Akademie der
Kunst und Philosophie | Academy of Arts and Philosophy
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Aus dem Inhalt:
1. Leben und WerkGuy de Maupassant gilt als der impressionistische Prosaist der französischen Literatur. Frankreich hat eine ganze Malergeneration von Impressionisten hervorgebracht wie Monet, Renoir, Degas, Pissarro, Sisley, die zu Ruhm gekommen sind; unter den französischen Schriftstellern ist Maupassant der einzige dieser Richtung geblieben. Henry René Albert Guy de Maupassant (5. August 1850-1893) war ein französischer Schriftsteller und Journalist. Maupassant gilt neben Stendhal, Balzac, Flaubert und Zola als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Er ist auch einer der am häufigsten verfilmten Autoren. Seine Mutter, Laure Le Poitevin, war die Schwester eines Jugendfreundes von Gustave Flaubert. Maupassant besuchte als Internatsschüler zunächst das katholische Seminar (petit séminaire) der Kreisstadt Yvetot, in dem nicht nur angehende Priester unterrichtet wurden, fühlte sich dort aber unwohl. Als Schüler unternahm er bereits literarische Versuche und wurde mit 17 wegen eines frechen Gedichts von der Schule verwiesen. Er wechselte auf das staatliche Gymnasium von Rouen, wo er von einem anderen Jugendfreund Flauberts, dem heute vergessenen Autor Louis Bouilhet, betreut wurde und auch Flaubert selbst kennenlernte, der ihm später ein väterlicher Freund wurde. Im Oktober 1868 rettete er das Leben des Poeten Algernon Charles Swinburne an der Küste von Étretat in der Normandie. Neben Beruf und Hobby betätigte er sich unter Anleitung Flauberts literarisch in verschiedenen Gattungen, auch mit Gedichten und Theaterstücken. Doch veröffentlichte er lange Zeit fast nichts. Über Flaubert, der häufig in Paris weilte, erhielt er Kontakt zu Pariser Literaten, insbesondere 1875 zu Émile Zola, dem Chef der jungen Schule des Naturalismus. Maupassants Durchbruch als Autor war 1880 die meisterhafte psychologische Novelle Boule de suif („Fettklößchen“), die in einem Sammelband antimilitaristischer Erzählungen erschien, den Zola, Joris Karl Huysmans und andere schon bekannte naturalistische Autoren unter dem Titel Les Soirées de Médan herausgegeben hatten. Nach dem Erfolg von Boule de suif gab Maupassant die Produktion lyrischer und dramatischer Texte weitgehend auf. In den nächsten zwölf Jahren schrieb er mit rasch wachsendem Prestige und Einkommen vor allem erzählende Werke. Insgesamt brachte er es auf ca. 300 Novellen und 6 Romane, die jedoch nicht alle fertig wurden. Seine drei Reisebücher, ein Gedichtband und ein Band Theaterstücke waren eher Beiprodukte. Dank seines Erfolgs konnte er Ende 1880 seinen Angestelltenposten aufgeben, 1883 ein Haus in Étretat bauen und 1885 eine Segelyacht kaufen. Die Handlungen der meist dem Naturalismus nahestehenden erzählenden Werke spielen überwiegend in der heimatlichen Normandie und in Paris. Heute noch gelesen werden vor allem die Romane Une vie (1883) und der in vielerlei Hinsicht autobiografische Bel-Ami (1885). Une vie schildert die Enttäuschung aller Jungmädchenhoffnungen und den sozialen Abstieg einer adeligen Frau von ihrem 17. bis ca. 50. Lebensjahr. Bel-Ami zeigt die entscheidenden Jahre eines (von Maupassant sichtlich als Figur zugleich ungeliebten und bewunderten) jungen Mannes kleinbürgerlicher Herkunft, der durch sein Glück bei den Frauen, aber auch durch Energie, Geschick und Ehrgeiz vom Provinzler und kleinen Büroangestellten zum erfolgreichen Pariser Journalisten, Schwiegersohn eines reichen Zeitungsverlegers und künftigen Politiker aufsteigt. Außer seinen literarischen Texten verfasste Maupassant zahlreiche politische – meist regierungskritische – Artikel (sog. chroniques) für Pariser Zeitungen. Ab der Wende zum 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart richtete sich die amerikanische Novellentheorie stark an Maupassant aus. Maupassants Werk erreichte in Deutschland, England, Italien und Russland ebenfalls hohe Anerkennung sowohl in der Bevölkerung als auch in der Literaturtheorie. Maupassants Großnichte Jeanne Barthélemy de Maupassant heiratete 1943 Louis Germain David de Funès de Galarza, der unter dem Namen Louis de Funès als Komiker bekannt wurde. [1]Zu seinen Novellen
zählen zum Beispiel La Main d’Écorché (1875; Die Totenhand),
Le Donner d’eau bénite (1876; Der Weihwasserspender), Le Mariage
du Lieutenant Laré (1877, Die Heirat des Leutnants Lare), Boule
de suif (1880; Fettklößchen 1893), Les Conseils d’une grand’mère
(1880, Die Ratschläge einer Großmutter), Histoire d’une fille
de ferme (1881; Geschichte einer Bauernmagd). Une partie de campagne (1881,
Eine Landpartie), Le Papa de Simon (1881, Simons Papa), En famille (1881;
Im Familienkreise), Sur l’eau (1881, Auf dem Wasser), La Femme de Paul
(1881; Pauls Frau), Petit soldat (1885, kleiner Kamerad), Au Printemps
(1881, Im Frühling), Les Tombales (1881, Die Grabhetären), Par
un soir de printemps (1881, An einem Frühlingsabend), Les Dimanches
d’un bourgeois de Paris (1880; Sonntage eines Pariser Bourgeois), Clair
de lune (veröffentlicht 1899, Mondschein), Rêves (veröffentlicht
1899, Träume), Paroles d’amour (1882, Liebesworte), Marroca (1882),
Le Saut du berger (1882, Der Hirtensprung), Le Lit (1882, Das Bett), L’Aveugle
(1882, Der Blinde), Magnétisme (1882, Magnetismus), Un fils (1882,
Ein Sohn), En voyage (1882, Auf Reisen), La Veillée (1882,
Die Leichenwache, auch als: Eine Vendetta), Le Voleur (1882, Der Dieb),
Der Kaninchenbraten, Confessions d’une femme (1882, Die Beichte einer Frau),
L’Enfant (1882), Le Verrou (1882, Der Riegel), Farce normande (1882,
Normannischer Spass), Tolle Späße, aus dem Tagebuch eines lustigen
Burschen; Mon Oncle Sosthène (1882), La Passion (1882, Eine Leidenschaft),
Fou? (1882, Irrsinnig?), Correspondance (1882, Briefwechsel), Une veuve
(1882, Eine Witwe), La Rouille (1882, Eingerostet), Une ruse (1882, Eine
List), La Rempailleuse (1882, Die Stuhlflickerin), Pierrot (1882), Un Normand
(1882, Ein Normanne), Le Pardon (1882, Die Verzeihung), La Relique (1882,
Die Reliquie), La Peur (1882, Die Furcht, auch als: Die Angst), Aux champs
(1882, Draussen auf dem Lande), Un million (1882, Eine Million), Le Testament
(1882), auch die Erbschaft, Le Loup (1882, Der Wolf), Le Baiser (1882,
Der Kuss), Menuet (1882), Madame Baptiste (1882), L’Anglais d’Étretat
(1882, Der Engländer von Étretat), La Bécasse (1882;
Die Schnepfe 1919), La Folle (1882, Die Irre), Ma Femme (1882, Meine Frau),
La Légende du Mont-Saint-Michel (1882, Die Legende von Mont Saint
Michel), Conte de Noël (1882, Weihnachtsgeschichte), Nuit de Noël
(1882, Weihnachtsnacht), Le Remplaçant (1883, Der Stellvertreter),
À cheval (1883, dt. Hoch zu Ross), Les Sabots (1883, Die Holzschuhe),
Deux Amis (1883, Zwei Freunde), En mer (1883, Auf See), Réveil (1883,
Erwachen), Le Père Judas (1883, Der alte Judas), L’Homme-fille (Der
Weib-Mann“; 1883, Der Mann mit der Hurenseele), Mademoiselle Cocotte (1883,
Fräulein Kokotte), Saint-Antoine (1883, Saint-Antoine), Apparition
(1883, Erscheinung), L’Aventure de Walter Schnaffs (1883, Walter Schnaffs
Abenteuer), Un Duel (1883, Ein Duell), Le Modèle (1883, Das Modell,
verfilmt in La Plaisir), Miss Harriet (1884), La Mère Sauvage (1884,
Die alte Sauvage), Les Sœurs Rondoli (1884; Die Schwestern Rondoli 1898),
Etude sur Gustave Flaubert (1884; Über Gustave Flaubert), Allouma,
Frau Parisse, Auf der Eisenbahn, Schnaps-Anton, Yveline Samoris, gerettet,
Timbuctu, Yvette (1884), Le Diable (1886), La Petite Roque (1886;
Die kleine Roque 1901), Le Horla (1887); seine Romane sind Une Vie (1883;
Ein Leben 1894, auch: Ein Menschenleben), Bel-Ami (1885), Mont-Oriol (1887),
Pierre et Jean (1888), Fort comme la mort (1889 Stark wie der Tod), Notre
cœur (1890 Unser Herz 1910). [2]
2. Bel-AmyBel-Ami zeigt die entscheidenden Jahre eines jungen Mannes kleinbürgerlicher Herkunft, der durch sein Glück bei den Frauen, aber auch durch Energie, Geschick und Ehrgeiz vom Provinzler und kleinen Büroangestellten zum erfolgreichen Pariser Journalisten, Schwiegersohn eines reichen Zeitungsverlegers und künftigen Politiker aufsteigt. In seinem Roman Bel-Ami meint ein Dichter:"Im Reich der Blinden ist der Einäugige König. All diese Leute da, sehen Sie, sind doch Mittelmäßigkeiten, weil ihr Geist zwischen zwei Wänden eingemauert ist: dem Geld und der Politik. Das sind Pedanten, mein Lieber, mit denen man unmöglich von etwas sprechen kann, von dem dem, was wir lieben. Ihr Verstand ist seicht und schlammig wie die Seine bei Asnières. Ach wie schwer ist es doch, einen Menschen zu finden, dessen Geist Weite hat, bei dem man den großen Atem der Unendlichkeit spürt, der uns an den Küsten des Meeres entgegenweht." 3. NovellenIn zwölf Jahren schrieb er vor allem erzählende Werke. Insgesamt brachte er es auf ca. 300 Novellen. In den Novellen heißt es bei Maupassant: In manchen Fällen sei es gut, denjenigen, die leichtfertig glauben wie die Moslems, nicht blind zu folgen und die Gelegenheit wahrzunehmen, "seine gutkatholische Rechtgläubigkeit zu betonen. Menschen, die über ewige Wahrheiten leichtfertig zu reden wagen, bezeichnete er als einfach geschmacklos." Und wer will schon einen einstellen, der leichtfertig glaubt: "Ein Tropf, ein ganz einfältiger Tropf; er sieht ja nichts so, wie es wirklich ist! Für uns eine völlige Null!" Jedes Mal müsste man ihn zurechtweisen: "Ich sage dem Hampelmann hier nur die Wahrheit." Die völligen Nullen aus Neuköln zum Beispiel verkaufen nun Devotionalien der Islamisten, auch Halal-Lebensmittel haben diese Islamisten als Geschäftsfeld für sich entdeckt.Es geht auch darum, die ewig Dummen und Leichtgläubigen zu foppen. Richtige Komiker sind inzwischen selten geworden, oft sind sie zu konform mit dem üblichen Verständnis von Politik und Medien, die die Dummheit und Leichtgläubigkeit zum Beispiel der Moslems ernsthaft verteidigen: "Wir leben in einem Zeitalter, in dem gewisse Herrschaften, die Witze zu machen belieben und von Berufs wegen für die öffentliche Heiterkeit sorgen, sich gebärden und eine Miene aufsetzen wie die Leichenbitter und sich 'Staatenlenker' titulieren lassen. Mit dem wirklichen, echten Spaß, der über beide Backen lachenden, unbändigen, kerngesunden Freude unserer Altvordern scheint es wahrhaftig aus zu sein. Aber was kann es denn Lebendigeres, Vergnügteres in unserer Welt überhaupt geben als so einen alten, saftigen Spaß? Was bringt mehr in die ganze Gesellschaft, als die ewig Dummen und Leichtgläubigen zu foppen, die Großmäuler kleinzukriegen, die Neunmalschlauen reinzulegen, die Herrschaften, die da meinen, ihnen könne niemand beikommen, auf den Leim zu führen? Was gibt es Erfrischenderes, als mit Geist und Geschick seine Mitmenschen zum besten zu haben, dass die Gefoppten und Genasführten selber mit einstimmen müssen ins allgemeine Lachen über ihre eigene Einfalt?" 4. Mont-OriolSein Roman Mont-Oriol (1887) spielt in der Auvergne, der Limagne, in der Gegend um Royat, Châtel-Guyon, mit dem Mont Dore, La Bourboule, Châteauneuf, Vichy. [5]Mit Geld kann man wie ein General die schwache Stelle des Feindes finden und ihn erobern, wie es heute nicht nur von den Chinesen praktiziert wird: "Die großen Kämpfe werden heutzutage mit Geld ausgefochten, für mich sind die Frankenstücke nichts anderes wie Soldaten mit roten Hosen, die Zwanzigfrancsstücke schöne Leutnants, die Banknoten von hundert Francs Haupleute, die von tausend Generäle, und ich kämpfe, weiß der Teufel, ich kämpfe von früh bis abends gegen alle Welt und mit aller Welt, das nenne ich leben, das nenne ich groß und weit leben, wie einst die Mächtigsten dieser Erde, denn jetzt sind wir die Mächtigsten, die einzigen wahr und wahrhaftig Mächtigen. Sieh mal dieses arme Dorf an. Daraus mache ich eine große Stadt mit großen, überfüllten Hotels, mit Aufzug, Dienerschaft, Wagen, einer Menge reichen Leuten von einer Menge armer Leute bedient und alles das, weil mir's eines Abends in den Sinn gekommen ist mit Royat rechts und Châtel-Guyon links zu konkurrieren, mit dem Mont Dore, mit La Bourboule, Châteauneuf, Saint Nectaire die da hinter uns liegen, mit Vichy uns gegenüber. Und mir wird's glücken, weil ich das Mittel kenne, das einzige Mittel, ich habe es plötzlich klar erkannt wie ein General die schwache Stelle des Feindes. In unserem Beruf muss man ebensowohl die Menschen zu leiten wissen, sie zu etwas begeistern wie sie niederzwingen. Gott, ist das Leben herrlich, wenn man so was machen kann! Meine Badegründung gibt mir jetzt für drei Jahre Amusement! ... Andermatt glich in der Tat einer seltsamen menschlichen Maschine, nur gebaut, um zu berechnen und Geld hin und her zu bewegen. Übrigens bildete er sich mit einer gewissen Koketterie etwas auf seine Fähigkeiten ein und rühmte sich, auf den ersten Blick den wirklichen Wert jedes x-beliebigen Gegenstandes schätzen zu können." Die Limagne mit andachtsvollen Blicken betrachten: "Nun sagen Sie mal, ist das nicht schön? Ist das nicht schön? O warum packt mich jene Gegend, ja warum? Sie hat einen so tiefen Reiz, dass er mir bis in die tiefste Seele geht. Wenn ich diese Ebene erblicke, ist es mir, als öffneten sich die Flügel der Gedanken, nicht wahr? Und die Gedanken fliegen davon, schweben hin und her, gehen weit fort, weit fort zu allen jenen Traumländern, die wir doch nie erblicken. Ja das ist wirklich prachtvoll, denn das hat mehr von etwas Erträumtem, als von etwas, das man wirklich sieht. ... Andere Ausblicke sind charakteristischer und weniger harmonisch, aber gnädige Frau, die harmonische Schönheit, das ist doch das Schönste auf der Welt. Es gibt nichts als die Schönheit! Aber wie wenige begreifen sie? Die Konturen eines Menschenleibes, einer Statue oder eines Berges, die Farbenpracht eines Gemäldes oder die der Landschaft, die Musik der Jokonda, ein Dichterwort, das sich uns ins Herz einbohrt, dieses etwas, das den Künstler zum göttlichen Schöpfer macht, das ihn hoch heraushebt aus der Menge. Und der Reiz der weiten Landschaft, die köstliche Luft, diese blaue Limagne, so weit, dass sie die Seele zu weiten schien, diese erloschenen Krater auf den Bergen, die Öfen der Welt, die nur noch dazu dienten, die Brunnen für die Kranken zu wärmen, dann die Frische im Schatten, das leise Murmeln der Bäche über die Steine, alles trug dazu bei, in Herz und Fleisch der jungen Frau zu dringen, und durchweichte sie wie ein warmer, weicher, leiser Regen einen noch jungfräulichen Boden, ein Regen, nach dem die Blumen sprießen." Wiedergeburt: "Ich glaube es manchmal, oder vielmehr ich fühle es. Das lebende Wesen, das doch aus Geist und Körper besteht, die getrennt zu sein scheinen und doch ohne Zweifel ein und derselben Art sind, muss wieder erscheinen, wenn die Elemente, aus denen es einmal gebildet war, ein zweites Mal genau so zusammentreffen. Dann ist es nicht dasselbe Wesen, aber doch derselbe Mensch der wiederkehrt wenn ein Körper, der seine frühere Gestalt ändert von einer Seele bewohnt wird, die seiner anderen gleicht, die er früher inne hatte. Nun gnädige Frau, ich bin heute abend ganz gewiß, dass ich in diesem Schloß einmal gewohnt habe, dass ich es besaß, dass ich dort kämpfte und es verteidigte. Ich erkenne es genau wieder, mir gehörte es, das weiß ich ganz bestimmt und ebenso bestimmt weiß ich auch, dass ich eine Frau einmal liebte, die Ihnen ähnlich sah und die wie Sie Christiane hieß. Ich weiß das so sicher, dass es mir ist, als sähe ich Sie noch vor mir, wie Sie mir oben von der Zinne herab zurufen. Suchen Sie einmal, erinnern Sie sich! Dort hinten ist ein Gehölz das in ein tiefes Tal hinuntergeht, dort sind wir oft mit einander spazieren gegangen. An den Sommerabenden trugen Sie leichte Kleider und ich schwere Waffen, die da klirrten im grünen Wald. Erinnern Sie sich? Suchen Sie einmal