankt sie ihrem innern Wert. Sie ist nicht etwa nur ein Volksbuch, sondern das Buch der Völker, weil sie die Schicksale eines Volkes zum Symbol aller übrigen aufstellt, die Geschichte desselben an die Entstehung der Welt anknüpft und durch eine Stufenreihe irdischer und geistiger Entwicklungen, notwendiger und zufälliger Ereignisse, bis in die entferntesten Regionen der äußersten Ewigkeiten hinausführt. ... Es ist uns nicht erlaubt, hier ins Einzelne zu gehen; doch liegt einem jeden vor Augen, wie in beiden Abteilungen dieses wichtigen Werkes der geschichtliche Vortrag mit dem Lehrvortrage dergestalt innig verknüpft ist, dass einer dem andern auf- und nachhilft, wie vielleicht in keinem andern Buche. Und was den Inhalt betrifft, so wäre nur wenig hinzuzufügen, um ihn bis auf den heutigen Tag durchaus vollständig zu machen. Wenn man dem alten Testamente einen Auszug aus Josephus beifügte, um die jüdische Geschichte bis zur Zerstörung Jerusalems fortzuführen; wenn man, nach der Apostelgeschichte, eine gedrängte Darstellung der Ausbreitung des Christentums und der Zerstreuung des Judentums durch die Welt, bis auf die letzten treuen missionsbemühungen Apostelähnlicher Männer, bis auf den neusten Schacher- und Wucherbetrieb der Nachkommen Abrahams, einschaltete; wenn man vor der Offenbarung Johannis die reine christliche Lehre im Sinn des neuen Testaments zusammengefasst aufstellte, um die verworrene Lehrart der Episteln zu entwirren und aufzuhellen: so verdiente dieses Werk gleich gegenwärtig wieder in seinen alten Rang einzutreten, nicht nur als allgemeines Buch, sondern auch als allgemeine Bibliothek der Völker zu gelten, und es wäre gewiss, je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, immer mehr zum Teil als Fundament, zum Teil als Werkzeug der Erziehung, freilich nicht von naseweisen, sondern von wahrhaft weisen Menschen, genutzt werden können."- Goethe 

"Ja wie die Völker, so teilen sich auch Jahrhunderte in die Verehrung des Plato und Aristoteles, bald friedlich, bald in heftigem Widerstreit; und es ist als ein großer Vorzug des unsrigen anzusehen, dass die Hochschätzung beider sich im Gleichgewichte hält, wie schon Raffael, in der sogenannten Schule von Athen, beide Männer gedacht und gegen einander über gestellt hat." Goethe

Goethe interessierte, "was von Hauptwirkungen über die durch Barbaren gerissene Lücke in die mittlere und neuere Zeit vor allem andern bedeutend herüberreicht, was in den Wissenschaften überhaupt, in die Naturwissenschaften besonders und in die Farbenlehre, die uns vorzüglich beschäftigt, einen dauernden Einfluß ausübte." 

Problematisch ist, wenn der Mathematik in qualitativen Fragen zu viel Bedeutung zugemessen wird, wie dies bereits von Roger Bacon (1216-1294) angestrebt wurde. Er war überzeugt, dass Mathematik den Grund zu allem Wissenschaftlichen lege. Die geometrisch-mathematischen Formeln, welche die Mystiker aufstellten, um das Leben des Menschen, seine Beziehung zu Gott und zur Welt darzulegen, Herbarts verunglückte mathematische Gesetze in der Psychologie, die Behauptung der neueren Naturwissenschaftler und Gentechniker, dass sich alle Qualität müsse auf Quantität zurückführen lassen und damit einer mathematischen Behandlung fähig sei, entspringen alle dem gleichen Irrtum. Sobald die Erträge durch gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere erhöht werden sollen, vermindert sich die Qualität, was man besonders an amerikanischen Lebensmitteln studieren kann. [22]

Daher sagt Goethe auch: "Ein großer Teil dessen, was man gewöhnlich Aberglauben nennt, ist aus einer falschen Anwendung der Mathematik entstanden." Die Welt würde eine andere wissenschaftliche Ansicht gewonnen haben, wenn die "griechische Sprache lebendig geblieben wäre und sich anstatt der Lateinischen verbreitet hätte." Thomas von Aquin hatte ja schon über die schlechte Übersetzung des Aristoteles geklagt; den muslimischen Arabern waren bei der Übertragung der griechischen Texte ins Arabische grobe Fehler unterlaufen. [23]

"Die weniger sorgfältigen arabischen und lateinischen Übersetzungen hatten schon früher maches Unheil angerichtet." - Goethe
Francis Bacon oder Baron von Verulam (1561-1626) nahm unter der Königin Elisabeth und unter Jakob I. hohe Staatsstellen ein und brachte es bis zum Großkanzler. Bacon setzte sich die Aufgabe, die Wissenschaft vom Grunde auf zu reformieren. Nur die Erfahrung sollte die Quelle alles Wissens sein, weshalb seine Philosophie an einer einseitigen Überschätzung der Erfahrung leidet. Goethe hielt seine "Unempfindlichkeit gegen Verdienste der Vorgänger, gegen die Würde des Altertums" für höchst unerfreulich und meinte, "dass seine Wirkung mehr schädlich als nützlich gewesen" sei. Er habe in der Wissenschaft auf eine "so zerstörerische Weise" verfahren und das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. 
"Da er übrigens die Menschen an die Erfahrung hinwies, so gerieten die sich selbst überlassenen ins Weite, in eine grenzenlose Empirie; sie empfanden dabei eine solche Methodenscheu, dass sie Unordnung und Wust als das wahre Element ansahen, in welchem das Wissen einzig gedeihen könne." - Goethe
"Wer nicht gewahr werden kann, dass ein Fall oft Tausende Wert ist, und sie alle in sich schließt, wer nicht das zu fassen und zu ehren imstande ist, was wir Urphänomene genannt haben, der wird weder sich noch andern jemals etwas zur Freude und zum Nutzen fördern können." - Goethe
Im Gegensatz zu den Methoden der heutigen Wissenschaftlern, brachte Leibnitz ein Insekt, welches er durch ein Mikroskop betrachtet hatte, schonend wieder auf sein Blatt zurück, weil er sich durch seinen Anblick belehrt gefunden hatte. Thomas D. Seeley, Professor an der Cornell University, ist mit seinen Insekten weniger zimperlich umgegangen als Leibnitz oder Goethe. Seeley orientiert sich an Francis Bacon, Cartesius und seinen Methoden. Um die Größe der Nester von Wildbienen in hohlen Bäumen zu studieren, tötete er 18 Bienenvölker in ihren Nestern ab. Nachher wunderte er sich noch, dass der Honig dieser Bienenvölker verseucht war. Letztlich hatte er nur herausgefunden, was vorher schon längst bekannt war - nicht zuletzt durch Untersuchungen des Zentrums für wesensgemäße Bienenhaltung.  Seeley denkt ähnlich wie Cartesius (1596-1650), der meinte, Tiere hätten keine Seele und würden nichts spüren, wenn sie getötet oder gequält würden.  [24]

Auch die Cartesische Farbenlehre ist mechanistisch und wird bereits von Leibniz kritisiert. Descartes spricht von rotierenden "Lichtkügelchen", die je nach Geschwindigkeit in der Empfindung eine bestimmte Farbe erzeugen. Von Christian Huygens, Isaak Vossius und Leibniz wird er beschuldigt, dass er das Gesetz der Lichtbrechung dem W. Snellius entlehnt habe, ohne diesen zu nennen. Nicht besser steht um die Farbenlehre des De la Chambre, den Leibarzt und Hofrat Ludwigs XIV. Er trat als Gegner des Aristoteles und der älteren Philosophie auf und stützt sich vor allem auf die Lehren des Demokrit. Diese Opposition gegen Aristoteles, die in der Wissenschaft immer mehr zunahm, war gleichbedeutend mit dem Einleiten der materialistischen Sichtweise in den Naturwissenschaften - die bis heute andauert (Folgen davon sind die Verseuchung der Lebensmittel durch Pestizide und Gentechnik). De la Chambre behauptet, die Farben seien bloß geschwächte Lichter, nach Goethe sind die Farben nicht bloß geschwächte Lichter, sondern Ergebnisse des lebendigen Zusammenwirkens von Licht und Materie. [25]

"Diese Gesinnung nahm immer mehr überhand, jemehr man sich dem Aristoteles entgegenstellte, der das Licht als ein Accidens, als etwas, das einer bekannten oder verborgenen Substanz begegnen kann, angesehen hatte. Nun wurde man immer geneigter, das Licht wegen seiner ungeheuren Wirkungen nicht als etwas abgeleitetes anzusehen; man schrieb ihm vielmehr eine Substanz zu, man sah es als etwas Ursprüngliches, für sich Bestehendes, Unabhängiges, Unbedingtes an; doch musste diese Substanz, um zu erscheinen, sich materiieren, materiell werden." - Goethe
Ebenso war Robert Boyle (1627-1691) ein Vertreter des Dualismus Geist und Körper, Seele und Leib, Gott und Welt, und damit auch ein Begründer der mechanistischen Vorstellungsart; er war ein Anhänger des Atomismus. Er neigt wie viele seiner Zeitgenossen zur mechanisch-atomistischen Theorie des Lichtes und zu einer mechanischen Auffassung der ganzen Natur. Der Jesuit Honoré Fabri (1607-1688) stand in Korrespondenz mit Descartes, Huygens und auch Leibniz und war generell für wissenschaftliche Naturbeobachtung nach streng mathematischer Methode gegen die Scholastik; er entdeckte den Blutkreislauf. In der Farbenlehre vertrat er eine quantitative Erklärungsart. Dass ein bloß quantitatives Verhältnis von Licht und Nicht-Licht nicht ausreicht, um Farben zu erzeugen, haben Goethe, Hegel und später Schopenhauer hervorgehoben. Der Cartesianer und Leibniz-Kritiker Johann Christoph Sturm (1635-1703) trat 1694 in eine briefliche Kontroverse mit Leibniz über den Substanzbegriff. In der Farbenlehre bringt er nichts neues. "Überall nur Druck und Papier und nirgends Natur" (Goethe). Newton und viele seiner Zeitgenossen emanzipieren sich mit der Naturwissenschaft von der Philosophie. Sie suchen nach Erklärungsprinzipien, die zwar den einseitig materialistisch ausgebildeten Naturforscher, wie er auch heute noch an Universitäten ausgebildet wird, nicht aber den Philosophen, der auf der Basis einer Gesamtanschauung der Erscheinungswelt steht, befriedigen können . [26]
"Als man die teleologische Erklärungsart verbannte, nahm man der Natur den Verstand; man hatte den Mut nicht ihr Vernunft zuzuschreiben und sie blieb zuletzt geistlos liegen. Was man von ihr verlangte, waren technische, mechanische Dienste, und man fand sie zuletzt auch nur in diesem Sinne fasslich und begreiflich." - Goethe
An vielen Universitäten, vor allem aber an englischen Universitäten wurde im 17. Jahrhundert der Cartesianismus in geistloser und formalistischer Weise gepflegt. Die Folge davon war, dass man in der Royal Society nichts pflegte, als die Anhäufung unendlichen Erfahrungsmaterials und sich um leitende Grundsätze nicht kümmerte. Nun entstanden partielle Hypothesen, "die mechanische und machinistische Vorstellungsart gewann die Oberhand, und man glaubte noch immer, wenn man ein Gefolgertes ausgesprochen hatte, dass man den Gegenstand, die Erscheinung ausspreche." (Goethe) Diese Regel- und Formlosigkeit des Forschens ist ist bis heute Vorbild für die Naturwissenschaften, aber auch Geistes- Sozial- und Erziehungswissenschaften. [27]
"Man sieht eine Gesellschaft ernsthafter würdiger Männer, die nach allen Richtungen Streifzüge durch das Feld der Naturwissenschaft vornehmen, und weil sie das Unermessliche desselben anerkennen, ohne Plan und Maßregel darin herumschweifen.  Ihre Sessionen sind öfters Quodlibets, über die man sich des Lächelns, ja des Lachens nicht enthalten kann." Goethe
Isaak Newton (1642-1727), der als Bauernsohn eigentlich Farmer in Kensington werden sollte, studierte am Trinity College in Cambridge. 1669 wurde er Professor und las u.a. Optik. Geothe meinte, man könne nicht aufhören, sich zu wundern, durch welch einen "unglaublichen Fehlschluss sich ein so vorzüglicher Mann nicht allein zu Anfang getäuscht, sondern den Irrtum so bei sich festwurzeln lassen, dass er wider allen Augenschein, ja wider besser Wissen und Gewissen, in der Folge dabei verharrt und einen ungehörigen Versuch nach dem andern ersonnen, um seine erste Unaufmerksamkeit vor unaufmerksamen Schülern zu verbergen.... Nun haben wir gesehen, dass sein Hauptfehler darin bestanden, dass er jene Fragen, die sich hauptsächlich darauf beziehen: ob äußere Bedingungen bei der Farbenerscheinung mitwirken? zu schnell und übereilt beseitigt und verneint, ohne auf die genaueren Umstände genauer hinzusehen." (Goethe) [28] 
 
 

Kunst und Religion; Goethe/Voltaires Tankred; Tasso 

Fra Giovanni Beato Angelico da Fiesole (1387-1451) lebte in Rom. Von seinen Zeitgenossen wurde die Idealität seiner Gestalten bewundert. "Mit lieblichen zarten Tinten malte der selige Fra Giovanni da Fiesole seine frommen Bilder. Wir finden in denselben zuerst eine allgemeine, im Ganzen herrschende Übereinstimmung. Sie scheint indessen nicht sowohl aus Überlegung entsprossen, oder mit Bewußtsein hervorgebracht, sondern aus der Naturanlage, dem Hang dieses liebenswürdigen Malers zum Lieblichen, Sanften, herzurühren." Goethe 

Jan van Eyck (1385-1440) und sein Bruder Hubert van Eyck sind die Begründer der flandrischen Malerschule und die ersten Maler in Öl. Andrea del Verrocchio (1432-1488), unterrichtete Pietro Perugino (1446-1521), den Lehrer Raphaels. 

"Werfen wir nun abermals einen Blick auf die florentinische Malerschule, so sehen wir dort, vom Andrea Verrocchio unterrichtet den Pietro Perugino hervorgehen, der zwar ebenfalls dem alten strengen Stil noch anhing, aber mit blühenderen zarteren Farben malte als irgend einer seiner Vorgänger." Goethe
Tiziano Vecellio (1477-1576) war gleichbedeutend in der Historien-, Landschafts- und Portraitmalerei; er verband Idealität der Auffassung mit großer Beherrschung der ästhetischen Gesetzlichkeit. "Giogio Barbarelli da Castel Franco, genannt Giorgione, ein Zögling Giovan Bellini, bediente sich bei eben so kräftigen Schatten, noch glühenderer Tinten, und hatte es so weit gebracht, dass für den gleich auf ihn folgenden, von demselben Lehrer unterrichteten Tiziano Vecelli kaum noch ein kleiner Schritt zu tun übrig blieb, um sich zur höchsten und bekannten Vortrefflichkeit des Kolorits zu erheben." Goethe
"Auf die Wahrheit ihrer Farbenmischung nun hatten die Meister der venezianischen Malerschule ihr Hauptaugenmerk gerichtet, und darin angezeigtermaßen einen sehr hohen Grad erreicht; ja Tizian ist vielleicht in diesem Stück für vollkommen und unübertrefflich zu halten.." Goethe
Antonio Allegri da Correggio wurde 1494 in Correggio geboren. 1534 starb er dort auch. Die Bedeutung seiner Malereien liegt in der tiefen Empfindung und der bis ins Einzelne gehenden Lebendigkeit, die der Künstler in seine Werke zu legen wusste.
"Bei keinem Maler findet man daher so sanfte Übergänge vom Licht zum Schatten, so reingehaltene Massen, so durchsichtige klare Schattenpartieen, keiner hat die Widerscheine so genau beobachtet, und ferner scheint er uns der erste gewesen zu sein, welcher auf die Harmonie des Ganzen durch künstliches Nebeneinanderstellen und Entgegensetzen der Farben gedacht hat." - Goethe

"Correggio besaß ein zartes und lebhaftes Gefühl für die Harmonie der Farben." - Goethe

Claude Gelée, nach seinem Geburtsort Lorrain genannt (1600-1682) erlangte seine künstlerische Ausbildung in Rom. Man sagte seinen Gemälden nach, dass sie irdische Formen in einem wahrhaft himmlischen Gewande darstellen. Das Fach der Landschaft verehrt "in Claude Lorrain seinen größten Meister, und vorzüglich ist das Kolorit desselben im höchsten Grade heiter, zart und wahrhaft." - Goethe

Wie schon Leibniz, so bemerkte auch Goethe, dass es zu den traurigsten Zeichen unserer Zeit gehöre, die platonische Anschauungsweise in der Philosophie für das Gegenteil einer gesunden Vernunft gelte . Platonismus sei die Überzeugung, dass das Ziel alles Erkenntnisstrebens die Aneignung der die Welt tragenden und deren Grund bildenden Ideen sein müsse. Wer diese Überzeugung in sich nicht erwecken könne, der verstehe die platonische Weltsicht nicht. Die Weltansicht des Aristoteles (384-322 v. Chr.) stehe mit der Platos nicht im Gegensatze. Man kann sagen, fachlich sind die beiden Philosophen der gleichen Ansicht. Aristozeles war ein entschiedener Gegner der Weltansicht, die alles auf eine abstrakte Einheit zurückführen will. Aristoteles erkannte bereits, dass ein Ding nicht dadurch erklärt werden kann, dass man das Eigentümliche, Besondere davon abstreift und nur das hervorhebt, was es mit anderen gemein hat. Dieser letzteren Tendenz entspringen die wissenschaftlichen Theorien, die alle Naturerscheinungen auf nebulose, abstrakte einheitliche Vorgänge wie Wellenbewegung zurückführen wollen.

"Was wär ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
So daß, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt." - 
Johann Wolfgang von Goethe

"Christ ist erstanden
Aus der Verwesung Schoß.
Reißet von Banden
Freudig euch los!
Tätig ihn preisenden,
Liebe beweisenden,
Brüderlich speisenden,
Predigend reisenden,
Wonne verheißenden
Euch ist der Meister nah,
Euch ist er da!" - Johann Wolfgang von Goethe, Faust I

Goethe sagt, keine heidnische Religion, "die sich auf Furcht gründet, wird unter uns geachtet. ... Alle sogenannten heidnischen Religionen sind von dieser Art, sie mögen übrigens Namen haben, wie sie wollen." Erst eine Religion, die "gegründet auf die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist; wir nennen sie die christliche, weil sich in ihr eine solche Sinnesart am meisten offenbart; es ist ein Letztes wozu die Menschheit gelangen konnte und musste"
"Nun ist aber von einer dritten Religion zu sprechen, gegründet auf  die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist; wir nennen sie die christliche, weil sich in ihr eine solche Sinnesart am meisten offenbart; es ist ein Letztes, wozu die Menschheit gelangen konnte und musste. Aber was gehörte dazu, die Erde nicht allein unter sich liegen zu lassen und sich auf einen höheren Geburtsort zu berufen, sondern auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach und Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen, ja Sünde selbst und Verbrechen nicht als Hindernisse, sondern als Fördernisse des Heiligen zu verehren und liebzugewinnen. Hiervon finden sich freilich Spuren durch alle Zeiten, aber Spur ist nicht Ziel, und da dieses Ziel einmal erreicht ist, so kann die Menschheit nicht wieder zurück, und man darf sagen, dass die christliche Religion, da sie einmal erschienen ist, nicht wieder verschwinden kann, nicht wieder aufgelöst werden mag." - Johann Wolfgang von Goethe
"Das Vermögen, jedes Sinnliche zu veredeln", sagt Goethe, "und den toten Stoff durch Vermählung mit der geistigen Idee zu beleben, ist die sicherste Bürgschaft unseres übersinnlichen Ursprungs." Im Gegensatz zum "Heiligen Geist" gibt es aber auch den abgefallenen "nicht heilenden" Geist; was passiert wäre, wenn das Christentum nicht gekommen wäre, kann man heute an der arabischen Welt studieren: Die weitere Auswirkung des Sündenfalls hätte zum weltweiten Bürgerkrieg, zum Untergang der Menschheit und der ihr angehörenden Welt führen müssen, wenn nicht durch das Mysterium von Golgatha die grosse Heilungstat Gottes geschehen wäre. Durch den Sohn befähigt, kann er die gestörte Harmonie der Welt wiederherstellen, indem er ihr aus der Kraft des Geistes zurückgibt, was sie durch ihn verloren hat. Denn das letzte Ziel ist nicht nur die Erlösung der Menschen, sondern die Heiligung der Kreatur, die Transsubstantiation der Erde. [16] 

Daher gehört der Islam heute weder zu Europa noch zu irgend einem anderen Land - auch nicht zu den Ländern im nahen Osten. Orientalische Dichter haben sich schon immer über Mohammed lustig gemacht. So schreibt Goethe in seinen "Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des West-Östlichen Divans":

"Mahomet habe ihre Sprache und Literatur verdorben, so dass sie sich niemals wieder erholen werde. Der Verwegenste jedoch, ein geistvoller Dichter, war kühn genug zu versichern: alles, was Mahomet gesagt habe, wollte er auch gesagt haben, und besser, ja er sammelte sogar eine Anzahl Sektierer um sich her. Man bezeichnete ihn deshalb mit dem Spottnamen Motanabbi, unter welchem wir ihn kennen, welches so viel heisst als: einer, der gern den Propheten spielen möchte." - Johann Wolfgang von Goethe
Goethe gilt unter Moslems immer als Freund des Islams; das war er aber nicht: für ihn gebührt der christlichen Religion das höchste Lob, "die mahometanische lässt ihren Bekenner nicht aus einer dumpfen Beschränktheit heraus." An anderer Stelle schreibt Goethe:
"Diese Dichtungen geben uns einen hinlänglichen Begriff von der hohen Bildung des Stammes der Koraischiten, aus welchem Mahomet selbst entsprang, ihnen aber eine düstere Religionshülle überwarf und jede Aussicht auf reinere Fortschritte zu verhüllen wusste." - Johann Wolfgang von Goethe
 
In Goethe's Torquato Tasso geht es, ähnlich wie bei Hölderlin, auch darum das Schicksal der Christenheit im Kampf mit den Sarazenen und Türken in dichterischer Form darzustellen: 
 
"Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,
Ist ein Barbar, er sei auch wer er sei" (Goethe)

"Gut! wenn du willst: der hohe Sinn des Papsts.
Er sieht das Kleine klein, das Große groß.
Damit er einer Welt gebiete, gibt
Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach.
Das Streifchen Land, das er dir überlässt,
Weiß er, wie deine Freundschaft, wohl zu schätzen.
Italien soll ruhig sein, er will
In seiner Nähe Freunde sehen, Friede
Bei seinen Grenzen halten, dass die Macht
Der Christenheit, die er gewaltig lenkt,
Die Türken da, die Ketzer dort vertilge." (Goethe)

"Lass mein Gedicht aus jeder Stanze sprechen:
Was ich gewollt ist löblich, wenn das Ziel
Auch meinen Kräften unerreichbar blieb.
An Fleiß und Mühe hat es nicht gefehlt.
Der heitre Wandel mancher schönen Tage,
Der stille Raum so mancher tiefen Nächte,
War einzig diesem frommen Lied geweiht.
Bescheiden hofft' ich jenen großen Meistern
Der Vorwelt mich zu nahen; kühn gesinnt
Zu edlen Taten unsern Zeitgenossen
Aus einem langen Schlaf zu rufen, dann
Vielleicht mit einem edlen Christen-Heere,
Gefahr und Ruhm des heil'gen Kriegs zu teilen.
Und soll mein Lied die besten Männer wecken,
So muss es auch der besten würdig sein.
Alphonsen bin ich schuldig was ich tat,
Nun möcht' ich ihm auch die Vollendung danken".(Goethe)

Goethe und das Christentum

Als Goethe nach Italien ging, suchte er nicht römisches Wesen auf, sondern griechisches Wesen in Italien. Ihn interessierte das Wiederaufleben des Griechentums in der Zeit zwischen Dante (1265-1321) und dem Untergang der florentinischen Freiheit (1530), die man heute Renaissance nennt. Die Zeit der Renaissance, wo Raffael und die anderen Maler und Bildhauer Griechisches wieder aufleben lassen im Römertum. Überall suchte Goethe durch das Römertum hindurch griechische Art und Weise zu erkennen. Wahrhaftig, so zusammenwachsen konnten wiederum in der Renaissance Griechentum und Christentum, "dass jetzt die Nachwelt gar nicht mehr unterscheiden kann Griechentum und Christentum in den Schöpfungen der Renaissance." Am deutlichsten wird das an Raffaels "Die Schule von Athen": man kann zweifeln, ob die Mittelfiguren Plato und Aristoteles oder Petrus und Paulus darstellen. Goethe ist quasi ein Fortsetzer dieses Griechentums, ein "Fortsetzer dieses Tempelherrenlebens". Goethe suchte, wie Thomas von Aquin auch, die Urphänomene, die reine, hypothersefreie Betrachtung desjenigen, was die äußeren Naturerscheinungen den Sinnen darbieten. Er interessierte sich nicht für allerlei Hypothesen über die Naturerscheinungen, wie Atomkonstruktionen, Urknall usw. Auch nicht für Theologen, die über naturwissenschaftliche, ethische, ästhetische Weltanschauung oder Lebensgestaltung Vorträge halten. Damals wie heute ähneln sich die Aussagen der Theologen. Ein Theologe sagt zum Beispiel: "Die seelischen Funktionen, welche der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise zugänglich sind, unterliegen einer ebenso strengen Gesetzmäßigkeit wie die körperlichen Vorgänge; und die Empfindungen, die wir haben, sowie die Vorstellungen, die wir bilden, sind uns durch die Natur ebenso gut aufgezwungen wie die Nervenprozesse, die zu Lust- und Unlustempfindungen führen. Sie sind ebenso gut mechanische Vorgänge wie die einer Dampfmaschine." Derartige Theologen, die nichts anderes bringen als einen mit "ungeheirem Pomp vorgebrachten Wortschwall", stehen für die Gedankenlosigkeit der Zeit. So sah Wissenschaft und Bildung damals aus. "So gehen heute die verkrüppelten, verkümmerten, korrumpierten Gedanken von amtlicher Seite, von privilegierter Stelle - denn es ist einer der berühmtesten Theologen der Gegenwart, der so spricht." Heute werden diese Theologen und Pfarrer finanziert durch das Bundesprogramm "Demokratie leben". Unter "interkultureller Woche" verstehen evangelische Pfarrer in der Regel die Ausgrenzung religiöser Minderheiten zugunsten des Islams und eines islamisierten Christentums, zum Beispiel indem auf Arabisch das Gebet "Die 99 schönsten Namen Allahs" gesungen wird. [2] 

