Akademie der Kunst und Philosophie | Academy of Arts and Philosophy
 Académie des sciences | Academia de Artes y Filosofía | Accademia del Arte e Filosofia

 

 

Kurs Nr. 693 Guy de Maupassant 


Die Liebe zur Natur und wie sie zur Romantik und zum Impressionismus führt: "Und wie er da erzählte, das klang so romantisch, dass in den Herzen dieser Pariser, die nie weit aus ihrem Viertel herausgekommen waren und das ganze Jahr wohl kaum eine richtige Wiese gesehen hatten, gefühlvoll zu rumoren anfing. Es überkam sie wieder einmal das, was der Großstädter sentimental  seine 'Liebe zur Natur' nennt." - Guy de Maupassant
Claude Monet, Weizenfeld

 

 
 
 
 
 

 

Aus dem Inhalt:
 

1. Leben und Werk

Guy de Maupassant gilt als der impressionistische Prosaist der französischen Literatur. Frankreich hat eine ganze Malergeneration von Impressionisten hervorgebracht wie Monet, Renoir, Degas, Pissarro, Sisley, die zu Ruhm gekommen sind; unter den französischen Schriftstellern ist Maupassant der einzige dieser Richtung geblieben. Henry René Albert Guy de Maupassant (5. August 1850-1893) war ein französischer Schriftsteller und Journalist. Maupassant gilt neben Stendhal, Balzac, Flaubert und Zola als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Er ist auch einer der am häufigsten verfilmten Autoren. Seine Mutter, Laure Le Poitevin, war die Schwester eines Jugendfreundes von Gustave Flaubert. Maupassant besuchte als Internatsschüler zunächst das katholische Seminar (petit séminaire) der Kreisstadt Yvetot, in dem nicht nur angehende Priester unterrichtet wurden, fühlte sich dort aber unwohl. Als Schüler unternahm er bereits literarische Versuche und wurde mit 17 wegen eines frechen Gedichts von der Schule verwiesen. Er wechselte auf das staatliche Gymnasium von Rouen, wo er von einem anderen Jugendfreund Flauberts, dem heute vergessenen Autor Louis Bouilhet, betreut wurde und auch Flaubert selbst kennenlernte, der ihm später ein väterlicher Freund wurde. Im Oktober 1868 rettete er das Leben des Poeten Algernon Charles Swinburne an der Küste von Étretat in der Normandie. Neben Beruf und Hobby betätigte er sich unter Anleitung Flauberts literarisch in verschiedenen Gattungen, auch mit Gedichten und Theaterstücken. Doch veröffentlichte er lange Zeit fast nichts. Über Flaubert, der häufig in Paris weilte, erhielt er Kontakt zu Pariser Literaten, insbesondere 1875 zu Émile Zola, dem Chef der jungen Schule des Naturalismus. Maupassants Durchbruch als Autor war 1880 die meisterhafte psychologische Novelle Boule de suif („Fettklößchen“), die in einem Sammelband antimilitaristischer Erzählungen erschien, den Zola, Joris Karl Huysmans und andere schon bekannte naturalistische Autoren unter dem Titel Les Soirées de Médan herausgegeben hatten. Nach dem Erfolg von Boule de suif gab Maupassant die Produktion lyrischer und dramatischer Texte weitgehend auf. In den nächsten zwölf Jahren schrieb er mit rasch wachsendem Prestige und Einkommen vor allem erzählende Werke. Insgesamt brachte er es auf ca. 300 Novellen und 6 Romane, die jedoch nicht alle fertig wurden. Seine drei Reisebücher, ein Gedichtband und ein Band Theaterstücke waren eher Beiprodukte. Dank seines Erfolgs konnte er Ende 1880 seinen Angestelltenposten aufgeben, 1883 ein Haus in Étretat bauen und 1885 eine Segelyacht kaufen. Die Handlungen der meist dem Naturalismus nahestehenden erzählenden Werke spielen überwiegend in der heimatlichen Normandie und in Paris. Heute noch gelesen werden vor allem die Romane Une vie (1883) und der in vielerlei Hinsicht autobiografische Bel-Ami (1885). Une vie schildert die Enttäuschung aller Jungmädchenhoffnungen und den sozialen Abstieg einer adeligen Frau von ihrem 17. bis ca. 50. Lebensjahr. Bel-Ami zeigt die entscheidenden Jahre eines (von Maupassant sichtlich als Figur zugleich ungeliebten und bewunderten) jungen Mannes kleinbürgerlicher Herkunft, der durch sein Glück bei den Frauen, aber auch durch Energie, Geschick und Ehrgeiz vom Provinzler und kleinen Büroangestellten zum erfolgreichen Pariser Journalisten, Schwiegersohn eines reichen Zeitungsverlegers und künftigen Politiker aufsteigt. Außer seinen literarischen Texten verfasste Maupassant zahlreiche politische – meist regierungskritische – Artikel (sog. chroniques) für Pariser Zeitungen. Ab der Wende zum 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart richtete sich die amerikanische Novellentheorie stark an Maupassant aus. Maupassants Werk erreichte in Deutschland, England, Italien und Russland ebenfalls hohe Anerkennung sowohl in der Bevölkerung als auch in der Literaturtheorie. Maupassants Großnichte Jeanne Barthélemy de Maupassant heiratete 1943 Louis Germain David de Funès de Galarza, der unter dem Namen Louis de Funès als Komiker bekannt wurde. [1] 

Zu seinen Novellen zählen zum Beispiel La Main d’Écorché (1875; Die Totenhand), Le Donner d’eau bénite (1876; Der Weihwasserspender), Le Mariage du Lieutenant Laré (1877, Die Heirat des Leutnants Lare), Boule de suif (1880; Fettklößchen 1893), Les Conseils d’une grand’mère (1880, Die Ratschläge einer Großmutter), Histoire d’une fille de ferme (1881; Geschichte einer Bauernmagd). Une partie de campagne (1881, Eine Landpartie), Le Papa de Simon (1881, Simons Papa), En famille (1881; Im Familienkreise), Sur l’eau (1881, Auf dem Wasser), La Femme de Paul (1881; Pauls Frau), Petit soldat (1885, kleiner Kamerad), Au Printemps (1881, Im Frühling), Les Tombales (1881, Die Grabhetären), Par un soir de printemps (1881, An einem Frühlingsabend), Les Dimanches d’un bourgeois de Paris (1880; Sonntage eines Pariser Bourgeois), Clair de lune (veröffentlicht 1899, Mondschein), Rêves (veröffentlicht 1899, Träume), Paroles d’amour (1882, Liebesworte), Marroca (1882), Le Saut du berger (1882, Der Hirtensprung), Le Lit (1882, Das Bett), L’Aveugle (1882, Der Blinde), Magnétisme (1882, Magnetismus), Un fils (1882, Ein Sohn), En voyage (1882, Auf Reisen),  La Veillée (1882, Die Leichenwache, auch als: Eine Vendetta), Le Voleur (1882, Der Dieb), Der Kaninchenbraten, Confessions d’une femme (1882, Die Beichte einer Frau), L’Enfant (1882), Le Verrou (1882,  Der Riegel), Farce normande (1882, Normannischer Spass), Tolle Späße, aus dem Tagebuch eines lustigen Burschen; Mon Oncle Sosthène (1882), La Passion (1882, Eine Leidenschaft), Fou? (1882, Irrsinnig?), Correspondance (1882, Briefwechsel), Une veuve (1882, Eine Witwe), La Rouille (1882, Eingerostet), Une ruse (1882, Eine List), La Rempailleuse (1882, Die Stuhlflickerin), Pierrot (1882), Un Normand (1882, Ein Normanne), Le Pardon (1882, Die Verzeihung), La Relique (1882, Die Reliquie), La Peur (1882, Die Furcht, auch als: Die Angst), Aux champs (1882, Draussen auf dem Lande), Un million (1882, Eine Million), Le Testament (1882), auch die Erbschaft, Le Loup (1882, Der Wolf), Le Baiser (1882, Der Kuss), Menuet (1882), Madame Baptiste (1882), L’Anglais d’Étretat (1882, Der Engländer von Étretat), La Bécasse (1882; Die Schnepfe 1919), La Folle (1882, Die Irre), Ma Femme (1882, Meine Frau), La Légende du Mont-Saint-Michel (1882, Die Legende von Mont Saint Michel), Conte de Noël (1882, Weihnachtsgeschichte), Nuit de Noël (1882, Weihnachtsnacht), Le Remplaçant (1883, Der Stellvertreter), À cheval (1883, dt. Hoch zu Ross), Les Sabots (1883, Die Holzschuhe), Deux Amis (1883, Zwei Freunde), En mer (1883, Auf See), Réveil (1883, Erwachen), Le Père Judas (1883, Der alte Judas), L’Homme-fille (Der Weib-Mann“; 1883, Der Mann mit der Hurenseele), Mademoiselle Cocotte (1883, Fräulein Kokotte), Saint-Antoine (1883, Saint-Antoine), Apparition (1883, Erscheinung), L’Aventure de Walter Schnaffs (1883, Walter Schnaffs Abenteuer), Un Duel (1883, Ein Duell), Le Modèle (1883, Das Modell, verfilmt in La Plaisir), Miss Harriet (1884), La Mère Sauvage (1884, Die alte Sauvage), Les Sœurs Rondoli (1884; Die Schwestern Rondoli 1898), Etude sur Gustave Flaubert (1884; Über Gustave Flaubert), Allouma, Frau Parisse, Auf der Eisenbahn, Schnaps-Anton, Yveline Samoris, gerettet, Timbuctu,  Yvette (1884), Le Diable (1886), La Petite Roque (1886; Die kleine Roque 1901), Le Horla (1887); seine Romane sind Une Vie (1883; Ein Leben 1894, auch: Ein Menschenleben), Bel-Ami (1885), Mont-Oriol (1887), Pierre et Jean (1888), Fort comme la mort (1889 Stark wie der Tod), Notre cœur (1890 Unser Herz 1910). [2] 
 

2. Bel-Amy

Bel-Ami zeigt die entscheidenden Jahre eines jungen Mannes kleinbürgerlicher Herkunft, der durch sein Glück bei den Frauen, aber auch durch Energie, Geschick und Ehrgeiz vom Provinzler und kleinen Büroangestellten zum erfolgreichen Pariser Journalisten, Schwiegersohn eines reichen Zeitungsverlegers und künftigen Politiker aufsteigt. In seinem Roman Bel-Ami meint ein Dichter:
"Im Reich der Blinden ist der Einäugige König. All diese Leute da, sehen Sie, sind doch Mittelmäßigkeiten, weil ihr Geist zwischen zwei Wänden eingemauert ist: dem Geld und der Politik. Das sind Pedanten, mein Lieber, mit denen man unmöglich von etwas sprechen kann, von dem dem, was wir lieben. Ihr Verstand ist seicht und schlammig wie die Seine bei Asnières. Ach wie schwer ist es doch, einen Menschen zu finden, dessen Geist Weite hat, bei dem man den großen Atem der Unendlichkeit spürt, der uns an den Küsten des Meeres entgegenweht."

Natürlich gab es die "Heuchlerbande" über welche die tollsten Skandalgeschichten im Umlauf waren. "Er sah Finanzmänner, deren ungeheures Vermögen aus einem Diebstahl stammte und die man überall, auch in den vornehmsten Häusern, empfing, dann Männer, die so geachtet waren, dass der kleine Mann vor ihnen den Hut zog, obwohl ihre schamlosen Betrügereien bei den großen staatlichen Unternehmungen für Niemenden ein Geheimnis waren, der hinter die Kulissen der großen Welt blicken konnte. Sie alle trugen eine hochmütige Miene zur Schau, einen stolzen Zug um den Mund und einen anmaßenden Blick, die Herren mit dem Backenbart wie die mit dem Schnurbart. ... Ein sauberes Völkchen, dieses Lumpenpack, dieses Diebesgesindel!"

Wer gehört zu den Herren der Welt, "einer dieser allmächtigen Finanzmänner, die stärker sind als Könige, vor denen die Nacken sich beugen, die Zungen nur unterwürfig stammeln und alles enthüllen, was an Niedrigkeit, Feigheit und Neid im menschlichen Herzen schlummert."

Mit Moslems ging man damals nicht zimperlich um: "Er war Soldat gewesen, hatte auf Araber geschossen, übrigens ohne große Gefahr für ihn selbst, etwa so wie man auf der Jagd einen Keiler schießt. Alles in allem hatte er getan, was er tun musste. Er hatte sich benommen, wie es sich gehörte. Man würde darüber sprechen, ihm Beifall zollen, ihn beglückwünschen."

Im Gegensatz zu den Moslems haben sich die meisten Juden gut integriert; viele berühmte Juden sind zum Christentum konvertiert. "Sogar kirchlich getraut ist sie. Ich weiß nicht mehr, ob der Chef sich zum Schein hat taufen lassen oder ob die Kirche ein Auge zugedrückt hat."

Die heutige spanische Regierung unter dem linken Sozialisten Pedro Sánchez fördert Moslems, den islamischen Antisemitismus und Hamas-Terrorismus, fast wie damals, als die islamischen nordafrikanischen Länder von Frankreich erobert werden sollten, um eben das zu verhindern: "Energisch hatte er den Gedanken einer militärischen Expedition vertreten .... Er hatte in die patriotische Trompete geblasen und Spanien mit dem ganzen Arsenal verächtlichmachender Anwürfe bombardiert, deren man sich bei Völkern mit gegnerischen Interessen bedient."

Viele sind schon an diesen "Strom von Geschwätzigkeit" offenbar gewöhnt, wie er von Politikern der sozialistischen spanischen Regierung, vom New Yorker Bürgermeister und Moslem Zohran Mamdani oder von Sozialisten in Deutschland, verbreitet wird. Einige denken wohl:: "Hör doch auf, du altes Rindvieh! Was sind diese Politiker doch für Idioten!" 

Gerade weil es bis heute kein islamisches Land gibt, das gut regiert wird, wollte man zumindest die nordafrikanischen Länder erobern. "Seit zwei Monaten war die Eroberung Marokkos beendet. Frankreich hatte Tanger in Händen und besaß die ganze afrikanische Mittelmeerküste bis zur Regentschaft Tripolis; es hatte die Staatsschuld des neu eroberten Landes garantiert." 

"Dieser Christus wird meine Seele retten. Er gibt mir, sooft ich ihn ansehe, Kraft und Mut." 

Er tritt als Junggeselle vor den Altar, und die Kirche entfaltet für ihn all ihren Pomp. "Das Gemurmel der immer zahlreicher gewordenen Menge schwoll an unter den Gewölben. Man unterschied Stimmen, die beinahe laut sprachen. Man zeigte sich Berühmtheiten, die sich gern sehen ließen und ihre sonst öffentlich zur Schau getragene Haltung betont wahrten, ganz wie auf allen Festen, für deren unerlässliche Zierden und Dekorationsstücke sie sich hielten. ... Man hörte Fetzen von politischen Gesprächen. Und dumpf wie das Donnern eines fernen Meeres drang das Gesumme der vor der Kirche versammelten Menschenmenge zugleich mit dem Sonnenlicht durch das Potal herein, stieg bis unter das Gewölbe empor über das Gewoge des diskreten Elitepublikums im Kircheninnern."

Der Bischof deklamierte für ihn, den Schriftsteller, der zum Ritter der Ehrenlegion für außerordentliche Verdienste ernannt worden war: "Sie gehören zu den Glücklichen der Erde, zu den Reichen und Geachteten. Sie, mein Herr, den sein Talent über die anderen erhebt, der Sie schreiben, das Volk belehren, beraten und leiten, Sie haben eine schöne Aufgabe zu erfüllen, ein schönes Beispiel zu geben. ... Der Weihrauch verbreitete einen feinen Harzduft, und auf dem Altar vollzog sich die göttliche Handlung. Der Gottmensch stieg auf die Anrufung seines Priesters zur Erde herab", um den Triumpf des Schriftstellers zu weihen.  [3] 
 

3. Novellen

In zwölf Jahren schrieb er vor allem erzählende Werke. Insgesamt brachte er es auf ca. 300 Novellen. In den Novellen heißt es bei Maupassant: In manchen Fällen sei es gut, denjenigen, die leichtfertig glauben wie die Moslems, nicht blind zu folgen und die Gelegenheit wahrzunehmen, "seine gutkatholische Rechtgläubigkeit zu betonen. Menschen, die über ewige Wahrheiten leichtfertig zu reden wagen, bezeichnete er als einfach geschmacklos." Und wer will schon einen einstellen, der leichtfertig glaubt: "Ein Tropf, ein ganz einfältiger Tropf; er sieht ja nichts so, wie es wirklich ist! Für uns eine völlige Null!" Jedes Mal müsste man ihn zurechtweisen: "Ich sage dem Hampelmann hier nur die Wahrheit." Die völligen Nullen aus Neuköln zum Beispiel verkaufen nun Devotionalien der Islamisten, auch Halal-Lebensmittel haben diese Islamisten als Geschäftsfeld für sich entdeckt.
Es geht auch darum, die ewig Dummen und Leichtgläubigen zu foppen. Richtige Komiker sind inzwischen selten geworden, oft sind sie zu konform mit dem üblichen Verständnis von Politik und Medien, die die Dummheit und Leichtgläubigkeit zum Beispiel der Moslems ernsthaft verteidigen: "Wir leben in einem Zeitalter, in dem gewisse Herrschaften, die Witze zu machen belieben und von Berufs wegen für die öffentliche Heiterkeit sorgen, sich gebärden und eine Miene aufsetzen wie die Leichenbitter und sich 'Staatenlenker' titulieren lassen. Mit dem wirklichen, echten Spaß, der über beide Backen lachenden, unbändigen, kerngesunden Freude unserer Altvordern scheint es wahrhaftig aus zu sein. Aber was kann es denn Lebendigeres, Vergnügteres in unserer Welt überhaupt geben als so einen alten, saftigen Spaß? Was bringt mehr in die ganze Gesellschaft, als die ewig Dummen und Leichtgläubigen zu foppen, die Großmäuler kleinzukriegen, die Neunmalschlauen reinzulegen, die Herrschaften, die da meinen, ihnen könne niemand beikommen, auf den Leim zu führen? Was gibt es Erfrischenderes, als mit Geist und Geschick seine Mitmenschen zum besten zu haben, dass die Gefoppten und Genasführten selber mit einstimmen müssen ins allgemeine Lachen über ihre eigene Einfalt?"

Ein Spaß lag förmlich in der Luft: "Meine Freunde waren - wie sich das von selbst versteht - lustige Kumpane. Übrigens hätte ich auf anderer Leute Bekanntschaft, damals wie heute, auch keinerlei Wert gelegt. Als ich ankam wurde mir ein geradezu fürstlicher Empfang bereitet, und das machte mich schon etwas stutzig ... man schloß mich von allen Seiten in die Arme, ich wurde derart hocherfreut willkommen geheißen, als verspräche man sich von meinem Erscheinen wer weiß welch großartiges Amüsement. Ich sagte mir sofort: 'Obacht, alte Spürnase, die haben etwas mit dir vor....!' Während des Diners herrschte die ausgelassenste Stimmung, eine Heiterkeit, die geradezu auffällig war, und ich dachte mit wieder: 'Die sind aber fidel! Als hätten sie einen Riesenspaß ausgeheckt, bei dem mindestens gleich zwei eingeseift werden sollen. Und doch sieht man nicht recht, wer und womit. Merkwürdig - die müssen sich bestimmt schon im Vorgenuss auf irgendeinen Streich, den sie jemanden spielen wollen, die Hände reiben ... Und ich soll sicherlich dieser Jemand sein. Also aufgepasst!' Den ganzen Abend war alles außer Rand und Band, das Gelächter riss nicht ab. Ein Spaß lag förmlich in der Luft, - ich witterte ihn geradezu wie ein Hund den Braten. Aber wo lauerte er? Ich war äußerst wach und unruhig. Kein Wort ließ ich mir entgehen, nicht die leiseste Bewegung, die auf irgendein Vorhaben deuten könnte, auf jedes Mienenspiel gab ich genau acht. Alles kam mir irgendwie verdächtig vor, sogar die Gesichter der Diener. So war die Zeit zum Schlafengehen gekommen, und - merkwürdig! - alles schickte sich an, mir in feierlicher Prozession das Geleit bis vor mein Zimmer zu geben. Weshalb nur? Alles schrie 'Gute Nacht!' hinter mir her, als ich hineinging.  .... Die festen, schweren Läden aus dickem Holz waren noch zurückgeklappt. Ich machte sie zu und verriegelte sie sorgsam, zog dann von innen erst die Stores und davor die riesigen, lang herabwallenden Übervorhänge aus schwerem Plüsch dicht zu und verbarrikadierte das Ganze mit einem Sessel, derart, dass ich mich irgendwelchen Anschlägen von außen wohl kaum mehr ausgesetzt zu fühlen brauchte. ...Ich gab mir einen Ruck und ging auf mein Ruhelager zu. Aber die ganze Bettstatt kam mir doch wieder besonders verdächtig vor. Ich zog an ihren sämtlichen Vorhängen; sie schienen in Ordnung zu sein. Und doch schien mir, als lauere gerade hier die eigentliche Gefahr. Vielleicht bekam ich schon im nächsten Augenblick von oben, aus dem Betthimmel, eine kalte Dusche über den Hals, oder aber ich sollte, kaum dass ich mich hineinlegte, mit der Matratze nach unten durchkrachen. ... Mich sollten sie nicht reinlegen können, mich nicht! Da fiel mir plötzlich etwas ganz schlaues ein, eine ganz großartige Sicherheitsmaßnahme, wie mir schien. Vorsichtig packte ich die Matratze an der Besatzkrause und zog sie behutsam heraus. Langsam kam sie mit ihren Laken und Kissen und Decken angerutscht. Das Ganze schleifte ich mitten auf die Stubendiele, der Eingangstür genau gegenüber. An Ort und Stelle baute ich mir, so gut es ging, mein Lager wieder auf. ... Lange musste ich geschlafen haben, und tief dazu. Aber plötzlich wurde ich aus meinem Schlummer geweckt. Jählings fühlte ich einen massigen Gegenstand voll Wucht über mich niederplumpsen, und im gleichen Moment ergoß sich auch schon eine kochend heiße Flüssigkeit mir über Gesicht, Hals und Brust, dass ich vor Schmerz aufbrüllte. Dazu erscholl ein solch lautes Geklirr und Geschepper, als wäre eine ganze Anrichte voller Tafelgeschirr auf mich niedergestürzt. Ich erstickte beinahe unter der schweren Masse, die da auf mich herniedergefallen war und nun lastend und reglos auf mir lag. Ich tastete herum, um mich zunächst zu vergewissern, mit welcher Art Gegenstand ich es zu tun hätte. Mit einem Mal bekam ich ein Gesicht, eine offenbar dazugehörige Nase und ein dito Paar Bartkotletten in die Finger. Da holte ich aus, so weit ich konnte, und hieb mit aller Wucht mitten hinein in dieses Gesicht. Aber im Handumdrehen hagelte es derartig Backpfeifen zurück, dass ich mit einem einzigen, mächtigen Satz aus meinem durchweichten Bettüchern auf die Beine sprang und mich im flatternden Hemd durch die offenstehende Tür in Sicherheit brachte. Zu meinem größten erstaunen sah ich, dass es draußen schon hellichter Tag war. Auf den Höllenspektakel lief alles im Schloss herbei. Man erblickte, vollkommen fassungslos auf meinem Nachtlager sitzend,  - den dienstbaren Geist des Hauses! Er war gerade dabei gewesen, mir würdevoll den Morgentee ans Bett zu bringen. Auf seinem Wege war er im verdunkelten Zimmer über mein behelfsmäßiges Ruhelager gestolpert, das ich so schlau und umsichtig in der Mitte aufgebaut hatte, und dabei war es ebenso schwungvoll wie unvermittelt auf meinem Korpus gelandet, wobei er mir - natürlich ganz gegen seine sonstige Gepflogenheit - das warme Frühstück ohne weiteres mitten ins Gesicht hinein serviert hatte. Mit meinen so schön ausgedachten Vorsichtsmaßnahmen, die Fenster lichtundurchlässig abzusichten und mein Ruhelager mitten auf dem Parkett aufzuschlagen, hatte ich mir überhaupt den ganzen Kladderadatsch, dem ich aus dem Wege gehen wollte, erst richtig auf den Hals gezogen. Ei je, sag' ich euch, was gab das an dem denkwürdigen Morgen für Gelächter und Vergnügen!" 

Orte des stillen Friedens durch Bienen waren damals durchaus verbreitet: "Strohgeflochtene Bienenkörbe standen in wohlabgemessenen Abständen auf Bohlengestellen; ihre Fluglöcher, kaum größer als die Öffnung eines Fingerhutes, waren der Sonne zugekehrt. Und nun summten die goldig schimmernden Bienen auf allen Wegen. Sie beherrschten eigentlich diesen Ort des stillen Friedens. Sie waren es, die hier auf den verschwiegenen Wegen zwischen hohen Hecken 'lustwandelten." Auch in seinem Roman "Fort comme la mort" werden die Bienen, wie sie wesensgemäß gehalten werden, erwähnt: "Bienen schwirrten aus den Bienenkörben, die längs der Mauer an den Obstspalieren des Gemüsegartens standen, summend hin und her."

Die Liebe zur Natur und wie sie zur Romantik und zum Impressionismus führt: "Und wie er da erzählte, das klang so romantisch, dass in den Herzen dieser Pariser, die nie weit aus ihrem Viertel herausgekommen waren und das ganze Jahr wohl kaum eine richtige Wiese gesehen hatten, gefühlvoll zu rumoren anfing. Es überkam sie wieder einmal das, was der Großstädter sentimental  seine 'Liebe zur Natur' nennt." Auch die Unsportlichen zog es hinaus: "Halb betäubt vor Entzücken genoss sie die Schaukelbewegungen. Ihr ganzer fülliger Körper schwabbelte bei diesen Erschütterungen wie Fleischsülze auf einer Schüssel."  Hauptsache raus aus der Großstandt: "Sie spürten nichts mehr von den Dünsten des Pariser Großstadtunrates, mit dem man rings alle Äcker seines Herrschaftsbereiches, der Bannmeile, gedüngt waren." 

Der Angriffskrieg wie er zum Beispiel von den Moslems bzw. Türken damals gegen Europa geführt wurde: Die Armee, "die alles niedermetzelt, was sich zur Wehr setzt, und das übrige in die Gefangenschaft fortschleppt, im Namen des Schwertes plündert und im Donner der Kannonen einem Gotte dankt: - Das sind die gleichen furchtbaren Geißeln , die jeden Glauben an die ewige Gerechtigkeit, alles eingelernte Vertrauen auf den Schutz und Schirm des Himmels und auf die menschliche Vernunft völlig in Verwirrung bringen. ... Der Krieg ist eine Barbarei, wenn man einen friedlichen Nachbarn überfällt; er ist eine heilige Pflicht, wenn das Vaterland verteidigt werden muss!" 

Oder wenn die Linken im Verein mit den extremistischen Moslems die Oberhand gewännen wie in Houellebecq Dystopie "Unterwerfung": "Wenn man auf Dauer von so einem Straßengesindel regiert wird, wie euresgleichen, dann - dann bleibt einem eben nichts weiter übrig, als unserem Frankreich Lebewohl zu sagen!" 

