Akademie der
Kunst und Philosophie | Academy of Arts and Philosophy
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Aus dem Inhalt:
1. Leben und WerkHonoré Balzac (1799-1850) war, da ein 1798 geborener Bruder schon im Säuglingsalter starb, ältestes Kind von Bernard-François Balzac (1746–1829), einem Bauernsohn aus dem südfranzösischen Département Tarn, und von Anne-Charlotte-Laure Sallambier (1778–1854), einer Pariserin aus gutbürgerlicher Familie. Der Vater, der es schon vor der Revolution vom Notariatsangestellten zum Sekretär eines hohen Beamten gebracht hatte, war nach 1789 Sekretär eines Marineministers und dann leitender Beamter in der Verwaltung der Revolutionsarmee geworden. Die Mutter gab den neugeborenen Honoré sowie danach auch seine 1800 und 1802 geborenen Schwestern Laure und Laurence zu Ammen in Pflege. 1807, einige Monate bevor sie einen offenbar außerehelich empfangenen Sohn zur Welt brachte, schickte sie ihren eben achtjährigen Ältesten in ein Internat der Oratorianer in Vendôme; ein Schulfreund war Auguste Barchou de Penhoën. Von dort wechselte er mit 13, sitzengeblieben und kränkelnd, in eine Pariser Schülerpension und besuchte, wiederum nur wenig erfolgreich, das Lycée Charlemagne. Insgesamt erlebte Balzac im Rückblick seine Kindheit und Jugend als freudlos und entwickelte einen tiefsitzenden Groll gegen seine Mutter. 1814 erhielt der Vater, der zuletzt in Tours Verwaltungschef des Krankenhauses gewesen war, einen guten Posten in Paris, und die Familie zog in die Hauptstadt um. Hier beendete Balzac 1816 seine Schulzeit und nahm ein Jurastudium an der Juristischen Hochschule (École de Droit) auf. Er besuchte jedoch auch Vorlesungen an der Pariser Philosophisch-philologischen Fakultät (Faculté des lettres) und am Collège de France und begann, nebenher philosophische Überlegungen zu Papier zu bringen. Ab 1817 arbeitete er zudem stundenweise als Schreib- und juristische Hilfskraft, zunächst bei einem Anwalt (wo er den späteren Komödienautor Eugène Scribe als Kollegen hatte) und dann bei einem mit der Familie befreundeten Notar. Anfang 1819 legte er das baccalauréat en droit ab, die Zulassungsprüfung für den letzten Studienabschnitt vor der licence, dem eigentlichen Abschluss. Nach Vorlesungsende im Sommer brach er jedoch das Studium ab, denn er hatte beschlossen, Schriftsteller zu werden. Nachdem sich der Vater bereitgefunden hatte, ihm zwei Probejahre zu finanzieren, zog Balzac in eine kleine Dachwohnung und begann zu schreiben. Das Ergebnis war allerlei Feuilletonistisches und Lyrisches sowie Fragmente eines Opernlibrettos und einer Tragödie. 1822 machte er die Bekanntschaft der 45-jährigen Madame de Berny, die seine erste Geliebte wurde und ihm eine éducation sentimentale angedeihen ließ. Sie blieb ihm bis kurz vor ihrem Tod 1836 als mütterliche Freundin verbunden. 1823 versuchte sich Balzac erneut als Dramatiker mit dem Stück Le Nègre, das aber nicht angenommen wurde. Ein weiterer Ausflug in ein anderes Genre, das epische Gedicht Fœdora, wurde nicht fertig. Nebenher schrieb er Kritiken für das Feuilleton littéraire des jungen Publizisten Horace Raisson, mit dem zusammen er auch andere literarische Projekte verfolgte. Immerhin verdiente er inzwischen mit dem Schreiben so viel, dass er in der Lage war, seinen Eltern 100 Franc Kostgeld monatlich zu zahlen. Anfang 1825 lernte er über seine Schwester Laure in Versailles die Duchesse d’Abrantès kennen, die ein Verhältnis mit ihm einging und ihm Einblicke in die Welt des zeitgenössischen Adels verschaffte. Ebenfalls 1825 versuchte sich Balzac als Compagnon eines Pariser Verlegers und gab je eine illustrierte und kommentierte Ausgabe der Komödien Molières und der Fabeln von La Fontaine heraus. Immerhin hatte er in seiner Eigenschaft als Verleger Kontakt zu mehreren Autoren der Schule der Romantiker erhalten, darunter Victor Hugo und Alfred de Vigny. 1829 hatte er Erfolg mit Le dernier Chouan, ou La Bretagne en 1800 (später überarbeitet und umbenannt in Les Chouans, ou La Bretagne en 1799). Es ist ein historischer Roman nach der neuen Machart Walter Scotts, der mit einem jungen Adeligen als Protagonisten das tragische Ende eines der letzten königstreuen Widerständler gegen das Revolutionsregime schildert. Les Chouans war zugleich das erste Werk, das Balzac mit seinem Namen zeichnete. Diesem setzte er rasch ein „de“ voran, als ihm der Erfolg die Pariser Salons zu öffnen begann. Daneben war Balzac viel unterwegs, um Gast in den Sommerresidenzen vornehmer Leute zu sein oder einer der zahlreichen, meist verheirateten Damen zu folgen, mit denen er Verhältnisse anstrebte oder unterhielt, wie Laure de Berny (1777–1836), Zulma Carraud (1796–1889); Laure Junot d’Abrantès (1784–1838), Olympe Pélissier (1799–1878), Claire de Maillé de La Tour-Landry (La duchesse de Castries, 1796–1861), Marie du Fresnay (1809–1892), Frances-Sarah Guidoboni-Visconti (1804–1883) und Caroline Marbouty (1804–1890). Hierbei wurde er offenbar auch Vater außerehelich gezeugter Kinder, und zwar 1834 einer Marie du Fresnay und 1836 eines Lionel-Richard Guidoboni-Visconti. Nach dem Erfolg der Chouans passabel bezahlt und zunehmend anerkannt, verfasste Balzac zahlreiche Erzählungen und Romane, die in der Regel zunächst fortsetzungsweise in Zeitschriften herauskamen, ehe sie in Buchform erschienen. Schon früh entwickelte er die Gewohnheit, jeweils mehrere bereits gedruckte Werke unter Gruppentiteln zusammengefasst nochmals zu vermarkten. Im Oktober 1833 schloss Balzac einen Verlagsvertrag, wonach er aus vorhandenen und noch zu schreibenden Werken eine drei mal vier (also insgesamt zwölf) Bände umfassende Sammlung von „Szenen“ zu erstellen hatte, die unter dem Generaltitel Études de mœurs au XIXe siècle erscheinen sollten. Noch 1833 lieferte er zwei Bände Scènes de la vie de province, 1834 begann er die Scènes de la vie parisienne. Im selben Jahr 1834 hatte er beim Schreiben eines seiner heute angesehensten Romane, Le Père Goriot (Vater Goriot), die Idee, die Figuren seiner bis dahin verfassten und der künftigen erzählenden Werke immer wieder neu auftreten zu lassen, um mit ihnen und um sie herum eine überschaubare Welt entstehen zu lassen. So schuf er im Lauf der Zeit ein Universum von gut 2000 Figuren, die Repräsentanten der nachrevolutionären französischen Gesellschaft sein sollten und eine plastische Vorstellung vom Leben der zeitgenössischen bürgerlichen und adeligen Schichten samt ihren Domestiken vermitteln. Im Sinne dieser Idee wählte Balzac den Obertitel La Comédie humaine, als er 1841 mit einer Verlegergruppe eine neue Gesamtausgabe seines vorhandenen und geplanten erzählerischen Œuvres vereinbarte und diese 1842 mit drei ersten Bänden eröffnete. Hierbei sollten die einzelnen Romane und Erzählungen nicht nur zu Großgruppen zusammengefasst werden (Études philosophiques, Études analytiques und Études de mœurs), sondern auch noch zu Untergruppen (Scènes de la vie privée usw.). Zur Verwirklichung dieses Projektes schrieb Balzac in den nächsten Jahren wie besessen. Sein infernalischer Arbeitsrhythmus (oft 15 bis 17 Stunden am Tag), den er wie symbolisch in einer Art Mönchskutte absolvierte, und sein enormer Kaffeeverbrauch (bis zu 50 Tassen in der Arbeitszeit) wurden legendär. Ab 1840 wohnte er in der Rue Raynouard in einem Gebäude, das heute als Maison de Balzac zugänglich ist. Die außergewöhnliche Vitalität und Schaffenskraft Balzacs beschränkten sich nicht auf seine literarische Aktivität als Erzähler, Journalist und gelegentlicher Dramatiker. Vielmehr war er ein Lebemann, der trotz seiner ständig wachsenden Schulden einen luxuriösen Lebensstil mit Kutsche, guter Kleidung, eleganten Wohnungen und sogar einem Landsitz zu unterhalten versuchte und ein aufwändiges gesellschaftliches Leben pflegte. Auch hatte er bis etwa 1843 fast ständig Geliebte, wobei er es immer wieder schaffte, aufopferungswillige und oft auch zu finanziellen Hilfeleistungen bereite Frauen aus den besten Kreisen an sich zu binden. [1]1838 wurde von ihm, Victor Hugo, Alexandre Dumas und George Sand der erste französische Schriftstellerverband, die Société de Gens de Lettres gegründet. Balzac steuerte den bedeutenden Grundentwurf bei, den Code littéraire de la Société des Gens de Lettres, der erstmals die Urheberrechte der Schriftsteller an ihren Werken postulierte. Balzac hatte sehr persönliche Motive, sich hier zu engagieren, da eines seiner Werke nach der Veröffentlichung in Frankreich immer wieder in Belgien nachgedruckt und wesentlich billiger in hohen Auflagen in ganz Europa vertrieben wurde, ohne dass er einen Anteil davon bekam. Spätestens 1843 und verstärkt 1844 bekam er aufgrund seiner ständigen Überanstrengung und seines exzessiven Kaffeeverbrauchs Gesundheitsprobleme. Er versuchte jedoch, sie mit Arbeit zu betäuben oder auf Reisen mit Hanska zu vergessen, die ab 1845 seine feste, allerdings niemals ständig mit ihm zusammenlebende Partnerin wurde. Mit ihr bereiste er in drei Sommern Frankreich, Deutschland, Italien und die Schweiz. Den Winter 1847/48 und das ganze Jahr 1849 verbrachte er mit ihr auf ihrem polnischen Schloss Wierzchownia bei Berdyczów im damaligen Russischen Reich (heute Berdytschiw in der Ukraine). Seine Hoffnung, sich dort gesundpflegen zu lassen, erfüllte sich jedoch nicht. Am 14. März 1850 heiratete Balzac seine langjährige Partnerin Ewelina Hanska in Berditschew. Nach mehrwöchiger und offenbar strapaziöser Rückreise nach Paris starb Balzac dort am 18. August 1850. Er wurde auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise beigesetzt. Victor Hugo hielt die Trauerrede. Die Aufnahme in die Académie française war Balzac trotz mehrerer Anläufe nicht vergönnt: Sein Stil galt bei der professionellen Literaturkritik der Zeit als zu formlos. Immerhin wurde Balzac 1845 mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet. Schon zu Lebzeiten wurde Balzac mehrfach von Malern porträtiert. Auch Karikaturisten nahmen ihn häufig aufs Korn. Die heute bekannteste Darstellung ist wohl die Statue, die Auguste Rodin zwischen 1893 und 1897 schuf und die im Rodin-Museum in Paris zu sehen ist. Die Comédie Humaine (Die menschliche Komödie) sollte Balzacs Lebenswerk werden, das er jedoch nicht mehr vollenden konnte. „Nur“ 91 der geplanten 137 Romane und Erzählungen wurden fertiggestellt. Balzac verband die einzelnen Texte zu einem Zyklus, indem er viele Figuren mehrfach auftreten ließ. Mit dieser literarischen Innovation wollte er ein System schaffen, das seiner Intention entsprach, ein umfassendes Sitten-Gemälde seiner Zeit zu entwerfen: „Die Unermesslichkeit eines Planes, der zugleich die Geschichte und die Kritik der Gesellschaft, die Analyse ihrer Übel und die Erörterung ihrer Prinzipien umfasst, berechtigt mich, so scheint es mir, meinem Werk den Titel zu geben, unter dem es heute erscheint: ›Die menschliche Komödie‹.“ Beeinflusst ist Balzac noch von der Romantik. Mit seiner ungeschminkten Darstellung der gesellschaftlichen Realität prägte Balzac Generationen nicht nur französischer Autoren und bereitete den Naturalismus vor. Beeinflusst von ihm sind zum Beispiel Émile Zola, Guy de Maupassant, Michel Houellebecq, nicht nur was die Islamkritik betrifft. Zu seinen Werken zählen Theaterstücke wie Cromwell, 1820, Le Nègre, 1823, Vautrin, 1840, Paméla Giraud, 1843, Les Ressources de Quinola, 1842, La Marâtre, 1848,Mercadet le faiseur, 1840 (1851 posthum uraufgeführt), Romane, Novellen und Erzählungen innerhalb der Comédie humaine wie Le dernier Chouan ou la Bretagne en 1800, Roman 1829 (Der letzte Chouan oder Die Bretagne im Jahr 1800, 1841), Physiologie du mariage, Abhandlung 1829 (Physiologie der Ehe, 1842 und öfter, so 1908 von Heinrich Conrad), Adieu, Novelle 1830 (Lebewohl, 1908), Le bal de Sceaux, Erzählung 1830 (Der Ball von Sceaux, 1900), Étude de femme, Erzählung 1830 (Frauenstudie, 1841), Gobseck, Erzählung 1830 (Gobseck, 1846), La maison du Chat-qui-pelote, Erzählung 1830 (Das Haus „Zur ballspielenden Katze“, 1845), Une passion dans le désert, Novelle 1830 (dt. Eine Leidenschaft in der Wüste, 1908), Petites misères de la vie conjugale, Erzählung 1830 (Kleine Nöte des Ehelebens, 1847), Sarrasine, Erzählung 1830 (Sarrasine, 1912), La vendetta, Erzählung 1830 (Vendetta, 1841–1846), Une double famille, Erzählung 1830 (Eine doppelte Familie), La Paix du ménage, Erzählung 1830 (dt. Ehefrieden), L’auberge rouge, Erzählung 1831 (Die rote Herberge, 1924), Le chef-d’oeuvre inconnu, Erzählung 1831 (Das unbekannte Meisterwerk, 1925), La peau de chagrin, Roman 1831 (Das Chagrinleder, 1841), L’enfant maudit, Erzählung 1831 (Das verfluchte Kind, 1831), L’Élixir de longue vie, Erzählung 1831 (Das Lebenselixier), Les proscrits, Erzählung 1831 (Die Geächteten, 1836), El Verdugo, Erzählung 1831 (El Verdugo), Jésus-Christ en Flandre, Erzählung 1831 (Jesus Christus in Flandern), La bourse, Erzählung 1832 (Die Börse, 1958), Le Curé de Tours, Erzählung 1832 (Der Pfarrer von Tours, 1924), Le colonel Chabert, Erzählung 1832 (Oberst Chabert, 1844), La femme abandonnée, Erzählung 1832 (Die verlassene Frau, 1846), La Grenadière, Erzählung 1832 (Die Grenadiere, 1845), Louis Lambert, Roman 1832, Madame Firmiani, Roman 1832, Le Réquisitionnaire, Roman 1832 (Der Aufgebotene), Maître Cornélius, Roman 1832 (Meister Cornelius), L’illustre Gaudissart, Erzählung 1833 (Der berühmte Gaudissart, 1846), Le médecin de campagne, Roman 1833 (Der Landarzt, 1835), Le Message, Roman 1833 (Die Botschaft), Gaudissart II, Roman 1834, Eugénie Grandet, Roman 1834, La recherche de l’absolu, Roman 1834 (Die Suche nach dem Absoluten, 1841–1846), Le Père Goriot, Roman 1834/35 (Vater Goriot, 1835), Histoire des treize, Erzählungen 1843 (Geschichte der Dreizehn, 1909), Ferragus, Erzählung 1834, La duchesse de Langeais, Erzählung 1834 (Die Herzogin von Langeais), La fille aux yeux d’or, Erzählung 1835 (Das Mädchen mit den Goldaugen), Les Marana, Erzählung 1834 (Die Maranas), Le lys dans la vallée, Roman 1835 (Die Lilie im Tal, 1845), Un drame au bord de la mer, Erzählung 1835 (Ein Drama am Meeresstrand, 1910), Les paysans, Roman 1835 (Die Bauern, 1923), Séraphíta, Erzählung 1835, Le contrat de mariage, Roman 1835 (Der Ehevertrag, 1846), Melmoth réconcilié, Erzählung 1835, Facino Cane, Erzählung 1836, La vieille fille, Roman 1836 (Die alte Jungfer, 1838), La Messe de l’athée, Erzählung 1836 (Die Messe des Gottesleugners), L’Interdiction, Erzählung 1836 (Die Entmündigung), Sur Catherine de Médicis, Erzählung 1836 (Katharina von Medici), Gambara, Erzählung 1837, Illusions perdues, Roman 1837–1843 (Verlorene Illusionen, 1846), La Muse du département, Erzählung 1837 (Die Muse des Départements), Massimilla Doni, Erzählung 1837, La femme supérieure (Les Employés), Roman 1837 (Die überlegene Frau, 1843), Histoire de la grandeur et de la décadence de César Birotteau, Roman 1838 (Geschichte der Größe und des Verfalls von César Birotteau, 1842), La maison Nucingen, Erzählung 1838 (Das Haus Nucingen, 1845), Splendeurs et misères des courtisanes, Roman 1838–1844 (Glanz und Elend der Kurtisanen, 1845), Le cabinet des antiques, Roman 1839 (Das Antiquitätenkabinett, 1923), Le curé de village, Roman 1839 (Der Landpfarrer, 1841), Les secrets de la princesse de Cadignan, Erzählung 1839 (Die Geheimnisse der Fürstin von Cadignan, 1920), Béatrix ou les amours forcés, Roman 1839–1845 (Beatrix oder Die erzwungene Liebe, 1840), Une fille d’Ève, Erzählung 1839 (Eine Evastochter), Autre étude de femme, Erzählung 1839 (Zweite Frauenstudie), Pierre Grassou, Erzählung 1839, Un prince de la bohème, Erzählung 1840 (Ein Fürst der Bohème), Pierrette, Roman 1840, Z. Marcas, Erzählung 1840, La fausse maitresse, Erzählung 1841 (Die falsche Geliebte, 1844), Une ténébreuse affaire, Roman 1841 (Eine dunkle Affäre, 1841), Ursule Mirouët, Roman 1841, Mémoires de deux jeunes mariées, Briefroman 1841/1842 (Memoiren zweier junger Frauen, 1844), Albert Savarus, Roman 1842, La femme de trente ans, Roman 1842 (Die Frau von dreißig Jahren, 1845), La rabouilleuse (Un ménage de garcon), Roman 1841/42 (Krebsfischerin, auch: Junggesellenwirtschaft, 1846), Modeste Mignon ou les trois amoureux, Roman 1844 (Modeste Mignon oder Die drei Liebhaber, 1846), Un début dans la vie, Erzählung 1844 (Ein Lebensbeginn), Un homme d’affaires, Erzählung 1844 (Ein Geschäftsmann), Honorine, Erzählung 1845, Un épisode sous la Terreur, Erzählung 1845 (Eine Episode aus der Zeit der Schreckensherrschaft), La cousine Bette, Roman 1846 (Kusine Lisbeth, 1910; Cousine Bette. Die Rache einer Frau, 2022), Les comédiens sans le savoir, Erzählung 1846 (Die unfreiwilligen Komödianten, 1923), Le cousin Pons ou les deux musiciens, Roman 1847 (Vetter Pons oder Die beiden Musiker, 1919), L’envers de l’histoire contemporaine, Roman 1842 (Die Kehrseite der Zeitgeschichte, 1967), Le Député d’Arcis, Erzählung 1854 (Der Abgeordnete von Arcis), Les Petits Bourgeois, Erzählung 1856 (Die Kleinbürger) Sonstige Werke außerhalb der Comédie humaine: Voyage de Paris à Java, 1830, La Comédie du diable, 1831 (Die Komödie des Teufels), La Chine et les chinois, 1842, Les contes drolatiques, 1832–1837 (Tolldreiste Geschichten). Vertonungen hat es auch gegeben, zum Beispiel: Séraphíta, Ruggiero Leoncavallo, Symphonisches Gedicht, 1894, La peau de chagrin, Oper in sieben Bildern von Fritz Geißler nach einem Libretto von Günther Deicke, 1977/78, Oberst Chabert, Oper von Hermann Wolfgang von Waltershausen, Uraufführung 18. Januar 1912 in Frankfurt am Main Deutsche Gesamtausgaben
