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Kurs Nr. 695 Emanuel von Swedenborg 


In uns gibt es zwei voneinander verschiedene Geschöpfe; nach Swedenborg ist der Engel das Individuum, bei dem das »Innere Wesen« über das »Äußere Wesen« triumphiert. Wenn er, aus Mangel an tieferer Erkenntnis seines Schicksals, das körperliche Leben vorherrschen lässt, anstatt das geistige zu stärken, gehen alle seine Kräfte in das Spiel seiner äußeren Sinne über, und der Engel geht langsam durch diese Materialisierung beider Naturen ein. Die unendlich vielen Besonderheiten, die die Menschen voneinander unterscheiden, lassen sich nicht anders erklären, als durch diese Doppelexistenz: sie machen sie verständlich und beweisen sie. Tatsächlich sollte uns der Unterschied, der zwischen einem Menschen besteht, dessen unlebendiger Geist ihn zu einer offenbaren geistigen Stumpfheit verdammt, und demjenigen, dessen innere Sehergabe ihn mit irgend einer Kraft ausgestattet hat, annehmen lassen, dass zwischen dem Geist und dem gewöhnlichen Sterblichen derselbe Unterschied bestehe wie zwischen dem Blinden und dem Sehenden.

Für die normalen Menschen gab es die Religionen, nur Mohammed hat für die wilden und einfältigen Araber aus diesen Religionen den Koran zusammengeschrieben, "und passte alles dem Geiste der Araber an"

Gerard David, Jungfrau und Kind mit vier Engeln, 1510

 

 
 
 
 
 

 

Aus dem Inhalt:
 

1. Leben und Werk

Emanuel von Swedenborg (eigentlich Swedberg; 29. Januar 1688 bis 1772) war ein schwedischer Wissenschaftler, Mystiker und Theosoph. Emanuel Swedenborg wurde als Sohn des Theologen und späteren Bischofs von Västergötland Jesper Swedberg geboren und studierte an der Universität Uppsala Philologie und Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften, daneben auch Theologie. Er bereiste 1710–1714 England, Holland, Frankreich und Deutschland. 1716 wurde er Assessor des Bergwerkskollegiums zu Stockholm. In dieser Stellung fiel er durch mehrere mechanische Erfindungen auf. Zur Belagerung von Frederikshall ließ er 1718 sieben Schiffe auf Rollen fünf Stunden lang über Berg und Tal transportieren. Dies sowie seine Schriften über die Algebra, den Wert von Münzen, den Planetenlauf, Ebbe und Flut und weitere Themen hatten zur Folge, dass Königin Ulrike ihn 1719 unter dem Namen Swedenborg adelte. In den folgenden Jahren bereiste er die schwedischen, sächsischen sowie später auch die böhmischen und österreichischen Bergwerke. In seinen Opera philosophica et mineralogica entwickelte er auf Grundlage ausgedehnter Studien über Gegenstände der Naturwissenschaften und der angewandten Mathematik ein System der Natur, in dessen Mittelpunkt die Idee eines notwendigen mechanischen und organischen Zusammenhangs aller Dinge stand. Nach neuerlichen Reisen (1736–1740) durch Deutschland, Holland, Frankreich, Italien und England wandte er sein Natursystem in den Schriften Oeconomia regni animalis (London 1740–1741), Regnum animale (Bände 1–2, Haag 1744; Band 3, London 1745) und De cultu et amore Dei (London 1740, 2 Bände) auch auf die belebte Schöpfung, und im Besonderen auf den Menschen, an. Bei seinen Besuchen in London besuchte er auch die Fetter Lane Society der Herrnhuter Brüdergemeine. Swedenborg wandte sich von nun an ausschließlich theosophischen Studien zu. Hierdurch wollte er sich auf einen von Gott selbst ihm eingegebenen Beruf vorbereiten, der in der Gründung einer Neuen Kirche bestehen würde. Diese sei bereits im neutestamentlichen Buch der Offenbarung verheißen. Swedenborg glaubte diese Mission zu erfüllen, indem er das Wort Gottes in der (nach seinem Sinn) wahren Bedeutung auslegte, ein vollständiges System einer neuen Religionslehre aufstellte und die Natur des Geisterreiches und dessen Zusammenhang mit der Menschenwelt in Visionen enthüllte, von denen mehrere die Aufmerksamkeit Kants erregten und diesen veranlassten, sich in der Schrift Träume eines Geistersehers (1766) mit Swedenborg als einem „Kandidaten des Hospitals“ und „Erzphantast unter allen Phantasten“, der ihn mit seinen Berichten aus der Welt jenseits des Todes in ein „Schlaraffenland der Metaphysik“ verschleppen wolle, kritisch auseinanderzusetzen. Das Werk Arcana caelestia bezeichnete Kant als „acht Quartbände voll Unsinn“. Die Reaktion ist für Kant, der auch als "klappernde Denk- und Rechenmaschine" bezeichnet wurde, verständlich. Um seine Ideen ungestört verwirklichen zu können, gab Swedenborg 1747 seine amtliche Stellung auf. In den nachfolgenden Jahren lebte er von einer königlichen Pension. 

Die Zahl seiner Anhänger nahm langsam zu; sie verbreiteten sich, wenn auch nur sporadisch, über Schweden, Polen, England und Deutschland. Am meisten fasste die Neue Kirche oder Kirche des neuen Jerusalem (engl. New Church, New Jerusalem Church) in England Fuß, später auch in Nordamerika. Aus theologischer Sicht gibt es Gegensätze zu anderen christlichen Glaubensrichtungen. Swedenborg kritisiert das Dogma der Trinität, die Vorstellung von der Erbsünde, die Prädestination und die lutherische Rechtfertigungslehre. 

Der Swedenborg-Anhänger Charles Bonney, Mitglied der Chicagoer Swedenborg Church, begründete 1893 anlässlich der Weltausstellung in Chicago das 1. Weltparlament der Religionen. Er wollte die materialistische, triumphale Weltindustriemesse durch ein spirituelles Welttreffen der Religionen ergänzen. Auf besonderen Zuspruch traf seine Idee vor allem bei den modernen Theosophen, welche insbesondere durch Henry Steel Olcott und Annie Besant als festes Programm eine „Bruderschaft der Religionen“ vertraten und heute noch vertreten.

Als beeinflusst gelten: Joseph Beuys, Paul Gauguin, Honoré de Balzac, Charles Baudelaire, William Blake, Jorge Luis Borges, Thomas Carlyle, Fjodor Dostojewski, Robert Frost, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, E. T. A. Hoffmann, Henry James, Johann Heinrich Jung-Stilling, Helen Keller, Richard Matheson, August Strindberg, Martin Walser, Franz Werfel, William Wordsworth, William Butler Yeats, Arnold Schönberg, Anton Webern, Franz von Baader, Ralph Waldo Emerson, Karl Christian Friedrich Krause, Friedrich Schelling, Arthur Schopenhauer, Daisetz Teitaro Suzuki, Gordon Allport, Gustav Theodor Fechner, William James, C.G. Jung, Johann Friedrich Oberlin, Friedrich Christoph Oetinger.

Werke u.a. Arcana coelestia, 8 Bände. London 1749–1756. Deutsche Ausgabe hrsg. von Johann Friedrich Immanuel Tafel, 13 Bände; Tübingen 1833–1842. Deutsch: Himmlische Geheimnisse, 16 Bände; Übersetzung von Johann Friedrich Immanuel Tafel; Tübingen 1842–1870; De Coelo et eius mirabilibus, et de inferno. London 1758. (Himmel und Hölle); 1873; De nova Hierosolyma et ejus doctrina. London 1758: (Vom Neuen Jerusalem und seiner himmlischen Lehre; 1860; Apocalypsis explicata. London 1761: (Die Offenbarung erklärt nach dem geistigen Sinn, 4 Bände); 1824–1831; Apocalypsis revelata. 1766. (Die Enthüllte Offenbarung); Vera christiana religio. London 1771. (Die Wahre Christliche Religion, 3 Bände; 1855–1858. [1] 
 

2. Seine Philosophie nach Balzacs Comédie Humaine

Zur Beschreibung seiner Philosophie/Theosophie eignet sich der Roman Lambert aus der Comédie Humaine (Die menschliche Komödie). [2] 

Geist die Mysterien: »Oft«, so sagte er mir, wenn er von seiner Lektüre sprach, »oft habe ich wunderbare Reisen gemacht, indem ich mich auf einem Wort in die Abgründe der Vergangenheit einschiffte, wie das Insekt auf einem Grashalm einen Fluss hinuntertreibt. Von Griechenland aus ging ich nach Rom und durchquerte den weiten Raum des modernen Zeitalters. Was für ein schönes Buch könnte man da nicht zustande bringen, wenn man das Leben und die Abenteuer eines Wortes schriebe? Es hat von den Ereignissen, denen es gedient hat, sicherlich die verschiedensten Eindrücke erhalten; je nach dem Orte hat es die verschiedensten Ideen erweckt; aber ist es nicht noch größer, wenn man es unter dem dreifachen Gesichtspunkt von Seele, Körper und Bewegung betrachtet? Und wenn man von seinen Funktionen, seinen Wirkungen und Handlungen absieht und es nur an sich betrachtet, versinkt man da nicht in ein Meer von Reflexionen? Tragen nicht die meisten Worte die Färbung der Idee, die sie äußerlich darstellen? Welchem Genie verdanken wir sie? Wenn ein großer Geist notwendig ist, um ein Wort zu schaffen, welches Alter hat dann die menschliche Sprache? Die Zusammensetzung der Buchstaben, ihre Formen, das Aussehen, das sie einem Wort geben, zeichnen, je nach dem Charakter jedes Volkes, ein deutliches Bild von den unbekannten Wesen, deren Erinnerung in uns lebt. Wer erklärt uns philosophisch den Übergang von der Empfindung zum Gedanken, vom Gedanken zum Wort, vom Wort zu seinem hieroglyphischen Ausdruck, von der Hieroglyphe zum Alphabet, vom Alphabet zur geschriebenen Sprache, deren Schönheit in einer Folge von Bildern besteht, die der Redner anordnet und die wie Hieroglyphen des Gedankens sind? Hat nicht die alte Wiedergabe menschlicher Gedanken, die in Tierformen dargestellt wurden, die ersten Zeichen bestimmt, deren sich der Orient bediente, um seine Sprache niederzuschreiben? Und hat sie nicht durch Traditionen ein paar Spuren in unsern modernen Sprachen zurückgelassen, die sich dann in die Trümmer des ersten Wortes der Völker geteilt haben, des erhabenen und feierlichen Wortes, dessen Erhabenheit und Feierlichkeit in dem Maße abnimmt, in dem die Gesellschaft altert, dessen Klang, der so volltönend in der hebräischen Bibel ist und so schön noch in Griechenland im Fortgang unserer nacheinander folgenden Zivilisationen jedoch sich abschwächt? Verdanken wir diesem alten Geist die Mysterien, die sich in jedes menschliche Wort geflüchtet haben? Lebt nicht in dem Wort »wahr« eine geradezu unwirkliche Lauterkeit? Ist nicht in dem kurzen Ton, in dem es ausgesprochen wird, ein unbestimmtes Bild der keuschen Nacktheit, der Schlichtheit des Wahren in jedem Ding? Diese Silbe atmet eine unerklärliche Frische. Ich habe als Beispiel die Formel für einen abstrakten Begriff genommen, da ich das Problem nicht an einem Wort erläutern wollte, das es zu leicht verständlich machen würde, wie zum Beispiel das Wort »Flug«, in dem soviel zu den Sinnen spricht. Und ist es nicht mit jedem Wort so? Alle sind sie Zeichen einer lebendigen Kraft, die sie von der Seele empfangen und die sie ihr wieder zurückerstatten durch das Geheimnis wunderbarer Wirkung und Gegenwirkung zwischen Wort und Gedanken. Könnte man sie nicht mit einem Liebenden vergleichen, der von den Lippen seiner Geliebten so viel Liebe schlürft wie er ihr gibt? Durch ihr Aussehen allein beleben die Worte in unsrem Hirn die Dinge, denen sie als Gewand dienen. Wie alle Wesen haben sie nur einen Platz, wo ihre Eigenart voll wirken und sich voll entfalten kann. Aber dieser Gegenstand brauchte wohl eine ganze Wissenschaft für sich.« Und Louis zuckte die Achseln, wie um zu sagen: wir sind zu groß und auch zu klein!"