Mit der Ausbreitung des Christentums breitete sich auch das römisch-lateinische Wesen über Europa aus. Das Griechentum wurde kaum noch verstanden. Die Folge davon war, dass der oströmische Kaiser Justinian I. (reg. 527-565), der das ganze politisch-juristische Wesen des Römertums kodifizieren kieß im Corpus juris civilis, so dass alles beieinander war, "dass Justinian, der wie eine Inkarnation des römisch-lateinischen Wesens war, trotzdem er drüben im oströmischen Reiche herrschte, dass er es war, der die athenischen Philosophenschulen nun endgültig schloss, auflöste und die griechische Philosophie ertötete, ihren Betrieb nicht mehr gestattete. Er war es, der auch die ursprüngliche freie Entfaltung des christlichen Wesens ertötete, indem er hauptsächlich es bewirkte, dass Origenes, der die Weisheit des Griechentums verbunden hat mit der Tiefe des Christentums" von der Kirche verdammt wurde. Es entstand eine gewisse Erstarrung, "gewissermaßen von Europa ausgehend eine große, eine weitverbreitete Staatsmaschine, die zu gleicher Zeit alles religiöse und alles künstlerische Leben aufgenommen und sie sich unterworfen hätte. Eine große Staatsmaschine, eine Staatsmechanismus, in dem beabsichtigt war von seiten der ahrimanischen Mächte, alle Individualität ersterben zu lassen, so dass ein jeglicher Mensch, ein jegliches Volk nur ein Glied in diesem großen Staatsmechanismus gewesen wäre."Später wurde durch die Scholastiker wie Johannes scotus Eriugena und Thomas von Aquin und die Renaissance griechische Kunst und Philosophie wieder nach Europa gebracht. Mit dazu beigetragen hat der Templerorden. [3] 

Man kann nachweisen, wie "aus Goethes Geist heraus die Krönung der abendländischen Philosophie gewonnen werden kann." Goethes Geist ist so geartet, dass ihm Naturwissenschaft unmittelbar zu religiösem Leben, zu religiösem Wesen wird. Goethe vertiefte sich nicht mit Verstand und Vernunft allein in die Natur; "sondern sein ganzes Herz, seine ganze Seele tauchte tief hinunter in die Naturgeheimnisse, so dass ihm das, was ihm Naturgeheimnis war, zugleich Erdenfreundschaft war. Was im Abendlande von jeher erstrebt worden ist: den Zusammenhang zwischen Menschenseele und Natur wiederzufinden, wie er in Griechenland vorhanden war und wie er der modernen Menschheit verlorengegangen ist - durch Goethes Geistesart ist es zu gewinnen." Mit seiner ganzen Seele taucht Goethe unter in die Tiefen des Seins, wo Wissenschaft zugleich Religion wird, in jene Tiefen, von denen Schiller sagt: [4] 

"Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltentron - Friedrich Schiller
Goethe reichte eine Sittenlehre im Sinne von Kant nicht aus: "Aus der Sittenlehre konnte ich keinen Trost schöpfen. Weder ihre Strenge, wodurch sie unsre Neigung meistern will, noch ihre Gefälligkeit, mit der sie unsre Neigungen zu Tugenden machen möchte, konnte mir genügen"  (Goethe). Europa wurde mehr und mehr in den Abstraktionsprozess hineingetrieben. "Und dieser Abstraktionsprozess ging weiter, ging mit einer gewissen Notwendigkeit weiter und durchdrang wirklich das Abendland. Nur einzelne bedeutsame Geister lehnten sich auf, waren die großen Rebellen gegen den Abstraktizismus. Einer der bedeutsamsten dieser Rebellen war Goethe seiner ganzen Geisteskonstitution nach. Und einer derjenigen, die am meisten verfallen sind dem Abstraktizismus, das ist Kant." Die Naturwissenschaft strebt darauf hin, das Moralische ganz aus ihrer Betrachtungsweise zu beseitigen, und die heutigen Ethiker beginnen sich damit abzufinden, dass ihnen keine wirklichen Kräfte innewohnen. "In Goethe steckte jedoch seiner ganzen Veranlagung nach etwas tief Christliches, etwas viel tiefer Christliches als in sehr vielen solchen Christen, die nach einem bekannten Ausspruche bei jeder Gelegenheit das 'Herr, Herr' auf der Zunge haben." Goethes Weg zum Christentum: "Endlich glaubte ich bei einem Schimmer zu sehen, daß das, was ich suchte, in der Menschwerdung des ewigen Worts, durch das alles und auch wir erschaffen sind, zu suchen sei. Daß der Uranfängliche sich in die Tiefen, in denen wir stecken, die er durchschaut und umfaßt, einstmal als Bewohner begeben habe, durch unser Verhältnis von Stufe zu Stufe, von der Empfängnis und Geburt bis zu dem Grabe, durchgegangen sei, daß er durch diesen sonderbaren Umweg wieder zu den lichten Höhen aufgestiegen, wo wir auch wohnen sollten, um glücklich zu sein: das ward mir, wie in einer dämmernden Ferne, offenbart. O warum müssen wir, um von solchen Dingen zu reden, Bilder gebrauchen, die nur äußere Zustände anzeigen! Wo ist vor ihm etwas Hohes oder Tiefes, etwas Dunkles oder Helles? Wir nur haben ein Oben und Unten, einen Tag und eine Nacht. Und eben darum ist er uns ähnlich geworden, weil wir sonst keinen Teil an ihm haben könnten. Wie können wir aber an dieser unschätzbaren Wohltat teilnehmen? »Durch den Glauben«, antwortet uns die Schrift. Was ist denn Glauben? Die Erzählung einer Begebenheit für wahr halten, was kann mir das helfen? Ich muß mir ihre Wirkungen, ihre Folgen zueignen können. Dieser zueignende Glaube muß ein eigener, dem natürlichen Menschen ungewöhnlicher Zustand des Gemüts sein. »Nun, Allmächtiger! so schenke mir Glauben!« flehte ich einst in dem größten Druck des Herzens. Ich lehnte mich auf einen kleinen Tisch, an dem ich saß, und verbarg mein beträntes Gesicht in meinen Händen. Hier war ich in der Lage, in der man sein muß, wenn Gott auf unser Gebet achten soll, und in der man selten ist. Ja, wer nur schildern könnte, was ich da fühlte! Ein Zug brachte meine Seele nach dem Kreuze hin, an dem Jesus einst erblaßte; ein Zug war es, ich kann es nicht anders nennen, demjenigen völlig gleich, wodurch unsre Seele zu einem abwesenden Geliebten geführt wird, ein Zunahen, das vermutlich viel wesentlicher und wahrhafter ist, als wir vermuten. So nahte meine Seele dem Menschgewordnen und am Kreuz Gestorbenen, und in dem Augenblicke wußte ich, was Glauben war. »Das ist Glauben!« sagte ich und sprang wie halb erschreckt in die Höhe. Ich suchte nun, meiner Empfindung, meines Anschauens gewiß zu werden, und in kurzem war ich überzeugt, daß mein Geist eine Fähigkeit sich aufzuschwingen erhalten habe, die ihm ganz neu war. Bei diesen Empfindungen verlassen uns die Worte. Ich konnte sie ganz deutlich von aller Phantasie unterscheiden; sie waren ganz ohne Phantasie, ohne Bild, und gaben doch ebendie Gewißheit eines Gegenstandes, auf den sie sich bezogen, als die Einbildungskraft, indem sie uns die Züge eines abwesenden Geliebten vormalt. Als das erste Entzücken vorüber war, bemerkte ich, daß mir dieser Zustand der Seele schon vorher bekannt gewesen; allein ich hatte ihn nie in dieser Stärke empfunden. Ich hatte ihn niemals festhalten, nie zu eigen behalten können. Ich glaube überhaupt, daß jede Menschenseele ein und das andere Mal davon etwas empfunden hat. Ohne Zweifel ist er das, was einem jeden lehrt, daß ein Gott ist. Mit dieser mich ehemals von Zeit zu Zeit nur anwandelnden Kraft war ich bisher sehr zufrieden gewesen, und wäre mir nicht durch sonderbare Schickung seit Jahr und Tag die unerwartete Plage widerfahren, wäre nicht dabei mein Können und Vermögen bei mir selbst außer allen Kredit gekommen, so wäre ich vielleicht mit jenem Zustande immer zufrieden geblieben. Nun hatte ich aber seit jenem großen Augenblicke Flügel bekommen. Ich konnte mich über das, was mich vorher bedrohete, aufschwingen, wie ein Vogel singend über den schnellsten Strom ohne Mühe fliegt, vor welchem das Hündchen ängstlich bellend stehenbleibt. Meine Freude war unbeschreiblich, und ob ich gleich niemand etwas davon entdeckte, so merkten doch die Meinigen eine ungewöhnliche Heiterkeit an mir, ohne begreifen zu können, was die Ursache meines Vergnügens wäre. Hätte ich doch immer geschwiegen und die reine Stimmung in meiner Seele zu erhalten gesucht! Hätte ich mich doch nicht durch Umstände verleiten lassen, mit meinem Geheimnisse hervorzutreten! dann hätte ich mir abermals einen großen Umweg ersparen können." (Goethe) [5] 

Zu folgenden Erkenntnissen kamen weder Mohammed und seine Anhänger noch islamische Philosophen wie Averroes, Rumi & Co, sondern nur christliche Dichter und Denker: »Wenn wir uns«, sagte Goethe einmal, »als möglich denken können, daß der Schöpfer der Welt selbst die Gestalt seiner Kreatur angenommen und auf ihre Art und Weise sich eine Zeitlang auf der Welt befunden habe, so muß uns dieses Geschöpf schon unendlich vollkommen erscheinen, weil sich der Schöpfer so innig damit vereinigen konnte. Es muß also in dem Begriff des Menschen kein Widerspruch mit dem Begriff der Gottheit liegen; und wenn wir auch oft eine gewisse Unähnlichkeit und Entfernung von ihr empfinden, so ist es doch um desto mehr unsere Schuldigkeit, nicht immer wie der Advokat des bösen Geistes nur auf die Blößen und Schwächen unserer Natur zu sehen, sondern eher alle Vollkommenheiten aufzusuchen, wodurch wir die Ansprüche unsrer Gottähnlichkeit bestätigen können.« Ich lächelte und versetzte: »Beschämen Sie mich nicht zu sehr, lieber Oheim, durch die Gefälligkeit, in meiner Sprache zu reden! Das, was Sie mir zu sagen haben, ist für mich von so großer Wichtigkeit, daß ich es in Ihrer eigensten Sprache zu hören wünschte, und ich will alsdann, was ich mir davon nicht ganz zueignen kann, schon zu übersetzen suchen.« »Ich werde«, sagte er darauf, »auch auf meine eigenste Weise ohne Veränderung des Tons fortfahren können. Des Menschen größtes Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umstände soviel als möglich bestimmt und sich sowenig als möglich von ihnen bestimmen läßt. Das ganze  Weltwesen liegt vor uns wie ein großer Steinbruch vor dem Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit der größten Ökonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt. Alles außer uns ist nur Element, ja ich darf wohl sagen, auch alles an uns; aber tief in uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu erschaffen vermag, was sein soll, und uns nicht ruhen und rasten läßt, bis wir es außer uns oder an uns, auf eine oder die andere Weise, dargestellt haben. " [6] - Goethe
 
 

II

Goethe in Kassel

Auch Chinesen und Japaner kennen ihren „Erlkönig“ und ihren „Egmont“. Ganze Reisegruppen aus dem Reich der Mitte und dem Land der Morgenröte wallfahren jedes Jahr an den Main, durchstreifen gesittet das rekonstruierte Goethe-Haus, schlüpfen willig in Filzpantoffeln, um das Parkett zu schonen, und kleine Japanerinnen rezitieren kichernd und zwitschernd das „Heideröslein“, derweil im Kaminzimmer das Schreiben mit einer Gänsefeder ausprobiert werden darf. In Frankfurt sind die Spuren des Dichterfürsten allgegenwärtig: mit dem Goethepreis, der Goethestraße, dem Goethehaus und Goethe-Museum, der Goethe-Universität, dem vor dem Wiederaufbau stehenden Goetheturm und der Kulturothek in der neuen Altstadt, die mit literarischen und kulinarischen Kostproben von Goethes Leibspeisen ebenso Gäste anlocken möchte wie die Souvenirshops mit ihren Trinkbechern, Teetassen und Schneekugeln und den T-Shirts. Kassel wiederum bewahrt das Andenken an den Dichterfürsten auf eine ganz spezielle Weise. Johann Wolfgang weilte oft und gern in der nordhessischen Residenzstadt. Er war süchtig nach ihren Kunstschätzen und Schönheiten, schwärmte in seinen Briefen vom Theater und von der Wilhelmshöhe, wo die „Wasser springen“, vom herrlichen Landschaftspark und den „gar köstlichen Gemählden der Bildergallerie und des Schlosses“. In späteren Jahren kam er in Begleitung seines kleinen Sohnes August und nahm Logis im Posthaus am Königsplatz. Aber nicht nur allein zum Flanieren reiste er nach Kassel, sondern auch zum „Shopping“, „denn in „Cassel haben sie die neuesten Waren dort so gut als nirgendwo“. Über die „Schnäppchen“ führte er sorgfältig Buch, und seiner Ehefrau, Christiane Vulpius, kündigte er als Mitbringsel „ein recht zierliches Unterröckgen und einen großen Schaal, nach der neuesten Mode“ an. [29]

In Kassel trägt ein Indischer Elefant als Zusatz den Namen des berühmten Dichters, denn an diesem Dickhäuter machte das Universalgenie Goethe anno 1785 eine derart spektakuläre Entdeckung, dass sich die bis dahin geltende Schöpfungsgeschichte in Frage stellen ließ. Das mächtige Skelett des Tieres steht im ersten Stock des ältesten hessischen Naturkundemuseums, des Ottoneums, und dort ist es eine Attraktion. „Sie haben mir durch Uebersendung des Elephanten Schaedels ein groses Vergnügen gemacht“, teilte Goethe am 9. Juni 1784 dem befreundeten Naturforscher Soemmerring mit, als er die riesige Kiste in Eisenach in Empfang nahm. „Alles ist glücklich angelangt, und ich verwahre ihn in einem kleinen Cabinette, wo ich ihm heimlich die Augenblicke widme, die ich mir abbrechen kann, denn ich darf mir nicht anmerken lassen, dass ein solches Ungeheuer sich in’s Haus geschlichen hat.“ Seiner engen Freundin, Frau von Stein, schrieb er begeistert: „Ich habe den Schaedel in meinem Zimmergen versteckt, damit man mich nicht für toll hält. Meine Hauswirthin glaubt, es sey Porzellan in der ungeheuren Kiste.“ Am Kopf dieses asiatischen Elefanten betrieb der vielseitig interessierte Poet vor 230 Jahren seine anatomischen Studien und spürte zu seinem Entzücken den Zwischenkieferknochen auf, den Mensch und Tier gemeinsam haben, der aber vorher noch nie an einem menschlichen Schädel entdeckt worden war. Das Tier war von 1773 bis 1780 im Tierpark des Landgrafen Friedrich II. unterhalb des Weinbergs in Kassel präsentiert worden und war schon bald zum Liebling der Kasseler Bevölkerung avanciert. "Über seine Herkunft weiß man nur, dass das Jungtier, als Hochzeitsgeschenk des Hauses Oranien an Friedrich II., vermutlich aus Indien oder Sri Lanka mit dem Schiff nach Bremen gebracht wurde und von dort auf Weser und Fulda weiter den Weg nach Kassel fand. Obwohl belegt ist, dass bereits Landgraf Philipp anno 1538 ein Löwenpaar erwarb, das am Landgrafenschloss an der Fulda gehalten wurde, stellte ein Urwaldtier auch im 18. Jahrhundert noch eine Sensation dar, und dass ein Elefant darüber hinaus als Sympathieträger galt, wird in der Radierung von Johann Heinrich Tischbein dem Jüngeren deutlich, die ihn kurz nach seiner Ankunft in dem Zoo von Friedrich II. als tapsiges kleines Rüsseltier zeigt, nicht größer als ein Esel. Der Dickhäuter kam in das ehemalige Lusthaus des Prinzen Maximilian, das zur Menagerie umgebaut wurde, „in einen eigenen Saal“, „gut beheizt und gut beleuchtet“, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt, und wohnte dort fortan  mit Kamelen, Schafen, Hirschen und Meerschweinchen zusammen. Einen Elefanten zu halten war allerdings ein recht teures Vergnügen. Um die enormen Futterkosten zu decken (in den Aufzeichnungen ist von jährlich 500 Goldtalern die Rede; für je 50 Pfund Brot und Gelbe Rüben, 24 Pfund Heu und bis zu 20 Eimer Wasser am Tag), musste das Tier im Auepark schwere Bäume schleppen, Wagen ziehen, Gerätschaften transportieren und Lasten tragen." [30]

Kassel war die Stadt des Theaters. Bereits seit dem Mittelalter und der Renaissance gab es, meist von Italien ausgehend, biblische Passionsspiele, die außerhalb der Kirchen mit oft komödiantischen Einlagen stattfanden und bei denen auch Tiere als Akteure eine Rolle spielten – zusammen mit Gauklern, Clowns und Artisten in musikalisch-theatralischen Aktionen oder bei Tierprozessionen. Kassels kleiner Elefant hatte bei Opernaufführungen seine Auftritte, die ihm aber wenig behagt haben sollen. Während die ebenfalls auftretenden Kamele der Regie artig gefolgt seien, habe der Elefant sich mitunter so ungebärdig gezeigt, dass er von der Bühne entfernt werden musste. Zur Freude der Kasseler Kinder aber konnte er einige Kunststücke. So habe er „rechts und links Verbeugungen mit den Vorderknien“ gemacht, wenn man ihm Brot reichte. Sieben Jahre lebte der Elefant in Kassel, dann stürzte er bei einem Festumzug im Jahr 1780 so unglücklich vom Abhang der „Schönen Aussicht“ in die Karlsaue hinab, dass er sich tödlich verletzte. Er war nur neun Jahre alt geworden, fast noch ein Kind, denn Elefanten können 60 Jahre und älter werden. Der Anatom Samuel Thomas Soemmerring im Collegium Carolinum, einem Institut, angesiedelt zwischen einer Ritterakademie und einer Universität, sezierte und präparierte das tote Tier für das Naturalienkabinett des Landgrafen – als erste deutsche Präparation eines Großsäugetieres überhaupt, was in Fachkreisen einiges Aufsehen erregte. [31]

Als Goethe, von einer Harz-Reise kommend, in Kassel Station machte, lernte er den Naturforscher und seine Sammlung kennen und erbat sich den Schädel als Vergleichsobjekt für seine ergänzenden osteologischen Untersuchungen „über den Zwischenkiefer an den Schädeln von Wirbeltieren und Menschen“. Die Forscher jener Zeit bezweifelten, dass es beim Menschen, wie es bei den Wirbeltieren der Fall war, einen Zwischenkieferknochen (oder Kieferbein) gab. Als es Goethe gelang, den Nachweis von dessen Existenz zu erbringen, war das eine "evolutionäre Sensation". Soemmerring erlaubte dem wissbegierigen Dichter sogar, den Schädel mit nach Weimar zu nehmen. Noch lieber hätte Goethe zwar seine Studien an einem Nilpferd betrieben, oder an einem Ameisenbären, aber beide standen gerade nicht zur Verfügung. Im Zeitalter der Aufklärung suchte man allenthalben nach wissenschaftlichen Erklärungen für Naturphänomene und stellte Dinge in Frage. Dieser neue Geist von freiheitlichem Denken hatte auch Johann Wolfgang von Goethe ergriffen, der im Laufe seines Lebens in Fachgebieten wie Anatomie, Geologie, Mineralogie, Zoologie, Botanik, Optik, Farbenlehre und Physik arbeitete und forschte. Die Entdeckung des Zwischenkieferknochens oder Zwischenkieferbeins „Os intermaxillare“ aber war für den Dichterphilosophen und besessenen Naturwissenschaftler eine einmalige Herausforderung und ein Ereignis „von ganz unglaublichem Werth“. Im Gespräch mit seinem engen Vertrauten Johann Peter Eckermann sagte er: „Ich jubele mit Recht über den endlich erlebten Sieg einer Sache, der ich mein Leben gewidmet habe und die auch ganz vorzüglich die meinige ist, habe ich mich doch seit fünfzig Jahren in dieser Angelegenheit abgemüht.“ Heute ist das ausgebleichte Knochengerüst des Goethe-Elefanten im Kasseler Ottoneum noch immer ein Publikumsmagnet. [32]
 

Goethes „West-Östlicher Divan“ ist eine Liebesgeschichte, nicht für den Islam sondern für seine Geliebte Marianne von Willemer

 
Phaenomen

Wenn zu der Regenwand
Phoebus sich gattet,
Gleich steht ein Bogenrand
Farbig beschattet.
Im Nebel gleichen Kreis
Seh ich gezogen,
Zwar ist der Bogen weiß,
Doch Himmelsbogen.
So sollst du, muntrer Greis,
Dich nicht betrüben,
Sind gleich die Haare weiß,
Doch wirst du lieben.