sind zum Beispiel: Sämtliche Werke, 82 Bände, Basse-Verlag, Quedlinburg
1841–1846, Die menschliche Komödie, 16 Bände, Insel, Leipzig
1908–1911, Gesammelte Werke, 44 Bände, Rowohlt, Berlin 1923–1926,
Neuauflage in 40 Bänden Hamburg 1952–1955, Die menschliche Komödie
Hg. Fritz-Georg Voigt, Dünndruckausgabe in 20 Bänden, Aufbau-Verlag,
Berlin und Weimar 1961–1985, Die menschliche Komödie, Hg. Ernst Sander,
12 Bände, Goldmann, München 1971–1972, Taschenbuch-Ausgabe btb,
Berlin 1998. [2]
2. Les contes drolatiques (Tolldreiste Geschichten)
Solche Ritter wussten natürlich auch, wie man Araber, Türken, Gauner und andere Moslems, die Kirchen ausrauben, im eigenen Land bekämpft: "Eines Tages, etwa zur Zeit der Johannisnacht, kamen Ägypter oder Zigeuner ins Land, jedenfalls Gauner, die einen Kirchenraub begingen und an Stelle der heiligen Gottesmutter ein nacktes Mädchen auf dem Altar zurückließen ... Dises unvergleichliche Verbrechen sollte nach Ansicht der königlichen Beamten wie der Kirchendiener durch den Tod der kleinen Maurin gesühnt werden, welche man auf dem Gemüsemarkt, dicht bei der Kirche St. Martin, am Pfahl rösten wollte. Bei dieser Gelegenheit zeichnete sich Bruyns christliche Nächstenliebe und gottgefällige Klugheit besonders strahlend aus. Er setzte es nämlich durch, dass die Kleine nicht mit dem Feuer, sondern dem geweihten Wasser getauft werden sollte und machte sich anheischig, zusammen mit einer edlen Jungfrau aus bestem Geblüt als Taufpate in Erscheinung zu treten." Auch wenn einfache Leute wie Pagen schwer gesündigt hatten, konnten sie zur Sühne ins Heilige Land ziehen, um "dort fünfzehn Jahre gegen die Ungläubigen zu streiten", also gegen Moslems, die Untertanen des berüchtigten Sultans Aladin. Die Ritter hatten zu Hause ihre Waffensammlungen. Einer hatte seine Freude daran, "wie die Sonne so schön auf den blankgeputzten Harnischen und Helmen glänzte, als befinde er sich noch im Heiligen Lande, blühend und kräftig, teile Hiebe aus und wohlgezielte Lanzenstöße, letztere nicht nur gegen die mohammedanischen Krieger, sondern auch gegen die zahlreichen Dirnen des Ostens." Schwierig war es nur, Advokaten zu verheiraten, weil die Väter zwar einwilligten, die Töchter aber streikten: "Ihn selbst störe ja das Affengesicht unter dem Pelzbarett nicht, ebensowenig wie die paar alten wackeligen Zähne und der besonders unangenehme Gruch nach Gerichtsbarkeit, tintigem Pergament und anderen schwarzen Prozeduren, der Justizpersonen nach einiger Zeit anzuhaften pflegt. Das schöne Mädchen hingegen rief beim ersten Anblick des Bewerbers erschrocken aus: «Besten Dank, o nein, den will ich nicht!». Sollte es dennoch zur Hochzeit kommen sieht der Treueschwur natürlich etwas anders aus: «Mein Vater hat Euch meinen Leib verkauft. Wenn Ihr ihn nehmt, macht Ihr mich zu einer Hure. Lieber würde ich mich dem ersten besten ausliefern als Euch. Darum schwöre ich, obwohl das sonst vielleicht nicht üblich ist, Euch untreu zu sein bis in den Tod.» Früher durften die Pfarrer auch heiraten wie der lustige Pfarrer von Azay-le-Rideau. Dazu Balzac: "In jener Zeit hatten die Priester schon keine angetrauten Ehefrauen mehr, dafür hielt sich jeder seine Beischläferin, hübsch oder hässlich, wie er sie eben bekommen konnte. Dieses Wesen wurde später, wie jeder weiß, durch die Konzilien verboten, denn wahrhaftig, es war ungemütlich, wenn man denken musste, dass wohl der und jener Pfarrer den Inhalt heimlicher Beichten so einem Weibsbild anvertraute, die sich darüber lustig machte, ganz abgesehen von andern geheimen Gründen, kirchlichen Rücksichten und Absichten, wovon es nur so wimmelte in diesem Punkt der hohen römischen Politik. Der letzte Priester unsres Landes, der nach alttheologischer Regel eine Frau in seinem Presbyterium unterhielt und mit seiner scholastischen Liebe beglückte, war ein gewisser Pfarrer von Azay-le-Rideau, einem lustigen Ort, dessen Schloss eines der schönsten ist im ganzen Tourainer Land. Wenn also heute, wie jedermann weiß, die Frauen einen Priester, nach dem, was man zu sagen pflegt, nicht riechen können, so ist das noch nicht allzu lange her. Und wahrlich, der gute Pfarrer hatte eine feine Nase, dass er sich noch in jenem Säkulum und nicht später mit seiner Pfarrei belehnen ließ; denn ich sage euch, das war ein Kerl, ein Mordskerl sag ich euch. Er war nicht nur vierschrötig von Gestalt und von blühender Farbe, er aß und trank auch für viere. Er hatte einen Hunger wie ein Rekonvaleszent, und wirklich genas er alle Tage, will sagen, genoss die Genesung von einer nicht unangenehmen Krankheit, die ihn zu gewissen Stunden regelmäßig befiel: er hätte in späterer Zeit sein eigener Henker und Schinder sein müssen, wenn er die kanonische Enthaltsamkeit hätte üben wollen. Bedenkt auch, dass der Mann ein Tourainer war, ein brauner Satan mit soviel Feuer in den Augen, um alle Herde und Feuerstellen seiner Pfarrei damit in Brand zu setzen, auch Wasser genug, um sie zu löschen, wenn gelöscht werden sollte. Einen solchen Pfarrer hat man zu Azay nicht wieder gesehen. Er war immer wohlauf, immer lustig, immer die Nase in der Luft, wo er einen guten Braten erschnüffeln möge, mit einem Wort, ein ganz seltenes, auserlesenes Exemplar von einem Priester, dem die Hochzeiten und Kindtaufen lieber waren als die Beerdigungen, dabei ein Spaßmacher und so fromm in der Kirche wie außerhalb." Solche Pfarrer wussten sich auch noch zu erwehren gegen Wegelagerer, Lumpenhunde, arabische Spitzbuben und Schnapphähne sowie gegen das schon im christlichen Europa sich verbreitende und zur islamischen Philosophie gehörige "Fatum Mahometanum" : "Es hat wohl noch andere Pfarrer gegeben, die gern gebetet, und noch mehr derer, die gern geknetet haben; aber sie alle haben doch höchstens einen Bruchteil von dem geleistet, was dieser Pfarrer von Azay-le-Rideau vermochte. Er übertraf alle in Fülle und Überfluss seiner Segnungen; er tröstete die Betrübten und verbreitete Freude weithin. Seine Pfarrkinder hätten ihn fressen mögen, so sehr liebten sie ihn. Er war der erste, der es in einer Predigt aussprach, dass der Teufel lange nicht so schwarz wäre, als man ihn mache. Sogar Wunder tat er. Er verwandelte für die Herzogin von Candé Rebhühner in Fische, indem er ihr bewies, dass die Barben der Inder nichts anderes wären als Wasserrebhühner, hingegen die Rebhühner nichts andres als gefiederte Barben. Dieser Pfarrer war kein Duckmäuser, er war keiner von denen, die sich mit schlechtem Gewissen hinter die Moral verstecken wie ein Kind hinter die Röcke seiner Mutter. Er sagte oft, dass er lieber in einem guten Bett liegen als in einem Testament stehen wolle und dass sich Gott selber mit allem reichlich versehen habe und uns nicht dazu brauche. Um so mehr, meinte er, brauchten uns die Armen. Er schor seine armen Schäflein nicht, er gab ihnen Wolle dazu. Er hatte immer die Hand in der Tasche, und von so hartem Stoff er sonst war, der Anblick von Armut und Elend machte ihn weich wie Butter, er meinte, er müsse alle Wunden verbinden. Dieser edle und ehrwürdige Pfarrer hatte übrigens auch noch andere Stärken, und lange vor dem erzählten Unglück hat er einmal einen Streich ausgeführt, davon allen Spitzbuben und Langfingern ein Schreck in die Glieder fuhr, dass nicht mehr leicht eine Gaunerbande, und wenn sie auch ihrer zwanzig gewesen wären, die Lust verspürt hat, mit diesem Satanspfaffen anzubändeln. Eines Abends, es war zur Zeit, als seine gute Frau noch lebte, eines Abends, sage ich, nach dem Abendessen, nachdem er durch lange Zeit hindurch einer gebratenen Gans, einer Stütze Wein und vor allem seiner Hausfrau alle Ehre angetan hatte und nun, behaglich im Sessel sitzend, bei sich überlegte, wo er die neue Scheuer für seine Zehnten bauen wolle, meldete sich plötzlich im Hof ein Bote des Herrn von Sacchez und sagte, dass sein Herr in den letzten Zügen liege und nach der Aussöhnung mit Gott und der letzten Wegzehrung lechze. »Das war immer ein guter Kerl und gerechter Herr«, sagte der Priester, »ich werde zu ihm eilen.« Unverweilt erhob er sich, begab sich nach der Kirche, versah sich mit der silbernen Kapsel, die das heilige Brot enthielt, und ohne erst den Mesner zu wecken, machte er sich auf den Weg, indem er selber das Glöcklein vor sich her läutete. Also Mesner und Pfarrer in einer Person, schritt er rüstig fürbaß in der finstern Landschaft. Wie er an den Quäd kommt, einen wilden Bach, der sich hier in die Indre stürzt, bemerkt er einen Wegelagerer, der ihm auflauert. Ihr werdet fragen: Was ist das, ein Wegelagerer? Ein Wegelagerer, müsst ihr wissen, gehört in die Sippe der Schnapphähne. Das ist eine Menschensorte, die wie die Katzen und Eulen bei Nacht besser sehen als bei Tag und aus reiner Neugierde und Liebe zur Wissenschaft den Leuten die Beutel umkehren. Ist das klar? Also, dieser Wegelagerer und Schnapphahn spekulierte auf die sehr wertvolle silberne Kapsel des Priesters. »Oho!« rief der Pfarrer, indem er das Ziborium auf der steinernen Brücke niederstellte. »Bleib du einmal hier und rühre dich nicht«, fügte er hinzu, geht dann auf den Spitzbuben los, versetzt ihm einen Fußtritt in die Rippen, entreißt ihm seinen eisenbeschlagenen Stock und bleut ihn derart damit durch, dass dem Nachgestellten Hören und Sehen vergeht. Dann kehrt er zu seinem Viatikum zurück. »Na«, sagte er, »diesmal wären wir futsch gewesen, wenn ich mich auf deine Vorsehung hätte verlassen müssen.« Auf der Landstraße ausgesprochen, war das keine Blasphemie. Der Priester meinte aber damit nicht den lieben Gott, sondern den Erzbischof von Tours, der ihn mit dem Interdikt bedroht und vor dem ganzen Kapitel wie einen Schulbuben heruntergekanzelt hatte, weil der Pfarrer in seiner Sonntagspredigt dem faulen Volk gesagt hatte, dass eine gute Ernte nicht dem Gebet und der Gnade Gottes, sondern allein der Mühe und Arbeit zu verdanken ist, was allerdings eine brenzlige Rede war. Brenzlig nämlich, weil es darin nach dem Scheiterhaufen roch. Der gute Priester hatte auch zweifellos unrecht, insofern die Feldfrüchte des einen so gut bedürfen wie des andern. Aber der Pfarrer von Azay-le-Rideau hat seine Ketzerei mit ins Grab genommen, weil er nicht begreifen konnte, dass eine Ernte, wenn es dem lieben Gott gefiele, auch ohne Aussaat wachsen könne, was doch, wie die Gelehrten bewiesen haben, eine unbestreitbare Wahrheit ist, da offenbar das Getreide, um zu wachsen, nicht erst auf den Menschen gewartet hat." Die etwas andere Sichtweise versuchten die Araber schon damals in Europa zu etablieren, was aber nur ihre eigene Logik gebieben ist, denn niemand wollte sich von den verfluchten Moslems etwas annehmen, nicht einmal Pflanzen und Tiere, "wo kein Kräutlein wächst, weil die verfluchten Ungläubigen da begraben sind und nicht einmal eine Kuh hier ein Gras fressen mag" wie es heißt; nur auf eines verstehen sie sich gut, recht teufelsmäßig ihre Rache ins Werk zu setzen, Menschenfleisch zu essen und brutal zu foltern: "Während seiner langen Abwesenheit brütete der genannte Carandas, dem maurisches Blut in den Adern rollte, denn er stammte von einem alten Sarazenen ab, der für tot auf dem Schlachtfeld geblieben war, als die Mohren und Franken sich das Gefecht auf der Heide geliefert hatten, die noch heute die Heide Karls des Großen genannt wird, wovon schon in der vorigen Erzählung die Rede war und wo kein Kräutlein wächst, weil die verfluchten Ungläubigen da begraben sind und nicht einmal eine Kuh hier ein Gras fressen mag ... Carandas, habe ich gesagt, brütete in dem fremden Lande bei Nacht und bei Tag über seinem Hass und hatte keinen andern Gedanken, als wie er recht teufelsmäßig seine Rache ins Werk setzen möge. Er plante nichts Geringeres als den Tod der schönen Färberin. »Ich will von ihrem Fleische essen«, sagte er oft zu sich selber; »beim Beelzebub, ich werde mir eine ihrer Brüste braten, und sie soll mir ohne Brühe schmecken.« Wahrlich, sein Hass war ein blutigroter, und er war in der Wolle gefärbt. Es war ein Kardinalhass, ein Hass, giftig wie eine Hornisse oder wie eine alte Jungfer. Es war vielmehr aller Hass der Welt zusammengebraut in einen einzigen Hass, in dem es brodelte und gischte von einem teuflischen Elixier mit giftigen Dämpfen der Hölle, es war mit einem Wort ein verruchter Hass." Frankreichs Könige: "Dieser Fürst ist ohne jeden Zweifel der gewaltigste und schärfste Schürzenjäger in des heiligen Ludwig königlicher Nachkommenschaft gewesen, ohne damit allerdings einige Wüstlinge dieser guten Familie völlig matt gesetzt zu haben; und tatsächlich mag man sich eher die Hölle ohne den Herrn Satan vorstellen, als das Land Frankreich ohne seine gloreichen königlichen Weiberhelden." Die Predigt des lustigen Pfarrers von Meudon alias François Rabelais, dessen Predigten die ganze Christenheit kennt; "bei Mahomets Bauch! Das war ein Kerl von Spitzmaus, er hatte den schönsten Schwanz in der ganzen Familie und stolzierte tapfer in der Sonne umher"; lauter Taugenichtse und Nichtstuer, über die sich der brave Bürger entrüstet: "Als Meister François Rabelais zum letztenmal an den Hof König Heinrichs kam, des Zweiten seines Namens, war er bereits darauf gefasst, dem Gesetz der Natur zu folgen und sein schlampig gewordenes Wams, will sagen sein Fleisch, von sich zu legen (wie es auch noch in demselben Winter geschah), um allein in dem pracht- und machtvollen Geist, in dem herrlichen Geist jener exzellenten menschlichen Philosophie, auf die wir immer wieder zurückkommen, durch alle Ewigkeit weiterzuleben. Der gute Mann hatte damals siebzig wohlgezählte Frühlinge hinter sich, sein harmonisches Haupt war längst kahl geworden, aber war umrahmt von einem wahrhaft patriarchalischen Bart, seine Stirne strahlte vom Glanz des Gedankens, und das stumme Lächeln seines Mundes sprach von einem ewig jungen Herzen. Kurz, er war ein schöner Greis, wie es alle die bezeugen, die das Glück gehabt haben, ihm noch ins Antlitz zu schauen, in dem die Züge des Sokrates und des Aristophanes, zweier Geister, die sich im Leben gehasst, aber hier Freunde geworden waren, in eins zusammenflossen. Da nun also in dem genannten Winter dem guten Mann die Ahnung kam, dass über kurz oder lang sein letztes Stündlein schlagen werde, beschloss er bei sich, dem König von Frankreich noch vorher seine Aufwartung zu machen, als welcher in sein Schloss Tournelles gekommen war, infolgedessen Meister François, der in einem Hause bei den Gärten von Sankt Paul wohnte, sich den Hof fast auf Steinwurfweite nahe gerückt sah. Befanden sich aber, als er ankam, in den Gemächern der Königin Cathérine: Frau Diana, die von der Königin aus Gründen der hohen Politik empfangen wurde, der König, der Herr Feldzeugmeister, der Kardinal von Lothringen und der Kardinal Dubellay, die Herren von Guise und mehrere Italiener, die bereits anfingen, sich unter den Fittichen der Königin in großer Zahl am Hof einzuschmuggeln. Waren auch gegenwärtig der Admiral, der Herzog Montgomery, die Herren vom Dienst und einige Hofpoeten, wie Melin de Saint-Gelais, Philibert de l'Orme und Meister Brantôme. Als der König den Meister François bemerkte, den er wie viele für nichts weiter als einen ausgelassenen Spaßvogel achtete, richtete er sofort das Wort an ihn, und nach einigem Hinundherreden sagte er: »Hast du denn deinen Pfarrkindern von Meudon auch einmal eine Predigt gehalten?