Swedenborg, Madame de Staël: "Die Baronin von Staël, die auf vierzig Meilen von Paris verbannt war, verbrachte mehrere Monate ihres Exils auf einem Gut in der Nähe von Vendôme. Eines Tages, auf einem Spaziergang, begegnete sie am Saum des Parkes dem Kind des Gerbers, das in fast zerlumpter Kleidung in ein Buch vertieft war. Dieses Buch war eine Übersetzung des Werkes »Von Himmel und Hölle«. Zu dieser Zeit waren Saint-Martin, de Gence und ein paar andere Schriftsteller – zur Hälfte Deutsche – fast die einzigen Menschen, die im französischen Kaiserreich den Namen Swedenborg kannten. Erstaunt ergriff Madame de Staël das Buch, mit jenem Ungestüm, das sie in ihre Fragen, ihre Blicke und ihre Bewegungen zu legen pflegte; dann sah sie Lambert an und sagte zu ihm: »Verstehst du denn das?« »Beten Sie zu Gott?« fragte das Kind. »Aber gewiss doch!« »Und verstehen Sie ihn?« ... Die Baronin blieb ein paar Augenblicke sprachlos; dann setzte sie sich neben Lambert hin und unterhielt sich mit ihm. Leider ist mein Gedächtnis, wenn auch sehr umfassend, so doch lange nicht so treu wie das meines Freundes, und ich habe dieses Gespräch bis auf jene ersten Worte ganz vergessen. Diese Begegnung war dazu angetan, Madame de Staël aufs lebhafteste zu interessieren. Bei ihrer Rückkehr ins Schloss sprach sie wenig davon, trotz ihres Mitteilungsbedürfnisses, das bei ihr in Geschwätzigkeit ausartete; sie schien nur sehr nachdenklich. Die einzige noch lebende Person, die die Erinnerung an diese Begegnung bewahrt hat und die ich befragt habe, um die wenigen Worte zusammen zu bringen, die Madame de Staël damals entschlüpft waren, fand in ihrem Gedächtnis nur mühsam den Satz, den die Baronin in bezug auf Lambert gesagt hat: »Das ist ein wahrer Seher!« Louis rechtfertigte in den Augen der Welt die schönen Hoffnungen nicht, die seine Beschützerin in ihn gesetzt hatte. Das flüchtige Interesse, das sie ihm entgegenbrachte, wurde daher als Weiberlaune angesehen, als eine jener besonderen Launen, wie sie Künstlernaturen eigen sind. Madame de Staël wollte Louis Lambert dem Kaiser und der Kirche entreißen, um ihn dem auserwählten Schicksal zurückzugeben, das, wie sie sagte, seiner harrte. Denn sie machte schon einen neuen Moses aus ihm, den sie aus den Wassern errettet hatte. Vor ihrer Abreise beauftragte sie einen ihrer Freunde, den Herrn de Corbigny, der damals Präfekt in Blois war, ihren Moses zur gegebenen Zeit aufs Gymnasium von Vendôme zu schicken. Dann vergaß sie ihn wahrscheinlich. Lambert war mit vierzehn Jahren, zu Beginn des Jahres 1811, in die Anstalt eingetreten und sollte sie zu Ende 1814 nach bestandenem Abiturientenexamen verlassen. Ich glaube nicht, dass er in dieser Zeit jemals das geringste Zeichen des Erinnerns von seiner Wohltäterin bekommen hat, wenn denn überhaupt als eine Wohltat gelten soll, dass man drei Jahre hindurch die Pension für ein Kind bezahlt, ohne weiter an dessen Zukunft zu denken, nachdem man es aus einer Laufbahn herausgerissen hat, in der es vielleicht sein Glück gefunden hätte. Die Zeitverhältnisse und auch der Charakter Louis Lamberts können Madame de Staël hinsichtlich ihrer Sorglosigkeit wie auch ihrer Großmut in weitem Maße von aller Schuld freisprechen. Die Persönlichkeit, die in ihren Beziehungen zu dem Kinde als Mittelsperson gedient hatte, verließ Blois in dem Augenblick, da der Knabe aus dem Gymnasium herauskam. Die politischen Ereignisse, die dann folgten, rechtfertigen einigermaßen die Gleichgültigkeit dieses Mannes für den Schützling der Baronin."

Weiter philosophischer Blick, Übersetzer Fichtes, Schule des Pythagoras, Wanderung durch den Weltenraum, Leben in Ideen, Denken ist sehen, alle menschliche Wissenschaft beruht auf Deduktion, die ein langsames Schauen ist, Swedenborg, Natur des Engels in sich nähren; wer aus Mangel an tieferer Erkenntnis, das körperliche Leben vorherrschen lässt, anstatt das geistige zu stärken, fördert die Materialisierung beider Naturen; es gibt Menschen, dessen unlebendiger Geist ihn zu einer offenbaren geistigen Stumpfheit verdammt; Dantes Göttlichen Komödie, Jakob Böhme, neue, echte Wissenschaft im Sinne Steiners Geisteswissenschaft, Natur als Meisterin, Chemiker des Willens; »Willen« bedeutet das »Milieu«, in welchem sich der »Gedanke« entwickelt, Reihe der großen Denker; Viele Wesen leben in einem Zustand des Willens, ohne jedoch in den des Denkens zu gelangen; Gabe, die Ideen zu schauen, Wünschelrute; Cardanus, Apollonius von Thyana; einfachste Beweisführung, die sich auf Tatsachen stützt, wertvoller als die schönsten Systeme; et verbum caro factum est; überlieferte geschichte der Hebräer und Hindus: 