Geschmack im Gegensatz zu Geschmacksverirrung der Stumpfsinnigen und schwachsinnigen Banausen zum Beispiel bei Fastfood: "Nur Stumpfsinnige, nur Geschmacksrohe sind keine Feinschmecker. Feinschmecker ist man, wie man Künstler, Gelehrter, Dichter ist. Der Geschmackssinn, mein Lieber, ist ein wunderbares und feinnerviges Sinneswerkzeug, das mindestens ebenso lebenswichtig, das genauso der Vervollkommnung fähig ist wie Sehen und Hören. Wer keinen Geschmack hat, dem fehlt etwas ganz Köstliches, nämlich die Fähigkeit, die besondere Eigenart jeder einzelnen unserer vielen Speisen, unserer so unerschöpflichen Gerichte herauszuschmecken, herauszukosten. So wie manch einer absolut keinen Sinn dafür hat, die Schönheiten eines Buches, eines Kunstwerkes zu erspüren und zu genießen. Wer keinen Geschmack hat, dem fehlt ein ganz wesentlicher Sinn, etwas, was den Menschen überhaupt erst allen andern Wesen überlegen macht; der gehört zu einer der zahllosen Arten von Krüppeln, jenen kümmerlichen Schwachsinnigen, aus denen sich unsere Rasse zusammensetzt. Derartige Leute sind zungenblöde, wie andere ihresgleichen geistesblöde sind. ... Ein solcher Geschmacksrohling gehört in die große Masse derer, die einen Balzac mit Eugène Sue verwechseln, die Beethovens Symphonien für die Marschmusik irgendeines Regimentslapellmeisters halten, die den Apoll von Belvedere für die Statue des Generals de Blamont ansehen...." 

Tretmühle ewigen Büffelns: "Im Verlauf der Jahre dann hatte er sich in der Tretmühle ewigen Büffelns so verzettelt, dass er es nicht über das Amt eines kleinen Paukers hinausbrachte. Aber seine große Liebe blieb das Latein. Wie eine krankhafte Leidenschaft hielt es ihn gepackt. ... Immer wieder widmete er sich der Popularisierung seiner Klassiker mit einer Ausdauer und Beharrlichkeit, die fast an Besessenheit grenzte. Eines Tages kam er auf die Idee, seine Schüler dazu zu bringen, ihm nur noch auf lateinisch zu antworten, und er legte mit seinen hochgespannten Forderungen so viel Nachdruck auf die Exerzitien, bis seine Jungen es tatsächlich geschafft hatten, dass er sich Stunde für Stunde mit ihnen  auf lateinisch unterhalten konnte, und zwar so glatt, als wäre es ihre Muttersprache. Er hörte sich seine Klasse an wie ein Kapellmeister, der mit seinen Orchestermusikern Generalprobe hält, und klopfte alle Augenblicke mit seinem Lineal den Redeschwall ab: 'Aber lieber Lefrère, aber lieber Lefrère, was für ein Schnitzer machen Sie denn da wieder! Sie haben wohl gar keine Ahnung mehr, wie die Regel lautet? - Und Sie, Plantel, Sie verfallen in Redewendungen, die alles andere als Latein sind! Ihre Satzbildung ist ja das hausbackenste Französisch! Man muss im Geiste einer Sprache leben! Hören Sie sich an, wie Latein klingt .... Hören Sie mal zu!'" 

Natürlich konnten die Zöglinge des Instituts am Ende des Schuljahres sämtliche Preise in Latein davontragen. Das veranlasste den Direktor, "eine kleines Männchen, das nicht nur das pfiffige frazenhafte Aussaehen, sondern auch die ganze Schläue eines Affen hatte, folgende lapidaren Sätze auf seine Schulprogramme drucken und über die Pforten des Instituts malen: 'Spezialität meiner Lehranstalt Klassische Studien, fünf erste Preise in sämtlichen fünf Gymnasialklassen, zwei Ehrenpreise beim allgemeinen Studienwettbewerb sämtlicher staatlichen und städtischen Gymnasien Frankreichs.'" 

Doktortitel: "Nur mein Latein habe ich - aber leider nicht auch ein akademisches Besitzdiplom darüber, mit dem ich mein Wissen teuer an den Mann bringen könnte. Hätte ich den Doktortitel, dann könnte ich jetzt hundert Franken dafür einheimsen, wofür ich jetzt nur hundert Sous nehmen darf. Und was ich leiste, danach würde dann erst in zweiter Linie gefragt, - denn Titel und Würden genügen ja vollkommen, sich das allerbeste Renommee zu verschaffen."

Ideen und Ideale im Sinne der Idealisten, Romantiker und Impressionalisten statt Ideologien wie Islamismus, Kommunismus, Panslavismus, die Rebläuse der Seele, die den gesunden Menschenverstand zerrüttet: "Es gibt Ideen, die sich in uns einschleichen, sich in uns festsetzen, uns schwach, uns verrückt machen, uns umbringen können, wenn wir uns ihrer nicht zu erwehren wissen. Sie sind wie eine Art Rebläuse der Seele, diese Ideen. Und wenn wir uns unglücklücklicherweise von so einer Idee ankriechen lassen, wenn wir nicht auf den ersten Blick merken, dass sie ein Eindringling, eine Schmarotzerin , eine Tyrannin ist, die sich von Stunde zu Stunde mehr breitmacht, immer wiederkommt, sich häuslich in uns einrichtet, unsere ganze Tagesordnung über den Haufen wirft, sozusagen unser ganzes Denken frisst und unsern gesunden Menschenverstand zerrüttet, - dann sind wir verloren." 

Araber, muslimische Türken oder Mauren galten damals als Betrüger, Fälscher und Schwindler ohne jede Vernunft. Heute sind sie in der Hochburg der Drogenkriminalität beschäftigt und kaufen sich in Dubai eine Luxusvilla mit Pool im Wert von mehreren Millionen Euro, erwerben Pizzerien und Geschäfte in Marseille zur Geldwäsche, kontrollieren von Marbella oder Dubai aus das Geschäft. Marseille zum Beispiel gilt seit vielen Jahren als Hochburg der Drogenkriminalität. Heute sind es überwiegend die Nachfahren von muslimischen Einwanderern aus dem Maghreb, die das Geschäft betreiben. Ein "elendes Lumpenpack" ist es trotzdem geblieben: "Es kommt mir vor, Anselmo, du zeigest jetzt dieselbe Denkweise wie stets die Mauren, denen man den Irrweg ihrer Sekte weder mit Stellen aus der Heiligen Schrift begreiflich machen kann noch mit Gründen, die auf Vernunftschlüssen beruhen oder sich auf Glaubensartikel stützen; vielmehr muss man ihnen handgreifliche, verständliche, bündige, unzweifelhafte Beispiele beibringen nebst mathematischen Beweisen, die nicht zu leugnen sind, wie wenn man den Satz aufstellt: ›Wenn wir von zwei gleichen Größen gleiche Größen abziehen, so sind die übriggebliebenen ebenfalls gleich.‹ Und wenn sie dies in Worten nicht verstehen – und sie verstehen es wirklich nicht –, muss man sie es mit den Händen greifen lassen und es ihnen vor Augen stellen; und mit all diesem kann dennoch niemand sie von den Wahrheiten unsres heiligen Glaubens überzeugen. Dieselbe Art und Weise werde ich bei dir anwenden müssen; denn das Verlangen, das in dir entstanden, ist eine solche Verirrung und liegt so abseits von allem, was nur eine Spur vom Vernünftigen an sich hat, dass es meiner Meinung nach Zeitverschwendung wäre, dir deine Einfalt – denn ich will ihr für jetzt keinen andern Namen geben – begreiflich zu machen." - (Miguel de Cervantes, Don Quijote I, 33) Auch wenn der Verfasser eines Buches ein Maure (bzw. muslimischer Türke) ist, wird man nicht allzuviel erwarten können, denn es war früher klar, "dass man Wahrheit von den Mauren nicht erwarten könne, da sie sämtlich Betrüger, Fälscher und Schwindler sind." (Miguel de Cervantes, Don Quijote II, 3) Ähnlich äußert sich Maupassant in einigen Novellen, wo er zum Beispiel von einem Kerl schreibt, der sowieso schon im Ruf stand, "von seinen Feldzügen in Afrika das Stehlen, Rauben und das liederliche Leben beibehalten zu haben. Als Gelegenheitsarbeiter schlug er sich jetzt durch: als Maurer, Erdarbeiter, ... und vor allem - als Tagedieb. Deshalb behielt man ihn auch nirgends, und darum musste er von Zeit zu Zeit das Revier wechseln, um noch Arbeit zu finden. ... Er kriecht eben auch gern mal unter die Decke zu - so'nem Schäferstündchen ... Ah, dieses elende Lumpenpack!" 

Wenn man zu einem einfachen und respektvollen Menschen erzogen wird, kann es sein, dass darin Verbrechen liegen könnte: also im Respekt. Man muss gewisse bescheidene, in alten Anschauungen lebende Familien wie islamische Großfamilien aufsuchen, "um diese strenge Tradition zu finden, diese Verehrung von Dingen und Menschen, von Gefühl und Glauben, einem Glauben, den kein Lächeln, kein Zweifel, nicht einmal der leiseste Verdacht berührt. Man kann nur ein anständiger, wirklich anständiger Mensch sein, im vollsten Sinne des Wortes, wenn man Respekt besitzt. Der Mensch, der Respekt hat, schließt die Augen. Er glaubt. Wir, die mit offenen Augen in die Welt blicken, die wir hier in dem Justizpalast leben, der die Kloake der menschlichen Gesellschaft bedeutet, wo alle Verbrechen enden, wir, die wir uns vertraut machen müssen mit allen Niedrigkeiten, die wir hingebende Verteidiger aller menschlichen Gemeinheiten sein müssen, die Erhalter, um nicht zu sagen Zuhälter aller Verbrecher, aller Verbrecherinnen, vom Prinzen bis zum Obdachlosen, wir, die wir mit Geduld, die wir gern, die wir mit lächelndem Wohlwollen alle Schuldigen aufnehmen, um sie vor Ihnen hier zu verteidigen, wir, die wir, wenn wir wirklich unseren Beruf lieb haben, unsere Hingebung als Rechtsbeistand an eine Angelegenheit nach der Größe der Tat messen, wir können keinen Respekt mehr in der Seele haben. Wir kennen diesen Strom von Korruption, der von den Gewalthabern bis zum letzten armen Taugenichts fließt, zu genau, wir wissen zu genau, wie alles gemacht wird, wie alles schwach ist, alles käuflich: Stellen, Ämter, Ehren werden brutal und frech eingetauscht gegen etwas Geld oder listig gegen Titel und Teilnehmerschaft an industriellen Unternehmungen, oder andere noch einfacher gegen den Kuss einer Frau. Unsere Pflicht und unser Beruf zwingt uns, nichts zu übersehen, alle Welt in Verdacht zu haben, denn alle Welt ist verdächtig. Und wir sind ganz erstaunt, wenn wir uns einem Mann gegenüber befinden, der, wie der Mörder hier vor Ihnen, genug von der Religion des Respektes besitzt, um ihr Märtyrer zu werden. Für uns, meine Herren, ist die Ehre etwas wie die Reinlichkeit, wir haben sie aus Ekel vor der Niedrigkeit, aus einem Gefühl persönlicher Würde und aus Ehrgeiz. Aber im tiefsten Innern unseres Herzens haben wir nicht den grenzenlosen, starren, blinden, angeborenen Glauben wie dieser Mann. ... Sein Vater gehörte nicht zu den erlesenen Geistern, die alles vom höchsten Standpunkt betrachten, die Quellen des Glaubens erkennen und die sozialen Ursachen verstehen, aus denen die Unterschiede geboren sind. Er ward also groß, war gläubig und vertrauend, begeistert und beschränkt. Mit zweiundzwanzig Jahren nahm er eine Frau. Man ließ ihn eine Cousine heiraten, die, wie er, einfach erzogen war, rein wie er. Er hatte jenes unschätzbare Glück, als Gattin eine ehrliche Frau zu finden, also das, was auf der Welt am seltensten ist und am höchsten geschätzt werden muss. Er hatte für seine Mutter die Verehrung, die in den patriarchalisch denkenden Familien die Mutter genießt, jenen heiligen Kultus, der sonst nur dem Göttlichen vorbehalten ist. Er übertrug nun auf seine Frau etwas von diesem Kultus, der durch die eheliche Gemeinschaft kaum abgeschwächt ward. ... Wir wissen, meine Herren Geschworenen, durch die Aussagen der Frau Langlais, ihres Bruders, des Herrn Perthuis, des Teilhabers ihres Mannes, durch die Aussagen der ganzen Familie und aller höheren Angestellten dieser Bank, dass Lougère ein Musterbeamter war an Ehrlichkeit, Gehorsam, Schmiegsamkeit, Achtung vor seinem Chef und an Pünktlichkeit."

Zwischen Rouen und Le Havre: "Wir hatten eben Rouen verlassen und fuhren in langem Trabe die Straße nach Jumièges hinab. Der leichte Wagen rollte durch die Wiesen hin, dann fiel das Pferd in Schritt, da es die Steigung nach Canteleu zu überwinden hatte. Dort bietet sich eine der herrlichsten Aussichten, die es auf der ganzen Welt gibt. Hinter uns lag Rouen, die Stadt der Kirchen mit ihren gotischen Türmen, die aussehen wie aus Elfenbein geschnitzt, geradeaus Saint-Sever, der Fabrikvorort, der seine tausend rauchenden Schornsteine den tausend heiligen Kirchturmspitzen gegenüber in den Himmel streckt. Hier ragt die Spitze der Kathedrale empor, der höchste Turm den Menschenhand erbaut, und da drüben die »Feuerspritze« der Gießerei, ihre beinahe ebenso mächtige Rivalin, die noch um einen Meter die riesigste Pyramide Egyptens überragt. Vor uns floß die schäumende Seine mit einer Menge Inseln, rechts von einem weißen Klippenrand überragt, den ein Wald krönte; links unendliche Wiesen, ganz in der Ferne am Horizont wieder Wald. Hier und da lagen längs der Ufer des breiten Stromes große Schiffe vor Anker. Drei mächtige Dampfer gingen hinter einander nach Havre hinab und eine ganze Kette von Schiffen, ein Dreimaster, zwei Schooner und eine Brigg strebten bergauf Rouen zu, von einem kleinen Schlepper gezogen, der eine lange schwarze Dampfwolke ausspie. ... Wir hatten den höchsten Punkt der Küste erreicht. Der Weg trat in den herrlichen Wald von Roumare ein. Der Herbst, ein wunderbarer Herbst, mischte sein Gold und seinen Purpur mit dem letzten Grün, als ob Tropfen flüssiger Sonne vom Himmel in den dichten Wald hinuntergelaufen wären. Wir kamen durch Duclair. Dann wandte sich mein Freund, statt den Weg nach Jumièges fortzusetzen, nach links, schlug einen Seitenpfad ein und führte mich ins Dickicht. Und bald gewahrten wir wieder vom Gipfel einer Anhöhe das wunderbare Seinetal und der Fluß wand sich zu unseren Füßen. Rechts lehnte sich ein ganz kleines schiefergedecktes Gebäude, über das sich ein Kirchtürmchen erhob, so hoch wie ein Sonnenschirm, an ein hübsches Haus mit grünen Läden, das ganz überwuchert war von Geisblatt und Kletterrosen."

Eine Kapelle als eines der Wunder der Welt: Der alte Mathias ist ein ehemaliger Feldwebel, der nach seiner Dienstzeit in seine Heimat zurückgekehrt ist. Er ist ein wundersames Gemisch von alter Soldatenaufschneiderei und normannischer Gerissenheit. "Als er heimkehrte wurde er dank vielfacher Empfehlungen und besonderer Geschicklichkeit Pförtner einer wunderthätigen Kapelle, die unter dem Schutze der heiligen Jungfrau steht und besonders in Ehren steht bei Mädchen, die in anderen Umständen sind. Er hat sein Wunderbildnis »unsere Frau vom gesegneten Leib« getauft und behandelt sie mit einer gewissen listigen Familiarität, die doch die Ehrfurcht nicht ausschließt. Er hat für seine heilige Jungfrau ein ganz besonderes Gebet selbst verfaßt und drucken lassen. Dieses Gebet ist ein Meisterwerk unfreiwilliger Komik und normannischer Laune, in dem der Spott sich mit der Ehrfurcht vor dem Heiligen mischt und mit der abergläubischen Furcht vor irgend einem geheimen Einfluss. Er glaubt eigentlich nicht sehr an seine Schutzpatronin. Aber ein bißchen glaubt er doch daran aus Klugheit und behandelt sie gut aus Berechnung. ... Sonst spricht er von der heiligen Jungfrau wie etwa der Kammerdiener eines gefürchteten Fürsten, der alle intimen kleinen Geheimnisse seines Herrn kennt, von diesem. Er weiß eine Menge ganz amüsanter Geschichten ...  Da nun die Einkünfte, die ihm seine Schutzpatronin brachte, nicht genügten, betreibt er neben dem Dienst seiner eigentlichen Herrin, der Jungfrau, noch einen kleinen Heiligenhandel. Er hat beinahe alle Heiligen vorrätig. Da in der Kapelle nicht genügend Platz ist, so hat er sie in den Holzstall getan, dem er sie entnimmt, sobald sie verlangt werden. Diese Holzheiligen hat er selbst geschnitzt, sie sehen fürchterlich komisch aus, denn er hat sie alle grün angepinselt, als man vor ein paar Jahren gerade sein Haus mit dieser Farbe strich. Sie wissen, die Heiligen können Krankheiten heilen. Aber jeder hat seine Spezialität, und man darf sich da nicht etwa irren und sie verwechseln. Sie sind nämlich eifersüchtig aufeinander wie die Schmierenschauspieler." 

Impressionismus, Romantik an der Côte d'Azur und ihre Gegner: "Vor zwei Jahren ging ich einmal zur Frühlingszeit zu Fuß am Mittelländischen Meere hin. ... Auf solcher Straße geht es sich köstlich in voller Lichtflut, der Wind kost einem um die Stirn, man wandert zwischen Bergen und Meeresstrand und träumt. Wie viel Erinnerungen vergangener Liebeshuld und Abenteuer ziehen in zwei Stunden Weges vor einer Seele vorüber, die sich in Träumen ergeht. Allerlei köstliche unbestimmte Sehnsucht strömt in einen hinein mit der milden leichten Luft, weht uns an aus dem Windhauch, zaubert uns ins Herz einen Hunger nach Glück, der wächst mit dem körperlichen Hunger, den das Gehen weckt. Die reizenden blitzschnell kommenden Ideen huschen hin und her, zwitschernd wie Vöglein. Ich folgte dem langen Wege, der von Saint Raphael nach Italien führt oder vielmehr diesem langen köstlichen, immer wechselnden Zugang, der eigens gemacht scheint, alle Liebesträume der Erde zu versinnbildlichen. Und ich überlegte mir, dass, von Cannes, wo man sich zeigt und den Hof macht, bis nach Monaco, wo man spielt, man kaum aus anderem Grunde in dieses Land kommt, als um allerlei Dummheiten anzustellen oder an Geld zu denken und unter diesem köstlichen Himmel, in diesem Garten von Rosen und Orangen die gemeinste Eitelkeit, die albernsten Prätentionen, geheimste Lüste zu befriedigen, um so recht zu beweisen wie der Mensch ist: gemein, dumm, anmaßend und geldgierig." 

In seiner Novelle "Frau Parisse" geht es wieder um das Mittelmehr bei Antibes und Nizza: "Ich saß auf der Mole des kleinen Hafens Obernon bei der Ortschaft La Salis, um hinter Antibes die Sonne untergehen zu sehen. Etwas so Wunderbares und Schönes hatte ich noch nie erblickt. Das kleine, von dicken, einst von Vauban erbauten Festungsmauern umschlossene Städtchen sprang in das Meer vor, mitten im riesigen Golf von Nizza; die hohen Flutwellen brachen sich zu seinen Füßen und umzogen es mit einem Saum weißen Schaumes. Über den Wällen sah man die Häuser übereinander aufgestapelt bis hinauf zu den beiden Türmen, die sich wie die Spitzen eines antiken Helmes in die Luft streckten. Und die beiden Türme hoben sich auf der milchigen Weiße der Alpenkette von der riesigen, fernen Schneemauer, die den ganzen Horizont umgab, ab. Zwischen dem weißen Gischt zu Füßen der Mauern und dem weißen Schnee am Himmelssaum bot das kleine Örtchen, hell sich abzeichnend vom blauen Hintergrund der ersten Berge, der untergehenden Sonne eine Pyramide von Häusern mit roten Dächern, deren Fassaden gleichfalls weiß waren, aber von so verschiedener Färbung, dass alle Spielarten vertreten zu sein schienen. Und auch der Himmel über den Alpen war von einem fast weißen Blau, als ob der Schnee auf ihm abgefärbt hätte. Ein paar silberne Wölkchen schwammen um die bleichen Gipfel. Und auf der anderen Seite des Golfes lag Nizza, am Wasser hingestreckt, wie ein weißer Faden zwischen Meer und Gebirge. Zwei große lateinische Segel, von starker Brise geschwellt, schienen auf der Flut hinzulaufen. Mit glückseligen Augen starrte ich das an. Das war eines jener köstlichen seltsamen Schauspiele, so reizend zu sehen, dass sie unvergesslich wie die Erinnerung an ein Glück in uns haften bleiben. Man lebt, man denkt, man leidet, man ist bewegt, man liebt mit dem Blick. Wer mit dem Auge zu fühlen versteht, empfindet, wenn er die Dinge und Wesen betrachtet, denselben tiefen und durchdringenden Genuss, der den Menschen mit fein ausgebildetem Gehör das Herz erbeben macht, wenn er Musik vernimmt. Ich sagte meinem Begleiter, Herrn Martini, einem richtigen Südländer: – Das ist doch einer der schönsten Blicke, die mir ie vergönnt waren zu bewundern. Ich habe den Mont Saint Michel, dieses gewaltige, granitene Kleinod, aus dem Sand wachsen sehen bei anbrechendem Tag; ich habe den fünfzig Kilometer langen Saharasee Raïane-chergui gesehen bei einem Mondschein, der strahlte wie bei uns die Sonne, und ich sah weiße Dunstschleier daraus emporsteigen wie milchigen Dampf. Ich habe auf den Liparischen Inseln den phantastischen Schwefelkrater des San-Angelo gesehen, eine gigantische Blume, die raucht und brennt, eine riesige gelbe Blume, die auf hoher See aufsteigt und deren Stengel ein Vulkan ist. Etwas Prachtvolleres, wie Antibes bei untergehender Sonne mit der Alpenkette im Hintergrund, habe ich nie erblickt. Und ich weiß nicht, warum die Erinnerung an die Antike mir kommt. Homerische Verse summen mir im Ohr. Das ist eine Stadt wie im Altertum, eine Stadt aus der Odyssee, es ist Troja, obgleich Troja weit vom Meere ab lag. Herr Martini zog seinen Reiseführer aus der Tasche und las: »Diese Stadt, ursprünglich eine Kolonie der Marseiller Phoceer, wurde gegen 340 vor Christi Geburt gegründet. Sie erhielt den griechischen Namen Antipolis d. h. Gegenstadt, Stadt einer anderen gegenüber, weil sie sich in der Tat Nizza, auch einer Marseiller Kolonie, gegenüber befindet. Nach der Niederwerfung der Gallier machten die Römer aus Antipolis eine Municipalstadt, und die Bewohner erhielten die Rechte römischer Bürger. ... Ich sage Ihnen, mir kommt sie wie eine Stadt aus der Odyssee vor. An der asiatischen oder europäischen Küste, sie ähneln sich überall. Und auf der anderen Seite des mittelländischen Meeres gibt es keine, die so in mir die Erinnerung an die Zeiten des Altertums erweckt wie diese, die Erinnerung an die Zeiten der klassischen Helden. "

La Rochelle, die Stadt, wo die Calvinisten einst eiferten: "Ich hatte noch zwei Stunden Zeit, ehe ich den Jean-Guiton, das Schiff, das mich nach Ré bringen sollte, bestieg. Ich machte also einen Spaziergang durch die Stadt; La Rochelle ist wirklich eine eigentümliche Stadt von großer Eigenart, mit den labyrinthisch durcheinandergehenden Straßen, deren Bürgersteige unter endlosen Galerien hinlaufen, arkadenartig wie in der Rue de Rivoli, aber niedrig. Diese Galerien und Arkaden, gedrückt und geheimnisvoll, scheinen wie gemacht für Schleichwege, wie für die früheren Kämpfe die heldenmütigen, blutigen Religionskriege. Es ist die richtige alte Hugenottenstadt, ernst, still, ohne großartige Bauwerke, ohne irgend eines jener wunderbaren Denkmäler, die Rouen so schön machen. Aber es ist bemerkenswert durch seine strenge Physiognomie, die auch etwas Heimtückisches hat, eine Stadt hartköpfiger Streiter, wo der Fanatismus lodern muss, die Stadt, wo die Calvinisten einst eiferten." 

Wer für die "Wiedereinrichtung des Harem" eintritt und sich auf Schopenhauer beruft, sollte natürlich auch wissen, wie er über den Islam, den Koran und den Moslem denkt, der «ein bescheidener Bursche sei, der mit geringer Kost vorlieb nehme», ein «öffentlich zugestandenes erzwungenes Unrecht» erleidet, wie es der Fall sei in der «Verfassung der meisten Mohammedanischen Reiche» und eine träge Vernunft oder «Türkenglaube» besitzen müsse: «Man betrachte z. B. den Koran: dieses schlechte Buch war hinreichend, eine Weltreligion zu begründen, das metaphysische Bedürfnis zahlloser Millionen Menschen seit 1200 Jahren zu befriedigen, die Grundlage ihrer Moral und einer bedeutenden Verachtung des Todes zu werden, wie auch sie zu blutigen Kriegen und den ausgedehntesten Eroberungen zu begeistern. Wir finden in ihm die traurigste und ärmlichste Gestalt des Theismus. Viel mag durch die Übersetzung verloren gehen, aber ich habe keinen einzigen wertvollen Gedanken darin entdecken können»  (Arthur Schopenhauer, «Die Welt als Wille und Vorstellung» II, 17 und I, § 55, § 62). «Sogar an Abrichtungsfähigkeit übertrifft der Mensch alle Tiere. Die Moslem sind abgerichtet, 5 Mal des Tages, das Gesicht gegen Mekka gerichtet, zu beten: tun es unverbrüchlich. ... Es gibt keine Absurdität, die so handgreiflich wäre, dass man sie nicht allen Menschen fest in den Kopf setzen könnte, wenn man nur schon vor ihrem sechsten Jahre anfinge, sie ihnen einzuprägen, indem man unablässig und mit feierlichstem Ernst sie ihnen vorsagte. Denn, wie die Abrichtung der Tiere, so gelingt auch die des Menschen nur in früher Jugend vollkommen.»  (Arthur Schopenhauer, «Parerga und Paralipomena» II, 2, § 344). Dann lässt sich Maupassant auch besser verstehen: "Sie hatten sich eine völlige Verachtung des weiblichen Geschlechts zum Grundsatz gemacht und behandelten die Frauen als »Lusttiere«. Schopenhauer war ihr Gott. Den führten sie immerfort an. Dazu forderten sie die Wiedereinrichtung des Harem und hatten auf das Tischtuch, das bei den Diners der Hagestolzen aufgelegt ward, das alte Wort sticken lassen: »Mulier perpetuus infans«." 