« Meister François nahm dies für einen Scherz, denn er hatte sich in seinem Leben um seine Pfarrei nicht weiter gekümmert, als dass er deren Einkünfte erhoben. »Herr König«, antwortete er, »meine Pfarrkinder wohnen allerorten, und meine Predigten hört man, soweit die Christenheit reicht.« Mit einem ruhigen Blick streifte der Meister diese Höflinge, die, ausgenommen die Herren Dubellay und von Castillon, nichts andres in ihm sahen als so eine Art gelehrten Triboulet, da er doch der König der Geister war, in einem höhern Sinn König als derjenige, vor dessen gnadenspendender Krone sie alle sich beugten. Und den Guten, der sich bereits mit einem Fuß im Grabe fühlte, da ergriff ihn die Lust, einmal, ehe er seine Füße aus dieser Welt hinaus lenken würde, all diesen Leuten und Leutchen recht philosophisch einmal gehörig die Köpfe zu waschen und ihnen, figürlich versteht sich, auf die hohlen Schädel etwas herunterrieseln zu lassen, wie Gargantua auf die der guten Pariser von den Türmen von Notre-Dame herab angetan hatte. »Wenn Eure Majestät guter Laune ist«, sagte er, »könnte ich Höchstderselben wohl mit einer kleinen Predigt dienen, die ich mir längst zu gelegentlichem Gebrauch hinters Ohr geschrieben habe und wobei es nichts zu bedeuten haben soll, dass mein Sermon auf eine mehr redliche als hofrätliche Parabel hinausläuft.« »Meine Herren«, antwortete drauf der König, »Meister François hat das Wort. Und da es sich um unser Seelenheil handelt, so haltet euch ruhig und spitzt mir die Ohren. Der gute Meister steckt voll von spaßigen Evangelien.« »Majestät«, erwiderte Meister Rabelais, »ich fange an.« Das Geplauder der Höflinge verstummte, sie traten in einem geschmeidigen Halbkreis um den Pfarrherrn in partibus, den Vater des Pantagruel, der ihnen in Worten, deren Poesie und Beredsamkeit kein Mensch auf Erden zu wiederholen vermöchte, die folgende Historie zum besten gab. Sie ist uns nur mündlich überliefert worden, und so möge es dem Autor verstattet sein, sie hier in seiner Weise nachzuerzählen. »In seinen alten Tagen war Gargantua ein wenig seltsam geworden, worüber die Leute seines Hauses sich sehr verwunderten, ohne es ihm aber übelzunehmen, denn er war rund siebenhundertundvierzig Jahre alt, wenn auch der heilige Klemens von Alexandrien in seinen ›Stromates‹ zu beweisen sucht, dass er zu dieser Zeit einen Vierteltag jünger war, was uns aber wenig kümmert. Wie nun der väterliche Herr so sah, dass man ein wenig allzusehr in Saus und Braus lebte in seinem Hause und seine Gäste sich nicht nur satt aßen, sondern auch noch obendrein die Taschen füllten, bekam er es mit der Angst, es könnte ihm zuletzt am Nötigsten fehlen. Und er beschloß, eine vollkommnere Verwaltung seiner Domänen einzurichten. Das war weise und vernünftig gedacht. Er ließ also auf einem Speicher des gargantualischen Schlosses seine besten Vorräte zusammentragen, ein schönes großes Stück Käse, zwanzig gewaltige Töpfe eingemachter Mustarde, ganze Kübel voll Zwetschgenmus, Latwergen und Tourainer Pflaumen, große Fässer eingesalzener Butter, ganze Kisten voll Hasenpasteten, in Fett gelegte Enten, im Schmalz vergrabene Schweinsfüße und Gänsekeulen, dreihundertundsiebenundneunzigtausend Büchsen voll grüner Erbsen und Bohnen, siebenhundertunddreiundfünfzigtausend Gläser des feinsten Orleaner Quittengelees, viele Fässer getrockneter Lampreten, marinierter Heringe, geräucherter Aale und eingepökelter Seezungen, ganze Kufen eingetrockneter Weintrauben, endlich Eingezuckertes für die Gargamella an den Feiertagen und tausend andre gute Sachen, die ins einzelne aufgezählt sind in den ripuarischen Gesetzen und auf gewissen Seiten der königlichen Kapitularien, Edikte, Pragmatiken, Ordonnanzen und Institutionen jener Zeit. Klemmte dann der Alte sein Binokel auf die Nase und seine Nase in das Binokel und ging aus, einen fliegenden Drachen zu suchen, der ihm seine kostbaren Schätze bewachen könnte. Also suchend und in Sorgen durchwanderte er seine Gärten. Doch alle älteren Drachen der Sage, wie sie in Gallien entstanden und ihm bestens bekannt waren, erschienen ihm in irgendeiner Weise verdächtig oder doch ungeeignet. Da begegnete ihm auf seiner Wanderung eine freundliche Spitzmaus edelster Rasse. Bei Mahomets Bauch! Das war ein Kerl von Spitzmaus, er hatte den schönsten Schwanz in der ganzen Familie und stolzierte tapfer in der Sonne umher ... »Noah, meine Herren, gemeint ist jener Noah, der die Rebe gepflanzt hat und zuerst das Glück hatte, sich im Wein zu berauschen. Denn es steht fest und sicher, dass ein Spitzmäuserich auf dem Schiffe war, aus dem wir alle hervorgegangen sind. Aber die Menschen haben sich untereinander unwürdig vermischt, nicht aber die Spitzmäuse, welche acht geben auf die Reinerhaltung ihres blauen Blutes und niemals eine simple Feldmaus in ihren Reihen dulden würden, selbst wenn diese Feldmaus die Gabe besäße, einfache Sandkörner in frische Nüsse zu verwandeln. Dieser echt edelmännische Geist gefiel dem guten Gargantua. Und kurzerhand übertrug er dem Spitzmäuserich die Statthalterschaft auf seinen Speichern mit den ausgedehntesten Rechten, Privilegien und Machtvollkommenheiten, hoher und niederer Gerichtsbarkeit, Committimus, Missi Dominici, mit Gewalt über den Klerus und dem Oberbefehl im Heere, kurz, mit allem, was sich nur denken lässt. Der Spitzmäuserich versprach, sein Amt getreu zu verwalten und seine Pflicht zu tun, wie man von einem feudalen Spitzmäuserich erwarten kann; er stellte nur die eine Bedingung, auf dem Kornhaufen wohnen zu dürfen, was der gute Gargantua gerecht und billig fand. Und also hättet ihr den Spitzmäuserich sehen müssen in seinem neuen Palast: wie er Sprünge machte, wie er glücklich war, glücklich wie ein Fürst, der glücklich ist; wie er stolz seine Länder und Reiche inspizierte, seine Schinkenprovinzen, seine Latwergengrafschaften, seine Domänen von Mustarden, seine Traubenherzogtümer, seine Blutwurstfürstentümer, seine Baronate jeder Art; wie er auf Bergen von Weizen thronte und mit seinem Schwanz die Körner peitschte. Wo der Spitzmäuserich erschien, standen ehrfurchtsvoll und begrüßten ihn stumm alle Töpfe. Und wo zwei goldene Becher beieinanderstanden oder auch ein silberner Humpen bei einem goldenen Becher, stießen sie aneinander und machten ein Geläute wie mit Kirchenglocken, wenn der Fürst einzieht, dessen der Spitzmäuserich sehr zufrieden war und sich freundlich bedankte mit einem leisen Nicken des Kopfes nach rechts und nach links. Auf seinem Kornhaufen setzte er sich gern in einen Streifen Sonne, der durch die Dachluke fiel. Da leuchtete dann sein seidenweiches glattes Fellchen in einem bläulichen Schimmer, und er sah ganz und gar aus wie ein König im Hermelinmantel. Oft auch vergnügte er sich mit Springen und Tanzen, mit Kapriolen und Purzelbäumen, dann bekam er guten Appetit, ließ sich ein, zwei Weizenkörner schmecken, die er mit Behagen knusperte, und saß dann wieder zuoberst auf dem Haufen wie ein König auf dem Thron vor dem versammelten Hofe und mit dem Bewußtsein, der tapferste und treueste Spitzmäuserich der Welt zu sein. Da lief aber wahrhaftig die Hofgesellschaft auch schon zusammen, hier kam einer aus seinem Mauseloch gekrochen und da ein anderer; leise trippelte es über die Holzplanken, und es waren Mäuse, Ratten und andere Nagetiere, lauter Taugenichtse und Nichtstuer, über die sich der brave Bürger entrüstet. ... »Nun, meine Herren«, sprach der König laut, »was ist eure Meinung über die Predigt?« »Majestät«, antwortete Melin de Saint-Gelais, als er merkte, dass alles wohl zufrieden war, »ich habe in meinem Leben keine bessere pantagruelistische Parabel gehört; sie war aber auch nicht anders zu erwarten von einem, der in seiner Abtei Thelesma dieses wahrhaft Leoninische Carmen über das Tor geschrieben hat: Hier dieser Ort sei euch ein Hort, / Zuflucht und stürmesichrer Port, / Die ihr bekämpft mit kühnem Wort, / Der Pfaffheit Meuchelei zum Trutz, / Lug, Schlaffheit, Heuchelei und Schmutz.« Und also lobten und rühmten alle Höflinge einstimmig den Meister François, der sich empfahl und auf den Heimweg machte, ehrenvoll begleitet von zwei Pagen, die ihm auf ausdrücklichen Befehl des Königs mit Fackeln heimleuchteten. Es gibt Leute, die Meister François, der höchsten Zierde unsres Lands, den Vorwurf gemacht, dass er mit Hanswurstiaden und boshaften Affereien die ganze Welt zum Narren gehalten, und haben gemeint, diesen philosophischen Homerus, diesen Fürsten der Wissenschaft, dieses göttliche Urzentrum, auf das so viele große und unsterbliche Werke zurückgehen, zu beschmutzen und herabzusetzen in den Augen der Menschen. Aber Tod und Teufel über ein Gesindel, das geglaubt hat, diesem leuchtenden Genius mit Schmutz bewerfen zu dürfen! Mögen sie doch nichts als leeres Stroh und Häcksel zu schlucken bekommen und taube Spreu, die die kräftige und gesunde Nahrung dieses Tourainers nicht zu würdigen wissen. Du Trinker klaren Wassers, du Bewahrer des höchsten Ideals klösterlicher Enthaltsamkeit, du Gelehrter aller Gelehrten, in was für ein unbändiges und nie endendes Lachen müsstest du ausbrechen, wenn du heut unter uns erscheinen und das Gesudel lesen könntest, diese wirren Schwatzhaftigkeiten und das Gezänk, dieses Getratsch und Geschimpf, das täglich über dich losgelassen wird. Wenn nun aber auch nur wenige imstande sind, dem kühnen Flug deines Schiffs auf dem Ozean der Ideen zu folgen und deine Methoden, Philosophien, Religionen, Wissenschaften und die Wahrheit der ganzen menschlichen Komödie und Narretei in deinem Werk vollkommen zu erfassen und zu würdigen, so hast du doch einige aufrichtige Verehrer. Ihre Bewunderung ist wenigstens ohne heuchlerische Beimischung, und klar erkennen sie und tapfer bekennen sie deine wissenschaftliche, moralische, philosophische und sprachliche Omnipotenz und Allgewalt. Und also hat ein armer Sohn des lustigen Tourainer Lands es unternommen, dich zu rechtfertigen und, wenn auch mit unzulänglichen Mitteln, dein Bild zu reinigen und laut zu rühmen deine ewigen und unsterblichen Werke, deine konzentrierten Werke, wo eng zusammengepresst wie Sardinen in einer Büchse alle philosophischen Ideen enthalten sind, alle Wissenschaften, alle Künste, alle Beredsamkeiten mitsamt dem ganzen tollen Komödienspiel und Mummenschanz des Lebens." Seltsame Mode der Sarazenen und Mohammedaner, zu sehen nicht nur auf dem Kreuzzug gegen die Ungläubigen; merkwürdiger, halbnackter Türke oder Mohr als Diener, beraubt seiner Vorteile der Männlichkeit, mit denen gute Christenmenschen sonst versehen sind: "Eine Frau oder Dame, und die war nach der seltsamen Mode der Sarazenen und Mohammedaner gekleidet, hatte einen seltsamen Kopfputz aus bunten Federn, eine unnatürliche Hautfarbe und Augen, die so verzehrend brannten wie das höllische Feuer, was ich alles nur in einem kurzen Augenblick wahrnehmen konnte, da der edle jetzt verstorbene Herr, mein Mieter, niemand dieser schönen Zauberin weiter, als auf einen Pfeilschuss nahe kommen durfte. ... Nach Aussage seines Stallmeisters ist der Verstorbene vor seinem Tode ohne Unterbrechung volle sieben Tage in der Verkuppelung mit der genannten Maurin verharrt, und ich habe ihn auf seinem Sterbelager gestehen hören, dass er all die Zeit über nicht aus ihrer Umschlingung herausgekommen. .... Man hat ihn als den Herrn von Bueil erkannt, der am Kreuzzug gegen die Ungläubigen teilgenommen hatte und dort den Fallstricken eines Dämons erlegen war, in Damaskus oder anderswo. ... Gemäß den Klauseln, wie sie in unserm Mietsvertrag verzeichnet waren, habe ich der unbekannten Dame mein Haus überlassen, und da der Gestrenge nicht mehr am Leben war, habe ich es gewagt, mich in mein Haus zu begeben, um die Fremde zu fragen, ob sie den Wunsch habe, ferner in meiner Wohnung zu verbleiben. Es gelang mir nur unter vielen Schwierigkeiten, sie zu sehen. Ich wurde durch einen merkwürdigen, halbnackten schwarzen Mann zu ihr geführt. Da saß dann die Moriskin auf einem orientalischen Teppich, in einem mit Gold und Edelsteinen übersäten Gewand, das seltsam flimmerte und glitzerte, aber sie nur wenig bekleidete, und neben ihr ein neuer Edelmann, der seine Seele, das sah ich, bereits ganz und gar an sie verloren hatte. ... Dem genannten Jehan Tortebras haben Wir sodann einen abessinischen, äthiopischen oder nubischen Mann vorgeführt, der schwarz vom Kopf bis zu den Füßen war und beraubt seiner Vorteile der Männlichkeit, mit denen gute Christenmenschen sonst versehen sind. ... Besagter Tortebras hat ausgesagt und beglaubigt, den abessinischen Heiden in seinem Hause in Gesellschaft des weiblichen Teufels gesehen zu haben, und liegt daher die Vermutung nah, dass dieser Teufel in schwarzer Gestalt dem andern Helfershelfer und Sozius war. ... Ist sodann auf Unsre Vorladung erschienen ein sicherer Mann namens Matthias, genannt Cognefestu, Taglöhner auf dem Kirchengut von Saint-Etienne, welcher, nachdem er auf die heiligen Evangelien geschworen, die Wahrheit zu sagen, Uns gestanden hat, dass er die Wohnung des genannten fremden Dame immer hell erleuchtet gesehen, dass er bei Tag und bei Nacht, an den heiligen Festtagen, den höchsten Feiertagen und insbesondere in der Woche vor Weihnacht und der heiligen Karwoche tolles und teuflisches Lachen von dort vernommen, wie wenn eine große Anzahl von Menschen daselbst versammelt gewesen wäre. Dämon in dem Heer der Kreuzfahrer; obwohl sie eine Sarazenin und Mohammedistin war, aus unsrem Touraine mit ins Heilige Land genommen; später wurde sie in ein Kloster oder, wie man auf sarazenisch sagt, in einem Harem eingeschlossen: "Ist als dritter vor uns erschienen der edle Herr Harduin V., Schlossherr Maillé, und wurde in schuldiger Ehrfurcht von Uns gebeten, seinen katholischen Glauben zu bekennen. Dazu hat derselbige sich bereit erklärt und uns noch obendrein sein ritterliches Ehrenwort verpfändet, nichts andres auszusagen, als was er gesehen hat. Er Erklärte und bezeugte darauf, den Dämon, um den es sich hier handelt, in dem Heer der Kreuzfahrer gesehen zu haben. In der Stadt Damaskus war er Zeuge, wie der verblichene Herr von Bueil sich vor den Schranken in den Zweikampf begeben zu dem Zweck, der alleinige Herr des besagten Teufels in Weibsgestalt zu sein, der um diese Zeit dem Herrn Geoffroy IV., Schlossherrn von Roche-Pozay, zugehörte, als welcher die Teufelin, wie er sagte, obwohl sie eine Sarazenin und Mohammedistin war, aus unsrem Touraine mit ins Heilige Land genommen hatte. Darüber haben sich die Edelleute von Frankreich höchlich verwundert, ebensosehr wie über die Schönheit der Teufelin, die großes Aufsehen im Feldlager machte und Veranlassung zu viel Ärgernis und tausend tollen Händeln gab. Schon auf der Fahrt war sie Schuld und Ursache von verschiedenen Morden gewesen, indem der edle Herr von Roche-Pozay mehrere Kreuzfahrer erschlug, die die Absicht verraten hatten, das Teufelsweib für sich gewinnen zu wollen. ... Aber zuletzt war es der Herr von Bueil, der, nachdem er seinen Nebenbuhler, den von Roche-Pozay, aus dem Wege geräumt, alleiniger Besitzer und Herr dieser mörderischen Weibsperson wurde und sie in ein Kloster oder, wie man auf sarazenisch sagt, in einem Harem einschloss. Wer sie vorher bei ihren Festereien gekannt, der hat sie in den verschiedensten transmediterraneischen Sprachen kauderwelschen hören als: Arabisch, Neugriechisch, Latein, Maurisch, bis auf unser christliches Tourainisch und das besser als irgendeiner im Kriegsvolk der Christen." Es ist ein alter Brauch bei den Sarazenen oder Moslems, ihre Sklaven, die zur Überwachung der Frauen