Akademie der Kunst und Philosophie | Academy of Arts and Philosophy Académie des sciences | Academia de Artes y Filosofía | Accademia del Arte e Filosofia |
Kurs Nr. 676 Lord Byron II |
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Aus dem Inhalt:
1. Vertonungen der Werke ByronsObwohl Robert Schumann schon 1849/50 die mystische Schlussszene von Goethes Faust II bereits als letzten Teil seiner Faust-Szenen mit großem solistischen und chorischen Aufwand vertont hatte, nahm Gustav Mahler diese Szene als Textgrundlage für seine 8. Symphonie, die sogenannte "Symphonie der Tausend". Doktor Faust gibt in Goethes Dichtung von 1831 ein Beispiel für die erlösende Kraft des Geistes der Liebe. Der alte Faust, der ewig und rastlos suchende Mensch, der Mann des Teufelspackts und der Gretchen-Tragödie, der Held verschiedener Abenteuer von der Walpurgisnacht im Harz bis zu seinem Aufenthalt in Griechenland, der Unterstützung des griechischen Freiheitskampfes (Goethe verewigte Lord Byron in der Figur des Euphorion in Faust II. Der Dichter setzte in Euphorion dem für Griechenlands Befreiung von der Türkenherrschaft zu Hilfe geeilten, dort in Missolunghi 1824 verstorbenen Lord Byron ein Denkmal. Die Türken und Moslems folgen ihrem Sultan und ihren Paschas, "den entrollten Lügenfahnen / Folgen alle. - Schafsnatur!", nicht jedoch die Griechen und die Philhelenen wie Euphorion alias Lord Byron; er spricht daher die sich befreienden Griechen an, die sich gegen die Unterdrückung durch die ungläubigen Türken, denen nichts heilig ist ausser ihr Lügenprophet, erheben: "Welche dies Land gebar / Aus Gefahr in Gefahr, / Frei, unbegrenzten Muts, / Verschwendrisch eignen Bluts, / Den nicht zu dämpfenden / Heiligen Sinn – / Alle den Kämpfenden / Bring' es Gewinn."), Faust der Gelehrte, der Magier und Philosoph - er stirbt unter Zukunftsvisionen und im Bewusstsein, "es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn". Die verklärende Schlussszene, die Goethe den Vorwurf einer katholisierenden Tendenz einbrachte, entrückt den toten Faust in eine befreiende Idealform seiner Existenz. Er geht entsühnt und vom Erdenrest gereinigt in das Licht der Liebe ein, nicht zuletzt auf Fürbitte Gretchens, die als "una poenitentium", als Büßerin, erscheint. Goethe war sich bewusst, dass sein Faust II opernhafte Elemente enthält. Schumann und Mahler komponierten quasi ein geläutertes Opernfinale im Sinne eines "Bühnenweihfestspiel", so wie Wagner im Parsifal die Opernbühne in eine Art Kirche umgewandelt hat. Der Schlusschor verkündet, dass alles Irdische nur ein Gleichnis sei - die Kurzformel einer idealistischen Weltanschauung, wie sie von den Philosophen Fichte, Schelling und Hegel begründet und von den Romantikern aufgenommen wurde. Die Töne werden zu Sinnbildern, den Idealisten und Romantikern gemeinsameren Gedankens, dass der Geist die irdische Welt belebt und von ihrer Hinfälligkeit befreit, wobei dieser Geist der Geist der Liebe ist, wie dies Gretchen genaoso bekundet wie der "das Ewig-Weibliche" als beflügelnde Kraft preisende Chorus mysticus. [1]Für die Philosophie in der Romantik spielt die Musik eine wichtige Rolle. In Giuseppe Verdis "Il Corsario" (Libretto Francesco Maria Piave nach Lord Byron) kündigt sich schon der griechische Freiheitskampf an: "dal braccio nostro oppresso / il Musulman cadrà / All'armi, all'armi e intrepidi / cadiam, cadiam sull' empia Luna." (Erdrückt von unserer Übermacht wird der Muselmann unterliegen. Zu den Waffen, zu den Waffen, ohne Verzagen lasst uns den verruchten Halbmond überfallen). Auch die Frauen aus dem Harem sollen befreit werden, denn sie wollen vom Pascha und dem "verruchten Halbmond" nichts mehr wissen: "M'ama Said! io l'odio! / O vile musulman, tu non conosci, / tu non comprendi ancora / qual alma io chiuda in petto!" (Seid liebt mich, doch ich verabscheue ihn. O ekelhafter Muselman, du kennst nicht und kannst noch nicht verstehen die Gefühle meines Herzens). Der Pascha von Coron hat außer seinen hundert Frauen nur noch eins im Kopf: "Nuovi supplizi, / orribili, mai noti / all'uom, al demone, / immaginar saprò." (Neue, furchtbare Foltern, weder von Menschen noch vom Teufel gekannt, werde ich ersinnen). Ohne Freiheit kann es auch keine Liebe geben: "E può la schiava un palpito sentir / per l'oppressore? / Nel core sol dei liberi / sa germogliar l'amore." (Kann das Herz einer Sklavon für ihren Unterdrücker schlagen? Liebe kann nur gedeihen unter freien Menschen). [2] Spätestens seit der Romantik wurde der Rheinfall auf dem Kontinent und den Britischen Inseln zum Begriff. William Turner schuf einige berühmte Gemälde, Lord Byron formulierte die passenden Zeilen. Nach drei Besuchen erwies Johann Wolfgang von Goethe dem Wasserfall sogar im „Faust II“ seine literarische Reverenz: „So bleibe denn die Sonne mit im Rücken! / Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend, / Ihn schau’ ich an mit wachsendem Entzücken. / Von Sturz zu Sturz wälzt er jetzt in tausend, / Dann abertausend Strömen sich ergießend, / Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend. / Allein wie herrlich diesem Sturm ersprießend, / Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer, / Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend, / Umher verbreitend duftig kühle Schauer. / Der spiegelt ab das menschliche Bestreben. / Ihm sinne nach und du begreifst genauer: / Am farbigen Abglanz haben wir das Leben“ Das urbildliche, das Ideale, das sich von unserem wecheltvollen Leben abspiegelt, das sein farbiger Abglanz ist, das ist es, was die Idealisten und Romantiker zum Ausdruck bringen. Das zeigt sich eindrucksvoll in den Gemälden der Maler wie Joseph Mallord William Turner, John Constable, Carl Gustav Carus und Caspar David Friedrich. Fast noch größer dürfte aber die Wirkung der Musik in der Romantik gewesen sein. Vorgemacht hat es Beethoven mit seiner 6. Symphonie ("Patorale"). Die Sätze sind überschrieben mit "Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande", "Szene am Bach", "Lustiges Zusammensein der Landleute", Gewitter, Sturm", "Hirtengesang, frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm". Gefolgt sind ihm Franz Schubert (1797-1828) und Robert Schumann (1810-1856) mit ihren Liederzyklen, Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847), Carl Maria von Weber (1786-1826) mit seinem "Freischütz", Richard Wagner (1813-1883), Franz Liszt (1811-1886), einer der bedeutendsten Vertreter der Programmusik, Hector Berlioz (1803-1869), Charles Gounod (1818-1893), Camille Saint-Saens (1835-1921), Jules Massenet (1842-1912), Georges Bizet (1839-1875) GiuseppeVerdi (1813-1901), Gioacchino Rossini (1792-1868), Antonin Dvorak's Opern "Armida" und Rusalka", Josef Bohuslav Foerster mit dem Beginn des dritten Aktes seiner Oper "Eva" am Ufer der Donau, "im Hintergrund ein weiter, freier Ausblick auf die Landschaft", Bedrich Smetana (1824-1884) mit "Die Moldau" und "Aus Böhmens Hain und Flur" aus seinem Zyklus symphonischer Dichtungen "Mein Vaterland", Frédéric Chopin (1810-1849), der Meister in der Kunst der weitgezogenen Kantilenen, dessen Genialität Robert Schumann früh entdeckte und den Eugène Delacroix portraitierte, Ottorino Respighi (1879-1936), der als Romantiker durch sein Gefühl für poetische Bilder, die Eindrücke und Klänge der Landschaft seine Tondichtungen komponierte wie "Die Vögel", "Drei Bilder von Botticelli", "Pini di Roma", "Fontane di Roma", "Feste di Romane", Gustav Mahler (1860-1911) mit seiner Symphonie Nr. 8, der "Symphonie der Tausend", Richard Strauss (1864-1949) mit seinen Naturbeschreibungen aus "eine Alpensymphonie", Engelbert Humperdinck (1854-1921), Hans Pfitzner (1869-1949) mit seiner musikalischen Legende in drei Akten "Palestrina", Peter Tschaikowsky (1840-1893) mit seiner Symphonischen Phantasie nach Dante op. 32 und seiner "Manfred-Sinfonie" nach Lord Byron op. 58, Sergej Rachmaninow (1873-1943), der sich als Stalin-Kritiker viel entschiedener und freiheitsliebender im Sinne der Romantik erweist als Prokowjew und in dessen Werken wie der Toteninsel op. 29 und seiner Dante-Oper 0p. 25 sich seine Ähnlichkeit mit den Tondichtungen der Spätromantiker wie Richard Strauss und Franz Schreker zeigt. [3] Als Tschaikowski 1884 in Davos war, las er den «Manfred». Der Aufenthalt in der Schweiz stimmte ihn ein, die in den Alpen spielende Dichtung des Lord Byron kompositorisch zu bewältigen. Holzbläserklänge führen in die unstete und fatalistische Welt Manfreds, jenes hypochondrischen Dr. Faustus, wie ihn Goethe nannte. In seiner "Manfred-Sinfonie" nach Lord Byron op. 58, die von Tschaikowsky 1885 vollendet und von Balakirew in Auftrag gegeben wurde, hat der erste Satz folgendes Vorwort: "Manfred wandert in den Alpen. Gequält von Zweifeln, Gewissensbissen und Hoffnungslosigkeit ist seine Seele namenlosen Leiden ausgesetzt. Weder die mystischen Wissenschaften, deren Geheimnisse er geweissagt hat und durch die die Geister der Unterwelt zu seiner Verfügung stehen, noch irgendetwas anderes kann ihm Vergessen bringen, wonach ihm sehnlichst verlangt. Die Erinnerung an Astarte, die er liebte und verloren hat, brennt in seiner Brust. Nichts kann das Unglück lindern, dass in Manfreds Seele brennt und ihn endlos und unbarmherzig den Höllenqualen der Verzweiflung aussetzt." Im zweiten Satz erscheint die Alpenfee Manfred im Regenbogen des Wasserfalls. Aus dem Espressivo-Thema erwächst der Anklang an das Manfred-Thema, das wie eine Idée fixe das Werk durchzieht. Der dritte Satz ist "Pastorale" überschrieben, "das einfache, freie und friedvolle Leben der Bergbewohner." Ein fröhliches Siziliano, von Dudelsackklängen unterbrochen, eröffnet den Satz. Manfred möchte sich den Landleuten anschließen, ausdrucksvoll blüht das Reigenthema auf, mit emphatischer Variante im Nachsatz. Was folgt ist eine Art Bacchanal des Arimanes, in dem er und sein "Teufelsanhang" gepriesen werden. Ein üppiges Bacchanal im Palast des Ariman und ein wilder russischer Tanz beherrschen den Anfang des Schlusssatzes. Manfred distanziert sich aber von Ihnen Das Werk hebt an mit drei thematischen Elementen, die in anderen Sätzen wiederkehren. Das erste und bedeutendste ist das Manfred-Thema, das gleich zu Beginn von der Bassklarinette und den Fagotten gespielt wird. Der Mittelteil ist ein Andante in D-dur, in dem das Astarte-Thema, das von den gedämpften Violinen vorgetragen wird. [4] Der Schauplatz des Manfred-Dramas ist in den Hochalpen, teils in Manfreds Schloss, teils in den Gebirgen. Im zweiten Akt in einem tieferen Tal in den Alpen, am Wasserfall ruft er die Fee, die ihm aber nicht weiter helfen kann. Die vierte Szene spielt in der Halle des Arimanes, er sitzt "auf seinem Throne, einer Feuerkugel, von Geistern umgeben". Die "Hymne der Geister", die ihm dienstbar sind loben ihn wie die Moslems ihren Allah: "Heil uns'rem Meister! Fürst von Luft und Land! / Auf Wolken geht und Wassern er einher, / Der Elemente Zepter in der Hand, / Der sie zum Chaos wirrt, gebietet er! / Er haucht – und Sturm zerschlägt die Meeresflut, / Er spricht – und Wolken donnern Antwort rund, / Er blickt – und gäh' verlischt der Sonne Glut, / Er kommt – und bebend platzt der Erde Grund; / Wohin er tritt, erhebt sich ein Vulkan, / Sein Schatten ist die Pest, vor seinem Pfad / Läuft der Komet und knarrt der Himmelsplan; / Gestirn