Im Oktober 1813 nach der Leipziger Völkerschlacht war der Krieg auf deutschem Boden endlich zu Ende, und Anfang 1814, nach Napoleons Absetzung, konnte man zum ersten Mal nach langer Zeit wieder durch ein sicheres Land reisen. Im Mai 1814 überreichte Cotta Goethe die Hammersche Hafis-Übersetzung, und Tage später bereits fand der sich gezwungen, sich gegenüber dem persischen Sänger „produktiv zu verhalten“, wie er das nannte. Es muss ein wunderbarer Sommer gewesen sein in diesem Jahr 1814, und am 25. Juli brach Goethe zu seiner Reise an Rhein und Main auf, eingeladen von Sulpiz Boisserée, aber gewiss auch mit der Absicht, den lang entbehrten Orten seiner Jugend seinen Besuch abzustatten, in der Hoffnung, die alte Kriegshaut abzulegen und einmal mehr sich eine neue, frische und glänzende zuzulegen. Am Mittag dieses 25. Juli machte er in Gotha im Gasthaus zum Mohren Station, abends gegen 18 Uhr erreichte er Eisenach. Bis vor der Abreise hatte er bereits sieben Gedichte geschrieben, die sich seiner Hafis-Lektüre verdankten. Drei haben dann Eingang in den Divan gefunden. Das erste, entweder in der Kutsche oder am Gasthaustisch in Gotha verfasst, ist das oben zitierte, „Phaenomen“, sozusagen "Goethe unplugged“. [33]

Das Motiv des liebenden Greises kommt auch bei Hafis häufig vor. Goethe schreibt nicht: „Auch dir steht die Liebe noch offen.“ Er schreibt nicht: „Du könntest noch lieben.“ Er schreibt nicht: „Wenn dies und jenes sich ereignete, würdest du lieben.“ Nein, er schreibt: „Doch wirst du lieben.“ Kein Konditionalsatz, kein Konjuktiv, ein Indikativ im Futur. Dies wird passieren. Er weiß noch nicht, wie, er weiß noch nicht, wann, aber er weiß, dass. Das ist keine Hoffnung, das ist ein Vorsatz oder Axiom. "Und es wird doppelt spannend und mysteriös, wenn wir uns nun die gesamte Divan-Geschichte ansehen, wie wir sie kennen: Der „West-Östliche Divan“ verdankt sich ja ganz entscheidend einer der schönsten, rarsten, unvorherbarsten Liebesgeschichten der deutschen Literatur, nämlich dem Austausch Goethes mit Marianne von Willemer." [34]

Ungeachtet aller vermeintlichen koranischen Symbolik und aller Behauptungen, Wein und Liebe seien alles nur Umschreibungen für die Sehnsucht nach dem islamischen Gott (wie es z.B. in frankfurter Ausstellungen behauptet wird), ist klar, dass diese Art von Klassik sich nur aus authentischem Erleben und Fühlen speisen kann und mit dem Islam nichts zu tun hat, den er am Ende des Werkes auch kräftig kritisiert. "Der emphatisch-jugendliche, liebesentzündete und dabei lebenskluge und gebildete Perser sprach Goethe an aus dem Abstand von viertausend Kilometern und fünfhundert Jahren, aber aus der Nähe eines lang entbehrten und lang verglommenen poetischen Feuers."  [35]

Am 28. trifft er in Frankfurt ein und fährt nach einer Nacht sofort Weiter nach Wiesbaden. Dort geschieht am 4. August, während er im Gasthof zum Bären logiert, die erste Begegnung: Er notiert im Tagebuch: „Geheimer Rat Willemer. Dlle. Jung.“ Sehr viel ausführlicher wird er in seinen öffentlichen Aufzeichnungen auch nicht mehr werden. Am 12. September kehrt er von Wiesbaden nach Frankfurt zurück. Am 18. ist er zum ersten Mal bei Willemers auf der Gerbermühle in Oberrad eingeladen. Am 27. September findet ohne jegliche Vorbereitungszeit die Heirat zwischen Willemer und Marianne statt. "Erst ein Jahr später bei Goethes zweitem Besuch wohnt er für mehrere Tage rund um seinen 66.Geburtstag auf der Mühle. Dies wird dann mitsamt dem anschließenden Wiedersehen in Heidelberg die Blütezeit der Hatem-Suleika-Gedichte sein." [36]

Goethe war immer ein Lyriker gewesen, der von Gefühl und Empfindung ausging, er musste verliebt sein, um ein Liebesgedicht schreiben zu können. "Und zwar musste es das gegenwärtige Gefühl sein, das sich Ausdruck verschaffte, nicht etwa die Erinnerung an vergangene Gefühle. Die führt zu Prosa, aber nicht zu Lyrik. Um lyrisch auf Hafis antworten zu können, um überhaupt in die Stimmungslage zu kommen, erfühlen zu können, was den persischen Meister umtrieb, um seine eigenen Schreibfähigkeiten zu dopen, musste auch Goethe wieder brennende Gefühle in sich finden, wachrufen oder schaffen. Am 25. Juli also der Vorsatz zu lieben, knappe zwei Wochen später die erste Begegnung mit dem zukünftigen Objekt dieser Liebe. Was also mag er in jenem Gasthof in Wiesbaden gedacht und empfunden haben, als der alte Freund Willemer da in Begleitung seiner jungen und attraktiven und klugen Pflegetochter und Mätresse vor ihm stand? Was wusste er von ihr? Wohl nicht sehr viel mehr, als was Klatsch und Tratsch ihm zugetragen hatten über die Beziehung, die als ähnlich skandalös galt in der guten Gesellschaft wie seine eigene zu Christiane. Eine ihrer Mutter abgekaufte Tänzerin und Schauspielerin, die als solche allerdings einen Ruf hatte, der wiederum auch bis zu Goethe gedrungen sein mag. Was Goethe jedenfalls sicher wusste, ist, dass Willemer zu den ganz wenigen Leuten gehörte, die Christiane anlässlich ihres Frankfurt-Besuches mit menschlichem Respekt und Freundschaft begegnet waren. Er hatte sie umstandslos bei sich aufgenommen und sie nie, gleich der guten Weimarer Gesellschaft, wie ein Stück Dreck behandelt. Dort im Wiesbadener Gasthof also gute Miene zum unbürgerlichen Spiel zu machen war im Gegenzug eine Frage der Herzenshöflichkeit. Vielleicht ist die entscheidendere Frage auch eher: Was sah Marianne? Ich denke mir: einen Mann, der gestrahlt hat. Von dem das Fluidum einer lebenszugewandten, liebesbereiten oder zumindest flirtbereiten Gestimmtheit ausging. Und es war nicht irgendein Mann, sondern Deutschlands berühmtester Schriftsteller, dem sie in der privilegierten Position als Begleiterin eines seiner raren ausgewiesenen Freunde gegenübertrat. Vielleicht erspürte sie etwas Herausfordendes im Enthusiasmus des Dichters, etwas halb bewusst, halb naiv Erwartungsvolles. Es bestehen fließende Übergänge von einer Gestimmtheit, die nichts Konkretes will und erwartet, aber sich für alles bereit zeigt, zu einem Vorsatz, die Gelegenheit, sobald sie sich bietet und welche es auch sein mag, beim Schopfe zu packen. Aber ein Lebensvorsatz ist eben bei einem Schriftsteller auch ein literarischer Vorsatz. Gelegenheit macht Liebe, sofern man dazu aufgelegt ist. Und ein Schriftsteller, der weiß, dass er nach Jahren der Ruhe einen Ätna in sich zum Ausbruch bringen muss, um entsprechend schreiben zu können, ist dazu aufgelegt. Welche Art von Liebe das ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Natürlich reiste Goethe nicht mit der Absicht, Ehebruch zu begehen, sondern mit der Absicht, ein Gefühl in sich hervorzurufen, um damit und davon schreiben zu können. Das ist eine heikle Konstellation, und ich würde denken, dass es Goethe klar war, dass – da zur Hervorrufung dieses Gefühls zwangsweise ein Mensch, eine Frau vonnöten war – dieser Mensch entweder sehr dumm sein musste, damit er nämlich gar nichts mitbekäme von seiner Katalysatorenrolle, oder aber sehr klug, und dann waren Probleme vorgezeichnet, die man von vornherein auf das notwendige Minimum reduzieren musste. Etwa indem man darauf achtete, dass der Mensch, der nun letztlich diese Liebe in Goethe entfachen würde, gesetzlich und moralisch ebenso gebunden war wie er selbst. Das mag ein Grund dafür gewesen sein, Willemer im Wiesbadener Gasthof, wo der ihn zur Zukunft seines Verhältnisses zu Marianne befragte, zu einer Heirat zu raten. Sobald die besiegelt war und damit die äußeren Formen von Goethes Beziehung zu Marianne als respektvolle Freundschaft zur Gattin eines Freundes geklärt waren, konnte das einzigartige Kunst-Lebens-Spiel beginnen, dessen Früchte wir im „West-Östlichen Divan“ vor uns sehen." [37]

Es war vollkommener Ernst für Marianne, "die Sternstunde ihres Lebens, wie sie selbst bezeugt hat, in der alles, was sie mitbrachte, ihre schwierige Lebensgeschichte, ihre starke und integre Persönlichkeit, ihr künstlerisches Talent, ihre sinnlich-geistige Liebesfähigkeit, ihre endlich gesicherte materielle Existenz, sich vor der orientalischen Folie und am geschützten Freundschaftsort mit dem Genie des anderen vereinte, um in einem literarisch-alchemistischen Prozess das Große Werk zu leisten, das gemeinsame Hohe Lied." Es blieb ja keine ausgebeutete und betrogene Frau zurück in diesem Fall, sondern eine zwar bis in die Grundfesten erschütterte, aber doch eine bereicherte, die die Erfahrung um nichts in der Welt hätte ungeschehen machen wollen. "Und nicht nur eine bereicherte, sondern eben, und das macht die Divan-Liebe ja so unvergleichlich, auch eine bereichernde, die dem Genie selbst schreibend auf Augenhöhe entgegengetreten war und aus deren Feder die populärsten und musikalischsten Verse des Divan stammen." [38]

Anke Bosse, Klagenfurter Germanistin und Kuratorin der Jubiläumsausstellung im Goethe-Haus, gehört zu denen, die meinen Goethe habe sich für vermeintliche koranische Symbolik und Sufi-Mystik interessiert und Sehnsucht nach dem islamischen Gott, was natürlich mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Nach Goethe gehört der Islam heute weder zu Europa noch zu irgend einem anderen Land - auch nicht zu den Ländern im nahen Osten. Nicht nur christliche Dichter und Philosophen wie Petrus Venerabilis und Johannes von Damaskus sondern auch orientalische Dichter haben sich schon immer über Mohammed lustig gemacht. So schreibt Goethe in seinen "Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des West-Östlichen Divans": [39]

"Mahomet habe ihre Sprache und Literatur verdorben, so dass sie sich niemals wieder erholen werde. Der Verwegenste jedoch, ein geistvoller Dichter, war kühn genug zu versichern: alles, was Mahomet gesagt habe, wollte er auch gesagt haben, und besser, ja er sammelte sogar eine Anzahl Sektierer um sich her. Man bezeichnete ihn deshalb mit dem Spottnamen Motanabbi, unter welchem wir ihn kennen, welches so viel heisst als: einer, der gern den Propheten spielen möchte." - Johann Wolfgang von Goethe
Petrus Venerabilis nennt Mohammed in seinen Werken einen "elenden, verruchten und Gottlosen Menschen, einen Schurken und Saukerl," dessen Leben und Lehre "verabscheuungswürdig" sind. Im Islam sieht der hl. Petrus den "Abschaum aller Häresien", einen "Gottlosen und verwerflichen Unsinn" und eine "teuflische Irrlehre", die nur in Zusammenarbeit mit dem Satan von einem Menschen erdichtet werden konnte. [40]

"Schließlich gibt es auch noch die bis heute einflussreiche Irrlehre der Ismaeliten, ein Vorläufer des Antichristen. Sie leitet sich von Ismael her, der dem Abraham von Hagar geboren wurde: Deshalb werden sie Hagarener oder Ismaeliten genannt. Sarazenen aber nennt man sie nach der Etymologie ,Sara-leer’, weil Hagar zu dem Engel gesagt hat: „Sara hat mich leer fortgeschickt. Um beim Volk den Anschein der Gottesfurcht zu erwecken, verbreitete Muhammad zum Schein das Gerücht, vom Himmel sei eine Schrift von Gott auf ihn herabgekommen. Indem er in dem von ihm stammenden Buch einige Lehrsätze aufstellte, die freilich lächerlich sind, lehrte er sie auf diese Weise die Ehrfurcht "vor Gott". Johannes wirft den Muslimen vor: "Den Glauben und eure Schrift habt ihr ohne Zeugen: Denn der sie euch übergab, hat von nirgendwoher einen Beweis, noch lässt sich irgendeiner finden, der vorher über ihn Zeugnis abgelegt hätte. Er empfing die Schrift vielmehr im Schlaf... Woher kommt also eure Märchenerzählung? ... Dieser Muhammad nun hat sich, wie erwähnt, viele absurde Geschichten zusammengefaselt und jeder von ihnen einen Namen gegeben. Z.B. die Sure „Die Frau“: Darin setzt er fest, dass man sich vier reguläre Frauen nehmen darf und dazu Nebenfrauen, soviele man eben neben den vier regulären Frauen als Untergebene unter seiner Tute (Aufsicht) halten kann. Wenn man aber eine entlassen will, so kann man das nach Belieben tun, und sich eine andere nehmen." [41]

Goethe gilt unter Moslems immer als Freund des Islams; das war er aber nicht. Der "Muselmann, der alle Welt bedrängt" (Goethe/Voltaire) ist das Horrorszenario der freien Welt. Für Goethe gebührt der christlichen Religion daher das höchste Lob, "die mahometanische lässt ihren Bekenner nicht aus einer dumpfen Beschränktheit heraus." An anderer Stelle schreibt Goethe: "Diese Dichtungen geben uns einen hinlänglichen Begriff von der hohen Bildung des Stammes der Koraischiten, aus welchem Mahomet selbst entsprang, ihnen aber eine düstere Religionshülle überwarf und jede Aussicht auf reinere Fortschritte zu verhüllen wusste." [42]
 

Goethes weltumspannender Horizont

Frankfurter Ausstellungen über Goethe spiegeln, wie oben gezeigt, immer nur die halbe Wahrheit wieder; daher sollte man sich lieber Ausstellungen in Weimar ansehen. Worum geht es dort? Im Herbst 1805 ereignen sich große Dinge in Europa. Im September bricht der Dritte Koalitionskrieg zwischen Frankreich und seinen Satelliten und einer Allianz von Russland, Großbritannien, Habsburg und Schweden aus. Im Oktober kapituliert ein österreichisches Korps in Ulm vor den Truppen der Grande Armée. Vier Tage später vernichtet ein britisches Geschwader unter Nelson die spanisch-französische Flotte bei Trafalgar. Im November marschiert Napoleon in Wien ein, im Dezember kommt es zur Dreikaiserschlacht bei Austerlitz. Russen und Österreicher werden besiegt, Preußen verzichtet auf den angekündigten Kriegseintritt, Franz II. muss in Pressburg einen demütigenden Frieden schließen. Das Ende des tausendjährigen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist nur noch eine Frage von Monaten. "In Weimar freilich, der Hauptstadt des gleichnamigen sächsischen Herzogtums, geht das Leben einen ruhigeren Gang. Das gesellschaftliche Ereignis des Herbstes ist eine
Vortragsreihe des Geheimrats und Ex-Ministers Goethe für ausgewählte Damen aus dem Umkreis des Weimarer Hofes. Es geht um Elektrizität und Magnetismus, galvanische und optische Phänomene, Gesteine und Gravitation. Nicht weniger als siebenundzwanzig Abendtermine sind bis zum folgenden Frühjahr angesetzt. Charlotte von Schiller, die Witwe des im Mai verstorbenen Dichters und Goethe-Freundes, notiert im Dezember erste Ergebnisse: „Licht giebt Leben, u. Mangel an Licht ist todt. Man könnte sagen, daß Licht ist für unser Auge da, aber ebensogut das Auge ist für das Licht da. Denn das Licht bildet das Auge oder seine Fähigkeit zum Schauen.“ Was haben die Damen bei Goethe erfahren? Das ist eine der Fragen, die den Besucher durch die Ausstellung im Schiller-Museum begleiten, mit der die Klassikstiftung Weimar den zweihundertsiebzigsten Geburtstag des Dichterfürsten begeht. Um sie zu beantworten, haben die Kuratoren die Schubladenschränke von Goethes naturwissenschaftlicher Sammlung geöffnet. Gut vierhundert von 23000 erhaltenen Stücken sind im Anbau des Schillerhauses zu sehen, dazu Gemälde und Drucke, Medienstationen, animierte Bilderbücher („spacebooks“)." [43]

Die Sammlung des Dichters, die zum größeren Teil im sogenannten Steinpavillon am Südende seines Gartens und zum kleineren im Goethehaus selbst verwahrt wird, ist wie viele ihrer Art ein Puzzle aus Unterkollektionen: Mineralien, Fossilien, Pflanzen- und Tierpräparate, Schädel und Prismen, physikalische und chemische Apparate. Die Ausstellung folgt dieser Einteilung, indem sie von den Exponaten zur Erdgeschichte über die botanischen und anthropologischen
Objekte zu den Gerätschaften für naturwissenschaftliche Experimente voranschreitet. So wird sichtbar, "wie weitgespannt, wie weltumspannend Goethes Horizont tatsächlich war. An fast allen wissenschaftlichen Debatten seiner Zeit hat er teilgenommen, sei es der Streit zwischen Neptunisten und Vulkanisten über die Entstehung der Erde oder die Auseinandersetzung zwischen Anhängern des Linnéschen und des von Jussieu begründeten „natürlichen“ Pflanzensystems; und da, wo er selbst nur Beobachter war, ließ er sich ständig die neueste Forschungsliteratur schicken, wie man an einer prächtig illustrierten Ausgabe der „Beiträge zur Entwickelungsgeschichte des Hühnchens im Eye“ von Christian Heinrich Pander sehen kann, dem Mitbegründer der Embryologie. Die Aufnahme in die Gelehrtenrepublik war für Goethe auch ein soziales Bedürfnis, denn nach Schillers Tod zog er sich immer mehr aus der Weimarer Gesellschaft zurück. An deren Stelle trat der fachliche Austausch mit Paläontologen wie Soemmerring und Phrenologen wie Gall. Dabei konnte der Dichter, wenn er eigene Ansichten verteidigte, grob wie ein Bierkutscher sein: Den Geologen Leopold von Buch ließ er 1822 grußlos am Karlsbader Kurbrunnen stehen, nachdem Buch sich als Vulkanist geoutet hatte." [44]

Das sei keine Erfahrung, sondern eine Idee, erklärte Schiller, als Goethe ihm sein Konzept einer „Urpflanze“ vortrug. Dasselbe könnte man über die Farbenlehre sagen, der Goethe vier Jahrzehnte seines Lebens widmete. Die Sammlung zur Farbenlehre ist das wichtigste von Goethes naturwissenschaftlichen Besitztümern, weil sie ganz auf ihren Urheber zugeschnitten ist, und die Weimarer Ausstellung räumt ihr entsprechend breiten Raum ein. Die polychromen Tafeln, Karten, Holzschnitte und Zeichnungen dienen alle einem einzigen Zweck: Sie sollen Goethes Intuition bebildern, dass Farben vom Auge erkannte Realien sind und nicht, wie Newton erkannt hatte, Spaltprodukte des Lichts. [45]

Mit Schiller malte er 1799 eine „Temperamentenrose“ aus, in der Rot dem Tyrannen, Gelb dem Bonvivant und Grün dem Poeten zugeschrieben wird. Anders aber als solche Spielereien sollten die optischen Versuche, die in der Ausstellung nachgestellt werden, nicht nur die Weimarer Hofdamen überzeugen, sondern auch die Gralshüter des Wissens. Das ging schief, und der Zorn über die Zurückweisung verdunkelte Goethes letzte Lebensjahre. Die Ausstellung zeigt davon nichts, sie deutet nur mit ein paar Zitaten – Kurt Eissler sah in der Farbenlehre eine „paranoide Psychose“ am Werk – das Urteil der Nachwelt an. Es ist, als hätte sie Angst, den Dichter zu kränken. Einer, der zu Goethes Lebzeiten nichts gegen dessen Farbtheorie sagte, war Alexander von Humboldt. Eines der schönsten Exponate der Ausstellung ist das Aquarell, das Goethe 1807 zu Humboldts „Geographie der Pflanzen“ malte, noch bevor ihn Humboldts eigene Illustration erreichte. Es zeigt beispielhaft den Unterschied zwischen poetischer und rationaler Naturbetrachtung. Wo Humboldt eine Tabelle bebildert, erzählt Goethe eine Geschichte, mit Horace de Saussure und Humboldt selbst, die einander von den Höhen des Mont Blanc und des Chimborazo zuwinken, und dem Chemiker Gay-Lussac als Ballonfahrer am Himmel. Carl Friedrich von Weizsäcker hat den Dichter gegen die moderne Wissenschaft verteidigt: Sein Licht sei „nicht das des
Leuchtturms, der den Hafen anzeigt, sondern das eines Sterns, der uns auf jeder Reise begleiten wird“. [46]
 
 

Goethe und Lord Byron

»Er ist ein großes Talent, ein geborenes, und die eigentlich poetische Kraft ist mir bei niemand größer vorgekommen als bei ihm. In Auffassung des Äußeren und klarem Durchblick vergangener Zustände ist er ebenso groß als Shakespeare« - Goethe, 1825 

"Ein freundlich Wort kommt eines nach dem andern
Von Süden her und bringt uns frohe Stunden;
Es ruft uns auf, zum Edelsten zu wandern –
Nicht ist der Geist, doch ist der Fuß gebunden.

Wie soll ich dem, den ich so lang begleitet,
Nun etwas Traulichs in die Ferne sagen?
Ihm, der sich selbst im Innersten bestreitet,
Stark angewohnt, das tiefste Weh zu tragen.

Wohl sei ihm doch, wenn er sich selbst empfindet!
Er wage selbst, sich hochbeglückt zu nennen,
Wenn Musenkraft die Schmerzen überwindet;
Und wie ich ihn erkannt, mög er sich kennen." - Johann Wolfgang von Goethe, an Lord Byron

Lord Byron (1788-1824), widmete ihm eines seiner Werke, was ihn ungemein erfreute und schmeichelte; zudem schrieb Goethe den Gedenkaufsatz: "Zum Andenken Byrons" 1824 und verewigte Lord Byron in der Figur des Euphorion in Faust II. Der Dichter setzte in Euphorion dem für Griechenlands Befreiung von der Türkenherrschaft zu Hilfe geeilten, dort in Missolunghi 1824 verstorbenen Lord Byron ein Denkmal. Die Türken und Moslems folgen ihrem Sultan und ihren Paschas, "den entrollten Lügenfahnen / Folgen alle. - Schafsnatur!", nicht jedoch die Griechen und die Philhelenen wie Euphorion alias Lord Byron; er spricht daher die sich befreienden Griechen an, die sich gegen die Unterdrückung durch die ungläubigen Türken, denen nichts heilig ist ausser ihr Lügenprophet, erheben:  "Welche dies Land gebar / Aus Gefahr in Gefahr, / Frei, unbegrenzten Muts, / Verschwendrisch eignen Bluts, / Den nicht zu dämpfenden / Heiligen Sinn – / 
Alle den Kämpfenden / Bring' es Gewinn." [47]

Goethe sagt über Euphorion und Lord Byron in Eckermann's Gespächen mit Goethe 1827: "Ich konnte als Repräsentanten der neuesten poetischen Zeit niemand gebrauchen als ihn, der ohne Frage als das größte Talent des Jahrhunderts anzusehen ist. Und dann Byron ist nicht antik und ist nicht romantisch, sondern er ist wie der gegenwärtige Tag selbst. Einen solchen musste ich haben. Auch passte er übrigens ganz wegen seines unbefriedigten Naturells und seiner kriegerischen Tendenz, woran er in Missolunghi zugrunde ging. Eine Abhandlung über Byron zu schreiben, ist nicht bequem und rätlich, aber gelegentlich ihn zu ehren und auf ihn im einzelnen hinzuweisen, werde ich auch in der Folge nicht unterlassen." Faust und Helena hören Euphorion, auch kriegerisches Hörnerblasen können sie vernehmen, zu dem sich später der Kanonendonner der Neugriechen gesellt: "Und hört ihr donnern auf dem Meere? / Dort widerdonnern Tal um Tal" [48]

Im Gegensatz zu vielen Europäern, die den irregeleiteten Türken gegenüber viel zu nachgiebig waren und es immer noch sind, steht Euphorion bereit, an der Seite der tapferen griechischen Freiheitskämpfer, die Türken aus Griechenland zu vertreiben: "Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen, / In Waffen kommt der Jüngling an; / Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen, / Hat er im Geiste schon getan." Da Europa nur wenig Hilfe leistete und hauptsächlich zusah ("Sollt' ich aus der Ferne schauen? / Nein! ich teile Sorg' und Not"), mussten auch Frauen und Kinder bei der Befreiung helfen: "Wollt ihr unerobert wohnen, / Leicht bewaffnet rasch ins Feld; / Frauen werden Amazonen / Und ein jedes Kind ein Held."  [49]

Schon als Knabe ist Euphorion von "übermächtiger Geisteskraft" und gebärdet sich so, dass er den künftigen Meister verkündet: "Und so regt er sich gebärdend, sich als Knabe schon verkündend / Künftigen Meister alles Schönen, dem die ewigen Melodien / Durch die Glieder sich bewegen; und so werdet ihr ihn hören, / Und so werdet ihr ihn sehn zu einzigster Bewunderung." Die Geisteskraft wird in der Kunst durch die Aureole, den Heiligenschein dargestellt. In der Regieanweisung steht zu Euphorions Tod: "das körperliche verschwindet sogleich, die Aureole steigt wie ein Komet zum Himmel auf, Kleid, Mantel und Lyra bleiben liegen." [50]

Zum Trauergesang zur Verherrlichung Lord Byrons sagt der Dichter zu Eckermann 1827: "Haben Sie bemerkt, der Chor fällt bei dem Trauergesang ganz aus der Rolle. Er ist früher und durchgehend antik gehalten oder verleugnet doch nie seine Mädchennatur, hier aber wird er mit einemmal ernst und hoch reflektierend und spricht Dinge aus, woran er nie gedacht hat und auch nie hat denken können." [51]
 

Euphorion
Immer höher muss ich steigen,
Immer weiter muss ich schaun.
Weiß ich nun, wo ich bin!
Mitten der Insel drin,
Mitten in Pelops' Land,
Erde- wie seeverwandt.

Chor
Magst nicht in Berg und Wald
Friedlich verweilen?
Suchen wir alsobald
Reben in Zeilen,
Reben am Hügelrand,
Feigen und Apfelgold.
Ach in dem holden Land
Bleibe du hold!

Euphorion
Träumt ihr den Friedenstag?
Träume, wer träumen mag.
Krieg! ist das Losungswort.
Sieg! und so klingt es fort.

Chor
Wer im Frieden
Wünschet sich Krieg zurück,
Der ist geschieden
Vom Hoffnungsglück.

Euphorion
Welche dies Land gebar
Aus Gefahr in Gefahr,
Frei, unbegrenzten Muts,
Verschwendrisch eignen Bluts,
Den nicht zu dämpfenden
Heiligen Sinn –
Alle den Kämpfenden
Bring' es Gewinn!

Chor
Seht hinauf, wie hoch gestiegen!
Und er scheint uns doch nicht klein:
Wie im Harnisch, wie zum Siegen,
Wie von Erz und Stahl der Schein.

Euphorion
Keine Wälle, keine Mauern,
Jeder nur sich selbst bewusst;
Feste Burg, um auszudauern,
Ist des Mannes ehrne Brust.
Wollt ihr unerobert wohnen,
Leicht bewaffnet rasch ins Feld;
Frauen werden Amazonen
Und ein jedes Kind ein Held.

Chor
Heilige Poesie,
Himmelan steige sie!
Glänze, der schönste Stern,
Fern und so weiter fern!
Und sie erreicht uns doch
Immer, man hört sie noch,
Vernimmt sie gern.

Euphorion
Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen,
In Waffen kommt der Jüngling an;
Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen,
Hat er im Geiste schon getan.
Nun fort!
Nun dort
Eröffnet sich zum Ruhm die Bahn.

Helena und Faust
Kaum ins Leben eingerufen,
Heitrem Tag gegeben kaum,
Sehnest du von Schwindelstufen
Dich zu schmerzenvollem Raum.
Sind denn wir
Gar nichts dir?
Ist der holde Bund ein Traum?