bestimmt sind, ihrer Männlichkeit zu berauben: "Er hat uns erklärt, dass die Sarazenen ihre Sklaven, die zur Überwachung der Frauen bestimmt sind, auf diese Weise ihrer Männlichkeit beraubten, als welches ein uralter Brauch sei, wie aus verschiedenen Profanhistorikern, zum Beispiel der Geschichte des Narses, einen General von Konstantinopel, unter anderm hervorgehe." Böswilligkeit der Hexenprozesse; In den damaligen Gerichten Männer von großem Verstand, Gerechtigkeitssinn und Wohlwollen selten; weit und breit nur unerhörte Ungerechtigkeit; schreckliches Ungeheuer, dieser Leviathan, den man Volk nennt,: "Nämlich der genannte hochwürdige Herr Hieronymus Cornill, damals sich den Achtzigern nähernd und ein Mann von großem Verstand, Gerechtigkeitssinn und Wohlwollen, witterte von Anfang an in dieser Sache viel Böswilligkeit. Trotzdem er keinerlei Vorliebe für die Weiber hegte, die ihren Leib zur Lust hingeben, und in seinem Leben nur mit heiligen und hochehrbaren Frauen verkehrt hatte (welcher großen Keuschheit er seine Wahl zum obersten geistlichen Richter verdankte), hatte er trotz aller Zeugenaussagen und der eigenen Geständnisse jener Angeklagten allmählich die sichere Überzeugung gewonnen, dass dieses arme Wesen zwar die Grenzen ihres Handwerks überschritten habe, aber von dem Verdachte der Hexerei ganz freizusprechen sei; dass ihr großer Reichtum ihren Feinden und andern Leuten, die ich dir hier vorsichtshalber nicht näher bezeichnen will, in die Nase gestochen (man sprach davon, dass sie damit die ganze Grafschaft von Touraine hätte kaufen können) und dass der Neid ihrer Mitschwestern, der ehrbaren Frauen von Tours, über das arme Ding tausend Lügen und Verleumdungen ausgesprengt, die wie ein Lauffeuer sich verbreiteten und auf die geschworen wurde wie auf das Evangelium. Indem genannter Herr Hieronymus Cornill also nicht zweifelte, dass dieses Mädchen von keinem andern Teufel als dem Liebesteufel besessen war, hatte er sie im geheimen aufgefordert, sich gegen ihre Kläger auf das Gottesurteil zu berufen, da er mit Sicherheit voraussetzte, wie es ihm auch von den betreffenden in Aussicht gestellt worden, dass mehrere tapfere, angesehene und sehr reiche Edelleute Gut und Blut daran wagen würden, sie zu erretten. Hiernach sollte sie sich für den Rest ihrer Tage in ein Kloster zurückziehen, nachdem sie vorher, um den bösen Zungen das Maul zu stopfen, all ihr Gut dem Kapitel von St-Martin vermacht habe. Auf diese Weise sollte die süßeste Menschenblume, die je auf dieser Erde erblüht war, dass sie selbst ihre Verfolger verzauberte, und die allein aus allzu großer Schwäche und aus Mitleid gegen die Liebesschmerzen ihrer Verehrer gesündigt hatte, vorm Holzstoß bewahrt bleiben und an Leib und Seele gerettet werden. Aber jetzt mischte sich der leibhaftige Teufel in der Gestalt eines Mönchs in diese Angelegenheit. Dieser, mit Namen Jehan de la Hayes, hatte erfahren, dass das arme Weib in seinem Gefängnis mit der Ehrfurcht einer Königin behandelt wurde, und da er längst darauf ausging, die Tugend, Keuschheit und Ehrenhaftigkeit des Herrn Hieronymus Cornill aus böser Feindschaft zu verdächtigen, erhob er gegen den geistlichen Richter den öffentlichen Vorwurf, die Angeklagte zu begünstigen, weil er selber in ihre Netze und Fallstricke geraten und durch ihre Zauberkünste innerlich zum Jüngling und glücklichen Liebhaber umgeschaffen worden. Auf diese boshafte Verleumdung hin starb der edle Greis aus Kummer in Zeit von vierundzwanzig Stunden nicht ohne das Bewußtsein, dass Jehan de la Hayes seinen Untergang geschworen hatte, um seines Amts und seiner Würden teilhaftig zu werden. Wirklich besuchte unser gnädiger Herr Erzbischof die Mohrin in ihrem Gefängnis und fand dieselbe ohne Ketten in einem anständigen Raum mit gutem Lager. Denn es war ihr gelungen, mit Hilfe eines Diamanten, den sie an einem Orte aufbewahrt hatte, wo ihn niemand vermutet und männiglich sich gewundert, wie er da habe festhalten können, die Gunst des Gefangenwärters zu erkaufen. Nach dem Reden der Leute soll dieser Kerkermeister sogar, entweder aus Liebe zu seiner Gefangenen oder aus Furcht vor den edlen Herren, deren Liebhabern, im geheimen ihre Flucht vorbereitet haben. Da nun der gute Hieronymus Cornill am Sterben lag, wußte Jehan de la Hayes dem Kapitel einzureden, dass alle richterlichen Akte und Urteile des Oberrichters für null und nichtig zu erklären seien. Dazu sei erforderlich, so demonstrierte Jehan de la Hayes, damals noch ein simpler Vikar an der Kathedrale, dass der Sterbende eine öffentliche Beichte ablege auf seinem Totenbett. Wurde also der gute Herr Hieronymus Cornill auf Betreiben des Jehan de la Hayes durch die Herren vom Kapitel zu St-Martin und zu St-Marmoustiers, durch den Herrn Erzbischof und den päpstlichen Legaten, weil es der Vorteil der Kirche erheische, so lange gemartert und gequält, bis er nach langem Widerstreben mürbe wurde und sich zu der verlangten öffentlichen Selbstanklage herbeiließ, der die angesehensten Leute der Stadt beiwohnten und die eine unbeschreibliche Bestürzung und Aufregung in der Stadt hervorrief. In allen Kirchen der Diözese wurden öffentliche Gebete und Bußandachten abgehalten, um diese Schmach und Schande abzuwaschen. Ein jeder glaubte schon den Teufel bei sich durch den Kamin einreiten zu sehen. Aber das Wahre an der Sache ist, dass mein guter Herr Hieronymus in wilden Fieberphantasien lag und auf diese Weise das falsche Geständnis von ihm erpresst wurde. Nachdem der Fieberanfall vorüber war und der heilige Mann von mir den üblen Handel erfuhr, vergoss er bittere Tränen. Er starb in meinen Armen in Gegenwart seines Arztes, ganz in Verzweiflung über diesen teuflischen Mummenschanz, und seine letzten Worte lauteten, dass er sich vor dem Throne des Ewigen niederwerfen und Gott anflehen wolle, eine solche unerhörte Ungerechtigkeit nicht geschehen zu lassen. Die arme Mohrin hatte sein Herz durch ihre Tränen und durch ihre Reue sehr gerührt; in ihrer Beichte, die sie ihm vor ihrer Berufung auf ein Gottesurteil abgelegt, hatte sie ihre himmlisch reine Seele, die ihren Körper bewohnte, ganz vor ihm entblößt, und er sprach von dieser Seele als einem Diamanten, der würdig sei, nach beendigter zeitlicher Buße im Jenseits die Krone Gottes zu schmücken. Als ich nun, mein lieber Sohn, durch das Gerede der Leute und die Aussagen des Sterbenden eingeweiht in das verruchte Treiben, sah, wie die Sachen standen, schützte ich auf Anraten des François de Hangest, des oft genannten Meisters Medicus unsers Kapitels, eine Krankheit vor und verließ den Dienst an der Kathedrale von St.-Maurice, um nicht meine Hand in unschuldiges Blut tauchen zu müssen, das zum Himmel schreien wird bis an den Jüngsten Tag. Damals wurde der genannte Kerkermeister abgesetzt, und der zweite Sohn des Folterknechts kam an seine Stelle. Dieser warf die Mohrin in einen finstern Kerker, beschwerte ihr in unmenschlicher Weise Hände und Füße mit fünfzig Pfund schweren Ketten und legte ihr einen hölzernen Gürtel um die Hüften. Das Gefängnis wurde von den Armbrustschützen der Stadt Tours und den Waffenknechten des Erzbischofs bewacht. Die Arme wurde gefoltert, und mit zerbrochenen Gliedmaßen, vom Schmerz überwältigt, sagte sie alles aus, was Jehan de la Hayes von ihr zu hören wünschte. Sie wurde verurteilt, unter dem Portal der Kirche, mit einem Hemd vom Schweltuch bekleidet, drei Tage öffentlich am Pranger zu stehen und hierauf am Hügel von Saint-Étienne auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Ihre ganze Habe sollte dem Kapitel anheimfallen et cetera. Dieser Urteilsspruch verursachte großen Aufruhr und Kriegslärm in der Stadt. Drei junge Ritter von Touraine schwuren, im Dienste des armen Weibs zu sterben und mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln ihre Befreiung zu erlangen. Sie kamen in die Stadt mit einer großen Schar von Kriegsleuten, begleitet von Tausenden alter Soldaten, Handwerkern, Kranken und Leidenden, die die besagte Mohrin vom Tode, vom Hunger errettet, die sie gepflegt, gekleidet, getröstet, denen sie in jeder Art Missgeschick beigestanden. Immer größer wurde deren Anzahl, aus allen Winkeln der Stadt kamen sie hervor, denen die Mohrin sich einst hilfreich erwiesen, und unter der Führung der genannten Edelleute und ihrer Krieger versammelten sie sich eines Morgens und zogen, vermehrt durch eine große Menge Gesindels, das auf zwanzig Meilen im Umkreis zusammengelaufen war, auf die Höhe des heiligen Ludwig, von wo sie sich gegen das erzbischöfliche Gefängnis in Bewegung setzten und zu dessen Belagerung schritten. Stürmisch verlangten sie die Auslieferung der Mohrin, scheinbar, um sie zu töten, in Wahrheit aber, um sie zu befreien und sie auf einem bereitgehaltenen Renner das Weite gewinnen zu lassen; denn sie wußten, dass die besagte Mohrin reite wie ein Stallmeister. In diesem furchtbaren Aufstand wälzten sich mehr als zehntausend Menschen brüllend und johlend von der Brücke her gegen die Wälle und Gräben des erzbischöflichen Palastes, außer denen, die weithin auf Dächer und Zinnen geklettert waren, um den Spektakel mit anzusehen. Bis hinüber ans andere Ufer der Loire, bei St. Symphorion, konnte man das schreckliche Geschrei der Menge hören, von denen die einen in gutem Glauben den Tod der Hexe verlangten, die andern das Gefängnis stürmen wollten, um die Arme entkommen zu lassen. Das Gestoß und Gedränge war so fürchterlich in diesem wütenden und von dem zu vergießenden Blut der armen Mohrin bis zur Raserei aufgepeitschten Volkshaufen (die, wenn sie das Glück gehabt hätten, das wundersame Weib zu sehen, alle zu ihren Knien gesunken wären), dass sieben Kinder, elf Frauen und acht Bürger zerdrückt, unter die Füße getreten und wie zu Brei zerstampft wurden. Ganz entsetzlich waren die Schreie dieses schrecklichen Ungeheuers, dieses Leviathans, den man Volk nennt, dessen brüllende Stimme bis auf die Dörfer hinaus gehört wurde: »Heraus mit der Hexe!« schrie es, »liefert sie uns aus! – Reißt sie in Stücke! – Hierher! – Ich will ein Viertel von ihr! – Ich will ihr Haar! – Mir einen Fuß von ihr! – Mir den Kopf! – Mir ihr Ding! Ist es rot? – Darf man es sehen? Wird es gebraten werden? – Zum Tod mir ihr! – Zum Tod!« – Jeder sagte sein Sprüchlein. Aber der Ruf: »Gerechtigkeit Gottes! In den Tod mit dem Sukkubus!« wurde so einstimmig und in so wilder Raserei von der tobenden Menge herausgeschrien, dass einem das Herz hätte bluten können vor Erbarmen und dass vereinzelte Rufe um Gnade völlig erstickt wurden. Um diesen furchtbaren Sturm, der alles niederzufegen drohte, zu besänftigen, hatte der Erzbischof den Einfall, in großer und feierlicher Prozession das Allerheiligste durch die Straßen zu tragen. Damit rettete er das Kapitel vor seinem Untergang. Denn das fahrende Volk wie auch die Junker hatten geschworen, alles zu zerstören, das Kloster niederzubrennen und die Chorherren zu erwürgen. Vor dem Venerabile aber wich die Menge zurück, die Anstauung der Masse löste sich auf, die meisten trieb der Hunger nach Hause. In der Nacht darauf aber hielten die Klöster, Bürger und adligen Geschlechter, die eine wilde Plünderung für den andern Tag befürchteten, eine Versammlung ab und erklärten ihre Zustimmung zu den Beschlüssen des Kapitels. Zugleich wurde mit Stadtsoldaten, Bogenschützen, Rittern und Bürgern eine improvisierte Stadtmiliz zusammengebracht und alles niedergestochen und niedergeschlagen, was sich an Straßenräubern, Buschkleppern, Landstreichern und Vagabunden, von dem Gerücht des Aufruhrs angelockt, in der Stadt zusammengezogen und die Masse der Missvergnügten vermehrt hatte. ... Nun hatte das erzbischöfliche Kapitel freie Hand und konnte die Hinrichtung des armen Weibs zum Vollzug bringen. Auf zwölf Meilen im Umkreis erschienen die Menschen zu dieser Zeremonie, und an dem Tage, wo die Hexe, nachdem der göttlichen Gerechtigkeit genuggetan, der Gewalt des weltlichen Richters überliefert werden sollte, um auf einem Scheiterhaufen öffentlich verbrannt zu werden, würde niemand mehr eine Wohnung in der Stadt Tours gefunden haben, und wenn er auch einen ganzen Goldgulden dafür geboten hätte, wenn er sogar ein mächtiger Abt gewesen wäre. Schon die Nacht vorher schlief eine große Menge auf freiem Feld, unter Zeltdächern und Strohhütten. Die Lebensmittel reichten bei weitem nicht hin, und viele, die mit vollem Magen gekommen waren, kehrten mit leerem zurück und hatten doch nichts gesehen als den Schein des Feuers aus der Ferne. Den meisten Gewinn aber von der ganzen Sache hatten wieder die Wegelagerer und Schnapphähne längs der Heerstraße. Das unglückselige Weib war quasi tot. Ihre Haare waren gebleicht, sie war nur noch Haut und Knochen, und ihre Ketten wogen schwerer als sie selber. Wenn sie überreichlich die Lust der Welt genossen hatte in ihrem Leben, an diesem Tage musste sie sie teuer bezahlen. ... Immer stand vor meinen Augen dieser Engel, den die verruchten Menschen also geschunden und zugerichtet hatten, immer sah ich voll Schmerz und Liebe ihre schönen Augen auf mich gerichtet: kurz, die übernatürliche Schönheit dieses liebreizenden Wesens umgaukelte mich als eine holdselige Erscheinung bei Tag und bei Nacht, und oft lag ich stundenlang in der Kirche, wo sie gemartert worden ist, und betete für ihre Seele. Nie konnte ich ohne Zittern und Beben den Großmeister und Ober-Strafrichter Jehan de la Hayes, ansehen, der später bei lebendigem Leibe von Würmern gefressen wurde. Der Aussatz hat diesen Richter gerichtet. Außerdem verzehrte eine Feuersbrunst sein Haus; seine eigne Frau und alle, die Hand an den Holzstoß der Mohrin gelegt, starben in den Flammen. Dieses, mein vielgeliebter Sohn, hat mich nachdenklich gemacht, und ich habe meine Gedanken niedergeschrieben, damit sie für alle Zeiten in unsrer Familie als Regel und Richtschnur des Lebens dienten." Manche denken ja
immer noch, Konstantinopel und die christlichen Kirchen dort wären
Eigentum des türkischen Präsidenten, dabei gehört die Hagia
Sophia den Griechen und darf natürlich nicht in eine Moschee bzw.
Götzentempel verwandelt werden; das war den Europäern früher
immer klar; jeder Ritter wusste das, "er sprach von den ehrgeizigen Plänen
des Königs, der sich mit dem Gedanken trug, Morea, Konstantinopel,
Jerusalem und alle Länder des Sultans in Asien und Afrika zu erobern;
von den Staatsmännern des Königs, die es verstünden, die
Blüte der ganzen christlichen Ritterschaft auf dieser Insel zusammenzuziehen,
in der Absicht, die Herrschaft Venetiens zu brechen, das nicht einen Daumen
breit Landes besaß, und Sizilien von neuem zur Königin des Mittelländischen
Meeres zu erheben, was es schon einmal im Altertum gewesen war. ... »Obwohl
ich«, gab der Franzose zur Antwort, »in Wahrheit keines andern
Menschen Beistand bedarf, da ich mich auf eine Sache verlassen kann, die
stark genug ist, um mir alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, bin
ich Euch dennoch dankbar, Herr Ritter Pezzara, für Euer freundliches
Entgegenkommen und hoffe, dass Euch der Ritter Gautier von Montsoreau aus
dem schönen Tourainer Land bald seinerseits zu Dank verpflichten wird.«
In einem früheren Roman Balzacs heißt es: "Aragonien selbst
kämpft gegen die Mauren , wie Portugal desgleichen ; und von allen
Übeln das größte , was Sie wahrscheinlich gar nicht kennen
, der Zustand des römischen Hofes .... Kaum sind die Schläge
des Concils zu Kostnik überstanden , sah er den wahrhaften Papst verjagen
! ... Den Stadthalter Jesu Christi ! Eugen IV. ! ... Die Türken greifen
Deutschland an, das schon von den Hussiten bekämpft wird ; Konstantinopel
liegt in den letzten Zügen , Jerusalem ist genommen! .... Das Grab
des Heilands in den Hånden der Ungläubigen ! ... In der Mitte
dieser allgemeinen Kämpfe, wenn die Großmächte stürzen,
aus ihren Trummern erstehen , um noch einmal zu stürzen und sich einander
zu zerreißen, wenn Gott , um die Erde zu strafen , seinen Würgengel
entsandt hat", was konnte da Europa einem kleinen Königreiche , von
einer kleinen Republik angegriffen, geben? "Wenn man der Belagerung Konstantinopels
keine Aufmerksamkeit schenkt , sollte man Cypern berücksichtigen ?