"Barchou de Penhoën, hat weder seine Prädestination Lügen gestraft, noch den Zufall, der die beiden einzigen Schüler von Vendôme, von denen dort noch heute gesprochen wird, in die gleiche Klasse, auf die gleiche Bank, unter das gleiche Dach gebracht hatte. Der heutige Übersetzer Fichtes, der Ausleger und Freund Ballanches', war damals schon, wie ich selbst auch, mit metaphysischen Fragen beschäftigt. ... Lambert, der nur gelassen war oder verdutzt, antwortete auf keine unserer Fragen. Einer von uns sagte, er käme sicher aus der Schule des Pythagoras. Ein allgemeines Gelächter erscholl, und der »Neue« wurde während seiner ganzen Schulzeit Pythagoras genannt. Doch der durchdringende Blick Lamberts, die Verachtung, die sich auf seinem Gesicht malte und die er für unsere Kindereien hatte, die nicht zu seiner Geistesart passten, die ruhige Haltung, in der er verblieb, seine sichtliche Kraft, die seinem Alter entsprach, flößten den Schlimmsten unter uns einen gewissen Respekt ein. Ich selbst stand neben ihm und beobachtete ihn nur schweigend. ... Mir allein war es vergönnt, in diese erlesene Seele – warum sage ich nicht göttliche Seele? – zu schauen. Was ist Gott näher als das Genie im Herzen eines Kindes? Die Gleichheit unseres Geschmacks und unserer Gedanken machte uns zu Freunden und »Gefährten«. Unsere Brüderschaft wurde so eng, dass unsere Kameraden unsere beiden Namen mit einander verbanden, sodass einer nicht ohne den andern ausgesprochen wurde; und um uns zu rufen, schrien sie: »Dichter-und-Pythagoras«. ... »Warum ist die grüne Farbe in der Natur soviel vertreten?« fragte er mich. »Warum gibt es in ihr so wenig gerade Linien? Warum wendet der Mensch in seinen Werken so selten Kurven an? Warum hat er allein Gefühl für die gerade Linie?« Solche Worte verrieten eine lange Wanderung durch den Weltenraum. Er hatte ganze Landschaften gesehen oder den Duft der Wälder eingeatmet. Er war, eine lebendige und erhabene Elegie, immer schweigsam, resigniert, immer leidend, ohne jedoch sagen zu können: ich leide! Dieser Adler, der die Welt brauchte für seine Nahrung, war eingekerkert in vier enge und schmutzige Wände. Daher wurde sein Leben denn auch im weitesten Sinne des Wortes ein Leben in Ideen. ... »Denken ist sehen!« sagte er eines Tages zu mir, fortgerissen durch eine unserer Auseinandersetzungen über den Ursprung unseres Wesens. »Alle menschliche Wissenschaft beruht auf Deduktion, die ein langsames Schauen ist, von der Ursache hinunter zur Wirkung, von der Wirkung hinauf zur Ursache, oder mit einem bedeutsameren Ausdruck: alle Poesie entsteht, wie jedes Kunstwerk, aus einem schnellen Schauen der Dinge.« ... Seine Leidenschaft für alles Mystische und die natürliche Gläubigkeit der Jugend veranlassten uns oft, von »Himmel und Hölle« zu sprechen. Louis versuchte damals, indem er mir Swedenborg erklärte, mir seinen Glauben an die Engel mitzuteilen. ... In uns gibt es zwei voneinander verschiedene Geschöpfe; nach Swedenborg ist der Engel das Individuum, bei dem das »Innere Wesen« über das »Äußere Wesen« triumphiert. Will ein Mensch, sobald ihm vom Gedanken seine doppelte Existenz gezeigt worden ist, seiner Berufung als Engel gehorchen, so muss er bemüht sein, die auserwählte Natur des Engels in sich zu nähren. Wenn er, aus Mangel an tieferer Erkenntnis seines Schicksals, das körperliche Leben vorherrschen lässt, anstatt das geistige zu stärken, gehen alle seine Kräfte in das Spiel seiner äußeren Sinne über, und der Engel geht langsam durch diese Materialisierung beider Naturen ein. Im entgegengesetzten Falle, wenn er sein Inneres mit den Substanzen, die ihm eigen sind, nährt, dann siegt die Seele über die Materie und versucht, sich von ihr loszulösen. Wenn ihre Trennung unter der Form geschieht, die wir den Tod nennen, dann bleibt der Engel, der mächtig genug ist, sich von seiner Hülle zu befreien, bestehen und beginnt sein wahres Leben. Die unendlich vielen Besonderheiten, die die Menschen voneinander unterscheiden, lassen sich nicht anders erklären, als durch diese Doppelexistenz: sie machen sie verständlich und beweisen sie. Tatsächlich sollte uns der Unterschied, der zwischen einem Menschen besteht, dessen unlebendiger Geist ihn zu einer offenbaren geistigen Stumpfheit verdammt, und demjenigen, dessen innere Sehergabe ihn mit irgend einer Kraft ausgestattet hat, annehmen lassen, dass zwischen dem Geist und dem gewöhnlichen Sterblichen derselbe Unterschied bestehe wie zwischen dem Blinden und dem Sehenden. Dieser Gedanke, der die Schöpfung unendlich erweitert, gibt in gewissem Sinne den Schlüssel zum Himmel. Die Geschöpfe, die hier unten augenscheinlich untereinander vermischt sind, sind dort oben nach der Vollkommenheit ihres »Inneren Wesens« in getrennte Sphären eingeteilt, deren Gebräuche und Sprachen einander fremd sind. Wenn ein Bewohner der niederen Regionen in einen höheren Kreis kommt, ohne dessen würdig zu sein, so versteht er in der unsichtbaren Welt (genau wie in der sichtbaren) nicht nur dessen Gewohnheiten und Reden nicht, sondern seine Gegenwart lähmt dort die Stimmen und die Herzen. In seiner Göttlichen Komödie mag Dante wohl eine leise Ahnung von diesen Sphären gehabt haben, die in der Welt der Schmerzen beginnen und sich durch eine kreisförmige Bewegung bis in die Himmel erheben. Die Lehre Swedenborgs wäre also das Werk eines hellsehenden Geistes, der die unzähligen Erscheinungen aufgezeichnet hat, durch die die Engel sich inmitten der Menschen offenbaren. Diese Lehre, die ich heute zusammenzufassen suche, indem ich ihr einen logischen Sinn gebe, wurde mir von Lambert mit allem Verführerischen des Mysteriums dargebracht, eingehüllt in die Wendungen jener besonderen Sprache, wie sie den Mystikern eigen ist; dunkle Worte voller Abstraktion, die so auf das Gehirn wirken wie gewisse Bücher von Jakob Böhme, Swedenborg oder Madame Guyon, deren Lektüre Phantasiebilder heraufbeschwört, so vielgestaltig wie Opiumträume. Lambert erzählte mir so merkwürdige mystische Dinge, er wirkte daher so stark auf meine Phantasie, dass mir schwindelte. Doch ich versank gern in diese geheimnisvolle Welt, die den Sinnen unsichtbar ist, in der aber jeder gern lebt, sei es, dass er sie sich unter der unendlichen Form des zukünftigen Lebens vorstellt, sei es, dass er sie in die unbestimmten Formen des Märchens hüllt. Diese heftigen Erregungen der Seele belehrten mich, unbewußt, über ihre Kraft und gewöhnten mich an die Arbeit des Denkens. ... Er konnte in der Tat ein ganzes System davon ableiten, indem er, wie es Cuvier auf einem anderen Gebiet tat, aus einem Gedankenbruchstück eine ganze Schöpfung rekonstruierte. In jenem Augenblick setzten wir uns beide unter eine alte abgebrochene Eiche. Nach ein paar Augenblicken des Nachdenkens sagte Lambert zu mir: »Wenn die Landschaft nicht zu mir gekommen ist, was absurd zu denken wäre, dann bin ich eben zu ihr gegangen. War ich also hier, während ich in meinem Alkoven schlief, setzt dann diese Tatsache nicht eine völlige Trennung meines Körpers von meinem inneren Wesen voraus? Bezeugt sie nicht irgend eine Bewegungsfähigkeit des Geistes oder Wirkungen, die den Bewegungen des Körpers entsprechen? Vermag sich also im Schlaf mein Geist von meinem Körper zu trennen, warum soll ich beide nicht ebenso gut im Wachen voneinander scheiden können? Ich sehe keine Zwischenglieder zwischen diesen beiden Behauptungen. Aber gehen wir weiter, dringen wir in die Einzelheiten tiefer ein. Entweder haben sich diese Dinge kraft einer Fähigkeit vollzogen, die ein zweites Wesen in Tätigkeit setzt, dem mein Körper als Hülle dient – denn ich war in meinem Alkoven und sah die Landschaft, und das stößt viele Systeme um – oder diese Dinge haben sich entweder in irgend einem Nervenzentrum zugetragen, in dem sich die Gefühle bewegen, und dessen Namen wir noch erst erfahren müssen, oder aber in dem Gehirnzentrum, in dem sich die Gedanken bewegen. Diese letzte Hypothese hat die merkwürdigsten Fragen im Gefolge. Ich bin gegangen, ich habe gesehen, ich habe gehört. Die Bewegung vollzieht sich nicht ohne Raum; der Ton reagiert nur in Winkeln oder auf Oberflächen und die Farbe existiert nur durch das Licht. Wenn ich des Nachts mit geschlossenen Augen farbige Gegenstände gesehen habe, wenn ich in der absoluten Stille Geräusche gehört habe, und dies alles, ohne die notwendigen Vorbedingungen für die Entstehung des Tones, wenn ich in vollkommenster Unbeweglichkeit den Raum durchmessen habe, dann besitzen wir innere Kräfte, die unabhängig sind von den äußeren physikalischen Gesetzen. Der Geist muss also die materielle Natur durchdringen können. Wie haben die Menschen bis heute so wenig über die Vorgänge des Schlafes nachdenken können, die ein Doppelleben im Menschen andeuten? Liegt in diesem Phänomen nicht eine neue Wissenschaft?« fügte er hinzu und schlug sich heftig gegen die Stirn. »Und wenn es nicht der Anfang einer Wissenschaft ist, so verrät es doch gewaltige Kräfte im Menschen; es offenbart zum mindesten die häufige Trennung unserer beiden Naturen, eine Tatsache, über die ich seit langem nachgedacht habe. So habe ich endlich einen Beweis für die Überlegenheit unserer verborgenen Sinne über unsere sichtbaren Sinne gefunden. Homo duplex! – Aber« – fuhr er nach einer Pause fort und machte dabei eine Bewegung des Zweifels, »vielleicht leben gar nicht zwei Naturen in uns? Vielleicht sind wir ganz einfach mit geheimen und vervollkommnungsfähigen Kräften begabt, deren Übung und Entwicklung noch bisher unbeobachtete Erscheinungen der Bewegung, der Durchdringung, des Schauens hervorbringen. In unserer Vorliebe zum Wunderbaren – einer Leidenschaft, die von unserm Stolz erzeugt wird – haben wir diese Wirkungen in Phantasiegebilde verwandelt, weil wir sie nicht verstanden haben. Es ist so bequem, dem Unbegreiflichen zu misstrauen! Ich muss gestehen, ich würde den Verlust meiner Illusionen beweinen. Mir ist es ein Bedürfnis, an eine doppelte Natur und an die Engel von Swedenborg zu glauben! Diese neue Wissenschaft wird sie also töten? Ja, die Prüfung unserer unbekannten Fähigkeiten schließt eine anscheinend materialistische Wissenschaft in sich; denn ›der Geist‹ gebraucht, zerteilt, belebt die Substanz, aber er zerstört sie nicht.« ... Immer, wenn er mir von Himmel und Hölle sprach, pflegte er die Natur als Meisterin anzusehen; aber bei diesen letzten Worten, die voller Wissen waren, schwebte er noch kühner als sonst über der Landschaft und seine Stirn schien fast zerspringen zu wollen unter der Macht des Genies: seine Kräfte, die man bis zu einer neuen Sprachordnung »geistige« Kräfte nennen muss, schienen aus den Organen herauszuquellen, die dazu bestimmt waren, sie hervorzubringen. Seine Augen schleuderten den Gedanken hervor, seine erhobenen Hände, seine stummen und zitternden Lippen waren beredt; sein brennender Blick leuchtete; sein Kopf endlich, zu schwer oder zu müde von allzu heftiger Erregung, fiel ihm auf die Brust. Dieses Kind, dieser Riese, beugte sich herab, nahm meine Hand, presste sie in der seinen, die feucht war, so fieberte er in der Suche nach der Wahrheit. Dann sagte er nach einer Pause: »ich werde berühmt werden. – Aber du auch«, fügte er lebhaft hinzu. »Wir werden beide die Chemiker des Willens sein.« Edles Herz! Ich erkannte seine Überlegenheit an, er aber hütete sich, mich sie je fühlen zu lassen. Er teilte die Schätze seines Denkens mit mir, maß auch mir innerhalb seiner Entdeckungen eine Bedeutung bei und überließ mir meine unbedeutenden Gedanken. ... Schon am nächsten Tage begann er seine Arbeit, die er »Abhandlung über den Willen« benannte; seine Überlegungen änderten zwar oft Plan und Methode; aber das Erlebnis jenes feierlichen Tages hatte doch den Keim dazu gelegt ...  Lamberts Ideen nahmen, durch dieses plötzliche Licht erleuchtet, größere Dimensionen an; er erkannte in diesen Errungenschaften weit auseinanderliegende Wahrheiten, die er miteinander verband; dann schmolz er alles wie ein Gießer zusammen. ... Seine philosophischen Spekulationen hätten ihn gewiss in die Reihe der großen Denker gestellt, wie sie in verschiedenen Zeiträumen unter den Menschen erscheinen, um ihnen die nackten Anfänge irgend einer zukünftigen Wissenschaft zu enthüllen, deren Wurzeln langsam wachsen und eines Tages im Reiche des Geistes schöne Früchte tragen werden. So hatte einst ein armer Handwerker, Bernard, der die Erde durchwühlte, um das Geheimnis der Metallfarben zu finden, im sechzehnten Jahrhundert mit der unfehlbaren Autorität des Genies geologische Tatsachen behauptet, deren Darlegung heute den Ruhm eines Buffon und eines Cuvier ausmachen. Ich glaube eine Vorstellung von Lamberts »Abhandlung« geben zu können, wenn ich in der Hauptsache die Grundzüge derselben darlege. Aber ich entkleide sie dabei unwillkürlich der Gedanken, in die er sie hüllte und die ihnen unentbehrlich sind. Denn da ich einen anderen Weg ging als er, griff ich von seinen Forschungen nur das auf, was zu meinem System am besten passte. Ich weiß daher nicht, ob ich, sein Schüler, seine Gedanken treu wiedergeben kann, nachdem ich sie mir in der Weise angeeignet habe, dass ich ihnen die Farbe der meinen gab. Für neue Ideen braucht man entweder ganz neue Worte oder erweiterte, umfassendere, besser definierte Anwendungen der alten; Lambert nun hatte, um die Grundbegriffe seines Systems darzulegen, allgemein bekannte Worte gewählt, die ungefähr seinen Gedanken entsprachen. Das Wort »Willen« bedeutet das »Milieu«, in welchem sich der »Gedanke« entwickelt, oder, weniger abstrakt ausgedrückt: die Summe von Kräften, durch die der Mensch die Handlungen, aus denen sein äußeres Leben besteht, außerhalb seiner hervorbringen kann. Das »Wollen,« ein Wort, das wir den Reflexionen Lockes verdanken, drückt den Akt aus, durch den der Mensch seinen »Willen« anwendet. Das Wort »Denken«, für ihn das wesentliche Resultat des Willens, bezeichnet auch das Milieu, in dem die Ideen entstehen, denen der Wille als Substanz dient. Die »Idee«, ein Name, der allen Schöpfungen des Gehirns gemeinsam ist, begründet den Akt, durch den der Mensch sein Denken anwendet. So waren der Wille und das Denken die beiden zeugenden Mittel; das Wollen und die Idee die beiden Erzeugnisse. Das Wollen schien ihm die Idee zu sein, die aus ihrem abstrakten Zustand in den konkreten übergeht, von einem flüssigen zu einem nahezu festen, wenn diese Worte überhaupt so schwer zu verstehende Gedanken wiedergeben können. Nach seiner Auffassung sind das Denken und die Ideen Bewegungen und Auswirkungen unseres inneren Organismus, wie das Wollen und der Wille die des äußeren Lebens sind. Er hatte den Willen vor das Denken gesetzt. – »Um zu denken, muss man wollen«, sagte er. »Viele Wesen leben in einem Zustand des Willens, ohne jedoch in den des Denkens zu gelangen. Im Norden finden wir eine lange Lebensdauer, im Süden ein kurze; dagegen ist im Norden Stumpfheit, im Süden eine dauernde Angespanntheit des Willens; bis zu dem Punkt, wo durch allzu große Kälte oder allzu große Hitze die Organe fast vernichtet sind!« Sein Wort »Milieu« war ihm durch eine Beobachtung gekommen, die er in seiner Kindheit gemacht hatte, deren Bedeutung er damals wohl kaum ahnte, deren Merkwürdigkeit seiner so leicht beeindruckbaren Phantasie aber aufgefallen sein musste. ... »Der Himmel«, sagte er zu mir, »ist nach alledem das ›Überleben‹ unserer vervollkommneten Fähigkeiten, die Hölle ist das Nichts, in das die unvollkommenen Fähigkeiten zurückfallen.« ...