Euphorion
Und hört ihr donnern auf dem Meere?
Dort widerdonnern Tal um Tal,
In Staub und Wellen, Heer dem Heere,
In Drang um Drang, zu Schmerz und Qual.
Und der Tod
Ist Gebot,
Das versteht sich nun einmal.

Helena, Faust und Chor
Welch Entsetzen! welches Grauen!
Ist der Tod denn dir Gebot?

Euphorion
Sollt' ich aus der Ferne schauen?
Nein! ich teile Sorg' und Not.

Die Vorigen
übermut und Gefahr,
Tödliches Los!

Euphorion
Doch! – und ein Flügelpaar
Faltet sich los!
Dorthin! Ich muss! ich muss!
Gönnt mir den Flug!

Chor
Ikarus! Ikarus!
Jammer genug.

Helena und Faust
Der Freude folgt sogleich
Grimmige Pein.

Euphorions Stimme
Lass mich im düstern Reich,
Mutter, mich nicht allein!

Chor (Trauergesang)
Nicht allein! – wo du auch weilest,
Denn wir glauben dich zu kennen;
Ach! wenn du dem Tag enteilest,
Wird kein Herz von dir sich trennen.
Wüssten wir doch kaum zu klagen,
Neidend singen wir dein Los:
Dir in klar- und trüben Tagen
Lied und Mut war schön und groß.
Ach! zum Erdenglück geboren,
Hoher Ahnen, großer Kraft,
Leider früh dir selbst verloren,
Jugendblüte weggerafft!
Scharfer Blick, die Welt zu schauen,
Mitsinn jedem Herzensdrang,
Liebesglut der besten Frauen
Und ein eigenster Gesang.
Doch du ranntest unaufhaltsam
Frei ins willenlose Netz,
So entzweitest du gewaltsam
dich mit Sitte, mit Gesetz;
Doch zuletzt das höchste Sinnen
Gab dem reinen Mut Gewicht,
Wolltest Herrliches gewinnen,
Aber es gelang dir nicht.
Wem gelingt es? – Trübe Frage,
Der das Schicksal sich vermummt,
Wenn am unglückseligsten Tage
Blutend alles Volk verstummt.
Doch erfrischet neue Lieder,
Steht nicht länger tief gebeugt:
Denn der Boden zeugt sie wieder,
Wie von je er sie gezeugt.

(aus: Goethe, Faust II)
 

Goethes Osteroratorium

In seinem Faust I verwendet Goethe die Anfangsworte eines alten Osterliedes "Christ ist erstanden". Zur Freude für den Menschen, den die Gebrechen menschlicher Schwäche umstrickt hielten. Die zuversichtlich trostkündenden, feierlich ertönenden Worte der Engel können ihren Eindruck auf Faust nicht verfehlen; sie mahnen an eine Welt, aus der er geschieden, in der er sich glücklich gefühlt, die ihm wie ein verlorenes Paradies erscheint. Weder der Urfaust noch das Faustfragment, das im Jahre 1790 erschien, hat diese Osterszene. Ins Christliche umgedichtet ist der Faust mit dieser Osterszene zwischen den Jahren 1790 und 1800. Die Szene erinnert durchaus auch an Bachs Osteroratorium (BWV 249): "Kommt, eilet und laufet", "Saget mir geschwinde", "Es hat mit uns nun keine Not" und seine Osterkantaten (BWV 2-6): "Der Himmel lacht! die Erde jubilieret", "Fürst des Lebens, starker Streiter", "Christ lag in Todesbanden", "Hochgelobter Gottessohn, bleib bei uns, Herr Jesu Christ", "Sie lehren eine falsche List", "Erfreut euch ihr Herzen": [52]

Chor der Engel:

      Christ ist erstanden!
      Freude dem Sterblichen,
      Den die verderblichen,
      Schleichenden, erblichen
      Mängel unwanden.

Faust:

Welch tiefes Summen, welch heller Ton
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon
Des Osterfestes erste Feierstunde?
Ihr Chöre, singt ihr schon den tröstlichen Gesang,
Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
Gewißheit einem neuen Bunde?

Chor der Weiber:

      Mit Spezereien
      Hatten wir ihn gepflegt,
      Wir seine Treuen
      Hatten ihn hingelegt;
      Tücher und Binden
      Reinlich unwanden wir,
      Ach! und wir finden
      Christ nicht mehr hier.

Chor der Engel:

      Christ ist erstanden!
      Selig der Liebende,
      Der die betrübende,
      Heilsam und übende
      Prüfung bestanden.

Faust:

Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne, mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Zu jenen Sphären wag ich nicht zu streben,
Woher die holde Nachricht tönt;
Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuss
Auf mich herab in ernster Sabbatstille;
Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle,
Und ein Gebet war brünstiger Genuss;
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn,
Und unter tausend heißen Tränen
Fühlt ich mir eine Welt entstehn.
Dies Lieb verkündete der Jugend muntre Spiele,
Der Frühlingsfeier freies Glück;
Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!

Chor der Jünger:

      Hat der Begrabene
      Schon sich nach oben,
      Lebend Erhabene,
      Herrlich erhoben;
      Ist er in Werdeluft
      Schaffender Freude nah:
      Ach! an der Erde Brust
      Sind wir zum Leide da.
      Ließ er die Seinen
      Schmachtend uns hier zurück;
      Ach! wir beweinen,
      Meister, dein Glück!

Chor der Engel:

      Christ ist erstanden,
      Aus der Verwesung Schoß.
      Reißet von Banden
      Freudig euch los!
      Tätig ihn preisenden,
      Liebe beweisenden,
      Brüderlich speisenden,
      Predigend reisenden,
      Wonne verheißenden
      Euch ist der Meister nah,
      Euch ist er da!

Goethe, Faust I
 
 

Mahomet

Voltaires "Mahomet der Lügenprophet" wurde in ganz Europa rezipiert und übersetzt, so auch von Johann Wolfgang von Goethe. Voltaire schreibt dazu: "Der Koran lehrt Angst, Hass, Verachtung für Andere, Mord als legitimes Mittel zur Verbreitung und zum Erhalt dieser Satanslehre, er redet die Frauen schlecht, stuft Menschen in Klassen ein, fordert Blut und immer wieder Blut. Doch dass ein Kamelhändler in seinem Nest Aufruhr entfacht, dass er seine Mitbürger glauben machen will, dass er sich mit dem Erzengel Gabriel unterhielte; dass er sich damit brüstet, in den Himmel entrückt worden zu sein und dort einen Teil jenes unverdaulichen Buches der Gewalt und der Unterdrückung empfangen zu haben, das bei jeder Seite den gesunden Menschenverstand erbeben lässt, dass er, um diesem Werke Respekt zu verschaffen, sein Vaterland mit Feuer und Eisen überzieht, dass er Väter erwürgt, Töchter fortschleift, dass er den Geschlagenen die freie Wahl zwischen Tod und seinem Glauben lässt: Das ist nun mit Sicherheit etwas, das kein Mensch entschuldigen oder rechtfertigen kann, es sei denn, er ist als Türke oder andersartiger Muslim auf die Welt gekommen, es sei denn, dieser Aberglaube Islam hat ihm jedes natürliche Licht des menschlichen Verstandes erstickt.” [53] 

Im ersten Aufzug des Trauerspiels in fünf Aufzügen, nach Voltaire von Johann Wolfgang von Goethe wird Mahomet als "Lügenkünstler" oder "trügrisch Ungeheuer" und "Barbar", als "Frevler" und  "Missetäter" bezeichnet. Er spricht vom "Gift des Wahnes", von den "Fesseln Mahomets" und "dem Lärm des Lagers" sowie "der Wüste Schrecknis". Mahomets Markenzeichen sind "Schwert und Trug". [54] 

Der Mohammedanismus oder Islam, wie er sich heute scheinbar harmlos nennt, sei nichts als "falscher Heuchelwahn", damit "Räuberhände sich bereicherten". Nicht Königreiche hat Mahomet gegründet, sondern "Kronen sich erlog". Mahomet, "ein roher Knecht ..., betrügt, durch Heucheldienst und Schwärmerei" und ist "in des Aberglaubens festen Banden." [55] 

"Aus Mekka musst' er als Betrüger flüchten,
Medina nahm ihn als Propheten auf,
Ja, dreißig Nationen beten ihn
Und die Verbrechen an, die wir verwünschen.
Was sag' ich! Selbst in diesen Mauern schleicht
Das Gift des Wahnes. Ein verirrtes Volk,
Berauscht von trübem Feuereifer, gibt
Gewicht den falschen Wundern, breitet
Parteigeist aus und reget innern Sturm.
Man fürchtet und man wünscht sein Heer, man glaubt
Ein Schreckensgott begeistre, treibe, führe
Unwiderstehlich ihn von Sieg zu Sieg.
Zwar sind mit dir die echten Bürger eins;
Doch ihre Zahl ist kleiner als du denkst.
Wo schmeichelt sich die Heuchelei nicht ein?
Und Schwärmerei, die ihren Vorteil kennt?
Zu Neuerungen Lust, ein falscher Eifer, Furcht
Zerstören Mekkas auferregten Kreis.
...
Und diese gäb' ich dem Barbaren wieder?
Du wolltest dass mit solchem edlen Schatz
Die Räuberhände sich bereicherten?
Wie? Da er uns mit Schwert und Trug bekämpft.
...
O wie verblendet sind die Sterblichen,
Wenn sie ein falscher Heuchelwahn betäubt!
Auch mich verlässt hier alles, ihm Altäre,
Dem Frevler, zu errichten, den ich einst
Sein Richter schonte, der, ein Missetäter,
Von hier entfloh und Kronen sich erlog
...
Den Menschen sieh in Mahomet! Gesteh!
Du hobst ihn, du, zu dieser Himmelshöhe.
Des Schwärmens, der Verstellung sei genug!
Lass mit Vernunft uns deinen Meister richten.
Wie zeigt er sich? Er treibt, ein roher Knecht,
Kamele vor sich her, betrügt, durch Heucheldienst
Und Schwärmerei, ein Weib das ihm vertraut.

Und wär' er tugendhaft, er wär' ein Held.
Doch dieser Held ist grausam, ein Verräter;
So schuldig war noch niemals ein Tyrann."  - Voltaire, Mahomet der Lügenprophet, Trauerspiel in fünf Aufzügen, 1742 (Übersetzung von Goethe)

Mahomet charakterisiert sich treffend selbst, besser hätte es auch ein Thomas von Aquin, Nikolaus von Kues oder Johannes von Damaskus nicht tun können, vor allem was seine "Raserei" und "Ehrsucht", seinen Götzen Allah betrifft, der inzwischen sogar von einigen christlichen Bischöfen angebetet wird: "Im glüh'nden Sand, auf rauhen Felsenflächen, / Trag' ich, mit dir, der strengen Lüfte Pein, / Und keiner unsrer Krieger duldet besser / Der Heereszüge tausendfält'ge Not. / Für alles tröstet mich die Liebe. Sie allein, / Sie ist mein Lohn, der Arbeit einz'ger Zweck, / Der Götze dem ich räuchre, ja! mein Gott! / Und diese Leidenschaft sie gleicht der Raserei / Der Ehrsucht, die mich über alles hebt." [56] 

Seine Methode beschreibt Mahomet so: "Das Schwert, der Koran, in der blut'gen Hand, sollt einem jeden Schweigen auferlegen." In der Öffentlichkeit tritt er nicht "als Mensch" auf, und "ohne Hinterhalt" geht gar nichts. Er sagt: "Mich treibt die Ehrsucht." [57]

Mahomet wird nicht nur in diesem Trauerspiel eine höhere Legitimation abgesprochen, schon von Anfang an war klar, dass die Inspiration nicht göttlichen Ursprungs war: "Wer erteilte dir das Recht zu lehren, uns die Zukunft zu verkündigen, das Rauchfass zu ergreifen und das Reich dir anzumaßen." [58]

"Mahomet: 
Omar, dir ist nicht verborgen,
Wie Eine Leidenschaft die übrigen,
Die in mir glühen, mit Gewalt beherrscht.
Von Sorge für die Welt belastet, rings umgeben
Vom Sturm des Krieges, der Parteien Woge,
Schwing' ich das Rauchfass, führ' ich Szepter, Waffen;
Mein Leben ist ein Streit, und mäßig, nüchtern,
Bezwing' ich die Natur mit Ernst und Strenge.
Verbannt ist der verräterische Trank,
Der Sterbliche zu heben scheint und schwächt.
Im glüh'nden Sand, auf rauhen Felsenflächen,
Trag' ich, mit dir, der strengen Lüfte Pein,
Und keiner unsrer Krieger duldet besser
Der Heereszüge tausendfält'ge Not.
Für alles tröstet mich die Liebe. Sie allein,
Sie ist mein Lohn, der Arbeit einz'ger Zweck,
Der Götze dem ich räuchre, ja! mein Gott!
Und diese Leidenschaft sie gleicht der Raserei
Der Ehrsucht, die mich über alles hebt.
...
Spräch' ich mit einem andern als mit dir,
So sollte nur der Gott der mich begeistert reden.
Das Schwert, der Koran, in der blut'gen Hand,
Sollt einem jeden Schweigen auferlegen.
Wie Donnerschläge wirkte meine Stimme,
Und ihre Stirnen säh' ich tief im Staub.
Doch dich behandl' ich anders, und mit dir
Sprech' ich als Mensch und ohne Hinterhalt.
Ich fühle mich so groß, dass ich dir nicht
Zu heucheln brauche. Wir sind hier allein!
Du sollst mich kennen lernen; höre mich.
Mich treibt die Ehrsucht; jeden Menschen treibt sie;
Doch niemals hat ein König, nie ein Priester,
Ein Feldherr, oder Bürger solchen Plan
Wie ich empfangen, oder ausgebildet.
Von mir geht eine rasche Wirkung aus,
Die auch den Meinen hohes Glück verspricht.
Wie manches Volk hat auf der Erde schon
Geglänzt an seiner Stelle, durch Gesetz,
Durch Künste, doch besonders durch den Krieg.
Nun endlich tritt Arabien hervor."  - Voltaire, Mahomet der Lügenprophet, Trauerspiel in fünf Aufzügen, 1742 (Übersetzung von Goethe) II

"Nach deinem Willen,
Die Welt zu modeln, willst, mit Mord und Schrecken,
Dem Menschen deine Denkart anbefehlen;
Und du, Verheerer, sprichst von Unterricht!
Ach! wenn ein Irrtum uns verführte, wenn
Ein Lügengeist im Dunkeln uns bezwang,
Mit welcher Schreckensfackel dringst du ein,
Uns zu erleuchten! Wer erteilte dir
Das Recht zu lehren, uns die Zukunft zu
Verkündigen, das Rauchfass zu ergreifen und
Das Reich dir anzumaßen?"  - Voltaire, Mahomet der Lügenprophet, Trauerspiel in fünf Aufzügen, 1742 (Übersetzung von Goethe) II

Durch die Teufeleien des Mohammedanismus, insbesondere die Schwurformeln, werden der Geist der Menschen manipuliert und paralysiert: "Hast du mit Schwüren seinen Geist gebunden? ... Der heiligen Gebräuche finstre Schrecken, / 
Verschlossne Pforten, ungewisses Licht, / Ein dumpfer Schwur, der ew'ge Strafen droht, / Umfingen seinen Sinn." [59] 

Mahomet gaukelt den Menschen vor, "dass nur die Muselmannen tugendhaft" seien, und zwingt ihnen seinen Wahn auf; doch wer "den freien Blick empor" hebt, merkt schnell dass Allah kein Gott ist. ("Ist das ein Gott, der Hass gebietet?")
[60] 

Die vernünftigen Mohammedaner kommen irgendwann zur Einsicht, dass sie von Mahomet missbraucht worden sind und verlassen den Islam wieder: "Zu schrecklichen Geheimnissen, Verrat und Kinderraub, missbraucht mich Mahomet, und nun bestraft mich er, der mich verführte." [61] 

"Mahomet
Hast du mit Schwüren seinen Geist gebunden?

Omar
Der heiligen Gebräuche finstre Schrecken,
Verschlossne Pforten, ungewisses Licht,
Ein dumpfer Schwur, der ew'ge Strafen droht,
Umfingen seinen Sinn."  - Voltaire, Mahomet der Lügenprophet, Trauerspiel in fünf Aufzügen, 1742 (Übersetzung von Goethe) III
...
"Mein Sohn
In welchem tiefen Irrtum wandelst du?
Betäubte so die Lehre des Tyrannen
Den guten, den natürlich reinen Sinn,
dass nur die Muselmannen tugendhaft
Und alle Menschen dir Verbrecher scheinen?
So missgebildet hat zur Grausamkeit
Der Wahn dich schon, dass, ohne mich zu kennen
Du mir, als einem Sohn des Greuels, fluchtest?
Verzeihen kann ich solchen Irrtum dir,
Er ist nicht dein, er ist dir aufgezwungen;
Doch hebe selbst den freien Blick empor
Und sprich: ist das ein Gott, der Hass gebietet?" - Voltaire, Mahomet der Lügenprophet, Trauerspiel in fünf Aufzügen, 1742 (Übersetzung von Goethe) III

"Zu schrecklichen Geheimnissen, Verrat
Und Kinderraub, missbraucht mich Mahomet,
Und nun bestraft mich er, der mich verführte." - Voltaire, Mahomet der Lügenprophet, Trauerspiel in fünf Aufzügen, 1742 (Übersetzung von Goethe) IV
 
 

Tancred

Der Schauplatz ist in und bei Syrakus. Die Zeit der Handlung fällt in das Jahr 1005. Die afrikanisch-muslimsichen Sarazenen hatten, im neunten Jahrhundert, ganz Sizilien erobert. Da Syrakus ihr Joch abschüttelte, behielten sie Palermo und Girgenti. Die griechisch-byzantinischen Kaiser besaßen Messina. Es treten auf Tancred, Ritter, aus einer verbannten syrakusanischen Familie, in Byzanz erzogen, Arsir, Ältester des Ritterchors von Syrakus, Ritter von Syrakus: Orbassan,    Loredan, Roderich, Aldamon (Soldat), Amenaide, Tochter Arsirs, Euphanie, ihre Freundin, Mehrere Ritter, als Glieder des hohen Rats Knappen, Soldaten, Volk. Es geht darum "Syrakus die Freiheit zu verschaffen", denn "Solamir, der Maure,
Beherrschet Agrigent und Ennas Flur, bis zu des Ätna fruchtbeglücktem Fuß" und droht "Knechtschaft unsrer Stadt". Der Augenblick ist günstig und soll genutzt werden: "Der Muselmannen Größe neigt sich schon, / Europa lernet weniger sie fürchten. / Uns lehrt in Frankreich Karl Martell, Pelag / In Spanien, der heil'ge Vater selbst, / Leo der Große, lehrt, mit festem Mut, / Wie dieses kühne Volk zu dämpfen sei." [62] 

Die Muslemänner (Muslime) auf Sizilien gehen ihrem Geschäft nach, wie man es sogar vom heutigen türkischen Präsident noch kennt: Verräter besolden, Friedensverträge abschließen, während man zum Krieg rüstet, durch Pseudowissenschaft und Geschichtsklitterung die Menschen beschwatzen, Frauen verführen etc. : "Welch ein Verdruss für uns dass Solamir, / Als Muselmann, in dieser Christeninsel, / Ja selbst in dieser Stadt Verräter soldet, / Uns Friede bietet wenn er Krieg bereitet, / Um uns zu stürzen, uns zu trennen sucht." [63] 
 

"Welch ein Verdruss für uns dass Solamir,
Als Muselmann, in dieser Christeninsel,
Ja selbst in dieser Stadt Verräter soldet,
Uns Friede bietet wenn er Krieg bereitet,
Um uns zu stürzen, uns zu trennen sucht.
Wie Mancher von den Unsern ließ sich nicht
Durch Wissenschaft und Kunst betören, die
Der Araber uns zu entkräften bringt.
Am meisten aber, dass ich nichts verschweige,
Neigt sich der Frauen leicht verführt Geschlecht
Den Lockungen des fremden Glanzes zu.
An Solamir und seinen Edlen schätzt
Ein weiblich Auge, lüstern, manchen Reiz,
Des Morgenlandes auserles'ne Pracht
In Kleid und Schmuck, Gewandtheit der Gestalt,
Der Neigung Feuer und der Werbung Kühnheit;
Indes wir der gerechten Sache nur,
Dem Wohl des Staates, Sinn und Arme widmen,
Und Kunstgewerbe ritterlich verschmähn.
Im Siege mag sich unsre Kunst enthüllen;
Mir trau' ich viel, euch trau' ich alles zu.
Besonders aber laßt, gerecht und streng,
Uns gegen der Verräter Tücke wachen;
Ein Einziger zerstöret, leicht und schnell,
Was viele tausend Redliche gebaut.
Und wenn ein Solcher des Gesetzes nicht
Des Unglücks, das er stiftet, nicht gedenkt;
So lasst, wenn er entdeckt ist, im Gericht,
Uns nicht an Gnade, nicht an Milde denken.
Und Syrakus liegt sicher hinter uns,
Wenn wir uns Solamir entgegen stürzen." - Johann Wolfgang von Goethe, Tancred. Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire I


Goethe, Voltaire, Victor Hugo und Shelley beschreiben den "Muselmann, der alle Welt bedrängt", wie er Frauen verführt, Verräter rekrutiert,  und seine "Gabe zu gefallen, zu betrügen, Geister zu fesseln, Augen zu verblenden." Man musste auf der Hut sein: "Besonders aber lasst, gerecht und streng, uns gegen der Verräter Tücke wachen. " [64] 
 

"Oft hat Sicilien und Griechenland
An seinen Bürgerinnen das erlebt,
Dass sie der Ehre, dass dem Christennamen,
Dass den Gesetzen sie entsagt und sich
Dem Muselmann, der alle Welt bedrängt,
Im wilden Feuer, lüstern, hingegeben;

Wir alle kennen Solamirs Beginnen,
Wir kennen seine Hoffnung, seine Liebe,
Die Gabe zu gefallen, zu betrügen,
Geister zu fesseln, Augen zu verblenden." - Johann Wolfgang von Goethe, Tancred. Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire II


Der Held Tancred kennt "der Griechen Städte" und "der Mauren Lager"; nun kommt er in seine undankbare Heimat Sizilien zurück und will helfen es von den Mauren zu befreien. Er beklagt den Parteigeist, der "flammend waltet". Er hat gegen die Muslime gekämpft, doch überall begenet ihm Verleumdung: "Von Staat zu Staat bewies ich meinen Mut und überall umgrins'te mich der Neid. Verleumdung überall haucht schadenfroh in Republiken wie an Königshöfen aus unbestraften Lippen ihr Gift." [65] 
 

"Tancred: Es wird gelingen! Ja! Ein gut Geschick,
Das mich geleitet, mich zu der Geliebten
Nach mancher schweren Prüfung wieder bringt,
Das immer seine Gunst der wahren Liebe,
Der wahren Ehre göttlich zugekehrt,
Das in der Mauren Lager mich geführt,
Das in der Griechen Städte mich gebracht;
Im Vaterlande wird's den Übermut
Der Feinde dämpfen, meine Rechte schützen.
Mich liebt Amenaide. Ja, ihr Herz
Ist mir ein zuverläss'ger Bürge, dass
Ich keine Schmach hier zu befürchten habe.
Aus kaiserlichem Lager, aus Illyrien,
Komm' ich ins Vaterland ins undankbare,
Ins vielgeliebte Land, um ihretwillen.
Ankomm' ich und ihr Vater sollte sie
An einen andern eben jetzt versagen?
Und sie verließe, sie verriete mich?
...
Welch einen Namen nennst du?
Um Solamir? der schon sich in Byzanz
Um sie bemüht, den sie verschmäht, dem sie
Mich vorgezogen? Nein! Es ist unmöglich!
Nicht hat sie meiner, nicht des Eids vergessen.
Unfähig ist die schönste Frauenseele
Solch einer Tat.
...
Vernimm! ich kenne nur zu sehr des Neides
Und der Verleumdung lügnerischen Trug;
Kein edles Herz entgehet ihrer Tücke.
Von Kindheit an im Unglück auferzogen,
Verfolgt, geprüft, ich selbst mein eigen Werk,
Von Staat zu Staat bewies ich meinen Mut
Und überall umgrins'te mich der Neid.
Verleumdung überall haucht schadenfroh
In Republiken wie an Königshöfen
Aus unbestraften Lippen ihr Gift.
Wie lange hat Arsir durch sie gelitten!
Das Ungeheuer ras't in Syrakus,
Und wo ist seine Wut unbändiger,
Als da wo der Parteigeist flammend waltet.
Du auch, Amenaide! großes Herz!
Auch du wirst angeklagt! Hinein sogleich!
Ich will sie sehen, hören, mich entwirren." - Johann Wolfgang von Goethe, Tancred. Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire III


Aller Parteigeist soll vergessen werden, denn es geht darum, das Christentum zu verteidigen und die ungläubigen Moslems aus Sizilien herauszuwerfen: "Die Scharen der Ungläub'gen sind gerüstet. Verteidige mit uns Religion, Gesetz und Freiheit, jenes hohe Recht, sich selbst Gesetz zu geben." [66] 

Der Muselmann soll vernichtet werden, nicht nur weil er eine Christin als Pfand gefordert hatte: "Schon in Byzanz hat Solamir für sie, ich wußt' es wohl, geglüht; auch hier, vernehm' ich, hat seine Leidenschaft ihn angetrieben, sich, einem Muselmann, der Christin Hand, vom Vater, als des Feindes Pfand, zu fordern." [67] 
 

"Loredan
Bleib unbekannt, weil du es so begehrst,
Und lass, durch nützliche, erhabne Taten,
Uns deinen Mut zum Heil des Staates kennen!
Die Scharen der Ungläub'gen sind gerüstet.
Verteidige mit uns Religion,
Gesetz und Freiheit, jenes hohe Recht,
Sich selbst Gesetz zu geben. 
...
Tancred 
Wie ich versprochen, will ich alsobald
Euch in das Feld begleiten. Solamir
Befeindet mich vielleicht weit mehr als euch;
Ich hass' ihn mehr als ihr. Doch, wie ihm sei,
Zu diesem neuen Kampf bin ich bereitet.