wird Asche, wenn er zürnend naht. / Vom Krieg sind täglich Opfer ihm geweiht; / Ihm zahlt der Tod Tribut; der Lebenshauch / Mit aller seiner Schmerzunendlichkeit, / Und jeder Geist ist sein, wo immer auch." Die fatalistischen Geister rufen im Sinne der islamischen Philosophie: "Ruhm, Arimanes, dir! Wir, die den Nacken / Der Menschen beugen, beugen uns. vor dir. / ... Ruhm, Arimanes, dir! Wir harren auf Dein Winken." Als Manfred erscheint, soll er Arimanes sklavenartig anbeten wie es noch heute in den Moscheen üblich ist: "Knie nieder, Sklav'! bet'an! Wie? du erkennst / Nicht dein und unsern Herrn? Beb'und gehorch! / ... Wirf nieder dich in den verfluchten Staub! / Befürcht' das Ärgste sonst. / ... Und wagst zu weigern / Vor Arimanes Thron, was alle Welt / Gewährt – die Schrecken seiner Herrlichkeit / Nicht in Beachtung ziehend? Bück' dich! sag' ich." Manfred antwortet, er solle sich erst vor Christus beugen: "Lass' ihn sich erst vor seinem Höhern beugen, / Dem unbeschränkten Oberherrn, dem Schöpfer, / Der zur Verehrung ihn nicht schuf. Er knie – / Wir knien dann vereint. / ... Zermalmt den Wurm! / Reißt ihn in Stücke!" Schließlich erkennen die Geister aber, dass er sich nicht täuschen lässt wie ein einfacher "Tropf" oder Moslem. Manfred will seine Astarte wiedersehen, was ihm auch für kurze Zeit gewährt wird. Im dritten Akt, Die Sonne sinkt schon in die Berge, wird deutlich, dass er nicht die falschen Götter wie Arimanes oder Allah mit ihrem "Teufelsanhang" verehrt, sondern den echten Schöpfer Christus: [5] "Strahlenkugel! Abgott
einst
Manfred hat keine Angst vor dem Tod, weil er keine Angst vor den Lügengeistern und ihrer Rotte hat: "Ich kämpfe
mit dem Tod nicht, nur mit Dir
Du hast an mir Gewalt
nicht – dieses fühl' ich;
2. Missolonghi als Symbol für den Freiheitskampf, den griechischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Türken im neunzehnten Jahrhundert; der Türke als geköpfter Truthahn mit Turban
Byron begnügte sich nicht mit seinem offiziellen Auftrag, sondern legte Eigenkapital obendrauf, das er aus dem Verkauf seines Familiensitzes mitgebracht hatte. Das Geld setzte er unter anderem für die Finanzierung einer Privatarmee, der „Byron-Brigade“, ein. Kurz darauf verstarb Byron, sechsunddreißig Jahre alt, mutmaßlich an Sumpffieber oder Aderlasskomplikationen. Die Grabrede, die auf ihn gehalten wurde, ging um die Welt, unter anderem erschien sie im Dresdner „Literarischen Conversationsblatt“. Als 1826, zwei Jahre nach seinem Tod, fast die ganze Bevölkerung des inzwischen zum dritten Mal belagerten Missolonghi einen Exodus versuchte, der in ein Massaker durch die Osmanen mündete, wurde der Ort zum Inbild des edlen Freiheitskampfes. "Er war auch in Deutschland Referenzpunkt von Lehrstücken, Kompositionen, Gemälden, zahlreichen Druckgraphiken und sogar Bildmotiv auf einem Kartenspiel. Während diese Wirkung im Rest Europas längst vergessen ist, hat Griechenland darauf noch heute sein Nationalgefühl gebaut. Derzeit lassen sich anhand von griechischen Ausstellungen Einblicke in die damaligen Dynamiken gewinnen, die – obwohl sie unter anderen historischen Vorzeichen stattfanden – heutigen teils überraschend ähnlich sind. Mit Abstand die interessanteste Annäherung leistet das Benaki Museum für griechische Kultur in Athen, was noch mehr für den griechisch-englischen Ausstellungskatalog „Messolonghi“ mit dem Untertitel „200 Jahre seit dem Exodus“ gilt. Auch die griechische Nationalbibliothek, die inzwischen zentrumsfern vom Stiftungsgiganten Stavros Niarchos in einem modernen Ausfallstraßenpalast beherbergt wird, widmet sich dem Mythos. Und Missolonghi selbst hat ein ganzes Themenjahr ausgerufen. Als Highlight wird Eugène Delacroix’ 1826 angefertigtes Gemälde „Griechenland auf den Ruinen von