in Ihrem Gedächtnis! Ihr Name ist mir ja so bekannt, als käme er aus meiner Kindheit. Wenn man sorgfältig alle Steine dieses alten Kastells durchsuchte, fände man ihn eingekratzt von meiner Hand. Ich versichere Sie, ich kenne mein Haus wieder, meine Heimat, wie ich Sie wiedererkannt habe das erste Mal, als ich Sie gesehen. Er sprach mit exaltierter Überzeugung, indem er durch die Nähe dieser Frau sich poetisch angeregt fühlte, zugleich durch die Nacht, durch den Mondschein und durch die Ruine." Natur-Medizin; zur Schulmedizin bzw. Biotech-Medizin und der Unmöglichkeit und Falschheit ihrer vermeintlichen Wissenschaft: "Ich glaube an gar keine Medizin. Die alte Schule ging davon aus, dass es für jedes Leiden ein Mittel gibt, man meinte, dass Gott in seiner Weisheit Heilmittel geschaffen hätte für alle Leiden, und es vielleicht nur aus Bosheit den Menschen überlassen, sie zu finden. Nun haben die Menschen eine unglaubliche Menge entdeckt, ohne jedoch ganz genau zu wissen, welchen Leiden ein jedes entspricht. In Wahrheit gibt es gar keine Mittel, es gibt nur Krankheiten. Wenn eine Krankheit sich zeigt, muss man sie zu hemmen suchen, sagen die einen, sie beschleunigen, sagen die andern, durch irgend ein Mittel. So sieht man die verschiedensten Methoden angewendet und die verschiedensten Mittel. Der eine wählt Eis, der andere Riesenhitze, der eine befiehlt, Diät zu halten, der andere, alles zu essen. Ich spreche nicht von den unzähligen giftigen Produkten, die uns die Mineralien und Pflanzen geben. Alles wirkt, das ist ganz richtig, aber niemand weiß wie, manchmal glückts, aber manchmal tötet es. Und mit großer Entschiedenheit erklärte er die Unmöglichkeit etwas Bestimmtes zu wissen, das vollkommene Fehlen jeder wissenschaftlichen Basis, wenn nicht die organische Chemie, die biologische Chemie der Ausgangspunkt einer neuen Medizin würde. Er erzählte Anekdoten von unglaublichen Irrtümern der größten Ärzte und bewies die Unmöglichkeit und Falschheit ihrer vermeintlichen Wissenschaft. Er pflegte zu sagen: – Bringt den Körper in Tätigkeit, lasst die Haut funktionieren, die Muskeln, alle Organe, vor allem aber den Magen arbeiten, der überhaupt der Dampfkessel für die ganze Maschine ist, ihr Regulator und ihr Kraftmagazin. Er behauptete, dass er ganz nach seinem Belieben, nur durch die Behandlungsweise Leute heiter und fröhlich machen könnte, fähig zu körperlichen oder geistigen Anstrengungen, je nach der Natur der Ernährung, die er ihnen vorschriebe. ... Dieser schöne Arzt ward in ein paar Tagen der Liebling aller Kranken, und allerlei Listen wurden angewandt, ihm irgend einen Ratschlag zu entreißen. Wenn er durch die Alleen des Parkes ging zur Promenadenzeit, hörte man nur immer »Herr Doktor!« rufen, von allen Stühlen, wo die schönen Damen saßen, die jungen Damen, die sich ein wenig erholten zwischen zwei Bechern des Christianenbrunnens. Wenn er dann stehen blieb, ein Lächeln auf den Lippen, zog man ihn ein paar Augenblicke auf einen kleinen Weg längs des Flußes davon. Man sprach zuerst von diesem und jenem, und ganz diskret, kokett wandte man das Gespräch auf die Gesundheit, scheinbar ganz gleichgiltig, als ob man irgend welche Nebensache besprochen hätte. Denn dieser Arzt stand ja nicht zur Verfügung des Publikums. Man bezahlte ihn nicht, man konnte ihn nicht zu sich rufen, er gehörte der Herzogin, nur der Herzogin. Diese Situation verstärkte noch die Bemühungen, erregte die Wünsche. Und da man sich leise erzählte, dass die Herzogin eifersüchtig, sehr eifersüchtig wäre, brach unter allen Damen ein Wett-Kampf aus, um einen Ratschlag von dem hübschen, italienischen Arzte zu erlangen. Er gab ihn, ohne sich sehr bitten zu lassen. Und nun begann zwischen den Damen, die seine Ratschläge empfangen, das Spiel der intimen Confidenzen, um sich mit seiner Fürsorge zu brüsten." Wie funktionierte das Leben in den damaligen Bädern? "Unglaubliche Dinge gehen vor in diesen Bädern, es sind die einzigen Feenländer, die es noch auf der Erde gibt. In zwei Monaten kommt dort mehr vor, als die ganze übrige Zeit auf der ganzen Welt, es ist wirklich, als ob die Quellen keine Mineral-, sondern Zauberquellen wären. Aber das ist überall dieselbe Geschichte in Aix, Royat, Vichy, Luchon, und ebenso in den Seebädern, in Dieppe, Étretat, Trouville, Biarritz, Cannes, Nizza. Man findet dort Fetzen von allen Gesellschaften, von allen Völkern, und eine Rassenmischung, die es sonst nirgends gibt, wunderbare Abenteuer. Die Frauen machen dort mit Leichtigkeit und tödlicher Sicherheit allen möglichen Unsinn. In Paris ist man stark, in den Bädern schwach. Die Männer finden dort Geld, wie Andermatt, den Tod, wie Aubry-Pasteur und andere wieder verloben sich." [6] 5. Notre cœur; Mont Saint-MichelSein Roman Notre cœur (1890 Unser Herz 1910) spielt in Paris, Fontaineblleau und in der Normandie, ein welliges, von Tälern durchzogenes Hügelland, in dem die Bauernhöfe lagen, die Weiden, die Obstpflanzungen, alle von großen Bäumen umfriedigt Kurz: das grüne normannische Land, die ganze Natur in all ihrer Größe und kräftigen Frische und ihrem Liebreiz.Reise von Paris durch die Normandie zum Mont Saint-Michel: "Allmählich, nachdem Argentan hinter ihnen lag, zog das grüne, normannische Land seine Blicke an. Der Zug fuhr durch ein welliges, von Tälern durchzogenes Hügelland, in dem die Bauernhöfe lagen, die Weiden, die Obstpflanzungen, alle von großen Bäumen umfriedigt, die zu leuchten schienen in den Strahlen der Sonne. Es war gegen Ende Juli, die Zeit, wo diese Erde, die mächtige Ernährerin, alle ihre Kraft des Lebens ausströmt. In allen Koppeln, die durch hohe Hecken verbunden und getrennt waren, standen starke Ochsen, Kühe, seltsam bunt gefleckt, Stiere mit breiter Stirn, stolz herausfordernd an den Hecken, oder lagen auf der Weide, die ihre Bäuche rundete; und ununterbrochen dasselbe Bild in der frischen Landschaft, deren Boden Fleisch und Apfelwein auszuschwitzen schien. Am Fuße der Pappeln, leicht von Weiden verborgen, glitten schmale Wasserläufe hin; eine Sekunde blitzten im Grase Bäche auf, verschwanden, um weiterhin wieder aufzutauchen, und tränkten das ganze Land mit fruchtbarer Frische." Der Hotelomnibus fuhr langsam die Straße nach Avranches hinauf, "dem die Häuser, die die Höhe krönten, aus der Ferne fast den Anblick einer Festung gaben. In der Nähe besehen war es eine hübsche, alte, normannische Stadt mit kleinen, regelmäßigen, sich einander fast gleichenden Häusern, die eines an das andere sich lehnten in altertümlichem Stolz und bescheidenem Wohlstand, etwas mittelalterlich und bäuerlich. ... Er kam an eine große Ulmenallee von dunklem Grün, die den Garten mitten durchschnitt, und als er mit einemmal auf einer Terrasse stand, die weiten Blick über das Land hatte, schweiften seine Gedanken von der ab, die ihn hierher rief. Von der Küste aus zog sich eine unendliche Sandebene hin, die in der Ferne mit dem Firmament zusammenging. Ein Fluss durchströmte sie. Und unter den glühenden Sonnenstrahlen glitzerten hier und da, wie leuchtende Flecken, Wasserlachen, die aussahen wie Löcher, die mitten durch die Erde einen andern Himmel zu zeigen schienen. Mitten in dieser gelben Wüste, die noch nass war von dem zurückebbenden Meer, erhob sich auf 12 oder 15 Kilometer vom Strand entfernt das monumentale Profil eines spitzen Felsens, einer phantastischen Pyramide, auf der eine Kathedrale stand. In diesen riesigen Dünen fand sich nur ein einziges Gegenstück auf dem Trockenen, im Sande auf rundem Hügel: Tombelaine. Weiterhin zeigten in der blauen Linie der Fluten andere Felsen ihre braunen Köpfe. Und wenn das Auge am Horizont weiter nach rechts hinglitt, entdeckte es neben diesen einsamen Sandflächen weithin gestreckt das grüne normannische Land, überall so mit Bäumen übersät, dass es wie ein unendlicher Wald aussah. Auf einmal, auf einen Blick des Auges erschien an diesem Punkt die ganze Natur in all ihrer Größe und kräftigen Frische und ihrem Liebreiz. Und der Blick ging zurück von diesen scheinbaren Wäldern zu der jähen Erhöhung des Granitberges, der einsam aus dem Sande ragte und seine seltsame, gothische Gestalt riesenhaft emporreckte. ... Die untergehende Sonne schien ein goldenes, feines, durchsichtiges, leuchtendes Netz hinter der hohen Silhouette des Mont Saint-Michel auszuspannen, der immer dunkler ward. ... Sie gingen lange auf der Terrasse hin in Erwartung des Sonnenuntergangs, um zuletzt noch am. feurigen Horizont den schwarzen gezackten Schatten des Mont Saint-Michel sich abzeichnen zu sehen." Ausflug zum Mont Saint-Michel: "Von den Feldern wehte Duft herüber, mischte sich mit dem Geruch von der See her, und Nebel lagen in der Helle gebreitet, denn beim strahlenden Mondschein am wolkenlosen Himmel hatte sich das Meer mit Dünsten überzogen. Sie krochen hin wie weißer Rauch und verbargen die Dünen, die die Flut jetzt überspülen musste. Michaëla von Burne faltete die Hände über den Knieen und blickte in die Weite hinaus. Sie schien in ihrer Seele durch einen undurchdringlichen Nebel, der bleich war wie der Sand, lesen zu wollen. ... Sie hatte sich gefreut, neben ihm zu schreiten, ihn an ihrer Seite zu wissen, der lichterloh brannte für sie, als die Sonne niederstieg hinter den hohen Schatten des Mont Saint-Michel gleich einem Märchenbild. War die Liebe da nicht für sie selbst wie ein Märchen, an das die einen instinktiv glauben, und das die anderen, durch die Gewalt, mit der sie daran denken, endlich auch für wahr zu halten beginnen? Würde sie endlich auch daran glauben? Eine seltsame weiche Lust hatte sie angewandelt, ihren Kopf an die Schulter dieses Mannes zu lehnen, ihm näher zu sein, ganz in ihm aufzugehen, das, was man nie findet, ihm zu geben, was man umsonst anbietet und immer für sich behält: ihr innerstes Wesen. ... In ihrem Zimmer zog sie die Vorhänge noch einmal auseinander, um hinauszublicken auf das Meer, dessen Dünste im Mondschein immer heller schienen, und es war ihr, als ob auch in ihrem Herzen die Nebel sich zerteilten beim Erwachen der Liebe. ... Es war ein heller Sommermorgen, die Vögel sangen, Jugendfrische lag über der Landschaft, und es ging durch Dörfer auf schmaler, steiniger Straße, dass die Reisenden auf den Bänken des Wagens tüchtig durchgerüttelt wurden. Nach langem Schweigen begann Frau von Burne mit ihrem Onkel über den Zustand des Weges zu scherzen. Das genügte, um das Eis zu brechen, und die Heiterkeit, die über dem jungen Tage lag, schien auch in die Herzen zu dringen. Plötzlich, als sie aus einem Dörfchen herauskamen, erschien wieder die Meeresbucht, jetzt nicht mehr rötlich wie am Abend vorher, sondern in durchsichtigem Glanz der Flut, die die Dünen und Sandflächen und feuchten Wiesen überspülte und, wie der Kutscher meinte, ein Stück weiterhin sogar den Weg. So fuhren sie eine Stunde lang Schritt, um dem Wasser Zeit zu lassen, sich wieder ebbend zurückzuziehen. Ulmen und Eichen, die die Höfe einfassten, zwischen denen sie durchfuhren, verdeckten ab und zu die immer größer werdenden Umrisse des Mont Saint-Michel, der jetzt meerumspült auf seinem Felsen sich erhob. Dann tauchte er einmal zwischen zwei Höfen plötzlich wieder auf, näher und immer wundervoller. Die Sonne vergoldete die gezackte Granitkirche dort auf dem Felsen. Michaëla von Burne und André Mariolle betrachteten sie. Dann gingen ihre Blicke ineinander, und vermischten sich bei der langsam steigenden Bewegung ihrer Herzen. Man unterhielt sich freundschaftlich. Frau Valsaci erzählte tragische Geschichten vom Versinken im Sande, nächtliche Abenteuer, wie der Triebsand die Menschen verschlungen. Herr Valsaci verteidigte den Deich, über den die Künstler sich ärgerten, zählte seine Vorteile auf, da er die ununterbrochene Verbindung mit dem Mont Saint-Michel möglich machte und Landteile vom Meer abschnitt, die zuerst zur Weide und später zur weiteren Kultur gewonnen wurden. Plötzlich hielt der Wagen. Das Meer war über die Straße gespült; fast nichts, nur ein flüssiger Schaum glitt über die steinige Straße. Aber man musste fürchten, dass hier und da tiefere Stellen, Löcher sich befunden, in denen man hängen bleiben konnte. Sie mussten also warten. ... Schon erschienen grüne Flecken von Seegras, das hier und da sich leise hob. Die Flecken vergrößerten sich, wurden rund, wuchsen zu Inseln; diese Inseln sahen bald aus wie festes Land, das nur durch kleine Meere getrennt wurde. Und bald wich die Flut, so weit die Bucht zu übersehen war, zurück: es war als zöge man einen silbernen Schleier von der Erde, einen gewaltigen durchlöcherten, zerrissenen Schleier, so dass große, kurz bewachsene Wiesenflächen sichtbar wurden. ... Endlich hatten sie den großen Deich erreicht und nun fuhren sie dem Mont Saint-Michel zu, der sich am Ende dieses geraden, mitten in den Dünen aufgebauten Dammes erhob. Links bespülte der Bach von Pontorson den Abhang, rechts hatten Weiden mit spärlichem Grün, das der Kutscher Meerfenchel nannte, Platz gemacht, die noch Wasser schwitzten, noch ganz vom Meer vollgesogen. Das hohe Bauwerk wuchs mehr und mehr; vom blauen Himmel hob sich jetzt klar und deutlich in allen Einzelheiten der Glockenturm ab mit seinen Nebentürmchen, die Spitze der Abtei, wie gespickt mit fratzenhaften Wasserspeiern, unheimlichen Gesichtern, mit denen der Fabelglaube unsrer Väter ihre gotischen Heiligtümer versehen hat. ... Nachdem sie aufgestanden, gingen sie zur Abtei. Sie wählten den Weg über den Wall. Die Stadt, ein Haufen altertümlicher Häuser, hoch an dem riesigen Granitblock, der auf seinem Gipfel die Abtei trägt, in Stockwerken übereinander, ist von den Dünen durch eine hohe krenelierte Mauer getrennt. Diese Mauer umgibt die alte Stadt, und zieht sich mit Ecken, Winkeln, Plattformen, Wachttürmen empor. Und bei jeder Biegung entdeckt das erstaunte Auge einen neuen weiten Blick über den unendlichen Horizont. Man schwieg, denn alle waren etwas außer Atem nach dem Frühstück und immer wieder erstaunt, dies wunderbare Bauwerk zu sehen oder von neuem zu sehen. Über ihnen stieg ein seltsames Durcheinander von Pfeilern, Granitblumen, von Bogen von einem Turm zum anderen in den Himmel. Eine erstaunliche, gewaltige Bauart und dabei leicht wie Spitzen, durchbrochen auf dem Himmelsblau gearbeitet. In die Luft hinaus ragte die drohende, phantastische Armee von Wasserspeiern in Form von Tieren, die fortzufliegen, zu entfliehen schienen. Wo die Häuser aufhörten, zog sich auf der Nordseite des Hügels von der Abtei bis zum Meer ein schroffer, fast senkrechter Abhang; man nannte ihn den Wald, weil er mit alten Bäumen bestanden war und sich als tiefdunkler Fleck abhob von der weiten, weißen Sandfläche. Frau von Burne und André Mariolle, die vorausgingen, blieben stehen, um alles zu betrachten. Sie stützte sich auf seinen Arm und ein wohliges Gefühl überkam sie, wie sie es noch nie empfunden. Leicht stieg sie empor mit ihm gegen dieses Bauwerk, leicht, lustig, fantastisch, wie ein Traum. Und sie wäre noch weiter gegangen. Sie hatte gewünscht, der schmale Weg möchte nie enden, denn zum ersten Male in ihrem Leben fühlte sie sich ganz befriedigt. ... An der Tür der Abtei empfing sie ein Wächter. Und sie stiegen jene wundervolle Treppe zwischen zwei Riesentürmen hinauf, die zur Salles des Gardes führt. Dann gingen sie von Saal zu Saal, von Hof zu Hof, von Zelle zu Zelle, auf alles horchend, staunend, alles bewundernd: die Krypta mit ihren gewaltigen, kräftig schönen Pfeilern, die auf ihren Riesensäulen den ganzen Chor der prachtvollen Kirche trägt, jenes gothische Monument, das sich in drei Stockwerken erhebt, jenes wunderbare Meisterwerk kirchlicher und kriegerischer Architektur des Mittelalters. Dann kamen sie ins Kloster. Sie waren so erstaunt, dass sie stehen blieben, angesichts dieses großen viereckigen Klosterhofes, der von den zierlichsten