... Der Bischof , von dieser Rede ab irato erschreckt , schwieg einige
Augenblicke : aber man kennt die priesterliche Ausdauer wenig , wenn man
ihn überwunden glaubt. Wenn die Jungfrau von Orleans siegte , erwiederte
er , so hatte sie fast dreißig tausend Mann ", welche die Sonderbarkeit
ihres Feldherrn fanatisirte ... Hierin ... muss man der Politik des französischen
Hofes Gerechtigkeit wiederfahren lassen , und ich ärgere mich , den
Namen dessen nicht zu kennen , welcher diesen neuen General erfand , um
den Eifer der Soldaten zu beleben ... passend an verschiedenen Orten vertheilt
, erwarten sie den Augenblick der Einschiffung , um Cypern wieder zu erobern
, und sobald unsre dreißig tausend Mann " vollzählig sein werden
, werden sie ... bei Nisastro landend , bis nach Nikosia von Sieg zu Sieg
zu fliegen; wir werden unsern Einzug halten, umgeben von venetianischen
Fahnen , unter dem Freudengeschrei des Volkes, und die Lusignan werden
in neuem Ruhme glänzen ! ... man wird vielleicht selbst Jerusalem
wieder nehmen können. Also sprechend , saß der Bischof längst
nicht mehr auf der Bank , er bewegte sich hin und her in seiner Soutane
, seine Trinkschale wie einen Säbel schwingend." [3]
3. Comédie Humaine (Die menschliche Komödie) IDie Comédie Humaine (Die menschliche Komödie) sollte Balzacs Lebenswerk werden, das er jedoch nicht mehr vollenden konnte. „Nur“ 91 der geplanten 137 Romane und Erzählungen wurden fertiggestellt. Balzac verband die einzelnen Texte zu einem Zyklus, indem er viele Figuren mehrfach auftreten ließ. Mit dieser literarischen Innovation wollte er ein System schaffen, ein umfassendes Sitten-Gemälde seiner Zeit, als Erzieher der Menschen so wie in einer Sittenlehre mehr die philosophischen, politischen und wirtschaftlichen Bereiche der Zeit erfasst werden. Als die einzige, mögliche Religion gilt ihm das Christentum, das auch schon in den vorhergehenden Religionen enthalten ist, nicht jedoch in den nachfolgenden wie dem Islam.Balzac schreibt dazu im Vorwort zu seiner Comédie Humaine, Paris, Juli 1842: "Wenn ich einem Werk, das vor nun bald dreizehn Jahren begonnen wurde, den Titel der »Menschlichen Komödie« gebe, so wird es nötig sein, dass ich seine Idee angebe, von seiner Entstehung berichte und in Kürze seinen Plan auseinandersetze; und zwar muss ich versuchen, von diesen Dingen zu sprechen, als sei ich an ihnen ganz unbeteiligt. Das ist nicht so schwierig, wie der Leser vielleicht glaubt. Ein Werk, auf das wenig Arbeit verwandt wurde, leistet oft der Eitelkeit Vorschub, andauernde Arbeit aber macht unendlich bescheiden. Diese Beobachtung erklärt die Durchprüfung, der Corneille, Molière und andere große Autoren ihre Werke unterzogen: wenn es unmöglich ist, ihnen in ihren schönen Eingebungen gleichzukommen, so kann man sich wenigstens in dieser Empfindung mit ihnen berühren. Die erste Idee der »Menschlichen Komödie« tauchte mir wie ein Traum auf, wie einer jener ungeheuren Pläne, denen man liebevoll nachhängt und die man entfliegen lässt; wie eine Schimäre, die lächelt, die ihr Frauengesicht zeigt, und die alsbald ihre Flügel entfaltet, um in einen phantastischen Himmel zurückzukehren. Aber die Schimäre wandelt sich wie viele Schimären zur Wirklichkeit; sie übt eine Herrschaft und eine Tyrannei aus, der man gehorchen muss. Die vorliegende Idee entsprang einem Vergleich zwischen dem Menschlichen und dem Tierischen. Es wäre ein Irrtum, wollte man glauben, der große Streit, der sich vor einiger Zeit zwischen Cuvier und Geoffroy Saint-Hilaire entspann, habe auf einer neuen wissenschaftlichen Entdeckung beruht. Der Gedanke der ›Einheit in der Vielheit‹ hatte unter anderen Namen schon die größten Geister der beiden vorhergehenden Jahrhunderte beschäftigt. Wenn man die so außerordentlichen Werke der mystischen Schriftsteller durchliest, die sich mit den Wissenschaften in ihren Beziehungen zum Unendlichen befassen, wie etwa Swedenborg, Saint-Martin und andere, und ferner die Schriften der großen naturwissenschaftlichen Genies, wie die eines Leibniz, eines Buffon, eines Charles Bonnet usw., so findet man in den Monaden des Leibniz, in den organischen Molekülen Buffons, in der vegetativen Kraft Needhams, in der ›Einschachtelung‹ der ähnlichen Teile bei Charles Bonnet, der kühn genug war, schon 1760 zu schreiben: »Das Tier vegetiert wie die Pflanze«: dort, sage ich, findet man die Keime des schönen Gesetzes vom Selbst an und für sich, auf dem die »Einheit in der Vielheit« beruht. Es gibt nur ein Tier. Der Schöpfer hat sich für alle organischen Wesen nur eines einzigen Musters bedient. Das Tier ist ein Grundwesen, das seine äußere Gestalt oder, genauer, die Unterschiede seiner Gestalt in den Umgebungen annimmt, in denen es sich zu entwickeln berufen wird. Aus diesen Unterschieden ergeben sich die zoologischen Arten. Dieses System, das übrigens mit unseren Begriffen von der göttlichen Macht im Einklang steht, verkündet und vertreten zu haben, wird ewig ein Ehrentitel Geoffroy Saint-Hilaires bleiben, der in dieser Streitfrage der Wissenschaft über Cuvier siegte und dessen Triumph durch den letzten Aufsatz begrüßt wurde, den der große Goethe schrieb.
Absonderlichkeiten des Chevalier; Türkenköpfe als Ohranhänger; Brote und Kuchen in Form eines Turbans oder eines Mohrenkopf: "Der Chevalier trug überdies zwei kleine, sehr kunstvoll gearbeitete Ohrringe, die in Diamant gefasste Negerköpfe darstellten; doch legte er so großen Wert darauf, dass er dieses eigentümliche Anhängsel mit der Behauptung rechtfertigte, seitdem seine Ohrläppchen durchstochen seien, habe er keine Migräne mehr; er hatte also an Migräne gelitten." Das erinnert an eine Anekdote von Gustave Flaubert bzw. einem seit dem Mittelalter interessanten Brauch, wie Flaubert in einem seiner Romane festhält: Es handelt sich um kleine schwere Brote, "die in der Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans gebacken und in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen werden. Man buk sie bereits zur Zeit der Kreuzzüge. Die wetterfesten alten Normannen stopften sich voll davon, und wenn sie diese Brote beim gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische liegen sahen, zwischen riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten sie sich einbilden, Sarazenenköpfe zu vertilgen." Nicht nur das normannische Schwarzbrot wird in einer Turbanform (Gugelhupfform) gebacken, sondern auch verschiedene Kuchen, zum Beispiel Geburtstagskuchen. Die Turban/Gugelhupfform wird in Europa für Brot und Kuchen verwendet, um Zupfbrot oder rustikale Vollkornbrote optisch ansprechend zu backen, was früher gleichzeitig den Zweck hatte, symbolisch die nach Europa drängenden Türken/Sarazenen zu dezimieren. Typisches Schwarzbrot wie das rheinische oder ostfriesische besteht aus Roggenvollkornschrot und wird oft mit Rübenkraut dunkel gefärbt. In einigen Regionen gab es früher ein kugelrundes, mit Scholoade überzogenes Gebäck, das wie der Kopf eines Türken bzw. Sarazenen unter einem Turban aussah und wurde in der Regel "Mohrenkopf" genannt (früher war ganz Afrika mehrheitlich muslimisch); heute, wo der Staatsschutz schon Ermittlungen aufnimmt, wenn bei Rosenmontagsumzügen Wagen mitfahren, die Kritik am Islam üben, traut sich kein Bäcker mehr sie unter diesem Namen anzubieten. Auch Türkenköpfe als Ohranhänger sind selten geworden, höchstens in Spielen treten die Turbanträger manchmal als Räuber auf. "Der Chevalier de Valois machte übrigens diese Negerköpfe durch so viele andere Vorzüge wieder wett, dass die Gesellschaft sich dafür genügend entschädigt finden sollte. Er gab sich wirklich große Mühe, seine Jahre zu verbergen und seinen Bekannten zu gefallen. Da war in erster Linie die außerordentliche Sorgfalt, die er auf seine Wäsche verwandte, dieses einzige Mittel, mit dem sich heutzutage Leute von guter Lebensart in ihrer Kleidung auszeichnen können! Die des Chevaliers war stets von aristokratischer Feinheit und Weiße. Was seinen Rock anging, so war er zwar immer abgetragen, aber von bemerkenswerter Sauberkeit, ohne Flecken und Falten, Die Konservierung seiner Kleidungsstücke grenzte sogar ans Wunderbare für diejenigen, die die saloppe Gleichgültigkeit des Chevaliers für diese Seite der Mode bemerkten; er ging zwar nicht so weit, sie mit einem Stück Glas abzuschaben, ein Verfahren, das vom Prinzen von Wales erfunden worden ist; immerhin setzte Monsieur de Valois seine ihm eigene Geckenhaftigkeit darein, die Grundelemente hoher englischer Eleganz nachzuahmen, was von den Leuten von Alençon wohl kaum gebührend gewürdigt werden konnte. Ist die Welt nicht denen Achtung schuldig, die sich ihretwegen so sehr in Unkosten stürzen? Handeln solche Leute nicht nach jener schwierigsten Vorschrift des Evangeliums, die befiehlt, Böses mit Gutem zu vergelten? Dieses frische, gepflegte Äußere passte gut zu den blauen Augen, den blendend weißen Zähnen, der blonden Erscheinung des Chevaliers. Nur hatte dieser Adonis im Ruhestand nichts Männliches in seinem Auftreten, und die Künste der Toilette mussten ihm dazu dienen, die im Kriegsdienst der Galanterie erworbenen Schäden zu verdecken. Um nichts ungesagt zu lassen: die Stimme stand im Widerspruch zu der blonden Zartheit des Chevaliers. Ohne der Meinung einiger Kenner des menschlichen Herzens beizupflichten, welche sagten, die Stimme des Chevaliers entspräche seiner Nase, musste man sich doch über den Umfang und die Tragkraft seines Organs wundern. Die Stimme besaß zwar nicht das Volumen eines mächtigen Basses, gefiel aber durch eine hübsche Mittellage, war ausdauernd und zart, durchdringend und doch samtweich wie der Klang des Englischhorns. Der Chevalier hatte die lächerliche Tracht, die einige monarchisch gesinnte Männer beibehalten hatten, abgelegt und sich offen der herrschenden Mode angeschlossen; er trug stets einen kastanienbraunen, mit goldenen Knöpfen besetzten Rock, leicht anliegende Kniehosen aus einem festen, seidenartigen Stoff mit goldenen Schnallen, eine weiße Weste ohne Stickerei und als letztes Überbleibsel der vormaligen französischen Mode eine geknotete Krawatte ohne Hemdkragen, auf die er um so weniger hatte verzichten können, als sie ihm gestattete, den Hals eines weltlichen Abbé zu zeigen. Seinen Schuhen gereichten viereckige, bei der gegenwärtigen Generation in Vergessenheit geratene goldene Schnallen zur Zierde, die sich vom lackierten schwarzen Leder abhoben. Gleichfalls eine Reminiszenz an die Mode des achtzehnten Jahrhunderts, das die »Incroyables« unter dem Direktorium nicht missachteten, war die Gepflogenheit des Chevaliers, zwei Uhrketten zu tragen, die zu beiden Seiten aus seinen Westentäschchen heraushingen." Der Chevalier als absoluter Monarch; Tizian: "Madame hatte eine so große Schwäche für Leute von Stand, dass sie in bezug auf den Chevalier für blind gelten konnte. "Für sie war Monsieur de Valois ein absoluter Monarch, und alles, was er tat, war wohlgetan. Hätte eine ihrer Arbeiterinnen sich etwas mit dem Chevalier zuschulden kommen lassen, so hätte sie gesagt: »Er ist so liebenswürdig!« Obwohl also dieses Haus, wie übrigens alle Häuser der Provinz, gleichsam aus Glas war, so war es doch, bezüglich Monsieur de Valois', verschwiegen wie eine Diebeshöhle. Der Chevalier, der der geborene Vertraute der kleinen Intrigen der Plättstube war, ging nie an deren Tür vorbei, die größtenteils offenblieb, ohne seinen kleinen Kätzchen etwas zu schenken: Schokolade, Bonbons, Bänder, Spitzen, ein goldenes Kreuz, allerlei Tand, wonach diese kleinen Mädchen närrisch sind. Der Chevalier wurde darum auch von ihnen angebetet. Die Frauen haben einen Instinkt für jene Männer, die sie allein deswegen, weil sie einen Rock tragen, vergöttern, die glücklich in ihrer Nähe sind und nicht daran denken, töricht Vorteil aus ihrer Galanterie ziehen zu wollen. Sie haben in diesem Punkt den Spürsinn des Hundes, der in einer Gesellschaft geradeswegs auf den Mann zugeht, dem die Tiere heilig sind. Der arme Chevalier hatte sich aus seinem früheren Leben das Bedürfnis bewahrt, das den Grandseigneur verriet, die Frauen unter seinen galanten Schutz zu nehmen. ... Suzanne, einer seiner Lieblinge, klug, ehrgeizig, hatte das Zeug zu einer Sophie Arnould in sich und war überdies schön wie die schönste Kurtisane, die Tizian jemals auf schwarzen Samt zu betten gewünscht hätte, damit sie seinem Pinsel helfe, eine Venus zu schaffen; doch sündigte ihr Gesicht, das in der Bildung der Stirn und der Augen Feinheit hatte, durch die gewöhnlichen Umrisse seiner untern Partie. Es war die normannische Schönheit, frisch, blendend, strotzend, das Fleisch von Rubens, das mit den Muskeln des Herkules Farnese vermählt werden musste, und nicht die Venus von Medici, diese anmutsvolle Frau Apollos. Kreuz der Ehrenlegion für die Meisterköchin: was den Chevalier de Valois angeht, "so sagte er mit dem ungezwungenen Ton eines Grandseigneurs, der sich herablässt, zu Mariette: »Nun, teure Meisterköchin, der ich das Kreuz der Ehrenlegion erteilen werde, gibt es irgendeinen feinen Bissen, für den man sich den Appetit aufsparen muss?« »Jawohl. Monsieur de Valois, einen Hasen aus Le Prébaudet, er wog vierzehn Pfund.« Er pflanzt sich immer vor einem auf wie eine Null: l»Mein Gott, Monsieur de Valois«, erwiderte sie, »seine Mutter sagt mir, dass er Geist hat, und er kann nicht bis drei zählen; er pflanzt sich immer vor einem auf wie eine Null...« »Die an nichts denkt! ...Ich habe ihn auf frischer Tat ertappt!« Vernünftige Ideen nur durch gute Erziehung; Deutschland: »Wie sollen die jungen Leute, die in diesen abscheulichen kaiserlichen Lyzeen erzogen wurden, zu vernünftigen Ideen kommen?« sagte der Chevalier, der sich dem Ohr Mademoiselle Cormons genähert hatte, leise; »gute Sitten und edle Gewohnheiten erzeugen große Ideen und die wahre Liebe. Wenn man ihn so ansieht, möchte man wetten, dass der arme Kerl ganz idiotisch wird und elend zugrunde geht. Sehen Sie, wie bleich und abgezehrt er ist?« ... »die Sitten dieser kaiserlichen Lyzeen waren wirklich abscheulich.« »O ja«, sagte die unbefangene Mademoiselle Cormon, »führte man sie nicht mit Trommlern an der Spitze spazieren? Ihre Lehrer hatten nicht so viel Religion wie die Heiden. Und man steckte die armen Jungen in Uniform, gerade wie Soldaten. Wie lächerlich!« ... »Meine arme Freundin, Ihr Sohn ist ein Idiot! Das Lyzeum ist sein Verhängnis gewesen.« Das sagte sie, da ihr einfiel, mit welcher Beharrlichkeit der Chevalier von der schlechten Erziehung in den Lyzeen gesprochen hatte." .Deutschland: »aber glauben Sie mir, Deutschland, das hier für sehr bäurisch gilt, ist ein Land voll noblen Rittertums und schöner Sitten, besonders gegen Polen und Ungarn zu, wo es ...« [4] Gefängnis der Galeerensträflinge in Toulon (Bagno); »Di tanti palpiti«, Anfangsworte der Schlusskabaletta aus der Oper »Tankred« (1831) von Rossini; In "La peau de chagrin" zeichnet Balzac gutes Bild der Intellektuellen in Paris: "Beim ersten Blick lasen die Spieler in dem Gesicht des Neulings ein schreckliches Geheimnis; die Anmut seiner jugendlichen Züge war umschattet, sein Blick zeugte von vergeblichen Anstrengungen und von tausend gescheiterten Hoffnungen. Der düstere Gleichmut des zum Tode Entschlossenen verlieh seiner Stirn eine matte, krankhafte Blässe; ein bitteres Lächeln zog leise Falten in seine Mundwinkel, und der Anblick der tiefen Hoffnungslosigkeit, die seine Züge ausdrückten, war kaum zu ertragen. Ein verborgenes Genie flackerte im tiefsten Inneren seiner umflorten Augen, die vielleicht von Vergnügungen ermattet waren. Hatte die Ausschweifung ihr schmutziges Siegel auf dieses edle, ehemals reine und leuchtende, jetzt entwürdigte Antlitz gedrückt? ...Aber eine Leidenschaft, tödlicher als Krankheit, eine Krankheit erbarmungsloser als Studium und Genie, verheerte dieses junge Gesicht, verkrampfte diese beweglichen Muskeln, presste dieses Herz zusammen, das Wollust, Studium und Krankheit nur leicht gestreift hatten. So wie im Bagno ein berühmter Verbrecher bei seiner Einlieferung von allen Sträflingen respektvoll empfangen wird, so grüßten diese menschlichen Dämonen, diese in allen Folterqualen Erfahrenen einen unerhörten Schmerz, eine tiefe Wunde, die ihr Blick zu ergründen suchte, und erkannten in ihm an der Majestät seiner stummen Verachtung, der eleganten Kläglichkeit seiner Kleidung einen ihrer Fürsten. Der junge Mann trug wohl einen Frack von guter Fasson, aber die Verbindung seiner Weste mit der Krawatte war zu kunstvoll hergestellt, als dass man darunter ein Hemd vermuten konnte. Seine Hände, hübsch wie die einer Frau, waren von zweifelhafter Sauberkeit; seit zwei Tagen hatte er keine Handschuhe mehr getragen. Wenn selbst den Croupier und die Saaldiener ein Schauder überflog, so weil über den feingeschnittenen Zügen, den natürlich gewellten dünnen, blonden Haaren noch ein Hauch von Unschuld lag. Dies Gesicht war noch fünfundzwanzig Jahre jung, und das Laster schien darauf nur ein Zufall zu sein. Die Lebenskraft der Jugend kämpfte darin noch an gegen die Verheerungen unterdrückter Begierden. Licht und Finsternis, Sein und Nichts stritten gegeneinander und zeugten Anmut und Grauen zugleich. Der junge Mann erschien in dieser Runde wie ein Engel ohne Strahlenschein, der vom rechten Wege abgekommen war. Und wie ein altes zahnloses Weib vom Mitleid ergriffen wird, wenn es sieht, wie sich ein schönes junges Mädchen dem Verderben preisgibt, so waren alle diese Würdenträger des Lasters und der Schande nahe daran, dem Neuling zuzurufen: »Flieh von hier!