»Wenn Erscheinungen nicht unmöglich sind«, sagte Lambert, »dann müssen sie auf der Gabe beruhen, die Ideen zu schauen, die den Menschen in seiner reinen Wesenheit darstellen und dessen vielleicht unvergängliches Leben unsern äußeren Sinnen entgeht, aber dem inneren Wesen vielleicht bemerkbar wird, wenn dieses auf eine hohe Stufe der Ekstase oder zu einer großen Vollkommenheit des Schauens gelangt.« Ich weiß, wenn auch heute nur ungenau, dass Lambert, nachdem er Schritt für Schritt den Wirkungen des Denkens und des Willens in all ihren Arten nachgegangen war und ihre Gesetze aufgestellt hatte, eine Menge von Phänomenen erklärte, die ihm bis dahin mit vollem Recht als unverständlich erschienen waren. Auf diese Weise waren Zauberer, Besessene, Menschen mit der Gabe des zweiten Gesichts und die Dämonischen aller Art – diese Opfer des Mittelalters – der Gegenstand so natürlicher Erklärungen geworden, dass oft ihre Einfachheit für mich der Stempel der Wahrheit zu sein schien. Die wunderbaren Gaben, die die römisch-katholische Kirche, die auf alle Mysterien eifersüchtig war, mit dem Scheiterhaufen bestrafte, waren nach Louis das Resultat gewisser Verwandtschaften zwischen den Grundelementen der Materie und denen des Gedankens, die beide aus der gleichen Quelle stammen. Der Mensch mit der Wünschelrute in der Hand gehorcht, wenn er Quellen findet, irgend einer Sympathie oder Antipathie, die ihm selbst unbekannt ist. ....»Oft, inmitten von Ruhe und Stille«, so sagte er zu mir, »wenn unsere inneren Kräfte schlafen, wenn wir uns dem Genuss der Ruhe hingeben und sich eine Art Dunkel in uns ausbreitet und wir uns die äußeren Dinge anschauen, dann steigt eine Idee auf, geht blitzschnell durch den unendlichen Raum, den wir durch unser inneres Gesicht wahrnehmen können. Diese leuchtende Idee taucht wie ein Irrlicht auf und verlischt ohne Wiederkehr: vergängliches Dasein, jenen Kindern gleich, die den Eltern eine grenzenlose Freude und einen grenzenlosen Schmerz bereiten; eine Art totgeborene Blüte in den Feldern des Denkens. Zuweilen aber beginnt die Idee, anstatt gewaltsam emporzuschießen und ohne Bestand zu sterben, langsam zu keimen, schwebt in den unbekannten Regionen der Organe, wo sie empfangen wird. Sie braucht unsere Kräfte durch eine lange Schwangerschaft auf, entfaltet sich, wächst, wird fruchtbar und wirkt nach außen durch die Anmut der Jugend und ist mit allen Attributen eines langen Lebens ausgestattet. Neugierige Blicke richten sich auf sie, sie zieht sie an und ermüdet sie nie: die Prüfung, zu der sie herausfordert, hat eine Bewunderung zur Folge, wie sie ausgearbeitete Werke hervorrufen. Bald entstehen die Ideen in Schwärmen, eine zieht die andere nach sich, sie verketten sich ineinander, sind herausfordernd, übersprudelnd, wie toll! Bald erheben sie sich: blass, verwirrt und vergehen, weil ihnen die Kraft oder die Nahrung, kurz, die zeugende Substanz fehlt. An bestimmten Tagen stürzen sie sich in die Abgründe, um die unermesslichen Tiefen zu erhellen; sie erschrecken uns und ermatten unsere Seele. Die Ideen sind ein vollständiges System in uns, wie eines der Naturreiche, eine Art Blüte, die einst ein Genie beschreiben wird, das man dann vielleicht für verrückt hält. Ja, alles in uns und außer uns bezeugt das Leben dieser bezaubernden Geschöpfe, die ich mit Blumen vergleichen möchte, wobei ich einer Offenbarung der Natur gehorche. dass ihre Entstehung der Zweck des Menschen sei, ist übrigens nicht erstaunlicher, als es Duft und Farbe der Pflanze sind. Vielleicht sind Düfte Ideen. ... Die Strömung dieses erhabenen Fluidums, das unter dem hohen Druck des Gedankens oder des Gefühls sich in Wogen verbreitet oder sich verringert und schwindet und sich dann aufsammelt, um in Blitzen vorzuschießen, ist das okkulte Werkzeug, dem sowohl die verhängnisvollen wie die wohltuenden Wirkungen von Kunst und Leidenschaft zuzuschreiben sind, ebenso der Ton der Stimme, die abwechselnd rauh ist oder sanft, furchtbar, wollüstig; schauerlich, verführerisch und je nach unserem Willen im Herzen, in den Eingeweiden oder im Gehirn vibriert; wie auch alle Zauber des Tastsinns, aus denen die inneren Verwandlungen so vieler Künstler herrühren, deren schöpferische Hände nach tausend leidenschaftlichen Studien die Natur heraufzubeschwören imstande sind, und wie schließlich die unendlichen Abstufungen des Auges, von seiner matten Lebensäußerung an bis zu dem Schleudern schreckenerregender Blitze. Bei diesem System verliert Gott nicht eines seiner Rechte. Der materielle Gedanke hat mir vielmehr erneut Großes von ihm enthüllt.«

Lambert hatte nach Beweisen für seine Ideen in der Geschichte großer Männer gesucht, deren Leben, wie ihre Biographen es darstellen, merkwürdige Einzelheiten über die Wirksamkeit ihres Verstandes liefern. Sein Gedächtnis setzte ihn in den Stand, sich all dieser Tatsachen zu erinnern, sodass sie dazu dienen konnten, seine Behauptungen zu illustrieren, und er hatte sie jedem Kapitel, dem sie als Beweis dienten, hinzugefügt, wodurch mehrere seiner Maximen eine fast mathematische Gewissheit erhielten. Die Werke des Cardanus, eines Mannes, der eine eigenartige Sehergabe besaß, lieferten ihm wertvolles Material. Er hatte weder Apollonius von Thyana vergessen, der in Asien den Tod des Tyrannen voraussagte, und dessen Todesstrafe in eben der Stunde schilderte, da dieser sie in Rom erlitt; ... Alphonse-Maria de Liguori, Bischof von Sankt-Agathe, spendete dem Papst Gangenelli Trost, welcher ihn sah, hörte und ihm antwortete; und zur gleichen Zeit wurde der Bischof bei sich zu Hause – weit von Rom entfernt – in seinem Sessel, in dem er nach der Messe zu sitzen pflegte, in Ekstase gesehen. Als er wieder zu sich kam, sah er seine Diener vor sich knien, die ihn für tot hielten – »Freunde», sagte er zu ihnen, »der heilige Vater ist soeben verschieden.« Zwei Tage darauf bestätigte ein Kurier diese Nachricht. Die Todesstunde des Papstes fiel mit derjenigen zusammen, in der der Bischof wieder zu sich gekommen war. ... Dieses Ereignis spielte sich im väterlichen Hause vor Louis' Augen ab, als er neun Jahre alt war, und trug viel dazu bei, dass er an die wunderbaren Gesichte Swedenborgs glaubte, der zu seinen Lebzeiten mehrere Beweise von der Macht der Visionen seines inneren Wesens gegeben hat. Je älter er wurde und je mehr sich seine Intelligenz entfaltete, desto mehr wurde Lambert dahin geführt, in den Gesetzen der menschlichen Natur die Ursachen des Wunderbaren zu suchen, das seine Aufmerksamkeit von Kindheit an beschäftigt hatte. Wie soll man den Zufall benennen, der ihm die Tatsachen und Bücher in die Hand gab, die sich auf diese Phänomene bezogen und die ihn selbst zum Schauplatz und zum Darsteller der größten Wunder des Gedankens machten? Wenn Louis kein anderes Verdienst hätte als dieses: mit fünfzehn Jahren den psychologischen Grundsatz aufgestellt zu haben: »Den Geschehnissen, die die Wirkungen der Menschheit bezeugen und die das Produkt ihrer Intelligenz sind, liegen Ursachen zugrunde, in denen sie vorempfunden sind, wie auch unsere Handlungen schon in unsern Gedanken vollzogen sind, noch ehe sie sich nach außen hin auswirken; Ahnungen und Prophezeiungen sind die Offenbarung jener Ursachen.« Schon allein dann müsste man, glaube ich, in ihm den Verlust eines Genies beklagen, das einem Pascal, einem Lavoisier, einem Laplace würdig an die Seite gestellt werden kann. Möglich, dass seine Phantasien über die Engel seine Arbeiten allzulange beherrscht haben; aber haben die Gelehrten bei ihren Versuchen, Gold zu machen, nicht unbewußt die Chemie geschaffen? Wenn jedoch Lambert später vergleichende Anatomie, Physik, Geometrie und die Wissenschaften studierte, die sich auf seine Entdeckungen bezogen, so geschah es gewiss in der Absicht, Tatsachen zu sammeln und analytisch vorzugehen, denn die Analyse ist die einzige Fackel, die uns heute durch die Dunkelheiten der unbegreiflichsten aller Naturen führt. Er besaß zu viel Verstand, um in den Wolken von Theorien zu schweben, die sich mit ein paar Worten darlegen lassen. Ist heute die einfachste Beweisführung, die sich auf Tatsachen stützt, nicht wertvoller als die schönsten Systeme, die nur durch mehr oder minder kluge Schlussfolgerungen erklärt werden? Aber da ich ihn nicht in der Epoche seines Lebens gekannt habe, in der er am erfolgreichsten nachgedacht haben muss, so kann ich mir die Bedeutung seiner Werke nur nach der Bedeutung seiner ersten Darlegungen vorstellen. ...