"Das Recht des Volkes auf Bildung" ist auf jeden Fall zu fördern, allerdings gibt es Qualitätsunterschiede. Die übliche Erziehung in Staatsschulen hat noch einige Mängel, weshalb ja auch Ruddolf Steiner die Waldorfschule entwickelte. Maupassant beschreibt eine "Kindererziehung durch das Auge". In einer Novelle schlug schlug er vor, "dass in den Stadtvierteln mit ärmerer Bevölkerung für die kleinen Kinder eine Art von Theatern mit freiem Eintritt errichtet würden. Dorthin sollten die Eltern ihre Kinder, vom zartesten Alter an, führen und dort sollte man ihnen mit Hülfe des Projektionsapparates einen Begriff von dem gesamten menschlichen Wissen beibringen. Es mussten vollständige Kurse sein. Das Auge sollte das Gehirn unterstützen, und die Bilder würden dem Gedächtnis eingeprägt werden, so dass die Wissenschaft sozusagen Gestalt gewänne. Nichts sei einfacher, als auf diese Weise Geschichte, Geographie, Botanik, Zoologie, Anatomie beizubringen. ... Dann behandelte er die Frage der Straßenbibliotheken. Er verlangte der Staat solle kleine Wägelchen voll Bücher, etwa wie jene der Orangenverkäufer, in den Straßen herumfahren lassen. Für fünf Centimes musste jeder Einwohner monatlich zehn Bände entleihen dürfen." Das Volk bemüht sich bloß um seine Vergnügungen. "Da es sich nicht zur Bildung drängt, so muss sich die Bildung zu ihm drängen u. s. w. ... Er bat um eine Audienz beim Minister des Erziehungs- und Bildungswesens und ward von einem blutjungen Sekretär empfangen, der aber doch etwas Ernstes, sogar eine gewisse Wichtigkeit an sich hatte und auf einem Tastbrett mit weißen Knöpfen wie auf einer Klaviatur spielte, um Diener, Aufwärter oder Subalternbeamte zu sich zu rufen. Er gab dem Besucher die Versicherung, dass seine Sache in die Wege geleitet sei und riet ihm, seine bemerkenswerten Arbeiten fortzusetzen. ... Es schien, als ließe sich der Abgeordnete Rosselin jetzt seinen Erfolg sehr angelegen sein. Er gab ihm sogar eine Menge praktischer und ausgezeichneter Ratschläge. Übrigens trug auch er einen Orden, ohne dass man so recht wusste, aus welchen Gründen ihm diese Auszeichnung zuteil geworden. ... Er bezeichnete Sacrement neue Studiengebiete, und führte ihn in wissenschaftlichen Gesellschaften ein, die irgend ein der Aufklärung bedürftiges Spezialstudium pflegten, in der Hoffnung zu Rang und Würden zu gelangen. Er stellte ihn sogar im Ministerium vor. Da sagte er ihm eines Tages nach dem Frühstück – seit einigen Monaten verkehrte er viel bei seinem Freunde – ganz leise und drückte ihm dabei die Hand: ... Acht Tage spater verkündete der Staatsanzeiger, dass Herr Sacrement zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden sei – für außergewöhnliche Verdienste." 

Ein Vermögen durchbringen geht immer, Manon Lescaut: "Dieses Mädchen hat mich binnen drei Jahren ruiniert. Ich besaß vier Millionen. Die hat sie in ihrer ruhigen, selbstverständlichen Art mit dem süßesten Lächeln verbraucht. Sie kennen sie. Ach, sie hat etwas Unwiderstehliches. Was? Ich weiß es nicht; sind es ihre grauen Augen, deren Blick sich wie eine Schraube einbohrt und wie der Widerhaken eines Pfeiles in uns sitzen bleibt? Oder ist es ihr süßes, verführerisches Lächeln, das auf ihrem Antlitz haften bleibt wie eine Maske? Ihr Liebreiz bezwingt allmählich, er geht von ihr aus wie ein Parfüm, von ihrer hohen Gestalt, wenn sie fast schwebend vorüberschreitet. Denn mir ist es immer, als ob sie mehr glitte als ginge. Er geht von ihrer etwas singenden Sprechweise aus, von ihrer süßen Stimme, die wie die Begleitung ist zu ihrem Lächeln. Er geht aus von ihren immer maßvollen Bewegungen, die das Auge geradezu berauschen, so harmonisch sind sie. Drei Jahre hindurch habe ich auf dieser Erde nur sie gesehen. O, wie ich gelitten habe. Denn sie betrog mich mit aller Welt. Warum? Um nichts, nur um zu betrügen. Und jedesmal, wenn ich es erfahren hatte, wenn ich sie wie eine Dirne, wie ein Frauenzimmer behandelte, gab sie es ganz ruhig zu mit den Worten: – Ja, sind wir denn verheiratet? Seitdem ich hier bin, habe ich solange über sie nachgedacht, bis ich ihr Wesen begriffen habe. Dieses Mädchen ist nichts anderes als eine wieder erstandene Manon Lescaut. Manon, die nicht hätte lieben können, wenn sie nicht betrogen, Manon, für die Liebe, Lebenslust und das Geld nur eins ist. Er schwieg. Nach einigen Minuten fuhr er fort: – Als ich für sie meinen letzten Groschen durchgebracht, sagte sie ganz einfach zu mir: »Lieber Freund, Du wirst einsehen, dass ich von der Luft nicht leben kann. Ich liebe Dich sehr, ich liebe Dich mehr als irgend jemand, aber ich muss leben. Not, sich einschränken und ich passen nicht zu einander.« 

Ein wahrer Grandseigneur, dessen Geist ganz aus fertigen Gedanken bestand, borniertes Urteil, kein Gedanke ging aus und ein: "Mein Mann war von hoher Statur, von elegantem Äußern und in seinem Auftreten ein wahrer Grandseigneur. Er sprach scharf und hart; seine Worte waren wie schneidende Klingen. Man merkte, dass dieser Geist ganz aus fertigen Gedanken bestand, die sein Vater und seine Mutter ihm eingeimpft – und ihrerseits wieder von ihren Voreltern überkommen hatten. Er zögerte nie mit seiner Meinungsäußerung, fällte über Alles ein unbedingtes, borniertes Urteil ohne irgend welche Einschränkung, und ohne zu begreifen, dass es auch eine andere Anschauung geben könnte. Man begriff, dass dieser Kopf verschlossen war, dass kein Gedanke aus und ein ging, der seinen Geist wieder verjüngte und erneuerte, wie der Wind durch ein Haus fährt, dessen Fenster und Türen offen stehen." 

Ähnliches gilt für viele Frauen aus den arabischen Clans, also "jene Damen, von denen man nicht weiß wie alt sie sind, die keinen Charakter haben, keine Eleganz, keinen Geist, nichts, was erst das Weib macht. Sie war eben eine Mutter, eine Gebärmaschine, eine menschliche Henne, ein Fettklumpen, der für nichts Sinn hat, als für die Kinder und das Kochbuch."

Hetären, Freibeuterwelt, alle sprechen von Ehre, dabei sind sie allesammt Aufschneider, Lügner und Schelme, eine rechte Galgen-Aristokratie:  "Viele Hetären, sagt man ja, sind zu anständigen Weibern geboren, und viele sogenannte anständige Damen sind geborene Hetären, nicht wahr? So ist Frau Rappaport – pardon! Frau Samoris – eine geborene Hetäre, und ihre Tochter war zum ehrbaren Weibe geboren. ... Die Gräfin Samoris gehört zu jenen Talmi-Fremden, wie sie auf Paris alljährlich zu Hunderten herabregnen. Sie war eine Gräfin aus Ungarn oder der Walachei, oder sonst woher, und tauchte eines Winters in einem Hause der Champs-Élysées, dieses Abenteurer-Viertels, auf, wo sie ihre Salons aller Welt öffnete. Ich ging auch hin. Warum? werden Sie fragen. Ich weiß es selbst nicht recht. Ich ging hin, wie wir alle hingehen, weil dort gespielt wird, weil die Weiber gefällig und die Männer Gauner sind. Sie kennen ja diese Freibeuterwelt mit ihren mannigfachen Aushängeschildern, sie sind alle von edler Geburt, alle haben Titel, und alle sind auf den Gesandtschaften unbekannt, ausgenommen die Spione. Alle sprechen von Ehre, auch wenn von ihren Stiefeln die Rede ist, prahlen mit ihren Vorfahren und erzählen von ihrem Leben; sie sind allesammt Aufschneider, Lügner und Schelme, verdächtig wie ihre Karten, trügerisch wie ihre Namen, kurz, eine rechte Galgen-Aristokratie." 

Stromaufwärts von Chatou, stromabwärts von Bougival; Abschaum der Gesellschaft, die ganze vornehme Verbrecherwelt, die ganze Fäulnis des Pariser Lebens, Spitzbuben, Tagediebe, Zuhälter: "Unaufhörlich kamen neue Fahrzeuge heran, die einen stromaufwärts von Chatou, die anderen stromabwärts von Bougival; Gelächter, Rufen, Fragen, Antworten und auch laute Flüche mitunter schallten über das Wasser. Die Ruderer liessen sich ihre schon gebräunten muskulösen Arme noch mehr von der Sonnenglut verbrennen, während auf dem Wasser schwimmenden exotischen Blumen gleich die rot-, grün-, blau- oder gelbseidenen Sonnenschirme der Damen am Steuerruder das Hinterteil der Boote zierten. Hoch am Himmel stand die brennende Julisonne; die Luft schien mit lautem Jubel erfüllt, und kein Windhauch bewegte die Blätter der Pappeln und Weiden. Geradeaus da unten türmen sich die überall sichtbaren mächtigen Umrisse des Mont-Valérien auf, während zur Rechten die liebliche Hügelkette von Louveciennes sich im Halbkreis an den Lauf des Flusses anlehnt und bald hier und dort aus dem reichen saftigen Grün ihrer Gärten die blinkenden Mauern der Landhäuser hervorragen. Vor den Zugängen des Café Froschteich bewegten sich zahlreiche Spaziergänger unter den riesigen Bäumen, welche diesen Winkel der Insel zu einem der angenehmsten von der Welt machen. Blondhaarige Halbweltdamen mit üppiger Brust und unverhältnismässigen Hüften, bemalten Wangen, geschwärzten Wimpern und gefärbten Lippen, enggeschnürt und auffallend angezogen, verunzierten mit ihren geschmacklosen schreienden Toiletten das saftige frische Grün des Rasens, während neben ihnen junge Herrchen in allen Übertreibungen der Mode, hellen Handschuhen, Lackstiefeletten und fadendünnen Spazierstöckchen zu glänzen suchten, ihr albernes Lächeln mit einem täppischen Fallenlassen des Monocles begleitend. .... Man findet eben dort in vollen Haufen den ganzen Abschaum der Gesellschaft, die ganze vornehme Verbrecherwelt, die ganze Fäulnis des Pariser Lebens. Ein Gemisch von Krämern, Schiffern, verkommenen Schriftstellern, verlumpten Edelleuten, verkrachten Börsianern, leichtsinnigen Tagedieben und alten übersättigten Lebemännern; die ganze Bande von verdächtigen Personen, halb geachtet, halb schon untergegangen, halb noch geehrt, halb schon der Schande verfallen, Spitzbuben, Tagediebe, Zuhälter, Industrieritter mit respektablem Äussern, Gauner mit der Miene eines Bramarbas, die zu sagen scheint: »Den ersten, der mir quer kommt, mache ich kalt.«  An diesem Orte herrschte die Roheit, die Verkommenheit und die freie Liebe." 

Impressionismus in Rouen und Mont Saint-Michel; ein tiefes Mysterium ist das Unsichtbare; Musik, die das stumme Weben der Natur ertönen lässt: "Dort drüben links liegt Rouen, die große Stadt mit den blauen Dächern von einem Heer von spitzen, gotischen Türmen überragt. Sie sind nicht zu zählen, schmal oder breit und von der Zink-Spitze der Kathedrale beherrscht. Überall läuten die Glocken am schönen Morgen und ihre metallene Stimme klingt bis zu mir herüber, ihr Gesang aus Erz, den mir der Windhauch zuträgt, bald stärker bald schwächer, je nachdem der Ton sich erhebt oder abschwillt. Es war so wundervoll heute morgen! Gegen elf Uhr fuhr an meinem Gartenzaun ein langer Zug von Schiffen vorüber, die den Strom ein Schlepper herauf brachte, nur wie eine Fliege groß und der fortwährend vor Anstrengung stöhnte und dicken Dampf ließ. Dann kamen zwei englische Schooner, deren rote Wimpel in der Luft flatterten, ein stolzer brasilianischer Dreimaster, ganz weiß, wunderbar sauber und leuchtend. Ich grüßte ihn, ich weiß nicht warum, so sehr gefiel mir das Schiff. ... Woher stammen diese wunderlichen Eindrücke, die unser Glücksgefühl oft in Entmutigung, unser Vertrauen in Angst verwandeln? Es ist, als ob die Luft, die unsichtbare Luft voller Kräfte wäre, die wir nicht kennen, die uns nur manchmal nachbarlich streifen. Ich wache heiter auf, lustig, dass ich singen möchte. Warum? Ich ergehe mich an Wassers Rand und plötzlich kehre ich nach kurzem Spaziergange bedrückt heim, als ob mich zu Haus irgend ein Unglück erwartete. Warum? War es ein kalter Lufthauch, der, als er meine Haut streifte, meine Nerven erschüttert, meine Seele beschattet hat? Ist es die Form der Wolken oder das farbige Licht des Tages, die wechselnde Beleuchtung der Dinge was meine Gedanken beeinflusste, als meine Augen es sahen? Unsere ganze Umgebung, alles was wir gedankenlos betrachten, was wir unwillkürlich streifen, alles was wir unvermutet berühren, alles was verschwommen an uns vorüberzieht, macht auf uns, unsere Sinne und durch sie auf unsere Gedanken, sogar auf unser Herz den Eindruck des Plötzlichen, Überraschenden, Unerklärlichen. Ein tiefes Mysterium ist das Unsichtbare. Mit unseren elenden Sinnen können wir es nicht fassen, nicht mit unsern Augen, die weder das zu Kleine sehen können, noch das, was zu groß ist, nicht das, was zu nahe ist, noch das, was zu weit, weder die Bewohner der Gestirne, noch die Infusorien im Wassertropfen, nicht mit unseren Ohren, die uns betrügen, denn das Zittern der Luft übersetzen sie uns in starke Töne. Sie sind Feen, die das Wunder zustande bringen, diese Bewegung in Geräusch zu verwandeln und durch diese Metamorphose die Musik erzeugen, die das stumme Weben der Natur ertönen lässt, – nicht mit unserem Geruchsinn, der schwächer ist als der des Hundes, nicht mit unserem Geschmack, der kaum das Alter eines Weines zu bestimmen vermag. O, wenn wir andere Organe besäßen, die für uns andere Wunder täten, was entdeckten wir wohl alles um uns herum. ... Übrigens habe ich eine wunderhübsche Reise gehabt: ich habe mir den Mont Saint-Michel, den ich noch nicht kannte, angesehen. Welcher Anblick, wenn man, wie ich, von Avranches kommt gegen Sonnenuntergang! Die Stadt liegt auf einem Hügel und man wies mich in den öffentlichen Park am Ende des Ortes. Unwillkürlich entfuhr mir ein Ruf des Entzückens. Eine unendliche Bai dehnte sich vor mir aus, soweit das Auge reichte, zwischen den Küsten, die sich in der Ferne im Nebel verlieren; und mitten in dieser großen, gelben Bai unter einem gold- und lichtstrahlenden Himmel erhob sich düster und jäh ein seltsamer Berg mitten in den Dünen. Die Sonne war eben niedergetaucht und auf dem noch glühenden Himmel zeichnete sich das Bild dieses phantastischen Felsens ab, der auf seinem Gipfel die phantastische Burg trägt. Sobald es Tag geworden war, ging ich hin. Es war Ebbe, wie den Abend vorher. Und ich sah die wunderbare Abtei, je näher ich kam, desto größer vor mir emporwachsen. Nachdem ich ein paar Stunden gegangen war, erreichte ich den gewaltigen Felsen, der die kleine Stadt oben trägt, über welche die große Kirche noch hinausragt. Nachdem ich die schmale, steile Straße hinauf geeilt, trat ich in das wundersamste gotische Gotteshaus, das je auf dieser Erde errichtet worden, groß wie eine Stadt, voll niedriger Säle, die erdrückt schienen trotz der Wölbungen und der hohen von schlanken Säulen getragenen Galerien. Ich trat in dieses gigantische Schmuckstück aus Granit, das so duftig dasteht wie Spitzengewebe mit Zinnen und schlanken Türmen, in denen Wendeltreppen hinaufsteigen und die in das himmlische Blau der Tage und das Dunkel der Nächte hinaus wundersam verzerrten Fratze von Ungeheuern, Teufelsköpfe, phantastische Tiere, Riesenblumen, die durch feine, durchbrochene Bogen verbunden sind, strecken.

Eine Art epidemischer Verrücktheit, ahrimanische Besessenheit wie zum Beispiel bei dem Propheten Mohammed: "Aus Rio de Janeiro kommt eine wunderbare Nachricht. In diesem Augenblick wütet in der Provinz San Paolo eine Art epidemischer Verrücktheit, die man den ansteckenden Krankheiten vergleichen muss, mit denen im Mittelalter die Völker Europas heimgesucht wurden. Die Einwohner verlassen verstört ihre Häuser, geben ihre Dörfer auf, lassen ihre Äcker im Stich, weil sie sich für verfolgt halten, besessen, beherrscht, wie Tiere in Menschengestalt, durch Wesen, die unsichtbar sind  ... Professor Don Pedro Henriquez ist in Begleitung von mehreren bekannten Ärzten nach der Provinz San Paolo gereist, um an Ort und Stelle Ursachen und Symptome dieser eigenartigen Gestörtheit zu studieren und dem Kaiser die geeignetsten Maßregeln, um die von der Krankheit ergriffene Bevölkerung wieder zur Vernunft zu bringen, vorzuschlagen. O, ich erinnere mich jetzt, ich erinnere mich des wunderschönen brasilianischen Dreimasters, der am letzten 8. Mai die Seine herauf unter meinen Fenstern vorüber fuhr. Ich fand ihn damals so hübsch, so hell, so freundlich. Das Wesen war darauf. Es kam von da drüben, wo es herstammt, es hat mich gesehen, hat mein weißes Haus gesehen und ist vom Schiff in den Strom gesprungen. O mein Gott! Mein Gott! Nun weiß ich Alles. Nun errate ich es. Die Zeit, da der Mensch herrschte, ist vorüber. Er ist gekommen, er, der die erste Furcht der frühesten, naiven Völkerschaften war, »Er«, den die geängstigten Priester austrieben, den die Zauberer in dunklen Nächten anriefen, ohne dass er ja erschienen wäre, dem vorahnend die flüchtigen Herren der Welt all die riesigen oder zierlichen Gestalten der Riesen, Gnomen, Geister, Feen, Kobolde liehen. Nach den groben, aus einer primitiven Furcht geborenen Vorstellungen empfanden feinsinnigere Menschen ihn deutlicher. Mesmer hat ihn geahnt und seit zehn Jahren schon haben die Ärzte genau das Wesen seiner Macht festgestellt, ehe er sie ausgeübt hat. Sie haben mit der Waffe des neuen Herrschers gespielt: der Fähigkeit, einen geheimen Willen der gefesselten menschlichen Seele aufzuzwingen, sie haben es Magnetismus, Hypnotismus, Suggestion und ich weiß nicht was alles genannt. Ich habe gesehen, wie sie sich gleich unvorsichtigen Kindern mit dieser fürchterlichen Macht unterhielten. Wir unglücklichen, unseligen Menschen! Er ist gekommen, der – der, wie heißt er – der – es ist mir, als riefe er mir seinen Namen zu und ich höre ihn doch nicht, der – ja, er ruft ihn, ich lausche, ich kann nicht, wiederhole, der – Horla, – ich habe es gehört, – der Horla, – der ists, – der Horla – ist da!  O, der Geier hat die Taube verzehrt, der Wolf das Schaf gefressen, der Löwe den Büffel trotz seiner spitzen Hörner verschlungen. Der Mensch wieder hat den Löwen mit Pfeil, Schwert, Pulver und Blei getötet. Aber der Horla wird aus uns Menschen machen, was wir aus Pferd und Ochsen gemacht haben: seine Sache, seinen Diener, seine Speise, allein durch die Kraft seines Willens. Wir unglücklich Unseligen! Und doch empört sich manchmal das Tier und tötet den, der es gebändigt hat. Ich will auch . . . ich könnte . . . aber man müsste ihn kennen, ihn berühren, ihn sehen. Die Gelehrten sagen, dass das Auge des Tieres von dem unsrigen verschieden ist, nicht so sieht, wie unser Auge, . . . und mein Auge kann den neuen, Ankömmling, der mich unterdrückt, nicht erkennen! Warum? O, jetzt erinnere ich mich an die Worte des Mönchs vom Mont-Saint-Michel: »Sehen wir den hunderttausendsten Teil von dem, was es gibt. Der Wind zum Beispiel, die größte Kraft der Natur, der Menschen umwirft, Gebäude niederlegt, Bäume entwurzelt, der das Meer in Wogenbergen aufwühlt, der Klippen und Felsen zerschmettert und der die größten Schiffe hinaus in die Brandung wirft, der Wind, der tötet, pfeift, seufzt und stöhnt – haben Sie ihn gesehen und können Sie ihn sehen? Und er existiert trotzdem. Und ich überlegte mir noch weiter. Mein Auge ist so schwach, so unvollkommen, dass es selbst nicht einmal feste Gegenstände unterscheiden kann, wenn sie nur durchsichtig sind wie Glas. Wenn eine große Spiegelscheibe ohne Belag in meinem Wege steht, so ist mein unvollkommenes Auge daran schuld, dass ich dagegen renne, wie ein im Zimmer verflogener Vogel sich an den Fensterscheiben den Kopf einstößt. Tausend Dinge täuschen das Auge. Was ist also Erstaunliches daran, wenn es einen neuen Körper, den das Licht durchstrahlt, nicht erkennen kann? Ein neues Wesen. Warum nicht? Es musste ja kommen. Warum sollten wir die Letzten sein? Wir unterscheiden das neue Wesen nicht, wir erkennen es nicht, wie alle anderen, die vor uns geschaffen sind, einfach, weil es vollkommener ist, weil sein Körper feiner und vollendeter ist, als der unsrige, als unser schwacher Leib, der dahinvegetiert wie eine Pflanze, ein Tier, unser Leib der sich mühsam von der Luft nährt, von Gras und Fleisch, eine animalische Maschine, den Krankheiten zur Beute, Verstümmelungen, der Verwesung anheimgegeben, schlecht in's Gleichgewicht gesetzt, lächerlich, verrückt, erstaunlich schlecht gemacht, ein grobes, zerbrechliches Werk, nur die Skizze zu dem Wesen, das wirklich intelligent und schön werden könnte." 

Impressionismus in Paris; Flüchtlinge, Marodeure der verschiedenen Armeecorps, wilde Turcos wie große, mutwillige Kinder, die sich von toten Soldaten ernährten; eine Art Döner-Restaurant mit Menschenfleisch; ob auch im heutigen Döner oder Lamacun in der Türkei oder in Europa Menschenfleisch verarbeitet wird, lässt sich nicht immer zweifelsfrei ausschließen: "Der Boulevard, dieser Strom des Lebens, wimmelte von Menschen im Goldglanz der untergehenden Sonne. Der ganze Himmel war augenblendend purpurrot, und hinter der Madeleine warf eine riesige leuchtende Wolke einen flimmernden Strahlenregen auf die ganze Straße hinab, die wie vom Dunst eines Hochofens eingehüllt erschien. Eine lustige Menge wallte auf und ab in diesem flammenden Nebel wie in einer himmlischen Wolke. Die Gesichter strahlten, die Cylinderhüte spiegelten und die schwarzen Röcke glänzten in purpurnem Schein; das Lackleder der Stiefel warf strahlenden Glanz auf den Asphalt der Bürgersteige. Vor den Cafés saßen eine Menge Menschen und tranken glänzende farbige Getränke, die aussahen wie kostbare, in Krystall eingesetzte Edelsteine. Mitten zwischen den Gästen, in leichten, dunkleren Anzügen, saßen zwei Offiziere in voller Uniform, und die Vorübergehenden mussten die Augen zukneifen, so glitzerte die Sonne auf dem Gold ihrer Röcke. Sie plauderten vergnügt ohne besonderen Anlass, im Strom dieses heiteren Lebens, in der Köstlichkeit dieses strahlenden Sommerabends, und betrachteten die Menschen, die vorübergingen, die langsam schlendernden Männer, die eilig trippelnden Frauen, deren Spur eine Wolke süßen, verwirrenden Duftes bezeichnete. ... Ich war damals Leutnant. Unsere Garnison war aus Truppen aller Art zusammengesetzt, Überreste von dezimierten Regimentern, Flüchtlingen, Marodeuren der verschiedenen Armeecorps, kurz, es war eigentlich alles da, sogar eines Abends kamen, kein Mensch wußte woher, elf Turcos an. Sie waren am Stadtthor erschienen, ganz heruntergekommen, abgelumpt und besoffen. Man überwies sie mir. Ich erkannte bald, dass sie keiner Disziplin zugängig waren, immer auswärts und immer betrunken. Ich versuchte, sie in Arrest zu stecken, sogar ins Gefängnis, es half alles nichts; die Kerle verschwanden ganze Tage hindurch, als ob sie in die Erde versunken wären; dann kamen sie wieder, total betrunken. Sie hatten kein Geld, wo besoffen sie sich denn? Wie und wovon? Das intriguierte mich bald sehr, umsomehr als diese Wilden mit ihrem ewigen Lachen und ihrer Art, wirklich wie große, mutwillige Kinder, mich einigermaßen interessierten. Da entdeckte ich, dass sie dem größten unter ihnen, den Sie eben hier gesehen haben, blindlings gehorchten. Er beherrschte sie vollkommen; er leitete ihre geheimnisvollen Unternehmen. ... Ich erriet, dass er der Sohn irgend eines großen Häuptlings sein musste, so einer Art König aus der Nähe von Timbuctu. Ich fragte nach seinen Namen, er antwortete so etwas wie: – Chevaharibuhalikbranafotapola. Mir schien es einfacher, ihn nach seinem Lande Timbuctu zu nennen, und acht Tage später nannte ihn die ganze Garnison nicht anders. ... Plötzlich gebe ich meinen Soldaten ein Zeichen, sie stürzen sich in den Weinberg und finden Timbuctu, der auf allen Vieren zwischen den Stämmen hinkriecht und Weintrauben isst, oder vielmehr verschlingt wie ein Hund, der sein Fressen hinunterwürgt, mit vollem Mund vom Weinstock selbst, indem er jedes Mal mit den Zähnen die Traube abreißt. Ich wollte ihn aufstehen lassen, es ging nicht, und nun begriff ich, warum er auf Händen und Knieen rutschte. Sobald man ihn auf die Beine gestellt hatte, schwankte er, streckte die Arme aus und schlug der Länge nach hin. Er war so betrunken, wie ich noch nie einen Menschen gesehen habe. Wir schleppten ihn in die Stadt. Den ganzen Weg über lachte er und schlug um sich mit Armen und Beinen. Das war also das ganze Wunder: Die Kerle besoffen sich am Stock selbst; wenn sie dann betrunken waren, dass sie sich nicht mehr regen konnten, schliefen sie, wo sie gerade lagen, ihren Rausch aus. Timbuctus Leidenschaft für den Weinberg überstieg aber alle Maße und alles für möglich gehaltene, er lebte förmlich dort. ... Timbuctu und seine neun Begleiter trugen auf einer Art Altar, aus Feldstühlen gemacht, acht abgeschnittene, blutige, grinsende Köpfe; der zehnte Turco hielt ein Pferd am Schwanz, an den ein anderes gebunden war, und sechs andere Tiere folgten in gleicher Weise. Ich erfuhr folgendes: Als die Afrikaner wieder in den Weinberg gegangen waren, hatten sie plötzlich ein preußisches Detachement entdeckt, das sich dem Dorf näherte. Statt zu fliehen, hatten sie sich versteckt und dann, als die Offiziere am Wirtshaus abgesessen, um sich zu erfrischen, hatten sich die elf Kerle auf sie gestürzt. ... Alles was er fand und was ihm irgend einen Wert zu haben schien, vor allen Dingen, was glänzte, steckte er in die Tasche. So hatte er das Gold von den preußischen Uniformen abgetrennt, die Beschläge der Helme, die Knöpfe u. s. w., und alles in die Tasche gesteckt, die beinahe platzte. Täglich stopfte er dort hinein jeden glänzenden Gegenstand, der ihm unter die Augen kam, ein Geldstück oder ein Stück Metall, so dass er manchmal ganz verrückt aussah. Alles das wollte er später in das Land der Strauße mitnehmen, und was hätte er anfangen sollen ohne seine Tasche? Aber jeden Morgen war seine Tasche leer; er musste also ein Hauptmagazin haben, wo er alle seine Reichtümer aufstapelte, aber wo, konnte ich nicht entdecken. ... Der Winter war eingebrochen, wir waren vollständig verzweifelt; täglich fanden jetzt Gefechte statt. Nur die acht Turcos (einer war getötet worden) blieben dick und fett, kräftig und immer kampfbereit. Timbuctu war sogar ganz wohlbeleibt, er sagte mir eines Tages: – Du viel Hunger, ich gute Fleisch! Und in der Tat brachte er mir ein ausgezeichnetes Filet, aber woher? Wir hatten keine Ochsen mehr, keine Schafe, keine Ziegen, keinen Esel, keine Schweine, es war sogar unmöglich, sich ein Pferd zu verschaffen. Nachdem ich meinen Braten verzehrt, dachte ich über all dies nach. Da kam mir ein furchtbarer Gedanke: Diese Neger waren geboren nicht weit von dem Lande, wo man Menschenfleisch isst! Und täglich fielen soviele Soldaten in den Kämpfen um die Stadt. Ich fragte Timbuctu, aber er wollte nicht antworten. Ich bestand nun nicht weiter darauf, aber fortan nahm ich von ihm nichts mehr zu Essen an. ... Acht Tage darauf hatten wir kapituliert. Ein paar von uns hatten fliehen können, die anderen marschierten aus der Stadt in die Gefangenschaft der Sieger. Ich begab mich zum Sammelplatz, da blieb ich ganz erstaunt vor einem riesigen, in weißes Leinen gekleideten Neger stehen, der einen Strohhut auf dem Kopf hatte, es war Timbuctu. Er schien glückselig zu sein und lief, die Hände in den Taschen, vor einer kleinen Bude auf und ab, auf der als Aushängeschild zwei Teller und zwei Gläser prangten. Ich fragte ihn: – Was treibst Du denn? Er antwortete: – Ich nicht fort, ich gut koch, haben Oberst essen gemacht in Allgier, ich essen Preuße, viel gestohlen, viel, viel. ... Nun sah ich ein Riesenschild, das er vor die Tür hängen wollte, sobald wir abmarschiert wären, denn er schämte sich doch etwas, und ich las von der Hand irgend eines Mitschuldigen Folgendes geschrieben: Militär-Restaurant des Herrn Timbuctu Küchen-Chef Seiner Majestät des Kaisers. Pariser Küche – Mäßige Preise." [4]

 .