Missolonghi“ präsentiert, das aus Bordeaux ausgeliehen wurde." [7] Der Maler Theodoros Vryzakis hat Byrons Ankunft in Missolonghi 1861 nachträglich gemalt. Heute hängt sein Werk themengerecht in der griechischen Nationalgalerie in Athen. Missolonghi gilt in Griechenland als „Hiera Polis“, heilige Stadt, ein Beiname, der einzigartig ist und aufgrund seiner ikonographischen Funktion verliehen wurde. Selbst das Benaki Museum kratzt nicht an diesem Image, sondern übernimmt die Bezeichnung in seiner Marketingstrategie. Im beginnenden neunzehnten Jahrhundert war denn auch nicht abzusehen, welche Rolle der vom Sumpffieber gezeichnete Ort historisch bald spielen würde. Seine Lage allerdings bot dafür eine wichtige Voraussetzung: einerseits am Westende des Osmanischen Reichs, als Vorposten des Golfs von Korinth, über den ein großflächiger Zugang zu Zentralgriechenland besteht, andererseits an der Grenze zum britischen Protektorat der Ionischen Inseln. Aber die eigentliche Bedeutung des Ortes verdankt sich, folgt man den Fäden, die von den diesjährigen Ausstellungen ausgelegt werden, der wirksamen medialen Strategie, sowohl in Schrift- als auch in Bildform, die von den Revolutionsunterstützern rund um Lord Byron genutzt wurde. "So waren nicht nur der wichtige griechische Freiheitskämpfer und Politiker Alexandros Mavrokordatos sowie der gefürchtete Souliotenkämpfer Markos Botsaris zeitweise in Missolonghi, sondern mit dem britischen Colonel Stanhope auch ein engagierter Verfechter der freien Presse. Er sorgte dafür, dass in der Kleinstadt eine der beiden ersten in Griechenland überhaupt produzierten Zeitungen herausgegeben wurde: „Ellinika Chronika“. Das Blatt wurde maßgeblich geprägt von einem weiteren europäischen Freiwilligen und griechischen Helden: Johann Jakob Meyer. ... Sowohl griechische Revolutionsnachrichten wurden von ihm verbreitet als auch internationale Entwicklungen. Eigentlich waren, so schreibt der Ideenhistoriker Aristides Hatzis von der Universität Athen, sogar vier griechische Zeitungsprojekte von den britischen Philhellenen geplant, aufgrund der Instabilität vieler Regionen mussten jedoch Abstriche gemacht werden. Weil in den Ausbau der Postwege investiert wurde, konnte dennoch für eine möglichst große Verbreitung der Blätter gesorgt werden. Sogar eine internationale Zeitung erschien, unter italienischem Mandat, von Missolonghi aus. Hatzis verweist auch auf einen bezeichnenden Interessenkonflikt, der sich zwischen Stanhope und Byron entwickelte. Kurz gesagt, war der Dichter für Zensur, der Colonel dagegen: „Wenn das Ziel der Revolution die Freiheit war, wie wäre es dann zu rechtfertigen, die freie Rede einzuschränken?“ Die Zensur zu beseitigen, sei für Stanhope eine der wichtigsten Aufgaben einer Revolution gewesen. ... Dennoch hat sich Stanhopes Engagement nach Einschätzung von Aristides Hatzis letztlich bewährt: Die Presse-Infrastruktur habe dazu beigetragen, überhaupt erst ein politisches Vokabular für den Freiheitskampf zu entwickeln und zu verbreiten. Das heißt, dass es damit in den bildungsfern gehaltenen griechischen Gebieten nicht nur Guerillas, sondern auch Diskurse als „Waffen“ gab. Als Ideenphilosoph hält es Hatzis sogar für wahrscheinlich, dass sich auf dieser Grundlage dann zwanzig Jahre später die Vision eines Verfassungsstaates durchsetzen konnte. ... Dass es überhaupt so weit kommen konnte, dafür spielte wiederum auch die andere Seite des liberalen Spektrums eine Rolle, indem sie dafür sorgte, dass die Emotionalisierung der Massen vereinbar blieb mit den politischen Interessen der Großmächte. Denn ohne den Einsatz der eigentlich rivalisierenden Hegemonialmächte England, Frankreich und Russland hätte der Befreiungsschlag der Griechen kaum zum Erfolg geführt. In einem außergewöhnlichen