Obgleich Louis von Natur fromm war, billigte er doch all die kleinlichen Andachtsübungen der römisch-katholischen Kirche nicht. Seine Anschauungen stimmten vor allem mit denen der heiligen Therese und Fénélon überein, sowie mit denen verschiedener Kirchenväter und Heiligen, die man in unsern Tagen als Ketzer und Atheisten behandeln würde. Während des Gottesdienstes war er teilnahmslos. Sein Gebet war ein Sich-Emporschwingen, ein Sich-Erheben der Seele und war an keine bestimmte Form gebunden. Er gab ganz seiner Natur nach und wollte zu keiner bestimmten Stunde beten oder denken. Er konnte in der Kapelle ebensogut an Gott denken, wie über eine philosophische Idee grübeln. Jesus Christus war für ihn der schönste Typus seines Systems. Das »et verbum caro factum est!« (Ev. Joh. I, 14. Und das Wort ward Fleisch!) schien ihm ein göttliches Wort, das dazu bestimmt war, die hergebrachte Formel für den sichtbar gewordenen Willen, das sichtbar gewordene Wort, die sichtbar gewordene Tat auszudrücken. Denn Christus, der seinen Tod nicht spürt, da er das innere Wesen durch göttliche Werke so sehr vervollkommnet hat, dass die unsichtbare Form eines Tages seinen Jüngern erscheinen konnte, die Mysterien des Evangeliums, die magnetischen Heilungen Christi und das Zungenreden bestätigten ihm seine Lehre. Ich entsinne mich bei dieser Gelegenheit von ihm gehört zu haben, dass die schönste Arbeit heute die wäre, die Geschichte der ersten Kirche zu schreiben. Nie erhob er sich zu so dichterischer Höhe als in dem Augenblick, da er in einer abendlichen Unterhaltung von den Wundern sprach, die durch die Macht des Willens in jener großen Epoche des Glaubens vollbracht worden waren. Er fand die stärksten Beweise seiner Theorie bei fast allen Martyrien, die in dem ersten Jahrhundert n. Chr. – der großen Ära des Gedankens, wie er es benannte – erduldet worden waren. »Beweisen nicht die Phänomene, die bei den meisten Qualen, die von den Christen für die Aufrechterhaltung ihres Glaubens so heldenhaft ausgehalten wurden, dass die materiellen Kräfte nie gegen die Kraft der Ideen oder gegen den Willen des Menschen aufkommen können?« sagte er. »Ein jeder kann aus dieser Wirkung durch den Willen aller auf die Wirkung seines eigenen Willens schließen.« ...

Er sah die Bibel als einen Teil der überlieferten Geschichte der antediluvianischen Völker an, in die sich die neue Menschheit geteilt hatte. Nach seiner Auffassung hing die griechische Mythologie sowohl mit der hebräischen Bibel zusammen wie auch mit den heiligen Büchern Indiens, welche die von Anmut beseelten Griechen auf ihre Weise übersetzt hatten.

»Es ist unmöglich«, sagte er, »die Priorität der asiatischen Schriften in Zweifel zu ziehen. Wer diese historische Tatsache mit gutem Glauben erkennen kann, für den erweitert sich die Welt auf wunderbare Weise. Haben sich nicht auf die asiatische Hochebene die wenigen Menschen geflüchtet, die jene Katastrophe überleben konnten, die unsere Erde durchmachen musste, wenn Menschen vor dieser Umwälzung überhaupt gelebt haben? Eine ernste Frage, deren Lösung auf dem Grunde des Meeres geschrieben steht. Die Entwicklungsgeschichte des Menschen, wie sie in der Bibel steht, ist also nur die Genealogie eines Schwarmes, der aus dem Menschheits-Bienenstock herauskam und sich an die bergigen Abhänge Tibets hing zwischen die Gipfel des Himalaya und des Kaukasus. Der Charakter jener Horde, das sein Gesetzgeber das auserwählte Volk nannte, – zweifellos um ihm dadurch eine Einheit zu geben und vielleicht auch, um es zu veranlassen, seine eigenen Gesetze und sein Regierungssystem beizubehalten, denn die Bücher Mose sind religiöse, politische, bürgerliche Gesetzbücher, – dieser Charakter also trägt den Stempel des Schreckens. Die Zuckungen des Erdballs wurden von gewaltigen Geistern als eine Rache von oben ausgelegt. Da es keine jener Freuden kannte, die ein Volk genießt, das auf patriarchalischem Boden sesshaft ist, hat das Ungemach diesem wandernden Stamm nur düstere, gewaltige und blutige Dichtungen diktiert. Den Hindus dagegen hat der Anblick des schnellen Wiederaufblühens der Erde, der wunderbaren Wirkungen der Sonne, deren erste Zeugen sie waren, die lachende Auffassung von glücklicher Liebe, den Kult des Feuers, die unendlichen Verkörperungen der Wiedergeburt eingegeben. Diese wundervollen Bilder fehlen dem Werk der Hebräer. Ein dauerndes Bedürfnis nach Erhaltung auf den gefahrvollen Wanderschaften durch die Länder bis zu einem endlichen Ruhepunkt erzeugte das exklusive Gefühl dieses Volkes und seinen Hass gegen die andern Völker. Diese drei Schriften sind die Archive der untergegangenen Welt. Dort liegt das Geheimnis der unerhörten Größe dieser Sprachen und ihrer Mythen. Eine große Geschichte der Menschheit ruht unter diesen Namen von Menschen und Orten begraben, unter diesen Dichtungen, die uns unwiderstehlich anziehen, ohne dass wir wissen warum. Vielleicht atmen wir hier die Heimatlust unserer neuen Menschheit.« ...
 

In einem Brief schreibt Lambert, dass das gewöhnliche Arbeitsleben für ihn nicht in Frage komme, er ziehe das Denken dem Tun vor, eine Idee einem Geschäft, die Betrachtung der Bewegung; Derjenige, der lebt, um im Reiche des Geistes Großes zu vollbringen, braucht materiell wenig: 
"Lieber Onkel, ich werde dieses Land, in dem ich nicht leben kann, bald verlassen. Hier ist kein Mensch, der das liebt, was ich liebe, der sich mit dem beschäftigt, was mich beschäftigt, der sich über das verwundert, was mich in Erstaunen setzt. Da ich mich ganz in mich zurückziehen muss, hin ich wie ausgehöhlt und leide. Das lange und beharrliche Studium, dem ich die hiesige Gesellschaft unterzogen habe, hat zu traurigen Schlüssen geführt, in denen der Zweifel vorherrscht. Hier ist das Geld Ausgangspunkt für alles. Man braucht Geld, sogar um Geld entbehren zu können. Aber wenn dieses Metall auch für denjenigen notwendig ist, der ruhig denken will, so habe ich doch nicht den Mut, es zu der einzigen treibenden Kraft meiner Gedanken zu machen. Um ein Vermögen anzuhäufen, muss man einen Stand wählen, muss man, mit andern Worten, durch irgend ein Vorrecht von Stellung oder Kundschaft, durch ein gesetzliches oder geschickt erworbenes Privileg das Recht kaufen, jeden Tag aus dem Geldbeutel des andern eine kleine Summe zu entnehmen, die in einigen Jahren zu einem kleinen Kapital anwächst, das in zwanzig Jahren kaum vier- bis fünftausend Franken Rente abwirft, wenn ein Mensch ehrlich dabei verfährt. In fünfzehn bis sechzehn Jahren nach angespannter Arbeitszeit haben Rechtsanwälte, Notare, Kaufleute, kurz, alle Berufsmenschen, sich für ihre alten Tage ihr Brot verdient. Ich fühle mich zu all diesem nicht geschaffen. Ich ziehe das Denken dem Tun vor, eine Idee einem Geschäft, die Betrachtung der Bewegung. Mir fehlt vor allem die unablässige und notwendige Aufmerksamkeit dessen, der sich ein Vermögen schaffen will. Jedes kaufmännische Unternehmen, jede Notwendigkeit, dem andern Geld abzufordern, würde bei mir schlecht ablaufen, und ich wäre bald ruiniert. Wenn ich auch nichts besitze, so schulde ich in diesem Augenblick auch nichts. Derjenige, der lebt, um im Reiche des Geistes Großes zu vollbringen, braucht materiell wenig; aber wenn mir auch zwanzig Sous pro Tag genügen würden, so besitze ich nicht einmal die Rente für diese arbeitsreiche musse. Wenn ich nachdenken will, so jagt mich die Not aus dem Heiligtum heraus, in welchem sich mein Gedanke regt. Was soll aus mir werden? Das Elend erschreckt mich nicht. Wenn man die Bettler nicht einsperrte, beschimpfte und verachtete, ich würde betteln, um in Ruhe die Probleme lösen zu können, die mich beschäftigen. Aber dieser erhabene Verzicht, durch den ich meinen Gedanken befreien könnte, indem ich ihn von meinem Körper löste, würde nichts helfen: man braucht Geld, um gewisse Experimente zu machen. Sonst würde ich gern die äußere Armut des Denkers, dem Erde und Himmel gehört, auf mich nehmen. Um groß im Elend zu sein, genügt es, sich niemals zu erniedrigen. Der Mensch, der kämpft und leidet, während er auf ein großes Ziel losgeht, bietet sicher ein schönes Schauspiel; aber wer hat hier Kraft, um zu kämpfen? Man erklimmt Felsen, denn man kann nicht immer im Schmutz waten. Hier aber wird jeder Geist, der der Zukunft zustrebt, in seinem graden Flug zu ihr entmutigt. In einer Höhle der Wüste würde ich mich nicht so fürchten, wie ich mich hier fürchte; in der Wüste wäre ich allein mit mir, ohne Ablenkung; hier empfindet der Mensch eine Menge Bedürfnisse, die ihn erniedrigen. Wer hier ausgeht, in Träume und Gedanken vertieft, den ruft die Stimme des Armen, der um einen Almosen bittet, wieder mitten in diese Welt des Hungers und des Durstes zurück. Man braucht schon Geld, um spazieren zu gehen. Der Organismus, unablässig durch Nichtigkeiten ermüdet, ruht sich nie aus. Die nervöse Konstitution des Dichters wird hier unablässig erschüttert, und was sein Ruhm sein sollte, wird seine Qual: seine Phantasie ist seine ärgste Feindin. Der verunglückte Arbeiter, die arme Wöchnerin, die krankgewordene Dirne, das verlassene Kind, der kranke Greis, das Laster, ja selbst das Verbrechen finden hier ein Asyl und Pflege; aber für den Erfinder, für den Menschen, der nachdenkt, ist die Welt mitleidslos. Hier muss alles einen sofortigen, greifbaren Erfolg haben; über anfangs unfruchtbare Versuche, die aber zu den größten Entdeckungen führen können, macht man sich lustig und man achtet das anhaltende und eingehende Studium nicht, das eine lange Konzentration der Kräfte verlangt. Der Staat sollte das Talent besolden, wie er den Soldaten bezahlt, aber er fürchtet, von dem intelligenten Menschen übervorteilt zu werden, als ob das Genie lange zu unterdrücken wäre! Ach, lieber Onkel, wenn man schon die klösterliche Einsamkeit am Fuße der Berge, unter grünen und stillen Schatten, zerstört hat, sollte man da nicht Hospize für leidende Seelen errichten, die mit einem einzigen Gedanken ganze Völker befruchten oder den Fortschritt einer Wissenschaft verbreiten?" 