Roderich 
Wir hoffen viel von solchem hohen Mut;
Doch wird auch Syrakus dich und sich selbst
Durch seine Dankbarkeit zu ehren wissen." - Johann Wolfgang von Goethe, Tancred. Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire IV


Im fünfter Aufzug ist der Islam auf Sizilien besiegt: Fels und Wald, im Hintergrund eine Aussicht auf den Ätna. "Soldaten, welche beschäftigt sind, aus Sarazenischer Beute Trophäen aufzustellen. Volk, von verschiedenem Geschlecht und Alter, das sich hinzudrängt. Zu ihnen Ritter und Knappen." In Goethe's Übersetzung des Tancred von Voltaire geht es um das Schicksal der Christenheit im Kampf mit den muslimischen Sarazenen und Türken. Es geht nach Voltaire und Shelley immer darum, das muslimische Joch abzuschütteln, so wie es später die Griechen erfolgreich getan hatten und so ein Vorbild für andere (noch) muslimische Staaten sein können: "Errichtet Siegeszeichen auf dem Platze, Wo diese Wundertaten euch befreit, Und schmücket, fromm, die heiligen Altäre Mit der Ungläub'gen besten Schätzen aus. O! möge doch die ganze Welt von uns, Wie man sein letztes Gut verteidigt, lernen! O möge Spanien, aus seinem Druck, Italien, aus seiner Asche blicken! Ägypten, das zertretne, Syrien, Das fesseltragende".  [68] 

Im Tankred beschreibt Voltaire wie die Welt von Sizilien lernen kann, wie man den Islam ("Glaubensfeind") bekämpft und das Siegeszeichen, das christliche Kreuz, die heilige Dreifaltigkeit, die Madonna mit Kind, aufrichtet und die Zeichen der Moslems (Halbmond, Allah-Schriftzeichen) verbietet, wie ja auch Zeichen anderer Terrororganisationen verboten sind: "Erhebt das Herz in freudigem Gesang / Und Weihrauch lasst dem Gott der Siege wallen! / Ihm, der für uns gestritten, unsern Arm / Mit Kraft gerüstet, sei allein der Dank! / Er hat die Schlingen, hat das Netz zerrissen, / Mit denen uns der Glaubensfeind umstellt. / Wenn dieser hundert überwundne Völker, / Mit ehrnem Stab, tyrannisch niederdrückt; / So gab der Herr ihn heut' in unsre Hand. / Errichtet Siegeszeichen auf dem Platze, / Wo diese Wundertaten euch befreit, / Und schmücket, fromm, die heiligen Altäre / Mit der Ungläub'gen besten Schätzen aus. / O! möge doch die ganze Welt von uns, / Wie man sein letztes Gut verteidigt, lernen! / O möge Spanien, aus seinem Druck, / Italien, aus seiner Asche blicken! / Ägypten, das zertretne, Syrien, / Das fesseltragende, nun auch / Zum Herren, der uns rettete, sich wenden!" [69]

 
"Loredan 
Erhebt das Herz in freudigem Gesang
Und Weihrauch laßt dem Gott der Siege wallen!
Ihm, der für uns gestritten, unsern Arm
Mit Kraft gerüstet, sei allein der Dank!
Er hat die Schlingen, hat das Netz zerrissen,
Mit denen uns der Glaubensfeind umstellt.
Wenn dieser hundert überwundne Völker,
Mit ehrnem Stab, tyrannisch niederdrückt;
So gab der Herr ihn heut' in unsre Hand.
Errichtet Siegeszeichen auf dem Platze,
Wo diese Wundertaten euch befreit,
Und schmücket, fromm, die heiligen Altäre
Mit der Ungläub'gen besten Schätzen aus.
O! möge doch die ganze Welt von uns,
Wie man sein letztes Gut verteidigt, lernen!
O möge Spanien, aus seinem Druck,
Italien, aus seiner Asche blicken!
Ägypten, das zertretne, Syrien,
Das fesseltragende, nun auch
Zum Herren, der uns rettete, sich wenden!
Doch im Triumphe laßt uns nicht Arsirs
Und seiner Vaterschmerzen nicht vergessen!
O dass auch ihm das allgemeine Glück
In seines Hauses Jammer Tröstung bringe!
Und nun, wo ist der Ritter, der für uns,
Wie alle rühmen, diesen Sieg erfocht?
Hat ein Triumph so wenig Reiz für ihn?
Und könnt' er uns des Neids verdächtig halten?
Wir sind geprüft genug, ein fremd Verdienst
In seinem vollen Werte zu verehren.

Euphanie 
Teilet Freud' und Jubel!
Empfindet, mehr als wir, ein Wunderglück!
Tancred hat abermals gesiegt, den Rest
Auf ihn vereinter Flüchtiger zerstreut.
Und Solamir, von seiner Hand getötet,
Liegt nun, als Opfer des bedrängten Staats,
Als Pfand zukünft'ger Siege, zur Entsühnung
Gekränkter Frauenehre hingestreckt.
Wie schnell verbreitet sich der Ruf umher!
Wie freudetrunken fliegt das Volk ihm zu,
Und nennt ihn seinen Helden, seinen Schutz;
Des Thrones würdig preis't man seine Taten.
Ein Einziger von unsern Kriegern war,
Auf diesen Ehrenwegen, sein Begleiter:
Der Aldamon, der unter dir gedient,
Errang sich einen Teil an diesem Ruhm.
Und als zuletzt noch unsre Ritter sich,
Mit Ungestüm, zum Platz des Kampfes stürzten,
War alles längst getan, der Sieg entschieden.
(In der Ferne Siegsgesang)
Vernehmt ihr jener Stimmen Hochgesang?
Die über alle Helden seines Stammes,
Ihn über Roland, über Tristan heben.
Ihm reichen tausend Hände Kranz um Kranz.
Welch ein Triumph der dich und ihn verklärt!
O teile, komm! den herrlichen Triumph;
Du hast ihn längst verdient und längst vermisst.
Dir lächelt alles nun und jeder schämt
Sich jener Schmach, mit der er dich verletzt.
Tancred ist dein, ergreife den Besitz!" - Johann Wolfgang von Goethe, Tancred. Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire V
 

Neugriechische Heldenlieder, Goethe als Philhelene und Freund der Reconquista

Wie zum Beispiel Johann Ludwig Wilhelm Müller, Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin I-II, Johann Ludwig Tieck, Adelbert von Chamisso,  Victor Hugo, Lord Byron un8 Percy Bysshe Shelly ist auch Goethe als Philhelene hervorgetreten. Er hat nicht nur z.B. die Iphigenie geschrieben oder Lord Byron als Euphorion im Faust verewigt, sondern auch eigene Gedichte, wie die neugriechischen Heldenlieder, zum Thema verfasst. [70]

In diesen Haldenliedern beschreibt Goethe die griechischen Widerstandskämpfer wie sie gegen die islamisch-türkische Besatzung vorgehen. Obwohl Griechenland und andere osteuropäische Länder durch Türken verseucht sind und die "Gefilde Türkisch worden", wird man "Keines Pascha's" achten; lieber lebt man frei mit wilden Tieren als mit Türken: "Eh' als mit den Türken leben, / Lieber mit den wilden Tieren!" [71]

Auf den griechischen Meeren werden türkische Schiffe ("Türkenschiff") verfolgt und die Ungläubigen angegriffen: "Frisch Gesellen, frisch zur Arbeit! / Auf zum Vorderteil des Schiffes! / Türkenblut ist zu vergießen, / Schont nicht der Ungläubigen." Nutzlos rufen die Ungläubigen ihren Götzen Allah an: "Allah! Allah! schrein um Gnade / Die Ungläubigen auf den Knieen." [72]

Während der griechischen Reconquista sammelten die Widerstandskämpfer ganze Heere um gegen die Ungläubigen zu kämpfen: "Welch Getöse? wo entsteht es? / Welch gewaltiges Erschüttern? / Sind es Stiere vor dem Schlachtbeil, / Wild Getier im grimmen Kampfe? / Nein! Bukovalas, zum Kriege / Fünfzehnhundert Kämpfer führend." [73]

Im Idealfall haben die Griechen nur drei Kämpfer verloren, während die Türken hunderte beklagen mussten: "Lass den Pulverdunst verwehen, / Und so zählet eure Krieger, / dass ihr wisset, wer verloren! / Dreimal zählte man die Türken, / Und vierhundert Tote lagen, / Und wie man die Kämpfer zählte, / Dreie nur verblichen da." [74]

Manche Kämpfer erzählten: "auf'm Olympos kämpft' ich bis in's zwölfte Jahr. Sechzig Aga's ich erschlug sie, ... Die ich sonst noch niederstreckte, Türken, Albaneser auch, sind zu viele, gar zu viele, dass ich sie nicht zählen mag." [75]
 

I.
"Sind Gefilde Türkisch worden,
Sonst Besitz der Albanesen;
Stergios ist noch am Leben,
Keines Pascha's achtet er.
Und so lang es schneit hier oben,
Beugen wir den Türken nicht.
Setzet eure Vorhut dahin,
Wo die Wölfe nistend hecken!
Sei der Sklave Stadtbewohner;
Stadtbezirk ist unsern Braven
Wüster Felsen Klippenspalte.
Eh' als mit den Türken leben,
Lieber mit den wilden Tieren!

II.
Schwarzes Fahrzeug teilt die Welle
Nächst der Küste von Kassandra,
Ueber ihm die schwarzen Segel,
Ueber ihnen Himmelsbläue.
Kommt ein Türkenschiff entgegen,
Scharlachwimpel wehen glänzend.
»Streich die Segel unverzüglich,
Nieder lass die Segel du!«
Nein, ich streiche nicht die Segel,
Nimmer lass' ich sie herab.
Droht ihr doch, als wär' ich Bräutchen,
Bräutchen, das zu schrecken ist.
Jannis bin ich, Sohn des Stathas,
Eidam des Bukovalas.
Frisch Gesellen, frisch zur Arbeit!
Auf zum Vorderteil des Schiffes!
Türkenblut ist zu vergießen,
Schont nicht der Ungläubigen. –
Und mit einer klugen Wendung
Beut das Türkenschiff die Spitze;
Jannis aber schwingt hinauf sich,
Mit dem Säbel in der Faust;
Das Gebälke trieft vom Blute
Und gerötet sind die Wellen.
Allah! Allah! schrein um Gnade
Die Ungläubigen auf den Knieen.
Traurig Leben, ruft der Sieger,
Bleibe den Besiegten nun!

III.
Beuge, Liakos, dem Pascha,
Beuge dem Vezire dich.
Warst du vormals Armatole,
Landgebieter wirst du nun.
»Bleibt nur Liakos am Leben,
Wird er nie ein Beugender.
Nur sein Schwert ist ihm der Pascha,
Ist Vezir das Schießgewehr.«
Ali Pascha, das vernehmend,
Zürnt dem Unwillkommenen,
Schreibt die Briefe, die Befehle;
So bestimmt er, was zu tun:
Veli Guekas, eile kräftig
Durch die Städte, durch das Land,
Bring mir Liakos zur Stelle,
Lebend sei er, oder tot!
Guekas streift nun durch die Gegend,
Auf die Kämpfer macht er Jagd.
Forscht sie aus und überrascht sie,
An der Vorhut ist er schon.
Kontogiakupis, der schreit nun
Von des Bollwerks hohem Stand:
Herzhaft, Kinder mein! zur Arbeit,
Kinder mein, zum Streit hervor!
Liakos erscheint behende,
Hält in Zähnen fest das Schwert.
Tag und Nacht ward nun geschlagen,
Tage drei, der Nächte drei.
Albaneserinnen weinen,
Schwarz in Trauerkleid gehüllt;
Veli Guekas kehrt nur wieder,
Hingewürgt im eignen Blut.

IV.
Welch Getöse? wo entsteht es?
Welch gewaltiges Erschüttern?
Sind es Stiere vor dem Schlachtbeil,
Wild Getier im grimmen Kampfe?
Nein! Bukovalas, zum Kriege
Fünfzehnhundert Kämpfer führend,
Streitet zwischen Kerasovon
Und dem großen Stadtbezirk.
Flintenschüsse, wie des Regens,
Kugeln, wie der Schloßen Schlag! –
Blondes Mädchen ruft herunter
Von dem Ueberpforten-Fenster:
Halte Janny das Gefecht an,
Dieses Laden, dieses Schießen!
Lass den Staub hernieder sinken,
Lass den Pulverdunst verwehen,
Und so zählet eure Krieger,
dass ihr wisset, wer verloren!
Dreimal zählte man die Türken,
Und vierhundert Tote lagen,
Und wie man die Kämpfer zählte,
Dreie nur verblichen da.

V.
Ausgeherrschet hat die Sonne,
Zu dem Führer kommt die Menge:
Auf, Gesellen, schöpfet Wasser,
Teilt euch in das Abendbrot!
Lamprakos du aber, Neffe,
Setze dich an meine Seite;
Trage künftig diese Waffen!
Du nun bist der Kapitan.
Und ihr andern braven Krieger,
Fasset den verwaisten Säbel,
Hauet grüne Fichtenzweige,
Flechtet sie zum Lager mir;
Führt den Beichtiger zur Stelle,
dass ich ihm bekennen möge,
Ihm enthülle, welchen Taten
Ich mein Leben zugekehrt.
Dreißig Jahr bin Armatole,
Zwanzig Jahr ein Kämpfer schon;
Nun will mich der Tod erschleichen,
Das ich wohl zufrieden bin.
Frisch nun mir das Grab bereitet,
dass es hoch sei und geräumig,
Aufrecht, dass ich fechten könne,
Könne laden die Pistolen.
Rechts will ich ein Fenster offen,
dass die Schwalbe Frühling künde,
dass die Nachtigall vom Maien
Allerlieblichstes berichte.

VI.
Der Olympos, der Kissavos,
Die zwei Berge haderten;
Da entgegnend sprach Olympos
Also zu dem Kissavos:
»Nicht erhebe dich, Kissave,
Türken- du Getretener.
Bin ich doch der Greis Olympos,
Den die ganze Welt vernahm.
Zwei und sechzig Gipfel zähl' ich
Und zweitausend Quellen klar;
Jeder Brunn hat seinen Wimpel,
Seinen Kämpfer jeder Zweig.
Auf den höchsten Gipfel hat sich
Mir ein Adler aufgesetzt,
Fasst in seinen mächt'gen Klauen
Eines Helden blutend Haupt.«
»Sage, Haupt! wie ist's ergangen?
Fielest du verbrecherisch?«
Speise, Vogel, meine Jugend,
Meine Mannheit speise nur!
Ellenlänger wächst dein Flügel,
Deine Klaue spannenlang.
Bei Louron, in Xeromeron
Lebt' ich in dem Kriegerstand,
So in Chasia, auf'm Olympos
Kämpft' ich bis in's zwölfte Jahr.
Sechzig Aga's ich erschlug sie,
Ihr Gefild verbrannt' ich dann;
Die ich sonst noch niederstreckte
Türken, Albaneser auch,
Sind zu viele, gar zu viele,
dass ich sie nicht zählen mag.
Nun ist meine Reihe kommen,
Im Gefechte fiel ich brav.

VII.
Die Bergeshöhn warum so schwarz?
Woher die Wolkenwoge?
Ist es der Sturm, der droben kämpft,
Der Regen, Gipfel peitschend?
Nicht ist's der Sturm, der droben kämpft,
Nicht Regen, Gipfel peitschend;
Nein Charon ist's, er saus't einher,
Entführet die Verblichnen;
Die Jungen treibt er vor sich hin,
Schleppt hinter sich die Alten;
Die Jüngsten aber, Säuglinge,
In Reih' gehenkt am Sattel.
Da riefen ihm die Greise zu,
Die Jünglinge sie knieten:
»O Charon, halt! halt am Geheg',
Halt an beim kühlen Brunnen!
Die Alten da erquicken sich,
Die Jugend schleudert Steine,
Die Knaben zart zerstreuen sich
Und pflücken bunte Blümchen.«
Nicht am Gehege halt' ich still,
Ich halte nicht am Brunnen;
Zu schöpfen kommen Weiber an,
Erkennen ihre Kinder.
Die Männer auch erkennen sie,
Das Trennen wird unmöglich." - Johann Wolfgang von Goethe, Neugriechisch-Epirotische Heldenlieder
 

Zum 31. Oktober 1817 schreibt Goethe über denjenigen, die gegen den türkischen Sultan ("Türkenthron") protestieren; ihnen kann Goethe nämlich durchaus etwas abgewinnen, schließlich will auch er "in Kunst und Wissenschaft wie immer protestieren"; es ist nicht nur Sache der Griechen, dass der Osmane bzw. Türke ("Erbfeind") erfolgreich bekämpft wird und "nichts erreicht", sondern es ist auch "aller Deutschen Sache" - auch wenn der Papst und einige seiner verzagten Pfaffen ("Was auch der Pfaffe sinnt und schleicht") sich auf die Seite der Türken oder Muslime schlagen, wie der heutige Papst auch. [76]
 

"Dreihundert Jahre hat sich schon
Der Protestant erwiesen,
dass ihn von Papst- und Türkenthron
Befehle baß verdrießen.

Was auch der Pfaffe sinnt und schleicht,
Der Prediger steht zur Wache,
Und dass der Erbfeind nichts erreicht,
Ist aller Deutschen Sache.

Auch ich soll gottgegebne Kraft
Nicht ungenützt verlieren,
Und will in Kunst und Wissenschaft
Wie immer protestieren." - Johann Wolfgang von Goethe
 
 

Zu dem Gedicht über Byzanz, die Heldentaten Pippins, Karl Martells, Karl der Große (als es noch nicht von den Türken erobert war), das Goethe am 25. Februar 1824 in das Stammbuch der Frau Hofmarschall von Spiegel schrieb, macht er fogende Anmerkung: "Frau Hofmarschall von Spiegel hatte mir ein neues Album im Jahre 1821 übergeben; es war mir im Augenblick nicht möglich, etwas Gehöriges zu finden, ich behielt mir ein paar weiße Seiten vor. Ende Februar 1824 erbat ich mir das Album wieder und schrieb jenes Gedicht hinein. Die zwei mittleren Stanzen wird man in dem Maskenzuge »Die romantische Poesie« wiederfinden, wo gedachte Dame als Prinzessin von Byzanz mit König Rother im Glanze der Schönheit und Majestät auftrat. Schade, dass solche Erscheinungen nicht festgehalten, ja nicht einmal, wie gute Theaterstücke, wiederholt werden können."  [77]

Inhaltlich geht es in der Dichtung "König Rother" um die Brautwerbung des weströmischen Herrschers Rother, der die Hand der Tochter des oströmischen Herrschers Konstantin begehrt. Gemäß den Prämissen des literarischen Prinzips der gefährlichen Brautwerbung muss allerdings zunächst der dem Werber feindlich gesinnte Brautvater überwunden werden. In drei Phasen vollzieht sich Rothers Werbung: Zunächst kommen Boten zum Einsatz. In der zweiten Werbungsfahrt reist Rother persönlich nach Konstantinopel. Doch erst die dritte Werbungsfahrt ist von nachhaltigem Erfolg gekrönt. List, vorgeführte Vortrefflichkeit, Reichtum und Freigiebigkeit, außerdem das durch die Riesen demonstrierte Gewaltpotenzial - all diese Elemente, die in den ersten beiden Werbungsversuchen eine Rolle spielten, müssen in der dritten Werbungsfahrt um christliche Motive erweitert werden: Demut und Heidenkampf. Es zeigt sich also, dass eine ideale, gesamtrömische Herrschaft, wie Rother sie durch die Verbindung mit der oströmischen Königstochter und durch die Sicherung der Thronfolge durch das Zeugen eines Sohnes mit dieser anstrebt, christliche Tugenden sowie die Bereitschaft und Fähigkeit zur Verteidigung der christlichen Welt ebenso voraussetzt. Auf der Suche nach der Herkunft des Stoffes der Rother-Dichtung hat man verschiedene historische Vorbilder wahrscheinlich zu machen versucht. Man dachte an den Normannenkönig Roger II., der Mitte des 12. Jh. für einen seiner Söhne um die byzantinische Prinzessin geworben und sogar mehrmals Flotten gegen Byzanz ausgesandt hatte. Doch Roger II. wird als Vorbild für die Rother-Dichtung von der Forschung inzwischen ausgeschlossen. Auch die Annahme, die Langobardenkönige Rothari oder Authari könnten historische Vorbilder gewesen sein, gilt heute als unwahrscheinlich. Aber auch wenn die oben genannten Personen Roger II. und die Langobardenkönige Rothari oder Authari nicht als unmittelbare und direkte Vorbilder für König Rother selbst gelten können, deuten sie, zusammen mit anderen Figuren des Epos auf eine doppelte Zeitstruktur hin. Durch die Verkettung von historischen Personen und Ereignissen (Pippin, Karl der Große: 8. Jh.) wird das Epos in ein Zeitalter gerückt, das Reconquista, Pilgerfahrten ins Heilige Land und nach Santiago de Compostela sowie Kreuzzüge gegen Muslims umfasst. [78]

Damals zur Zeit von Chlothar, Karl Martell, Pippin, Karl der Große, war Byzanz ("Licht der Morgenländer") das große Vorbild für die Europäer. Man kämpfte man gegen die muslimischen Barbaren (Türken, Araber, Mauren, Mohren), so dass mit der Zeit in Europa und Byzanz ein christliches Reich entstand, quasi eine islamfreie Zone. Nach den Merowingern begann der Aufstieg der Karolinger. In der Schlacht zwischen Tours und Poitiers besiegt Karl Martell die Araber unter Abd Ar-Rahman und verhindert so das weitere Vordringen der Araber nach Westen. Viele Helden mit "unbezwungner Kraft", die unter dem Zeichen des Kreuzes gegen die Ungläubigen Muslims kämpften, waren in Klöstern erzogen worden ("Als Pilger klug, als Gast freigebig, prächtig"); von christlichen Helden stammen Pippin und Karl der Große ("Von ihnen stammt Pipin und Karl der Große")  [79]

Bis heute gelten die Heldentaten Pippins, Karl Martells, Karl des Großen als der Beginn des europäischen Staatenbundes und der Reconquista, also der Rückeroberung Europas von den Arabern im Westen und den Türken im Osten. Sie werden von Goethe genauso wie auch von anderen Philhelenen besungen und zuvor von denen, die an der Reconquista beteiligt waren wie Miguel de Cervantes, Luis Vaz de Comoes, Ludovico Ariosto, Torquato Tasso. Auch wenn heute von diesem Geist scheinbar nichts mehr übrig ist, und die Feinde der Christen, die "Räuberhorden" des Sultans und "Christenwürger" (Tieck) sogar vom Papst, von linken italienischen Politikern und der deutschen Bundeskanzlerin gefördert werden (kürzlich hat Italien sogar einen Muslim von einer Muslim-Organisation zurückgekauft), so darf man die Hoffnung doch nicht aufgeben: "Wie denn das Gute, Schöne nimmer schwindet / Und, immer wirkend, immer sich erhält, / Sich ungesäumt zum höchsten Wahren findet, / Als lebend zu Lebendigem gesellt; / Und glücklich ist, wer ihnen sich verbindet, / Beständig bleibt ihm die bewegte Welt." [80]

Wer sich die verzagten Beschlüsse der Bischofskonferenz und des zweiten Vatikanischen Konzils ansieht, wonach die Verbreitung des Islam in Europa indirekt vorangetrieben werden soll, vor ungläubigen Muslimen das Kreuz abgenommen werden soll, der kann Goethe verstehen wenn er ein beherzteres Vorgehen fordert: "Feiger Gedanken / Bängliches Schwanken, / Weibisches Zagen, / Aengstliches Klagen / Wendet kein Elend, / Macht dich nicht frei. / Allen Gewalten / Zum Trutz sich erhalten, / Nimmer sich beugen, / Kräftig sich zeigen, / Rufet die Arme / Der Götter herbei." [81]

Europa und Byzanz sollten frei von "Bestien in dem Götter-Saal" sein, so wie es das Christentum vorsieht: "Gott hat den Menschen gemacht / Nach seinem Bilde; / Dann kam er selbst herab, / Mensch, lieb und milde." Bestien hatten also dort  nichts zu suchen. "Barbaren hatten versucht, / Sich Götter zu machen; / Allein sie sahen verflucht, / Garstiger als Drachen." Selbst der islamische Allah, den Mohammed sich gebastelt hatte, gilt als "Ungeheuer" ("Verwandelte sich Gott zu Ungeheuern?"),  das sich ausserhalb des "Götter-Saals" befindet, weshalb die Mohammedaner seit Karl Martell auch konsequent bekämpft und aus Europa und Byzanz vertrieben wurden. Zur Zeit der Reconquista war fast ganz Afrika muslimisch und antichristlich eingestellt; für die Höllengeister im "schwarzen Höllen-Sumpfe" wurden daher Namen verwendet wie "der schwarze Teufels-Mohr" (Goethe). [82]

Obwohl der antichristlich eingestellte Satan, der Christus vernichten wollte, von Christus besiegt worden ist, gibt es auf der Erde weiterhin antichristlich eingestellte Abgesandte des Satans, wie all diejenigen die als "Muslim-Horden" die Christen vernichten wollen, ihre heiligen Stätten erobern wie die Türken Konstantinopel usw.: "Gott ward ein Mensch. Er kam auf Erden. / Auch Dieser soll mein Opfer werden, / Sprach Satanas und freute sich. / Er suchte Christum zu verderben, / Der Welten Schöpfer sollte sterben." [83]

Das einzig siegreiche Zeichen ist allerdings nicht der islamische Halbmond wie von einigen Ländern immer noch irrtümlich angenommen, sondern das Kreuz: "Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet, / Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht, / Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet, / Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht, / Das die Gewalt des bittern Tods vernichtet, / Das in so mancher Siegesfahne weht: / Ein Labequell durchdringt die matten Glieder, / Er sieht das Kreuz, und schlägt die Augen nieder." [84]
 

"Seit jenen Zeilen bis zum heutigen Tage
Sind fast zweihundert Wochen fortgeschritten,
Und immer ist es noch die alte Klage,
Als lasse sich die Muse nicht erbitten;
Doch wenn ich sie im stillen ernstlich frage,
Versetzt sie mich, mit Adlerflug, inmitten
Von jener Feier einzigen Augenblicken,
Wie es erscholl im freudigsten Entzücken:

»Nun geht es auf, das Licht der Morgenländer,
Die Tochter von Byzanz. Ihr seht sie hier!
Als Kaiserskind trägt sie die Goldgewänder,
Und doch ist sie des Schmuckes höchste Zier.
Die goldnen Schuhe, jene teuren Pfänder,
Die Liebesboten zwischen ihm und ihr,
Sie bringt der Zwerg, die frohste Morgengabe:
Ein Liebespfand ist mehr als Gut und Habe.«

Da sprach das Lied, so heiter als bedächtig,
Von König Lothars unbezwungner Kraft,
Dem, wie er schon in Waffen groß und mächtig,
Auch Liebe nun das höchste Glück verschafft.
»Als Pilger klug, als Gast freigebig, prächtig,
Hat er als Held zuletzt sie weggerafft,
Zum schönsten Glück, zum höchsten Mutterlose:
Von ihnen stammt Pipin und Karl der Große.«

Wie denn das Gute, Schöne nimmer schwindet
Und, immer wirkend, immer sich erhält,
Sich ungesäumt zum höchsten Wahren findet,
Als lebend zu Lebendigem gesellt;
Und glücklich ist, wer ihnen sich verbindet,
Beständig bleibt ihm die bewegte Welt;
So wars auch mir im Augenblick, dem süßen,
Nach langer Zeit die Freundin zu begrüßen." - Johann Wolfgang von Goethe
 

"Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Aengstliches Klagen
Wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme
Der Götter herbei." - Johann Wolfgang von Goethe, Beherzigung
 

"Gott hat den Menschen gemacht
Nach seinem Bilde;
Dann kam er selbst herab,
Mensch, lieb und milde.
Barbaren hatten versucht,
Sich Götter zu machen;
Allein sie sahen verflucht,
Garstiger als Drachen.
Wer wollte Schand und Spott
Nun weiter steuern,
Verwandelte sich Gott
Zu Ungeheuern?
Und so will ich, ein- für allemal,
Keine Bestien in dem Götter-Saal!" - Johann Wolfgang von Goethe, zahme Xenien II
 

"Welch ungewöhnliches Getümmel!
Ein Jauchzen tönet durch die Himmel.
Ein großes Heer zieht herrlich fort.
Gefolgt von tausend Millionen,
Steigt Gottes Sohn von seinen Thronen
Und eilt an jenen finstern Ort.
Er eilt, umgeben von Gewittern;
Als Richter kommt Er und als Held.
Er geht, und alle Sterne zittern.
Die Sonne bebt. Es bebt die Welt.