4. Mont-Oriol

Sein Roman Mont-Oriol (1887) spielt in der Auvergne, der Limagne, in der Gegend um Royat, Châtel-Guyon, mit dem Mont Dore, La Bourboule, Châteauneuf, Vichy. [5]

Mit Geld kann man wie ein General die schwache Stelle des Feindes finden und ihn erobern, wie es heute nicht nur von den Chinesen praktiziert wird: "Die großen Kämpfe werden heutzutage mit Geld ausgefochten, für mich sind die Frankenstücke nichts anderes wie Soldaten mit roten Hosen, die Zwanzigfrancsstücke schöne Leutnants, die Banknoten von hundert Francs Haupleute, die von tausend Generäle, und ich kämpfe, weiß der Teufel, ich kämpfe von früh bis abends gegen alle Welt und mit aller Welt, das nenne ich leben, das nenne ich groß und weit leben, wie einst die Mächtigsten dieser Erde, denn jetzt sind wir die Mächtigsten, die einzigen wahr und wahrhaftig Mächtigen. Sieh mal dieses arme Dorf an. Daraus mache ich eine große Stadt mit großen, überfüllten Hotels, mit Aufzug, Dienerschaft, Wagen, einer Menge reichen Leuten von einer Menge armer Leute bedient und alles das, weil mir's eines Abends in den Sinn gekommen ist mit Royat rechts und Châtel-Guyon links zu konkurrieren, mit dem Mont Dore, mit La Bourboule, Châteauneuf, Saint Nectaire die da hinter uns liegen, mit Vichy uns gegenüber. Und mir wird's glücken, weil ich das Mittel kenne, das einzige Mittel, ich habe es plötzlich klar erkannt wie ein General die schwache Stelle des Feindes. In unserem Beruf muss man ebensowohl die Menschen zu leiten wissen, sie zu etwas begeistern wie sie niederzwingen. Gott, ist das Leben herrlich, wenn man so was machen kann! Meine Badegründung gibt mir jetzt für drei Jahre Amusement! ... Andermatt glich in der Tat einer seltsamen menschlichen Maschine, nur gebaut, um zu berechnen und Geld hin und her zu bewegen. Übrigens bildete er sich mit einer gewissen Koketterie etwas auf seine Fähigkeiten ein und rühmte sich, auf den ersten Blick den wirklichen Wert jedes x-beliebigen Gegenstandes schätzen zu können."

Die Limagne mit andachtsvollen Blicken betrachten: "Nun sagen Sie mal, ist das nicht schön? Ist das nicht schön? O warum packt mich jene Gegend, ja warum? Sie hat einen so tiefen Reiz, dass er mir bis in die tiefste Seele geht. Wenn ich diese Ebene erblicke, ist es mir, als öffneten sich die Flügel der Gedanken, nicht wahr? Und die Gedanken fliegen davon, schweben hin und her, gehen weit fort, weit fort zu allen jenen Traumländern, die wir doch nie erblicken. Ja das ist wirklich prachtvoll, denn das hat mehr von etwas Erträumtem, als von etwas, das man wirklich sieht. ... Andere Ausblicke sind charakteristischer und weniger harmonisch, aber gnädige Frau, die harmonische Schönheit, das ist doch das Schönste auf der Welt. Es gibt nichts als die Schönheit! Aber wie wenige begreifen sie? Die Konturen eines Menschenleibes, einer Statue oder eines Berges, die Farbenpracht eines Gemäldes oder die der Landschaft, die Musik der Jokonda, ein Dichterwort, das sich uns ins Herz einbohrt, dieses etwas, das den Künstler zum göttlichen Schöpfer macht, das ihn hoch heraushebt aus der Menge. 

Und der Reiz der weiten Landschaft, die köstliche Luft, diese blaue Limagne, so weit, dass sie die Seele zu weiten schien, diese erloschenen Krater auf den Bergen, die Öfen der Welt, die nur noch dazu dienten, die Brunnen für die Kranken zu wärmen, dann die Frische im Schatten, das leise Murmeln der Bäche über die Steine, alles trug dazu bei, in Herz und Fleisch der jungen Frau zu dringen, und durchweichte sie wie ein warmer, weicher, leiser Regen einen noch jungfräulichen Boden, ein Regen, nach dem die Blumen sprießen."

Wiedergeburt: "Ich glaube es manchmal, oder vielmehr ich fühle es. Das lebende Wesen, das doch aus Geist und Körper besteht, die getrennt zu sein scheinen und doch ohne Zweifel ein und derselben Art sind, muss wieder erscheinen, wenn die Elemente, aus denen es einmal gebildet war, ein zweites Mal genau so zusammentreffen. Dann ist es nicht dasselbe Wesen, aber doch derselbe Mensch der wiederkehrt wenn ein Körper, der seine frühere Gestalt ändert von einer Seele bewohnt wird, die seiner anderen gleicht, die er früher inne hatte. Nun gnädige Frau, ich bin heute abend ganz gewiß, dass ich in diesem Schloß einmal gewohnt habe, dass ich es besaß, dass ich dort kämpfte und es verteidigte. Ich erkenne es genau wieder, mir gehörte es, das weiß ich ganz bestimmt und ebenso bestimmt weiß ich auch, dass ich eine Frau einmal liebte, die Ihnen ähnlich sah und die wie Sie Christiane hieß. Ich weiß das so sicher, dass es mir ist, als sähe ich Sie noch vor mir, wie Sie mir oben von der Zinne herab zurufen. Suchen Sie einmal, erinnern Sie sich! Dort hinten ist ein Gehölz das in ein tiefes Tal hinuntergeht, dort sind wir oft mit einander spazieren gegangen. An den Sommerabenden trugen Sie leichte Kleider und ich schwere Waffen, die da klirrten im grünen Wald. Erinnern Sie sich? Suchen Sie einmal in Ihrem Gedächtnis! Ihr Name ist mir ja so bekannt, als käme er aus meiner Kindheit. Wenn man sorgfältig alle Steine dieses alten Kastells durchsuchte, fände man ihn eingekratzt von meiner Hand. Ich versichere Sie, ich kenne mein Haus wieder, meine Heimat, wie ich Sie wiedererkannt habe das erste Mal, als ich Sie gesehen. Er sprach mit exaltierter Überzeugung, indem er durch die Nähe dieser Frau sich poetisch angeregt fühlte, zugleich durch die Nacht, durch den Mondschein und durch die Ruine." 

Natur-Medizin; zur Schulmedizin bzw. Biotech-Medizin und der Unmöglichkeit und Falschheit ihrer vermeintlichen Wissenschaft: "Ich glaube an gar keine Medizin. Die alte Schule ging davon aus, dass es für jedes Leiden ein Mittel gibt, man meinte, dass Gott in seiner Weisheit Heilmittel geschaffen hätte für alle Leiden, und es vielleicht nur aus Bosheit den Menschen überlassen, sie zu finden. Nun haben die Menschen eine unglaubliche Menge entdeckt, ohne jedoch ganz genau zu wissen, welchen Leiden ein jedes entspricht. In Wahrheit gibt es gar keine Mittel, es gibt nur Krankheiten. Wenn eine Krankheit sich zeigt, muss man sie zu hemmen suchen, sagen die einen, sie beschleunigen, sagen die andern, durch irgend ein Mittel. So sieht man die verschiedensten Methoden angewendet und die verschiedensten Mittel. Der eine wählt Eis, der andere Riesenhitze, der eine befiehlt, Diät zu halten, der andere, alles zu essen. Ich spreche nicht von den unzähligen giftigen Produkten, die uns die Mineralien und Pflanzen geben. Alles wirkt, das ist ganz richtig, aber niemand weiß wie, manchmal glückts, aber manchmal tötet es. Und mit großer Entschiedenheit erklärte er die Unmöglichkeit etwas Bestimmtes zu wissen, das vollkommene Fehlen jeder wissenschaftlichen Basis, wenn nicht die organische Chemie, die biologische Chemie der Ausgangspunkt einer neuen Medizin würde. Er erzählte Anekdoten von unglaublichen Irrtümern der größten Ärzte und bewies die Unmöglichkeit und Falschheit ihrer vermeintlichen Wissenschaft. Er pflegte zu sagen: – Bringt den Körper in Tätigkeit, lasst die Haut funktionieren, die Muskeln, alle Organe, vor allem aber den Magen arbeiten, der überhaupt der Dampfkessel für die ganze Maschine ist, ihr Regulator und ihr Kraftmagazin. Er behauptete, dass er ganz nach seinem Belieben, nur durch die Behandlungsweise Leute heiter und fröhlich machen könnte, fähig zu körperlichen oder geistigen Anstrengungen, je nach der Natur der Ernährung, die er ihnen vorschriebe. ... Dieser schöne Arzt ward in ein paar Tagen der Liebling aller Kranken, und allerlei Listen wurden angewandt, ihm irgend einen Ratschlag zu entreißen. Wenn er durch die Alleen des Parkes ging zur Promenadenzeit, hörte man nur immer »Herr Doktor!« rufen, von allen Stühlen, wo die schönen Damen saßen, die jungen Damen, die sich ein wenig erholten zwischen zwei Bechern des Christianenbrunnens. Wenn er dann stehen blieb, ein Lächeln auf den Lippen, zog man ihn ein paar Augenblicke auf einen kleinen Weg längs des Flußes davon. Man sprach zuerst von diesem und jenem, und ganz diskret, kokett wandte man das Gespräch auf die Gesundheit, scheinbar ganz gleichgiltig, als ob man irgend welche Nebensache besprochen hätte. Denn dieser Arzt stand ja nicht zur Verfügung des Publikums. Man bezahlte ihn nicht, man konnte ihn nicht zu sich rufen, er gehörte der Herzogin, nur der Herzogin. Diese Situation verstärkte noch die Bemühungen, erregte die Wünsche. Und da man sich leise erzählte, dass die Herzogin eifersüchtig, sehr eifersüchtig wäre, brach unter allen Damen ein Wett-Kampf aus, um einen Ratschlag von dem hübschen, italienischen Arzte zu erlangen. Er gab ihn, ohne sich sehr bitten zu lassen. Und nun begann zwischen den Damen, die seine Ratschläge empfangen, das Spiel der intimen Confidenzen, um sich mit seiner Fürsorge zu brüsten." 

Wie funktionierte das Leben in den damaligen Bädern? "Unglaubliche Dinge gehen vor in diesen Bädern, es sind die einzigen Feenländer, die es noch auf der Erde gibt. In zwei Monaten kommt dort mehr vor, als die ganze übrige Zeit auf der ganzen Welt, es ist wirklich, als ob die Quellen keine Mineral-, sondern Zauberquellen wären. Aber das ist überall dieselbe Geschichte in Aix, Royat, Vichy, Luchon, und ebenso in den Seebädern, in Dieppe, Étretat, Trouville, Biarritz, Cannes, Nizza. Man findet dort Fetzen von allen Gesellschaften, von allen Völkern, und eine Rassenmischung, die es sonst nirgends gibt, wunderbare Abenteuer. Die Frauen machen dort mit Leichtigkeit und tödlicher Sicherheit allen möglichen Unsinn. In Paris ist man stark, in den Bädern schwach. Die Männer finden dort Geld, wie Andermatt, den Tod, wie Aubry-Pasteur und andere wieder verloben sich." [6]

 

5. Notre cœur; Mont Saint-Michel 

Sein Roman Notre cœur (1890 Unser Herz 1910) spielt in Paris, Fontaineblleau und in der Normandie, ein welliges, von Tälern durchzogenes Hügelland, in dem die Bauernhöfe lagen, die Weiden, die Obstpflanzungen, alle von großen Bäumen umfriedigt Kurz: das grüne normannische Land, die ganze Natur in all ihrer Größe und kräftigen Frische und ihrem Liebreiz.

Reise von Paris durch die Normandie zum Mont Saint-Michel: "Allmählich, nachdem Argentan hinter ihnen lag, zog das grüne, normannische Land seine Blicke an. Der Zug fuhr durch ein welliges, von Tälern durchzogenes Hügelland, in dem die Bauernhöfe lagen, die Weiden, die Obstpflanzungen, alle von großen Bäumen umfriedigt, die zu leuchten schienen in den Strahlen der Sonne. Es war gegen Ende Juli, die Zeit, wo diese Erde, die mächtige Ernährerin, alle ihre Kraft des Lebens ausströmt. In allen Koppeln, die durch hohe Hecken verbunden und getrennt waren, standen starke Ochsen, Kühe, seltsam bunt gefleckt, Stiere mit breiter Stirn, stolz herausfordernd an den Hecken, oder lagen auf der Weide, die ihre Bäuche rundete; und ununterbrochen dasselbe Bild in der frischen Landschaft, deren Boden Fleisch und Apfelwein auszuschwitzen schien. Am Fuße der Pappeln, leicht von Weiden verborgen, glitten schmale Wasserläufe hin; eine Sekunde blitzten im Grase Bäche auf, verschwanden, um weiterhin wieder aufzutauchen, und tränkten das ganze Land mit fruchtbarer Frische." Der Hotelomnibus fuhr langsam die Straße nach Avranches hinauf, "dem die Häuser, die die Höhe krönten, aus der Ferne fast den Anblick einer Festung gaben. In der Nähe besehen war es eine hübsche, alte, normannische Stadt mit kleinen, regelmäßigen, sich einander fast gleichenden Häusern, die eines an das andere sich lehnten in altertümlichem Stolz und bescheidenem Wohlstand, etwas mittelalterlich und bäuerlich. ...  Er kam an eine große Ulmenallee von dunklem Grün, die den Garten mitten durchschnitt, und als er mit einemmal auf einer Terrasse stand, die weiten Blick über das Land hatte, schweiften seine Gedanken von der ab, die ihn hierher rief. Von der Küste aus zog sich eine unendliche Sandebene hin, die in der Ferne mit dem Firmament zusammenging. Ein Fluss durchströmte sie. Und unter den glühenden Sonnenstrahlen glitzerten hier und da, wie leuchtende Flecken, Wasserlachen, die aussahen wie Löcher, die mitten durch die Erde einen andern Himmel zu zeigen schienen. Mitten in dieser gelben Wüste, die noch nass war von dem zurückebbenden Meer, erhob sich auf 12 oder 15 Kilometer vom Strand entfernt das monumentale Profil eines spitzen Felsens, einer phantastischen Pyramide, auf der eine Kathedrale stand. In diesen riesigen Dünen fand sich nur ein einziges Gegenstück auf dem Trockenen, im Sande auf rundem Hügel: Tombelaine. Weiterhin zeigten in der blauen Linie der Fluten andere Felsen ihre braunen Köpfe. Und wenn das Auge am Horizont weiter nach rechts hinglitt, entdeckte es neben diesen einsamen Sandflächen weithin gestreckt das grüne normannische Land, überall so mit Bäumen übersät, dass es wie ein unendlicher Wald aussah. Auf einmal, auf einen Blick des Auges erschien an diesem Punkt die ganze Natur in all ihrer Größe und kräftigen Frische und ihrem Liebreiz. Und der Blick ging zurück von diesen scheinbaren Wäldern zu der jähen Erhöhung des Granitberges, der einsam aus dem Sande ragte und seine seltsame, gothische Gestalt riesenhaft emporreckte. ... Die untergehende Sonne schien ein goldenes, feines, durchsichtiges, leuchtendes Netz hinter der hohen Silhouette des Mont Saint-Michel auszuspannen, der immer dunkler ward. ... Sie gingen lange auf der Terrasse hin in Erwartung des Sonnenuntergangs, um zuletzt noch am. feurigen Horizont den schwarzen gezackten Schatten des Mont Saint-Michel sich abzeichnen zu sehen."

Ausflug zum Mont Saint-Michel: "Von den Feldern wehte Duft herüber, mischte sich mit dem Geruch von der See her, und Nebel lagen in der Helle gebreitet, denn beim strahlenden Mondschein am wolkenlosen Himmel hatte sich das Meer mit Dünsten überzogen. Sie krochen hin wie weißer Rauch und verbargen die Dünen, die die Flut jetzt überspülen musste. Michaëla von Burne faltete die Hände über den Knieen und blickte in die Weite hinaus. Sie schien in ihrer Seele durch einen undurchdringlichen Nebel, der bleich war wie der Sand, lesen zu wollen. ... Sie hatte sich gefreut, neben ihm zu schreiten, ihn an ihrer Seite zu wissen, der lichterloh brannte für sie, als die Sonne niederstieg hinter den hohen Schatten des Mont Saint-Michel gleich einem Märchenbild. War die Liebe da nicht für sie selbst wie ein Märchen, an das die einen instinktiv glauben, und das die anderen, durch die Gewalt, mit der sie daran denken, endlich auch für wahr zu halten beginnen? Würde sie endlich auch daran glauben? Eine seltsame weiche Lust hatte sie angewandelt, ihren Kopf an die Schulter dieses Mannes zu lehnen, ihm näher zu sein, ganz in ihm aufzugehen, das, was man nie findet, ihm zu geben, was man umsonst anbietet und immer für sich behält: ihr innerstes Wesen. ... In ihrem Zimmer zog sie die Vorhänge noch einmal auseinander, um hinauszublicken auf das Meer, dessen Dünste im Mondschein immer heller schienen, und es war ihr, als ob auch in ihrem Herzen die Nebel sich zerteilten beim Erwachen der Liebe. ... Es war ein heller Sommermorgen, die Vögel sangen, Jugendfrische lag über der Landschaft, und es ging durch Dörfer auf schmaler, steiniger Straße, dass die Reisenden auf den Bänken des Wagens tüchtig durchgerüttelt wurden. Nach langem Schweigen begann Frau von Burne mit ihrem Onkel über den Zustand des Weges zu scherzen. Das genügte, um das Eis zu brechen, und die Heiterkeit, die über dem jungen Tage lag, schien auch in die Herzen zu dringen. Plötzlich, als sie aus einem Dörfchen herauskamen, erschien wieder die Meeresbucht, jetzt nicht mehr rötlich wie am Abend vorher, sondern in durchsichtigem Glanz der Flut, die die Dünen und Sandflächen und feuchten Wiesen überspülte und, wie der Kutscher meinte, ein Stück weiterhin sogar den Weg. So fuhren sie eine Stunde lang Schritt, um dem Wasser Zeit zu lassen, sich wieder ebbend zurückzuziehen. Ulmen und Eichen, die die Höfe einfassten, zwischen denen sie durchfuhren, verdeckten ab und zu die immer größer werdenden Umrisse des Mont Saint-Michel, der jetzt meerumspült auf seinem Felsen sich erhob. Dann tauchte er einmal zwischen zwei Höfen plötzlich wieder auf, näher und immer wundervoller. Die Sonne vergoldete die gezackte Granitkirche dort auf dem Felsen. Michaëla von Burne und André Mariolle betrachteten sie. Dann gingen ihre Blicke ineinander, und vermischten sich bei der langsam steigenden Bewegung ihrer Herzen. Man unterhielt sich freundschaftlich. Frau Valsaci erzählte tragische Geschichten vom Versinken im Sande, nächtliche Abenteuer, wie der Triebsand die Menschen verschlungen. Herr Valsaci verteidigte den Deich, über den die Künstler sich ärgerten, zählte seine Vorteile auf, da er die ununterbrochene Verbindung mit dem Mont Saint-Michel möglich machte und Landteile vom Meer abschnitt, die zuerst zur Weide und später zur weiteren Kultur gewonnen wurden. Plötzlich hielt der Wagen. Das Meer war über die Straße gespült; fast nichts, nur ein flüssiger Schaum glitt über die steinige Straße. Aber man musste fürchten, dass hier und da tiefere Stellen, Löcher sich befunden, in denen man hängen bleiben konnte. Sie mussten also warten. ... Schon erschienen grüne Flecken von Seegras, das hier und da sich leise hob. Die Flecken vergrößerten sich, wurden rund, wuchsen zu Inseln; diese Inseln sahen bald aus wie festes Land, das nur durch kleine Meere getrennt wurde. Und bald wich die Flut, so weit die Bucht zu übersehen war, zurück: es war als zöge man einen silbernen Schleier von der Erde, einen gewaltigen durchlöcherten, zerrissenen Schleier, so dass große, kurz bewachsene Wiesenflächen sichtbar wurden. ... Endlich hatten sie den großen Deich erreicht und nun fuhren sie dem Mont Saint-Michel zu, der sich am Ende dieses geraden, mitten in den Dünen aufgebauten Dammes erhob. Links bespülte der Bach von Pontorson den Abhang, rechts hatten Weiden mit spärlichem Grün, das der Kutscher Meerfenchel nannte, Platz gemacht, die noch Wasser schwitzten, noch ganz vom Meer vollgesogen. Das hohe Bauwerk wuchs mehr und mehr; vom blauen Himmel hob sich jetzt klar und deutlich in allen Einzelheiten der Glockenturm ab mit seinen Nebentürmchen, die Spitze der Abtei, wie gespickt mit fratzenhaften Wasserspeiern, unheimlichen Gesichtern, mit denen der Fabelglaube unsrer Väter ihre gotischen Heiligtümer versehen hat.  ... Nachdem sie aufgestanden, gingen sie zur Abtei. Sie wählten den Weg über den Wall. Die Stadt, ein Haufen altertümlicher Häuser, hoch an dem riesigen Granitblock, der auf seinem Gipfel die Abtei trägt, in Stockwerken übereinander, ist von den Dünen durch eine hohe krenelierte Mauer getrennt. Diese Mauer umgibt die alte Stadt, und zieht sich mit Ecken, Winkeln, Plattformen, Wachttürmen empor. Und bei jeder Biegung entdeckt das erstaunte Auge einen neuen weiten Blick über den unendlichen Horizont. Man schwieg, denn alle waren etwas außer Atem nach dem Frühstück und immer wieder erstaunt, dies wunderbare Bauwerk zu sehen oder von neuem zu sehen. Über ihnen stieg ein seltsames Durcheinander von Pfeilern, Granitblumen, von Bogen von einem Turm zum anderen in den Himmel. Eine erstaunliche, gewaltige Bauart und dabei leicht wie Spitzen, durchbrochen auf dem Himmelsblau gearbeitet. In die Luft hinaus ragte die drohende, phantastische Armee von Wasserspeiern in Form von Tieren, die fortzufliegen, zu entfliehen schienen. Wo die Häuser aufhörten, zog sich auf der Nordseite des Hügels von der Abtei bis zum Meer ein schroffer, fast senkrechter Abhang; man nannte ihn den Wald, weil er mit alten Bäumen bestanden war und sich als tiefdunkler Fleck abhob von der weiten, weißen Sandfläche. Frau von Burne und André Mariolle, die vorausgingen, blieben stehen, um alles zu betrachten. Sie stützte sich auf seinen Arm und ein wohliges Gefühl überkam sie, wie sie es noch nie empfunden. Leicht stieg sie empor mit ihm gegen dieses Bauwerk, leicht, lustig, fantastisch, wie ein Traum. Und sie wäre noch weiter gegangen. Sie hatte gewünscht, der schmale Weg möchte nie enden, denn zum ersten Male in ihrem Leben fühlte sie sich ganz befriedigt. ... An der Tür der Abtei empfing sie ein Wächter. Und sie stiegen jene wundervolle Treppe zwischen zwei Riesentürmen hinauf, die zur Salles des Gardes führt. Dann gingen sie von Saal zu Saal, von Hof zu Hof, von Zelle zu Zelle, auf alles horchend, staunend, alles bewundernd: die Krypta mit ihren gewaltigen, kräftig schönen Pfeilern, die auf ihren Riesensäulen den ganzen Chor der prachtvollen Kirche trägt, jenes gothische Monument, das sich in drei Stockwerken erhebt, jenes wunderbare Meisterwerk kirchlicher und kriegerischer Architektur des Mittelalters. Dann kamen sie ins Kloster. Sie waren so erstaunt, dass sie stehen blieben, angesichts dieses großen viereckigen Klosterhofes, der von den zierlichsten reizvollsten Kreuzgängen aller Klöster der Welt umzogen war. In zwei Reihen standen die feinen Säulen mit den köstlichsten Kapitälen längs der vier Galerien, eine ununterbrochene Kette von Ornamenten und gothischen Zierblumen in unendlicher Mannigfaltigkeit, in immer neuer Form, und der geschmackvollen einfachen Erfindung der alten Meister, deren Meißel, Phantasie und Gedankenfülle beim Bearbeiten der Steine leitete. ... Aber die durchbrochene Treppe lenkte einen Augenblick ihre Gedanken ab. Sie lag in einem Bogen, der in freiem Raum zwei Glockentürme verband, als sollte man in die Wolken steigen. Und noch einmal packte sie das Erstaunen, als sie an den Weg der Tollen kamen, einen schwindeligen Granitpfad, der ohne Geländer beinah um die Zinne des Turmes führte. – Darf man darübergehen? fragte sie. – Es ist verboten! sagte der Führer. Sie zeigte ihm ein Zwanzigfrancsstück. Der Mann zögerte. Die ganze Familie, die schon angesichts des Absturzes und der Riesenweite des Blickes erschrocken war, stellte sich dem Leichtsinn entgegen. Sie fragte Mariolle: – Aber Sie würden es doch wagen? Er begann zu lachen: – Ich bin schon schwierigere Wege geschritten. Und ohne sich um die anderen zu kümmern, gingen sie: er voraus auf dem schmalen Gesims am äußersten Rande des Absturzes hin; sie folgte ihm, glitt an der Wand entlang mit geschlossenen Augen, um den gähnenden Schlund unter ihnen nicht zu sehen, jetzt doch etwas gepackt, beinah ohnmächtig vor Angst, indem sie sich krampfhaft an die Hand hielt, die er nach ihr ausstreckte. Aber sie fühlte, dass er stark war, dass ihn keine Schwäche anwandelte, er nicht schwindlig wurde und sicher auftrat. Und sie dachte glückselig trotz der Angst: Das ist doch einmal ein Mann. Sie waren jetzt allein in der Weite, so hoch wie die Seevögel strichen, und sie überblickte denselben weiten Raum, durch den unaufhörlich dieses Raubzeug mit den weißen Flügeln hin- und herschießt, die Luft während des Fluges mit den kleinen gelben Augen durchspähend. ... Als sie ins Hotel kamen, war es beinahe Essenszeit, und die Wirtin riet ihnen noch einen kurzen Spaziergang auf den Dünen, nach dem Meer hinaus zu unternehmen, um den Mont Saint-Michel von der Seeseite aus zu bewundern, von wo er – wie sie behauptete – am schönsten aussähe. Obgleich schon müde, ging doch die ganze Gesellschaft wieder fort um den Wall herum und lief ein Stück auf dem beunruhigend weichen Sand hin und her, der den Eindruck machte als sei er fest, auf dem aber der Fuß, den man auf den schönen, gelben Teppich stellte, plötzlich fast bis zur Wade einsank. Vom Strand aus verlor die Abtei plötzlich ganz das Aussehen einer Kathedrale mitten im Meer, wodurch sie von dem festen Lande aus den erstaunlichen Anblick bot. Von hier aus sah sie wie ein streitbares, festes Schloß aus mit der großen, gezackten Mauer, von malerischen Schießscharten durchbrochen und durch gewaltige Strebepfeiler gehalten, deren Cyklopenmauerwerk vom Fuß des seltsamen Berges heraufstieg. ... Der volle Mondschein konnte mit poetischem Glanz die kleinen Schaumköpfe der steigenden Flut versilbern, die in hohler Brandung fast unmerklich aber schauerlich über den Strand heranrollte, konnte die Mauern umspülen, die um den Berg herumliefen und auf die unbegrenzte Meeresweite, die vom Licht glänzte, das auf die Dünen fiel, den romantischen, gewaltigen Schatten aller Kirchtürme der Abtei mit seinem Licht umsäumen: man hatte keine Lust mehr zu sehen." . 