Kräfteverband, der geopolitische mit humanitären Interessen vereinte, schufen die drei „Alliierten“ 1827 mit der Schlacht von Navarino gegen die osmanisch-ägyptische Flotte die Voraussetzung für einen unabhängigen griechischen Staat. Dessen Funktion als Pufferzone gegen das Osmanische Reich konnte als gemeinsamer Nenner der Verbündeten gelten. ... Daher war es ihnen in den kommenden Jahren wichtig, für die Stabilität des neuen Landes zu sorgen. Als sich die Situation in den Augen der Protektoratsmächte als zu heikel herausstellte, einigten sie sich darauf, einen geeigneten Monarchen zu suchen, um das Land in den Griff zu bekommen. Da Prinz Leopold von Sachsen-Coburg schon Pläne für Belgien hatte, fiel die Wahl schließlich auf den sechzehnjährigen Prinz Otto, den zweiten Sohn von Ludwig I., König von Bayern. Otto wurde volljährig, lernte Griechisch und ging in seiner neuen Rolle auf. Eine konstitutionelle Monarchie aber lehnte er ab. Letztlich musste er dem innenpolitischen Druck jedoch nachgeben. 1844 wurde die griechische Verfassung eingeführt. Was die innenpolitischen Unruhen nicht beruhigen konnte. Nachdem Otto wegen seiner strategischen Russenfreundlichkeit international in Misskredit geraten war, verlor er den Rückhalt und musste 1862 abdanken. Zurück in Bayern, soll er jeden Tag eine griechische Konversationsstunde abgehalten haben und mit den Worten „Griechenland, mein geliebtes Griechenland“ gestorben sein. Wenn der freien Presse sowie dem Ringen darum für die Entwicklung der internationalen Solidarität einerseits und der Entwicklung des griechischen Staates andererseits ein wichtiger Stellenwert beigemessen wird, so kommt dieser Effekt nicht ohne ein weiteres Element als öffentlichkeitswirksames Pendant aus: der Druckgraphik. Sie war der emotionale Teilchenbeschleuniger jener Zeit. In einem Europa und Amerika mit Alphabetisierungsraten unter fünfzig Prozent fiel Bilddrucken eine große Rolle beim Zugang zum Weltgeschehen zu. Besonderer Anteil dabei wird im Athener Benaki Museum den deutschen Verlagen bescheinigt. Allen voran dem in Nürnberg tätigen Friedrich Campe – der außerdem erster Vorsteher des Börsenvereins Deutscher Buchhändler war. Von der auf Druckgraphiken spezialisierten John Robertson Stiftung wird Campe sogar die Erfindung der Bildreportage nachgesagt." Im gesamten neunzehnten Jahrhundert erschienen in Deutschland sowie in der deutschsprachigen Schweiz Almanache und Kalender mit Illustration zur griechischen Revolution. Selbst die mehrfach aufgelegten „Illustrationen zur Allgemeinen Weltgeschichte“ von 1843 unter Beteiligung des Bestseller-Historikers Carl von Rotteck berücksichtigten den Exodus von Missolonghi, und das Seite an Seite mit dem Sturm auf die Bastille. Es geht um Christentum und Heldentum im Gegensatz zum Barbaren- bzw. Heidentum der Osmanen. Auch aus England stammen gewitzte politische Karikaturen zum Beispiel von William Heath, der unter anderem Mitbegründer des Karikaturenmagazins „The Glasgow Looking Glass“ war und dessen Werk im Britischen Museum schlummert. Auf einer anderen Karikatur ist der Felsbrocken winziger gehalten, und ein noch kleinerer Grieche kniet darauf: Brocken und Kniender werden von einem riesigen Bären mit russischer Zarenkrone entführt, während Engländer, Franzosen und Österreicher empört ihren Anteil fordern und dem Miniaturgriechen die Worte „Bewahre mich vor meinen Freunden“ in den Mund gelegt werden. Das Ganze spielt sich über einem geköpften Truthahn mit Turban ab. [8] Anmerkungen [1] Wissenschaftsbriefe
/ Science Review Letters 2022,
21, Nr. 1322; vgl. Kurse Nr.
621 Lord Byron I, Nr. 676 Lord Byron
II, Nr. 667 Romantische
Kunst und Philosophie I, Nr.
669 Romantische Kunst und Philosophie II, Johann
Wolfgang von Goethe I-II, Nr.