Ich seh Ihn auf dem Siegeswagen,
Von Feuerrädern fortgetragen,
Den, der für uns am Kreuze starb.
Er zeigt den Sieg auch jenen Fernen,
Weit von der Welt, weit von den Sternen,
Den Sieg, den Er für uns erwarb.
Er kommt, die Hölle zu zerstören,
Die schon Sein Tod darniederschlug;
Sie soll von Ihm ihr Urteil hören.
Hört! jetzt erfüllet sich der Fluch.

Die Hölle sieht den Sieger kommen,
Sie fühlt sich ihre Macht genommen.
Sie bebt und scheut sein Angesicht.
Sie kennet Seines Donners Schrecken.
Sie sucht umsonst sich zu verstecken.
Sie sucht zu fliehn und kann es nicht.
Sie eilt vergebens, sich zu retten
Und sich dem Richter zu entziehn,
Der Zorn des Herrn, gleich ehrnen Ketten
Hält ihren Fuß, sie kann nicht fliehn.

Hier lieget der zertretne Drache,
Er liegt und fühlt des Höchsten Rache,
Er fühlet sie und knirscht vor Wut.
Er fühlt der ganzen Hölle Qualen,
Er ächzt und heult bei tausend Malen:
Vernichte mich, o heiße Glut!
Da liegt er in dem Flammen-Meere,
Ihn foltern ewig Angst und Pein.
Er flucht, dass ihn die Qual verzehre,
Und hört, die Qual soll ewig sein.

Auch hier sind jene große Scharen,
Die mit ihm gleichen Lasters waren,
Doch lange nicht so bös als er.
Hier liegt die ungezählte Menge,
In schwarzem schröcklichen Gedränge,
Im Feuer-Orkan um ihn her.
Er sieht, wie sie den Richter scheuen,
Er sieht, wie sie der Sturm zerfrisst.
Er siehts und kann sich doch nicht freuen,
Weil seine Pein noch größer ist.

Des Menschen Sohn steigt im Triumphe
Hinab zum schwarzen Höllen-Sumpfe
Und zeigt dort seine Herrlichkeit.
Die Hölle kann den Glanz nicht tragen,
Seit ihren ersten Schöpfungs-Tagen
Beherrschte sie die Dunkelheit.
Sie lag entfernt von allem Lichte,
Erfüllt von Qual im Chaos hier.
Den Strahl von Seinem Angesichte
Verwandte Gott auf stets von ihr.

Jetzt siehet sie in ihren Grenzen
Die Herrlichkeit des Sohnes glänzen,
Die fürchterliche Majestät.
Sie sieht mit Donnern Ihn umgeben,
Sie sieht, dass alle Felsen beben,
Wie Gott im Grimme vor ihr steht.
Sie siehts: Er kommet, sie zu richten,
Sie fühlt den Schmerzen, der sie plagt;
Sie wünscht umsonst, sich zu vernichten.
Auch dieser Trost bleibt ihr versagt.

Nun denkt sie an ihr altes Glücke,
Voll Pein an jene Zeit zurücke,
Da dieser Glanz ihr Lust gebar;
Da noch ihr Herz im Stand der Tugend,
Ihr froher Geist in frischer Jugend
Und stets voll neuer Wonne war.
Sie denkt mit Wut an ihr Verbrechen,
Wie sie die Menschen kühn betrog.
Sie dachte sich an Gott zu rächen,
Jetzt fühlt sie, was es nach sich zog.

Gott ward ein Mensch. Er kam auf Erden.
Auch Dieser soll mein Opfer werden,
Sprach Satanas und freute sich.
Er suchte Christum zu verderben,
Der Welten Schöpfer sollte sterben.
Doch weh dir, Satan, ewiglich!
Du glaubtest, Ihn zu überwinden,
Du freutest dich bei Seiner Not.
Doch siegreich kommt Er, dich zu binden.
Wo ist dein Stachel hin, o! Tod?

Sprich, Hölle! Sprich, wo ist dein Siegen?
Sieh nur, wie deine Mächte liegen.
Erkennst du bald des Höchsten Macht?
Sieh, Satan! Sieh dein Reich zerstöret.
Von tausendfacher Qual beschweret,
Liegst du in ewig finstrer Nacht.
Da liegst du wie vom Blitz getroffen.
Kein Schein vom Glück erfreuet dich.
Es ist umsonst. Du darfst nichts hoffen,
Messias starb allein für mich!

Es steigt ein Heulen durch die Lüfte,
Schnell wanken jene schwarze Grüfte,
Als Christus Sich der Hölle zeigt.
Sie knirscht aus Wut; doch ihrem Wüten
Kann unser großer Held gebieten;
Er winkt, die ganze Hölle schweigt.
Der Donner rollt vor Seiner Stimme.
Die hohe Siegesfahne weht.
Selbst Engel zittern vor dem Grimme,
Wann Christus zum Gerichte geht.

Jetzt spricht Er; Donner ist Sein Sprechen,
Er spricht, und alle Felsen brechen,
Sein Atem ist dem Feuer gleich.
So spricht Er: Zittert, ihr Verruchte!
Der, der in Eden euch verfluchte,
Kommt und zerstöret euer Reich.
Seht auf! Ihr waret Meine Kinder,
Ihr habt euch wider Mich empört.
Ihr fielt und wurdet freche Sünder,
Ihr habt den Lohn, der euch gehört.

Ihr wurdet Meine größten Feinde,
Verführet Meine liebsten Freunde.
Die Menschen fielen so wie ihr.
Ihr wolltet ewig sie verderben,
Des Todes sollten alle sterben,
Doch, heulet! Ich erwarb sie Mir.
Für sie bin Ich herabgegangen,
Ich litt, Ich bat, Ich starb für sie.
Ihr sollt nicht euren Zweck erlangen.
Wer an Mich glaubt, der stirbet nie.

Hier lieget ihr in ewgen Ketten,
Nichts kann euch aus dem Pfuhl erretten,
Nicht Reue, nicht Verwegenheit.
Da liegt, krümmt euch in Schwefel-Flammen!
Ihr eilet, euch selbst zu verdammen.
Da liegt und klagt in Ewigkeit!
Auch ihr, so Ich Mir auserkoren,
Auch ihr verscherztet Meine Huld;
Auch ihr seid ewiglich verloren.
Ihr murret? Gebt Mir keine Schuld.

Ihr solltet ewig mit Mir leben,
Euch ward hierzu Mein Wort gegeben,
Ihr sündigtet und folgtet nicht.
Ihr lebtet in dem Sünden-Schlafe.
Nun quält euch die gerechte Strafe.
Ihr fühlt Mein schreckliches Gericht. –
So sprach Er, und ein furchtbar Wetter
Geht von Ihm aus. Die Blitze glühn.
Der Donner faßt die Übertreter
Und stürzt sie in den Abgrund hin.

Der Gott-Mensch schließt der Höllen Pforten,
Er schwingt Sich aus den dunklen Orten
In seine Herrlichkeit zurück.
Er sitzet an des Vaters Seiten,
Er will noch immer für uns streiten.
Er wills! O, Freunde! Welches Glück!
Der Engel feierliche Chöre,
Die jauchzen vor dem großen Gott,
dass es die ganze Schöpfung höre:
Groß ist der Herr Gott Zebaoth!" - Johann Wolfgang von Goethe, Poetische Gedanken über die Höllenfahrt Jesu Christi, 1765
 

"Ein wunderbares Lied ist euch bereitet;
Vernehmt es gern, und jeden ruft herbei!
Durch Berg' und Täler ist der Weg geleitet:
Hier ist der Blick beschränkt, dort wieder frei,
Und wenn der Pfad sacht in die Büsche gleitet,
So denket nicht, dass es ein Irrtum sei;
Wir wollen doch, wenn wir genug geglommen,
Zur redeten Zeit dem Ziele näher kommen.

Doch glaube keiner, dass mit allem Sinnen
Das ganze Lied er je enträtseln werde:
Gar viele müssen vieles hier gewinnen,
Gar manche Blüten bringt die Mutter Erde;
Der eine flieht mit düsterm Blick von hinnen,
Der andre weilt mit fröhlicher Gebärde:
Ein jeder soll nach seiner Lust genießen,
Für manchen Wandrer soll die Quelle fließen.

Ermüdet von des Tages langer Reise,
Die auf erhabnen Antrieb er getan,
An einem Stab nach frommer Wandrer Weise
Kam Bruder Markus, außer Steg und Bahn,
Verlangend nach geringem Trank und Speise,
In einem Tal am seinen Abend an,
Voll Hoffnung, in den waldbewachsnen Gründen
Ein gastfrei Dach für diese Nacht zu finden.

Am steilen Berge, der nun vor ihm stehet,
Glaubt er die Spuren eines Wegs zu sehn,
Er folgt dem Pfade, der in Krümmen gehet,
Und muss sich steigend um die Felsen drehn;
Bald sieht er sich hoch übers Tal erhöhet,
Die Sonne scheint ihm wieder freundlich schön,
Und bald sieht er mit innigem Vergnügen
Den Gipfel nah vor seinen Augen liegen.

Und neben hin die Sonne, die im Neigen
Noch prachtvoll zwischen dunkeln Wolken thront;
Er sammelt Kraft, die Höhe zu ersteigen,
Dort hofft er seine Mühe bald belohnt.
Nun, spricht er zu sich selbst, nun muss sich zeigen,
Ob etwas Menschlichs in der Nähe wohnt!
Er steigt und horcht und ist wie neugeboren:
Ein Glockenklang erschallt in seinen Ohren.

Und wie er nun den Gipfel ganz erstiegen,
Sieht er ein nahes, sanft geschwungnes Tal.
Sein stilles Auge leuchtet von Vergnügen,
Denn vor dem Walde sieht er auf einmal
In grüner Au ein schön Gebäude liegen,
Soeben triffts der letzte Sonnenstrahl:
Er eilt durch Wiesen, die der Tau befeuchtet,
Dem Kloster zu, das ihm entgegen leuchtet.

Schon sieht er dicht sich vor dem stillen Orte,
Der seinen Geist mit Ruh und Hoffnung füllt,
Und auf dem Bogen der geschloßnen Pforte
Erblickt er ein geheimnisvolles Bild.
Er steht und sinnt und lispelt leise Worte
Der Andacht, die in seinem Herzen quillt,
Er steht und sinnt: Was hat das zu bedeuten?
Die Sonne sinkt; und es verklingt das Läuten!

Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet,
Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht,
Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet,
Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht,
Das die Gewalt des bittern Tods vernichtet,
Das in so mancher Siegesfahne weht:
Ein Labequell durchdringt die matten Glieder,
Er sieht das Kreuz, und schlägt die Augen nieder.

Er fühlet neu, was dort für Heil entsprungen,
Den Glauben fühlt er einer halben Welt;
Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen,
Wie sich das Bild ihm hier vor Augen stellt:
Es steht das Kreuz mit Rosen dicht umschlungen.
Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?
Es schwillt der Kranz, um recht von allen Seiten
Das schroffe Holz mit Weichheit zu begleiten.

Und leichte Silber-Himmelswolken schweben,
Mit Kreuz und Rosen sich empor zu schwingen,
Und aus der Mitte quillt ein heilig Leben
Dreifacher Strahlen, die aus einem Punkte dringen;
Von keinen Worten ist das Bild umgeben,
Die dem Geheimnis Sinn und Klarheit bringen.
Im Dämmerschein, der immer tiefer grauet,
Steht er und sinnt und fühlet sich erbauet.

Er klopft zuletzt, als schon die hohen Sterne
Ihr helles Auge zu ihm niederwenden.
Das Tor geht auf, und man empfängt ihn gerne
Mit offnen Armen, mit bereiten Händen.
Er sagt, woher er sei, von welcher Ferne
Ihn die Befehle höhrer Wesen senden.
Man horcht und staunt. Wie man den Unbekannten
Als Gast geehrt, ehrt man nun den Gesandten.

Ein jeder drängt sich zu, um auch zu hören,
Und ist bewegt von heimlicher Gewalt,
Kein Odem wagt den seltnen Gast zu stören,
Da jedes Wort im Herzen widerhallt.
Was er erzählet, wirkt wie tiefe Lehren
Der Weisheit, die von Kinderlippen schallt:
An Offenheit, an Unschuld der Gebärde
Scheint er ein Mensch von einer andern Erde.

Willkommen, ruft zuletzt ein Greis, willkommen,
Wenn deine Sendung Trost und Hoffnung trägt!
Du siehst uns an; wir alle stehn beklommen,
Obgleich dein Anblick unsere Seele regt:
Das schönste Glück, ach! wird uns weggenommen,
Von Sorgen sind wir und von Furcht bewegt.
Zur wichtgen Stunde nehmen unsre Mauern
Dich Fremden auf, um auch mit uns zu trauern:

Denn, ach, der Mann, der alle hier verbündet,
Den wir als Vater, Freund und Führer kennen,
Der Licht und Mut dem Leben angezündet,
In wenig Zeit wird er sich von uns trennen;
Er hat es erst vor kurzem selbst verkündet.
Doch will er weder Art noch Stunde nennen:
Und so ist uns sein ganz gewisses Scheiden
Geheimnisvoll und voller bittrer Leiden.

Du siehest alle hier mit grauen Haaren,
Wie die Natur uns selbst zur Ruhe wies:
Wir nahmen keinen auf, den, jung an Jahren,
Sein Herz zu früh der Welt entsagen hieß.
Nachdem wir Lebens Lust und Last erfahren,
Der Wind nicht mehr in unsre Segel blies,
War uns erlaubt, mit Ehren hier zu landen,
Getrost, dass wir den sichern Hafen fanden.

Dem edlen Manne, der uns hergeleitet,
Wohnt Friede Gottes in der Brust;
Ich hab ihn auf des Lebens Pfad begleitet
Und bin mir alter Zeiten wohl bewusst;
Die Stunden, da er einsam sich bereitet,
Verkünden uns den nahenden Verlust.
Was ist der Mensch, warum kann er sein Leben
Umsonst, und nicht für einen Bessern geben?

Dies wäre nun mein einziges Verlangen!
Warum muss ich des Wunsches mich entschlagen?
Wie viele sind schon vor mir hingegangen!
Nur ihn muss ich am bittersten beklagen.
Wie hätt er sonst so freundlich dich empfangen!
Allein er hat das Haus uns übertragen,
Zwar keinen noch zum Folger sich ernennet,
Doch lebt er schon im Geist von uns getrennet.

Und kommt nur täglich eine kleine Stunde,
Erzählet, und ist mehr als sonst gerührt:
Wir hören dann aus seinem eignen Munde,
Wie wunderbar die Vorsicht ihn geführt;
Wir merken auf, damit die sichre Kunde
Im kleinsten auch die Nachwelt nicht verliert;
Auch sorgen wir, dass einer fleißig schreibe,
Und sein Gedächtnis rein und wahrhaft bleibe.

Zwar vieles wollt ich lieber selbst erzählen,
Als ich jetzt nur zu hören stille bin;
Der kleinste Umstand sollte mir nicht fehlen,
Noch hab ich alles lebhaft in dem Sinn;
Ich höre zu und kann es kaum verhehlen
dass ich nicht stets damit zufrieden bin:
Sprech ich einmal von allen diesen Dingen,
Sie sollen prächtiger aus meinem Munde klingen.

Als dritter Mann erzählt ich mehr und freier,
Wie ihn ein Geist der Mutter früh verhieß,
Und wie ein Stern bei seiner Taufe Feier
Sich glänzender am Abend-Himmel wies,
Und wie mit weiten Fittichen ein Geier
Im Hofe sich bei Tauben niederließ,
Nicht grimmig stoßend und, wie sonst, zu schaden:
Er schien sie sanft zur Einigkeit zu laden.

Dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen,
Wie er als Kind die Otter überwand,
Die er um seiner Schwester Arm sich schmiegen,
Um die entschlafne fest gewunden fand:
Die Amme floh und ließ den Säugling liegen,
Er drosselte den Wurm mit sichrer Hand;
Die Mutter kam und sah mit Freudebeben
Des Sohnes Taten und der Tochter Leben.

Und so verschwieg er auch, dass eine Quelle
Vor seinem Schwert aus trocknem Felsen sprang,
Stark wie ein Bach, sich mit bewegter Welle
Den Berg hinab bis in die Tiefe schlang;
Noch quillt sie fort so rasch, so silberhelle,
Als sie zuerst sich ihm entgegendrang,
Und die Gefährten, die das Wunder schauten,
Den heißen Durst zu stillen kaum getrauten.

Wenn einen Menschen die Natur erhoben,
Es ist kein Wunder, wenn ihm viel gelingt;
Man muss in ihm die Macht des Schöpfers loben,
Der schwachen Ton zu solcher Ehre bringt.
Doch wenn ein Mann von allen Lebensproben
Die sauerste besteht, sich selbst bezwingt,
Dann kann man ihn mit Freuden andern zeigen
Und sagen: Das ist er, das ist sein eigen!

Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort;
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort.
In diesem innern Sturm und äußern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

Wie frühe war es, dass sein Herz ihn lehrte,
Was ich bei ihm kaum Tugend nennen darf:
dass er des Vaters strenges Wort verehrte
Und willig war, wenn jener rauh und scharf
Der Jugend freie Zeit mit Dienst beschwerte,
Dem sich der Sohn mit Freuden unterwarf,
Wie, elternlos und irrend, wohl ein Knabe
Aus Not es tut um eine kleine Gabe.

Die Streiter musst er in das Feld begleiten,
Zuerst zu Fuß bei Sturm und Sonnenschein,
Die Pferde warten und den Tisch bereiten
Und jedem alten Krieger dienstbar sein.
Gern und geschwind lief er zu allen Zeiten
Bei Tag und Nacht als Bote durch den Hain;
Und so gewohnt, für andre nur zu leben,
Schien Mühe nur ihm Fröhlichkeit zu geben.

Wie er im Streit mit kühnem, munterm Wesen
Die Pfeile las, die er am Boden fand,
Eilt' er hernach, die Kräuter selbst zu lesen,
Mit denen er Verwundete verband;
Was er berührte, musste gleich genesen,
Es freute sich der Kranke seiner Hand.
Wer wollt ihn nicht mit Fröhlichkeit betrachten!
Und nur der Vater schien nicht sein zu achten.

Leicht, wie ein segelnd Schiff, das keine Schwere
Der Ladung fühlt und eilt von Port zu Port,
Trug er die Last der elterlichen Lehre:
Gehorsam war ihr erst- und letztes Wort.
Und wie den Knaben Lust, den Jüngling Ehre,
So zog ihn nur der fremde Wille fort;
Der Vater sann umsonst auf neue Proben,
Und wenn er fordern wollte, musst er loben.

Zuletzt gab sich auch dieser überwunden,
Bekannte tätig seines Sohnes Wert;
Die Rauhigkeit des Alten war verschwunden,
Er schenkt' auf einmal ihm ein köstlich Pferd;
Der Jüngling ward vom kleinen Dienst entbunden,
Er führte statt des kurzen Dolchs ein Schwert:
Und so trat er geprüft in einen Orden,
Zu dem er durch Geburt berechtigt worden.

So könnt ich dir noch tagelang berichten,
Was jeden Hörer in Erstaunen setzt;
Sein Leben wird den köstlichsten Geschichten
Gewiß dereinst von Enkeln gleichgesetzt;
Was dem Gemüt in Fabeln und Gedichten
Unglaublich scheint und es doch hoch ergetzt,
Vernimmt es hier und mag sich gern bequemen,
Zwiefach erfreut, für wahr es anzunehmen.

Und fragst du mich, wie der Erwählte heiße,
Den sich das Aug der Vorsicht ausersah,
Den ich zwar oft, doch nie genugsam preise,
An dem so viel Unglaubliches geschah?
Humanus heißt der Heilige, der Weise,
Der beste Mann, den ich mit Augen sah;
Und sein Geschlecht, wie es die Fürsten nennen,
Sollst du zugleich mit seinen Ahnen kennen. –

Der Alte sprachs und hätte mehr gesprochen,
Denn er war ganz der Wunderdinge voll,
Und wir ergetzen uns noch manche Wochen
An allem, was er uns erzählen soll;
Doch eben ward sein Reden unterbrochen,
Als gegen seinen Gast das Herz am stärksten quoll.
Die andern Brüder gingen bald und kamen,
Bis sie das Wort ihm von dem Munde nahmen.

Und da nun Markus nach genoßnem Male
Dem Herrn und seinen Wirten sich geneigt,
Erbat er sich noch eine reine Schale
Voll Wasser, und auch die ward ihm gereicht.
Dann führten sie ihn zu dem großen Saale,
Worin sich ihm ein seltner Anblick zeigt.
Was er dort sah, soll nicht verborgen bleiben,
Ich will es auch gewissenhaft beschreiben.

Kein Schmuck war hier, die Augen zu verblenden,
Ein kühnes Kreuzgewölbe stieg empor,
Und dreizehn Stühle sah er an den Wänden
Umher geordnet, wie im frommen Chor,
Gar zierlich ausgeschnitzt von klugen Händen;
Es stand ein kleiner Pult an jedem vor.
Man fühlte hier der Andacht sich ergeben,
Und Lebensruh und ein gesellig Leben.

Zu Häupten sah er dreizehn Schilde bangen,
Denn jedem Stuhl war eines zugezählt;
Sie schienen hier nicht ahnenstolz zu prangen,
Ein jeder schien bedeutend und gewählt.
Und Bruder Markus brannte vor Verlangen,
Zu wissen, was so manches Bild verhehlt;
Im mittelsten erblickt er jenes Zeichen
Zum zweitenmal, ein Kreuz mit Rosenzweigen.

Die Seele kann sich hier gar vieles bilden,
Ein Gegenstand zieht von dem andern fort;
Und Helme hängen über manchen Schilden,
Auch Schwert und Lanze sieht man hier und dort;
Die Waffen, wie man sie von Schlachtgefilden
Auflesen kann, verzieren diesen Ort:
Hier Fahnen und Gewehre fremder Lande
Und, seh ich recht, auch Ketten dort und Bande!