Für die normalen Menschen gab es die Religionen, nur Mohammed hat für die wilden und einfältigen Araber aus diesen Religionen den Koran zusammengeschrieben, "und passte alles dem Geiste der Araber an".

"Weißt du, warum ich wieder bei Swedenborg gelandet bin, nachdem ich unendlich viel über die Religionen studiert habe und mir durch die Lektüre der Arbeiten, die das fleißige Deutschland, die England und Frankreich seit sechzig Jahren veröffentlicht haben, die tiefe Wahrheit meiner Jugendbemerkungen über die Bibel klar gemacht habe? Swedenborg fasst in der Tat alle Religionen zusammen oder vielmehr, die einzige Religion der Menschheit. Wenn ihre Gottesdienste auch unzählige Formen angenommen haben, ihr Sinn und ihre metaphysische Gestaltung haben sich nie gewandelt. Der Mensch hat also stets nur eine Religion gehabt. Der Schivaismus, der Vischnuismus und der Brahmaismus, die drei ersten menschlichen Kulte, die in Tibet, im Tale des Indus und auf den weiten Ebenen des Ganges entstanden sind, haben ein paar tausend Jahre vor Christus den Krieg untereinander beendet, indem sie die hinduistische Lehre von der Trimurti angenommen haben. Aus diesem Dogma ging in Persien die Religion der Magier hervor, in Ägypten die afrikanischen Religionen und der Mosaismus und endlich der Kabirismus und der griechisch-römische Polytheismus. Während diese Ausstrahlungen der Lehre von der Trimurti die Mythen Asiens den Phantasien jedes Landes anpassen, in das sie durch die Weisen eingeführt wurde, die die Menschen dann in Halbgötter wie Mithra, Bacchus, Hermes, Herkules verwandeln, erhebt sich Buddha, der berühmte Reformator der drei ersten Religionen in Indien und gründet dort seine Kirche, die noch heute zweihundert Millionen Anhänger mehr zählt als das Christentum, und aus der die gewaltigen Gedanken eines Christus und eines Konfuzius Kraft geschöpft haben. Das Christentum erhebt sein Banner; später schweißt Mohammed Judentum und Christentum, Bibel und Evangelium in einem Buche, dem Koran, zusammen, und passte alles dem Geiste der Araber an. Swedenborg nun nimmt aus der Lehre der Magier, aus dem Brahmaismus, dem Buddhismus und dem christlichen Mystizismus, was diese vier großen Religionen Gemeinsames, Wirkliches, Göttliches haben, und gibt ihren Lehren eine sozusagen mathematische Grundlage. Wer sich in diese religiösen Strömungen stürzt, deren Gründer nicht alle bekannt sind, der erkennt, dass Zarathustra, Moses, Buddha, Konfuzius, Jesus Christus, Swedenborg die gleichen Prinzipien haben und dass sie dem gleichen Ziele zustreben." 
Ätherischen Substanzen, Materie; das Tier als Produkt der Notwendigkeit; größere oder geringere Vollkommenheit des menschlichen Organismus; der Ton ist eine Abwandlung der Luft, alle Farben sind Abwandlungen des Lichtes; Zorn, Gefühle sind lebendige Kräfte; die Welt der Ideen; der größte Teil der sichtbaren Menschheit, und zugleich ihr schwächster Teil, bewohnt die Sphäre des Instinkts; abstrakte Begriffe; Gabe des Schauens, Intuition; es gibt drei Welten: die natürliche, die geistige, die göttliche; Auferstehung:
"Hienieden ist alles das Produkt einer »ätherischen Substanz«, der gemeinsamen Basis mehrerer Phänomene, die unter den unzulänglichen Namen »Elektrizität«, »Wärme«, »Licht«, »galvanisches und magnetisches Fluidum« bekannt sind. Die Gesamtheit der Wandlungen dieser Substanz schafft das, was man gemeinhin die Materie nennt. ...

Der Wille ist ein Fluidum, das jedem Wesen, das mit Bewegung begabt, eigen ist. Daher die unzähligen Formen, nach denen das »Tier« strebt und die die Ergebnisse seiner Verbindung mit der »Substanz« sind. Seine Instinkte sind das Produkt der Notwendigkeit, das das Milieu, in dem es sich entwickelt, ihm auferlegt. Daher seine Verschiedenartigkeiten. Im Menschen wird der Wille zu einer Kraft, die ihm eigen ist und die an Intensität diejenige aller Gattungen übertrifft. Durch seine dauernde Nahrungsaufnahme ist der Wille mit der »Substanz« verbunden, die er in allen Wandlungen wiederfindet, indem er sie mit dem Gedanken durchdringt, welcher seinerseits ein besonderes Produkt des menschlichen Willens ist, der mit den verschiedenen Formen der Substanz in Verbindung steht. Aus der größeren oder geringeren Vollkommenheit des menschlichen Organismus resultieren die unzähligen Formen, nach denen der Gedanke strebt. Der Wille äußert sich durch die Organe, die gewöhnlich die fünf Sinne benannt werden, aber nur ein einziger Sinn sind: die Fähigkeit zu sehen. Gefühl, Geschmack, Gehör und Geruch sind nur ein Sehen, das sich den Wandlungen der Substanz anpasst, die der Mensch in seinen beiden Stadien aufnehmen kann: verwandelt und nicht verwandelt.

Alle Dinge, die durch die Form in das Bereich des einzigen Sinnes, des Sehens, fallen, beschränken sich auf einige elementare Körper, deren Grundstoffe in der Luft und im Licht oder in den Grundstoffen von Luft und Licht enthalten sind. Der Ton ist eine Abwandlung der Luft, alle Farben sind Abwandlungen des Lichtes, jeder Duft ist eine Verbindung von Luft und Licht. So haben die vier Darstellungsarten der Materie, die sich auf den Menschen beziehen: der Ton, die Farbe, der Duft und die Form ein und denselben Ursprung. Denn der Tag wird nicht mehr fern sein, an dem man den Zusammenhang der Grundstoffe des Lichtes mit denen der Luft erkennen wird. Der Gedanke, der sich auf das Licht bezieht, drückt sich in dem Wort aus, das dem Reich des Klanges entlehnt ist. Für ihn rührt also alles von der Substanz her, deren verschiedene Formen sich nur durch die »Zahl« unterscheiden, durch eine gewisse »Dosierung«, deren Zusammenstellung die Individuen oder Dinge aus den sogenannten »Naturreichen« hervorbringen. Wenn die Substanz in einer hinreichenden »Zahl« absorbiert ist, macht sie aus dem Menschen einen Apparat von gewaltiger Kraft, die mit dem Prinzip der Substanz selbst in Verbindung steht und auf die organisierte Natur in der Weise großer Ströme wirkt, die die kleinen aufnehmen. Das Wollen setzt diese Kraft in Bewegung, die vom Gedanken unabhängig ist und die durch ihre Konzentration einige der Eigenschaften der Substanz erhält, wie die Schnelligkeit des Lichtes und das Eindringen der Elektrizität, wozu man noch das hinzufügen muss, was sie selbst vermag. Es besteht aber im Menschen ein ursprüngliches und herrschendes Phänomen, das keine Analyse duldet. Man mag den ganzen Menschen zerlegen, man wird vielleicht die Elemente des Gedankens und des Willens finden, aber immer begegnet man – ohne es erklären zu können – diesem X, an dem ich mich früher immer gestoßen habe. Dieses X ist das Wort, dessen Übermittlung diejenigen verbrennt und verzehrt, die nicht vorbereitet sind, es zu empfangen. Es erzeugt unablässig die Substanz.

Der Zorn, so wie jede Äußerung der Leidenschaft, ist ein Strom der menschlichen Kraft, der elektrisch wirkt. Dieser Schlag, wenn er sich entlädt, wirkt auf die anwesenden Personen, selbst wenn diese weder sein Ziel noch seine Ursache sind. Begegnet man nicht Menschen, die durch ein Entladen ihres Wollens die Gefühle der Massen leiten? Der Fanatismus und alle Gefühle sind lebendige Kräfte. Diese Kräfte werden hei gewissen Wesen zu Strömen des Willens, die alles vereinen und mit sich reißen. ...

Tatsachen sind nichts, sie existieren nicht; es bleiben von uns nichts übrig als Ideen. Die Welt der Ideen teilt sich in drei Sphären: in die des Instinkts, in die der abstrakten Begriffe und in die des Schauens. Der größte Teil der sichtbaren Menschheit, und zugleich ihr schwächster Teil, bewohnt die Sphäre des Instinkts. Die Instinkte entstehen, arbeiten und vergehen ohne sich zu dem zweiten Grad der menschlichen Intelligenz, den abstrakten Begriffen, zu erheben. Bei den abstrakten Begriffen beginnt die Gesellschaft. Wenn die abstrakten Begriffe mit dem Instinkt verglichen eine fast göttliche Kraft sind, so sind sie, wenn man sie mit dem Schauen vergleicht, das allein Gott erklären kann, nur eine gewaltige Schwäche! Die abstrakten Begriffe umfassen eine ganze Natur viel virtueller im Keim als das Samenkorn das System einer Pflanze und deren Frucht. Aus den abstrakten Begriffen entstehen die sozialen Gesetze, Interessen, Ideen und Künste. Sie sind der Ruhm und das Verderben der Welt: der Ruhm, weil sie die Gesellschaft geschaffen haben, das Verderben, weil sie den Menschen daran hindern, zum Schauen zu gelangen, welches einer der Wege zum Unendlichen ist. Der Mensch beurteilt alles nach seinen abstrakten Begriffen: das Gute, das Böse, die Tugend, das Laster. Seine Formeln des Rechts sind seine Wage, seine Gerechtigkeit ist blind; die Gerechtigkeit Gottes aber ist sehend, darin liegt alles. Es gibt notwendigerweise Zwischenwesen, die das Reich des Instinktmenschen vom Reich des abstrakten Menschen trennen und bei denen sich das »Instinktive« mit dem »Abstrakten« vieler Abarten vermischt. Bei den einen ist mehr Instinktives als Abstraktes vorhanden, bei den andern ist es umgekehrt. Dann gibt es Wesen, bei denen sich beides neutralisiert, indem es durch gleichartige Kräfte wirkt.

Die Gabe des Schauens besteht darin, die Dinge der materiellen Welt ebenso gut wie diejenigen der geistigen Welt in ihren ursprünglichen und ihren in der Folge abgewandelten Arten zu sehen. Die schönsten menschlichen Genien sind diejenigen, die von den Dunkelheiten des Abstrakten ausgegangen sind, um zum Licht des Schauens zu gelangen (species, schauen, nachsinnen, alles sehen und auf einmal; speculum, Spiegel oder Mittel, eine Sache zu begreifen indem man sie ganz sieht). Jesus war ein Seher, er sah das Geschehene in seinen Wurzeln und in seinen Früchten, in der Vergangenheit, die es hervorgebracht, in der Gegenwart, in der es sich darstellt, in der Zukunft, in der es sich entfaltet. Sein Schauen durchdrang die Einsicht des Anderen. Die Vollkommenheit des inneren Schauens erzeugt die Sehergabe. Das »Sehen« bringt die Intuition mit sich. Die Intuition ist eine der Gaben des »inneren Menschen«, dessen Attribut die Seherkraft ist. Zwischen der Sphäre des Schauens und derjenigen der abstrakten Begriffe gibt es, wie zwischen dieser und der des Instinkts, Wesen, bei denen die verschiedenen Eigenschaften der beiden Reiche sich miteinander vermengen und Mischwesen hervorbringen: die Genies. Die Sehergabe ist naturgemäß der vollkommenste Ausdruck des Menschen, der Ring, der die sichtbare Welt mit der höheren verbindet: der schauende Mensch handelt, sieht und fühlt durch sein Inneres. Der abstrakte Mensch denkt, der Instinktive handelt. Daher gibt es drei Stufen für den Menschen: der instinktive steht unter dem Maß, der abstrakte steht in gleicher Höhe desselben, der Schauende über demselben. Die Sehergabe öffnet dem Menschen seinen wirklichen Lebensweg, das Unendliche beginnt in ihm aufzugehen, er ahnt sein Schicksal.