reizvollsten Kreuzgängen aller Klöster der Welt umzogen war. In zwei Reihen standen die feinen Säulen mit den köstlichsten Kapitälen längs der vier Galerien, eine ununterbrochene Kette von Ornamenten und gothischen Zierblumen in unendlicher Mannigfaltigkeit, in immer neuer Form, und der geschmackvollen einfachen Erfindung der alten Meister, deren Meißel, Phantasie und Gedankenfülle beim Bearbeiten der Steine leitete. ... Aber die durchbrochene Treppe lenkte einen Augenblick ihre Gedanken ab. Sie lag in einem Bogen, der in freiem Raum zwei Glockentürme verband, als sollte man in die Wolken steigen. Und noch einmal packte sie das Erstaunen, als sie an den Weg der Tollen kamen, einen schwindeligen Granitpfad, der ohne Geländer beinah um die Zinne des Turmes führte. – Darf man darübergehen? fragte sie. – Es ist verboten! sagte der Führer. Sie zeigte ihm ein Zwanzigfrancsstück. Der Mann zögerte. Die ganze Familie, die schon angesichts des Absturzes und der Riesenweite des Blickes erschrocken war, stellte sich dem Leichtsinn entgegen. Sie fragte Mariolle: – Aber Sie würden es doch wagen? Er begann zu lachen: – Ich bin schon schwierigere Wege geschritten. Und ohne sich um die anderen zu kümmern, gingen sie: er voraus auf dem schmalen Gesims am äußersten Rande des Absturzes hin; sie folgte ihm, glitt an der Wand entlang mit geschlossenen Augen, um den gähnenden Schlund unter ihnen nicht zu sehen, jetzt doch etwas gepackt, beinah ohnmächtig vor Angst, indem sie sich krampfhaft an die Hand hielt, die er nach ihr ausstreckte. Aber sie fühlte, dass er stark war, dass ihn keine Schwäche anwandelte, er nicht schwindlig wurde und sicher auftrat. Und sie dachte glückselig trotz der Angst: Das ist doch einmal ein Mann. Sie waren jetzt allein in der Weite, so hoch wie die Seevögel strichen, und sie überblickte denselben weiten Raum, durch den unaufhörlich dieses Raubzeug mit den weißen Flügeln hin- und herschießt, die Luft während des Fluges mit den kleinen gelben Augen durchspähend. ... Als sie ins Hotel kamen, war es beinahe Essenszeit, und die Wirtin riet ihnen noch einen kurzen Spaziergang auf den Dünen, nach dem Meer hinaus zu unternehmen, um den Mont Saint-Michel von der Seeseite aus zu bewundern, von wo er – wie sie behauptete – am schönsten aussähe. Obgleich schon müde, ging doch die ganze Gesellschaft wieder fort um den Wall herum und lief ein Stück auf dem beunruhigend weichen Sand hin und her, der den Eindruck machte als sei er fest, auf dem aber der Fuß, den man auf den schönen, gelben Teppich stellte, plötzlich fast bis zur Wade einsank. Vom Strand aus verlor die Abtei plötzlich ganz das Aussehen einer Kathedrale mitten im Meer, wodurch sie von dem festen Lande aus den erstaunlichen Anblick bot. Von hier aus sah sie wie ein streitbares, festes Schloß aus mit der großen, gezackten Mauer, von malerischen Schießscharten durchbrochen und durch gewaltige Strebepfeiler gehalten, deren Cyklopenmauerwerk vom Fuß des seltsamen Berges heraufstieg. ... Der volle Mondschein konnte mit poetischem Glanz die kleinen Schaumköpfe der steigenden Flut versilbern, die in hohler Brandung fast unmerklich aber schauerlich über den Strand heranrollte, konnte die Mauern umspülen, die um den Berg herumliefen und auf die unbegrenzte Meeresweite, die vom Licht glänzte, das auf die Dünen fiel, den romantischen, gewaltigen Schatten aller Kirchtürme der Abtei mit seinem Licht umsäumen: man hatte keine Lust mehr zu sehen." . Auch in einer Novelle gibt Maupassant seine Eindrücke wieder und geht auf die Legende vom Mont Saint-Michel näher ein; der Mohamedaner denkt sich seinen Himmel mit Frauen bevölkert; St. Michael der strahlend siegreiche Engel, der Schwertträger, der Himmelsheld, der triumphierende Bezwinger Satans: "Dieses Feenschloss mitten im Meer hatte ich zuerst von Cancale aus gesehen. Ich hatte es nur undeutlich erblickt wie es als grauer Schatten sich vom trüben Himmel abhob. Dann sah ich es wieder, von Avranches aus, bei Sonnenuntergang; die unendlichen Dünen waren rot, der ganze Horizont rot, die ganze gewaltige Meeresbucht rot, nur die schroffe Abtei, die dort draußen aufragte, weit vom Festlande entfernt, wie eine phantastische Burg, wunderbar gleich einem Märchenschloss, seltsam und schön, stand fast schwarz da in der Purpurglut des sterbenden Tages. Am anderen Morgen ging ich bei Sonnenaufgang durch die Dünen hin, immer den Blick auf den mächtigen Wunderbau gerichtet, der riesig ausschaute wie ein Berg, scharf geschnitten wie eine Gemme und duftigdunstig wie Musselin. Je näher ich kam, desto mehr stieg meine Bewunderung, denn es gibt vielleicht auf der ganzen Erde nichts Wundersameres und Großartigeres als dieses Bauwerk. Und dann irrte ich so erstaunt, als hätte ich die Wohnung eines Gottes entdeckt, durch diese Hallen, die von leichten oder schweren Säulen getragen werden, durch diese durchbrochenen Gänge, und mein verwundertes Auge ruhte auf all den Türmen, die den Eindruck machten wie zum Himmel gestiegene Raketen, und auf all dem Gewirr von Türmchen, Regentraufen von reizenden schlanken Ornamenten, die ausschauten wie steingewordenes Feuerwerk, wie Spitzen aus Granit: alles Meisterwerke einer gewaltigen und doch fein empfindenden Baukunst. Als ich bewundernd stehen blieb, näherte sich mir ein niedernormännischer Bauer und erzählte mir die Geschichte vom großen Streit zwischen St. Michael und dem Teufel. ... Es wäre sehr interessant, einmal in jedem Lande die Geschichte des Lokalgottes zu schreiben, so wie die Geschichte der Schutzpatrone in all unseren Provinzen. Dem Neger sind seine Götter wilde Menschenfresser, der Mohamedaner denkt sich seinen Himmel mit Frauen bevölkert, die Griechen hatten als praktische Leute alle Leidenschaften durch Gottheiten personifiziert. Jedes Dorf in Frankreich hat seinen eigenen Schutzpatron, verschieden geschaffen je nach dem Bilde und Bedürfnis des Bauern. So beschirmt St. Michael die Niedernormandie, St. Michael der strahlend siegreiche Engel, der Schwertträger, der Himmelsheld, der triumphierende Bezwinger Satans. Der Niedernormanne, der gerissene, verschmitzte Bauer denkt sich den Kampf des großen Heiligen mit dem Teufel folgendermaßen: St. Michael hatte, um sich vor der Bosheit seines Nachbarn, des Teufels, zu schützen, mitten im Ozean diese eines Erzengels würdige Behausung gebaut. So etwas konnte allerdings nur ein so großer Heiliger schaffen. Aber da er trotzdem die Nähe des Bösen fürchtete so umgab er seine Besitzung mit trügerischem Triebsande, der gefährlicher noch ist als das Meer. Der Teufel bewohnte ein kleines Haus an der Küste. Aber er besaß die großen Wiesen, die vom Seewasser bespült werden, fette Erde, wo reiche Ernte gedeiht, kurz allen guten und fruchtbaren Boden des ganzen Landes. Während der Heilige nur über den Sand herrschte, war Satan reich und St. Michael blutarm. Nach einer Reihe von mageren Jahren ärgerte sich der Heilige über diesen Zustand, und überlegte sich, wie er wohl mit dem Teufel einen Bund machen könne. Aber die Sache war nicht leicht, denn Satan wollte seine reichen Ernten nicht hergeben. Ein halbes Jahr dachte er nach, dann machte er sich eines Morgens auf und begab sich zur Erde. Der Teufel aß gerade vor seiner Tür seine Suppe, als er den Heiligen gewahrte. Er ging ihm sofort entgegen, küsste den Saum seines Gewandes, bat ihn einzutreten und setzte ihm Erfrischungen vor. St. Michael trank einen Napf Milch und sprach: – Ich bin gekommen, um Dir einen guten Handel vorzuschlagen. Der Teufel antwortete aufrichtig und ohne Misstrauen: – Schön. – Überlasse mir alle Deine Besitzungen. Der Teufel wurde unruhig und fing an: – Aber?.Der Heilige fuhr fort: – Hör mich erst einmal an. Du überlässt mir Deine ganzen Ländereien. Ich übernehme die Bewirtschaftung, Ackern, Säen, Düngen, kurz alles, und wir teilen dann die Ernte. Ist Dir das recht? Der Teufel, der natürlich faul war, nahm an. Er verlangte bloß als Zugabe einige jener ausgezeichneten Meerbarben, die man um das einsame Schloss im Meere fängt. Der Heilige sagte die Fische zu. Sie gaben sich die Hand und spuckten seitwärts aus, um damit zu bezeugen, dass das Geschäft abgeschlossen sei. Dann sprach der Heilige: – Hör mal, ich möchte nicht gern, dass Du Grund zur Unzufriedenheit hättest. Such Dir aus, was Dir lieber ist: den Teil der Ernte über der Erde oder den unter der Erde. Der Teufel rief: – Ich nehme den über der Erde. – Einverstanden! – meinte der Heilige und ging davon. Ein halbes Jahr darauf sah man auf den unendlichen Besitzungen des Teufels nichts als Karotten, Rüben, Zwiebeln, Schwarzwurzeln, kurz lauter Pflanzen, deren fette Wurzeln gut und nahrhaft sind und deren unnützes Grünzeug höchstens als Viehfutter dient. Der Teufel bekam nichts und wollte den Vertrag lösen, indem er dem heiligen Michael Hinterlist vorwarf. Aber der hatte Geschmack an der Landwirtschaft gefunden, besuchte wiederum den Teufel und sprach: – Ich kann Dich versichern, dass mir gar nicht eingefallen ist, Dich hereinlegen zu wollen. Das hat sich von selbst gemacht ohne meine Schuld. Und um Dich zu entschädigen, biete ich Dir dieses Jahr das an, was unter der Erde ist. – Einverstanden! – sagte der Teufel. Im folgenden Frühjahr waren die ganzen Besitzungen des bösen Geistes mit dichtem Getreide, mit schwerem Hafer bestellt, mit Flachs und prachtvollem Raps, mit rotem Klee, Erbsen, Kohl, Artischocken, kurz mit Allem, was Frucht oder Körner trägt. Wieder bekam der Teufel nichts und wurde wütend. Er nahm seine Wiesen und Felder zurück und wollte von irgend welchen neuen Abmachungen mit seinem Nachbar nichts mehr wissen. Ein ganzes Jahr verstrich. St. Michael blickte von seiner Burg herab da drüben auf die fruchtbare Erde und sah, wie sich der Teufel die Hände rieb, wie er erntete und drosch und war wütend über seine Ohnmacht, und da er den Teufel nicht mehr hereinlegen konnte, beschloß er, sich zu rächen. Deshalb lud er ihn für den nächsten Montag zu Tisch ein. – Du hast in Deinen Geschäften mit mir kein Glück gehabt, aber ich möchte nicht, dass zwischen uns eine Verstimmung bleibe und ich rechne darauf, dass Du zu mir zum Essen kommst, ich werde Dir auch was Gutes vorsetzen. Der Satan, der ebenso gefräßig war wie faul, nahm sofort an. Am bestimmten Tage zog er seine schönsten Kleider an und machte sich auf den Weg. St. Michael hieß ihn an einem wundervollen Tisch niedersitzen. Zuerst wurde eine Blätterteigpastete mit Hahnenkämmen und Nieren aufgetragen, mit Klößen aus gehacktem Fleisch, dann zwei große Meerbarben in Sahne, dann Pute gefüllt mit eingemachten Maronen in Weinsauce, darauf eine Hammelkeule so zart wie Kuchen, endlich Gemüse, die auf der Zunge schmolzen und warmer Pudding, der dampfend einen Buttergeruch verbreitete. Dazu ward reiner Apfelwein getrunken, süß und perlend, dann Rotwein, der zu Kopfe stieg, und nach jeder Schüssel noch ein Gläschen alten Branntweins. Der Teufel aß und trank sich voll und tat soviel des Guten, dass ihm schlecht ward. Da stand St. Michael drohend auf und rief mit Donnerstimme: – Hebe Dich von mir! Hebe Dich von mir, Kanaille! Du wagst es in meiner Gegenwart?.Der erschrockene Teufel entfloh und der Heilige nahm einen Stock und verfolgte ihn. Dann liefen sie durch die Säle, um die Säulen herum, über die luftigen Treppen, rasten längs der Gesimse, sprangen von einer Dachrinne zur anderen. Der arme Satan fühlte sich hundeelend, dass er beinahe die Seele ausgehaucht hätte, er besudelte im Fliehen überall die Burg des Heiligen. Endlich stand er auf der letzten Terrasse ganz oben, von wo aus man die ganze unendliche Meeresbucht mit den Städten in der Ferne, mit den Dünen und den Weideplätzen übersieht. Jetzt konnte er nicht mehr entfliehen und der Heilige gab ihm mit aller Gewalt einen Fußtritt in den Hintern, dass er wie eine Kugel durch die Wolken sauste. Er durchschoss gleich einem Pfeile die Luft und fiel schwer vor der Stadt Mortain nieder. Die Hörner auf seiner Stirne und seine Krallen schlugen tief in den Felsen ein, der nun auf ewige Zeiten die Spuren von Satans Sturze trägt. Hinkend stand er auf, sodass er nun lahm geblieben ist für alle Ewigkeit. Und als er in der Ferne den bösen Berg sah, der wie eine scharfe Spitze in die untergehende Sonne hineinragte, sah er ein, dass er bei diesem ungleichen Streit doch stets den Kürzeren ziehen würde und entfloh, das Bein nachziehend, in ferne Länder, indem er seinem Feinde Felder, Täler, Wiesen überließ. So überwand St. Michael der Schutzpatron der Normannen den Teufel." [7] 6. AlloumaFür Wanderungen in Europa gibt es viele Möglichkeiten, in Algerien wird es schon schwieriger und gefährlicher und man kann sich schnell verlaufen; »Grab der Christin«, das Grabmal einer maurischen Königsfamilie: "Seit einem Monat durchstreifte ich zu Fuß jene wundervolle Gegend, die sich von Algier nach Cherchell, Orléansville und Tiaret zieht. Sie ist gleichzeitig bewaldet und öde, gewaltig und lieblich. Zwischen zwei Bergketten liegen dort düstere Fichtenwälder in engen Tälern, im Winter von reißenden Bächen durchschossen. Mächtige über die Schluchten gefallene Bäume dienen den Arabern als Brücken, und Schlinggewächse, die sich um die toten Stämme ranken, überziehen diese mit neuem Leben. Dort gibt es Schlünde in unerforschten Bergschluchten von grausiger Schönheit und wieder ebene Bachufer mit Alpenrosen überwachsen, von unglaublichem Zauber. Was mir aber am unvergesslichsten geblieben, sind die Nachmittagsspaziergänge längs der dürftig bewaldeten, vielfach gewundenen Küste, von der aus man die weite wellige Landschaft überschaut vom blauen Meer bis zur Bergkette Quarsenis, deren First der Cedernwald von Teniet-el-Haad krönt. An jenem Tage verirrte ich mich. Ich hatte gerade einen Gipfel bestiegen, von dem aus ich über eine Hügelreihe hinweg die weite Ebene von Mitidja übersehen konnte, dahinter noch weiter, auf der Höhe einer anderen Kette, in der Ferne fast verschwimmend, das seltsame Denkmal, das »Grab der Christin« geheißen, wie man sagt das Grabmal einer maurischen Königsfamilie. Ich stieg wieder hinab, nach Süden zu. Vor mir erstreckte sich bis hinauf zu den Gipfeln, die in den klaren Himmel hineinragten, am Rand der Wüste, ein wildes Bergland, fahl, rotgelb, als ob alle die Hügel mit aneinander genähten Löwenfellen bedeckt wären. Ab und zu stieg dazwischen ein höherer Buckel auf, spitz, gelb, wie der behaarte Höcker eines Kamels. ... In der Ferne entdeckte ich ein Araberlager: braune, spitze Zelte, die am Boden klebten wie Meermuscheln auf den Felsen, oder Hütten, aus Zweigen zusammengebaut, aus denen grauer Rauch stieg. Weiße Gestalten, Männer oder Frauen, irrten langsam hin und her, und unbestimmt klangen durch die Abendluft die Glöckchen der Herden. ... O, wie fern war ich von all den Dingen, von all den Leuten, für die man sich auf dem Boulevard interessiert. Wie fern auch von mir selbst; eine Art Wesen, das umherirrt ohne Bewußtsein, ohne Gedanken, ein Auge, das über die Dinge gleitet, sieht, nichts will, als sehen. So war ich weit von meinem Wege abgekommen, auf den ich garnicht mehr achtete, und als die Nacht hereinbrach, merkte ich, dass ich mich verirrt hatte."Nur selten verirrt sich ein Europäer hierhin und baut Wein an: "Ich kannte seine Geschichte. Er hatte mit Weibern den größten Teil seines Vermögens durchgebracht, und von dem was übrig blieb in Algier Grund und Boden gekauft, auf dem er nun Wein zog. Der Weinbau ging gut; er war glücklich und hatte in der Tat das behagliche Aussehen eines zufriedenen Menschen. Ich begriff nicht, wie ein Pariser Kind, dieser Lebemann, sich an solch eintönige Leben in der Öde hatte gewöhnen können. ... Ich hatte diese Farm gekauft, diesen Bordj, eine ehemalige kleine Festung, die ein paar hundert Meter von der Ansiedelung der Eingeborenen liegt, die ich für meine