Ein jeder sinkt vor seinem Stuhle nieder,
Schlägt auf die Brust, in still Gebet gekehrt;
Von ihren Lippen tönen kurze Lieder,
In denen sich andächtig Freude nährt;
Dann segnen sich die treu verbundnen Brüder
Zum kurzen Schlaf, den Phantasie nicht stört;
Nur Markus bleibt, indem die andern gehen,
Mit einigen im Saale schauend stehen.

So müd er ist, wünscht er noch fort zu wachen,
Denn kräftig reizt ihn manch und manches Bild:
Hier sieht er einen feuerfarbnen Drachen,
Der seinen Durst in wilden Flammen stillt;
Hier einen Arm in eines Bären Rachen,
Von dem das Blut in heißen Strömen quillt;
Die beiden Schilder hingen, gleicher Weite,
Beim Rosenkranz zur recht- und linken Seite.

Du kommst hierher auf wunderbaren Pfaden,
Spricht ihn der Alte wieder freundlich an;
Laß diese Bilder dich zu bleiben laden,
Bis du erfährst, was mancher Held getan;
Was hier verborgen, ist nicht zu erraten,
Man zeige denn es dir vertraulich an.
Du ahnest wohl, wie manches hier gelitten,
Gelebt, verloren ward, und was erstritten.

Doch glaube nicht, dass nur von alten Zeiten
Der Greis erzählt, hier geht noch manches vor;
Das, was du siehst, will mehr und mehr bedeuten;
Ein Teppich deckt es bald und bald ein Flor.
Geliebt es dir, so magst du dich bereiten:
Du kamst, o Freund, nur erst durchs erste Tor;
Im Vorhof bist du freundlich aufgenommen,
Und scheinst mir wert, ins Innerste zu kommen.

Nach kurzem Schlaf in einer stillen Zelle
Weckt unsern Freund ein dumpfer Glockenton,
Er rafft sich auf mit unverdroßner Schnelle,
Dem Ruf der Andacht folgt der Himmelssohn.
Geschwind bekleidet, eilt er nach der Schwelle,
Es eilt sein Herz voraus zur Kirche schon,
Gehorsam, ruhig, durch Gebet beflügelt;
Er klinkt am Schloß, und findet es verriegelt.

Und wie er horcht, so wird in gleichen Zeiten
Dreimal ein Schlag auf hohles Erz erneut,
Nicht Schlag der Uhr und auch nicht Glockenläuten,
Ein Flötenton mischt sich von Zeit zu Zeit;
Der Schall, der seltsam ist und schwer zu deuten,
Bewegt sich so, dass er das Herz erfreut,
Einladend ernst, als wenn sich mit Gesängen
Zufriedne Paare durcheinander schlängen.

Er eilt ans Fenster, dort vielleicht zu schauen,
Was ihn verwirrt und wunderbar ergreift;
Er sieht den Tag im fernen Osten grauen,
Den Horizont mit leichtem Duft gestreift.
Und – soll er wirklich seinen Augen trauen? –
Ein seltsam Licht, das durch den Garten schweift:
Drei Jünglinge mit Fackeln in den Händen
Sieht er sich eilend durch die Gänge wenden.

Er sieht genau die weißen Kleider glänzen,
Die ihnen knapp und wohl am Leibe stehn,
Ihr lockig Haupt kann er mit Blumenkränzen,
Mit Rosen ihren Gurt umwunden sehn;
Es scheint, als kämen sie von nächtgen Tänzen,
Von froher Mühe recht erquickt und schön.
Sie eilen nun und löschen, wie die Sterne,
Die Fackeln aus und schwinden in die Ferne." - Johann Wolfgang von Goethe, die Geheimnisse, ein Fragment
 
 
 
 

Vermächtnis

"Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig: denn Gesetze
Bewahren die lebendgen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.

Das Wahre war schon längst gefunden,
Hat edle Geisterschaft verbunden;
Das alte Wahre, fass es an!
Verdank es, Erdensohn, dem Weisen,
Der ihr, die Sonne zu umkreisen,
Und dem Geschwister wies die Bahn.

Sofort nun wende dich nach innen:
Das Zentrum findest du da drinnen,
Woran kein Edler zweifeln mag.
Wirst keine Regel da vermissen:
Denn das selbständige Gewissen
Ist Sonne deinem Sittentag.

Den Sinnen hast du dann zu trauen,
Kein Falsches lassen sie dich schauen,
Wenn dein Verstand dich wach erhält.
Mit frischem Blick bemerke freudig
Und wandle, sicher wie geschmeidig,
Durch Auen reichbegabter Welt.

Genieße mäßig Füll und Segen;
Vernunft sei überall zugegen,
Wo Leben sich des Lebens freut.
Dann ist Vergangenheit beständig,
Das Künftige voraus lebendig,
Der Augenblick ist Ewigkeit.

Und war es endlich dir gelungen,
Und bist du vom Gefühl durchdrungen:
Was fruchtbar ist, allein ist wahr –
Du prüfst das allgemeine Walten,
Es wird nach seiner Weise schalten,
Geselle dich zur kleinsten Schar.

Und wie von alters her, im stillen,
Ein Liebewerk nach eignem Willen
Der Philosoph, der Dichter schuf,
So wirst du schönste Gunst erzielen:
Denn edlen Seelen vorzufühlen
Ist wünschenswertester Beruf." - Johann Wolfgang von Goethe
 
 

Anmerkungen

[1] Weitere Literatur in Kurs Nr. 554 Friedrich Hölderlin. Akademie der Kunst und Philosophie
[2] Vgl. Kurs Nr. 020 Goethe: Wissenschaft, Kunst und Religion; zu Goethe, naturwissenschaftliche Weltanschuung und das Christentum vgl. Anm. 23 und Rudolf Steiner: Kosmische und menschliche Metamorphose, Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha. GA Nr. 175. Dornach/Schweiz; Ders.: Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts. GA 171, sechzehn Vorträge 1916. Ib. 1916/1984; Ders.: Aus schicksaltragender Zeit. GA 64, vierzehn Vorträge 1914-1915. Ib. 1959 sowie Science Review Letters 2017, 16, Nr. 856
[3] Ib ; vgl. Kurse Nr. 565 Johannes Scotus Eriugena, Nr. 500 Thomas von Aquin: Summa contra Gentiles, Nr. 556 - Torquato Tasso, Nr. 512 Novalis. Akademie der Kunst und Philosophie
[4] Ib.; vgl. Kurse Nr. 553 Friedrich Schiller, Nr. 551 G.W.F. Hegel - Philosophie der Wissenschaft, Kunst und Religion, Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 532 - Philosophie der Wissenschaften. Akademie der Kunst und Philosophie
[5] Ib.
[6] Ib.
[7] Weitere Literatur in Kurs: Nr. 559 - Wolfram von Eschenbach. Akademie der Kunst und Philosophie
[8] Alexander von Humboldt 1808/1999: Über den Bau und die Wirkungsart der Vulkane in den verschiedenen  Erdstrichen. In: Ansichten der Natur, Stuttgart. Diese Abhandlung wurde gelesen in der öffentlichen Versammlung der Akademie zu Berlin den 24. Jan. 1823; weitere Ausführungen zu Alexander von Humboldt in den Kursen Nr. 554 Friedrich Hölderlin, Nr. 553 Friedrich Schiller, Nr. 505 Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Akademie der Kunst und Philosophie; vgl. auch Kurs Nr. 522 Raffael und das kosmische Christentum. Akademie der Kunst und Philosophie;  Im Gegensatz zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften konnte Alexander von Humboldt den Schriften des Plinius nicht viel abgewinnen: Die Historia naturalis des Plinius: in der tabellarischen Uebersicht, welche jetzt das sogenannte erste Buch bildet, Historiae Mundi ; in einem Briefe des Neffen an seinen Freund Macer schöner Naturae Historia genannt, begreift Himmel und Erde zugleich: die Lage und den Lauf der Weltkörper, die meteorologischen Processe des Luftkreises, die Oberflächen-Gestaltung der Erde; alles tellurische, von der Pflanzendecke und den Weich-Gewürmen des Oceans an bis hinauf zu dem Menschengeschlechte. Dieses ist betrachtet nach Verschiedenheit seiner geistigen Anlagen wie in der Verherrlichung derselben zu den edelsten Blüthen der bildenden Künste. Ich nenne die Elemente des allgemeinen Naturwissens, welche in dem großen Werke fast ungeordnet vertheilt liegen. »Der Weg, den ich wandeln werde«, sagt Plinius mit edler Zuversicht zu sich selbst, »ist unbetreten ( non trita auctoribus via); Keiner unter uns, Keiner unter den Griechen hat unternommen, Einer, das Ganze (der Natur) zu behandeln ( nemo apud Graecos qui unus omnia tractaverit). Wenn mein Unternehmen mir nicht gelingt, so ist es doch etwas schönes und glänzendes ( pulchrum atque magnificum) dergleichen versucht zu haben.« Es schwebte dem geistreichen Manne ein einziges großes Bild vor; aber, durch Einzelheiten zerstreut, bei mangelnder lebendiger Selbstanschauung der Natur, hat er dies Bild nicht festzuhalten gewußt. Die Ausführung ist unvollkommen geblieben: nicht etwa bloß wegen der Flüchtigkeit und oftmaligen Unkenntniß der zu behandelnden Gegenstände (wir urtheilen nach den excerpirten Werken, welche uns noch heute zugänglich sind) als wegen der Fehler in der Anordnung. Man erkennt in dem Verfasser einen vielbeschäftigten vornehmen Mann, der sich gern seiner Schlaflosigkeit und nächtlichen Arbeit rühmte, aber als Statthalter in Spanien und Oberaufseher der Flotte in Unteritalien gewiß nur zu oft seinen wenig gebildeten Untergebenen das lockere Gewebe einer endlosen Compilation anvertraute. Dies Streben nach Compilation: d. h. nach mühevollem Sammeln einzelner Beobachtungen und Thatsachen, wie sie das damalige Wissen liefern konnte, ist an sich keinesweges zu tadeln; das unvollkommene Gelingen des Unternehmens lag in der Unfähigkeit den eingesammelten Stoff zu beherrschen, das  Naturbeschreibende höheren, allgemeineren Ansichten unterzuordnen, den Gesichtspunkt einer vergleichenden Naturkunde festzuhalten. Die Keime zu solchen höheren, nicht bloß orographischen, sondern wahrhaft geognostischen Ansichten liegen in Eratosthenes und Strabo; der Erstere wird ein einziges Mal, der Zweite nie benutzt. Aus der anatomischen Thiergeschichte des Aristoteles hat Plinius weder die auf die Hauptverschiedenheit der inneren Organisation gegründete Eintheilung in große Thierklassen, noch den Sinn für die allein sichere  Inductions-Methode in Verallgemeinerung der Resultate zu schöpfen gewußt. Weitere Literatur in Kurs Nr. 533 Aristoteles - Philosophy of Sciences. Akademie der Kunst und Philosophie
[9] Ib.
[10] Ib.
[11] Science Review Letters 2018, 17, Nr. 960 und FAZ 2018, Nr. 259; zu einer philosophie-freien „Naturforschung“, die skrupellos an den Genen herummanipuliert, die vergiftete Lebensmittel, genmanipulierte Pflanzen, Tiere und zum Teil Menschen hervorgebracht und Urwald durch Sojaanbau für Massentierhaltung vernichtet hat, vgl. Kurse Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 533 Aristoteles, Nr. 501 St.Thomas Aquinas - Philosopher of Gothic period II: Summa Theol., Nr. 502 St.Thomas Aquinas - Philosopher of Gothic period III , Nr. 582 St.Thomas Aquinas - Philosopher of Gothic period IV. Ib. sowie Zentrum für wesensgemaesse Bienenhaltung / Zentrum für natürliche Bienentherapie 2019: Gefährliche Suessigkeiten. Pressemitteilung;  zu mechanisierter Medizin vgl. Ders. 2018: Mechanistische Sichtweise in der Schulmedizin und unvorhersehbare Folgen. Ib.; Ders.  2020: Natürliche Bienentherapie. Ib.; Ders. 2020: Buchbesprechungen. Ib. ; zu: auch Tiere und Pflanzen sollen geliebt und nicht durch Gentechnik und Massentierhaltung gequält werden vgl Kurs Nr. 48 wesensgemäße Bienenhaltung. Ib.; Neben Kurs Nr. 48 können die Bienen insbesondere durch eine Bienenpatenschaft und eine offizielle Mitgliedschaft bei Save the Bees, Bumblebees and Beecolonies (https://www.facebook.com/SaveBeecolonies) gefördert werden. 
[12] Ib.
[13] Ib.
[14] Zum Goetheanismus statt neuartiger Mystik: "Diejenigen, die heute Mystik verbreiten und den Menschen immer von allerlei Mystik reden, die sind oftmals die eigentlichen Pfleger, die raffinierten Pfleger des Materialismus... Sehen Sie, eine derjenigen Entwicklungstatsachen, in denen, ich möchte sagen, deutlich zu vernehmen ist der Impuls des Ahriman, das ist die Verbreitung des Glaubens unter der Menschheit, dass man durch jene mechanisch-mathematische Erfassung des Weltenalls, welche durch den Galileismus, Kopernikanismus und so weiter gekommen ist, wirklich verstehen könne dasjenige, was da draussen im Kosmos sich abspielt... Er möchte gewissermassen die Menschen so stark in der Dumpfheit erhalten, dass sie nur das Mathematische der Astronomie begreifen.... und unter den Menschen nach Möglichkeit die bereits sehr verbreitete Stimmung zu erhalten, dass es für das öffentliche Leben genügt, wenn dafür gesorgt wird, dass die Menschen wirtschaftlich zufriedengestellt werden... Wie viele Menschen bewerten heute eigentlich gar nicht mehr den Geist um des Geistes willen, die Seele um der Seele willen! Solche Menschen nehmen nur auf, was ihnen vom öffentlichen Erkenntnisleben als nützlich gepriesen wird." Vgl. Rudolf Steiner: Soziales Verständnis. GA 191, fünfzehn Vorträge 1919, Dornach/Schweiz 1919/1983; Ders.: Die spitituellen Hintergründe der äusseren Welt. Der Sturz der Geister der Finsterniss. GA 177, vierzehn Vorträge 1917, Ib. 1966/1985; Ders. Erfahrungen des Übersinnlichen. Die drei Wege der Seele zu Christus. GA 143, vierzehn Vorträge 1912. Ib. 1998;  Ders. Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen. Dreizehn Vorträge 1908. GA 102, Ib. 1908/2009; Ders.: Natur- und Geistwesen - ihr Wirken in unserer sichtbaren Welt. Hörernotizen von 18 Vorträgen 1907-1908. GA 98. Ib. 1999; Ders.: Mythen und Sagen. Sechzehn Vorträge 1907. GA 101, Ib. 1907/2002; vgl. Kurse Nr. 020 Goethe: Wissenschaft, Kunst und Religion, Nr. 531 Plato, Nr. 512 Novalis. Akademie der Kunst und Philosophie
[15] Ib.; vgl. Anm. 2 und Kurse Nr. 512 Novalis, Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 564 St. Augustinus, Nr. 511 Fichte - Philosophie der Erziehung, Nr. 513 Schelling: Philosophie der Mythologie. Akademie der Kunst und Philosophie
[16] Ib; Eine Art der Bienenhaltung, die dem Wesen der Bienen am ehesten gerecht wird, praktiziert das Zentrum für wesensgemäße Bienenhaltung ; auch Laien können hier diese Art der Bienenhaltung erlernen und selbst praktizieren, vgl. Kurse Nr. 48 und Nr. 61; zur Entstehung der Welt vgl. Kurs Nr. 500 Thomas von Aquin. Akademie der Kunst und Philosophie 
[17] Vgl. Anm. 2 und Kurs Nr. 505 Schopenhauer. Akademie der Kunst und Philosophie
[18] Vgl. Anm. 2 und Kurs Nr. 533 Aristoteles. Akademie der Kunst und Philosophie
[19] Vgl. Anm. 2 und Kurs Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz. Akademie der Kunst und Philosophie
[20] Vgl. Anm. 5 und Kurs Nr. 531 Plato. Akademie der Kunst und Philosophie
[21] Vgl. Anm. 18 und 20; zur Bedeutung des Christentums im Gegensatz zu den Ansichten der Fideisten und Fallibisten vgl. Anm. 15 
[22] Vgl. Anm. 2 und 5; zu krankmachenden "Lebensmitteln" vgl. Zentrum für wesensgemaesse Bienenhaltung 2018: Gefährliche Suessigkeiten. Pressemitteilung; zu Naturheilverfahren wie Bienentherapie vgl. Zentrum für natuerliche Bienentherapie 2017: Natürliche Bienentherapie. Pressemitteilung 
[23] Vgl. Anm. 2 und Kurs Nr. 500 Thomas von Aquin: Summa contra Gentiles. Akademie der Kunst und Philosophie
[24] Thomas D. Seeley, Honeybee Democracy. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2010 und Anm. 22; zur Unterstützung der Forschung zur wesensgemäßen Bienenhaltung und Bienentherapie ohne Tierquälerei vgl. die Save Beecolonies-Bienenpatenschaft ; sie stellt darüber hinaus die einzige Bienenpatenschaft dar, die die wesensgemäße Bienenhaltung unterstützt, d.h. Bienen fördert, die nach den Kriterien des Zentrums für wesensgemäße Bienenhaltung ohne Tierquälerei gehalten werden; neben Kurs Nr. 48 können die Bienen also insbesondere durch eine Bienenpatenschaft und eine offizielle Mitgliedschaft bei Save the Bees, Bumblebees and Beecolonies (https://www.facebook.com/SaveBeecolonies) gefördert werden. 
[25] Vgl. Anm. 5 und René Descartes: Discours de la methode pour bien conduire sa raison, et chercher la verité dans les sciences. Plus La Dioptrique. Les Meteores. Et La Geometrie. Qui sont des essais de cete Methode. Leyde 1637; De la Chambre: La Lumiere, par le Sieur de la Chambre, Conseiller du Roy en Ses Conseils, et son Médecin ordinaire. Paris 1657
[26] Vgl. Anm. 2 und 4; Robert Boyle: Experiments and observations upon colours, with a letter containing observations on a diamand shining in the dark, London 1663; Johann Christoph Sturm: Physica electiva sive hypothetica, 1697
[27] Vgl. Anm. 5 und 24
[28] Isaak Newton: Optics, or a Treatise of the reflexions, refractions, inflexions and colours of light. Also two treatises of the species and magnitude of Curvilinear Figures. London 1704
[29] Science Review Letters 2019, 18, Nr. 1041 und FAS 2019, Nr. 32; Christa Rosenberger 2019: Elefant mit Goethe-Knochen. Der Schädel eines Dickhäuters aus Kassel half dem Forschergeist von Deutschlands größtem Dichter und Denker auf die Sprünge. Frankfurt a.M.
[30] Ib.
[31] Ib.
[32] Ib.
[33] Science Review Letters 2019, 18, Nr. 1046 und FAZ 2019, Nr. 190; Nr. 192; Michael Kleeberg 2019: Gelegenheit macht Liebe. Frankfurt a.M.
[34] Ib.
[35] Ib.
[36] Ib.
[37] Ib.
[38] Ib.
[39] Ib.
[40] Ib.; zu: Petrus Venerabilis nennt Mohammed in seinen Werken einen "elenden, verruchten und Gottlosen Menschen, einen Schurken und Saukerl," dessen Leben und Lehre "verabscheuungswürdig" sind. Im Islam sieht der hl. Petrus den "Abschaum aller Häresien", einen "Gottlosen und verwerflichen Unsinn" und eine "teuflische Irrlehre", die nur in Zusammenarbeit mit dem Satan von einem Menschen erdichtet werden konnte, vgl. Kurs Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Ib.
[41] Ib.; zu: "Um beim Volk den Anschein der Gottesfurcht zu erwecken, verbreitete Muhammad zum Schein das Gerücht, vom Himmel sei eine Schrift von Gott auf ihn herabgekommen. Indem er in dem von ihm stammenden Buch einige Lehrsätze aufstellte, die freilich lächerlich sind, lehrte er sie auf diese Weise die Ehrfurcht "vor Gott". Johannes wirft den Muslimen vor: "Den Glauben und eure Schrift habt ihr ohne Zeugen: Denn der sie euch übergab, hat von nirgendwoher einen Beweis, noch lässt sich irgendeiner finden, der vorher über ihn Zeugnis abgelegt hätte. Er empfing die Schrift vielmehr im Schlaf... Woher kommt also eure Märchenerzählung? ... Dieser Muhammad nun hat sich, wie erwähnt, viele absurde Geschichten zusammengefaselt und jeder von ihnen einen Namen gegeben. Z.B. die Sure „Die Frau“: Darin setzt er fest, dass man sich vier reguläre Frauen nehmen darf und dazu Nebenfrauen, soviele man eben neben den vier regulären Frauen als Untergebene unter seiner Tute (Aufsicht) halten kann. Wenn man aber eine entlassen will, so kann man das nach Belieben tun, und sich eine andere nehmen," vgl. Kurs Nr. 600 St. Johannes von Damaskus, Ib.
[42] Ib.; zu: Goethe gilt unter Moslems immer als Freund des Islams; das war er aber nicht. Für ihn gebührt der christlichen Religion das höchste Lob, "die mahometanische lässt ihren Bekenner nicht aus einer dumpfen Beschränktheit heraus." An anderer Stelle schreibt Goethe: "Diese Dichtungen geben uns einen hinlänglichen Begriff von der hohen Bildung des Stammes der Koraischiten, aus welchem Mahomet selbst entsprang, ihnen aber eine düstere Religionshülle überwarf und jede Aussicht auf reinere Fortschritte zu verhüllen wusste," vgl. Kurs Nr. 020 Goethe: Wissenschaft, Kunst und Religion, Ib.
[43] Science Review Letters 2019, 18, Nr. 1047 und FAZ 2019, Nr. 200; Andreas Kilb 2019: Die Wahrheit der sichtbaren Welt. Um 1800 war die Wissenschaft auf dem Sprung in die Moderne. Johann Wolfgang von Goethe nahm als Forscher, Künstler und Sammler aufmerksam an ihrer Entwicklung teil. Eine Ausstellung im Schiller-Museum in Weimar öffnet die Schätze seiner Sammlungen für unseren Blick. Weimar, Frankfurt a.M
[44] Ib.
[45] Ib.; zu Goethes Naturwissenschaft und Farbenlehre vgl. Anm. 11 und 14 ff. sowie Kurse Nr. 551 G.W.F. Hegel - Philosophie der Wissenschaft, Kunst und Religion, Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz. Ib.
[46] Ib.
[47] Zu: Lord Byron (1788-1824), widmete ihm eines seiner Werke, was ihn ungemein erfreute und schmeichelte; zudem schrieb Goethe den Gedenkaufsatz: "Zum Andenken Byrons" 1824 und verewigte Lord Byron in der Figur des Euphorion in Faust II. Der Dichter setzte in Euphorion dem für Griechenlands Befreiung von der Türkenherrschaft zu Hilfe geeilten, dort in Missolunghi 1824 verstorbenen Lord Byron ein Denkmal. Die Türken und Moslems folgen ihrem Sultan und ihren Paschas, "den entrollten Lügenfahnen / Folgen alle. - Schafsnatur!", nicht jedoch die Griechen und die Philhelenen wie Euphorion alias Lord Byron; er spricht daher die sich befreienden Griechen an, die sich gegen die Unterdrückung durch die ungläubigen Türken, denen nichts heilig ist ausser ihr Lügenprophet, erheben:  "Welche dies Land gebar / Aus Gefahr in Gefahr, / Frei, unbegrenzten Muts, / Verschwendrisch eignen Bluts, / Den nicht zu dämpfenden / Heiligen Sinn – / Alle den Kämpfenden / Bring' es Gewinn," vgl. Anm. 40 und Goethe, Faust II sowie Kurse Nr. 554 Friedrich Hölderlin I-II, Nr. 622 Victor Hugo, Nr. 621 Lord Byron, Ib.
[48] Ib.
[49] Ib.; zu: Im Gegensatz zu vielen Europäern, die den irregeleiteten Türken gegenüber viel zu nachgiebig waren und es immer noch sind, steht Euphorion bereit, an der Seite der tapferen griechischen Freiheitskämpfer, die Türken aus Griechenland zu vertreiben: "Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen, / In Waffen kommt der Jüngling an; / Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen, / Hat er im Geiste schon getan." Da Europa nur wenig Hilfe leistete und hauptsächlich zusah ("Sollt' ich aus der Ferne schauen? / Nein! ich teile Sorg' und Not"), mussten auch Frauen und Kinder bei der Befreiung helfen: "Wollt ihr unerobert wohnen, / Leicht bewaffnet rasch ins Feld; / Frauen werden Amazonen / Und ein jedes Kind ein Held," vgl. Anm. 47 ff. und Kurse Nr. 557 Ludovico Ariosto, Nr. 556 Torquato Tasso, Nr. 552 William Shakespeare II, Ib.
[50] Ib.
[51] Ib.
[52] Goethe, Faust I
[53] Voltaire, Mahomet der Lügenprophet, Trauerspiel in fünf Aufzügen, 1742 (Übersetzung von Johann Wolfgang von Goethe) I
[54] Ib.; zu: Im ersten Aufzug des Trauerspiels in fünf Aufzügen, nach Voltaire von Johann Wolfgang von Goethe wird Mahomet als "Lügenkünstler" oder "trügrisch Ungeheuer" und "Barbar", als "Frevler" und  "Missetäter" bezeichnet. Er spricht vom "Gift des Wahnes", von den "Fesseln Mahomets" und "dem Lärm des Lagers" sowie "der Wüste Schrecknis". Mahomets Markenzeichen sind "Schwert und Trug". Vgl. Anm. 53 ff. und Kurse Nr. 629 Voltaire, Nr. 625 Theodorus Abucara, Nr. 621 Lord Byron, Nr. 628 Percy Bysshe Shelly, Ib.
[55] Ib.; zu: Der Mohammedanismus oder Islam, wie er sich heute scheinbar harmlos nennt, sei nichts als "falscher Heuchelwahn", damit "Räuberhände sich bereicherten". Nicht Königreiche hat Mahomet gegründet, sondern "Kronen sich erlog". Mahomet, "ein roher Knecht ..., betrügt, durch Heucheldienst und Schwärmerei." Vgl. Anm. 54 ff.
[56] II.; zu: Mahomet charakterisiert sich treffend selbst, besser hätte es auch ein Thomas von Aquin, Nikolaus von Kues oder Johannes von Damaskus nicht tun können, vor allem was seine "Raserei" und "Ehrsucht", seinen Götzen Allah betrifft, der inzwischen sogar von einigen christlichen Bischöfen angebetet wird: "Im glüh'nden Sand, auf rauhen Felsenflächen, / Trag' ich, mit dir, der strengen Lüfte Pein, / Und keiner unsrer Krieger duldet besser / Der Heereszüge tausendfält'ge Not. / Für alles tröstet mich die Liebe. Sie allein, / Sie ist mein Lohn, der Arbeit einz'ger Zweck, / Der Götze dem ich räuchre, ja! mein Gott! / Und diese Leidenschaft sie gleicht der Raserei / Der Ehrsucht, die mich über alles hebt." Vgl. Anm. 55 ff. und Kurse Nr. 600 St. Johannes von Damaskus, Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Nr. 568 Nicolaus Cusanus I, Nr. 500 St. Thomas von Aquin: Summa contra Gentiles, Ib.
[57] Ib.
[58] Ib.; zu: Mahomet wird nicht nur in diesem Trauerspiel eine höhere Legitimation abgesprochen, schon von Anfang an war klar, dass die Inspiration nicht göttlichen Ursprungs war: "Wer erteilte dir das Recht zu lehren, uns die Zukunft zu verkündigen, das Rauchfass zu ergreifen und das Reich dir anzumaßen." Vgl. Anm. 56 ff. und Kurse Nr. 625 Theodorus Abucara, Nr. 624 Byzantinische Wissenschaft / Philosophie, Ib.
[59] III 
[60] Ib.
[61] IV
[62] Johann Wolfgang von Goethe, Tancred. Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire I
[63] Ib.
[64] II; zu: Goethe, Voltaire, Victor Hugo und Shelley beschreiben den "Muselmann, der alle Welt bedrängt", wie er Frauen verführt, Verräter rekrutiert,  und seine "Gabe zu gefallen, zu betrügen, Geister zu fesseln, Augen zu verblenden." Man musste auf der Hut sein: "Besonders aber lasst, gerecht und streng, uns gegen der Verräter Tücke wachen." Vgl. Anm. 54 ff. und Kurse Nr. 629 Voltaire, Nr. 622 Victor Hugo, Nr. 628 Percy Bysshe Shelly, Ib.
[65] III
[66] IV
[67] Ib.
[68] V; zu: Im fünfter Aufzug ist der Islam auf Sizilien besiegt: Fels und Wald, im Hintergrund eine Aussicht auf den Ätna. "Soldaten, welche beschäftigt sind, aus Sarazenischer Beute Trophäen aufzustellen. Volk, von verschiedenem Geschlecht und Alter, das sich hinzudrängt. Zu ihnen Ritter und Knappen." In Goethe's Übersetzung des Tancred von Voltaire geht es um das Schicksal der Christenheit im Kampf mit den muslimischen Sarazenen und Türken. Es geht nach Voltaire und Shelley immer darum, das muslimische Joch abzuschütteln, so wie es später die Griechen erfolgreich getan hatten und so ein Vorbild für andere (noch) muslimische Staaten sein können: "Errichtet Siegeszeichen auf dem Platze, Wo diese Wundertaten euch befreit, Und schmücket, fromm, die heiligen Altäre Mit der Ungläub'gen besten Schätzen aus. O! möge doch die ganze Welt von uns, Wie man sein letztes Gut verteidigt, lernen! O möge Spanien, aus seinem Druck, Italien, aus seiner Asche blicken! Ägypten, das zertretne, Syrien, Das fesseltragende". Vgl. Anm. 64 ff. und Kurse 
[69] Ib.; zu: Im Tankred beschreibt Voltaire wie die Welt von Sizilien lernen kann, wie man den Islam ("Glaubensfeind") bekämpft und das Siegeszeichen, das christliche Kreuz, die heilige Dreifaltigkeit, die Madonna mit Kind, aufrichtet und die Zeichen der Moslems (Halbmond, Allah-Schriftzeichen) verbietet, wie ja auch Zeichen anderer Terrororganisationen verboten sind: "Erhebt das Herz in freudigem Gesang / Und Weihrauch lasst dem Gott der Siege wallen! / Ihm, der für uns gestritten, unsern Arm / Mit Kraft gerüstet, sei allein der Dank! / Er hat die Schlingen, hat das Netz zerrissen, / Mit denen uns der Glaubensfeind umstellt. / Wenn dieser hundert überwundne Völker, / Mit ehrnem Stab, tyrannisch niederdrückt; / So gab der Herr ihn heut' in unsre Hand. / Errichtet Siegeszeichen auf dem Platze, / Wo diese Wundertaten euch befreit, / Und schmücket, fromm, die heiligen Altäre / Mit der Ungläub'gen besten Schätzen aus. / O! möge doch die ganze Welt von uns, / Wie man sein letztes Gut verteidigt, lernen! / O möge Spanien, aus seinem Druck, / Italien, aus seiner Asche blicken! / Ägypten, das zertretne, Syrien, / Das fesseltragende, nun auch / Zum Herren, der uns rettete, sich wenden!" Vgl. Anm. 68 ff. und Kurse Nr. 629 Voltaire, Nr. 544 Staats- und Rechtslehre III, Nr. 628 Percy Bysshe Shelly, Ib.
[70] Johann Wolfgang von Goethe, Gedichte, Neugriechisch-Epirotische Heldenlieder.
[71] Ib.; zu: In diesen Heldenliedern beschreibt Goethe die griechischen Widerstandskämpfer wie sie gegen die islamisch-türkische Besatzung vorgehen. Obwohl Griechenland und andere osteuropäische Länder durch Türken verseucht sind und die "Gefilde Türkisch worden", wird man "Keines Pascha's" achten; lieber lebt man frei mit wilden Tieren als mit Türken: "Eh' als mit den Türken leben, / Lieber mit den wilden Tieren!" Vgl. Anm. 70 und Kurse Nr. 623 Johann Ludwig Wilhelm Müller, Johann Wolfgang von Goethe I-II, Nr. 554 Friedrich Hölderlin I-II, Nr. 630 Johann Ludwig Tieck, Nr. 631 Adelbert von Chamisso, Nr. 622 Victor Hugo, Nr. 621 Lord Byron, Nr. 628 Percy Bysshe Shelly, Ib.
[72] Ib.; zu: Auf den griechischen Meeren werden türkische Schiffe ("Türkenschiff") verfolgt und die Ungläubigen angegriffen: "Frisch Gesellen, frisch zur Arbeit! / Auf zum Vorderteil des Schiffes! / Türkenblut ist zu vergießen, / Schont nicht der Ungläubigen." Nutzlos rufen die Ungläubigen ihren Götzen Allah an: "Allah! Allah! schrein um Gnade / Die Ungläubigen auf den Knieen." Vgl. Kurse Nr. 553 Friedrich Schiller II, Nr. 563 Miguel de Cervantes, Nr. 632 Ginés Pérez de Hita, Nr. 633 Luis Vaz de Camões, Nr. 557 Ludovico Ariosto, Nr. 556 Torquato Tasso, Ib.
[73] Ib.
[74] Ib.
[75] Ib.
[76] Zum 31. Oktober 1817 schreibt Goethe über denjenigen, die gegen den türkischen Sultan ("Türkenthron") protestieren; ihnen kann Goethe nämlich durchaus etwas abgewinnen, schließlich will auch er "in Kunst und Wissenschaft wie immer protestieren"; es ist nicht nur Sache der Griechen, dass der Osmane bzw. Türke ("Erbfeind") erfolgreich bekämpft wird und "nichts erreicht", sondern es ist auch "aller Deutschen Sache" - auch wenn der Papst und einige seiner verzagten Pfaffen ("Was auch der Pfaffe sinnt und schleicht") sich auf die Seite der Türken oder Muslime schlagen, wie der heutige Papst auch. Vgl. Anm. 24 f. und 71 ff. sowie Kurse Nr. 633 Luis Vaz de Camões, Nr. 544 Staats- und Rechtslehre III, Nr. 634 Hans Sachs, Ib.
[77] Zu dem Gedicht über Byzanz, die Heldentaten Pippins, Karl Martells, Karl der Große (als es noch nicht von den Türken erobert war), das Goethe am 25. Februar 1824 in das Stammbuch der Frau Hofmarschall von Spiegel schrieb, macht er fogende Anmerkung: "Frau Hofmarschall von Spiegel hatte mir ein neues Album im Jahre 1821 übergeben; es war mir im Augenblick nicht möglich, etwas Gehöriges zu finden, ich behielt mir ein paar weiße Seiten vor. Ende Februar 1824 erbat ich mir das Album wieder und schrieb jenes Gedicht hinein. Die zwei mittleren Stanzen wird man in dem Maskenzuge »Die romantische Poesie« wiederfinden, wo gedachte Dame als Prinzessin von Byzanz mit König Rother im Glanze der Schönheit und Majestät auftrat. Schade, dass solche Erscheinungen nicht festgehalten, ja nicht einmal, wie gute Theaterstücke, wiederholt werden können." Vgl. Anm. 76 und Kurse Nr. 625 Theodorus Abucara, Nr. 624 Byzantinische Wissenschaft / Philosophie, Byzantinische Kunst und Architektur I-III. Ib.
[78] Ib.
[79] Ib.; zu: Damals zur Zeit von Chlothar, Karl Martell, Pippin, Karl der Große, war Byzanz ("Licht der Morgenländer") das große Vorbild für die Europäer. Man kämpfte man gegen die muslimischen Barbaren (Türken, Araber, Mauren, Mohren), so dass mit der Zeit in Europa und Byzanz ein christliches Reich entstand, quasi eine islamfreie Zone. Nach den Merowingern begann der Aufstieg der Karolinger. In der Schlacht zwischen Tours und Poitiers besiegt Karl Martell die Araber unter Abd Ar-Rahman und verhindert so das weitere Vordringen der Araber nach Westen. Viele Helden mit "unbezwungner Kraft", die unter dem Zeichen des Kreuzes gegen die Ungläubigen Muslims kämpften, waren in Klöstern erzogen worden ("Als Pilger klug, als Gast freigebig, prächtig"); von christlichen Helden stammen Pippin und Karl der Große ("Von ihnen stammt Pipin und Karl der Große"). Vgl. Anm. 77 und Kurs  Nr. 630 Johann Ludwig Tieck, Ib. 
[80] Ib.; zu: Bis heute gelten die Heldentaten Pippins, Karl Martells, Karl des Großen als der Beginn des europäischen Staatenbundes und der Reconquista, also der Rückeroberung Europas von den Arabern im Westen und den Türken im Osten. Sie werden von Goethe genauso wie auch von anderen Philhelenen besungen und zuvor von denen, die an der Reconquista beteiligt waren wie Miguel de Cervantes, Luis Vaz de Comoes, Ludovico Ariosto, Torquato Tasso. Auch wenn heute von diesem Geist scheinbar nichts mehr übrig ist, und die Feinde der Christen, die "Räuberhorden" des Sultans und "Christenwürger" (Tieck) sogar vom Papst, von linken italienischen Politikern und der deutschen Bundeskanzlerin gefördert werden (kürzlich hat Italien sogar einen Muslim von einer Muslim-Organisation zurückgekauft), so darf man die Hoffnung doch nicht aufgeben: "Wie denn das Gute, Schöne nimmer schwindet / Und, immer wirkend, immer sich erhält, / Sich ungesäumt zum höchsten Wahren findet, / Als lebend zu Lebendigem gesellt; / Und glücklich ist, wer ihnen sich verbindet, / Beständig bleibt ihm die bewegte Welt." Vgl. Anm. 77 ff. und Kurse Nr. 544 Staats- und Rechtslehre III, Nr. 563 Miguel de Cervantes, Nr. 632 Ginés Pérez de Hita, Nr. 633 Luis Vaz de Camões, Nr. 557 Ludovico Ariosto, Nr. 556 Torquato Tasso, Ib.
[81] Ib.; zu: Wer sich die verzagten Beschlüsse der Bischofskonferenz und des zweiten Vatikanischen Konzils ansieht, wonach die Verbreitung des Islam in Europa indirekt vorangetrieben werden soll, vor ungläubigen Muslimen das Kreuz abgenommen werden soll, der kann Goethe verstehen wenn er ein beherzteres Vorgehen fordert: "Feiger Gedanken / Bängliches Schwanken, / Weibisches Zagen, / Aengstliches Klagen / Wendet kein Elend, / Macht dich nicht frei. / Allen Gewalten / Zum Trutz sich erhalten, / Nimmer sich beugen, / Kräftig sich zeigen, / Rufet die Arme / Der Götter herbei." Vgl. Anm. 76 ff. und Kurse Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Nr. 558 Calderon de la Barca, Ib.
[82] Ib.; zu: Europa und Byzanz sollten frei von "Bestien in dem Götter-Saal" sein, so wie es das Christentum vorsieht: "Gott hat den Menschen gemacht / Nach seinem Bilde; / Dann kam er selbst herab, / Mensch, lieb und milde." Bestien hatten also dort  nichts zu suchen. "Barbaren hatten versucht, / Sich Götter zu machen; / Allein sie sahen verflucht, / Garstiger als Drachen." Selbst der islamische Allah, den Mohammed sich gebastelt hatte, gilt als "Ungeheuer" ("Verwandelte sich Gott zu Ungeheuern?"),  das sich ausserhalb des "Götter-Saals" befindet, weshalb die Mohammedaner seit Karl Martell auch konsequent bekämpft und aus Europa und Byzanz vertrieben wurden. Zur Zeit der Reconquista war fast ganz Afrika muslimisch; für die Höllengeister wurden daher Namen verwendet wie "der schwarze Teufels-Mohr" (Goethe). Vgl. Anm. 54 ff. und Kurs Nr. 633 Luis Vaz de Camões, Ib.
[83] Ib.
[84] Ib.
 