Auch in einer Novelle gibt Maupassant seine Eindrücke wieder und geht auf die Legende vom Mont Saint-Michel näher ein; der Mohamedaner denkt sich seinen Himmel mit Frauen bevölkert; St. Michael der strahlend siegreiche Engel, der Schwertträger, der Himmelsheld, der triumphierende Bezwinger Satans: "Dieses Feenschloss mitten im Meer hatte ich zuerst von Cancale aus gesehen. Ich hatte es nur undeutlich erblickt wie es als grauer Schatten sich vom trüben Himmel abhob. Dann sah ich es wieder, von Avranches aus, bei Sonnenuntergang; die unendlichen Dünen waren rot, der ganze Horizont rot, die ganze gewaltige Meeresbucht rot, nur die schroffe Abtei, die dort draußen aufragte, weit vom Festlande entfernt, wie eine phantastische Burg, wunderbar gleich einem Märchenschloss, seltsam und schön, stand fast schwarz da in der Purpurglut des sterbenden Tages. Am anderen Morgen ging ich bei Sonnenaufgang durch die Dünen hin, immer den Blick auf den mächtigen Wunderbau gerichtet, der riesig ausschaute wie ein Berg, scharf geschnitten wie eine Gemme und duftigdunstig wie Musselin. Je näher ich kam, desto mehr stieg meine Bewunderung, denn es gibt vielleicht auf der ganzen Erde nichts Wundersameres und Großartigeres als dieses Bauwerk. Und dann irrte ich so erstaunt, als hätte ich die Wohnung eines Gottes entdeckt, durch diese Hallen, die von leichten oder schweren Säulen getragen werden, durch diese durchbrochenen Gänge, und mein verwundertes Auge ruhte auf all den Türmen, die den Eindruck machten wie zum Himmel gestiegene Raketen, und auf all dem Gewirr von Türmchen, Regentraufen von reizenden schlanken Ornamenten, die ausschauten wie steingewordenes Feuerwerk, wie Spitzen aus Granit: alles Meisterwerke einer gewaltigen und doch fein empfindenden Baukunst. Als ich bewundernd stehen blieb, näherte sich mir ein niedernormännischer Bauer und erzählte mir die Geschichte vom großen Streit zwischen St. Michael und dem Teufel. ... Es wäre sehr interessant, einmal in jedem Lande die Geschichte des Lokalgottes zu schreiben, so wie die Geschichte der Schutzpatrone in all unseren Provinzen. Dem Neger sind seine Götter wilde Menschenfresser, der Mohamedaner denkt sich seinen Himmel mit Frauen bevölkert, die Griechen hatten als praktische Leute alle Leidenschaften durch Gottheiten personifiziert. Jedes Dorf in Frankreich hat seinen eigenen Schutzpatron, verschieden geschaffen je nach dem Bilde und Bedürfnis des Bauern. So beschirmt St. Michael die Niedernormandie, St. Michael der strahlend siegreiche Engel, der Schwertträger, der Himmelsheld, der triumphierende Bezwinger Satans. Der Niedernormanne, der gerissene, verschmitzte Bauer denkt sich den Kampf des großen Heiligen mit dem Teufel folgendermaßen: St. Michael hatte, um sich vor der Bosheit seines Nachbarn, des Teufels, zu schützen, mitten im Ozean diese eines Erzengels würdige Behausung gebaut. So etwas konnte allerdings nur ein so großer Heiliger schaffen. Aber da er trotzdem die Nähe des Bösen fürchtete so umgab er seine Besitzung mit trügerischem Triebsande, der gefährlicher noch ist als das Meer. Der Teufel bewohnte ein kleines Haus an der Küste. Aber er besaß die großen Wiesen, die vom Seewasser bespült werden, fette Erde, wo reiche Ernte gedeiht, kurz allen guten und fruchtbaren Boden des ganzen Landes. Während der Heilige nur über den Sand herrschte, war Satan reich und St. Michael blutarm. Nach einer Reihe von mageren Jahren ärgerte sich der Heilige über diesen Zustand, und überlegte sich, wie er wohl mit dem Teufel einen Bund machen könne. Aber die Sache war nicht leicht, denn Satan wollte seine reichen Ernten nicht hergeben. Ein halbes Jahr dachte er nach, dann machte er sich eines Morgens auf und begab sich zur Erde. Der Teufel aß gerade vor seiner Tür seine Suppe, als er den Heiligen gewahrte. Er ging ihm sofort entgegen, küsste den Saum seines Gewandes, bat ihn einzutreten und setzte ihm Erfrischungen vor. St. Michael trank einen Napf Milch und sprach: – Ich bin gekommen, um Dir einen guten Handel vorzuschlagen. Der Teufel antwortete aufrichtig und ohne Misstrauen: – Schön. – Überlasse mir alle Deine Besitzungen. Der Teufel wurde unruhig und fing an: – Aber?.Der Heilige fuhr fort: – Hör mich erst einmal an. Du überlässt mir Deine ganzen Ländereien. Ich übernehme die Bewirtschaftung, Ackern, Säen, Düngen, kurz alles, und wir teilen dann die Ernte. Ist Dir das recht? Der Teufel, der natürlich faul war, nahm an. Er verlangte bloß als Zugabe einige jener ausgezeichneten Meerbarben, die man um das einsame Schloss im Meere fängt. Der Heilige sagte die Fische zu. Sie gaben sich die Hand und spuckten seitwärts aus, um damit zu bezeugen, dass das Geschäft abgeschlossen sei. Dann sprach der Heilige: – Hör mal, ich möchte nicht gern, dass Du Grund zur Unzufriedenheit hättest. Such Dir aus, was Dir lieber ist: den Teil der Ernte über der Erde oder den unter der Erde. Der Teufel rief: – Ich nehme den über der Erde. – Einverstanden! – meinte der Heilige und ging davon. Ein halbes Jahr darauf sah man auf den unendlichen Besitzungen des Teufels nichts als Karotten, Rüben, Zwiebeln, Schwarzwurzeln, kurz lauter Pflanzen, deren fette Wurzeln gut und nahrhaft sind und deren unnützes Grünzeug höchstens als Viehfutter dient. Der Teufel bekam nichts und wollte den Vertrag lösen, indem er dem heiligen Michael Hinterlist vorwarf. Aber der hatte Geschmack an der Landwirtschaft gefunden, besuchte wiederum den Teufel und sprach: – Ich kann Dich versichern, dass mir gar nicht eingefallen ist, Dich hereinlegen zu wollen. Das hat sich von selbst gemacht ohne meine Schuld. Und um Dich zu entschädigen, biete ich Dir dieses Jahr das an, was unter der Erde ist. – Einverstanden! – sagte der Teufel. Im folgenden Frühjahr waren die ganzen Besitzungen des bösen Geistes mit dichtem Getreide, mit schwerem Hafer bestellt, mit Flachs und prachtvollem Raps, mit rotem Klee, Erbsen, Kohl, Artischocken, kurz mit Allem, was Frucht oder Körner trägt. Wieder bekam der Teufel nichts und wurde wütend. Er nahm seine Wiesen und Felder zurück und wollte von irgend welchen neuen Abmachungen mit seinem Nachbar nichts mehr wissen. Ein ganzes Jahr verstrich. St. Michael blickte von seiner Burg herab da drüben auf die fruchtbare Erde und sah, wie sich der Teufel die Hände rieb, wie er erntete und drosch und war wütend über seine Ohnmacht, und da er den Teufel nicht mehr hereinlegen konnte, beschloß er, sich zu rächen. Deshalb lud er ihn für den nächsten Montag zu Tisch ein. – Du hast in Deinen Geschäften mit mir kein Glück gehabt, aber ich möchte nicht, dass zwischen uns eine Verstimmung bleibe und ich rechne darauf, dass Du zu mir zum Essen kommst, ich werde Dir auch was Gutes vorsetzen. Der Satan, der ebenso gefräßig war wie faul, nahm sofort an. Am bestimmten Tage zog er seine schönsten Kleider an und machte sich auf den Weg. St. Michael hieß ihn an einem wundervollen Tisch niedersitzen. Zuerst wurde eine Blätterteigpastete mit Hahnenkämmen und Nieren aufgetragen, mit Klößen aus gehacktem Fleisch, dann zwei große Meerbarben in Sahne, dann Pute gefüllt mit eingemachten Maronen in Weinsauce, darauf eine Hammelkeule so zart wie Kuchen, endlich Gemüse, die auf der Zunge schmolzen und warmer Pudding, der dampfend einen Buttergeruch verbreitete. Dazu ward reiner Apfelwein getrunken, süß und perlend, dann Rotwein, der zu Kopfe stieg, und nach jeder Schüssel noch ein Gläschen alten Branntweins.  Der Teufel aß und trank sich voll und tat soviel des Guten, dass ihm schlecht ward. Da stand St. Michael drohend auf und rief mit Donnerstimme: – Hebe Dich von mir! Hebe Dich von mir, Kanaille! Du wagst es in meiner Gegenwart?.Der erschrockene Teufel entfloh und der Heilige nahm einen Stock und verfolgte ihn. Dann liefen sie durch die Säle, um die Säulen herum, über die luftigen Treppen, rasten längs der Gesimse, sprangen von einer Dachrinne zur anderen. Der arme Satan fühlte sich hundeelend, dass er beinahe die Seele ausgehaucht hätte, er besudelte im Fliehen überall die Burg des Heiligen. Endlich stand er auf der letzten Terrasse ganz oben, von wo aus man die ganze unendliche Meeresbucht mit den Städten in der Ferne, mit den Dünen und den Weideplätzen übersieht. Jetzt konnte er nicht mehr entfliehen und der Heilige gab ihm mit aller Gewalt einen Fußtritt in den Hintern, dass er wie eine Kugel durch die Wolken sauste. Er durchschoss gleich einem Pfeile die Luft und fiel schwer vor der Stadt Mortain nieder. Die Hörner auf seiner Stirne und seine Krallen schlugen tief in den Felsen ein, der nun auf ewige Zeiten die Spuren von Satans Sturze trägt. Hinkend stand er auf, sodass er nun lahm geblieben ist für alle Ewigkeit. Und als er in der Ferne den bösen Berg sah, der wie eine scharfe Spitze in die untergehende Sonne hineinragte, sah er ein, dass er bei diesem ungleichen Streit doch stets den Kürzeren ziehen würde und entfloh, das Bein nachziehend, in ferne Länder, indem er seinem Feinde Felder, Täler, Wiesen überließ. So überwand St. Michael der Schutzpatron der Normannen den Teufel." [7]

 

6. Allouma

Für Wanderungen in Europa gibt es viele Möglichkeiten, in Algerien wird es schon schwieriger und gefährlicher und man kann sich schnell verlaufen; »Grab der Christin«, das Grabmal einer maurischen Königsfamilie: "Seit einem Monat durchstreifte ich zu Fuß jene wundervolle Gegend, die sich von Algier nach Cherchell, Orléansville und Tiaret zieht. Sie ist gleichzeitig bewaldet und öde, gewaltig und lieblich. Zwischen zwei Bergketten liegen dort düstere Fichtenwälder in engen Tälern, im Winter von reißenden Bächen durchschossen. Mächtige über die Schluchten gefallene Bäume dienen den Arabern als Brücken, und Schlinggewächse, die sich um die toten Stämme ranken, überziehen diese mit neuem Leben. Dort gibt es Schlünde in unerforschten Bergschluchten von grausiger Schönheit und wieder ebene Bachufer mit Alpenrosen überwachsen, von unglaublichem Zauber. Was mir aber am unvergesslichsten geblieben, sind die Nachmittagsspaziergänge längs der dürftig bewaldeten, vielfach gewundenen Küste, von der aus man die weite wellige Landschaft überschaut vom blauen Meer bis zur Bergkette Quarsenis, deren First der Cedernwald von Teniet-el-Haad krönt. An jenem Tage verirrte ich mich. Ich hatte gerade einen Gipfel bestiegen, von dem aus ich über eine Hügelreihe hinweg die weite Ebene von Mitidja übersehen konnte, dahinter noch weiter, auf der Höhe einer anderen Kette, in der Ferne fast verschwimmend, das seltsame Denkmal, das »Grab der Christin« geheißen, wie man sagt das Grabmal einer maurischen Königsfamilie. Ich stieg wieder hinab, nach Süden zu. Vor mir erstreckte sich bis hinauf zu den Gipfeln, die in den klaren Himmel hineinragten, am Rand der Wüste, ein wildes Bergland, fahl, rotgelb, als ob alle die Hügel mit aneinander genähten Löwenfellen bedeckt wären. Ab und zu stieg dazwischen ein höherer Buckel auf, spitz, gelb, wie der behaarte Höcker eines Kamels. ... In der Ferne entdeckte ich ein Araberlager: braune, spitze Zelte, die am Boden klebten wie Meermuscheln auf den Felsen, oder Hütten, aus Zweigen zusammengebaut, aus denen grauer Rauch stieg. Weiße Gestalten, Männer oder Frauen, irrten langsam hin und her, und unbestimmt klangen durch die Abendluft die Glöckchen der Herden. ... O, wie fern war ich von all den Dingen, von all den Leuten, für die man sich auf dem Boulevard interessiert. Wie fern auch von mir selbst; eine Art Wesen, das umherirrt ohne Bewußtsein, ohne Gedanken, ein Auge, das über die Dinge gleitet, sieht, nichts will, als sehen. So war ich weit von meinem Wege abgekommen, auf den ich garnicht mehr achtete, und als die Nacht hereinbrach, merkte ich, dass ich mich verirrt hatte."

Nur selten verirrt sich ein Europäer hierhin und baut Wein an: "Ich kannte seine Geschichte. Er hatte mit Weibern den größten Teil seines Vermögens durchgebracht, und von dem was übrig blieb in Algier Grund und Boden gekauft, auf dem er nun Wein zog. Der Weinbau ging gut; er war glücklich und hatte in der Tat das behagliche Aussehen eines zufriedenen Menschen. Ich begriff nicht, wie ein Pariser Kind, dieser Lebemann, sich an solch eintönige Leben in der Öde hatte gewöhnen können. ... Ich hatte diese Farm gekauft, diesen Bordj, eine ehemalige kleine Festung, die ein paar hundert Meter von der Ansiedelung der Eingeborenen liegt, die ich für meine Anpflanzungen beschäftigte. Zu meinem persönlichen Dienst wählte ich aus diesem Stamme – einem Teil der Oulad-Taadja – einen großen Burschen aus, denselben, den Sie eben hier gesehen haben: Mohammed ben Lam'har. Er wurde mir bald sehr ergeben. Da er nicht in einem Hause schlafen wollte, weil er das nicht gewöhnt war, schlug er sein Zelt ein paar Schritte von der Tür auf, so dass ich ihn von meinem Fenster aus rufen konnte."

Frauen des Harems; Maupassant meint in dieser Novelle, Araber, in die der Islam eingedrungen ist, seien Lügner durch und durch, so dass man ihrem Gerede niemals trauen könne; die Lüge mache einen Teil ihres Wesens aus, ihres Herzens, ihrer Seele, wie sie ihnen zur zweiten Natur geworden sei, versehen mit dem Hirn eines Eichhörnchens. Es seien fremde, rätselhafte, lügnerische, durchtriebene, unterdrückte, ewig lächelnde, unerforschliche Wesen mit allerlei Aberglaube: "Mein Entschluss war sofort gefasst. Da dieses Mädchen mir nun einmal so in die Arme gefallen war, wollte ich sie behalten, wollte aus ihr eine Art Sklaven-Geliebte machen, die in meinem Haus verborgen blieb wie die Frauen des Harems. Wenn ich sie eines Tages satt hatte, war es leicht, sie auf irgend eine Manier fortzubringen, denn in Afrika gehörten uns diese Art Wesen beinah mit Leib und Seele. Ich sagte ihr: – Ich will gut gegen Dich sein, ich will Dich so behandeln, dass Du nicht unglücklich wirst. Aber ich muss wissen, wer Du bist und woher Du kommst. Sie begriff, dass sie jetzt reden musste und erzählte mir ihre Geschichte, oder vielmehr eine Geschichte, denn sie log vom ersten Wort bis zum letzten, wie alle Araber lügen, immer, mit oder ohne Grund. Das ist einer der seltsamsten und unbegreiflichsten Charakterzüge der Eingeborenen, dass sie lügen. Diese Menschen, in die der Islam so eingedrungen ist, dass er einen Teil von ihnen ausmacht, dass er ihre geistigen Fähigkeiten nach seiner Anschauung formt, ihre ganze Rasse verändert, sie von den anderen im Punkt der Moral unterscheidet, ebenso wie die Hautfarbe den Neger vom Weißen trennt: sie alle sind Lügner durch und durch, dass man ihrem Gerede niemals trauen kann. Ob das mit ihrer Religion zusammenhängt, weiß ich nicht. Man muss unter ihnen gelebt haben, um sich zu überzeugen wie die Lüge einen Teil ihres Wesens ausmacht, ihres Herzens, ihrer Seele, wie sie ihnen zur zweiten Natur geworden ist, ja geradezu eine Lebensnotwendigkeit. Sie erzählte mir also, sie sei die Tochter eines Kaïds der Ouled Sidi Scheik, und einer von ihm den Touaregs geraubten Frau. Diese Frau musste wohl eine schwarze Sklavin gewesen sein, oder wenigstens aus erster Kreuzung arabischen und Negerblutes stammen. Bekanntlich sind die Negerinnen in den Harems sehr gesucht, wo sie als besonderes Reizmittel gelten. Übrigens zeigte sich bei ihr außer jenem Purpur der Lippen und der dunklen Erdbeerfarbe der länglichen, elastisch-federnden Brüste nichts von dieser Abstammung. Darin konnte sich ein erfahrenes Auge nicht täuschen. Aber alles andere gehörte der schönen, weißen, schlanken Rasse des Süden an, deren feines Gesicht einfach und gerade geschnitten ist wie ein indisches Heiligenbild. Die weit auseinander stehenden Augen erhöhten noch den fast überirdischen Eindruck dieses Kindes der Wüste. Über ihre wirkliche Stellung erfuhr ich nichts Genaues. Sie erzählte mir ab und zu unzusammenhängende Einzelheiten, die zufällig in ihrem verworrenen Gedächtnis aufzusteigen schienen. Köstliche kindliche Anschauungen mischten sich hinein, das ganze Nomadenleben, wie es sich im Hirn eines Eichhörnchens spiegelt, das von Zelt zu Zelt gesprungen ist, von Lager zu Lager, von Stamm zu Stamm. Und all das wurde hergeleiert mit der ernsten Wichtigthuerei dieses Volkes, mit der Miene einer schwatzenden Puppe und einem etwas komischen Ernst. Als sie fertig war, merkte ich, dass ich garnichts behalten hatte von dieser ganzen langen Geschichte, voller nebensächlicher Ereignisse, die in ihrem oberflächlichen Gehirn haften geblieben waren. Und ich fragte mich, ob sie mich nicht einfach zum Narrn gehalten hätte, durch dieses inhaltslose, ernst vorgetragene Geschwätz, das mir eigentlich über sie selbst und ihr Leben nichts gesagt hatte. Und ich dachte an dieses überwundene Volk, unter dem wir leben, oder vielmehr, das mitten unter uns lebt, deren Sprache wir kaum zu sprechen angefangen, das wir unter dem dünnen Leinen seiner Zelte in den Tag hinein leben sehen, denen wir unsere Gesetze, unsere Ordnung, unsere Sitten aufzwangen, und von denen wir nichts wissen, aber auch garnichts, nicht als ob wir sie seit fast sechzig Jahren fortwährend beobachteten. Wir wissen nicht mehr davon, was in dieser Hütte aus Zweigen, oder unter diesem kleinen Conus aus Stoffen, der mit Pflöcken an der Erde festgehalten wird und zwanzig Meter von unsern Thüren steht, vorgeht, als wir eine Ahnung haben, was die sogenannten civilisierten Araber in den maurischen Häusern von Algier treiben und denken. Hinter den kalkbeworfenen Mauern ihrer Stadthäuser, unter der weißen Decke ihrer Zelte, oder hinter dem dünnen, braunen Vorhang von Kamelshaar, der im Winde flattert, leben sie in unserer Nähe, Fremde, rätselhafte, lügnerische, durchtriebene, unterdrückte, ewig lächelnde, unerforschliche Wesen. Ich sage Ihnen, wenn ich von weitem mit meinem Opernglas das nächste Araberlager beobachte, merke ich, dass bei ihnen allerlei Aberglaube sein Wesen treibt, dass sie tausend Sitten und Gebräuche haben, die wir noch nicht kennen, von denen wir nicht einmal eine Ahnung haben. Noch niemals hat ein durch Gewalt unterworfenes Volk sich so völlig der hartnäckigen aber nutzlosen Erforschung durch den Sieger zu entziehen gewußt."

Sie stehen dem Tiere zu nahe, sie haben ein zu wenig ausgebildetes Herz, zu wenig verfeinerte Gefühlsthätigkeit, um in unseren Seelen jene schwärmerische Stimmung hervorzurufen, die die Poesie der Liebe ist. Keine geistige Befriedigung, kein Gedankenschwung: "Ich liebte sie nicht – nein – man kann die Mädchen dieses unkultivierten Volkes kaum lieben. Zwischen ihnen und uns, sogar zwischen ihnen und ihren Männern, den Arabern, erblüht niemals die blaue Blume wie in den nördlicheren Ländern. Sie stehen dem Tiere zu nahe, sie haben ein zu wenig ausgebildetes Herz, zu wenig verfeinerte Gefühlsthätigkeit, um in unseren Seelen jene schwärmerische Stimmung hervorzurufen, die die Poesie der Liebe ist. Keine geistige Befriedigung, kein Gedankenschwung mischt sich in den Sinnenrausch, den diese reizenden aber nichtssagenden Wesen in uns entzünden."

Dieses elende Afrika mit ihren "mohamedanischen Kapellen", wo es keine Kunst, keine Freuden des Geistes gibt: "Ich könnte nicht genau auseinandersetzen, was ich für dieses Wesen empfand. Ich sagte Ihnen vorhin, dass dieses Land, dieses elende Afrika, wo es keine Kunst, keine Freuden des Geistes gibt, uns doch allmählich für sich einnimmt durch einen ganz bestimmten unnennbaren Reiz, durch die weiche Luft, durch die immer milden Morgen und Abende, durch die köstliche Beleuchtung, durch das unsagbare Wohlgefühl, in das es alle unsere Sinne badet. Nun, Allouma nahm mich in derselben Weise ein durch tausend fesselnde körperliche, aber unbewußte Reize, durch die rührenden Verführungskünste, nicht so sehr durch die Glut ihrer Umarmung, denn sie war gleichgültig wie alle Orientalen, aber durch ihre süße Hingabe."