Es gibt drei Welten: die natürliche, die geistige, die göttliche. Die Menschheit geht durch die natürliche Welt hindurch, die weder in ihrem inneren Wesen noch in ihren äußeren Fähigkeiten feststeht. Die geistige Welt ist feststehend im Wesen und beweglich in ihren Fähigkeiten. Die göttliche Welt ist feststehend sowohl in ihren Fähigkeiten als auch in ihrem Wesen. Es gibt daher einen materiellen, einen geistigen, einen göttlichen Kult; drei Formen, die sich durch das Handeln, das Wort, das Gebet auswirken, oder anders ausgedrückt: durch die Tatsachen, den Verstand und die Liebe. Der Instinktive will Tatsachen, der Abstrakte beschäftigt sich mit den Ideen, der Seher sieht das Ende, strebt Gott zu, den er vorempfindet oder betrachtet. 

Vielleicht wird eines Tages der umgekehrte Sinn von »Et Verbum caro factum est« der Inbegriff eines neuen Evangeliums sein, das sagt: Und das Fleisch wird Wort werden; es wird das Wort Gottes sein. Die Auferstehung vollzieht sich durch den Wind des Himmels, der die Welt rein fegt. Der Engel, der vom Wind getragen ist, sagt nicht: »Tote, stehet auf!«, er sagt vielmehr: »die Lebenden sollen auferstehen!« [3] 


 
 

3. Eine systematische Verfassung der Geisterwelt und eine aus dem Nachlass veröffentlichte Reflexion Goethes


Kant hatte im Gegensatz zu Goethe, Schelling, Schopenhauer und später Rudolf Steiner natürlich seine Probleme mit der Anerkennung von Swedenborgs Werk. Von den naturwissenschaftlichen Gottesbeweisen wollte Goethe die sehr entlegenen aus dem Blitz und dem Schnee retten. Eine aus dem Nachlass veröffentlichte Reflexion Goethes ist dem Problem der Gottesbeweise gewidmet. „Den teleologischen Beweis vom Dasein Gottes hat die kritische Vernunft beseitigt; wir lassen es uns gefallen. Was aber nicht als Beweis gilt, soll uns als Gefühl gelten, und wir rufen daher von der Brontotheologie bis zur Niphotheologie alle dergleichen fromme Bemühungen wieder heran. Sollten wir im Blitz, Donner und Sturm nicht die Nähe einer übergewaltigen Macht, in Blütenduft und lauem Luftsäuseln nicht ein liebevoll sich annäherndes Wesen empfinden dürfen?“ Goethe spielt auf Kant an, der in der „Kritik der reinen Vernunft“ gegen den Schluss „von der in der Welt so durchgängig zu beobachtenden Ordnung und Zweckmäßigkeit“ auf „das Dasein einer ihr proportionierten Ursache“ einwendet, die Physikotheologie könne „keinen bestimmten Begriff von der obersten Weltursache geben und daher zu einem Prinzip der Theologie, welche wiederum die Grundlage der Religion ausmachen soll, nicht hinreichend sein“.

"Für Goethe ist mit der Beseitigung des Beweises das Thema nicht erledigt. Er meint, dass etwas, das „nicht als Beweis gilt“, deshalb aus der Sphäre des Geltens noch nicht notwendig herausgefallen ist. Es soll „als Gefühl gelten“, und zwar „uns“, also ihm und allen, die fühlen wie er. Dazu bringt er mit zwei sehr entlegenen Fremdworten Vorstellungen aus dem Grenzbereich zwischen Naturwissenschaft und Theologie ins Spiel, Brontotheologie und Niphotheologie. Erstere lässt sich insofern identifizieren, als sie aus den Phänomenen von Blitz und Donner, griechisch „bronté“, auf die Existenz Gottes schließt. Dabei steht möglicherweise auch eine Passage aus dem ersten Buch der Könige im Hintergrund, wo vom Aufenthalt des Propheten Elia in der Wüste die Rede ist. Die Erscheinung des Herrn ist dort weder im Sturm noch im Erdbeben noch im Feuer, wohl aber im sanften, leisen Säuseln, in dem sich die Geistigkeit Gottes manifestiert. Dieser Zusammenhang war Gegenstand in der Abhandlung von Peter Ahlwardt, einem lutherischen Theologen, Schüler von Christian Wolff und späteren Rektor der Universität Greifswald, aus dem Jahr 1745: „Bronto-Theologie oder Vernünftige und Theologische Betrachtungen über den Blitz und Donner, wodurch der Mensch zur wahren Erkenntnis Gottes und seiner Vollkommenheiten wie auch zu einem tugendhaften Leben und Wandel geführet werden kann“. Woher aber stammt das zweite Stichwort, die „Niphotheologie“ oder, wie es in der Handschrift heißt, „Nivologie“? Hier könnte man an das Maria-Schnee-Wunder denken, eine Legende, wonach die Mutter Gottes in der Nacht zum 5. August des Jahres 352 dem Papst Liberius und dem Patrizier Johannes erschienen sei; sie habe ihnen aufgetragen, dort eine Kirche zu bauen, wo am nächsten Morgen Schnee fallen werde. Das sei auf dem Esquilin-Hügel in Rom der Fall gewesen, dort, wo Goethe die größte Marienkirche Roms finden konnte, Santa Maria Maggiore. Die im Faust II ironisch zitierte Formel „Unmöglich ist’s, drum eben glaubenswert“ kann als Ausweis der Außerordentlichkeit herangezogen werden ... Im Hintergrund steht eine prominente Tradition der Kirchengeschichte, zu der auch Matthias Grünewald mit seinem Maria-Schnee-Altar beigetragen hat. Und wenn nicht in der „Italienischen Reise“, so begegnete Goethe dieser Tradition schon zehn Jahre früher. Am Ende des 18. Buches von „Dichtung und Wahrheit“ ist von der Reise in die Schweiz die Rede. Im Juli 1775 hat Goethe die Rigi bei Klösterli bestiegen, „um halb Achte standen wir bei der Mutter Gottes im Schnee“, bei der Wallfahrtskapelle Maria zum Schnee." [4]
 
 

4. Kant und Schopenhauer

Schopenhauer kann einige Passagen aus Kants Kritik an Swedenborg durchaus unterschreiben: "Dadurch sehen wir uns in den geheimsten Beweggründen abhängig von der Regel des allgemeinen Willens, und es entspringt daraus in der Welt aller denkenden Naturen eine moralische Einheit und systematische Verfassung nach bloß geistigen Gesetzen." Nur handelt es sich bei den Werken Swedenborgs nicht um "Hirngespinste der Einbildung", "grobe Blendwerke" oder ein "natürliches Erbstück der Dummheit", das "verzweifelt missschaffen und albern aussieht" wie Kant in seiner etwas naiven Vorstellungskraft meint und Swedenborg als "Kandidaten des Hospitals" und "Erzphantast unter allen Phantasten" abfertigt. Kant wandelt eben wie Demokrit im leeren Raume und innerhalb der Grenzen seiner eigenen Erkenntnis. Wenn er von Leichtgläubigkeit, dummer Einfalt, "Erbstück der Dummheit", das "verzweifelt missschaffen und albern aussieht" oder von Hirngespinsten "einer verkehrtgrübelnden Vernunft" spricht, seinen Stil als platt bezeichnet und meint, "seine Erzählungen und ihre Zusammenordnung scheinen aus fanatischem Anschauen entsprungen zu sein", so trifft dies eigentlich mehr auf den Propheten Mohammed und seinen albernen Koran zu. [5]

Das sah Schopenhauer genauso, als er über den Islam, den Koran und den Moslem schrieb, der «ein bescheidener Bursche sei, der mit geringer Kost vorlieb nehme», ein «öffentlich zugestandenes erzwungenes Unrecht» erleiden, wie es der Fall sei in der «Verfassung der meisten Mohammedanischen Reiche» und eine träge Vernunft oder «Türkenglaube» besitzen müsse: «Man betrachte z. B. den Koran: dieses schlechte Buch war hinreichend, eine Weltreligion zu begründen, das metaphysische Bedürfnis zahlloser Millionen Menschen seit 1200 Jahren zu befriedigen, die Grundlage ihrer Moral und einer bedeutenden Verachtung des Todes zu werden, wie auch sie zu blutigen Kriegen und den ausgedehntesten Eroberungen zu begeistern. Wir finden in ihm die traurigste und ärmlichste Gestalt des Theismus. Viel mag durch die Übersetzung verloren gehen, aber ich habe keinen einzigen wertvollen Gedanken darin entdecken können»  - Arthur Schopenhauer, «Die Welt als Wille und Vorstellung» II, 17 und I, § 55, § 62 

Er spricht auch von der Schädlichkeit des Theismus wie er im Islam oder bei Kant auftritt: «So gibt der Theismus zwar der Moral eine Stütze, jedoch eine von der rohesten Art, ja , eine, durch welche die wahre und reine Moralität des Handelns im Grunde aufgehoben wird... vielmehr wird das Innere einer solchen Tugend auf klugen und wohl überlegenden Egoismus zurücklaufen. ... Dieserwegen untergräbt auch Kants Moraltheologie eigentlich die Moral, sie ist wie der Theismus ebenfalls mit der Moral im Widerstreit; weil er Freiheit und Zurechnungsfähigkeit aufhebt.»  - Arthur Schopenhauer, «Parerga und Paralipomena» I, 1

«Sogar an Abrichtungsfähigkeit übertrifft der Mensch alle Tiere. Die Moslem sind abgerichtet, 5 Mal des Tages, das Gesicht gegen Mekka gerichtet, zu beten: tun es unverbrüchlich. ... Es gibt keine Absurdität, die so handgreiflich wäre, dass man sie nicht allen Menschen fest in den Kopf setzen könnte, wenn man nur schon vor ihrem sechsten Jahre anfinge, sie ihnen einzuprägen, indem man unablässig und mit feierlichstem Ernst sie ihnen vorsagte. Denn, wie die Abrichtung der Tiere, so gelingt auch die des Menschen nur in früher Jugend vollkommen.»  - Arthur Schopenhauer, «Parerga und Paralipomena» II, 2, § 344

«Wenn man sieht, wie die Dummköpfe gegen die Leute von Geist zusammenhalten, glaubt man eine Verschwörung von Dienern gegen ihre Herren zu sehen.»  - Arthur Schopenhauer nach Chamfort, «Parerga und Paralipomena» I, 1