 







Raffael, Auferstehung
 


Kathedrale von Monreale, Sizilien
Die Kathedrale Santa Maria Nuova in Monreale ist die Bischofskirche des Erzbistums Monreale auf Sizilien. Die dem Patrozinium der Aufnahme Mariens in den Himmel geweihte Kathedrale ist eine Basilica minor. Berühmt ist die Kathedrale für die byzantinischen Mosaiken und den Kreuzgang. Zusammen mit dem romannisch-byzantinischen Palermo und der Kathedrale von Cefalù wurde die Kirche 2015 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Die Kathedrale zeigt in besonders eindrucksvoller Weise den rormannisch-byzantinischen Baustil, der zu dieser Zeit in Sizilien verbreitet war. Romanisch ist dabei vor allem der massive Baukörper als Ganzes, byzantinische Stilelemente zeigen sich in den Blendbögen und Intarsien an den Außenmauern, an den Apsiden, und den Goldgrundmosaiken an den Innenwänden der Kathedrale. 

Der Schauplatz des Tancred von Voltaire (Übersetzung Goethe) ist in und bei Syrakus. Die afrikanisch-muslimsichen Sarazenen hatten, im neunten Jahrhundert, ganz Sicilien erobert. Da Syrakus ihr Joch abschüttelte, behielten sie Palermo und Girgenti. Die griechisch-byzantinischen Kaiser besaßen Messina. Es treten auf Tancred, Ritter, aus einer verbannten syrakusanischen Familie, in Byzanz erzogen, Arsir, Ältester des Ritterchors von Syrakus, Ritter von Syrakus: Orbassan, Loredan, Roderich, Aldamon (Soldat), Amenaide, Tochter Arsirs, Euphanie, ihre Freundin, Mehrere Ritter, als Glieder des hohen Rats Knappen, Soldaten, Volk. Es geht darum "Syrakus die Freiheit zu verschaffen", denn "Solamir, der Maure,
Beherrschet Agrigent und Ennas Flur, bis zu des Ätna fruchtbeglücktem Fuß" und droht "Knechtschaft unsrer Stadt". Der Augenblick ist günstig und soll genutzt werden: "Der Muselmannen Größe neigt sich schon, / Europa lernet weniger sie fürchten. / Uns lehrt in Frankreich Karl Martell, Pelag / In Spanien, der heil'ge Vater selbst, / Leo der Große, lehrt, mit festem Mut, / Wie dieses kühne Volk zu dämpfen sei." Die Muslemänner (Muslime) auf Sizilien gehen ihrem Geschäft nach, wie man es sogar vom heutigen türkischen Präsident noch kennt: Verräter besolden, Friedensverträge abschließen, während man zum Krieg rüstet, durch Pseudowissenschaft und Geschichtsklitterung die Menschen beschwatzen, Frauen verführen etc. : "Welch ein Verdruss für uns dass Solamir, / Als Muselmann, in dieser Christeninsel, / Ja selbst in dieser Stadt Verräter soldet, / Uns Friede bietet wenn er Krieg bereitet, / Um uns zu stürzen, uns zu trennen sucht." Goethe, Voltaire, Victor Hugo und Shelley beschreiben den "Muselmann, der alle Welt bedrängt", wie er Frauen verführt, Verräter rekrutiert, und seine "Gabe zu gefallen, zu betrügen, Geister zu fesseln, Augen zu verblenden." (Voltaire)

Im fünfter Aufzug des Tancred ist der Islam auf Sizilien besiegt. In Goethe's Übersetzung des Tancred von Voltaire geht es um das Schicksal der Christenheit im Kampf mit den muslimischen Sarazenen und Türken. Es geht nach Voltaire und Shelley immer darum, das muslimische Joch abzuschütteln, so wie es später die Griechen erfolgreich getan hatten und so ein Vorbild für andere (noch) muslimische Staaten sein können: "Errichtet Siegeszeichen auf dem Platze, Wo diese Wundertaten euch befreit, Und schmücket, fromm, die heiligen Altäre Mit der Ungläub'gen besten Schätzen aus. O! möge doch die ganze Welt von uns, Wie man sein letztes Gut verteidigt, lernen! O möge Spanien, aus seinem Druck, Italien, aus seiner Asche blicken! Ägypten, das zertretne, Syrien, Das fesseltragende".  Im Tankred beschreibt Voltaire wie die Welt von Sizilien lernen kann, wie man den Islam ("Glaubensfeind") bekämpft und das Siegeszeichen, das christliche Kreuz, die heilige Dreifaltigkeit, die Madonna mit Kind, aufrichtet und die Zeichen der Moslems (Halbmond, Allah-Schriftzeichen) verbietet, wie ja auch Zeichen anderer Terrororganisationen verboten sind: "Erhebt das Herz in freudigem Gesang / Und Weihrauch lasst dem Gott der Siege wallen! / Ihm, der für uns gestritten, unsern Arm / Mit Kraft gerüstet, sei allein der Dank! / Er hat die Schlingen, hat das Netz zerrissen, / Mit denen uns der Glaubensfeind umstellt. / Wenn dieser hundert überwundne Völker, / Mit ehrnem Stab, tyrannisch niederdrückt; / So gab der Herr ihn heut' in unsre Hand. / Errichtet Siegeszeichen auf dem Platze, / Wo diese Wundertaten euch befreit, / Und schmücket, fromm, die heiligen Altäre / Mit der Ungläub'gen besten Schätzen aus. / O! möge doch die ganze Welt von uns, / Wie man sein letztes Gut verteidigt, lernen! / O möge Spanien, aus seinem Druck, / Italien, aus seiner Asche blicken! / Ägypten, das zertretne, Syrien, / Das fesseltragende, nun auch / Zum Herren, der uns rettete, sich wenden!" (Voltaire)
 
 



Hier kannst Du Dich direkt für den Fernkurs registrieren 
oder Mitglied der Akademie der Kunst und Philosophie werden 
Allgemeine Infos zu den Kursen

Registration form
How to support the Academy of Arts and Philosophy
More Info
 
 

Johann Wolfgang von Goethe
Akademie der Kunst und Philosophie / Academy of Arts and Philosophy / Colégio des Artes
DI. M. Thiele, President and international Coordinator
Api Review Letters / Science Review Letters
Save the Bees, Bumblebees and Beecolonies
Zentrum fuer wesensgemaesse Bienenhaltung
Centre for Ecological Apiculture
Natural Apitherapy Research Centre
Beetherapy / Academy of Sciences





Zur Philosophie und Kulturgeschichte von Byzanz, des Mittelalters, der Schule von Chartres, der Renaissance, der Aufklärung, des Idealismus, der Romantik vgl. Kurse: Nr. 551 G.W.F. Hegel, Nr. 511 J.G.Fichte, Nr. 509 F.W.J. Schelling, Nr. 505 Arthur Schopenhauer, Nr. 531 Platon, Nr. 533 Aristoteles, Nr. 627 St. Basilius der Große, Nr. 625 Theodorus Abucara, Nr. 624 Byzantinische Wissenschaft / Philosophie, Nr. 623 Johann Ludwig Wilhelm Müller, Johann Wolfgang von Goethe I-II, Nr. 553 Friedrich Schiller I-II, Nr. 554 Friedrich Hölderlin I-II, Nr. 512 Novalis, Nr. 630 Johann Ludwig Tieck, Nr. 631 Adelbert von Chamisso, Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 622 Victor Hugo, Nr. 629 Voltaire, Nr. 621 Lord Byron, Nr. 628 Percy Bysshe Shelly, Nr. 561 Sir Walter Scott, Nr. 555 Angelus Silesius, Nr. 634 Hans Sachs, Nr. 619 Franz Werfel, Nr. 588 Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Nr. 550 Fjodor M. Dostojewskij I-II, Nr. 506 Wladimir Solowjew. Nr. 618 St. Ephraim der Syrer, Nr. 617 St. Cyrill von Alexandrien, Nr. 616 St. Gregor von Nazianz, Nr. 613 St. Gregor von Nyssa, Nr. 612 St. Johannes Chrysostomos, Nr. 611 St. Johannes Cassianus, Nr. 609 St. Athanasius der Große, Nr. 605 St. Irenaeus von Lyon, Nr. 604 St. Hildegard von Bingen, Nr. 600 St. Johannes von Damaskus, Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Nr. 581 Bernhard von Chartres, Nr. 580 Wilhelm von Conches, Nr. 579 Albertus Magnus, Nr. 578 Pierre Abaelard, Nr. 574 Johannes von Salisbury, Nr. 577 Petrus Lombardus, Nr. 576 Gilbert de la Porrée / Gilbert von Poitiers, Nr. 565 Johannes Scotus Eriugena, Nr. 575 Thierry de ChartresNr. 571 Alanus ab Insulis, Nr. 572 Anselm von Canterbury, Nr. 570 St. Hilarius von Poitiers, Nr. 568 Nicolaus Cusanus I, Nr. 568 Nicolaus Cusanus II, Nr. 568 Nicolaus Cusanus III, Nr. 564 St. Ambrosius, Nr. 564 St. Augustinus I, Nr. 601 St. Augustinus II, Nr. 500 St. Thomas von Aquin: Summa contra Gentiles, Nr. 501 St.Thomas Aquinas: Summa Theologica I., Nr. 502 St.Thomas Aquinas, Sth. I-II, Nr. 582 St.Thomas Aquinas, Sth II-II, Nr. 583 St.Thomas Aquinas, Sth. III, Nr. 566 Meister Eckhart, Nr. 562 Dante Alighieri, Nr. 558 Calderon de la Barca, Nr. 563 Miguel de Cervantes, Nr. 637 Lope de Vega I, Nr. 637 Lope de Vega II, Nr. 632 Ginés Pérez de Hita, Nr. 633 Luis Vaz de Camões, Nr. 557 Ludovico Ariosto, Nr. 556 Torquato Tasso, Nr. 552 William Shakespeare II, Nr. 559 Wolfram von Eschenbach, Nr. 560 Walter von der Vogelweide, Nr. 320 Romanische Kunst und Architektur, Nr. 325 Kunst und Architektur der Gothik, Nr. 326 Kunst und Architektur der Renaissance, Nr. 586 Tizian, Nr. 598 El Greco, Nr. 620 Giovanni Battista Tiepolo, Nr. 590 Giovanni Bellini, Nr. 587 Andrea Mantegna, Nr. 595 Jan van Eyck, Nr. 635 Rogier van der Weyden,Nr. 640 Stefan Lochner, Nr. 626 Luca Signorelli, Nr. 610 Piero della Francesca, Nr. 596 Perugino, Nr. 522 Raffael (Raffaello Sanzio), Nr. 523 Sandro Botticelli, Nr. 602 Benozzo Gozzoli, Nr. 606 Fra Angelico,Nr. 607 Pinturicchio, Nr. 593 Filippo Lippi, Nr. 594 Filippino Lippi, Nr. 589 Albrecht Dürer, Nr. 603 Bernard van Orley, Nr. 615 Ambrogio da Fossano detto il Bergognone, Nr. 636 Eugène Delacroix, Nr. 639 Bartolomé Esteban Murillo, Nr. 350 Byzantinische Kunst und Architektur. Akademie der Kunst und Philosophie



Copyright © 2012-2020 Akademie der Kunst und Philosophie
Letzte Bearbeitung:29.06.2020