Typus eines wilden Barbaren mit falschen Schakalaugen; warum sie so oder so handeln? Nicht mehr als eine Wetterfahne: "Er war ein großer Beduine, dessen Hautfarbe mit der seiner Lumpen zusammenstimmte, der Typus eines wilden Barbaren, mit herausstehenden Backenknochen, krummer Nase, zurücktretendem Kinn, dünnen Beinen: ein großes in Fetzen gekleidetes Skelett mit falschen Schakalaugen. Ich hatte gar keinen Zweifel mehr, ja sie war mit dem Halunken durchgegangen. Warum? Weil sie Allouma war, die Tochter der Wüste. Eine andere vom Pariser Pflaster zum Beispiel wäre wahrscheinlich mit meinem Kutscher oder irgend einem Straßenbummler durchgebrannt. ... Das genügt. Ein Windhauch! Weiß sie, wissen sie alle, selbst die feinsten, die schlausten, in den meisten Fällen, warum sie so oder so handeln? Nicht mehr als eine Wetterfahne, die sich im Winde dreht. Ein Lufthauch, kaum zu merken, wirbelt den Pfeil aus Eisen, Kupfer, Blech oder Holz herum, genau so wie ein unfassbarer Einfluss, ein nicht zu spürender, das ewig wechselnde Herz der Frau erregt und treibt, sei sie nun Städterin, sei sie vom Lande, aus dem Menschengewühl oder der Einöde." [8]
 
 

7. Ein Abend

Auch in der Novelle "Ein Abend" geht es um den Orient, zum Beispiel um Vagabundenwohnungen der Araber, das Sarazenentor : "Der »Kléber« hatte gestoppt, und mit entzückten Augen betrachtete ich den wundervollen Golf von Bougie, der sich vor uns auftat. Die kabylischen Wälder bedeckten die hohen Berge; in weiter Ferne bildete der gelbe Sand am Meer einen Saum wie aus Goldstaub, und die Sonne strahlte in Feuergluten auf die weißen Häuser der kleinen Stadt herab. Der heiße Luftzug, der Atem Afrikas, wehte meinem freudigbewegten Herzen den Dunst der Wüste entgegen; den Dunst des großen geheimnisvollen Weltteils, in dessen Inneres der Mensch aus Norden kaum je eindringt. Seit drei Monaten irrte ich umher am Rande dieser dunkeln unbekannten Welt, an den Küsten dieses abenteuerlichen Erdteils, der Heimat des Straußes, des Kamels, der Gazelle, des Flußpferdes, des Gorilla, des Elefanten und des Negers. Ich hatte die Araber dahinjagen sehen, wie eine Fahne, die flattert, weht, vorüberfliegt und verschwindet. Ich hatte unter ihren braunen Zelten geschlafen, in den Vagabundenwohnungen dieser weißen Zugvögel der Wüste. Ich war trunken von Licht, von den Eindrücken dieser unendlichen Weite. Jetzt nach der letzten Reise musste ich fort, nach Frankreich zurück, Paris wiedersehen, die Stadt des unnützen Geschwätzes, der alltäglichen Betrachtungen, des unaufhörlichen Händeschüttelns. Ich musste Abschied nehmen von all den liebgewonnenen Dingen, neu für mich, kaum kennen gelernt, und doch schon so vermisst. Eine Menge Barken umschwirrten den Dampfer; ich sprang in eine hinein, die ein kleiner Neger ruderte, und bald stand ich auf dem Quai, nahe dem alten Sarazenentor, dessen graue Ruine am Eingang der Kabylenstadt aussieht wie ein Wahrzeichen antiker Vornehmheit. Als ich neben meiner Reisetasche am Hafen stand und hinüberschaute nach dem mächtigen Schiff, das auf der Rede vor Anker lag, noch ganz benommen von Bewunderung über diese einzige Küste, vor diesem Felsengrund von hohen Bergen, bespült von blauen Wogen dieser Bucht, schöner als der Golf von Neapel, ebenso schön wie Ajaccio und Porto auf Corsica, legte sich mir eine Hand schwer auf die Schulter. Ich wendete mich um und sah einen großen Mann mit langem Bart, einem Strohhut auf dem Kopf, in weißem Flanellanzug vor mir stehen, der mich mit seinen blauen Augen scharf anblickte. – Sind wir nicht alte Schulfreunde? – sagte er. – Das ist möglich. Wie heißen Sie? – Trémoulin. – Donnerwetter noch mal! Du warst ja mein Nachbar in der Schule. ... Er war sehr klug, von fabelhaft leichter Fassungsgabe, geistig unendlich schmiegsam, von natürlicher Begabung für alle litterarischen Studien, und war so immer der Erste in der Klasse gewesen. Auf der Schule war man überzeugt, er würde ein berühmter Mann werden, jedenfalls ein Dichter, denn er machte Verse und hatte eine Menge sentimentaler Ideen. Sein Vater, ein Apotheker im Pantheonviertel, galt nicht für besonders wohlhabend."

Er pflanzt Trauben, aus denen er Wein macht, etwas was in islamischen Ländern selten ist; altes maurisches Haus mit Innenhof, ohne Fenster nach der Straße: "Trémoulin nahm mich beim Arm und führte mich fort. Zuerst fragte er mich nach meiner Reise, wollte meine Eindrücke wissen und da er meine Begeisterung sah, schien er mich doppelt in sein Herz zu schließen. Seine Wohnung war ein altes maurisches Haus mit Innenhof, ohne Fenster nach der Straße, von einer Terrasse überragt, die freien Ausblick hatte über die Nachbarhäuser, den Golf, die Wälder, das Meer. ... Nachdem ich ein Bad genommen hatte, zeigte er mir die reizende kabylische Stadt, deren weiße Häuser sich wie ein Wasserfall zum Meere senkten. Und dann, als es Abend wurde, kehrten wir heim und gingen nach einem wundervollen Diner an den Quai. Man sah nichts mehr als die erleuchteten Straßen, das Licht der Sterne, jener großen, leuchtenden, glitzernden Sterne des afrikanischen Himmels. ... In der Ferne bellten Hunde, jene mageren arabischen Hunde, rothaarig, mit spitzer Schnauze und leuchtenden Augen. Sie heulten wie jede Nacht in diesem weiten Land vom Meeresufer bis tief in die Wüsten hinein, wo die Nomadenstämme wohnen; Füchse, Schakale, Hyänen antworteten, und nicht weit entfernt, brüllte irgendwo ein einsamer Löwe in einer Schlucht des Atlas."

Seele des Orients, die Seele, so voller Poesie und Legenden mit Bildern aus der Bibel: "In dem Augenblick, als wir auf die Terrasse traten, sah ich den Mond hinter den Bergen aufgehen. In langsamen Stößen blies der warme Luftzug daher, trug leichte kaum zu unterscheidende Wohlgerüche mit sich, als ob er auf seinem Wege die Düfte der Gärten und der Städte all jener sonnenglühenden Länder in sich aufgenommen hätte. Rings um uns herum zogen sich weiße Häuser mit viereckigen platten Dächern bis zum Meer hinab. Und auf all diesen Dächern gewahrte man, liegend oder stehend, menschliche Gestalten, die schliefen oder träumten unter den Gestirnen, ganze Familien, in lange Flanell-Gewänder gewickelt, die sich in der milden Nacht erholten von der Hitze des Tages. Da war es mir plötzlich, als erfasste ich die Seele des Orients, die Seele, so voller Poesie und Legenden, dieser einfachen Menschen mit den Gedanken so reich an Bildern. Und Bilder aus der Bibel und den Märchen aus Tausend und einer Nacht erfüllten mein ganzes Herz. Ich hörte die Propheten Wunder verkünden und sah auf den Terrassen der Paläste Prinzessinen in Seidenhöschen spazieren, während auf silbernen Kohlenbecken Wohlgerüche verdampften, deren Rauch in Form von Geistern in die Luft verflog."

Schöne Mädchen mit schmutziger Seele; Quintessenz des Lebens: "Er predigte wie ein Prophet des Altertums mit erhobener Stimme, verkündete unter dem ewigen Sternenhimmel, mit dem Zorn der Verzweiflung, die verherrlichte Schande aller Maitressen alter Herrscher, ... Ich sah sie, von Anbeginn der Welt, durch ihn hervorgezaubert, beschworen, ans Licht gebannt, in dieser Nacht des Orients stehen, all die Mädchen, die schönen Mädchen mit schmutziger Seele, die, wie das Tier, das das Alter des Weibchens nicht kennt, den greisen Liebeswünschen nachgegeben. Um uns herum erschienen sie, alle die Dienerinnen der Patriarchen, gepriesen in der Bibel: Hagar, Ruth, die Töchter des Loth, die braune Abigail, die Jungfrau von Sunam, die mit ihren Liebkosungen den sterbenden David wieder belebte und alle anderen jungen, dicken, weißen, Patrizierinnen oder Plebejerinnen, unverantwortlichen Weiber eines Herrn, bezwungene, verführte oder bezahlte Sklavenleiber. ... Dieser Abend ist mir unauslöschlich in der Erinnerung geblieben. Alles was ich gesehen, empfunden, gehört und geahnt, der Fischzug, vielleicht auch der Polyp, diese ergreifende Erzählung, während rings auf den Nachbardächern die weißen Gestalten lagen, alles fügte sich in ein bewegtes Bild zusammen. Manche Begegnungen, manch unerklärlicher Zusammenhang der Dinge enthält gewiss, ohne dass etwas Außergewöhnliches dabei vorkommt, eine größere Menge geheimer Quintessenz des Lebens als alles was im Gleichmaß der Tage verstreut liegt." [9]
 
 

8. Marroca

Eindrücke, Erlebnisse und Liebesabenteuer vom Afrikanischen Boden aus: "Du sagtest, schon im voraus müsstest Du über meine schwarzen Liebschaften lachen und sähest mich bereits in Begleitung einer großen ebenholzdunklen Frau wiederkommen, mit gelbem Kopftuch und in schlotternden auffallenden Gewändern. ... Hier liebt man mit wahnsinniger Leidenschaft. Vom ersten Tage ab fühlt man eine Art zitternder Glut, ein plötzliches Erwachen der Begierden, eine Schwäche bis in die Fingerspitzen, die unsere Liebesfähigkeit und all unsere Empfindungen bis zur Verzweiflung überreizt. Das geht von der einfachen Berührung der Hand bis zu jenem unnennbaren Zwange, der uns soviel Dummheiten begehen lässt."

Herzensneigung, Seelenliebe, ideale, kurz platonische Liebe unter Moslems? Fehlanzeige: "Wohlverstanden, ich weiß nicht ob es das, was man Herzensneigung, Seelenliebe, ideale, kurz platonische Liebe nennt, unter diesen Breiten gibt. Ich zweifle sogar daran. Aber die andere Liebe, die der Sinne, die auch ihr Gutes hat, wird in diesem Klima wirklich fürchterlich. Diese Hitze, diese fiebererregende fortwährende Siedetemperatur der Luft, diese erstickenden Südwinde, diese Feuerfluten aus der nahen großen Wüste, dieser schwere Schirokko, der mehr brennt und frisst denn Flammen, diese unausgesetzte Feuersbrunst in der der ganze Erdteil steht, den die ungeheuere sengende Sonnenglut bis zu den Steinen in Brand gesetzt – alles das macht das Blut kochen, entzündet das Fleisch, weckt das Tier."

Landschaften und Sitten in Algerien: "Über die erste Zeit meines Aufenthaltes in Algerien will ich nicht weiter reden. Nachdem ich Bona, Constantine, Biskra und Setif besucht, kam ich über den Chabet-Pass. Ein unvergleichlicher Weg ist das, mitten durch Kabylenwälder, zweihundert Meter über dem Meere hin in Serpentinen bis zum wundervollen Meerbusen von Bougie! Er ist ebenso schön als die von Neapel, Ajaccio und Douarnenez, die prachtvollsten die ich kenne, vielleicht abgesehen von der von rotem Granit umsäumten Wunderbucht von Porto an der Westküste Korsikas. Ehe man das wogenstill daliegende große Becken umgangen, sieht man schon von weitem, ganz fern Bougie liegen. Es ist auf den Abhängen eines hohen bewaldeten Berges erbaut. Und erscheint einem wie ein weißer Fleck auf dem grünen Abhang, als wäre es der Gischt eines dort sich ins Meer stürzenden Wasserfalles. ... Überall bietet sich dem Auge ein weiter Kreis von Bergspitzen, die krumm, zersägt, als Hörner und Zacken sich so eng zusammenschließen, dass man kaum das offene Meer erkennen kann, und der Meerbusen wie ein See aussieht. Das blaue, milchblaue Wasser ist wunderbar durchsichtig, und darüber wölbt sich in märchenhafter Schönheit der azurblaue Himmel, der ausschaut als trüge er eine doppelte Farbschicht! Eines scheint sich im andern zu spiegeln und seine Strahlen zurückzuwerfen. Bougie ist eine Ruinenstadt. Wenn man ankommt erblickt man am Quai ein so prachtvolles altes Gemäuer, dass man denken könnte, es wäre eine Theaterdekoration. Es ist das alte, epheuumrankte Sarazenentor. Und rings um die Stadt liegen in den Wäldern am Bergeshang überall Ruinen, stehengebliebene römische Mauern, Überbleibsel Sarazenischer Denkmäler, Reste arabischer Bauten. Im hochgelegenen Teile der Stadt hatte ich ein kleines maurisches Haus gemietet. Du kennst diese Wohnungen. Sie sind oft beschrieben worden. Nach außen haben sie keine Fenster, aber der Innenhof gibt ihnen Licht von oben bis unten. Im ersten Stock enthalten sie einen großen kühlen Raum, in dem man sich den Tag über aufhält und ganz oben eine Terrasse, wo man die Nacht verbringt. Sofort nahm ich die Sitten der heißen Länder an, das heißt, ich hielt meine Siesta nach dem Frühstück. Das ist die heißeste Zeit in Afrika. Da kann man kaum atmen. Dann sind Straßen, Ebenen und die langen, das Auge blendenden Wege menschenleer. Alles schläft, oder sucht doch wenigstens zu schlafen und zwar so wenig bekleidet als nur irgend möglich."

Zwei Qualen, Wasser- und Weibermangel: "Ich weiß nicht, welches von beiden schlimmer ist. Um ein Glas klares, frisches Wasser würde man in der Wüste jede Gemeinheit begehen. Und was gäbe man wohl in gewissen Küstenstädten um ein schönes, frisches, gesundes Mädchen? Mädchen fehlen nämlich nicht in Afrika! Im Gegenteil, es gibt ihrer im Überfluss, aber, um bei meinem Vergleiche zu bleiben, sie sind dort alle ebenso ungesund und verfault, wie das Schlammwasser der Brunnen in der Sahara." 

Marroca; an Geist war sie übrigens so einfach, wie zwei mal zwei vier macht, und an die Stelle von Nachdenken trat helles Lachen: "Acht Tage später waren wir gute Freunde. Und wiederum nach acht Tagen wurden wir es noch mehr. Sie hieß Marroca – wahrscheinlich ein Zuname – und sprach das Wort aus als enthielte es fünfzehn R. Sie stammte von spanischen Kolonisten und hatte einen Franzosen geheiratet namens Pontabèze. ... Sie war wirklich ein wundervolles Mädchen, wenn auch von etwas wilder Art. Ihre Augen schienen immer vor Leidenschaft zu glänzen. Ihr halboffener Mund, ihre spitzen Zähne, selbst ihr Lächeln hatte etwas wild-sinnliches, und ihre seltsame Brust, länglich und gerade, spitz gleich einer Birne aus Fleisch, elastisch als enthielte sie stählerne Federn, gab ihrem Körper etwas vom Tier, machte aus ihr ein prachtvolles, niederes Wesen, ein zur freien Liebe bestimmtes Geschöpf. ... An Geist war sie übrigens so einfach, wie zwei mal zwei vier macht, und an die Stelle von Nachdenken trat helles Lachen. ... Auf ihre Schönheit war sie instinktmäßig stolz. Sie hasste jeden Schleier. Sie bewegte sich, lief und sprang in meinem Hause umher in unbewußter und verwegener Freiheit. ... Wenn der große, leuchtende Südlandmond am Himmel strahlte und Stadt und Golf, eingerahmt von den Bergen, beschien, dann erblickten wir auf allen anderen Terrassen ein Heer schweigender Gestalten ausgestreckt, die sich ab und zu erhoben, einen anderen Platz suchten um sich bei der mattlauen Luft wieder auszustrecken. Trotz der Helligkeit der afrikanischen Abende blieb Marroca dabei, sich unbekleidet in den Mondenschein zu legen. Sie kümmerte sich nicht um alle, die uns sehen konnten, und stieß oft nachts trotz meiner Befürchtungen und Bitten einen langen, gellenden Schrei aus, sodass in der Ferne die Hunde heulten."

Ähnlich wie bei wilden Arabern in öffentlichen Verkehrsmitteln, hat man immer das Gefühl, sie könnten plötzlich ein Messer zücken oder mit einem Hackebeil um sich schlagen: "Sie zwinkerte und deutete mit ausgestreckter Hand auf den Stuhl, auf den ich mich eben gesetzt. Und der ausgestreckte Finger, der Zug um ihren Mund, die halbgeöffneten Lippen, ihre spitzen, blitzenden Zähne, alles deutete auf das kleine Holzbeil, dessen scharfe Schneide glänzte. Es war, als wollte sie danach greifen, dann presste sie mich mit dem linken Arm an sich, und wie wir Seite an Seite standen, machte sie mit dem rechten Arm eine Bewegung, als schlüge sie einem knieenden Manne den Kopf ab." [10]
 
 

9. Auf der Eisenbahn

An Flughäfen werden die Passagiere genau durchleuchtet, nicht so bei der Eisenbahn, U-Bahn oder Straßenbahn. Dort hat man immer noch das Gefühl, ein wilder Araber oder Türke könnte jederzeit ein Messer zücken oder mit einer Axt die Fahrgäste angreifen. Eben weil unkontrolliert Verbrecher und andere zwielichtige Gestalten aus der "Halbwelt der Hauptstadt" dort mitfahren können, hat man Frauen und Minderjährige nie allein reisen lassen, man suchte nach einer passenden Persönlichkeit, die ihnen genügend Sicherheit bot. Was sonst noch im Zug passieren kann ...

Das hält Maupassant in einer Novelle fest: "Die Sonne ging eben unter, hinter der Bergkette, deren Riesenhaupt der Puy de Dôme ist, und die langen Schatten der Bergspitzen fielen auf das tiefe Tal von Royat. Ein Paar Menschen gingen im Park beim Musikpavillon auf und ab. Andere saßen noch hier und da in Gruppen umher, trotz der Frische des Abends. Eine dieser Gruppen unterhielt sich lebhaft, denn es handelte sich um eine ernste Sache, die Frau von Sarcagnes, Frau von Vaulacelles und Frau von Bridoie viel Kopfzerbrechen machte. In ein paar Tagen sollten die Ferien beginnen und sie mussten ihre Söhne kommen lassen, die bei den Jesuiten und Dominikanern erzogen wurden. Nun hatten die Damen gar keine Lust, die Reise, um ihre Sprösslinge abzuholen, selbst zu unternehmen, aber sie wußten durchaus niemand, der sich dieser Mühewaltung unterzogen hätte. Es war gegen Ende Juli, Paris ganz verlassen. Und sie suchten vergeblich nach irgend einer Persönlichkeit, die ihnen genügende Sicherheit geboten hätte. Ihre Verlegenheit wuchs, weil ein paar Tage vorher in einem Wagenabteil auf der Eisenbahn eine höchst unsittliche Geschichte passiert war. Und die Damen waren nun der festen Überzeugung, dass die ganze Halbwelt der Hauptstadt unausgesetzt zwischen der Auvergne und Paris hin und her führe. Übrigens meldete der Gil blas, wie Frau Bridoie behauptete, die Anwesenheit sämtlicher bekannten und unbekannten Halbweltlerinnen in Vichy, Mont Dore und La Bourboule. Da sie dort waren, mussten sie wahrscheinlich mit der Eisenbahn hingekommen sein und würden wohl ohne Zweifel auch auf diesem Wege zurückkehren. Auf dieser verdammten Eisenbahnlinie gab es also ein fortwährendes Hin und Her von öffentlichen Mädchen, und die Damen waren außer sich, dass den Dämchen nicht das Betreten der Bahnhöfe untersagt würde. Nun war Roger von Sarcagnes 15 Jahre, Gontran von Vaulacelles 13 Jahre, Roland von Bridoie 11 Jahre alt. Was also tun? Sie konnten doch nicht ihre lieben Kinder der Berührung mit solchen Kreaturen aussetzen. Was hätten sie da gehört, gesehen, was konnten sie lernen, wenn sie einen ganzen Tag oder gar eine ganze Nacht hindurch in ein und demselben Wagenabteil saßen, mit vielleicht einem oder zweien jener Frauenzimmer, mit einem oder zweien ihrer Begleiter. Man wußte keinen Rat, als Frau von Martinsec vorüberkam. Sie blieb stehen, um ihren Freundinnen guten Tag zu sagen, die ihr sofort ihre Nöte mitteilten. Da rief sie: – Ach, das ist ganz einfach, ich werde Ihnen unsern Abbé borgen. Ich kann ihn ganz gut achtundvierzig Stunden entbehren. Durch die beiden Tage wird wohl Rudolfs Erziehung nicht leiden. Der Abbé mag doch Ihre Kinder abholen und herbringen. Sie kamen also überein, dass Abbé Lecuir, ein junger Geistlicher, der sehr unterrichtet war, der Erzieher Rudolfs von Martinsec, nächste Woche nach Paris reisen sollte, um die drei jungen Leute abzuholen. Am Freitag fuhr der Abbé davon und Sonntag früh stand er mit seinen drei Pflegebefohlenen auf dem Lyonner Bahnhof, um den erst seit einigen Tagen auf allgemeine Petition der Badebesucher der Auvergne eingerichteten Acht-Uhr-Schnellzug zu benutzen. Er ging mit seinen Schülern auf dem Bahnsteig auf und ab wie eine Henne mit ihren Küken und suchte ein lehres Wagenabteil, oder doch wenigstens eins, worin nur anständige Leute säßen, denn all die verschiedenen Ermahnungen, die er von den Damen von Sarcagnes, von Baulacelles und von Bridoie mitbekommen, summten ihm im Kopfe herum. Da sah er plötzlich an einem offenstehenden Coupé einen alten Herrn und eine alte Dame mit weißen Haaren, die mit einer anderen Dame sprachen, die im Wagenabteil saß. Der alte Herr war Offizier der Ehrenlegion und die Leute sahen sehr anständig aus. Da dachte der Abbé: das ist etwas für mich, ließ in dieses Wagenabteil seine drei Schüler einsteigen und folgte ihnen. Die alte Dame sagte: – Liebes Kind, pflege Dich nur recht. Die Junge antwortete: – Ja, ja, Mama. Ich fürchte nichts. – Sobald Du etwas unwohl wirst musst Du einen Arzt rufen lassen. – Ja, ja, Mama. – Na dann adieu, mein Kind. – Adieu Mama. Darauf umarmten sie sich lange, und endlich machte der Schaffner die Tür zu und der Zug setzte sich in Bewegung. Sie waren allein. Der Abbé war glücklich! Er freute sich über seine Geschicklichkeit, und begann mit den jungen Leuten, die ihm anvertraut worden, zu sprechen. Am Tage seiner Abreise war ausgemacht worden, dass Frau von Martinsec ihm erlauben würde, während der Ferien den drei Knaben Nachhilfestunden zu geben und jetzt wollte er gleich einmal ein wenig seinen neuen Schülern auf den Zahn fühlen. .... Plötzlich stieß die junge Frau etwas wie einen Schrei aus, ein schmerzliches »Ach!« das sie aber sofort wiederunterdrückte. Der Priester fragte sie ängstlich: – Fühlen Sie sich unwohl, gnädige Frau? Sie antwortete:– Nein, Herr Abbé. Es ist nichts weiter, ein leichter Schmerz. Es ist nichts, ich bin seit einiger Zeit etwas leidend und das Rütteln des Zuges greift mich an. Ihr Gesicht war in der Tat ganz bleich geworden. Er fragte noch einmal: – Gnädige Frau, kann ich Ihnen irgend wie behilflich sein? – O nein, ich danke vielmals, Herr Abbé. Der Priester fing wieder an mit seinen Schülern zu sprechen. Die Stunden verstrichen. Der Zug hielt ab und zu und fuhr dann wieder weiter. Die junge Frau schien jetzt zu schlafen, rührte sich nicht mehr und lag in ihrer Ecke versunken. Obgleich schon die Hälfte des Tages verstrichen, hatte sie noch nichts gegessen, da dachte der Abbé: – Die Dame muss aber sehr leidend sein. Sie hatten noch zwei Stunden Fahrt bis Clermont-Ferrand. Da fing die Dame plötzlich an zu stöhnen. Sie wäre beinahe vom Sitz heruntergerutscht, stützte sich noch auf einen Arm und sagte mit verzweifeltem Ausdruck und starren Augen. – O, mein Gott! O mein Gott! Der Abbé näherte sich ihr: – Gnädige Frau, gnädige Frau, was fehlt Ihnen denn? Sie stammelte: – Ich – ich glaube, ich – komme nieder! Und sofort fing sie fürchterlich an zu schreien. Sie stieß ein langes Wehgeheul aus, herzzerreißend schrille Rufe, deren fürchterlicher Klang von der Angst der Verzweiflung ihrer Seele und ihrem körperlichen Leiden sprach. Der arme Priester war ganz erschrocken, er wußte gar nicht, was er nun machen sollte, und stammelte: – Mein Gott, wenn ich nur wüßte?. Mein Gott, wenn ich nur wüßte? Er war rot geworden bis auf das Weiße im Auge, und seine drei Schüler blickten entsetzt die Frau an, die dort lag und schrie. Plötzlich krümmte sie sich, hob die Arme bis zum Kopf, und ihr Leib zuckte zusammen, wie unter einem Krampf. Der Abbé meinte, sie würde sterben, sterben in seiner Gegenwart, ohne Hilfe und Rettung, durch seine Schuld. Da sagte er mit Entschlossenheit: – Gnädige Frau, ich werde Ihnen helfen. Ich weiß nicht, ich verstehe es nicht, aber ich werde Ihnen helfen, so gut ich kann. Ich muss jeder leidenden Kreatur meinen Beistand leihen. Dann drehte er sich plötzlich zu den drei Bengels herum und rief: – Sie werden jetzt augenblicklich zum Fenster hinaussehen und wenn einer von Ihnen sich umdreht, schreibt er mir zur Strafe sofort tausend Verse Virgil ab. Er ließ selbst die drei Fenster herab, setzte die Jungens davor und zog hinter ihnen die blauen Vorhänge zusammen dann widerholte er: – Wenn Sie eine einzige Bewegung machen, so werde ich Sie während der ganzen Ferien nicht spazieren gehen lassen. Und das sage ich Ihnen, ich bin unerbittlich. Dann trat er wieder zu der jungen Frau und streifte die Ärmel seines Priesterrockes auf. Sie stöhnte noch immer und manchmal fing sie an zu heulen. Der Abbé half ihr mit rotblauem Gesicht, redete ab und zu, tröstete sie und wandte sich unausgesetzt zu den drei Bengels um, die flüchtige, sofort wieder abgewendete Blicke auf die wundersame Tätigkeit ihres neuen Erziehers warfen. Er rief: – Herr von Vaulacelles, Sie werden mir zwanzig Mal die Worte »nicht gehorchen« abschreiben. – Herr von Bridoie, Sie werden während vier Wochen keinen Nachtisch bekommen. Plötzlich hörte der fortwährende Jammer der jungen Frau auf und sofort erklang ein seltsamer leiser Schrei wie ein Bellen oder Miauen, sodass die drei Schüler mit einem Ruck herumfuhren, weil sie meinten, einen neugeborenen Hund zu hören. Der Abbé hielt ein kleines nacktes Kind in den Armen. Er blickte es erschrocken an, schien halb beglückt halb verzweifelt, nahe am Lachen und nahe am Weinen. Man hätte ihn für verrückt halten können, soviel verschiedenen Ausdruck spiegelten Augen, Lippen, Züge wieder. Er erklärte, als teilte er seinen Schülern eine wichtige Nachricht mit: – Es ist ein Junge. Dann fügte er sofort hinzu: – Herr von Sarcagnes, geben Sie mir mal die Wasserflasche da oben aus dem Netz – schön, machen Sie sie auf – sehr schön, gießen Sie mir ein paar Tropfen in die Hand, nur ein Paar Tropfen – so ist's gut. Und dann träufelte er das Wasser auf die nackte Stirn des kleinen Wesens, das er trug und sagte: – Ich taufe Dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Der Zug fuhr in den Bahnhof von Clermont. Das Gesicht der Frau von Bridoie erschien am Fenster. Da verlor der Abbé vollkommen den Kopf, hielt ihr das zarte, menschliche Wesen, das er eben ans Licht der Welt befördert, entgegen und murmelte: – Die Dame hier hat eben unterwegs ein kleines Unglück gehabt. Er sah aus, als hätte er das Kind aus irgend einer Gosse aufgelesen; seine Halsbinde hing ihm über die Schulter, die Soutane war beschmutzt und er wiederholte: – Die jungen Herren haben nichts gesehen, durchaus nichts. Dafür stehe ich. Sie haben alle drei zum Fenster hinaus geguckt. Ich stehe dafür, dass sie nichts gesehen haben. Und er stieg aus dem Wagenabteil mit vier Knaben statt drei, die er hatte holen sollen, während die Damen von Bridoie, von Vaulacelles und von Sarcagnes totenbleich geworden waren und entsetzte Blicke mit einander wechselten, ohne eine Antwort finden zu können. ... Abends saßen die drei Familien zusammen, um die Ankunft der Schüler zu feiern. Aber es wurde kaum gesprochen. Väter, Mütter und Kinder schienen alle mit sich beschäftigt zu sein. Plötzlich fragte der Jüngste, Roland von Bridoie: – Sag mal, Mama, wo hat denn der Abbé den kleinen Jungen gefunden? Die Mutter wich aus: – Ach was, iss nur und verschone uns mit Deinen Fragen. Er schwieg ein paar Minuten, dann fing er wieder an: – Es war niemand weiter im Coupé als die Dame, die Leibschmerzen hatte; da muss ja der Abbé ein Taschenspieler sein, weißt Du, wie der, der die Schale mit den Fischen aus der Rocktasche zauberte. – Sei doch ruhig. Der liebe Gott hat das Kind geschickt. – Wo hatte es denn der liebe Gott aber hingelegt? Ich habe nichts gesehen. Er ist wohl zum Fenster hereingekommen? Frau von Bridoie verlor die Geduld und antwortete: – Jetzt sei aber mal wirklich ruhig. Der Junge ist ...  man hat's unter einem Kohlkopf gefunden wie alle kleinen Kinder, weißt Du. – Aber es war kein Kohlkopf im Coupé. Da lächelte Gontran von Vaulacelles, der mit tückischer Miene zugehört hatte und sagte: – O ja, 's ist schon einer dagewesen, aber den hat nur der Abbé gesehen." [11]
 