Anpflanzungen beschäftigte. Zu meinem persönlichen Dienst wählte ich aus diesem Stamme – einem Teil der Oulad-Taadja – einen großen Burschen aus, denselben, den Sie eben hier gesehen haben: Mohammed ben Lam'har. Er wurde mir bald sehr ergeben. Da er nicht in einem Hause schlafen wollte, weil er das nicht gewöhnt war, schlug er sein Zelt ein paar Schritte von der Tür auf, so dass ich ihn von meinem Fenster aus rufen konnte." Frauen des Harems; Maupassant meint in dieser Novelle, Araber, in die der Islam eingedrungen ist, seien Lügner durch und durch, so dass man ihrem Gerede niemals trauen könne; die Lüge mache einen Teil ihres Wesens aus, ihres Herzens, ihrer Seele, wie sie ihnen zur zweiten Natur geworden sei, versehen mit dem Hirn eines Eichhörnchens. Es seien fremde, rätselhafte, lügnerische, durchtriebene, unterdrückte, ewig lächelnde, unerforschliche Wesen mit allerlei Aberglaube: "Mein Entschluss war sofort gefasst. Da dieses Mädchen mir nun einmal so in die Arme gefallen war, wollte ich sie behalten, wollte aus ihr eine Art Sklaven-Geliebte machen, die in meinem Haus verborgen blieb wie die Frauen des Harems. Wenn ich sie eines Tages satt hatte, war es leicht, sie auf irgend eine Manier fortzubringen, denn in Afrika gehörten uns diese Art Wesen beinah mit Leib und Seele. Ich sagte ihr: – Ich will gut gegen Dich sein, ich will Dich so behandeln, dass Du nicht unglücklich wirst. Aber ich muss wissen, wer Du bist und woher Du kommst. Sie begriff, dass sie jetzt reden musste und erzählte mir ihre Geschichte, oder vielmehr eine Geschichte, denn sie log vom ersten Wort bis zum letzten, wie alle Araber lügen, immer, mit oder ohne Grund. Das ist einer der seltsamsten und unbegreiflichsten Charakterzüge der Eingeborenen, dass sie lügen. Diese Menschen, in die der Islam so eingedrungen ist, dass er einen Teil von ihnen ausmacht, dass er ihre geistigen Fähigkeiten nach seiner Anschauung formt, ihre ganze Rasse verändert, sie von den anderen im Punkt der Moral unterscheidet, ebenso wie die Hautfarbe den Neger vom Weißen trennt: sie alle sind Lügner durch und durch, dass man ihrem Gerede niemals trauen kann. Ob das mit ihrer Religion zusammenhängt, weiß ich nicht. Man muss unter ihnen gelebt haben, um sich zu überzeugen wie die Lüge einen Teil ihres Wesens ausmacht, ihres Herzens, ihrer Seele, wie sie ihnen zur zweiten Natur geworden ist, ja geradezu eine Lebensnotwendigkeit. Sie erzählte mir also, sie sei die Tochter eines Kaïds der Ouled Sidi Scheik, und einer von ihm den Touaregs geraubten Frau. Diese Frau musste wohl eine schwarze Sklavin gewesen sein, oder wenigstens aus erster Kreuzung arabischen und Negerblutes stammen. Bekanntlich sind die Negerinnen in den Harems sehr gesucht, wo sie als besonderes Reizmittel gelten. Übrigens zeigte sich bei ihr außer jenem Purpur der Lippen und der dunklen Erdbeerfarbe der länglichen, elastisch-federnden Brüste nichts von dieser Abstammung. Darin konnte sich ein erfahrenes Auge nicht täuschen. Aber alles andere gehörte der schönen, weißen, schlanken Rasse des Süden an, deren feines Gesicht einfach und gerade geschnitten ist wie ein indisches Heiligenbild. Die weit auseinander stehenden Augen erhöhten noch den fast überirdischen Eindruck dieses Kindes der Wüste. Über ihre wirkliche Stellung erfuhr ich nichts Genaues. Sie erzählte mir ab und zu unzusammenhängende Einzelheiten, die zufällig in ihrem verworrenen Gedächtnis aufzusteigen schienen. Köstliche kindliche Anschauungen mischten sich hinein, das ganze Nomadenleben, wie es sich im Hirn eines Eichhörnchens spiegelt, das von Zelt zu Zelt gesprungen ist, von Lager zu Lager, von Stamm zu Stamm. Und all das wurde hergeleiert mit der ernsten Wichtigthuerei dieses Volkes, mit der Miene einer schwatzenden Puppe und einem etwas komischen Ernst. Als sie fertig war, merkte ich, dass ich garnichts behalten hatte von dieser ganzen langen Geschichte, voller nebensächlicher Ereignisse, die in ihrem oberflächlichen Gehirn haften geblieben waren. Und ich fragte mich, ob sie mich nicht einfach zum Narrn gehalten hätte, durch dieses inhaltslose, ernst vorgetragene Geschwätz, das mir eigentlich über sie selbst und ihr Leben nichts gesagt hatte. Und ich dachte an dieses überwundene Volk, unter dem wir leben, oder vielmehr, das mitten unter uns lebt, deren Sprache wir kaum zu sprechen angefangen, das wir unter dem dünnen Leinen seiner Zelte in den Tag hinein leben sehen, denen wir unsere Gesetze, unsere Ordnung, unsere Sitten aufzwangen, und von denen wir nichts wissen, aber auch garnichts, nicht als ob wir sie seit fast sechzig Jahren fortwährend beobachteten. Wir wissen nicht mehr davon, was in dieser Hütte aus Zweigen, oder unter diesem kleinen Conus aus Stoffen, der mit Pflöcken an der Erde festgehalten wird und zwanzig Meter von unsern Thüren steht, vorgeht, als wir eine Ahnung haben, was die sogenannten civilisierten Araber in den maurischen Häusern von Algier treiben und denken. Hinter den kalkbeworfenen Mauern ihrer Stadthäuser, unter der weißen Decke ihrer Zelte, oder hinter dem dünnen, braunen Vorhang von Kamelshaar, der im Winde flattert, leben sie in unserer Nähe, Fremde, rätselhafte, lügnerische, durchtriebene, unterdrückte, ewig lächelnde, unerforschliche Wesen. Ich sage Ihnen, wenn ich von weitem mit meinem Opernglas das nächste Araberlager beobachte, merke ich, dass bei ihnen allerlei Aberglaube sein Wesen treibt, dass sie tausend Sitten und Gebräuche haben, die wir noch nicht kennen, von denen wir nicht einmal eine Ahnung haben. Noch niemals hat ein durch Gewalt unterworfenes Volk sich so völlig der hartnäckigen aber nutzlosen Erforschung durch den Sieger zu entziehen gewußt." Sie stehen dem Tiere zu nahe, sie haben ein zu wenig ausgebildetes Herz, zu wenig verfeinerte Gefühlsthätigkeit, um in unseren Seelen jene schwärmerische Stimmung hervorzurufen, die die Poesie der Liebe ist. Keine geistige Befriedigung, kein Gedankenschwung: "Ich liebte sie nicht – nein – man kann die Mädchen dieses unkultivierten Volkes kaum lieben. Zwischen ihnen und uns, sogar zwischen ihnen und ihren Männern, den Arabern, erblüht niemals die blaue Blume wie in den nördlicheren Ländern. Sie stehen dem Tiere zu nahe, sie haben ein zu wenig ausgebildetes Herz, zu wenig verfeinerte Gefühlsthätigkeit, um in unseren Seelen jene schwärmerische Stimmung hervorzurufen, die die Poesie der Liebe ist. Keine geistige Befriedigung, kein Gedankenschwung mischt sich in den Sinnenrausch, den diese reizenden aber nichtssagenden Wesen in uns entzünden." Dieses elende Afrika mit ihren "mohamedanischen Kapellen", wo es keine Kunst, keine Freuden des Geistes gibt: "Ich könnte nicht genau auseinandersetzen, was ich für dieses Wesen empfand. Ich sagte Ihnen vorhin, dass dieses Land, dieses elende Afrika, wo es keine Kunst, keine Freuden des Geistes gibt, uns doch allmählich für sich einnimmt durch einen ganz bestimmten unnennbaren Reiz, durch die weiche Luft, durch die immer milden Morgen und Abende, durch die köstliche Beleuchtung, durch das unsagbare Wohlgefühl, in das es alle unsere Sinne badet. Nun, Allouma nahm mich in derselben Weise ein durch tausend fesselnde körperliche, aber unbewußte Reize, durch die rührenden Verführungskünste, nicht so sehr durch die Glut ihrer Umarmung, denn sie war gleichgültig wie alle Orientalen, aber durch ihre süße Hingabe." Typus eines wilden
Barbaren mit falschen Schakalaugen; warum sie so oder so handeln? Nicht
mehr als eine Wetterfahne: "Er war ein großer Beduine, dessen Hautfarbe
mit der seiner Lumpen zusammenstimmte, der Typus eines wilden Barbaren,
mit herausstehenden Backenknochen, krummer Nase, zurücktretendem Kinn,
dünnen Beinen: ein großes in Fetzen gekleidetes Skelett mit
falschen Schakalaugen. Ich hatte gar keinen Zweifel mehr, ja sie war mit
dem Halunken durchgegangen. Warum? Weil sie Allouma war, die Tochter der
Wüste. Eine andere vom Pariser Pflaster zum Beispiel wäre wahrscheinlich
mit meinem Kutscher oder irgend einem Straßenbummler durchgebrannt.
... Das genügt. Ein Windhauch! Weiß sie, wissen sie alle, selbst
die feinsten, die schlausten, in den meisten Fällen, warum sie so
oder so handeln? Nicht mehr als eine Wetterfahne, die sich im Winde dreht.
Ein Lufthauch, kaum zu merken, wirbelt den Pfeil aus Eisen, Kupfer, Blech
oder Holz herum, genau so wie ein unfassbarer Einfluss, ein nicht zu spürender,
das ewig wechselnde Herz der Frau erregt und treibt, sei sie nun Städterin,
sei sie vom Lande, aus dem Menschengewühl oder der Einöde." [8]
7. Ein AbendAuch in der Novelle "Ein Abend" geht es um den Orient, zum Beispiel um Vagabundenwohnungen der Araber, das Sarazenentor : "Der »Kléber« hatte gestoppt, und mit entzückten Augen betrachtete ich den wundervollen Golf von Bougie, der sich vor uns auftat. Die kabylischen Wälder bedeckten die hohen Berge; in weiter Ferne bildete der gelbe Sand am Meer einen Saum wie aus Goldstaub, und die Sonne strahlte in Feuergluten auf die weißen Häuser der kleinen Stadt herab. Der heiße Luftzug, der Atem Afrikas, wehte meinem freudigbewegten Herzen den Dunst der Wüste entgegen; den Dunst des großen geheimnisvollen Weltteils, in dessen Inneres der Mensch aus Norden kaum je eindringt. Seit drei Monaten irrte ich umher am Rande dieser dunkeln unbekannten Welt, an den Küsten dieses abenteuerlichen Erdteils, der Heimat des Straußes, des Kamels, der Gazelle, des Flußpferdes, des Gorilla, des Elefanten und des Negers. Ich hatte die Araber dahinjagen sehen, wie eine Fahne, die flattert, weht, vorüberfliegt und verschwindet. Ich hatte unter ihren braunen Zelten geschlafen, in den Vagabundenwohnungen dieser weißen Zugvögel der Wüste. Ich war trunken von Licht, von den Eindrücken dieser unendlichen Weite. Jetzt nach der letzten Reise musste ich fort, nach Frankreich zurück, Paris wiedersehen, die Stadt des unnützen Geschwätzes, der alltäglichen Betrachtungen, des unaufhörlichen Händeschüttelns. Ich musste Abschied nehmen von all den liebgewonnenen Dingen, neu für mich, kaum kennen gelernt, und doch schon so vermisst. Eine Menge Barken umschwirrten den Dampfer; ich sprang in eine hinein, die ein kleiner Neger ruderte, und bald stand ich auf dem Quai, nahe dem alten Sarazenentor, dessen graue Ruine am Eingang der Kabylenstadt aussieht wie ein Wahrzeichen antiker Vornehmheit. Als ich neben meiner Reisetasche am Hafen stand und hinüberschaute nach dem mächtigen Schiff, das auf der Rede vor Anker lag, noch ganz benommen von Bewunderung über diese einzige Küste, vor diesem Felsengrund von hohen Bergen, bespült von blauen Wogen dieser Bucht, schöner als der Golf von Neapel, ebenso schön wie Ajaccio und Porto auf Corsica, legte sich mir eine Hand schwer auf die Schulter. Ich wendete mich um und sah einen großen Mann mit langem Bart, einem Strohhut auf dem Kopf, in weißem Flanellanzug vor mir stehen, der mich mit seinen blauen Augen scharf anblickte. – Sind wir nicht alte Schulfreunde? – sagte er. – Das ist möglich. Wie heißen Sie? – Trémoulin. – Donnerwetter noch mal! Du warst ja mein Nachbar in der Schule. ... Er war sehr klug, von fabelhaft leichter Fassungsgabe, geistig unendlich schmiegsam, von natürlicher Begabung für alle litterarischen Studien, und war so immer der Erste in der Klasse gewesen. Auf der Schule war man überzeugt, er würde ein berühmter Mann werden, jedenfalls ein Dichter, denn er machte Verse und hatte eine Menge sentimentaler Ideen. Sein Vater, ein Apotheker im Pantheonviertel, galt nicht für besonders wohlhabend."Er pflanzt Trauben, aus denen er Wein macht, etwas was in islamischen Ländern selten ist; altes maurisches Haus mit Innenhof, ohne Fenster nach der Straße: "Trémoulin nahm mich beim Arm und führte mich fort. Zuerst fragte er mich nach meiner Reise, wollte meine Eindrücke wissen und da er meine Begeisterung sah, schien er mich doppelt in sein Herz zu schließen. Seine Wohnung war ein altes maurisches Haus mit Innenhof, ohne Fenster nach der Straße, von einer Terrasse überragt, die freien Ausblick hatte über die Nachbarhäuser, den Golf, die Wälder, das Meer. ... Nachdem ich ein Bad genommen hatte, zeigte er mir die reizende kabylische Stadt, deren weiße Häuser sich wie ein Wasserfall zum Meere senkten. Und dann, als es Abend wurde, kehrten wir heim und gingen nach einem wundervollen Diner an den Quai. Man sah nichts mehr als die erleuchteten Straßen, das Licht der Sterne, jener großen, leuchtenden, glitzernden Sterne des afrikanischen Himmels. ... In der Ferne bellten Hunde, jene mageren arabischen Hunde, rothaarig, mit spitzer Schnauze und leuchtenden Augen. Sie heulten wie jede Nacht in diesem weiten Land vom Meeresufer bis tief in die Wüsten hinein, wo die Nomadenstämme wohnen; Füchse, Schakale, Hyänen antworteten, und nicht weit entfernt, brüllte irgendwo ein einsamer Löwe in einer Schlucht des Atlas." Seele des Orients, die Seele, so voller Poesie und Legenden mit Bildern aus der Bibel: "In dem Augenblick, als wir auf die Terrasse traten, sah ich den Mond hinter den Bergen aufgehen. In langsamen Stößen blies der warme Luftzug daher, trug leichte kaum zu unterscheidende Wohlgerüche mit sich, als ob er auf seinem Wege die Düfte der Gärten und der Städte all jener sonnenglühenden Länder in sich aufgenommen hätte. Rings um uns herum zogen sich weiße Häuser mit viereckigen platten Dächern bis zum Meer hinab. Und auf all diesen Dächern gewahrte man, liegend oder stehend, menschliche Gestalten, die schliefen oder träumten unter den Gestirnen, ganze Familien, in lange Flanell-Gewänder gewickelt, die sich in der milden Nacht erholten von der Hitze des Tages. Da war es mir plötzlich, als erfasste ich die Seele des Orients, die Seele, so voller Poesie und Legenden, dieser einfachen Menschen mit den Gedanken so reich an Bildern. Und Bilder aus der Bibel und den Märchen aus Tausend und einer Nacht erfüllten mein ganzes Herz. Ich hörte die Propheten Wunder verkünden und sah auf den Terrassen der Paläste Prinzessinen in Seidenhöschen spazieren, während auf silbernen Kohlenbecken Wohlgerüche verdampften, deren Rauch in Form von Geistern in die Luft verflog." Schöne Mädchen
mit schmutziger Seele; Quintessenz des Lebens: "Er predigte wie ein Prophet
des Altertums mit erhobener Stimme, verkündete unter dem ewigen Sternenhimmel,
mit dem Zorn der Verzweiflung, die verherrlichte Schande aller Maitressen
alter Herrscher, ... Ich sah sie, von Anbeginn der Welt, durch ihn hervorgezaubert,
beschworen, ans Licht gebannt, in dieser Nacht des Orients stehen, all
die Mädchen, die schönen Mädchen mit schmutziger Seele,
die, wie das Tier, das das Alter des Weibchens nicht kennt, den greisen
Liebeswünschen nachgegeben. Um uns herum erschienen sie, alle die
Dienerinnen der Patriarchen, gepriesen in der Bibel: Hagar, Ruth, die Töchter
des Loth, die braune Abigail, die Jungfrau von Sunam, die mit ihren Liebkosungen
den sterbenden David wieder belebte und alle anderen jungen, dicken, weißen,
Patrizierinnen oder Plebejerinnen, unverantwortlichen Weiber eines Herrn,
bezwungene, verführte oder bezahlte Sklavenleiber. ... Dieser Abend
ist mir unauslöschlich in der Erinnerung geblieben. Alles was ich
gesehen, empfunden, gehört und geahnt, der Fischzug, vielleicht auch
der Polyp, diese ergreifende Erzählung, während rings auf den
Nachbardächern die weißen Gestalten lagen, alles fügte
sich in ein bewegtes Bild zusammen. Manche Begegnungen, manch unerklärlicher
Zusammenhang der Dinge enthält gewiss, ohne dass etwas Außergewöhnliches
dabei vorkommt, eine größere Menge geheimer Quintessenz des
Lebens als alles was im Gleichmaß der Tage verstreut liegt." [9]