673 Johann Wolfgang von Goethe III, Nr.
622 Victor Hugo I, Nr. 674 Victor
Hugo II, Akademie der Kunst und Philosophie
Eine gewitzte politische
Karikatu von William Heath, der unter anderem Mitbegründer des Karikaturenmagazins
„The Glasgow Looking Glass“ war und dessen Werk im Britischen Museum zu
sehen ist. Auf dieser Karikatur ist ein Felsbrocken zu sehen und ein Grieche
kniet darauf: Brocken und Kniender werden von einem riesigen Bären
mit russischer Zarenkrone entführt, während Engländer, Franzosen
und Österreicher empört ihren Anteil fordern und dem Miniaturgriechen
die Worte „Bewahre mich vor meinen Freunden“ in den Mund gelegt werden.
Das Ganze spielt sich über einem geköpften Truthahn mit Turban
ab, der die besiegten Türken darstellt.
Akademie
der Kunst und Philosophie / Academy of Arts and Philosophy
Allgemeine
Infos zur Akademie der Kunst und Philosophie und den Kursen
Zur Philosophie und Kulturgeschichte von Byzanz, des Mittelalters, der Schule von Chartres, der Renaissance, des Barock, der Aufklärung, des Idealismus, der Romantik vgl. Kurse:Nr. 551 G.W.F. Hegel I, Nr. 660 G.W.F. Hegel II, Nr. 511 Johann Gottlieb Fichte I, Nr. 658 Johann Gottlieb Fichte II, Nr. 509 F.W.J. Schelling I, Nr. 510 F.W.J. Schelling II, Nr. 513 F.W.J. Schelling III, Nr. 505 Arthur Schopenhauer I-II, Nr. 663 Arthur Schopenhauer III, Nr. 531 Platon, Nr. 533 Aristoteles, Nr. 623 Johann Ludwig Wilhelm Müller, Nr. 020 Johann Wolfgang von Goethe I-II, Nr. 673 Johann Wolfgang von Goethe III, Nr. 553 Friedrich Schiller I-II, Nr. 675 Friedrich Schiller III, Nr. 554 Friedrich Hölderlin I-II, Nr. 512 Novalis I, Nr. 671 Novalis II, Nr. 677 Jean Paul, Nr. 667 Romantische Kunst und Philosophie I, Nr. 669 Romantische Kunst und Philosophie II, Nr. 630 Johann Ludwig Tieck, Nr. 631 Adelbert von Chamisso,Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 693 Guy de Maupassant, Nr. 694 Honore de Balzac, Nr. 665 Molière, Nr. 622 Victor Hugo I, Nr. 674 Victor Hugo II, Nr. 629 Voltaire I-II, Nr. 678 François Rabelais, Nr. 679 Laurence Sterne, Nr. 621 Lord Byron I, Nr. 676 Lord Byron II, Nr. 628 Percy Bysshe Shelly, Nr. 561 Sir Walter Scott, Nr. 555 Angelus Silesius, Nr. 634 Hans Sachs, Nr. 619 Franz Werfel, Nr. 680 Nikos Kazantzakis, Nr. 588 Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Nr. 550 Fjodor M. Dostojewskij I-II, Nr. 506 Wladimir Sergejewitsch Solowjow, Nr. 664 Philosophie der Kunst, Nr. 661 Philosophie der Geschichte I, Nr. 686 Philosophie der Geschichte II, Nr. 687 Philosophie der Geschichte III, Nr. 687 Philosophie der Geschichte IV, Nr. 687 Philosophie der Geschichte V, Nr. 691 Philosophie der Geschichte VI, Nr. 691 Philosophie der Geschichte VII, Nr. 659 Wissenschaftslehre I, Nr. 666 Wissenschaftslehre II, Nr. 681 Wissenschaftslehre III, Nr. 682 Wissenschaftslehre IV, Nr. 683 Wissenschaftslehre V, Nr. 684 Wissenschaftslehre VI, Nr. 685 Wissenschaftslehre VII, Nr. 545 Sittenlehre I-II, Nr. 614 Sittenlehre III, Nr. 544 Staats- und Rechtslehre I-II, Nr. 641 Staats- und Rechtslehre III, Nr. 644 Staats- und Rechtslehre IV, Nr. 655 Staats- und Rechtslehre V, Nr. 618 St. Ephraim der Syrer, Nr. 617 St. Cyrill