« Jener aber schritt geradewegs auf den Tisch zu, blieb stehen und warf auf gut Glück ein Goldstück, das er in der Hand hielt, auf den Tisch. Es rollte auf Schwarz; zugleich richtete er, wie starke Naturen, die die quälende Ungewißheit verabscheuen, einen ungestümen, wiewohl gefaßten Blick auf den Croupier. Das Interesse an diesem Einsatz war so groß, dass keiner der Alten setzte; aber der Italiener folgte mit der Besessenheit der Leidenschaft einem Gedanken, der ihm gerade gelächelt hatte, und setzte sein ganzes Gold gegen das Spiel des Unbekannten. Der Bankhalter vergaß seine stereotypen Wendungen zu rufen, die mit der Zeit heiser und unverständlich geworden sind: »Faites le jeu! – Le jeu est fait! – Rien ne va plus.« Er breitete die Karten aus und schien dem Zuletztgekommenen Glück zu wünschen, gleichgültig, ob den Veranstaltern dieses finstern Vergnügens Gewinn oder Verlust daraus entstünde. ... Der Spieler gab mit mechanischer Bewegung die Garderobenmarke zurück und stieg die Treppe hinunter, indem er ›Di tanti palpiti‹ pfiff, aber so leise, dass er die reizende Melodie kaum selbst vernahm." Bild von Maurice
Quentin de La Tour (1704-1788): französischer Pastellmaler, berühmt
für seine Porträtdarstellungen; Tschibuk, lange türkische
Tabakspfeife; philosophischer Kehrichthaufen von der Friedenspfeife des
Wilden bis zum grün-goldenen Pantoffel aus dem Serail, vom Krummschwert
des Mauren bis zum Götzenbild der Tataren; Bazar menschlicher Torheiten,
der menschliche Geist im ganzen Gepränge seiner Jämmerlichkeit,
im vollen Glanz seiner gigantischen Beschränktheit; Aberglaube des
Orients, hier tut man besser daran, sich an die Menschen zu halten als
an einen falschen Gott wie Allah; heiliger Johannes auf Patmos; Benvenuto
Cellini (1500-1571): italienischer Goldschmied und Bildhauer der Spätrenaissance;
seine Autobiographie wurde von Goethe ins Deutsche übertragen; Lara,
der Titelheld der gleichnamigen Verserzählung von Lord Byron (1814);
David Tenier, gen. der Ältere (1582-1649), und dessen Sohn David,
gen. der Jüngere (1610-1690), flämische Maler; Claude Lorrain,
auch Le Lorrain (1600-1682): französischer Maler, Meister der Landschaftsmalerei;
Gérard Dou, auch Dow (1613-1675): niederländischer Genremaler;
Bartolomé Esteban (1617-1682): spanischer Maler, der neben Madonnen-
und Heiligenbildern auch realistische Genreszenen schuf; Velasquez, Diego
(1599-1660): spanischer Hof- und Porträtmaler; George Noël Gordon,
Lord (1788-1824): englischer romantischer Dichter, nahm aktiv am griechischen
Freiheitskampf gegen die Türken teil; Cuvier, Georges, Baron (1769-1832):
Begründer der modernen Paläontologie und vergleichenden Anatomie,
verteidigte die metaphysische Auffassung von der Unabänderlichkeit
der biologischen Arten; Kadmos: Gestalt der griechischen Mythologie, säte
die Zähne eines von ihm getöteten Drachens, aus denen Krieger
wuchsen, mit denen er die Stadt Theben gründete; Siegel Salomons:
Salomo, König von Israel (gest. um 925 v. Chr.), gilt als Urbild der
Weisheit und Beherrscher der Geister; sein Siegelring, ein fünfzackiger
Stern, spielt als Talisman der Weisheit und der Zauberei in der Kabbalistik
eine große Rolle;
"in Pastell gemalt, nackt, in einer Wolke mit einem Stern auf dem Kopf, schien lüstern einen türkischen Tschibuk zu betrachten, als wollte sie den Zweck der sich ihr entgegenschlängelnden Spiralen ergründen. Werkzeuge des Todes, Dolche, seltsame Pistolen, Geheimwaffen, Rüstungen, lagen in buntem Durcheinander neben den Gerätschaften des Lebens: Porzellanschüsseln, Meißener Tellern, hauchdünnen chinesischen Tassen, antiken Salznäpfen, Konfektschalen aus adligem Familienbesitz. ... Es war eine Art philosophischen Kehrichthaufens, auf dem nichts fehlte, von der Friedenspfeife des Wilden bis zum grün-goldenen Pantoffel aus dem Serail, vom Krummschwert des Mauren bis zum Götzenbild der Tataren. ...Der Anblick so vieler Pfänder, die von versunkenen Nationen und dahingegangenen Leben der Menschen zeugten, betäubte vollends die Sinne des jungen Mannes; der Wunsch, der ihn in den Laden getrieben hatte, war erhört worden: er verließ die Wirklichkeit, stieg allmählich zu einer Traumwelt empor, gelangte in den Zauberpalast der Ekstase, wo ihm das Universum bruchstückhaft und in Feuer getaucht erschien, so wie einst vor den Augen des heiligen Johannes auf Patmos die Zukunft flammend vorüberzog. ... Schließlich übertönte das christliche Rom diese Bilder. Ein Gemälde öffnete die himmlischen Gefilde, er erblickte die Jungfrau Maria inmitten von Engeln auf einer goldenen Wolke, den Glanz der Sonne überstrahlend, wie sie, die wiedererstandene Eva, gütig lächelnd die Klagen der Unglücklichen anhört. ... Ein Salznapf aus den Werkstätten des Benvenuto Cellini versetzte ihn mitten in die Renaissance, in die Zeit, da Kunst und Handwerk blühten, da Fürsten sich an Folterungen ergötzten und Konzile in den Armen von Kurtisanen liegend den einfachen Priestern Keuschheit vorschrieben. Auf einer Kamee sah er die Siege Alexanders; die Massaker Pizarros auf einer Luntenschloßmuskete; auf einem Helm die wilden, hitzigen, grausamen Religionskriege. Dann tauchten aus einer prächtig damaszierten, blankgeputzten mailändischen Rüstung, unter deren Visier noch die Augen eines Paladins zu funkeln schienen, die heitern Bilder der Ritterzeit empor. ... Doch dann plötzlich wurde er Korsar und hüllte sich in die schreckliche Poesie des Lara, die ihm aus dem perlmuttfarbenen Glanz tausenderlei Muscheln und Sternkorallen entgegenströmte, die ihm den Duft von Tang, Algen und atlantischen Stürmen zutrugen. Doch gleich vergaß er die tosenden Fluten, da ein kostbares handgeschriebenes Meßbuch mit zarten Miniaturen, azurnen und goldenen Arabesken seine Bewunderung erregte. Von friedlichen Gedanken sanft gewiegt, gab er sich aufs neue dem Studium und den Wissenschaften hin, wünschte sich das fette Leben der Mönche, frei von Leid und frei von Lust, legte sich in einer Zelle schlafen und blickte von seinem Spitzbogenfenster aus über die Wiesen, Wälder und Weinberge seines Klosters hin. ... Vor einigen Teniers zog er den Soldatenrock an oder teilte das harte Leben des Handwerksmannes; wünschte die schmierige, rauchgeschwärzte Mütze der Flamen aufzusetzen, spielte Karten mit ihnen, soff Bier und schäkerte mit einer drallen Bäuerin. ... In vollen Zügen leerte er den Kelch der Freuden und der Schmerzen, versuchte sich in allen Daseinsformen und verausgabte sein Leben und seine Gefühle so verschwenderisch in den Trugbildern dieser plastischen und doch öden Welt, dass er den Hall seiner Schritte in sich wahrnahm wie den fernen Klang aus einer anderen Welt, wie das Brausen von Paris auf den Türmen von Notre-Dame. ... Die kostspieligsten Liebhaberstücke von Verschwendern, die in Dachstuben geendet hatten, nachdem Millionen durch ihre Finger geglitten waren, befanden sich in diesem ungeheuren Bazar menschlicher Torheiten. Ein Schreibzeug, einst mit 100 000 Francs bezahlt und für 100 Sous aufgekauft, lag neben einem Geheimschloß, dessen Preis dazumal genügt hätte, einen König loszukaufen. Hier zeigte sich der menschliche Geist im ganzen Gepränge seiner Jämmerlichkeit, im vollen Glanz seiner gigantischen Beschränktheit. ... Der Unbekannte folgte seinem Führer und gelangte in eine vierte Galerie, wo an seinen ermüdeten Augen in gedrängter Folge Gemälde von Poussin vorüberzogen, eine herrliche Statue von Michelangelo, einige entzückende Landschaften von Claude Lorrain, ein Gérard Dou, der wie eine Szene von Sterne anmutete, Rembrandts, Murillos, Velasquez', düster und farbenreich wie ein Poem von Lord Byron. ... Sie sahen sich einen Augenblick an, der eine so erstaunt wie der andere. Der Lehrling deutete das Schweigen des Unbekannten als unausgesprochenen Wunsch und ließ ihn in dem Kabinett allein. Hast du dich jemals bei der Lektüre der geologischen Werke von Cuvier in die Unendlichkeit von Raum und Zeit geschwungen? Hast du, getragen von seinem Genie, wie von der Hand eines Zauberers, über dem grenzenlosen Abgrund der Vergangenheit geschwebt? Wenn wir die Erde Scholle für Scholle und Schicht für Schicht abtragen und unter den Steinbrüchen des Montmartre oder in den Schiefergebirgen des Ural die fossilen Reste von Tieren entdecken, die vorsintflutlichen Zivilisationen angehören, wie muss die Seele da erschrecken, wenn sie sich vorstellt, dass Milliarden Jahre vergangen sind, Millionen Völker gelebt haben, die von dem schwachen menschlichen Gedächtnis und der starren religiösen Tradition vergessen worden sind und deren Asche die Oberfläche unseres Erdballs bildet, die zwei Fuß Boden, woraus uns Brot und Blumen wachsen? Ist nicht Cuvier der größte Dichter unseres Jahrhunderts? Lord Byron hat wohl ein paar seelische Erschütterungen vortrefflich in Worte gebannt; aber unser unsterblicher Forscher hat aus gebleichten Knochen Welten wiedererstehen lassen, hat, wie Kadmos, mit Zähnen Städte neu erbaut, hat mit einigen Brocken Kohle tausend Wälder mit allen Geheimnissen der Tierwelt wieder lebendig werden lassen, hat am Fuß eines Mammuts erkannt, dass Völker von Riesen gelebt haben. Diese Gestalten ragen auf, wachsen und füllen Regionen, die ihrer kolossalen Größe entsprechen. Er ist Dichter mit Zahlen, er ist erhaben, wenn er eine Null neben eine Sieben setzt. Er erweckt das Nichts, ohne magische Worte zu drechseln. Er untersucht ein Stück Kalk, bemerkt einen Abdruck und ruft: ›Seht her!‹ Alsbald wandelt sich der Stein zum Tier, der Tod zum Leben, die Welt entrollt sich. ... Jedes dieser Geschöpfe taumelte, hüpfte, löste sich von seinem Platz, schwerfällig oder leichtfüßig, anmutig oder ungestüm, je nach seinen Sitten, seinem Charakter oder seinem Umfeld. Es war ein geheimnisvoller Sabbat, würdig der phantastischen Erscheinungen, die Doktor Faust auf dem Brocken sah. ... »Aha!« rief er, »hier ist der Abdruck des Siegels, das die Orientalen das Siegel Salomons nennen.« »Sie kennen es also?« fragte der Händler und stieß zwei- oder dreimal die Luft durch die Nase, was mehr besagte als die kräftigsten Worte. »Ob es auf der Welt wohl einen Menschen gibt, der so einfältig wäre, an dieses Hirngespinst zu glauben?« rief der junge Mann, gereizt von diesem stummen Lachen voll bitteren Hohns. »Wissen Sie denn nicht, dass der Aberglaube des Orients die mystische Form und die lügnerischen Schriftzeichen dieses Symbols geschaffen hat, das eine fabelhafte Macht vorstellen soll? Ich glaube, dass man mich diesbezüglich nicht minder der Albernheit bezichtigen müsste, als spräche ich von Sphinxen oder Greifen, deren Existenz ja auch mythologisch gewissermaßen beglaubigt ist.« ... »Die Kunst des Morgenlandes kennt Geheimnisse, um die tatsächlich nur sie allein weiß«, sagte er und betrachtete den orientalischen Spruch mit einer gewissen Unruhe. »Ja«, erwiderte der Greis, »man tut besser daran, sich an die Menschen zu halten als an Gott.« ... »Ah! wie fließend Sie das Sanskrit lesen!« sagte der Alte. »Haben Sie vielleicht Persien oder Bengalen bereist?« »Nein, Monsieur«, erwiderte der junge Mann und betastete neugierig das symbolträchtige Leder, das sich wegen seiner geringen Geschmeidigkeit wie ein Metallblatt anfühlte. Der alte Händler setzte die Lampe wieder auf die Säule, von der er sie genommen hatte, und warf dem jungen Mann einen Blick kalter Ironie zu, der zu sagen schien: ›Er denkt schon nicht mehr ans Sterben.‹ »Ist es ein Scherz? Ist es ein Geheimnis?« fragte der junge Unbekannte. Der Alte schüttelte den Kopf und sagte ernst: »Ich kann Ihnen darauf nicht antworten. Ich habe die schreckliche Macht, die dieser Talisman verleiht, Männern angeboten, die mehr Energie hatten, als Sie zu besitzen scheinen; aber wenngleich sich auch alle über den zweifelhaften Einfluss, den er auf ihr künftiges GeschickIm einem Salon von Paris; Saint-Simonist, Anhänger der Lehre des französischen Sozialphilosophen Claude-Henri Comte de Saint-Simon (1760-1825), einem Hauptvertreter des utopischen Sozialismus: "Dann zeigte er spöttisch auf die Gäste, als sie in einen hell erleuchteten Salon mit reicher Vergoldung traten, wo sie sogleich von den bemerkenswertesten jungen Leuten von Paris begrüßt wurden. Einer von ihnen hatte soeben ein neues Talent offenbart und mit seinem ersten Gemälde den glorreichen Malern der Kaiserzeit den Rang streitig gemacht. Ein anderer hatte tags zuvor ein Buch veröffentlicht, voll Kraft und Frische und einer gewissen Geringschätzung des literarisch Althergebrachten, das der modernen Schule neue Wege zeigte. Ein Stück weiter unterhielt sich ein Bildhauer, dessen ungeschlachte Züge ein kraftvolles Genie verrieten, mit einem jener kalten Spötter, die, je nachdem, Überlegenheit entweder gar nicht oder überall feststellen wollen. Da lauerte der geistreichste unserer Karikaturisten mit boshaftem Blick und spitzer Zunge, die beißenden Witzreden in Bleistiftstriche umzusetzen. Dort plauderte jener junge verwegene Schriftsteller, der wie kein anderer die Quintessenz der politischen Ideen herauszudestillieren verstand oder spielend den Gedankengehalt eines Vielschreibers resümierte, mit jenem Poeten, vor dessen Werken alle zeitgenössischen Dichtungen verblassen würden. ... Junge Dichter ohne Stil standen neben jungen Dichtern ohne Einfälle, poetische Prosaiker neben prosaischen Poeten. Ein junger Saint-Simonist, der so naiv war, an seine Lehre zu glauben, wollte voller Mitgefühl diese unvollkommenen Wesen einen, wahrscheinlich um sie zu Bekennern seines Ordens zu machen. Ferner waren zwei oder drei Männer der Wissenschaft anwesend, die ihrer Bestimmung nach immer Stickstoff in die Konversation bringen, und mehrere Vaudeville-Autoren, bereit, ihre rasch verflackernden Geistesblitze beizusteuern, welche wie das Funkeln von Diamanten weder erleuchten noch erwärmen." An Verbrecher und Terroristen glauben? Nicht doch! Ebensogut könnte man an Mohammed glauben: "Findest du nicht, dass die Basreliefs an den Wänden Stil haben? Und die Lüster, die Gemälde, welch geschmackvoller Luxus! Wenn man den Neidern und denjenigen, die hinter die Kulissen gucken, Glauben schenken darf, so hätte dieser Mann während der Revolution einen Deutschen und noch einige andere Personen, seinen besten Freund – so sagt man – und die Mutter dieses Freundes, umgebracht. Kannst du solchen Verbrechen unter den ergrauenden Haaren dieses ehrwürdigen Taillefer Platz einräumen? Er sieht wie ein sehr gutmütiger Mensch aus. Sieh nur, wie das Silbergeschirr funkelt; und jeder glänzende Strahl sollte für ihn ein Dolchstoß sein? . . . Nicht doch! Ebensogut könnte man an Mohammed glauben. Wenn jene Leute recht hätten, so würden sich hier dreißig edelgeartete Männer anschicken, die Eingeweide einer Familie zu verspeisen und ihr Blut zu trinken. Und wir beiden jungen treuherzigen Enthusiasten sollten an diesem Greuel teilhaben!" Hexensabbat der Geister: "Bordeaux und Burgunder, weißer und roter, wurden mit königlicher Verschwendung ausgeschenkt. Der erste Teil dieses Festmahls war in jedem Punkt der Exposition einer klassischen Tragödie vergleichbar ... Es kam ein Moment, wo die Herren alle auf einmal redeten und die Diener lächelten. Aber in diesem Wirrwarr von Worten, wo paradoxe Meinungen und grotesk kostümierte Wahrheiten durch das Geschrei, durch die unbewiesenen Behauptungen und selbstherrlichen Urteile hindurch aufeinanderprallten, wie im Schlachtgetümmel Kanonen-, Gewehr- und Kartätschenkugeln sich kreuzen, hätte sicherlich einen Philosophen der ausgefallenen Gedanken wegen interessiert, hätte einen Politiker durch die bizarren Ansichten überrascht. Das war ein Buch und ein Bild zugleich. Philosophien, Religionen, Moral, so verschieden von einem Breitengrad zum anderen, Regierungen, kurz, alle großen Betätigungen der menschlichen Vernunft fielen unter einer Sense, die so scharf hieb wie die der Zeit, und es wäre schwer zu entscheiden gewesen, ob sie von trunkener Weisheit oder von weise und hellsichtig gewordener Trunkenheit geschwungen wurde. Von einem Sturm fortgerissen, schienen diese Geister, gleich dem Meer, das gegen seine felsige Küste antobt, alle Gesetze, zwischen denen die Zivilisationen wogen, erschüttern zu wollen und entsprachen so unwissentlich dem Willen Gottes, der das Gute und Böse in der Natur geschehen lässt und das Geheimnis ihres immerwährenden Kampfes für sich behält. Der Streit, so grimmig und burlesk er war, wurde zu einer Art Hexensabbat der Geister. Die ganze Kluft, die das 19. Jahrhundert vom 16. trennt, klaffte zwischen den trübseligen Späßen dieser Kinder der Revolution bei der Entstehung einer Zeitung und den Reden der lustigen Zecher bei der Geburt des Gargantua. Jenes schickte sich lachend zu einer Zerstörung an, das unsere lacht inmitten eines Trümmerhaufens." Wie ein alter Sultan der Ausschweifung erlegen: »Was sagen Sie uns Neues? Heutzutage findet man jegliche Macht lächerlich, und das ist ebenso üblich geworden, wie Gott zu leugnen. Man hat keinen Glauben mehr. Darum ist auch das Jahrhundert wie ein alter Sultan der Ausschweifung erlegen. Schließlich hat euer Lord Byron in letzter poetischer Verzweiflung die Leidenschaft des Verbrechens besungen.