8. MarrocaEindrücke, Erlebnisse und Liebesabenteuer vom Afrikanischen Boden aus: "Du sagtest, schon im voraus müsstest Du über meine schwarzen Liebschaften lachen und sähest mich bereits in Begleitung einer großen ebenholzdunklen Frau wiederkommen, mit gelbem Kopftuch und in schlotternden auffallenden Gewändern. ... Hier liebt man mit wahnsinniger Leidenschaft. Vom ersten Tage ab fühlt man eine Art zitternder Glut, ein plötzliches Erwachen der Begierden, eine Schwäche bis in die Fingerspitzen, die unsere Liebesfähigkeit und all unsere Empfindungen bis zur Verzweiflung überreizt. Das geht von der einfachen Berührung der Hand bis zu jenem unnennbaren Zwange, der uns soviel Dummheiten begehen lässt."Herzensneigung, Seelenliebe, ideale, kurz platonische Liebe unter Moslems? Fehlanzeige: "Wohlverstanden, ich weiß nicht ob es das, was man Herzensneigung, Seelenliebe, ideale, kurz platonische Liebe nennt, unter diesen Breiten gibt. Ich zweifle sogar daran. Aber die andere Liebe, die der Sinne, die auch ihr Gutes hat, wird in diesem Klima wirklich fürchterlich. Diese Hitze, diese fiebererregende fortwährende Siedetemperatur der Luft, diese erstickenden Südwinde, diese Feuerfluten aus der nahen großen Wüste, dieser schwere Schirokko, der mehr brennt und frisst denn Flammen, diese unausgesetzte Feuersbrunst in der der ganze Erdteil steht, den die ungeheuere sengende Sonnenglut bis zu den Steinen in Brand gesetzt – alles das macht das Blut kochen, entzündet das Fleisch, weckt das Tier." Landschaften und Sitten in Algerien: "Über die erste Zeit meines Aufenthaltes in Algerien will ich nicht weiter reden. Nachdem ich Bona, Constantine, Biskra und Setif besucht, kam ich über den Chabet-Pass. Ein unvergleichlicher Weg ist das, mitten durch Kabylenwälder, zweihundert Meter über dem Meere hin in Serpentinen bis zum wundervollen Meerbusen von Bougie! Er ist ebenso schön als die von Neapel, Ajaccio und Douarnenez, die prachtvollsten die ich kenne, vielleicht abgesehen von der von rotem Granit umsäumten Wunderbucht von Porto an der Westküste Korsikas. Ehe man das wogenstill daliegende große Becken umgangen, sieht man schon von weitem, ganz fern Bougie liegen. Es ist auf den Abhängen eines hohen bewaldeten Berges erbaut. Und erscheint einem wie ein weißer Fleck auf dem grünen Abhang, als wäre es der Gischt eines dort sich ins Meer stürzenden Wasserfalles. ... Überall bietet sich dem Auge ein weiter Kreis von Bergspitzen, die krumm, zersägt, als Hörner und Zacken sich so eng zusammenschließen, dass man kaum das offene Meer erkennen kann, und der Meerbusen wie ein See aussieht. Das blaue, milchblaue Wasser ist wunderbar durchsichtig, und darüber wölbt sich in märchenhafter Schönheit der azurblaue Himmel, der ausschaut als trüge er eine doppelte Farbschicht! Eines scheint sich im andern zu spiegeln und seine Strahlen zurückzuwerfen. Bougie ist eine Ruinenstadt. Wenn man ankommt erblickt man am Quai ein so prachtvolles altes Gemäuer, dass man denken könnte, es wäre eine Theaterdekoration. Es ist das alte, epheuumrankte Sarazenentor. Und rings um die Stadt liegen in den Wäldern am Bergeshang überall Ruinen, stehengebliebene römische Mauern, Überbleibsel Sarazenischer Denkmäler, Reste arabischer Bauten. Im hochgelegenen Teile der Stadt hatte ich ein kleines maurisches Haus gemietet. Du kennst diese Wohnungen. Sie sind oft beschrieben worden. Nach außen haben sie keine Fenster, aber der Innenhof gibt ihnen Licht von oben bis unten. Im ersten Stock enthalten sie einen großen kühlen Raum, in dem man sich den Tag über aufhält und ganz oben eine Terrasse, wo man die Nacht verbringt. Sofort nahm ich die Sitten der heißen Länder an, das heißt, ich hielt meine Siesta nach dem Frühstück. Das ist die heißeste Zeit in Afrika. Da kann man kaum atmen. Dann sind Straßen, Ebenen und die langen, das Auge blendenden Wege menschenleer. Alles schläft, oder sucht doch wenigstens zu schlafen und zwar so wenig bekleidet als nur irgend möglich." Zwei Qualen, Wasser- und Weibermangel: "Ich weiß nicht, welches von beiden schlimmer ist. Um ein Glas klares, frisches Wasser würde man in der Wüste jede Gemeinheit begehen. Und was gäbe man wohl in gewissen Küstenstädten um ein schönes, frisches, gesundes Mädchen? Mädchen fehlen nämlich nicht in Afrika! Im Gegenteil, es gibt ihrer im Überfluss, aber, um bei meinem Vergleiche zu bleiben, sie sind dort alle ebenso ungesund und verfault, wie das Schlammwasser der Brunnen in der Sahara." Marroca; an Geist war sie übrigens so einfach, wie zwei mal zwei vier macht, und an die Stelle von Nachdenken trat helles Lachen: "Acht Tage später waren wir gute Freunde. Und wiederum nach acht Tagen wurden wir es noch mehr. Sie hieß Marroca – wahrscheinlich ein Zuname – und sprach das Wort aus als enthielte es fünfzehn R. Sie stammte von spanischen Kolonisten und hatte einen Franzosen geheiratet namens Pontabèze. ... Sie war wirklich ein wundervolles Mädchen, wenn auch von etwas wilder Art. Ihre Augen schienen immer vor Leidenschaft zu glänzen. Ihr halboffener Mund, ihre spitzen Zähne, selbst ihr Lächeln hatte etwas wild-sinnliches, und ihre seltsame Brust, länglich und gerade, spitz gleich einer Birne aus Fleisch, elastisch als enthielte sie stählerne Federn, gab ihrem Körper etwas vom Tier, machte aus ihr ein prachtvolles, niederes Wesen, ein zur freien Liebe bestimmtes Geschöpf. ... An Geist war sie übrigens so einfach, wie zwei mal zwei vier macht, und an die Stelle von Nachdenken trat helles Lachen. ... Auf ihre Schönheit war sie instinktmäßig stolz. Sie hasste jeden Schleier. Sie bewegte sich, lief und sprang in meinem Hause umher in unbewußter und verwegener Freiheit. ... Wenn der große, leuchtende Südlandmond am Himmel strahlte und Stadt und Golf, eingerahmt von den Bergen, beschien, dann erblickten wir auf allen anderen Terrassen ein Heer schweigender Gestalten ausgestreckt, die sich ab und zu erhoben, einen anderen Platz suchten um sich bei der mattlauen Luft wieder auszustrecken. Trotz der Helligkeit der afrikanischen Abende blieb Marroca dabei, sich unbekleidet in den Mondenschein zu legen. Sie kümmerte sich nicht um alle, die uns sehen konnten, und stieß oft nachts trotz meiner Befürchtungen und Bitten einen langen, gellenden Schrei aus, sodass in der Ferne die Hunde heulten." Ähnlich wie
bei wilden Arabern in öffentlichen Verkehrsmitteln, hat man immer
das Gefühl, sie könnten plötzlich ein Messer zücken
oder mit einem Hackebeil um sich schlagen: "Sie zwinkerte und deutete mit
ausgestreckter Hand auf den Stuhl, auf den ich mich eben gesetzt. Und der
ausgestreckte Finger, der Zug um ihren Mund, die halbgeöffneten Lippen,
ihre spitzen, blitzenden Zähne, alles deutete auf das kleine Holzbeil,
dessen scharfe Schneide glänzte. Es war, als wollte sie danach greifen,
dann presste sie mich mit dem linken Arm an sich, und wie wir Seite an
Seite standen, machte sie mit dem rechten Arm eine Bewegung, als schlüge
sie einem knieenden Manne den Kopf ab." [10]
9. Auf der EisenbahnAn Flughäfen werden die Passagiere genau durchleuchtet, nicht so bei der Eisenbahn, U-Bahn oder Straßenbahn. Dort hat man immer noch das Gefühl, ein wilder Araber oder Türke könnte jederzeit ein Messer zücken oder mit einer Axt die Fahrgäste angreifen. Eben weil unkontrolliert Verbrecher und andere zwielichtige Gestalten aus der "Halbwelt der Hauptstadt" dort mitfahren können, hat man Frauen und Minderjährige nie allein reisen lassen, man suchte nach einer passenden Persönlichkeit, die ihnen genügend Sicherheit bot. Was sonst noch im Zug passieren kann ...Das hält Maupassant
in einer Novelle fest: "Die Sonne ging eben unter, hinter der Bergkette,
deren Riesenhaupt der Puy de Dôme ist, und die langen Schatten der
Bergspitzen fielen auf das tiefe Tal von Royat. Ein Paar Menschen gingen
im Park beim Musikpavillon auf und ab. Andere saßen noch hier und
da in Gruppen umher, trotz der Frische des Abends. Eine dieser Gruppen
unterhielt sich lebhaft, denn es handelte sich um eine ernste Sache, die
Frau von Sarcagnes, Frau von Vaulacelles und Frau von Bridoie viel Kopfzerbrechen
machte. In ein paar Tagen sollten die Ferien beginnen und sie mussten ihre
Söhne kommen lassen, die bei den Jesuiten und Dominikanern erzogen
wurden. Nun hatten die Damen gar keine Lust, die Reise, um ihre Sprösslinge
abzuholen, selbst zu unternehmen, aber sie wußten durchaus niemand,
der sich dieser Mühewaltung unterzogen hätte. Es war gegen Ende
Juli, Paris ganz verlassen. Und sie suchten vergeblich nach irgend einer
Persönlichkeit, die ihnen genügende Sicherheit geboten hätte.
Ihre Verlegenheit wuchs, weil ein paar Tage vorher in einem Wagenabteil
auf der Eisenbahn eine höchst unsittliche Geschichte passiert war.
Und die Damen waren nun der festen Überzeugung, dass die ganze Halbwelt
der Hauptstadt unausgesetzt zwischen der Auvergne und Paris hin und her
führe. Übrigens meldete der Gil blas, wie Frau Bridoie behauptete,
die Anwesenheit sämtlicher bekannten und unbekannten Halbweltlerinnen
in Vichy, Mont Dore und La Bourboule. Da sie dort waren, mussten sie wahrscheinlich
mit der Eisenbahn hingekommen sein und würden wohl ohne Zweifel auch
auf diesem Wege zurückkehren. Auf dieser verdammten Eisenbahnlinie
gab es also ein fortwährendes Hin und Her von öffentlichen Mädchen,
und die Damen waren außer sich, dass den Dämchen nicht das Betreten
der Bahnhöfe untersagt würde. Nun war Roger von Sarcagnes 15
Jahre, Gontran von Vaulacelles 13 Jahre, Roland von Bridoie 11 Jahre alt.
Was also tun? Sie konnten doch nicht ihre lieben Kinder der Berührung
mit solchen Kreaturen aussetzen. Was hätten sie da gehört, gesehen,
was konnten sie lernen, wenn sie einen ganzen Tag oder gar eine ganze Nacht
hindurch in ein und demselben Wagenabteil saßen, mit vielleicht einem
oder zweien jener Frauenzimmer, mit einem oder zweien ihrer Begleiter.
Man wußte keinen Rat, als Frau von Martinsec vorüberkam. Sie
blieb stehen, um ihren Freundinnen guten Tag zu sagen, die ihr sofort ihre
Nöte mitteilten. Da rief sie: – Ach, das ist ganz einfach, ich werde
Ihnen unsern Abbé borgen. Ich kann ihn ganz gut achtundvierzig Stunden
entbehren. Durch die beiden Tage wird wohl Rudolfs Erziehung nicht leiden.
Der Abbé mag doch Ihre Kinder abholen und herbringen. Sie kamen
also überein, dass Abbé Lecuir, ein junger Geistlicher, der
sehr unterrichtet war, der Erzieher Rudolfs von Martinsec, nächste
Woche nach Paris reisen sollte, um die drei jungen Leute abzuholen. Am
Freitag fuhr der Abbé davon und Sonntag früh stand er mit seinen
drei Pflegebefohlenen auf dem Lyonner Bahnhof, um den erst seit einigen
Tagen auf allgemeine Petition der Badebesucher der Auvergne eingerichteten
Acht-Uhr-Schnellzug zu benutzen. Er ging mit seinen Schülern auf dem
Bahnsteig auf und ab wie eine Henne mit ihren Küken und suchte ein
lehres Wagenabteil, oder doch wenigstens eins, worin nur anständige
Leute säßen, denn all die verschiedenen Ermahnungen, die er
von den Damen von Sarcagnes, von Baulacelles und von Bridoie mitbekommen,
summten ihm im Kopfe herum. Da sah er plötzlich an einem offenstehenden
Coupé einen alten Herrn und eine alte Dame mit weißen Haaren,
die mit einer anderen Dame sprachen, die im Wagenabteil saß. Der
alte Herr war Offizier der Ehrenlegion und die Leute sahen sehr anständig
aus. Da dachte der Abbé: das ist etwas für mich, ließ
in dieses Wagenabteil seine drei Schüler einsteigen und folgte ihnen.
Die alte Dame sagte: – Liebes Kind, pflege Dich nur recht. Die Junge antwortete:
– Ja, ja, Mama. Ich fürchte nichts. – Sobald Du etwas unwohl wirst
musst Du einen Arzt rufen lassen. – Ja, ja, Mama. – Na dann adieu, mein
Kind. – Adieu Mama. Darauf umarmten sie sich lange, und endlich machte
der Schaffner die Tür zu und der Zug setzte sich in Bewegung. Sie
waren allein. Der Abbé war glücklich! Er freute sich über
seine Geschicklichkeit, und begann mit den jungen Leuten, die ihm anvertraut
worden, zu sprechen. Am Tage seiner Abreise war ausgemacht worden, dass
Frau von Martinsec ihm erlauben würde, während der Ferien den
drei Knaben Nachhilfestunden zu geben und jetzt wollte er gleich einmal
ein wenig seinen neuen Schülern auf den Zahn fühlen. .... Plötzlich
stieß die junge Frau etwas wie einen Schrei aus, ein schmerzliches
»Ach!« das sie aber sofort wiederunterdrückte. Der Priester
fragte sie ängstlich: – Fühlen Sie sich unwohl, gnädige
Frau? Sie antwortete:– Nein, Herr Abbé. Es ist nichts weiter, ein
leichter Schmerz. Es ist nichts, ich bin seit einiger Zeit etwas leidend
und das Rütteln des Zuges greift mich an. Ihr Gesicht war in der Tat
ganz bleich geworden. Er fragte noch einmal: – Gnädige Frau, kann
ich Ihnen irgend wie behilflich sein? – O nein, ich danke vielmals, Herr
Abbé. Der Priester fing wieder an mit seinen Schülern zu sprechen.
Die Stunden verstrichen. Der Zug hielt ab und zu und fuhr dann wieder weiter.
Die junge Frau schien jetzt zu schlafen, rührte sich nicht mehr und
lag in ihrer Ecke versunken. Obgleich schon die Hälfte des Tages verstrichen,
hatte sie noch nichts gegessen, da dachte der Abbé: – Die Dame muss
aber sehr leidend sein. Sie hatten noch zwei Stunden Fahrt bis Clermont-Ferrand.
Da fing die Dame plötzlich an zu stöhnen. Sie wäre beinahe
vom Sitz heruntergerutscht, stützte sich noch auf einen Arm und sagte
mit verzweifeltem Ausdruck und starren Augen. – O, mein Gott! O mein Gott!
Der Abbé näherte sich ihr: – Gnädige Frau, gnädige
Frau, was fehlt Ihnen denn? Sie stammelte: – Ich – ich glaube, ich – komme
nieder! Und sofort fing sie fürchterlich an zu schreien. Sie stieß
ein langes Wehgeheul aus, herzzerreißend schrille Rufe, deren fürchterlicher
Klang von der Angst der Verzweiflung ihrer Seele und ihrem körperlichen
Leiden sprach. Der arme Priester war ganz erschrocken, er wußte gar
nicht, was er nun machen sollte, und stammelte: – Mein Gott, wenn ich nur
wüßte?. Mein Gott, wenn ich nur wüßte? Er war rot
geworden bis auf das Weiße im Auge, und seine drei Schüler blickten
entsetzt die Frau an, die dort lag und schrie. Plötzlich krümmte
sie sich, hob die Arme bis zum Kopf, und ihr Leib zuckte zusammen, wie
unter einem Krampf. Der Abbé meinte, sie würde sterben, sterben
in seiner Gegenwart, ohne Hilfe und Rettung, durch seine Schuld. Da sagte
er mit Entschlossenheit: – Gnädige Frau, ich werde Ihnen helfen. Ich
weiß nicht, ich verstehe es nicht, aber ich werde Ihnen helfen, so
gut ich kann. Ich muss jeder leidenden Kreatur meinen Beistand leihen.
Dann drehte er sich plötzlich zu den drei Bengels herum und rief:
– Sie werden jetzt augenblicklich zum Fenster hinaussehen und wenn einer
von Ihnen sich umdreht, schreibt er mir zur Strafe sofort tausend Verse
Virgil ab. Er ließ selbst die drei Fenster herab, setzte die Jungens
davor und zog hinter ihnen die blauen Vorhänge zusammen dann widerholte
er: – Wenn Sie eine einzige Bewegung machen, so werde ich Sie während
der ganzen Ferien nicht spazieren gehen lassen. Und das sage ich Ihnen,
ich bin unerbittlich. Dann trat er wieder zu der jungen Frau und streifte
die Ärmel seines Priesterrockes auf. Sie stöhnte noch immer und
manchmal fing sie an zu heulen. Der Abbé half ihr mit rotblauem
Gesicht, redete ab und zu, tröstete sie und wandte sich unausgesetzt
zu den drei Bengels um, die flüchtige, sofort wieder abgewendete Blicke
auf die wundersame Tätigkeit ihres neuen Erziehers warfen. Er rief:
– Herr von Vaulacelles, Sie werden mir zwanzig Mal die Worte »nicht
gehorchen« abschreiben. – Herr von Bridoie, Sie werden während
vier Wochen keinen Nachtisch bekommen. Plötzlich hörte der fortwährende
Jammer der jungen Frau auf und sofort erklang ein seltsamer leiser Schrei
wie ein Bellen oder Miauen, sodass die drei Schüler mit einem Ruck
herumfuhren, weil sie meinten, einen neugeborenen Hund zu hören. Der
Abbé hielt ein kleines nacktes Kind in den Armen. Er blickte es
erschrocken an, schien halb beglückt halb verzweifelt, nahe am Lachen
und nahe am Weinen. Man hätte ihn für verrückt halten können,
soviel verschiedenen Ausdruck spiegelten Augen, Lippen, Züge wieder.