von Alexandrien, Nr. 616 St. Gregor von Nazianz, Nr. 613 St. Gregor von Nyssa, Nr. 612 St. Johannes Chrysostomos, Nr. 611 St. Johannes Cassianus, Nr. 627 St. Basilius der Große, Nr. 625 Theodorus Abucara, Nr. 624 Byzantinische Wissenschaft / Philosophie, Nr. 653 St. Cyprianus, Nr. 609 St. Athanasius der Große, Nr. 605 St. Irenaeus von Lyon, Nr. 604 St. Hildegard von Bingen, Nr. 600 St. Johannes von Damaskus,Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Nr. 581 Bernhard von Chartres, Nr. 580 Wilhelm von Conches, Nr. 578 Pierre Abaelard, Nr. 574 Johannes von Salisbury, Nr. 577 Petrus Lombardus, Nr. 576 Gilbert de la Porrée / Gilbert von Poitiers, Nr. 565 Johannes Scotus Eriugena, Nr. 575 Thierry de Chartres, Nr. 571 Alanus ab Insulis, Nr. 572 Anselm von Canterbury, Nr. 570 St. Hilarius von Poitiers, Nr. 568 Nicolaus Cusanus I, Nr. 568 Nicolaus Cusanus II, Nr. 568 Nicolaus Cusanus III, Nr. 564 St. Ambrosius, Nr. 564 St. Augustinus I, Nr. 601 St. Augustinus II, Nr. 654 St. Augustinus III, Nr. 579 St. Albertus Magnus, Nr. 500 St. Thomas von Aquin I, ScG, Nr. 501 St.Thomas von Aquin II, Sth I., Nr. 502 St.Thomas von Aquin III, Sth. I-II, Nr. 582 St.Thomas von Aquin IV, Sth II-II, Nr. 583 St.Thomas von Aquin V, Sth. III, Nr. 566 Meister Eckhart, Nr. 562 Dante Alighieri I-II, Nr. 672 Dante Alighieri III, Nr. 558 Calderón de la Barca, Nr. 648 Calderón de la Barca II, Nr. 650 Calderón de la Barca III, Nr. 651 Calderón de la Barca IV, Nr. 563 Miguel de Cervantes I, Nr. 645 Miguel de Cervantes II, Nr. 637 Lope de Vega I, Nr. 638 Lope de Vega II, Nr. 642 Lope de Vega III, Nr. 643 Lope de Vega IV, Nr. 652 Juan Ruiz de Alarcón, Nr. 632 Ginés Pérez de Hita, Nr. 633 Luis Vaz de Camões, Nr. 557 Ludovico Ariosto I-II, Nr. 668 Ludovico Ariosto III, Nr. 556 Torquato Tasso, Nr. 552 William Shakespeare I-II, Nr. 559 Wolfram von Eschenbach, Nr. 560 Walter von der Vogelweide, Nr. 662 Gottfried von Strassburg, Akademie der Kunst und Philosophie / Académie des sciences Nr.
320 Romanische Kunst und Architektur, Nr.
350 Byzantinische Kunst und Architektur, Nr.
325 Kunst und Architektur der Gothik, Nr.
326 Kunst und Architektur der Renaissance, Nr.
586 Tizian, Nr. 591 Paolo Veronese,
Nr.
597 Correggio, Nr. 670 Annibale
Carracci,
Nr. 520 Rembrandt, Nr.
598 El Greco,
Nr. 620
Giovanni Battista Tiepolo, Nr.
590 Giovanni Bellini,
Nr. 656 Andrea
Solari, Nr. 657 Bernadino Luini,
Nr.
587 Andrea Mantegna,
Nr. 595 Jan van
Eyck,
Nr. 635 Rogier van der
Weyden, Nr. 640 Stefan Lochner,
Nr.
646 Michael Pacher,
Nr. 647 Peter
Paul Rubens, Nr. 649 Giotto di
Bondone,
Nr. 626 Luca Signorelli,
Nr.
610 Piero della Francesca,
Nr. 596 Perugino,
Nr.
522 Raffael (Raffaello Sanzio), Nr.
523 Sandro Botticelli, Nr. 602 Benozzo
Gozzoli,
Nr. 606 Fra Angelico,
Nr.
607 Pinturicchio, Nr. 608 Domenico Ghirlandaio,
Nr.
593 Filippo Lippi,
Nr. 594 Filippino
Lippi,
Nr. 589 Albrecht Dürer,
Nr.
603 Bernard van Orley, Nr. 615 Ambrogio
da Fossano detto il Bergognone, Nr. 636
Eugène Delacroix,
Nr. 639 Bartolomé
Esteban Murillo, Nr. 690
Caspar David Friedrich, Akademie der Kunst und Philosophie
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