10. Der Krankheit mit Humor begegnen

Auf zehn Meilen in der Runde kannte man ihn, den alten Toni, den dicken Toni, den feinen Toni, Anton Mâcheblé, genannt Brûlot, den Gastwirt von Tournevent. "Er hatte den kleinen Ort berühmt gemacht, der in einer Bodensenkung des Tales lag, das sich zum Meer herabzog, ein armseliges Dorf, nur aus zehn normannischen Häusern bestehend, von Gräben und Bäumen umhegt. Die Häuser lagen da, mitten in Gras und Ginster, an einem Talknick, der dem Ort den Namen Tournevent eingetragen hatte. Es war, als hätten sie in dem Loch Schutz gesucht, wie Vögel, die sich an Sturmtagen in Ackerfurchen verstecken, Schutz gesucht gegen den gewaltigen Orkan, der vom Meer herabbläst, gegen den salzigen, schweren Wind, der frisst und brennt wie Feuer, austrocknet und alles vernichtet, wie der Frost im Winter. Aber das ganze kleine Nest schien dem Toni Mâcheblé, genannt Brûlot, allein zu gehören. Man nannte ihn auch einfach Toni, oder der feine Toni, wegen einer Redewendung, die er unausgesetzt im Munde führte: ... Das Schild seines Hauses lautete: ›Rendezvous der Freunde‹, und Toni war mit aller Welt befreundet. Aus Fécamp und Montivilliers kamen die Leute, ihn zu sehen und über ihn zu lachen, denn der dicke Kerl hätte ein steinernes Grabmal zum Lachen gebracht. Er hatte eine Manier, die Leute aufzuziehen, ohne dass sie böse wurden, ein Auge zuzukneifen, um Sachen anzudeuten, die er gar nicht sagte, und sich bei seinen Heiterkeitsausbrüchen aufs Bein zu schlagen, dass einem das Lachen ankam, ob man nun wollte oder nicht. ... Und dann musste man nur einmal hören, wenn er sich mit seiner Frau zankte. Das war die reine Komödie. Seit dreißig Jahren waren sie verheiratet, und jeden Tag gab es Krakehl. Der Unterschied lag nur darin, dass Toni lachte, während seine Alte vor Ärger grün wurde. Sie war ein großes Bauernweib, das mit langen Stelzschritten ging; auf ihrem mageren platten Körper saß ein Kopf wie der einer Katze wenns donnert. Sie beschäftigte sich damit, in einem kleinen Hof, der hinter der Schenke lag, Hühner zu ziehen, und war berühmt für die Art und Weise, wie sie das Geflügel zu mästen verstand. Wenn es bei gut situierten Leuten in Fécamp ein Diner gab, schien eines der Produkte der Zucht Mutter Tonis unentbehrlich. Aber sie war von Geburt schlechter Laune und ihr ganzes Leben hindurch unzufrieden gewesen. Sie ärgerte sich über alle Welt, vor allen Dingen über ihren Mann. Sie war wütend über seine Fröhlichkeit, über seinen Ruf, seine Gesundheit und seine Dicke. Sie behandelte ihn wie einen Nichtsnutz, weil er Geld verdiente, ohne irgend etwas zu hun, weil er aß und trank wie ein Vielfraß, weil er fraß und soff für zehn. Und kein Tag ging vorüber, ohne dass sie empört gerufen hätte: – So ein dickes Luder sollte lieber im Stall liegen bei den Schweinen! Es wird einem ja schlecht, so fett bist Du. Sie brüllte ihm ins Gesicht: – Pass mal auf, pass mal auf, Du platzt noch wie ein Sack Hafer. Toni lachte dröhnend, schlug sich auf den Bauch und rief: – Ho! Ho! Du altes Plättbrett. Sieh nur zu, dass Deine Hühner so fett werden wie ich. Sieh nur zu!  ... Da begab es sich, dass Toni einen Schlaganfall bekam. Man legte den Koloss in das kleine Hinterzimmer hinter der Schenke, damit er alles hören könnte, was man daneben sprach, und sich mit seinen Freunden unterhalten; denn sein Kopf war frei, nur sein Leib, sein Riesenleib war gelähmt, sodass er ihn nicht bewegen und nicht aufrichten konnte. Zuerst hoffte man, dass die dicken Beine wieder Kraft bekommen würden, aber bald musste man die Hoffnung schwinden lassen. Und der ›feine Toni‹ brachte Tag und Nacht im Bett zu, das nur einmal wöchentlich gemacht wurde mit Hilfe von vier Nachbarn, die während man den Strohsack umwendete, den Fettwanst in die Höhe hielten. Und doch blieb er heiter. Eine etwas andere Fröhlichkeit, etwas weniger aufdringlich und ruhiger, in kindischer Furcht vor seiner Frau, die den ganzen Tag rief: – Da liegt er nun, der dicke Nichtsnutz, der fette Lump, der alte Säufer! Das ist eine nette Schweinerei! Eine nette Schweinerei! Er antwortete nicht mehr. Hinter dem Rücken der Alten blinzelte er bloß mit den Augen, drehte sich etwas herum auf seinem Lager, die einzige Bewegung, die er machen konnte. Das nannte er Nordrichtung und Südrichtung einnehmen. ... Und sobald die Alte verschwunden war, flatterte ab und zu ein Hahn mit roten Federn aufs Fensterbrett, sah mit seinen runden, neugierigen Augen ins Zimmer und begann dann laut zu krähen. Dann wieder flogen einmal ein paar Hühner bis ans Fußende des Bettes und pickten Krumen vom Boden auf. Die Freunde des feinen Toni setzten sich bald gar nicht mehr in die Wirtsstube, sondern kamen jeden Nachmittag ans Bett, um mit dem Dicken zu schwatzen. Obgleich er unbeweglich dalag, machte der alte Witzbold, der Toni, ihnen doch Spaß. Der Kerl hätte den Teufel selbst zum Lachen gebracht. Drei erschienen täglich: Cölestin Maloiselle, ein großer, hagerer Mann, sich etwas krumm haltend wie ein alter Apfelbaumstamm, Prosper Horslaville, ein kleiner, vertrockneter Kerl mit Stumpfnase, boshaft, listig wie ein Fuchs, und Cäsar Paumelle, der niemals etwas sagte, aber trotzdem über alles lachte.  Ein Brett wurde aus dem Hof gebracht, am Bettrand befestigt und nun wurde Domino gespielt, ununterbrochen von zwei Uhr bis um sechs. Aber Mutter Toni wurde bald unausstehlich. Sie konnte es nicht ertragen, dass ihr dicker Nichtsnutz von Mann sich immerfort gut unterhielt und im Bett Domino spielte. Sobald sie sah, dass eine Partie begann, stürzte sie sich wütend auf die Spieler, warf das Brett um, nahm das Spiel, trug es in die Wirtsstube und erklärte, diesen alten, schwatzenden, dicken Kerl zu unterhalten, genügte vollkommen; der Nichtsthuer brauche sich nicht noch zu zerstreuen, während die andere arme Menschheit den ganzen Tag über schuften müsste. Cölestin Maloiselle und Cäsar Paumelle senkten den Kopf, aber Prosper Horslaville stachelte die Alte noch an: ihre Wut machte ihm Spaß. Als er sie eines Tages noch mehr außer sich sah als gewöhnlich, sagte er: – Na, Alte, wissen Sie, was ich machen würde, wenn ich Sie wäre? Sie wartete seine Erklärung ab und blickte ihn mit Nachteulenaugen an. Er meinte: – Ihr Alter glüht wie 'n Backofen, und aus dem Bett kommt er nie 'raus. Da würde ich ihn doch Eier ausbrüten lassen. Sie war baff. Sie dachte, er wollte sich über sie lustig machen und blickte in das schmale, schlaue Gesicht des Bauern, der fortfuhr zu sprechen: – Ich würde ihm fünf unter einen Arm und fünf unter den anderen legen am selben Tag, wo Sie der Henne welche unterlegen. Die kommen dann zur selben Zeit. Und wenn sie ausgekrochen sind, würde ich der Henne dem Alten seine Küken bringen, dass sie sie groß ziehen soll. Da könnten Sie aber was an Hühnerzucht erleben. Die Alte fragte ganz erschrocken:– Geht denn das? Der Mann sagte: – Gewiss geht's. Warum soll's denn nicht gehen? Ebensogut wie man die Eier in heißen Kästen auskriechen lässt, kann man sie doch auch ins Bett stecken. Der Gedanke leuchtete ihr ein, und nachdenklich, und beunruhigt ging sie davon. Acht Tage darauf trat sie in Tonis Zimmer, die ganze Schürze voll Eier, und sagte: – Ich habe das gelbe Huhn ins Nest gesetzt auf zehn Eier. Da hast Du auch zehne. Aber dass Du keins kaput schlägst. Toni war ganz erschrocken und fragte: – Was soll ich denn damit? – Du sollst sie ausbrüten, Du alter Nichtsnutz! Zuerst lachte er. Da sie aber darauf bestand, ward er wütend, wehrte sich und weigerte sich unter allen Umständen, unter seine dicken Arme die zukünftigen Hühnerchen legen zu lassen, dass seine Körperwärme sie ausbrüten sollte. Aber die Alte wurde wütend und rief: – Wenn Du sie nicht nimmst, kriegst Du nichts zu fressen! Du sollst mal sehen was passiert. Toni ward unruhig und antwortete nichts. Als es Mittag schlug, rief er: – He, is die Suppe fertig? Die Alte schrie aus der Küche: – Für Dich is keene da, du dicker Nichtsnutz! Er meinte, sie scherze nur und wartete. Dann bat er, flehte, fluchte, absolvierte ein paar Nord- und Südlagen, donnerte in aller Verzweiflung mit der Faust gegen die Wand. Aber er musste es sich gefallen lassen, dass fünf Eier an seine linke Seite gelegt wurden, dann erst bekam er seine Suppe. Als seine Freunde kamen, meinten sie, es ginge ihm ganz schlecht, so komisch war er anzusehen und so benahm er sich. Dann wurde die Partie Domino gespielt wie täglich. Aber sie schien Toni gar keinen Spaß zu machen, und er streckte nur ganz langsam mit äußerster Vorsicht die Hände aus. – Dein Arm is wohl angebunden? fragte Horslaville. Toni antwortete: – Mir is so ein schweres Gefühl in der Schulter. Plötzlich trat jemand in die Wirtsstube, und die Spieler schwiegen. Es war der Ortsvorsteher mit seinem Schreiber. Sie ließen sich zwei Gläser von dem Feinen geben und begannen von ihren Angelegenheiten zu reden. Da sie leise sprachen, wollte Toni Brûlot das Ohr gegen die Wand legen. Er vergaß die Eier, nahm mit einem Ruck die Nordlage ein und lag im selben Moment auf einem Omelette. Bei seinem Fluchen stürzte Mutter Toni herbei, erriet das Unglück, und zog die Bettdecke mit einem Ruck herunter. Zuerst stand sie unbeweglich da, empört, es schnitt ihr den Atem ab; angesichts des gelben Pflasters auf dem Leib ihres Mannes konnte sie nicht sprechen. Dann stürzte sie sich wutzitternd auf den Gelähmten und begann ihn zu bearbeiten, als wenn sie Wäsche wüsche. Mit dumpfem Lärm fielen ihre Fäuste nieder, eine nach der anderen in kurzen Absätzen, wie die Sprünge eines Kaninchens, das mit den Läufen aufschlägt. Die drei Freunde Tonis lachten, dass sie beinah erstickten, husteten, niesten, stießen Schreie aus. Und der dicke erschrockene Mann suchte die Angriffe seiner Frau vorsichtig abzuwehren, um nicht noch die anderen fünf Eier auf der anderen Seite zu zerbrechen. ... Toni war besiegt: er musste brüten, musste seine Dominopartie aufgeben, durfte keine Bewegung, mehr machen, denn die Alte entzog ihm jedesmal strengstens jede Nahrung, sobald er ein Ei zerbrochen hatte. Er blieb auf dem Rücken liegen, starrte unbeweglich zur Decke, die Arme leicht gehoben wie ein paar Flügel, indem er die Hühnerkeime in den weißen Schalen an sich wärmte. Er sprach nur noch leise, als wäre Geräusch ebenso gefährlich wie jede Bewegung und ward ganz erregt über das gelbe Huhn, das im Hühnerstall die gleiche Arbeit tat wie er. Er fragte seine Frau: – Hat die Gelbe schon zu essen bekommen? Und die Alte lief von den Hühnern zu ihrem Mann und von ihrem Mann zu den Hühnern, immer nur im Gedanken mit den kleinen Küken beschäftigt, die im Bett und im Nest heranreiften. Die Leute aus der Nachbarschaft, die von der Geschichte gehört hatten, kamen neugierig, die Gesichter in ernste Falten, um sich nach Toni zu erkundigen. Auf den Fußspitzen schlichen sie sich heran, wie zu einem Kranken, und fragten mit Interesse: – Na, wird's denn? Toni antwortete: – Gehen tut's schon. Aber eine Hitze ist da drin, furchtbar. Mir läuft's nur so über die Haut. Da trat eines Morgens seine Frau ganz aufgeregt ein und sagte: – Die Gelbe hat sieben Küken, drei Eier sind faul. Toni fühlte sein Herz klopfen. Wieviel würde er ausbrüten? Er fragte: – Wird's denn gehen? – wie eine Frau, die im Begriffe steht, Mutter zu werden. Die Alte antwortete wütend, denn die Möglichkeit, dass es nicht glücken könnte, quälte sie: – Das globe ich! Sie warteten. Die Freunde wurden benachrichtigt, dass der Augenblick gekommen sei, und alle kamen an, auch ganz aufgeregt. In allen Häusern wurde davon gesprochen, und an den Nachbartüren erkundigte man sich, wie weit es wäre. Gegen drei Uhr schlief Toni ein. Er schlief jetzt die Hälfte des Tages. Plötzlich wurde er wach durch ein ungewohntes Krabbeln unter dem rechten Arm. Er fasste mit der linken Hand dorthin und fühlte ein kleines Tier mit gelbem Flaum bedeckt, das in seinen Fingern zappelte. Er war so bewegt, dass er laut anfing zu brüllen und das kleine Hühnchen losließ, das auf seiner Brust umherlief. Die Wirtsstube war voll Menschen. Die Trinker stürzten herbei, erfüllten das ganze Zimmer, standen um ihn herum, wie um einen Seiltänzer. Und nachdem die Alte auch dazu gekommen war, nahm sie vorsichtig das Tierchen fort, das sich unter den Bart ihres Mannes verkrochen hatte. Kein Mensch sprach mehr ein Wort. Es war an einem warmen Apriltag. Durch das Fenster hörte man draußen die gelbe Henne glucksen, um ihre Neugeborenen zusammenzurufen. Toni, der vor innerer Bewegung, Unruhe und Beklemmung schwitzte, flüsterte: – Mir krabbelt noch eins unterm linken Arm. Seine Frau streckte die große magere Hand unter die Decke und zog ein zweites Küken hervor, behutsam wie eine Hebamme. Die Nachbarn wollten es sehen. Es wurde von Hand zu Hand gegeben und aufmerksam betrachtet wie ein Phänomen. Zwanzig Minuten lang kam keins mehr. Dann verließen vier zu gleicher Zeit ihre Schalen. Es gab eine große Bewegung unter den Zuschauern. Toni lächelte, glücklich über seinen Erfolg, und begann stolz zu werden auf diese seltsame Vaterschaft. Sowas war doch noch nicht dagewesen! Teufel nochmal! er war doch ein verfluchter Kerl. Er sagte: – Jetzt sind's sechs. Gottverdammmich das wird eine Generaltaufe! Und das Publikum begann laut zu lachen. Andere Leute traten in die Wirtsstube, man hörte noch welche vor der Tür, und man fragte sich: – Wieviel sind's denn? – Jetzt sind's sechs! Mutter Toni brachte die neue Familie der Henne. Und das Huhn gluckste ganz verzweifelt, sträubte die Federn, öffnete weit die Flügel um die immer wachsende Schaar der Kleinen zu begrüßen. – Ich habe noch eins gekriegt! rief Toni. Er hatte sich getäuscht, es waren drei. Nun war aber der Triumph groß. Das letzte durchpickte seine Schale um sieben Uhr abends. Alle Eier waren gut. Und Toni war glückselig, stolz entbunden, küsste das zarte Tierchen auf den Rücken und hätte es beinah mit den Lippen erstickt. Das letzte wollte er im Bett behalten bis zum anderen Tag, indem ihn plötzlich mütterliche Zärtlichkeit überkam für dieses winzige kleine Tierchen, dem er das Leben gegeben. Aber die Alte nahm es ihm fort wie die anderen, ohne auf seine Bitten zu achten." [12] 
 

11. Fort comme la mort 

Freund aller Prinzen und Prinzessinnen, Herzöge und Herzoginnen der europäischen Fürstenhäuser und sogar vereidigter Beschützer aller Arten Künstler; lebhafte Geschwätzigkeit, eine eine Art wandelndes Konversationslexikon, populär-wissenschaftliche Märchen; in Eselshaut gebunden: "Früher war er Konservator der kaiserlichen Museen gewesen, und es war ihm gelungen, sich zum Inspektor der schönen Künste unter der Republik ernennen zu lassen, was ihn jedoch nicht hinderte, vor allen Dingen Freund aller Prinzen und Prinzessinnen, Herzöge und Herzoginnen der europäischen Fürstenhäuser und vereidigter Beschützer aller Arten Künstler zu werden. Er hatte einen lebhaften Geist, der die Dinge leicht fasste, und eine große Redegewandtheit, die es ihm ermöglichte, das Alltäglichste auf angenehme Weise zu sagen; dazu eine Schmiegsamkeit des Geistes, wodurch er in allen Kreisen sich zu Hause fühlen konnte. Dabei besaß er eine Art Diplomatennase, die ihn auf den ersten Blick Menschen richtig taxieren ließ. Mit seiner klugen, unnützen, lebhaften Geschwätzigkeit wanderte er Tag für Tag, Abend für Abend von einem Salon zum andern. Er schien zu allem geeignet, sprach über alles, als wäre er durchaus kompetent, mit allgemein verständlicher Klarheit, die die Damen der Gesellschaft sehr schätzten, da er auf diese Weise eine Art Konversationslexikon zu ihrer Belehrung für sie war. In der Tat wußte er sehr viel, obgleich er nicht viel mehr als das Notwendigste gelernt hatte. Aber er stand sich mit den fünf Akademien, mit allen Gelehrten, allen Schriftstellern, mit allen Spezialkennern, denen er immer aufmerksam lauschte, auf das allerbeste. Zu sehr in technische Einzelheiten gehende Erklärungen oder solche, die für ihn wertlos waren, wußte er zu vergessen, während er sich die andern gut merkte sodass seine zusammengewürfelten Kenntnisse nicht schwer verdaulich waren. Seine Bemerkungen hatten etwas Einfaches und Kindliches, sodass man sie leicht begriff, wie populär-wissenschaftliche Märchen. So war er wie eine Art Ideenmagazin, er glich einem jener großen Läden, wo man zwar besonders auserlesene Gegenstände nicht bekommt, aber alles andere, was man nur will, sehr billig, alle möglichen Dinge, von allem möglichen Ursprünge, von den Hausgeräten bis zu den gewöhnlichen physikalischen Instrumenten zum Experimentieren oder zum häuslichen medizinischen Gebrauch. Die Maler, mit denen ihn seine Obliegenheiten immer in Berührung brachten, schimpften über ihn und fürchteten ihn; übrigens leistete er ihnen auch Dienste, war ihnen behilflich, Bilder zu verkaufen, und machte sie mit der Gesellschaft bekannt. Er liebte es, sie vorzustellen, sie zu begönnern, sie einzuführen, und schien so die Brücke zwischen den Herren der Gesellschaft und den Künstlern herzustellen. Es war sein Stolz, diese genau zu kennen, in jener intim zu verkehren, mit dem Prinzen von Wales, wenn er auf der Durchreise in Paris weilte, zu frühstücken und an demselben Abend mit Paul Adelmans, Olivier Bertin und Amaury Maldant zu dinieren. Bertin, der ihn sehr gern mochte und ihn sehr komisch fand, sagte von ihm: »Er ist so eine Art komprimierter Jules Verne in Eselshaut gebunden.«

Die Anfänge der deutsch-französischen Freundschaft, die zumindest von Künstlern schon vorweg genommen wurde; Bismarck; Frieden durch Abschreckung: "Die beiden Männer drückten einander die Hände und begannen sich über die politische Lage zu unterhalten, über Kriegsgerüchte, die Musadieu sehr bedenklich fand, aus ganz augenfälligen Gründen, die er genau auseinandersetzte: Deutschland nämlich musste daran liegen, Frankreich zu vernichten und diesen Augenblick, auf den Bismarck seit achtzehn Jahren warte, möglichst zu beschleunigen, während Olivier Bertin mit unumstößlichen Gründen nachwies, dass diese Befürchtungen aus der Luft gegriffen wären. Deutschland könne nicht so verrückt sein, seinen Sieg durch einen immerhin zweifelhaften neuen Krieg aufs Spiel zu setzen, und der Reichskanzler nicht so unvorsichtig, noch in seinen letzten Lebenstagen den Bestand seines Werkes und seinen Ruhm auf eine Karte zu setzen. Aber Herr von Musadieu schien Dinge zu wissen, die er nicht sagen wollte: er hatte im Laufe des Tages einen Minister gesprochen und war dem Großfürsten Wladimir, der erst am Abend vorher aus Cannes zurückgekehrt, begegnet. Der Maler sprach dagegen und bestritt mit ruhiger Ironie die Kompetenz der bestunterrichtetsten Leute. Hinter all dem Lärm stünden nur Börsenmanöver; nur Bismarck wisse vielleicht etwas Bestimmtes. Graf Guilleroy trat ein, drückte den Herren warm die Hand, indem er sich in wohlgesetzter Rede entschuldigte, sie unterbrochen zu haben. – Und Sie, »lieber Herr Abgeordneter«, fragte der Maler, was denken Sie über den Kriegslärm? Graf Guilleroy hielt eine große Rede. Als Mitglied der Kammer wußte er mehr als alle andern, und dennoch war er nicht derselben Ansicht, wie der größte Teil seiner Kollegen. Nein, er glaubte nicht an die Wahrscheinlichkeit einer bevorstehenden Kriegsgefahr, wenn sie nicht durch das leicht erregbare französische Blut hervorgerufen würde, oder durch die prahlerischen Schreiereien der sogenannten Patriotenliga. In großen Strichen entwarf er ein Bild von Bismarck, ein Bild à la Saint-Simon. Man wollte diesen Mann nicht verstehen, weil man andern immer die eigene Denkungsweise unterlegte und meinte, sie müssten das tun, was man selbst an ihrer Stelle gethan hätte. Bismarck war kein falscher und lügnerischer Diplomat, sondern offen, brutal, ein Mann, der immer die Wahrheit sagte und vorher ankündigte, was er tun wollte. Er sagte, er wolle den Frieden, und das sei auch wahr, er wolle wirklich den Frieden, nur den Frieden, und seit achtzehn Jahren beweise alles auf handgreifliche Weise, alles, sogar seine Rüstungen, seine Bündnisse, dieser Dreibund zum Beispiel den er gegen Frankreich geschlossen, dass er den Frieden wollte. Graf Guilleroy schloss in überzeugtem Tone: »Er ist ein großer Mann, ein sehr großer Mann, der Ruhe haben will, aber der glaubt, dass er das nur durch Drohungen und Gewaltmittel erreichen kann; im ganzen, meine Herren, ein großer Barbar.« – Wer das Ende will, will auch die Mittel, antwortete Herr von Musadieu. Ich gebe Ihnen gern zu, dass er den Frieden liebt, wenn Sie mir einräumen wollen, dass er immer zum Kriege bereit ist, um den Frieden zu erhalten. Übrigens ist es eine unbestreitbare Wahrheit, dass auf dieser Welt Krieg nur geführt wird, um Frieden zu haben.

Baron und Baronin Corbelle; Adel ohne Geist, aber in allem, was sie taten, zeigten sie eine unendliche Vorliebe für das Vornehme, die nie gegen irgend eine gesellschaftliche Sitte verstießen, bei keiner noch so kleinen Etiquettenfrage schwankten: "Sie waren beide jung, der Baron kahlköpfig und dick, die Baronin schlank, elegant, von dunklem Teint. Das Paar hatte eine ganz besondere Stellung in der französischen Aristokratie, die es nur der sorgfältigen Auswahl seiner Bekannten verdankte. Sie waren von kleinem, unbedeutendem Adel, ohne Geist, aber in allem, was sie taten, zeigten sie eine unendliche Vorliebe für das Vornehme, das Distinguierte, und so hatten sie es erreicht, indem sie beharrlich nur die großen Häuser besuchten, sehr royalistische Anschauungen zeigten, aufs äußerste korrekt waren, allem Achtung erwiesen, dem man Achtung erweisen muss, alles verachteten, was man verachten muss, nie gegen irgend eine gesellschaftliche Sitte verstießen, bei keiner noch so kleinen Etiquettenfrage schwankten, in den Augen vieler für die Vornehmsten der Vornehmen zu gelten. Ihre Ansicht war sozusagen maßgebend in gesellschaftlichen Dingen, und ihre Anwesenheit in einem Hause drückte ihm gewissermaßen einen aparten Stempel auf.

Solche Leute haben die neue Malerei, den Impressionismus, natürlich nicht verstanden. Sie sprechen von der "Ausstellung der Zügellosen", der neuen "Künstlervereinigung der Impressionisten, die ganz verrückt sind."