Er erklärte, als teilte er seinen Schülern eine wichtige Nachricht
mit: – Es ist ein Junge. Dann fügte er sofort hinzu: – Herr von Sarcagnes,
geben Sie mir mal die Wasserflasche da oben aus dem Netz – schön,
machen Sie sie auf – sehr schön, gießen Sie mir ein paar Tropfen
in die Hand, nur ein Paar Tropfen – so ist's gut. Und dann träufelte
er das Wasser auf die nackte Stirn des kleinen Wesens, das er trug und
sagte: – Ich taufe Dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes. Amen. Der Zug fuhr in den Bahnhof von Clermont. Das Gesicht der
Frau von Bridoie erschien am Fenster. Da verlor der Abbé vollkommen
den Kopf, hielt ihr das zarte, menschliche Wesen, das er eben ans Licht
der Welt befördert, entgegen und murmelte: – Die Dame hier hat eben
unterwegs ein kleines Unglück gehabt. Er sah aus, als hätte er
das Kind aus irgend einer Gosse aufgelesen; seine Halsbinde hing ihm über
die Schulter, die Soutane war beschmutzt und er wiederholte: – Die jungen
Herren haben nichts gesehen, durchaus nichts. Dafür stehe ich. Sie
haben alle drei zum Fenster hinaus geguckt. Ich stehe dafür, dass
sie nichts gesehen haben. Und er stieg aus dem Wagenabteil mit vier Knaben
statt drei, die er hatte holen sollen, während die Damen von Bridoie,
von Vaulacelles und von Sarcagnes totenbleich geworden waren und entsetzte
Blicke mit einander wechselten, ohne eine Antwort finden zu können.
... Abends saßen die drei Familien zusammen, um die Ankunft der Schüler
zu feiern. Aber es wurde kaum gesprochen. Väter, Mütter und Kinder
schienen alle mit sich beschäftigt zu sein. Plötzlich fragte
der Jüngste, Roland von Bridoie: – Sag mal, Mama, wo hat denn der
Abbé den kleinen Jungen gefunden? Die Mutter wich aus: – Ach was,
iss nur und verschone uns mit Deinen Fragen. Er schwieg ein paar Minuten,
dann fing er wieder an: – Es war niemand weiter im Coupé als die
Dame, die Leibschmerzen hatte; da muss ja der Abbé ein Taschenspieler
sein, weißt Du, wie der, der die Schale mit den Fischen aus der Rocktasche
zauberte. – Sei doch ruhig. Der liebe Gott hat das Kind geschickt. – Wo
hatte es denn der liebe Gott aber hingelegt? Ich habe nichts gesehen. Er
ist wohl zum Fenster hereingekommen? Frau von Bridoie verlor die Geduld
und antwortete: – Jetzt sei aber mal wirklich ruhig. Der Junge ist ...
man hat's unter einem Kohlkopf gefunden wie alle kleinen Kinder, weißt
Du. – Aber es war kein Kohlkopf im Coupé. Da lächelte Gontran
von Vaulacelles, der mit tückischer Miene zugehört hatte und
sagte: – O ja, 's ist schon einer dagewesen, aber den hat nur der Abbé
gesehen." [11]
10. Der Krankheit mit Humor begegnenAuf zehn Meilen in der Runde kannte man ihn, den alten Toni, den dicken Toni, den feinen Toni, Anton Mâcheblé, genannt Brûlot, den Gastwirt von Tournevent. "Er hatte den kleinen Ort berühmt gemacht, der in einer Bodensenkung des Tales lag, das sich zum Meer herabzog, ein armseliges Dorf, nur aus zehn normannischen Häusern bestehend, von Gräben und Bäumen umhegt. Die Häuser lagen da, mitten in Gras und Ginster, an einem Talknick, der dem Ort den Namen Tournevent eingetragen hatte. Es war, als hätten sie in dem Loch Schutz gesucht, wie Vögel, die sich an Sturmtagen in Ackerfurchen verstecken, Schutz gesucht gegen den gewaltigen Orkan, der vom Meer herabbläst, gegen den salzigen, schweren Wind, der frisst und brennt wie Feuer, austrocknet und alles vernichtet, wie der Frost im Winter. Aber das ganze kleine Nest schien dem Toni Mâcheblé, genannt Brûlot, allein zu gehören. Man nannte ihn auch einfach Toni, oder der feine Toni, wegen einer Redewendung, die er unausgesetzt im Munde führte: ... Das Schild seines Hauses lautete: ›Rendezvous der Freunde‹, und Toni war mit aller Welt befreundet. Aus Fécamp und Montivilliers kamen die Leute, ihn zu sehen und über ihn zu lachen, denn der dicke Kerl hätte ein steinernes Grabmal zum Lachen gebracht. Er hatte eine Manier, die Leute aufzuziehen, ohne dass sie böse wurden, ein Auge zuzukneifen, um Sachen anzudeuten, die er gar nicht sagte, und sich bei seinen Heiterkeitsausbrüchen aufs Bein zu schlagen, dass einem das Lachen ankam, ob man nun wollte oder nicht. ... Und dann musste man nur einmal hören, wenn er sich mit seiner Frau zankte. Das war die reine Komödie. Seit dreißig Jahren waren sie verheiratet, und jeden Tag gab es Krakehl. Der Unterschied lag nur darin, dass Toni lachte, während seine Alte vor Ärger grün wurde. Sie war ein großes Bauernweib, das mit langen Stelzschritten ging; auf ihrem mageren platten Körper saß ein Kopf wie der einer Katze wenns donnert. Sie beschäftigte sich damit, in einem kleinen Hof, der hinter der Schenke lag, Hühner zu ziehen, und war berühmt für die Art und Weise, wie sie das Geflügel zu mästen verstand. Wenn es bei gut situierten Leuten in Fécamp ein Diner gab, schien eines der Produkte der Zucht Mutter Tonis unentbehrlich. Aber sie war von Geburt schlechter Laune und ihr ganzes Leben hindurch unzufrieden gewesen. Sie ärgerte sich über alle Welt, vor allen Dingen über ihren Mann. Sie war wütend über seine Fröhlichkeit, über seinen Ruf, seine Gesundheit und seine Dicke. Sie behandelte ihn wie einen Nichtsnutz, weil er Geld verdiente, ohne irgend etwas zu hun, weil er aß und trank wie ein Vielfraß, weil er fraß und soff für zehn. Und kein Tag ging vorüber, ohne dass sie empört gerufen hätte: – So ein dickes Luder sollte lieber im Stall liegen bei den Schweinen! Es wird einem ja schlecht, so fett bist Du. Sie brüllte ihm ins Gesicht: – Pass mal auf, pass mal auf, Du platzt noch wie ein Sack Hafer. Toni lachte dröhnend, schlug sich auf den Bauch und rief: – Ho! Ho! Du altes Plättbrett. Sieh nur zu, dass Deine Hühner so fett werden wie ich. Sieh nur zu! ... Da begab es sich, dass Toni einen Schlaganfall bekam. Man legte den Koloss in das kleine Hinterzimmer hinter der Schenke, damit er alles hören könnte, was man daneben sprach, und sich mit seinen Freunden unterhalten; denn sein Kopf war frei, nur sein Leib, sein Riesenleib war gelähmt, sodass er ihn nicht bewegen und nicht aufrichten konnte. Zuerst hoffte man, dass die dicken Beine wieder Kraft bekommen würden, aber bald musste man die Hoffnung schwinden lassen. Und der ›feine Toni‹ brachte Tag und Nacht im Bett zu, das nur einmal wöchentlich gemacht wurde mit Hilfe von vier Nachbarn, die während man den Strohsack umwendete, den Fettwanst in die Höhe hielten. Und doch blieb er heiter. Eine etwas andere Fröhlichkeit, etwas weniger aufdringlich und ruhiger, in kindischer Furcht vor seiner Frau, die den ganzen Tag rief: – Da liegt er nun, der dicke Nichtsnutz, der fette Lump, der alte Säufer! Das ist eine nette Schweinerei! Eine nette Schweinerei! Er antwortete nicht mehr. Hinter dem Rücken der Alten blinzelte er bloß mit den Augen, drehte sich etwas herum auf seinem Lager, die einzige Bewegung, die er machen konnte. Das nannte er Nordrichtung und Südrichtung einnehmen. ... Und sobald die Alte verschwunden war, flatterte ab und zu ein Hahn mit roten Federn aufs Fensterbrett, sah mit seinen runden, neugierigen Augen ins Zimmer und begann dann laut zu krähen. Dann wieder flogen einmal ein paar Hühner bis ans Fußende des Bettes und pickten Krumen vom Boden auf. Die Freunde des feinen Toni setzten sich bald gar nicht mehr in die Wirtsstube, sondern kamen jeden Nachmittag ans Bett, um mit dem Dicken zu schwatzen. Obgleich er unbeweglich dalag, machte der alte Witzbold, der Toni, ihnen doch Spaß. Der Kerl hätte den Teufel selbst zum Lachen gebracht. Drei erschienen täglich: Cölestin Maloiselle, ein großer, hagerer Mann, sich etwas krumm haltend wie ein alter Apfelbaumstamm, Prosper Horslaville, ein kleiner, vertrockneter Kerl mit Stumpfnase, boshaft, listig wie ein Fuchs, und Cäsar Paumelle, der niemals etwas sagte, aber trotzdem über alles lachte. Ein Brett wurde aus dem Hof gebracht, am Bettrand befestigt und nun wurde Domino gespielt, ununterbrochen von zwei Uhr bis um sechs. Aber Mutter Toni wurde bald unausstehlich. Sie konnte es nicht ertragen, dass ihr dicker Nichtsnutz von Mann sich immerfort gut unterhielt und im Bett Domino spielte. Sobald sie sah, dass eine Partie begann, stürzte sie sich wütend auf die Spieler, warf das Brett um, nahm das Spiel, trug es in die Wirtsstube und erklärte, diesen alten, schwatzenden, dicken Kerl zu unterhalten, genügte vollkommen; der Nichtsthuer brauche sich nicht noch zu zerstreuen, während die andere arme Menschheit den ganzen Tag über schuften müsste. Cölestin Maloiselle und Cäsar Paumelle senkten den Kopf, aber Prosper Horslaville stachelte die Alte noch an: ihre Wut machte ihm Spaß. Als er sie eines Tages noch mehr außer sich sah als gewöhnlich, sagte er: – Na, Alte, wissen Sie, was ich machen würde, wenn ich Sie wäre? Sie wartete seine Erklärung ab und blickte ihn mit Nachteulenaugen an. Er meinte: – Ihr Alter glüht wie 'n Backofen, und aus dem Bett kommt er nie 'raus. Da würde ich ihn doch Eier ausbrüten lassen. Sie war baff. Sie dachte, er wollte sich über sie lustig machen und blickte in das schmale, schlaue Gesicht des Bauern, der fortfuhr zu sprechen: – Ich würde ihm fünf unter einen Arm und fünf unter den anderen legen am selben Tag, wo Sie der Henne welche unterlegen. Die kommen dann zur selben Zeit. Und wenn sie ausgekrochen sind, würde ich der Henne dem Alten seine Küken bringen, dass sie sie groß ziehen soll. Da könnten Sie aber was an Hühnerzucht erleben. Die Alte fragte ganz erschrocken:– Geht denn das? Der Mann sagte: – Gewiss geht's. Warum soll's denn nicht gehen? Ebensogut wie man die Eier in heißen Kästen auskriechen lässt, kann man sie doch auch ins Bett stecken. Der Gedanke leuchtete ihr ein, und nachdenklich, und beunruhigt ging sie davon. Acht Tage darauf trat sie in Tonis Zimmer, die ganze Schürze voll Eier, und sagte: – Ich habe das gelbe Huhn ins Nest gesetzt auf zehn Eier. Da hast Du auch zehne. Aber dass Du keins kaput schlägst. Toni war ganz erschrocken und fragte: – Was soll ich denn damit? – Du sollst sie ausbrüten, Du alter Nichtsnutz! Zuerst lachte er. Da sie aber darauf bestand, ward er wütend, wehrte sich und weigerte sich unter allen Umständen, unter seine dicken Arme die zukünftigen Hühnerchen legen zu lassen, dass seine Körperwärme sie ausbrüten sollte. Aber die Alte wurde wütend und rief: – Wenn Du sie nicht nimmst, kriegst Du nichts zu fressen! Du sollst mal sehen was passiert. Toni ward unruhig und antwortete nichts. Als es Mittag schlug, rief er: – He, is die Suppe fertig? Die Alte schrie aus der Küche: – Für Dich is keene da, du dicker Nichtsnutz! Er meinte, sie scherze nur und wartete. Dann bat er, flehte, fluchte, absolvierte ein paar Nord- und Südlagen, donnerte in aller Verzweiflung mit der Faust gegen die Wand. Aber er musste es sich gefallen lassen, dass fünf Eier an seine linke Seite gelegt wurden, dann erst bekam er seine Suppe. Als seine Freunde kamen, meinten sie, es ginge ihm ganz schlecht, so komisch war er anzusehen und so benahm er sich. Dann wurde die Partie Domino gespielt wie täglich. Aber sie schien Toni gar keinen Spaß zu machen, und er streckte nur ganz langsam mit äußerster Vorsicht die Hände aus. – Dein Arm is wohl angebunden? fragte Horslaville. Toni antwortete: – Mir is so ein schweres Gefühl in der Schulter. Plötzlich trat jemand in die Wirtsstube, und die Spieler schwiegen. Es war der Ortsvorsteher mit seinem Schreiber. Sie ließen sich zwei Gläser von dem Feinen geben und begannen von ihren Angelegenheiten zu reden. Da sie leise sprachen, wollte Toni Brûlot das Ohr gegen die Wand legen. Er vergaß die Eier, nahm mit einem Ruck die Nordlage ein und lag im selben Moment auf einem Omelette. Bei seinem Fluchen stürzte Mutter Toni herbei, erriet das Unglück, und zog die Bettdecke mit einem Ruck herunter. Zuerst stand sie unbeweglich da, empört, es schnitt ihr den Atem ab; angesichts des gelben Pflasters auf dem Leib ihres Mannes konnte sie nicht sprechen. Dann stürzte sie sich wutzitternd auf den Gelähmten und begann ihn zu bearbeiten, als wenn sie Wäsche wüsche. Mit dumpfem Lärm fielen ihre Fäuste nieder, eine nach der anderen in kurzen Absätzen, wie die Sprünge eines Kaninchens, das mit den Läufen aufschlägt. Die drei Freunde Tonis lachten, dass sie beinah erstickten, husteten, niesten, stießen Schreie aus. Und der dicke erschrockene Mann suchte die Angriffe seiner Frau vorsichtig abzuwehren, um nicht noch die anderen fünf Eier auf der anderen Seite zu zerbrechen. ... Toni war besiegt: er musste brüten, musste seine Dominopartie aufgeben, durfte keine Bewegung, mehr machen, denn die Alte entzog ihm jedesmal strengstens jede Nahrung, sobald er ein Ei zerbrochen hatte. Er blieb auf dem Rücken liegen, starrte unbeweglich zur Decke, die Arme leicht gehoben wie ein paar Flügel, indem er die Hühnerkeime in den weißen Schalen an sich wärmte. Er sprach nur noch leise, als wäre Geräusch ebenso gefährlich wie jede Bewegung und ward ganz erregt über das gelbe Huhn, das im Hühnerstall die gleiche Arbeit tat wie er. Er fragte seine Frau: – Hat die Gelbe schon zu essen bekommen? Und die Alte lief von den Hühnern zu ihrem Mann und von ihrem Mann zu den Hühnern, immer nur im Gedanken mit den kleinen Küken beschäftigt, die im Bett und im Nest heranreiften. Die Leute aus der Nachbarschaft, die von der Geschichte gehört hatten, kamen neugierig, die Gesichter in ernste Falten, um sich nach Toni zu erkundigen. Auf den Fußspitzen schlichen sie sich heran, wie zu einem Kranken, und fragten mit Interesse: – Na, wird's denn? Toni antwortete: – Gehen tut's schon. Aber eine Hitze ist da drin, furchtbar. Mir läuft's nur so über die Haut. Da trat eines Morgens seine Frau ganz aufgeregt ein und sagte: – Die Gelbe hat sieben Küken, drei Eier sind faul. Toni fühlte sein Herz klopfen. Wieviel würde er ausbrüten? Er fragte: – Wird's denn gehen? – wie eine Frau, die im Begriffe steht, Mutter zu werden. Die Alte antwortete wütend, denn die Möglichkeit, dass es nicht glücken könnte, quälte sie: – Das globe ich! Sie warteten. Die Freunde wurden benachrichtigt, dass der Augenblick gekommen sei, und alle kamen an, auch ganz aufgeregt. In allen Häusern wurde davon gesprochen, und an den Nachbartüren erkundigte man sich, wie weit es wäre. Gegen drei Uhr schlief Toni ein. Er schlief jetzt die Hälfte des Tages. Plötzlich wurde er wach durch ein ungewohntes Krabbeln unter dem rechten Arm. Er fasste mit der linken Hand dorthin und fühlte ein kleines Tier mit gelbem Flaum bedeckt, das in seinen Fingern zappelte. Er war so bewegt, dass er laut anfing zu brüllen und das kleine Hühnchen losließ, das auf seiner Brust umherlief. Die Wirtsstube war voll Menschen. Die Trinker stürzten herbei, erfüllten das ganze Zimmer, standen um ihn herum, wie um einen Seiltänzer. Und nachdem die Alte auch dazu gekommen war, nahm sie vorsichtig das Tierchen fort, das sich unter den Bart ihres Mannes verkrochen hatte. Kein Mensch sprach mehr ein Wort. Es war an einem warmen Apriltag. Durch das Fenster hörte man draußen die gelbe Henne glucksen, um ihre Neugeborenen zusammenzurufen. Toni, der vor innerer Bewegung, Unruhe und Beklemmung schwitzte, flüsterte: – Mir krabbelt noch eins unterm linken Arm. Seine Frau streckte die große magere Hand unter die Decke und zog ein zweites Küken hervor, behutsam wie eine Hebamme. Die Nachbarn wollten es sehen. Es wurde von Hand zu Hand gegeben und aufmerksam betrachtet wie ein Phänomen. Zwanzig Minuten lang kam keins mehr. Dann verließen vier zu gleicher Zeit ihre Schalen. Es gab eine große Bewegung unter den Zuschauern. Toni lächelte, glücklich über seinen Erfolg, und begann stolz zu werden auf diese seltsame