Gesundheit: «Hieraus aber folgt, dass die größte aller Thorheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für Bevörderung, für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und flüchtige Genüsse: vielmehr soll man ihr alles nachsetzen.»  - Arthur Schopenhauer, «Parerga und Paralipomena» I, 2

Naturheilkunde im Gegensatz zur Schulmedizin: «Die Heilmittel der Ärzte sind meistens bloß gegen die Symptome gerichtet, als welche sie für das Übel selbst halten; daher wird nach einer solchen Heilung uns unbehaglich fühlen, Lässt man hingegen der Natur nur Zeit; so vollbringt sie allmählich selbst die Heilung ... aber bei Weitem die meisten Genesungen sind bloß das Werk der Natur, für welches der Ärzt die Bezahlung einstreicht.... Die meisten guten Kunden der Ärzte sehen ihren Leib an, wie eine Uhr, oder sonstige Maschine, die, wenn etwas an ihr in Unordnung geraten ist, nur dadurch wieder hergestellt wewrden kann, dass der Mechanicus sie repariert.»  - Arthur Schopenhauer, «Parerga und Paralipomena» II, 1

«Im Schlafe, wo bloß das vegetative Leben fortgesetzt wird, wirkt der Wille allein nach seiner ursprünglichen und wesentlichen Natur, ungestört von außen, ohne Abzug seiner Kraft durch die Tätigkeit des Gehirns ... daher ist im Schlafe die ganze Kraft des Willens auf Erhaltung und, wo es nötig ist, Ausbesserung des Organismus gerichtet; weshalb alle Heilung, alle wohltätigen Krisen, im Schlaf erfolgen; indem die vis naturae medicatrix (Heilkraft der Natur) erst dann freies Spiel hat, wann sie von der Last der Erkenntnisfunktion befreit ist.» - Arthur Schopenhauer, «Die Welt als Wille und Vorstellung» II, 19

Krankheiten sind selbst ein Heilprozess der Natur, «den sie einleitet, um eine irgendwie im Organismus eingerissene Unordnung durch Überwindung der Ursachen derselben zu beseitigen, wobei sie im entscheidenden Kampf, der Krisis, entweder den Sieg davonträgt und ihren Zweck erreicht, oder aber unterliegt.» - Arthur Schopenhauer, «Die Welt als Wille und Vorstellung» II, 20

Über das unausweichbar Falsche des Materialismus: «Man lasse sich nur ja nicht durch Machtsprüche und mit dreister Stirn gegebene Versicherungen, dass die Sachen entschieden, abgemacht und allgemein anerkannt wären, übertölpeln. Vielmehr geht die ganze mechanische und atomistische Naturansicht ihrem Bankrott entgegen, und die Verteidiger derselben haben zu lernen, dass hinter der Natur etwas mehr steckt, als Stoß und Gegenstoß.» - Arthur Schopenhauer, «Die Welt als Wille und Vorstellung» II, 24

Europa kann vom Buddhismus und Brahmanismus lernen, vor allem die Kirchen und Marxisten / Sozialisten: «Es ist in der Tat eine bedenkliche Sache, dem Menschen in dieser Hinsicht schwache und unhaltbare Begriffe durch frühes Einprägen aufzuzwingen, und ihn dadurch zur Aufnahme der richtigeren und standhaltenden auf immer unfähig zu machen. Z.B. ihn lehren, dass er erst kürzlich aus Nichts geworden, folglich eine Ewigkeit hindurch Nichts gewesen sei und dennoch für die Zukunft unvergänglich sein solle ... In Folge solcher Entwicklung sehn wir eben jetzt (1844), in England, unter verdorbenen Fabrikarbeitern, die Sozialisten, und in Deutschland, unter verdorbenen Studenten, die Junghegelianer zur absolut physischen Ansicht herabsinken, welche zu dem Resultate führt: edite, bibite, post mortem nulla voluptas (Esst, trinkt, nach dem Tode gibt es keine Lust mehr), und insofern als Bestialismus bezeichnet werden kann. ... Jeder kann sich nur insofern als unsterblich denken, als er sich auch als ungeboren denkt, und in gleichem Sinn.» - Arthur Schopenhauer, «Die Welt als Wille und Vorstellung» II, 41

Die Lehre der Metempsychose wurde in den Mysterien der Griechen gelehrt, in der Edda, bei den ersten Christen, und einige Europäer wie Lessing und Lichtenberg haben sie behandelt. Vor allem ist sie aber der Kern des Buddhismus und Brahmanismus, «herrscht noch jetzt im ganzen nicht islamisierten Asien, also bei mehr als der Hälfte des ganzen Menschengeschlechts, als die festeste Überzeugung und mit unglaubliche starkem praktischen Einfluss.» - Arthur Schopenhauer, «Die Welt als Wille und Vorstellung» II, 41

Für Schopenhauer und  das ganze "nicht-islamisierte" Asien ist es "empörend und abscheulich", wie z.B. Kantianer sich für den Klima- und Tierschutz einsetzen aber auf der anderen Seite, all das befürworten, was diese Klimakrise und Tierquälerei hervorgerufen hat. Denn durch die materialistisch-mechanistische Wissenschaft und grüne und rote (z.B. mRNA-Technik) Gentechnik werden die Rechte der Tiere nicht weiter berücksichtigt; sie sind "vogelfrei, sind bloße 'Sachen', bloße Mittel zu beliebigen Zwecken, also etwa zu Vivisektionen", Massentierhaltung, Genmanipulationen; inzwischen ist man dazu übergegangen sogar Menschen zu Versuchskaninchen zu machen; Biontech freut sich über Millionen menschlicher Versuchskaninchen; das hätten sie in einer Demokratie nie zu träumen gewagt. Dafür bekommen Ugur Sahin (Biontech) und seine Frau sogar das Bundesverdienstkreuz: «Also bloß zur Übung soll man mit Tieren Mitleid haben, und sie sind gleichsam das pathologische Phantom zur Übung des Mitleids mit Menschen. Ich finde mit dem ganzen nicht-islamisierten ... Asien, solche Sätze empörend und abscheulich. ... Weil nämlich (wovon weiterhin) die christliche Moral die Tiere nicht berücksichtigt; so sind diese sofort auch in der philosophischen Moral vogelfrei, sind bloße 'Sachen', bloße Mittel zu beliebigen Zwecken, also etwa zu Vivisektionen, Parforcejagden, Stiergefechten, Wettrennen, zu Tode peitschen vor dem unbeweglichen Steinkarren u. dgl. - Pfui!»  - Arthur Schopenhauer, «Preisschrift über die Grundlage der Moral» , § 8 

«Die vermeintliche Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn, dass unser Handeln gegen die Tiere ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral heisst, dass es gegen Tiere keine Pflichten gebe, ist geradezu eine empörende Roheit und Barbarei»  - Arthur Schopenhauer, «Preisschrift über die Grundlage der Moral» , § 19 

«Europa endlich ist der christliche Staatenbund: das Christentum ist die Basis jeder seiner Glieder und das gemeinschaftliche Band aller; daher auch die Türkei, obgleich in Europa gelegen, eigentlich nicht dazu gerechnet wird.»  - Arthur Schopenhauer, «Parerga und Paralipomena» II, 2, § 174

Das Absurde des atomistisch-materialistischen Ansichten, die mit erneuter Dreistigkeit aufgetreten sind: «Ihnen liegt, wenn man es genau betrachtet, zuletzt die Voraussetzung zum Grunde, dass der Organismus nur ein Aggregat von Erscheinungen physischer, chemischer und mechanischer Kräfte sei, die hier zufällig zusammenkommen, den Organismus zustande brächten, als ein Naturspiel ohne weitere Bedeutung ... Der Organismus wäre daher aus dem Zusammentreffen dieser Kräfte so zufällig zusammengeblasen wie die Gestalten von Menschen und Tieren aus Wolken oder Stalaktiten. ...bis zuletzt das Menschengeschlecht, weil es alle andern überwältigt, die Natur für ein Fabrikat zu seinem Gebrauch ansieht.» - Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, § 27

«... Die Musik ist nämlich eine so unmittelbare Objektivation und Abbild des ganzen Willens, wie die Welt selbst es ist, ja wie die Ideen es sind, deren vervielfältigte Erscheinung die Welt der einzelnen Dinge ausmacht. Die Musik ist also keineswegs, gleich den anderen Künsten, das Abbild der Ideen; sondern Abbild des Willens selbst, dessen Objektivität auch die Ideen sind: deshalb eben ist die Wirkung der Musik so sehr viel mächtiger und eindringlicher, als die der anderen Künste: denn diese reden nur vom Schatten, sie aber vom Wesen ...», Arthur Schopenhauer, «Die Welt als Wille und Vorstellung», I, § 52

Auch den letzten Satz aus Kants Werk könnten die Romantiker, die Theosophen bzw. Anthroposophen und die Anhänger Swedenborgs durchaus unterschreiben: "Da aber unser Schicksal in der künftigen Welt vermutlich sehr darauf ankommen mag, wie wir unseren Posten in der gegenwärtigen verwaltet haben, so schließe ich mit demjenigen, was Voltaire seinem ehrlichen Candide, nach so viel unnützen Schulstreitigkeiten, zum Beschlusse sagen lässt: Lasst uns unser Glück besorgen, in den Garten gehen, und arbeiten." Allerdings hängt das Schicksal in der künftigen Welt auch von unserer Philosophie ab und es wird sich anders gestalten, wenn es eine materialistische bzw. theistische Philosophie im Sinne von Kant ist als wenn es eine idealistische, der geistigen Welt aufgeschlossene Weltanschauung ist.  [6]

Anmerkungen

[1] Wissenschaftsbriefe / Science Review Letters 2026, 25, Nr. 1760 und FAZ 2026 Nr. 167; Mathias Mayer 2026: Goethes „Niphotheologie“; Honoré de Balzac, Comédie Humaine (Die menschliche Komödie), Louis Lambert, Roman 1832, 1977; Immanuel Kant; Tr. eines Geistersehers, Königsberg 1766; Emanuel von Swedenborg, Arcana coelestia, London 1749–1756, Tübingen 1833–1842. (Himmlische Geheimnisse), Tübingen 1842–1870; Ders.: De Coelo et eius mirabilibus, et de inferno, London 1758. (Himmel und Hölle); 1873; Ders.: Vera christiana religio, London 1771 (Die Wahre Christliche Religion), 1855–1858; vgl. Kurse Nr. 695 Emanuel Swedenborg, Nr. 694 Honore de Balzac, Nr. 020 Johann Wolfgang von Goethe I-II, Nr. 673 Johann Wolfgang von Goethe III, Nr. 509 F.W.J. Schelling I, Nr. 510 F.W.J. Schelling II, Nr. 513 F.W.J. Schelling III, Nr. 505 Arthur Schopenhauer I-II, Nr. 663 Arthur Schopenhauer III, Nr. 693 Guy de Maupassant, Nr. 545 Sittenlehre I-II, Nr. 686 Philosophie der Geschichte II, Nr. 691 Philosophie der Geschichte VII, Nr. 667 Romantische Kunst und Philosophie I, Nr. 669 Romantische Kunst und Philosophie II, Akademie der Kunst und Philosophie / Académie des sciences
[2] Ib.
[3] Ib.
[4] Ib.
[5] Ib.
[6] Ib.
 
 



Emanuel von Swedenborg
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DI. M. Thiele, President and international Coordinator
M. Thiele College of Beetherapy / Academy of Arts and Philosophy / Sciences

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