In korrekter Art sehr gewagte Dinge ruhig sagen: "Er war groß, sehr hager, trug eine weiße Weste und kleine Diamant-Knöpfe im Hemd. Er sprach in korrekter Art ohne Handbewegung, sodass er sehr gewagte Dinge, worin er übrigens groß war, ruhig sagen konnte. Da er sehr kurzsichtig war, machte er den Eindruck, trotz seines Kneifers, als sehe er nie jemand, und wenn er sich setzte, war es, als schiebe sich sein ganzes Knochengerüst nach der Form des Stuhles, sein Oberkörper sank zusammen, wurde ganz klein und bog sich, als wäre seine Wirbelsäule aus Gummi. Die Beine, eins über das andere gelegt, glichen zwei aufgerollten Bändern, und die beiden, auf den Armlehnen ruhenden, Arme ließen die bleichen Hände mit den endlosen Fingern schlaff herab hängen. Sein Haar und sein Schnurrbart, der kunstreich gefärbt war und worin einzelne weiße Haare mit großer Geschicklichkeit absichtlich ungefärbt blieben, waren oft die Zielscheibe von Witzen."

Diätwahn gab es früher auch schon; während des Essens nicht trinken, stark sein: "Ach was, ihr seid immer für Knochen, weil die leichter anzuziehen sind wie Fleisch. Ich bin nun mal aus dem Zeitalter der dicken Frauen. Heutzutage sind die dünnen Weiber am Ruder, das erinnert mich an die sieben fetten und sieben mageren Kühe. Ich kann die Männer nicht verstehen, die so tun, als bewunderten sie eure Hühnerrippchen, zu meiner Zeit wollten sie mehr haben. Sie schwieg; alles lächelte und dann fuhr sie fort: – Da, Kleine, sieh mal Deine Mama, die ist schön, gerade wie sie sein soll, so musst Du auch werden. ... – Ich meine, die Männer müssen mager sein, weil sie körperliche Übungen vornehmen sollen, wozu man geschickt und beweglich sein muss; mit einem dicken Bauch geht das nicht. Bei den Frauen ist die Sache ganz anders. Meinen Sie nicht, Corbelle? Corbelle war ganz perplex. Die Herzogin war dick und seine eigene Frau überschlank. Aber die Baronin kam ihrem Manne zu Hilfe und entschied sich unbedingt für die schlanken. Vor einem Jahre hätte sie mit beginnendem Dickwerden zu kämpfen gehabt, doch sie hätte es schnell überwunden. Gräfin Guilleroy fragte: – Wie haben Sie das nur angefangen? Und die Baronin erklärte die Methode, die alle eleganten Damen befolgten. Man durfte während des Essens nicht trinken. Nur eine Stunde nach Tisch gönnte man sich eine Tasse Tee, sehr heiß, fast kochend. Das schlug bei allen an. Sie erwähnte erstaunliche Beispiele von dicken Damen, die in einem Vierteljahr dünn geworden, wie eine Messerklinge. Die Herzogin rief entsetzt: – Gott ist das dumm, sich so zu quälen, da habt ihr gar nichts, nichts, nicht mal Champagner getrunken? Sagen Sie mal, Bertin, was denken Sie denn als Künstler darüber. – Mein Gott, mir, als Maler, ist es gleich, ich helfe mit Stoff nach. Wenn ich Bildhauer wäre, würde ich Grund zur Klage haben. ... – Nein, mager sein ist recht gut. Frauen, die mager sind, altern nicht. Darüber wurde noch diskutiert, und diese Frage trennte die Gesellschaft in zwei Lager, nur über eins waren sie beinahe alle einig, dass jemand, der sehr stark sei, nicht zu schnell mager werden dürfte." 

Wirkliches Verständnis selten; nichtssagende Argumente, törichte Gründe; komisches Bild der Gesellschaft, wo man die eigentlichen Komiker trifft: "Sie leben, sagte er, neben den Dingen dahin, ohne irgend etwas zu sehen oder zu durchdringen, neben der Wissenschaft, die sie nicht kennen, neben der Natur, die sie nicht zu beobachten wissen, neben dem Glück, das sie unfähig sind, glühend zu genießen, neben der Schönheit der Welt und der Kunst, von der sie sprechen, ohne sie entdeckt zu haben, ja ohne daran zu glauben; denn sie kennen die Trunkenheit nicht, die darin liegt, Leben und Wissen zu genießen. Sie sind nicht fähig, sich ganz einer Sache hinzugeben bis zur Selbstentäußerung, sich in etwas so lange zu versenken, bis ihnen endlich das Glück, wirklich zu verstehen, zu Teil wird. Baron Corbelle meinte, die Gesellschaft verteidigen zu müssen. Er tat es durch nichtssagende Argumente, durch Argumente, die vor dem prüfenden Verstand dahinschmelzen wie Schnee vor dem Feuer, törichte Gründe, die man nirgends packen kann, etwa wie die Gründe, mit denen ein Landgeistlicher das Dasein Gottes zu beweisen sucht. ... Bertin fühlte sich verlegen diesem Gegner gegenüber und schwieg verächtlich aber höflich; doch plötzlich ärgerte ihn die Dummheit des Barons. Er schnitt ihm in geschickter Weise das Wort ab und schilderte, ohne etwas auszulassen, das Dasein eines Gesellschaftsmenschen vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Alle fein zusammengetragenen Einzelheiten gaben ein unwiderstehlich komisches Bild. Man sah, wie der Herr durch den Diener angezogen wurde, wie er allgemeine Gespräche mit seinem Barbier führte, der zum Rasieren kam, wie er sich dann vor dem Morgenritt bei dem Stallpersonal nach dem Befinden der Pferde erkundigte, wie er darauf durch die Alleen des Bois de Boulogne ritt, nur auf eines bedacht, zu grüßen und gegrüßt zu werden, wie er dann mit seiner Frau frühstückte, mit ihr im Coupé ausfuhr, wobei er ihr weiter nichts erzählte, als wem er am Morgen begegnet, wie er dann bis zum Abend von Salon zu Salon lief, sein Gehirn im Verkehre mit Seinesgleichen zu stärken, wie er dann bei irgend einer Fürstlichkeit aß, wo die politische Lage Europas besprochen wurde, und wie er endlich den Abend hinter den Kulissen der Oper beschloss, wo sein bescheidenes Lebemannstum unschuldige Befriedigung fand. Das Bild, das er entwarf, ohne dass seine Ironie jemand verletzte, war so richtig, dass alles am Tische lachte. Die Herzogin nur hielt sich zurück, sagte aber endlich: – Nein, das ist wirklich zu komisch, ich sterbe vor Lachen. Bertin, der sehr erregt war, antwortete: – O Durchlaucht, in der Gesellschaft stirbt man nicht vor Lachen, man lacht ja kaum, man ist so liebenswürdig zu tun, als amüsiere man sich und lache. Äußerlich tut man so, aber eigentlich lacht man doch nicht. Wenn Sie lachen sehen wollen, gehen Sie in ein Volkstheater, sehen Sie sich den Bürger an, der sich unterhält, da lacht man; gehen Sie in die Kaserne, da steht den Leuten das Wasser in den Augen, da winden sie sich in den Betten bei den Späßen eines Witzboldes. Aber in unseren Salons lacht man nicht, da ist alles bloß Schein, selbst das Lachen."

Offizier mit englischen Sportsman-Manieren, alle Glieder mehr geübt, als der Kopf; Geschichte, indem er sich an die Jahreszahlen hielt und die Tatsachen missachtete, Sozial-Wissenschaft zum Hausgebrauch: "Wenn man ihn sah, wußte man sofort, dass er einer jener Männer war, bei denen alle Glieder mehr geübt werden, als der Kopf, und die nur Dinge lieben, wobei es sich um physische Kräfte und Beweglichkeit handelt; und doch war er ganz unterrichtet, denn er hatte etwas gelernt, und lernte noch täglich dazu und zwar alles, was für ihn später einmal vielleicht von Wichtigkeit war: Geschichte, indem er sich an die Jahreszahlen hielt und die Tatsachen missachtete, und die Elementarbegriffe der Nationalökonomie und Politik, die für einen Abgeordneten notwendig waren, mit einem Wort das A B C der Sozial-Wissenschaft zum Hausgebrauch für die herrschenden Klassen. Musadieu schätzte ihn ein mit den Worten: – Er wird ein Mann von Bedeutung werden! Bertin wußte seine Geschicklichkeit und Kraft zu schätzen, sie besuchten denselben Fechtboden, gingen oft gemeinsam auf die Jagd und trafen sich zu Pferde auf den Reitwegen des Bois de Boulogne. So war zwischen ihnen eine gewisse Sympathie gemeinsamen Geschmackes erwachsen, die unwillkürliche Vertraulichkeit, die zwischen zwei Männern entsteht, wenn sie sich auf einem Unterhaltungsgebiet finden, das beiden angenehm ist." 

Musik: sie erklang sie noch lange in ihm nach und versenkte ihn in Träume, "in denen er die Melodien immer weiter und eindringlicher fortführte. Die Töne kamen wieder, ab und zu, flüchtig, von weitem her, abgerissen, schwach, entfernt wie ein Echo, dann schwiegen sie ganz, als wollten sie es den Gedanken überlassen, den Harmonien einen Sinn unterzulegen und auf die Suche zu gehen nach einem, den süßen Tönen angepaßten Idealbild."

Pariser Oper; »Faust«; durch die Musik erhält man einen Begriff von dem, wie sich Goethe Fausts Seele gedacht hat: "Das massige Gebäude, »Nationale Musik-Akademie« geheißen, lag unter dem schwarzen Himmel da, der darauf zuströmenden Menschenmenge die prachtvolle weiße Fassade und die Kolonnade von Marmorsäulen zuwendend, die durch unsichtbare elektrische Lampen wie eine Dekoration bestrahlt wurde. Auf dem Platz ordneten berittene Schutzleute den Verkehr, und von allen Ecken von Paris kamen ungezählte Wagen an, hinter deren offenen Fenstern man duftige Wolken von Kleidern und Stoffen und blasse Gesichter gewahrte. Die Coupés und Landauer ordneten sich an dem reservierten Saaleingang zu langer Kette, hielten einen Augenblick, und dann stiegen jedesmal in den mit Pelz, mit Federn oder mit Spitzen von unschätzbarem Wert garnierten Abendmänteln Damen der guten Gesellschaft und andere, in wundervollen Toiletten aus. Die ganze Breite der berühmten Treppe stiegen, ein märchenhafter Anblick, ununterbrochen königlich geschmückte Damen empor, an deren Busen und Ohren Diamanten blitzten und deren lange Schleppen über die Stufen glitten. Der Saal füllte sich bei Zeiten, denn man wollte keinen Ton der berühmten Künstler verlieren, und im weiten Amphitheater wogte es im strahlenden Schein des elektrischen Lichtes, das vom Kronleuchter niederfiel, hin und her, und ein unbestimmtes Summen klang. Von der Loge auf der Bühne, in der schon die Herzogin, Annchen, der Graf, der Marquis, Bertin und Herr von Musadieu saßen, sah man nichts als die Coulissen, in denen Leute schwatzend standen, hin und her liefen und riefen, Maschinisten in der Bluse, Herren im Frack, Darsteller schon im Kostüm. Aber auf der anderen Seite des riesigen herabgelassenen Vorhangs hörte man schon das dumpfe Gemurmel der Menge, fühlte man die Anwesenheit von tausend unruhig bewegten Wesen, deren Hin und Her die Leinwand zu durchbrechen schien, um sich auf der Bühne zu verbreiten. Es sollte »Faust« gegeben werden." Die Oper von Charles Gounod errang damals einen phänomenalen Erfolg. "Die drei Schläge klangen und plötzlich der trockene Ton des Aufklopfens des Taktstockes auf dem Dirigentenpult. Sofort war alles still, Husten und Flüstern. Dann nach kurzer, tiefer Pause begannen die ersten Takte der Ouvertüre und erfüllten den Raum mit dem unsichtbaren, unwiderstehlichen Zauber der Töne, der Nerven und Seelen erfasst mit poetischem und wirklichem Fieber, indem er die Luft, die man atmet, wie Tonwellen einem zuführt. Olivier saß im Hintergrund der Loge, schmerzlich bewegt, als ob die Wunden seines Herzens durch die Töne aufgerissen würden. Aber als der Vorhang aufgegangen war, erhob er sich ein wenig und erblickte als Dekoration ein Laboratorium, in dem Doktor Faust sinnend saß. Er hatte die Oper schon zwanzigmal gehört, kannte sie beinah auswendig, und seine Aufmerksamkeit flog vom Stück fort in den Zuschauerraum hinüber. Er konnte nur zwischen den Coulissen, hinter denen die Loge versteckt lag, ein kleines Stück übersehen. Aber dieser Ausschnitt, der vom Orchester bis zum obersten Rang hinaufging, zeigte ihm ein Stück des Publikums, in dem er eine Menge Bekannte sah. Im Parkett saßen die Herren in Frack und weißen Cravatten, einer neben dem anderen, wie eine ganze Sammlung von bekannten Gesichtern, Leute der großen Welt, Künstler, Journalisten, alle die, die dort nie fehlen, wo alle Welt hingeht. Im ersten Rang, Balkon und Logen konnte er die einzelnen Damen bei Namen nennen. Die Gräfin Lochrist saß in einer Proceniumsloge, wirklich reizend, während ein Stück weiter entfernt sich eine jung verheiratete Frau befand, die Marquise von Ebelin. ... Olivier dachte: »Solch ein Unsinn. Faust, der göttliche Faust singt hier die Nichtigkeit und den Ekel des Lebens in die Welt hinaus, und das Publikum fragt sich ängstlich, ob Montrosés Stimme nicht gelitten hat.« Nun hörte er zu, wie die anderen, und hinter den banalen Worten des Textbuches tauchte ihm durch die Musik, die in den Seelen Träume erweckt, ein Begriff von dem auf, wie sich Goethe Fausts Seele gedacht. Er hatte früher die Dichtung gelesen, die er sehr schön fand, ohne doch besonders erschüttert zu sein, und nun plötzlich fühlte er ihre unergründliche Tiefe, denn es war ihm, als würde er an diesem Abend selbst Faust. ... Und beifälliges Gemurmel ging durch das Publikum, denn die Stimme Montrosés war sogar ausgeglichener und runder geworden als früher. ... Beifall klang. Montrosé hatte schon gesiegt und Mephisto-Labarrière tauchte aus der Versenkung auf. Olivier, der ihn in dieser Rolle niemals gehört hatte, merkte wieder auf. Die Erinnerung an Aubin mit seinem dramatischen Bass, an Faure mit seiner wundervollen Baritonstimme, brachte ihn einen Augenblick auf andere Gedanken. Aber plötzlich erschütterten ihn zwei Verse, die Montrosé mit unwiderstehlicher Gewalt hinausschleuderte, bis ins tiefste Herz. Faust sagte zu Mephisto: »Gib mir den Schatz, der alle andern in sich schließt, Gib mir die Jugend wieder.« Und der Tenor erschien im Seidenkleid, das Schwert an der Seite, einen Federhut auf dem Kopf, elegant, jung, hübsch in seiner etwas gezierten Sängerschönheit. Ein Murmeln ging durch die Reihen, er sah famos aus und gefiel den Damen. Olivier überlief es im Gegenteil wie Verzweiflung, denn das Bild von Goethes seelenzwingendem Drama verschwand bei dieser Verwandlung. Von nun ab sah er vor sich nichts, als eine Feerie mit einzelnen hübschen Gesangsnummern, und talentvolle Sänger, bei denen er nur noch auf die Stimme achtete. Dieser Mann da im Seidenwams, der hübsche Kerl, der dort trillerte und seine Beine und Töne zeigte, missfiel ihm. Das war nicht der wahre, unwiderstehliche Faust, der Gretchen verführen sollte. ... Aber Montrosé hatte eben die Schlussnoten des ersten Aktes so wunderbar gesungen, dass die Begeisterung losbrach; wie ein Ungewitter tobte ein paar Minuten lang das Klatschen, Trampeln und Bravorufen durch den Saal. In allen Logen sah man die Frauen die Handschuhe aufeinander schlagen, während die Männer hinter ihnen standen und klatschten und riefen. Der Vorhang fiel und hob sich zweimal hintereinander, ohne dass der Beifall nachgelassen hätte. ... Die drei Schläge zum zweiten Akt erklangen, und der Vorhang hob sich. Es war wundervoll, wie die Helsson über die Bühne schritt. Auch sie schien mehr Stimme zu haben, wie früher, und sie noch mit größerer Sicherheit zu beherrschen. Sie war wirklich die große, ausgezeichnete, unvergleichliche Sängerin geworden, deren Weltruf dem Bismarcks und Lesseps' gleichkam. Als Faust auf sie zutrat und die reizende Stelle mit seiner verführerischen Stimme sang: – Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen? und als das blonde, schöne Gretchen ihm antwortete: – Bin weder Fräulein, weder schön, Kann ungeleitet nach Hause gehn, lief es wie ein Rauschen von Vergnügen durch den Saal. ... Dann kam die Gartenscene. Sofort verbreitete sich etwas, wie ein Liebesfieber im Hause. Denn diese Musik, die nur wie ein Hauch von Küssen scheint, war noch nie von zwei solchen Künstlern gesungen worden. Es waren nicht mehr zwei berühmte Sänger, nicht mehr Montrosé und die Helsson, sondern zwei Idealwesen, kaum zwei Wesen, eigentlich nur zwei Stimmen, die ewige Stimme des Mannes, der liebt, die ewige Stimme der Frau, die sich hingiebt. Und zusammen seufzten sie allen Zauber der Liebe, die dem Menschen gegeben ist, hinaus. ... Bis zum Ende der Vorstellung schwieg er, mit seinen Gedanken beschäftigt. Als dann der Orkan der Begeisterung am Schluss sich gelegt hatte, bot er der Herzogin den Arm, während Annchen den des Marquis nahm. In dem Gewirr von Damen und Herren, in einer Art prachtvollen langsamen Wassersturzes von glänzenden Nacken, prachtvollen Kleidern und schwarzen Fracken, stiegen sie die große Treppe hinab. Dann setzten sich die Herzogin, das junge Mädchen, ihr Vater und der Marquis in denselben Wagen, während Olivier Bertin mit Musadieu allein auf dem Opernplatz stehen blieb." [13] 

Anmerkungen

[1] Wissenschaftsbriefe / Science Review Letters 2026, 25, Nr. 1737; Guy de Maupassant, Bel-Ami, Paris, München, Leipzig, Berlin 1885/1957; Ders. Mont-Oriol, 1887; Ders.: Notre cœur 1890/1910, Ders.: Fort comme la mort, 1889/1914; Ders.: Novellen, Paris, München, Leipzig, Berlin 1880 f./1905, 1910-11/1917/1919/1924/1957; vgl. Kurse Nr. 693 Guy de Maupassant, Nr. 545 Sittenlehre I-II, Nr. 665 Molière, Nr. 622 Victor Hugo I, Nr. 674 Victor Hugo II, Nr. 629 Voltaire I-II, Nr. 678 François Rabelais, Nr. 563 Miguel de Cervantes I, Akademie der Kunst und Philosophie / Académie des sciences
[2] Ib.
[3] Ib.
[4] Ib.
[5] Ib.
[6] Ib.
[7] Ib.
[8] Ib.
[9] Ib.
[10] Ib.
[11] Ib.
[12] Ib.
[13] Ib.
 
 












Caspar David Friedrich, Der Sommer Landschaft mit Liebespaar 1807
 
 
 
 

Guy de Maupassant
Akademie der Kunst und Philosophie / Academy of Arts and Philosophy
DI. M. Thiele, President and international Coordinator
M. Thiele College of Beetherapy / Academy of Arts and Philosophy / Sciences

Allgemeine Infos zur Akademie der Kunst und Philosophie und den Kursen
Registration form



Zur Philosophie und Kulturgeschichte von Byzanz, des Mittelalters, der Schule von Chartres, der Renaissance, des Barock, der Aufklärung, des Idealismus, der Romantik vgl. Kurse:Nr. 551 G.W.F. Hegel I, Nr. 660 G.W.F. Hegel II, Nr. 511 Johann Gottlieb Fichte I, Nr. 658 Johann Gottlieb Fichte II, Nr. 509 F.W.J. Schelling I, Nr. 510 F.W.J. Schelling II, Nr. 513 F.W.J. Schelling III, Nr. 505 Arthur Schopenhauer I-II, Nr. 663 Arthur Schopenhauer III, Nr. 531 Platon, Nr. 533 Aristoteles, Nr. 623 Johann Ludwig Wilhelm Müller, Nr. 020 Johann Wolfgang von Goethe I-II, Nr. 673 Johann Wolfgang von Goethe III, Nr. 553 Friedrich Schiller I-II, Nr. 675 Friedrich Schiller III, Nr. 554 Friedrich Hölderlin I-II, Nr. 512 Novalis I, Nr. 671 Novalis II, Nr. 677 Jean Paul, Nr. 667 Romantische Kunst und Philosophie I, Nr. 669 Romantische Kunst und Philosophie II, Nr. 630 Johann Ludwig Tieck, Nr. 631 Adelbert von Chamisso,Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 693 Guy de Maupassant, Nr. 694 Honore de Balzac, Nr. 665 Molière, Nr. 622 Victor Hugo I, Nr. 674 Victor Hugo II, Nr. 629 Voltaire I-II, Nr. 678 François Rabelais, Nr. 679 Laurence Sterne, Nr. 621 Lord Byron I, Nr. 676 Lord Byron II, Nr. 628 Percy Bysshe Shelly, Nr. 561 Sir Walter Scott, Nr. 555 Angelus Silesius, Nr. 634 Hans Sachs, Nr. 619 Franz Werfel, Nr. 680 Nikos Kazantzakis, Nr. 588 Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Nr. 550 Fjodor M. Dostojewskij I-II, Nr. 506 Wladimir Sergejewitsch Solowjow, Nr. 664 Philosophie der Kunst, Nr. 661 Philosophie der Geschichte I, Nr. 686 Philosophie der Geschichte II, Nr. 687 Philosophie der Geschichte III, Nr. 687 Philosophie der Geschichte IV, Nr. 687 Philosophie der Geschichte V, Nr. 691 Philosophie der Geschichte VI, Nr. 691 Philosophie der Geschichte VII, Nr. 659 Wissenschaftslehre I, Nr. 666 Wissenschaftslehre II, Nr. 681 Wissenschaftslehre III, Nr. 682 Wissenschaftslehre IV, Nr. 683 Wissenschaftslehre V, Nr. 684 Wissenschaftslehre VI, Nr. 685 Wissenschaftslehre VII, Nr. 545 Sittenlehre I-II, Nr. 614 Sittenlehre III, Nr. 544 Staats- und Rechtslehre I-II, Nr. 641 Staats- und Rechtslehre III, Nr. 644 Staats- und Rechtslehre IV, Nr. 655 Staats- und Rechtslehre V, Nr. 618 St. Ephraim der Syrer, Nr. 617 St. Cyrill von Alexandrien, Nr. 616 St. Gregor von Nazianz, Nr. 613 St. Gregor von Nyssa, Nr. 612 St. Johannes Chrysostomos, Nr. 611 St. Johannes Cassianus, Nr. 627 St. Basilius der Große, Nr. 625 Theodorus Abucara, Nr. 624 Byzantinische Wissenschaft / Philosophie, Nr. 653 St. Cyprianus, Nr. 609 St. Athanasius der Große, Nr. 605 St. Irenaeus von Lyon, Nr. 604 St. Hildegard von Bingen, Nr. 600 St. Johannes von Damaskus,Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Nr. 581 Bernhard von Chartres, Nr. 580 Wilhelm von Conches, Nr. 578 Pierre Abaelard, Nr. 574 Johannes von Salisbury, Nr. 577 Petrus Lombardus, Nr. 576 Gilbert de la Porrée / Gilbert von Poitiers, Nr. 565 Johannes Scotus Eriugena, Nr. 575 Thierry de Chartres, Nr. 571 Alanus ab Insulis, Nr. 572 Anselm von Canterbury, Nr. 570 St. Hilarius von Poitiers, Nr. 568 Nicolaus Cusanus I, Nr. 568 Nicolaus Cusanus II, Nr. 568 Nicolaus Cusanus III, Nr. 564 St. Ambrosius, Nr. 564 St. Augustinus I, Nr. 601 St. Augustinus II, Nr. 654 St. Augustinus III, Nr. 579 St. Albertus Magnus, Nr. 500 St. Thomas von Aquin I, ScG, Nr. 501 St.Thomas von Aquin II,  Sth I., Nr. 502 St.Thomas von Aquin III, Sth. I-II, Nr. 582 St.Thomas von Aquin IV, Sth II-II, Nr. 583 St.Thomas von Aquin V, Sth. III, Nr. 566 Meister Eckhart, Nr. 562 Dante Alighieri I-II, Nr. 672 Dante Alighieri III, Nr. 558 Calderón de la Barca, Nr. 648 Calderón de la Barca II, Nr. 650 Calderón de la Barca III, Nr. 651 Calderón de la Barca IV, Nr. 563 Miguel de Cervantes I, Nr. 645 Miguel de Cervantes II, Nr. 637 Lope de Vega I, Nr. 638 Lope de Vega II, Nr. 642 Lope de Vega III, Nr. 643 Lope de Vega IV, Nr. 652 Juan Ruiz de Alarcón, Nr. 632 Ginés Pérez de Hita, Nr. 633 Luis Vaz de Camões, Nr. 557 Ludovico Ariosto I-II, Nr. 668 Ludovico Ariosto III, Nr. 556 Torquato Tasso, Nr. 552 William Shakespeare I-II, Nr. 559 Wolfram von Eschenbach, Nr. 560 Walter von der Vogelweide, Nr. 662 Gottfried von Strassburg, Akademie der Kunst und Philosophie / Académie des sciences

Nr. 320 Romanische Kunst und Architektur, Nr. 350 Byzantinische Kunst und Architektur, Nr. 325 Kunst und Architektur der Gothik, Nr. 326 Kunst und Architektur der Renaissance, Nr. 586 Tizian, Nr. 591 Paolo Veronese, Nr. 597 Correggio, Nr. 670 Annibale Carracci, Nr. 520 Rembrandt, Nr. 598 El Greco, Nr. 620 Giovanni Battista Tiepolo, Nr. 590 Giovanni Bellini, Nr. 656 Andrea Solari, Nr. 657 Bernadino Luini, Nr. 587 Andrea Mantegna, Nr. 595 Jan van Eyck, Nr. 635 Rogier van der Weyden, Nr. 640 Stefan Lochner, Nr. 646 Michael Pacher, Nr. 647 Peter Paul Rubens, Nr. 649 Giotto di Bondone, Nr. 626 Luca Signorelli, Nr. 610 Piero della Francesca, Nr. 596 Perugino, Nr. 522 Raffael (Raffaello Sanzio), Nr. 523 Sandro Botticelli, Nr. 602 Benozzo Gozzoli, Nr. 606 Fra Angelico, Nr. 607 Pinturicchio, Nr. 608 Domenico Ghirlandaio, Nr. 593 Filippo Lippi, Nr. 594 Filippino Lippi, Nr. 589 Albrecht Dürer, Nr. 603 Bernard van Orley, Nr. 615 Ambrogio da Fossano detto il Bergognone, Nr. 636 Eugène Delacroix, Nr. 639 Bartolomé Esteban Murillo, Nr. 690 Caspar David Friedrich, Akademie der Kunst und Philosophie



Copyright © 2012-2026 Akademie der Kunst und Philosophie
Letzte Bearbeitung:08.06.2026