« Professoren für die Philosophie: »Sind die Lehrstühle der Professoren für die Philosophie da oder aber die Philosophie für die Lehrstühle? Setz deine Brille auf und lies das Budget.« »Spitzbuben!« »Schafsköpfe!« »Gauner!« »Narren!« »Wo anders als in Paris fände man einen so lebhaften und zügigen Gedankenaustausch«, rief Bixiou mit feierlichem Bass. Dieses Serail bot
Verführungen für alle Augen, reizte jede Phantasie; Ossian, sagenhafter
keltischer Sänger aus dem 3. Jahrhundert, unter dessen Namen der schottische
Dichter James Macpherson (1736-1796) eine seinerzeit hochberühmte
Gedichtsammlung veröffentlichte; Lebel, Dominique-Guillaume (1696-1768):
Kammerdiener Ludwigs XV., der seinem König die Mädchen zuführen
musste, wie eine Schar orientalischer Sklavinnen für den Sultan;
Rabelais, François (um 1494-1553): französischer humanistischer Schriftsteller der Renaissance, Verfasser der berühmten »Gargantua« (1534) und »Pantagruel« (1532); Montaigne, Michel Eyquem de (1553-1692): französischer Philosoph, bekannt durch seine »Essais«; Pyrrhon (365-275 v. Chr.): griechischer Philosoph, Skeptiker, negierte die Möglichkeit der Wahrheitserkenntnis; Dem französischen Logiker und Naturphilosophen Jean Buridan (vor 1300 – nach 1358) zugeschriebene Allegorie vom Esel, der zwischen zwei Heubündeln steht, sich weder für das eine noch für das andere entscheiden kann und deswegen verhungern muss: »Du machst mich an der Allmacht Gottes zweifeln, denn deine Dummheit übertrifft seine Allmacht«, erwiderte Émile. »Unser teurer Rabelais hat diese Philosophie durch ein kürzeres Wort als ›Carymary, Carymara‹ ausgedrückt, und zwar: ›Vielleicht‹, woher Montaigne sein ›Was weiß ich?‹ nahm. Außerdem sind diese letzten Worte der Moralphilosophie nichts anderes als der Ausruf des Pyrrhon, denn er blieb zwischen Gut und Böse, wie Buridans Esel zwischen zwei Heuhaufen. Aber lassen wir diesen ewigen Streit, der heute doch nur auf ein Ja oder Nein hinausläuft. Welche Erfahrung wolltest du denn machen, als du in die Seine springen wolltest? Warst du auf die hydraulische Maschine des Pont Notre-Dame neidisch?« »Ach, wenn du mein Leben kenntest.« »Oh! ich hätte dich für weniger banal gehalten, die Phrase ist abgedroschen. Weißt du nicht, dass wir uns alle einbilden, weit mehr als die anderen zu leiden?« [5] Scheinbare Ehrenmänner, Finanzriesen, die dem Ministerium Deputierte verkaufen und den Türken die Griechen; der Bankier als Eroberer: »Zunächst hat Nucingen auszusprechen gewagt, dass es nur scheinbar Ehrenmänner gibt; ferner muss man, um ihn gut zu kennen, mit seinen Geschäften vertraut sein. Die Bank ist bei ihm das wenigste. Er hat die Lieferungen für die Regierung, die Weine, die Wäsche, den Indigo, kurzum alles, was irgendeinen Gewinn abwirft. Alles, was ihm Vorteil bringt, weiß er sich zu verschaffen. Dieser Finanzriese würde dem Ministerium Deputierte verkaufen und den Türken die Griechen. ›Der Handel ist für ihn‹, würde Cousin sagen, ›die Gesamtheit der Einzelheiten, die Einheit der Vielheiten.‹ Wenn man die Bank aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, so wird sie ein ganzes Staatswesen, sie verlangt einen überlegenen Kopf und kann einen Mann wohl dazu bringen, sich über die Gesetze der Redlichkeit, die ihn beengen, zu erheben.« »Du hast recht, mein Sohn,« sagte Blondet. »Aber wir allein sind es, die begreifen, dass das der Krieg ist. Der Bankier ist ein Eroberer, der seine Heeresmassen opfert, um verborgene Zwecke zu erreichen; seine Soldaten – das sind die Anteile des Einzelnen. Er hat seine Schlachtordnung zu entwerfen, Hinterhalte zu legen, Anführer zu wählen, Städte einzunehmen. Die meisten dieser Männer haben so viel mit Politik zu tun, dass sie schließlich auch hier mitreden wollen und ihr Vermögen dabei verlieren. Auf solche Weise ist das Haus Necker zugrunde gegangen, und der bekannte Samuel Bernard ist fast darüber zusammengebrochen. Fast jedes Jahrhundert hat seinen ungeheuer reichen Bankier, der schließlich weder Geld noch Erben hinterlässt. ... Wie die Zeit, so frisst auch die Bank ihre Kinder. Um bestehen zu können, müssen die Bankiers adlig werden, eine Dynastie begründen, wie die Gläubiger Karls V., die Fugger, die zu Fürsten von Babenhausen ernannt wurden und die noch immer bestehen." Die heutige Heilkunde, deren größte Ruhmestat es ist, von 1799 bis 1837 sich aus ihrer Stellung der Mutmaßung, der Hypothese, zu einer positiven Wissenschaft entwickelt zu haben – und dies durch den Einfluss der großen Schule der Analytiker in Paris –, hat bewiesen, dass der Mensch sich nach Ablauf eines bestimmten Zeitlaufs verändert, erneuert Zwei Arten von Advokaten, der Ehrenmann und der Hungeradvokat, dem alles recht ist, vorausgesetzt, dass es sichern Gewinn bringt; der auch einen Schurken über einen Ehrenmann triumphieren lässt, wenn der Ehrenmann zufällig nicht bei Kasse ist: Es gibt nur zwei Arten von Advokaten: "den Advokaten, der Ehrenmann ist, der sich in den Grenzen des Gesetzes hält, Prozesse führt, die Dinge nie übereilt, nicht vernachlässigt, seinen Klienten redlichen Rat erteilt, indem er in zweifelhaften Fällen zu einem Vergleiche rät, kurzum ein Derville. Der andere ist der Hungeradvokat, dem alles recht ist, vorausgesetzt, dass es sichern Gewinn bringt; der keine Berge versetzt, denn er verkauft sie, aber der die Sterne vom Himmel herunterholt; der sich anheischig macht, einen Schurken über einen Ehrenmann triumphieren zu lassen, wenn der Ehrenmann zufällig nicht bei Kasse ist. Wenn einer dieser Advokaten einen gar zu grauenhaften Streich spielt, so zwingt ihn die Kammer, seinen Beruf aufzugeben. Desroches, unser Freund Desroches, hat diesen an armen Schluckern betriebenen Beruf gut verstanden: er hat Leuten, die fürchteten, ihre Sache zu verlieren, ihren Prozess abgekauft, er stürzte sich in Bosheiten und Kniffe, denn er war entschlossen, sich aus dem Elend herauszuarbeiten. Er hatte recht, er hat ehrlich seinen Weg gemacht! Politiker, denen er aus unangenehmen Wirren herausgeholfen, wurden seine Förderer." Liquidation à la Nucingen oder Betrügereien an der Börse, politische Verbrechen, Pseudodividende; der Mann gedachte, das Geld seiner Gläubiger zu behalten und sie mit künstlich in die Höhe getriebenen Papieren abzufinden: »Seit dem Frieden von 1815 hatte Nucingen begriffen, was wir erst heute wissen: dass Geld erst dann eine Macht ist, wenn es in unbegrenzten Mengen vorhanden ist. Er beneidete insgeheim die Brüder Rothschild. Er besaß fünf Millionen, er wollte zehn besitzen! Mit zehn Millionen hätte er es verstanden, dreißig zu gewinnen, mit fünf aber würde er es nur auf fünfzehn bringen. Er hatte also beschlossen, eine dritte Liquidation in Szene zu setzen. Der große Mann gedachte, das Geld seiner Gläubiger zu behalten und sie mit künstlich in die Höhe getriebenen Papieren abzufinden. An der Börse wird ein derartiger Einfall natürlich nicht so klar bezeichnet. Eine solche Liquidation besteht darin, den großen Kindern für einen Louisdor eine kleine Pastete zu verabreichen, wie dieselben Leute als Kinder für ihr Geldstück eine Pastete haben wollten, ohne zu wissen, dass sie für dasselbe Geldstück zweihundert hätten bekommen können.« »Was redest du da, Bixiou?« rief Couture, »aber nichts ist doch redlicher als das! Es vergeht heutzutage keine Woche, ohne dass man der Menge eine Pastete anbietet und einen Louis dafür verlangt. Ja, ist denn die Menge gezwungen, ihr Geld herzugeben? Hat sie nicht das Recht, sich Klarheit zu verschaffen?«, »Also«, fuhr Bixiou fort, »Nucingen hatte zweimal, ohne es zu wollen, das Glück gehabt, eine Pastete zu verabreichen, die sich später als wertvoller erwies als der dafür gezahlte Preis. Dieser empörende Glücksfall reute ihn. Derartige Glücksfälle vermögen einen Menschen umzubringen. Seit zehn Jahren wartete er auf die Gelegenheit, den Irrtum wieder gutzumachen, Aktien zu schaffen, die anscheinend etwas wert seien und die....« »Ja, wenn du das Bankwesen so darstellst,« sagte Couture, »so ist überhaupt jedes Geschäft unmöglich. Mehr als ein redlicher Bankier hat im Einverständnis mit einer redlichen Regierung die schlauesten Börsianer dahin gebracht, Aktien zu kaufen, die in gegebener Zeit wertlos befunden wurden. Ihr habt schon anderes gesehen! Hat man nicht mit Einverständnis, ja Unterstützung der Regierungen Werte in Umlauf gesetzt, um die Zinsen gewisser Summen aufzubringen, um den Kurs auf diese Weise zu halten und die Papiere los zu werden? Diese Maßnahmen haben mehr oder weniger Ähnlichkeit mit der Liquidation à la Nucingen.« »Im kleinen«, sagte Blondet, »kann die Sache seltsam scheinen; im großen betrieben ist sie hohe Politik. Es gibt willkürliche Handlungen, die beim einzelnen strafbar sind, die aber nichts bedeuten, sobald sie auf eine Mehrheit ausgedehnt sind, gleichwie ein Tropfen Blausäure in einem Wasserkübel unschädlich ist. Ihr tötet einen Menschen, man richtet euch hin; der Staat aber tötet aus irgendeiner Überzeugung heraus fünfhundert Menschen – man achtet das politische Verbrechen. Ihr nehmt aus meinem Schreibtisch fünftausend Franken, man schickt euch ins Bagno; schmiert ihr aber tausend Bankiers geschickt den Honig irgendeines Gewinnes ums Maul, so zwingt ihr sie, die Papiere von ich weiß nicht welcher verkrachten Republik oder Monarchie zu nehmen, Papiere, die, wie Couture sagte, ausgeworfen wurden, um die Zinsen ebendieser Papiere zu bezahlen: niemand kann sich beklagen. Da habt ihr die wahren Grundsätze des goldenen Zeitalters, in dem wir leben!« ... »Das In-Gang-bringen eines so ausgedehnten Apparates«, fuhr Bixiou fort, »verlangte eine Menge Hanswurste. Zunächst – denn jede Liquidation muss begründet sein – hatte das Bankhaus Nucingen mit Absicht und Vorbedacht seine fünf Millionen bei irgendeinem amerikanischen Unternehmen angelegt, das, wie man weise berechnet hatte, erst viel später einen Gewinn abwarf. Man hatte sich also absichtlich seiner Barmittel entblößt. Das Bankhaus besaß an Privatgeldern und emittierten Werten etwa sechs Millionen. Unter den Privatgeldern befanden sich die dreihunderttausend Franken der Baronin d'Aldrigger, die vierhunderttausend von Beaudenord, eine Million von d'Aiglemont, dreihunderttausend Franken von Matifat, eine halbe Million von Charles Grandet, dem Gatten des Fräuleins d'Aubrion, usw. Wenn er selbst ein industrielles Aktienunternehmen gründete, mit dessen Aktien er seine Gläubiger durch mehr oder minder geschickte Schachzüge abzufinden gedachte, so hätte Nucingen durchschaut werden können; aber er fing die Sache schlauer an: er ließ einen andern den Gründer spielen!. Nucingens Hauptstärke ist, die geschicktesten Leute am Platze seinen Plänen dienstbar zu machen, doch ohne sie ihnen kundzutun. Nucingen ließ also vor du Tillet die glänzende Idee verlauten, ein Aktienunternehmen zu gründen, dessen Kapital bedeutend genug sei, um den Aktionären in der ersten Zeit sehr hohe Zinsen einzubringen. Wenn man diese Papiere gerade dann auf den Markt würfe, wenn flüssiges Kapital im Überfluss vorhanden, so würde für die Aktien eine Hausse erfolgen und damit selbstredend auch eine gute Einnahme für den Bankier, der sie emittierte. Bedenkt, es war im Jahre 1826! Obgleich dieser ebenso geniale wie einträgliche Plan du Tillet reizte, so sagte er sich dennoch, dass es, falls das Unternehmen fehlschlüge, auch einen Reinfall geben musste. Er beschloss also, der neuen Handelsmaschine einen weithin sichtbaren Leiter zu geben. Heute kennt ihr alle das Geheimnis des Hauses Claparon, das – eine seiner schönsten Erfindungen – von du Tillet gegründet wurde!« »Ja,« sagte Blondet, »der verantwortliche Herausgeber der Finanzen, der ›Spitzel‹ und Prügelknabe in einer Person; heute aber sind wir noch gewitzigter, wir schreiben: Man wende sich an den ›Verwaltungsausschuss‹ .... dort findet dann das Publikum würdige Beamte in grünen Mützen und ist befriedigt.« ... »Wir sind zwar unter uns und brauchen kein Blatt vor den Mund zu nehmen,« sagte Couture, »trotzdem möchte ich auf das eben Gesagte noch zurückkommen.« »Man merkt die Absicht und wird verstimmt!« sagte Finot. »Finot kommt immer klassisch,« bemerkte Blondet. »Ja, ich bin verstimmt,« nahm Couture wieder das Wort. »Ich behaupte, dass die neue Methode bedeutend weniger heimtückisch, weniger mörderisch ist als die alte, vielmehr ehrlich und bieder. Die öffentlichen Kundmachungen gestatten ein Prüfen und Überlegen. Wird ein Aktionär gewonnen, so ist er aus freien Stücken gekommen, man hat ihm nicht die Katze im Sack verkauft. ... Der Staat, der sich in die Handelsgeschäfte einmischt und ihnen keine freie Entwicklung gönnt, begeht eine kostspielige Dummheit: das führt stets zu unerhörten Preissteigerungen oder zum Monopol. Nach meinem Dafürhalten gibt es nichts den Grundsätzen der Handelsfreiheit Entsprechenderes, als eben die Aktiengesellschaften! Daran rühren, hieße eine unverantwortliche Eselei begehen. Bei jedem Geschäft steht der Gewinn im entsprechenden Verhältnis zum Einsatz! Was geht es den Staat an, auf welche Weise das Geld ins Rollen kommt; wenn es nur in beständiger Bewegung bleibt. Was bedeutet es, dass dieser reich und jener arm ist; wenn nur stets die gleiche Anzahl Steuerpflichtiger vorhanden ist. Übrigens sind es nun zwanzig Jahre, dass die Aktien-, die Kommanditgesellschaften im handelstüchtigsten Lande der Welt üblich sind – in England, wo alles angefochten wird, wo die Parlamente in jeder Session zwölfhundert Gesetze ausbrüten, und wo sich dennoch niemals ein Mitglied des Parlaments erhoben hat, um gegen die Methode....« »Die Heilmethode der vollen Kassen loszuziehen,« sagte Bixiou; »jaja, die Engländer sind große Freunde von Gemüse, von Karotten (Unübersetzbares Wortspiel: ›Karotte‹ heißt im Französischen nicht nur ›Mohrrübe‹, sondern auch ›Prellerei‹) besonders!« ... »Schluss der Geschichte!