Vaterschaft. Sowas war doch noch nicht dagewesen! Teufel nochmal! er war doch ein verfluchter Kerl. Er sagte: – Jetzt sind's sechs. Gottverdammmich das wird eine Generaltaufe! Und das Publikum begann laut zu lachen. Andere Leute traten in die Wirtsstube, man hörte noch welche vor der Tür, und man fragte sich: – Wieviel sind's denn? – Jetzt sind's sechs! Mutter Toni brachte die neue Familie der Henne. Und das Huhn gluckste ganz verzweifelt, sträubte die Federn, öffnete weit die Flügel um die immer wachsende Schaar der Kleinen zu begrüßen. – Ich habe noch eins gekriegt! rief Toni. Er hatte sich getäuscht, es waren drei. Nun war aber der Triumph groß. Das letzte durchpickte seine Schale um sieben Uhr abends. Alle Eier waren gut. Und Toni war glückselig, stolz entbunden, küsste das zarte Tierchen auf den Rücken und hätte es beinah mit den Lippen erstickt. Das letzte wollte er im Bett behalten bis zum anderen Tag, indem ihn plötzlich mütterliche Zärtlichkeit überkam für dieses winzige kleine Tierchen, dem er das Leben gegeben. Aber die Alte nahm es ihm fort wie die anderen, ohne auf seine Bitten zu achten." [12]11. Fort comme la mortFreund aller Prinzen und Prinzessinnen, Herzöge und Herzoginnen der europäischen Fürstenhäuser und sogar vereidigter Beschützer aller Arten Künstler; lebhafte Geschwätzigkeit, eine eine Art wandelndes Konversationslexikon, populär-wissenschaftliche Märchen; in Eselshaut gebunden: "Früher war er Konservator der kaiserlichen Museen gewesen, und es war ihm gelungen, sich zum Inspektor der schönen Künste unter der Republik ernennen zu lassen, was ihn jedoch nicht hinderte, vor allen Dingen Freund aller Prinzen und Prinzessinnen, Herzöge und Herzoginnen der europäischen Fürstenhäuser und vereidigter Beschützer aller Arten Künstler zu werden. Er hatte einen lebhaften Geist, der die Dinge leicht fasste, und eine große Redegewandtheit, die es ihm ermöglichte, das Alltäglichste auf angenehme Weise zu sagen; dazu eine Schmiegsamkeit des Geistes, wodurch er in allen Kreisen sich zu Hause fühlen konnte. Dabei besaß er eine Art Diplomatennase, die ihn auf den ersten Blick Menschen richtig taxieren ließ. Mit seiner klugen, unnützen, lebhaften Geschwätzigkeit wanderte er Tag für Tag, Abend für Abend von einem Salon zum andern. Er schien zu allem geeignet, sprach über alles, als wäre er durchaus kompetent, mit allgemein verständlicher Klarheit, die die Damen der Gesellschaft sehr schätzten, da er auf diese Weise eine Art Konversationslexikon zu ihrer Belehrung für sie war. In der Tat wußte er sehr viel, obgleich er nicht viel mehr als das Notwendigste gelernt hatte. Aber er stand sich mit den fünf Akademien, mit allen Gelehrten, allen Schriftstellern, mit allen Spezialkennern, denen er immer aufmerksam lauschte, auf das allerbeste. Zu sehr in technische Einzelheiten gehende Erklärungen oder solche, die für ihn wertlos waren, wußte er zu vergessen, während er sich die andern gut merkte sodass seine zusammengewürfelten Kenntnisse nicht schwer verdaulich waren. Seine Bemerkungen hatten etwas Einfaches und Kindliches, sodass man sie leicht begriff, wie populär-wissenschaftliche Märchen. So war er wie eine Art Ideenmagazin, er glich einem jener großen Läden, wo man zwar besonders auserlesene Gegenstände nicht bekommt, aber alles andere, was man nur will, sehr billig, alle möglichen Dinge, von allem möglichen Ursprünge, von den Hausgeräten bis zu den gewöhnlichen physikalischen Instrumenten zum Experimentieren oder zum häuslichen medizinischen Gebrauch. Die Maler, mit denen ihn seine Obliegenheiten immer in Berührung brachten, schimpften über ihn und fürchteten ihn; übrigens leistete er ihnen auch Dienste, war ihnen behilflich, Bilder zu verkaufen, und machte sie mit der Gesellschaft bekannt. Er liebte es, sie vorzustellen, sie zu begönnern, sie einzuführen, und schien so die Brücke zwischen den Herren der Gesellschaft und den Künstlern herzustellen. Es war sein Stolz, diese genau zu kennen, in jener intim zu verkehren, mit dem Prinzen von Wales, wenn er auf der Durchreise in Paris weilte, zu frühstücken und an demselben Abend mit Paul Adelmans, Olivier Bertin und Amaury Maldant zu dinieren. Bertin, der ihn sehr gern mochte und ihn sehr komisch fand, sagte von ihm: »Er ist so eine Art komprimierter Jules Verne in Eselshaut gebunden.«Die Anfänge der deutsch-französischen Freundschaft, die zumindest von Künstlern schon vorweg genommen wurde; Bismarck; Frieden durch Abschreckung: "Die beiden Männer drückten einander die Hände und begannen sich über die politische Lage zu unterhalten, über Kriegsgerüchte, die Musadieu sehr bedenklich fand, aus ganz augenfälligen Gründen, die er genau auseinandersetzte: Deutschland nämlich musste daran liegen, Frankreich zu vernichten und diesen Augenblick, auf den Bismarck seit achtzehn Jahren warte, möglichst zu beschleunigen, während Olivier Bertin mit unumstößlichen Gründen nachwies, dass diese Befürchtungen aus der Luft gegriffen wären. Deutschland könne nicht so verrückt sein, seinen Sieg durch einen immerhin zweifelhaften neuen Krieg aufs Spiel zu setzen, und der Reichskanzler nicht so unvorsichtig, noch in seinen letzten Lebenstagen den Bestand seines Werkes und seinen Ruhm auf eine Karte zu setzen. Aber Herr von Musadieu schien Dinge zu wissen, die er nicht sagen wollte: er hatte im Laufe des Tages einen Minister gesprochen und war dem Großfürsten Wladimir, der erst am Abend vorher aus Cannes zurückgekehrt, begegnet. Der Maler sprach dagegen und bestritt mit ruhiger Ironie die Kompetenz der bestunterrichtetsten Leute. Hinter all dem Lärm stünden nur Börsenmanöver; nur Bismarck wisse vielleicht etwas Bestimmtes. Graf Guilleroy trat ein, drückte den Herren warm die Hand, indem er sich in wohlgesetzter Rede entschuldigte, sie unterbrochen zu haben. – Und Sie, »lieber Herr Abgeordneter«, fragte der Maler, was denken Sie über den Kriegslärm? Graf Guilleroy hielt eine große Rede. Als Mitglied der Kammer wußte er mehr als alle andern, und dennoch war er nicht derselben Ansicht, wie der größte Teil seiner Kollegen. Nein, er glaubte nicht an die Wahrscheinlichkeit einer bevorstehenden Kriegsgefahr, wenn sie nicht durch das leicht erregbare französische Blut hervorgerufen würde, oder durch die prahlerischen Schreiereien der sogenannten Patriotenliga. In großen Strichen entwarf er ein Bild von Bismarck, ein Bild à la Saint-Simon. Man wollte diesen Mann nicht verstehen, weil man andern immer die eigene Denkungsweise unterlegte und meinte, sie müssten das tun, was man selbst an ihrer Stelle gethan hätte. Bismarck war kein falscher und lügnerischer Diplomat, sondern offen, brutal, ein Mann, der immer die Wahrheit sagte und vorher ankündigte, was er tun wollte. Er sagte, er wolle den Frieden, und das sei auch wahr, er wolle wirklich den Frieden, nur den Frieden, und seit achtzehn Jahren beweise alles auf handgreifliche Weise, alles, sogar seine Rüstungen, seine Bündnisse, dieser Dreibund zum Beispiel den er gegen Frankreich geschlossen, dass er den Frieden wollte. Graf Guilleroy schloss in überzeugtem Tone: »Er ist ein großer Mann, ein sehr großer Mann, der Ruhe haben will, aber der glaubt, dass er das nur durch Drohungen und Gewaltmittel erreichen kann; im ganzen, meine Herren, ein großer Barbar.« – Wer das Ende will, will auch die Mittel, antwortete Herr von Musadieu. Ich gebe Ihnen gern zu, dass er den Frieden liebt, wenn Sie mir einräumen wollen, dass er immer zum Kriege bereit ist, um den Frieden zu erhalten. Übrigens ist es eine unbestreitbare Wahrheit, dass auf dieser Welt Krieg nur geführt wird, um Frieden zu haben. Baron und Baronin Corbelle; Adel ohne Geist, aber in allem, was sie taten, zeigten sie eine unendliche Vorliebe für das Vornehme, die nie gegen irgend eine gesellschaftliche Sitte verstießen, bei keiner noch so kleinen Etiquettenfrage schwankten: "Sie waren beide jung, der Baron kahlköpfig und dick, die Baronin schlank, elegant, von dunklem Teint. Das Paar hatte eine ganz besondere Stellung in der französischen Aristokratie, die es nur der sorgfältigen Auswahl seiner Bekannten verdankte. Sie waren von kleinem, unbedeutendem Adel, ohne Geist, aber in allem, was sie taten, zeigten sie eine unendliche Vorliebe für das Vornehme, das Distinguierte, und so hatten sie es erreicht, indem sie beharrlich nur die großen Häuser besuchten, sehr royalistische Anschauungen zeigten, aufs äußerste korrekt waren, allem Achtung erwiesen, dem man Achtung erweisen muss, alles verachteten, was man verachten muss, nie gegen irgend eine gesellschaftliche Sitte verstießen, bei keiner noch so kleinen Etiquettenfrage schwankten, in den Augen vieler für die Vornehmsten der Vornehmen zu gelten. Ihre Ansicht war sozusagen maßgebend in gesellschaftlichen Dingen, und ihre Anwesenheit in einem Hause drückte ihm gewissermaßen einen aparten Stempel auf. Solche Leute haben die neue Malerei, den Impressionismus, natürlich nicht verstanden. Sie sprechen von der "Ausstellung der Zügellosen", der neuen "Künstlervereinigung der Impressionisten, die ganz verrückt sind." In korrekter Art sehr gewagte Dinge ruhig sagen: "Er war groß, sehr hager, trug eine weiße Weste und kleine Diamant-Knöpfe im Hemd. Er sprach in korrekter Art ohne Handbewegung, sodass er sehr gewagte Dinge, worin er übrigens groß war, ruhig sagen konnte. Da er sehr kurzsichtig war, machte er den Eindruck, trotz seines Kneifers, als sehe er nie jemand, und wenn er sich setzte, war es, als schiebe sich sein ganzes Knochengerüst nach der Form des Stuhles, sein Oberkörper sank zusammen, wurde ganz klein und bog sich, als wäre seine Wirbelsäule aus Gummi. Die Beine, eins über das andere gelegt, glichen zwei aufgerollten Bändern, und die beiden, auf den Armlehnen ruhenden, Arme ließen die bleichen Hände mit den endlosen Fingern schlaff herab hängen. Sein Haar und sein Schnurrbart, der kunstreich gefärbt war und worin einzelne weiße Haare mit großer Geschicklichkeit absichtlich ungefärbt blieben, waren oft die Zielscheibe von Witzen." Diätwahn gab es früher auch schon; während des Essens nicht trinken, stark sein: "Ach was, ihr seid immer für Knochen, weil die leichter anzuziehen sind wie Fleisch. Ich bin nun mal aus dem Zeitalter der dicken Frauen. Heutzutage sind die dünnen Weiber am Ruder, das erinnert mich an die sieben fetten und sieben mageren Kühe. Ich kann die Männer nicht verstehen, die so tun, als bewunderten sie eure Hühnerrippchen, zu meiner Zeit wollten sie mehr haben. Sie schwieg; alles lächelte und dann fuhr sie fort: – Da, Kleine, sieh mal Deine Mama, die ist schön, gerade wie sie sein soll, so musst Du auch werden. ... – Ich meine, die Männer müssen mager sein, weil sie körperliche Übungen vornehmen sollen, wozu man geschickt und beweglich sein muss; mit einem dicken Bauch geht das nicht. Bei den Frauen ist die Sache ganz anders. Meinen Sie nicht, Corbelle? Corbelle war ganz perplex. Die Herzogin war dick und seine eigene Frau überschlank. Aber die Baronin kam ihrem Manne zu Hilfe und entschied sich unbedingt für die schlanken. Vor einem Jahre hätte sie mit beginnendem Dickwerden zu kämpfen gehabt, doch sie hätte es schnell überwunden. Gräfin Guilleroy fragte: – Wie haben Sie das nur angefangen? Und die Baronin erklärte die Methode, die alle eleganten Damen befolgten. Man durfte während des Essens nicht trinken. Nur eine Stunde nach Tisch gönnte man sich eine Tasse Tee, sehr heiß, fast kochend. Das schlug bei allen an. Sie erwähnte erstaunliche Beispiele von dicken Damen, die in einem Vierteljahr dünn geworden, wie eine Messerklinge. Die Herzogin rief entsetzt: – Gott ist das dumm, sich so zu quälen, da habt ihr gar nichts, nichts, nicht mal Champagner getrunken? Sagen Sie mal, Bertin, was denken Sie denn als Künstler darüber. – Mein Gott, mir, als Maler, ist es gleich, ich helfe mit Stoff nach. Wenn ich Bildhauer wäre, würde ich Grund zur Klage haben. ... – Nein, mager sein ist recht gut. Frauen, die mager sind, altern nicht. Darüber wurde noch diskutiert, und diese Frage trennte die Gesellschaft in zwei Lager, nur über eins waren sie beinahe alle einig, dass jemand, der sehr stark sei, nicht zu schnell mager werden dürfte." Wirkliches Verständnis selten; nichtssagende Argumente, törichte Gründe; komisches Bild der Gesellschaft, wo man die eigentlichen Komiker trifft: "Sie leben, sagte er, neben den Dingen dahin, ohne irgend etwas zu sehen oder zu durchdringen, neben der Wissenschaft, die sie nicht kennen, neben der Natur, die sie nicht zu beobachten wissen, neben dem Glück, das sie unfähig sind, glühend zu genießen, neben der Schönheit der Welt und der Kunst, von der sie sprechen, ohne sie entdeckt zu haben, ja ohne daran zu glauben; denn sie kennen die Trunkenheit nicht, die darin liegt, Leben und Wissen zu genießen. Sie sind nicht fähig, sich ganz einer Sache hinzugeben bis zur Selbstentäußerung, sich in etwas so lange zu versenken, bis ihnen endlich das Glück, wirklich zu verstehen, zu Teil wird. Baron Corbelle meinte, die Gesellschaft verteidigen zu müssen. Er tat es durch nichtssagende Argumente, durch Argumente, die vor dem prüfenden Verstand dahinschmelzen wie Schnee vor dem Feuer, törichte Gründe, die man nirgends packen kann, etwa wie die Gründe, mit denen ein Landgeistlicher das Dasein Gottes zu beweisen sucht. ... Bertin fühlte sich verlegen diesem Gegner gegenüber und schwieg verächtlich aber höflich; doch plötzlich ärgerte ihn die Dummheit des Barons. Er schnitt ihm in geschickter Weise das Wort ab und schilderte, ohne etwas auszulassen, das Dasein eines Gesellschaftsmenschen vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Alle fein zusammengetragenen Einzelheiten gaben ein unwiderstehlich komisches Bild. Man sah, wie der Herr durch den Diener angezogen wurde, wie er allgemeine Gespräche mit seinem Barbier führte, der zum Rasieren kam, wie er sich dann vor dem Morgenritt bei dem Stallpersonal nach dem Befinden der Pferde erkundigte, wie er darauf durch die Alleen des Bois de Boulogne ritt, nur auf eines bedacht, zu grüßen und gegrüßt zu werden, wie er dann mit seiner Frau frühstückte, mit ihr im Coupé ausfuhr, wobei er ihr weiter nichts erzählte, als wem er am Morgen begegnet, wie er dann bis zum Abend von Salon zu Salon lief, sein Gehirn im Verkehre mit Seinesgleichen zu stärken, wie er dann bei irgend einer Fürstlichkeit aß, wo die politische Lage Europas besprochen wurde, und wie er endlich den Abend hinter den Kulissen der Oper beschloss, wo sein bescheidenes Lebemannstum unschuldige Befriedigung fand. Das Bild, das er entwarf, ohne dass seine Ironie jemand verletzte, war so richtig, dass alles am Tische lachte. Die Herzogin nur hielt sich zurück, sagte aber endlich: – Nein, das ist wirklich zu komisch, ich sterbe vor Lachen. Bertin, der sehr erregt war, antwortete: – O Durchlaucht, in der Gesellschaft stirbt man nicht vor Lachen, man lacht ja kaum, man ist so liebenswürdig zu tun, als amüsiere man sich und lache. Äußerlich tut man so, aber eigentlich lacht man doch nicht. Wenn Sie lachen sehen wollen, gehen Sie in ein Volkstheater, sehen Sie sich den Bürger an, der sich unterhält, da lacht man; gehen Sie in die Kaserne, da steht den Leuten das Wasser in den Augen, da winden sie sich in den Betten bei den Späßen eines Witzboldes. Aber in unseren Salons lacht man nicht, da ist alles bloß Schein, selbst das Lachen." Offizier mit englischen Sportsman-Manieren, alle Glieder mehr geübt, als der Kopf; Geschichte, indem er sich an die Jahreszahlen hielt und die Tatsachen missachtete, Sozial-Wissenschaft zum Hausgebrauch: "Wenn man ihn sah, wußte man sofort, dass er einer jener Männer war, bei denen alle Glieder mehr geübt werden, als der Kopf, und die nur Dinge lieben, wobei es sich um physische Kräfte und Beweglichkeit handelt; und doch war er ganz unterrichtet, denn er hatte etwas gelernt, und lernte noch täglich dazu und zwar alles, was für ihn später einmal vielleicht von Wichtigkeit war: Geschichte, indem er sich an die Jahreszahlen hielt und die Tatsachen missachtete, und die Elementarbegriffe der Nationalökonomie und Politik, die für einen Abgeordneten notwendig waren, mit einem Wort das A B C der Sozial-Wissenschaft zum Hausgebrauch für die herrschenden Klassen. Musadieu schätzte ihn ein mit den Worten: – Er wird ein Mann von Bedeutung werden! Bertin wußte seine Geschicklichkeit und Kraft zu schätzen, sie besuchten denselben Fechtboden, gingen oft gemeinsam auf die Jagd und trafen sich zu Pferde auf den Reitwegen des Bois de Boulogne. So war zwischen ihnen eine gewisse Sympathie gemeinsamen Geschmackes erwachsen, die unwillkürliche Vertraulichkeit, die zwischen zwei Männern entsteht, wenn sie sich auf einem Unterhaltungsgebiet finden, das beiden angenehm ist." Musik: sie erklang sie noch lange in ihm nach und versenkte ihn in Träume, "in denen er die Melodien immer weiter und eindringlicher fortführte. Die Töne kamen wieder, ab und zu, flüchtig, von weitem her, abgerissen, schwach, entfernt wie ein Echo, dann schwiegen sie ganz, als wollten sie es den Gedanken überlassen, den Harmonien einen Sinn unterzulegen und auf die Suche zu gehen nach einem, den süßen Tönen angepaßten Idealbild." Pariser Oper; »Faust«; durch die Musik erhält man einen Begriff von dem, wie sich Goethe Fausts Seele gedacht hat: "Das massige Gebäude, »Nationale Musik-Akademie« geheißen, lag unter dem schwarzen Himmel da, der darauf zuströmenden Menschenmenge die prachtvolle weiße Fassade und die Kolonnade von Marmorsäulen zuwendend, die durch unsichtbare elektrische Lampen wie eine Dekoration bestrahlt wurde. Auf dem Platz ordneten berittene Schutzleute den Verkehr, und von allen Ecken von Paris kamen ungezählte Wagen an, hinter deren offenen Fenstern man duftige Wolken von Kleidern und Stoffen und blasse Gesichter gewahrte. Die Coupés und Landauer ordneten sich an dem reservierten Saaleingang zu langer Kette, hielten einen Augenblick, und dann stiegen jedesmal in den mit Pelz, mit Federn oder mit Spitzen von unschätzbarem Wert garnierten Abendmänteln Damen der guten Gesellschaft und andere, in wundervollen Toiletten aus. Die ganze Breite der berühmten Treppe stiegen, ein märchenhafter Anblick, ununterbrochen königlich geschmückte Damen empor, an deren Busen und Ohren Diamanten blitzten und deren lange Schleppen über die Stufen glitten. Der Saal füllte sich bei Zeiten, denn man wollte keinen Ton der berühmten Künstler verlieren, und im weiten Amphitheater wogte es im strahlenden Schein des elektrischen Lichtes, das vom Kronleuchter niederfiel, hin und her, und ein unbestimmtes Summen klang. Von der Loge auf der Bühne, in der schon die Herzogin, Annchen, der Graf, der Marquis, Bertin und Herr von Musadieu saßen, sah man nichts als die Coulissen, in denen Leute schwatzend standen, hin und her liefen und riefen, Maschinisten in der Bluse, Herren im Frack, Darsteller schon im Kostüm. Aber auf der anderen Seite des riesigen herabgelassenen Vorhangs hörte man schon das dumpfe Gemurmel der Menge, fühlte man die Anwesenheit von tausend unruhig bewegten Wesen, deren Hin und Her die Leinwand zu durchbrechen schien, um sich auf der Bühne zu verbreiten. Es sollte »Faust« gegeben werden." Die Oper von Charles Gounod errang damals einen phänomenalen Erfolg. "Die drei Schläge klangen und plötzlich der trockene Ton des Aufklopfens des Taktstockes auf dem Dirigentenpult. Sofort war alles still, Husten und Flüstern. Dann nach kurzer, tiefer Pause begannen die ersten Takte der Ouvertüre und erfüllten den Raum mit dem unsichtbaren, unwiderstehlichen Zauber der Töne, der Nerven und Seelen erfasst mit poetischem und wirklichem Fieber, indem er die Luft, die man atmet, wie Tonwellen einem zuführt. Olivier saß im Hintergrund der Loge, schmerzlich bewegt, als ob die Wunden seines Herzens durch die Töne aufgerissen würden. Aber als der Vorhang aufgegangen war, erhob er sich ein wenig und erblickte als Dekoration ein Laboratorium, in dem Doktor Faust sinnend saß. Er hatte die Oper schon zwanzigmal gehört, kannte sie beinah auswendig, und seine Aufmerksamkeit flog vom Stück fort in den Zuschauerraum hinüber. Er konnte nur zwischen den Coulissen, hinter denen die Loge versteckt lag, ein kleines Stück übersehen. Aber dieser Ausschnitt, der vom Orchester bis zum obersten Rang hinaufging, zeigte ihm ein Stück des Publikums, in dem er eine Menge Bekannte sah. Im Parkett saßen die Herren in Frack und weißen Cravatten, einer neben dem anderen, wie eine ganze Sammlung von bekannten Gesichtern, Leute der großen Welt, Künstler, Journalisten, alle die, die dort nie fehlen, wo alle Welt hingeht. Im ersten Rang, Balkon und Logen konnte er die einzelnen Damen bei Namen nennen. Die Gräfin Lochrist saß in einer Proceniumsloge, wirklich reizend, während ein Stück weiter entfernt sich eine jung verheiratete Frau befand, die Marquise von Ebelin. ... Olivier dachte: »Solch ein Unsinn. Faust, der göttliche Faust singt hier die Nichtigkeit und den Ekel des Lebens in die Welt hinaus, und das Publikum fragt sich ängstlich, ob Montrosés Stimme nicht gelitten hat.« Nun hörte er zu, wie die anderen, und hinter den banalen Worten des Textbuches tauchte ihm durch die Musik, die in den Seelen Träume erweckt, ein Begriff von dem auf, wie sich Goethe Fausts Seele gedacht. Er hatte früher die Dichtung gelesen, die er sehr schön fand, ohne doch besonders erschüttert zu sein, und nun plötzlich fühlte er ihre unergründliche Tiefe, denn es war ihm, als würde er an diesem Abend selbst Faust. ... Und beifälliges Gemurmel ging durch das Publikum, denn die Stimme Montrosés war sogar ausgeglichener und runder geworden als früher. ... Beifall klang. Montrosé hatte schon gesiegt und Mephisto-Labarrière tauchte aus der Versenkung auf. Olivier, der ihn in dieser Rolle niemals gehört hatte, merkte wieder auf. Die Erinnerung an Aubin mit seinem dramatischen Bass, an Faure mit seiner wundervollen Baritonstimme, brachte ihn einen Augenblick auf andere Gedanken. Aber plötzlich erschütterten ihn zwei Verse, die Montrosé mit unwiderstehlicher Gewalt hinausschleuderte, bis ins tiefste Herz. Faust sagte zu Mephisto: »Gib mir den Schatz, der alle andern in sich schließt, Gib mir die Jugend wieder.« Und der Tenor erschien im Seidenkleid, das Schwert an der Seite, einen Federhut auf dem Kopf, elegant, jung, hübsch in seiner etwas gezierten Sängerschönheit. Ein Murmeln ging durch die Reihen, er sah famos aus und gefiel den Damen. Olivier überlief es im Gegenteil wie Verzweiflung, denn das Bild von Goethes seelenzwingendem Drama verschwand bei dieser Verwandlung. Von nun ab sah er vor sich nichts, als eine Feerie mit einzelnen hübschen Gesangsnummern, und talentvolle Sänger, bei denen er nur noch auf die Stimme achtete. Dieser Mann da im Seidenwams, der hübsche Kerl, der dort trillerte und seine Beine und Töne zeigte, missfiel ihm. Das war nicht der wahre, unwiderstehliche Faust, der Gretchen verführen sollte. ... Aber Montrosé hatte eben die Schlussnoten des ersten Aktes so wunderbar gesungen, dass die Begeisterung losbrach; wie ein Ungewitter tobte ein paar Minuten lang das Klatschen, Trampeln und Bravorufen durch den Saal. In allen Logen sah man die Frauen die Handschuhe aufeinander schlagen, während die Männer hinter ihnen standen und klatschten und riefen. Der Vorhang fiel und hob sich zweimal hintereinander, ohne dass der Beifall nachgelassen hätte. ... Die drei Schläge zum zweiten Akt erklangen, und der Vorhang hob sich. Es war wundervoll, wie die Helsson über die Bühne schritt. Auch sie schien mehr Stimme zu haben, wie früher, und sie noch mit größerer Sicherheit zu beherrschen. Sie war wirklich die große, ausgezeichnete, unvergleichliche Sängerin geworden, deren Weltruf dem Bismarcks und Lesseps' gleichkam. Als Faust auf sie zutrat und die reizende Stelle mit seiner verführerischen Stimme sang: – Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen? und als das blonde, schöne Gretchen ihm antwortete: – Bin weder Fräulein, weder schön, Kann ungeleitet nach Hause gehn, lief es wie ein Rauschen von Vergnügen durch den Saal. ... Dann kam die Gartenscene. Sofort verbreitete sich etwas, wie ein Liebesfieber im Hause. Denn diese Musik, die nur wie ein Hauch von Küssen scheint, war noch nie von zwei solchen Künstlern gesungen worden. Es waren nicht mehr zwei berühmte Sänger, nicht mehr Montrosé und die Helsson, sondern zwei Idealwesen, kaum zwei Wesen, eigentlich nur zwei Stimmen, die ewige Stimme des Mannes, der liebt, die ewige Stimme der Frau, die sich hingiebt. Und zusammen seufzten sie allen Zauber der Liebe, die dem Menschen gegeben ist, hinaus. ... Bis zum Ende der Vorstellung schwieg er, mit seinen Gedanken beschäftigt. Als dann der Orkan der Begeisterung am Schluss sich gelegt hatte, bot er der Herzogin den Arm, während Annchen den des Marquis nahm. In dem Gewirr von Damen und Herren, in einer Art prachtvollen langsamen Wassersturzes von glänzenden Nacken, prachtvollen Kleidern und schwarzen Fracken, stiegen sie die große Treppe hinab. Dann setzten sich die Herzogin, das junge Mädchen, ihr Vater und der Marquis in denselben Wagen, während Olivier Bertin mit Musadieu allein auf dem Opernplatz stehen blieb." [13] Anmerkungen [1] Wissenschaftsbriefe
/ Science Review Letters 2026,
25, Nr. 1737; Guy de Maupassant,
Bel-Ami, Paris, München, Leipzig, Berlin 1885/1957; Ders. Mont-Oriol,
1887; Ders.: Notre cœur 1890/1910, Ders.: Fort comme la mort, 1889/1914;
Ders.: Novellen, Paris, München, Leipzig, Berlin 1880 f./1905, 1910-11/1917/1919/1924/1957;
vgl. Kurse
Nr. 693 Guy de Maupassant,
Nr.
545 Sittenlehre I-II, Nr. 665 Molière,
Nr.
622 Victor Hugo I, Nr. 674 Victor
Hugo II, Nr. 629 Voltaire I-II, Nr.
678 François Rabelais, Nr.
563 Miguel de Cervantes I, Akademie der Kunst und Philosophie / Académie
des sciences
Guy
de Maupassant
Allgemeine
Infos zur Akademie der Kunst und Philosophie und den Kursen
Zur Philosophie und Kulturgeschichte von Byzanz, des Mittelalters, der Schule von Chartres, der Renaissance, des Barock, der Aufklärung, des Idealismus, der Romantik vgl. Kurse:Nr. 551 G.W.F. Hegel I, Nr. 660 G.W.F. Hegel II, Nr. 511 Johann Gottlieb Fichte I, Nr. 658 Johann Gottlieb Fichte II, Nr. 509 F.W.J. Schelling I, Nr. 510 F.W.J. Schelling II, Nr. 513 F.W.J. Schelling III, Nr. 505 Arthur Schopenhauer I-II, Nr. 663 Arthur Schopenhauer III, Nr. 531 Platon, Nr. 533 Aristoteles, Nr. 623 Johann Ludwig Wilhelm Müller, Nr. 020 Johann Wolfgang von Goethe I-II, Nr. 673 Johann Wolfgang von Goethe III, Nr. 553 Friedrich Schiller I-II, Nr. 675 Friedrich Schiller III, Nr. 554 Friedrich Hölderlin I-II, Nr. 512 Novalis I, Nr. 671 Novalis II, Nr. 677 Jean Paul, Nr. 667 Romantische Kunst und Philosophie I, Nr. 669 Romantische Kunst und Philosophie II, Nr. 630 Johann Ludwig Tieck, Nr. 631 Adelbert von Chamisso,Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 693 Guy de Maupassant, Nr. 694 Honore de Balzac, Nr. 665 Molière, Nr. 622 Victor Hugo I, Nr. 674 Victor Hugo II, Nr. 629 Voltaire I-II, Nr. 678 François Rabelais, Nr. 679 Laurence Sterne, Nr. 621 Lord Byron I, Nr. 676 Lord Byron II, Nr. 628 Percy Bysshe Shelly, Nr. 561 Sir Walter Scott, Nr. 555 Angelus Silesius, Nr. 634 Hans Sachs, Nr. 619 Franz Werfel, Nr. 680 Nikos Kazantzakis, Nr. 588 Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Nr. 550 Fjodor M. Dostojewskij I-II, Nr. 506 Wladimir Sergejewitsch Solowjow, Nr. 664 Philosophie der Kunst, Nr. 661 Philosophie der Geschichte I, Nr. 686 Philosophie der Geschichte II, Nr. 687 Philosophie der Geschichte III, Nr. 687 Philosophie der Geschichte IV, Nr. 687 Philosophie der Geschichte V, Nr. 691 Philosophie der Geschichte VI, Nr. 691 Philosophie der Geschichte VII, Nr. 659 Wissenschaftslehre I, Nr. 666 Wissenschaftslehre II, Nr. 681 Wissenschaftslehre III, Nr. 682 Wissenschaftslehre IV, Nr. 683 Wissenschaftslehre V, Nr. 684 Wissenschaftslehre VI, Nr. 685 Wissenschaftslehre VII, Nr. 545 Sittenlehre I-II, Nr. 614 Sittenlehre III, Nr. 544 Staats- und Rechtslehre I-II, Nr. 641 Staats- und Rechtslehre III, Nr. 644 Staats- und Rechtslehre IV, Nr. 655 Staats- und Rechtslehre V, Nr. 618 St. Ephraim der Syrer, Nr. 617 St. Cyrill von Alexandrien, Nr. 616 St. Gregor von Nazianz, Nr. 613 St. Gregor von Nyssa, Nr. 612 St. Johannes Chrysostomos, Nr. 611 St. Johannes Cassianus, Nr. 627 St. Basilius der Große, Nr. 625 Theodorus Abucara, Nr. 624 Byzantinische Wissenschaft / Philosophie, Nr. 653 St. Cyprianus, Nr. 609 St. Athanasius der Große, Nr. 605 St. Irenaeus von Lyon, Nr. 604 St. Hildegard von Bingen, Nr. 600 St. Johannes von Damaskus,Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Nr. 581 Bernhard von Chartres, Nr. 580 Wilhelm von Conches, Nr. 578 Pierre Abaelard, Nr. 574 Johannes von Salisbury, Nr. 577 Petrus Lombardus, Nr. 576 Gilbert de la Porrée / Gilbert von Poitiers, Nr. 565 Johannes Scotus Eriugena, Nr. 575 Thierry de Chartres, Nr. 571 Alanus ab Insulis, Nr. 572 Anselm von Canterbury, Nr. 570 St. Hilarius von Poitiers, Nr. 568 Nicolaus Cusanus I, Nr. 568 Nicolaus Cusanus II, Nr. 568 Nicolaus Cusanus III, Nr. 564 St. Ambrosius, Nr. 564 St. Augustinus I, Nr. 601 St. Augustinus II, Nr. 654 St. Augustinus III, Nr. 579 St. Albertus Magnus, Nr. 500 St. Thomas von Aquin I, ScG, Nr. 501 St.Thomas von Aquin II, Sth I., Nr. 502 St.Thomas von Aquin III, Sth. I-II, Nr. 582 St.Thomas von Aquin IV, Sth II-II, Nr. 583 St.Thomas von Aquin V, Sth. III, Nr. 566 Meister Eckhart, Nr. 562 Dante Alighieri I-II, Nr. 672 Dante Alighieri III, Nr. 558 Calderón de la Barca, Nr. 648 Calderón de la Barca II, Nr. 650 Calderón de la Barca III, Nr. 651 Calderón de la Barca IV, Nr. 563 Miguel de Cervantes I, Nr. 645 Miguel de Cervantes II, Nr. 637 Lope de Vega I, Nr. 638 Lope de Vega II, Nr. 642 Lope de Vega III, Nr. 643 Lope de Vega IV, Nr. 652 Juan Ruiz de Alarcón, Nr. 632 Ginés Pérez de Hita, Nr. 633 Luis Vaz de Camões, Nr. 557 Ludovico Ariosto I-II, Nr. 668 Ludovico Ariosto III, Nr. 556 Torquato Tasso, Nr. 552 William Shakespeare I-II, Nr. 559 Wolfram von Eschenbach, Nr. 560 Walter von der Vogelweide, Nr. 662 Gottfried von Strassburg, Akademie der Kunst und Philosophie / Académie des sciences Nr.
320 Romanische Kunst und Architektur, Nr.
350 Byzantinische Kunst und Architektur, Nr.
325 Kunst und Architektur der Gothik, Nr.
326 Kunst und Architektur der Renaissance, Nr.
586 Tizian, Nr. 591 Paolo Veronese,
Nr.
597 Correggio, Nr. 670 Annibale
Carracci, Nr. 520 Rembrandt, Nr.
598 El Greco,
Nr. 620
Giovanni Battista Tiepolo, Nr.
590 Giovanni Bellini,
Nr. 656 Andrea
Solari, Nr. 657 Bernadino Luini,
Nr.
587 Andrea Mantegna,
Nr. 595 Jan van
Eyck,
Nr. 635 Rogier van der
Weyden, Nr. 640 Stefan Lochner,
Nr.
646 Michael Pacher,
Nr. 647 Peter
Paul Rubens, Nr. 649 Giotto di
Bondone,
Nr. 626 Luca Signorelli,
Nr.
610 Piero della Francesca,
Nr. 596 Perugino,
Nr.
522 Raffael (Raffaello Sanzio), Nr.
523 Sandro Botticelli, Nr. 602 Benozzo
Gozzoli,
Nr. 606 Fra Angelico,
Nr.
607 Pinturicchio, Nr. 608 Domenico Ghirlandaio,
Nr.
593 Filippo Lippi,
Nr. 594 Filippino
Lippi,
Nr. 589 Albrecht Dürer,
Nr.
603 Bernard van Orley, Nr. 615 Ambrogio
da Fossano detto il Bergognone, Nr. 636
Eugène Delacroix,
Nr. 639 Bartolomé
Esteban Murillo, Nr. 690
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