« fuhr Bixiou fort. »Angelockt von der Pseudodividende, die sie sich einige Monate nach dem Umtausch ihrer Bargelder in Aktien auszahlen ließen, behielten der Marquis d'Aiglemont und Beaudenord – ich nenne euch als Beispiel nur diese beiden – ihre Papiere; sie hatten drei Prozent mehr, als ihr Kapital betragen hatte, und sangen Nucingens Lob, ja verteidigten ihn sogar, als man ihn der Zahlungseinstellung verdächtigte. ... »Der Schuldner ist stärker als der Gläubiger.« »Oh,« sagte Blondet, »ich erblicke in dem Gesagten eine Paraphrase über einen Ausspruch Montesquieus, in dem er den ›Geist der Gesetze‹ zusammengefasst hat.« »Welchen?« fragte Finot. »Die Gesetze sind Spinnennetze, aus denen die großen Fliegen sich herausarbeiten, in denen die kleinen aber hängen bleiben. ... Der König, der den betrügerischen Bankrotteur begnadigen kann, gibt dem gerupften Opfer nichts zurück. ...« [6] Armee der Türken besiegt; früher gab es Haudegen erster Güte, die nur tausend Leute nehmen und die sofort die Armee eines Paschas geschlagen haben, "der so anmaßend war, sich ihm in den Weg zu stellen. ... Er hört die Geschichte aus Frankreich nach seiner berühmten Schlacht bei Aboukir, wo er, ohne mehr als dreihundert Mann zu verlieren, und mit einer einzigen Division die große fünfundzwanzigtausend Mann starke Armee der Türken besiegt und mehr als die größere Hälfte ins Meer getrieben hat; jawohl! Das war sein letzter Donnerschlag in Aegypten." Feinde im Lande; die Kinder der Feinde werden zum Raub angestiftet ähnlich wie heute in manchen islamischen Stadtvierteln unserer Großstädte: »Ihre Armen streichen mehr von Ihnen ein, als der Staat Ihnen abverlangt. Ein kleiner Schelm wie Mouche stoppelt täglich seine zwei Scheffel; und die alten Weiber, von denen Sie meinen könnten, dass sie im Sterben lägen, sind zur Stoppelzeit von einer erstaunlichen Schnelligkeit, Gesundheit und Jugend. – Sie können Zeuge von diesem Phänomen sein,« sagte Sibilet, sich an Blondet wendend, »denn in sechs Tagen soll die durch die Regen des Julimonats hinausgeschobene Ernte anfangen. Roggen soll nächste Woche gemäht werden. Man dürfte nur mit einem, vom Gemeindevorstand ausgefertigten Armutszeugnisse stoppeln; und vor allem dürften die Gemeinden auf ihren Gebieten nur ihre Bedürftigen Aehren lesen lassen, aber die Gemeinden eines Bezirks stoppeln bei den anderen und umgekehrt ohne Zertifikat. Wenn wir sechzig Arme in der Gemeinde haben, so finden sich vierzig Nichtstuer hinzu. Kurz, selbst angestellte Leute verlassen ihre Beschäftigungen, um zu stoppeln und Nachlese zu halten. All diese Leute ernten hier dreihundert Scheffel täglich; da die Ernte vierzehn Tage dauert, so nehmen sie im Bezirke viertausendfünfhundert Scheffel fort. So stellt die Aehrenleserei mehr als den Zehent dar. Was die widerrechtliche Weidenutzung anlangt, so wird durch sie etwa der sechste Teil von unserer Heuproduktion verzettelt. Was die Wälder betrifft, der Schaden lässt sich nicht schätzen; man ist so weit gegangen, sechsjährige Bäume abzuschneiden. Die Schäden, die Sie erleiden, Herr Graf, belaufen sich auf zwanzig und einige tausend Franken im Jahr.« Die Feinde sind vor allem dort, wo es linke bzw. islamische Bürgermeister gibt, die gefährlichsten Schelme und Schufte; Schutzgelderpressung: Monsieur Gaubertin »Sollte das der Schuft sein, in dessen Stelle Sie gerückt sind?« »Nicht so laut, Herr Graf« sagte Sibilet bestürzt, »um Gotteswillen nicht so laut! Meine Köchin könnte Sie hören.« »Wie, ich kann auf meinem Grund und Boden nicht von einem Elenden sprechen, der mich bestahl?« antwortete der Graf. »Im Namen Ihrer Ruhe, Herr Graf, kommen Sie weiter fort. Monsieur Gaubertin ist Bürgermeister von Ville-aux-Fayes.« »Ah! ich gratuliere Ville-aux-Fayes herzlich dazu; das ist, alle Wetter, eine gut verwaltete Stadt!« ... »Ich beabsichtige nicht, ihn zu rechtfertigen ...Aber täuschen wir uns nicht, wir haben in ihm den gefährlichsten Schelm, den es in ganz Burgund gibt, und er hat sich in die Lage gesetzt, Ihnen zu schaden.« »Und wie?« fragte der General, der besorgt geworden war. »So wie Sie ihn sehen, steht Gaubertin an der Spitze von etwa dem dritten Teile der Pariser Verproviantierung. Als Generalagent des Holzhandels leitet er die Ausbeutung der Wälder, das Fällen, die Bewachung, das Flößen, das aus dem Wasser holen und die Verladung des Holzes. Da er ständig mit den Arbeitern in Fühlung steht, ist er Herr der Preise. Er hat drei Jahre gebraucht, um sich diese Stellung zu schaffen, sitzt dafür jetzt aber auch wie in einer Festung darin. Da er der Vertrauensmann aller Händler geworden ist, begünstigt er weder den einen noch den anderen; er hat alle Arbeiten zu ihrem Vorteil reguliert, und ihre Geschäfte werden besser und weniger kostspielig geregelt, als wenn jeder von ihnen wie früher seinen Rechnungsführer hätte. So hat er zum Beispiel alle Konkurrenz so gut beseitigt, dass er völlig Herr der Verdingungen ist; die Krone und der Staat sind ihm zinsbar. Die Holzschläge der Krone und des Staates, die versteigert werden, gehören Gaubertins Händlern; kein Mensch ist heute stark genug, sie ihnen streitig zu machen.... Kurz, Monsieur Gaubertin ist der Vater der Arbeiter, er bezahlt sie gut und verschafft ihnen immer Arbeit. Da nun ihre Familien auf dem Lande wohnen, werden die Wälder der Händler und die der Besitzer, die ihre Interessen Gaubertin anvertrauen, wie es die Herren von Soulanges und von Ronquerolles tun, nicht mehr verwüstet. Man sammelt dort das abgestorbene Holz und das ist alles.« »Dieser Schelm von Gaubertin hat seine Zeit nicht verloren!« rief der General aus. ... »Jedem nimmt er eine Kleinigkeit ab, und diese Kleinigkeit bringt ihm auf zwei Millionen jährlich vierzig- oder fünfzigtausend Franken ein. Die Pariser Kamine, sagt er, bezahlen alles! ... Wie Sie wissen, ist er mit Soudry, dem Gendarmerieunteroffizier von Soulanges, und mit Monsieur Rigou, unserem Bürgermeister von Blangy, befreundet; die Feldhüter sind seine Kreaturen. ... Herr Graf,« antwortete Sibilet brutal, »was ich Ihnen jetzt sage, liegt nicht in meinem Interesse: Sie müssen Les Aigues verkaufen und das Land verlassen.« Als der General dieses Wort hörte, prallte er zurück, als hätte ihn eine Kugel getroffen, und sah Sibilet mit zweideutiger Miene an. »Ein General der kaiserlichen Garde vor solchen Schuften davonlaufen! Und wenn es Madame in Les Aigues gefällt!« sagte er. »Kurz, ich werde lieber hingehen und Gaubertin auf dem Marktplatze von Ville-aux-Fayes ohrfeigen, bis er sich mit mir schlägt, damit ich ihn wie einen Hund töten kann!« Durch Schutzgelderpressung des Bürgermeisters und dadurch, dass er von allen Plünderern und Betrügern Geschenke in Naturalien empfing, hatte der Flurwächter keine Sorgen mehr: "Der Wächter saß auf einem Stuhle in der Sonne und sah seine Frau an wie ein Wilder die seinige betrachtet hätte. Als er das Pferdegetrappel hörte, wandte er den Kopf, erkannte den Herrn Grafen und machte ein verblüfftes Gesicht. ... Courte-Cuisse, ein kleiner sechsundvierzigjähriger Mann mit einem Vollmondgesicht, hatte die größte Freude am Nichtstun. Er rechnete damit, in diesem Pavillon, der sein Pavillon geworden war, zu leben und zu sterben. Seine beiden Kühe fanden ihre Nahrung im Walde, er hatte sein Holz und bebaute seinen Garten, anstatt Missetätern nachzulaufen. Diese Sorglosigkeit hatte Gaubertin auf dem Gewissen, denn Courte-Cuisse hatte Gaubertin verstanden. Der Wächter machte also nur Jagd auf die Holzsammler, um seinen kleinen Hass zu befriedigen. Er verfolgte die Mädchen, welche sich seinem Willen nicht fügten, und Leute, die er nicht liebte. Doch seit langem hasste er keinen Menschen mehr, da er von jedermann seiner Umgänglichkeit wegen geliebt wurde. Für Courte-Cuisse war der Tisch im Grand-I-Vert stets gedeckt; die Holzsammler leisteten ihm keinen Widerstand mehr; sein Weib und er empfingen von allen Plünderern Geschenke in Naturalien. Man brachte ihm sein Holz ins Haus und man bearbeitete seinen Weinberg. Kurz, er fand in allen seinen Delinquenten Diener. Da er durch Gaubertin seiner Zukunft fast sicher war und auf zwei Arpents rechnete, wenn Les Aigues verkauft würde, wurde er aus seinem Traume durch das trockene Wort des Generals jäh aufgeschreckt, der endlich nach vier Jahren die Natur eines Bourgeois enthüllte, der entschlossen ist, sich nicht länger betrügen zu lassen. Courte-Cuisse nahm seine Mütze, seine Jagdtasche, sein Gewehr, legte seine Gamaschen und sein Wehrgehenk mit Montcornets neuem Wappen an, und ging mit jenem sorglosen Schritt, unter welchen die Landleute ihre tiefsten Gedanken verbergen, nach Ville-aux-Fayes, indem er die Wälder anschaute und seine Hunde herbeipfiff." Neue Flurschützer statt Leben inmitten von Dieben; zünftige Verabschiedung der alten, korrupten Flurschützer: "Ein ganz natürlicher Zufall wollte, dass der General während seines Aufenthalts in der Präfektur, wo sein Freund wohnte, einem Unteroffizier der ehemaligen kaiserlichen Garde begegnete, dem man sein Ruhegehalt streitig machte. Schon einmal hatte der General diesen braven Reiter namens Groison in irgendeiner Sache protegiert. Dieser erinnerte sich dessen und erzählte ihm seine Schmerzen; er war ohne alle Geldmittel. Montcornet versprach Groison, die ihm geschuldete Pension durchzusetzen und schlug ihm die Feldhüterstelle in Blangy als ein Mittel vor, sich ihm gegenüber dankbar zu erweisen, indem er sich seinen Interessen widme. Die Einsetzung des neuen Bürgermeisters und neuen Flurschützen fand zu gleicher Zeit statt, und der General gab, wie man sich denken kann, seinem Soldaten eingehende Instruktionen. Vaudoyer, der abgesetzte Feldwächter, ein Bauer aus Ronquerolles, taugte wie die meisten Flurschützen nur zum Spazierengehen, Dummheitentreiben und sich von den Armen, die nichts lieber taten, als diese subalterne Autorität, diesen vorgeschobenen Posten des Besitztums, zu bestechen, verwöhnen zu lassen. Er kannte den Brigadier von Soulanges; denn da die Gendarmeriebrigadiers fast richterliche Funktionen in der Untersuchung von Kriminalprozessen ausüben, stehen sie mit den Flurschützen, ihren natürlichen Spionen, in Beziehung. Soudry schickte ihn also zu Gaubertin, der Vaudoyer, seinen alten Bekannten, sehr gut aufnahm und ihm zu trinken einschenkte, während er der Geschichte seiner Nöte lauschte. ... Bei seiner Rückkehr von Paris machte sich der General, entzückt von seinem alten Groison, auf die Suche nach einigen Militärveteranen der kaiserlichen Garde, mit welchen er seine Verteidigung von Les Aigues auf furchtbarem Fuße organisieren konnte. Durch vieles Suchen und Herumfragen bei seinen Freunden und Offizieren auf Halbsold gelang es ihm, Michaud aufzuspüren, einen alten Oberquartiermeister bei den Kürassieren der Garde, einen jener Männer, die man beim Kommiß in der Soldatensprache »hartgesotten« nennt, eine der Biwakküche entlehnte Bezeichnung, wo es mehr als einmal zähes Hammelfleisch mit Rüben gibt. Michaud suchte unter seinen Bekannten drei Männer aus, die fähig waren, seine Mitarbeiter zu sein und Wächter ohne Furcht und Tadel zu werden. ... Im Moment, wo der mit den Aktenstößen bewaffnete Sibilet dem Vorgesetzten ruhig das Ergebnis der Courte-Cuisse allzu summarisch erteilten Befehle auseinandergesetzt hatte und mit ruhiger Miene eine der wildesten Zornaufwallungen mit ansah, die ein General der französischen Kavallerie jemals gehabt hat, erschien Courte-Cuisse, um seinem Herrn seine Aufwartung zu machen und ihn um etwa elfhundert Franken zu bitten, die Summe, auf welche sich die versprochenen Gratifikationen beliefen. Da ging die Natur mit dem General durch und riss ihn fort, so dass er weder an seine Grafenkrone noch an seine Stellung dachte; er wurde wieder Kürassier und spie Beleidigungen aus, derer er sich später schämen musste. »Ach, elfhundert Franken?« schrie er, »elfhundert Ohrfeigen! Elfhundert Tritte in den Hintern! Glaubst du, ich kenne mich nicht aus? Mach, dass du fortkommst, oder ich schlage dich zu Brei!« Beim Anblick des wild gewordenen Generals und bei seinen ersten Worten war Courte-Cuisse wie eine Schwalbe geflohen. Der Verwalter, den er von Anfang an den »Chinesen« nannte, war ein bezahlter Spion und Unruhestifter, eine habgierige und üble Natur: "Der freimütige und rechtschaffene Militär, die Zierde der Unteroffiziere der jungen Garde, haßte die honigsüße Brutalität, die unzufriedene Miene des Verwalters, den er von Anfang an den »Chinesen« nannte. Bald durchschaute er die Einwände, mit denen Sibilet sich durchaus nützlichen Maßnahmen widersetzte, und die Gründe, mit denen er Dinge von zweifelhaftem Erfolge rechtfertigte. Anstatt den General zu beruhigen, reizte ihn Sibilet, wie man ja aus den kurzen Schilderungen hat merken müssen, unaufhörlich und stachelte ihn zu strengen Maßnahmen an, nicht ohne zu versuchen, ihn durch die überlegene Feindeszahl, durch die große Menge der Kleinlichkeiten und ewig neue und unbesiegbare Schwierigkeiten einzuschüchtern. Ohne zu erraten, dass Sibilet, der sich seit seiner Anstellung vorgenommen hatte, sich seinen Interessen gemäß zwischen dem General und Gaubertin selber einen Herrn zu wählen, die Rolle eines Spiones und bezahlten Unruhestifters spielte, erkannte Michaud in dem Verwalter eine habgierige und üble Natur. Auch war er sich über seine Rechtschaffenheit keineswegs im klaren. Die tiefe Feindschaft, welche die beiden höheren Beamten trennte, gefiel dem General übrigens." Der Feind in den eigenen Reihen; Sibilet ist mit dem Feinde Gaubertin verwandt; Kanaillen sind sie! Und vor solchem Pack davonlaufen?: "Als Sibilet hundert Schritte fort war, sagte der General ganz leise zu seinem Wächter: »Nun, mein lieber Michaud, was gibt's?« »Sie haben einen Feind bei sich, General, und vertrauen ihm Pläne an, die Sie Ihrer Polizeimütze nicht sagen dürften.« »Ich teile deinen Verdacht, mein lieber Freund,« erwiderte Montcornet, »will aber nicht zweimal denselben Fehler begehen. Um Sibilet zu ersetzen, warte ich nur, bis du mit der Verwaltung auf dem Laufenden bist und Vatel dein Nachfolger sein kann. Was kann ich Sibilet indessen zum Vorwurf machen? Er ist pünktlich, rechtschaffen und hat in fünf Jahren noch keine hundert Franken beiseitegeschafft. Er hat den abscheulichsten Charakter der Welt und das ist alles; was sollte er übrigens planen?« »General,« sagte Michaud ernst, »das werde ich erfahren; denn sicherlich hat er einen Plan; und wenn Sie's erlauben, wird ein Beutel mit tausend Frankstücken den Schelm Fourchon zum Sprechen bringen, obwohl ich seit heute früh argwöhne, dass Vater Fourchon aus allen Raufen frisst. Man will Sie zwingen, Les Aigues zu verkaufen; der alte Schuft von Seiler hat's mir gesagt. Hören Sie: von Conches bis Ville-aux-Fayes gibt es keinen Bauern, Kleinbürger, Pächter, Wirt, der nicht sein Geld für den Tag der Beuteteilung bereit hält. Fourchon hat mir anvertraut, dass Tonsard, sein Schwiegersohn, sein Auge schon auf was geworfen hat. Die Meinung, dass Sie Les Aigues verkaufen wollen, grassiert im Tale wie ein Gift in der Luft. Vielleicht sind der Verwalterpavillon und einige herumliegende Ländereien der Preis, mit welchem Sibilets Spionage bezahlt werden soll! Nichts reden wir untereinander, was man in Ville-aux-Fayes nicht weiß. Sibilet ist mit Ihrem Feinde Gaubertin verwandt. Was Ihnen über den Generalprokurator herausgefahren ist, wird dem vielleicht berichtet worden sein, ehe Sie in der Präfektur sind. Sie kennen ja die Leute hierzulande nicht!« »Ich sie nicht kennen? Kanaillen sind sie! Und vor solchem Pack davonlaufen?« schrie der General." Unterjochung eines Bezirkes, einer kleinen Stadt, einer Unterpräfektur durch eine Familie, kurz, das Bild der Macht, die ein Gaubertin mitten in der Restauration zu erobern gewußt hat, der das Land wie eine Boa umschlang; näher bei der Linken als beim Zentrum, eine politische Situation, die voller Vorteile für Leute ist, welche das politische Gewissen für ein Kleidungsstück ansehen; Unterwanderung der Polizei und der Justiz: "Man hat laut gegen die Tyrannei der Adligen geschrien; man schreit heute gegen die der Finanzleute, gegen die Mißbräuche der Macht, die vielleicht nur die unvermeidlichen blauen Flecken des sozialen Joches sind, welches von Rousseau Gesellschaftsvertrag, Konstitution von diesen, Charte von jenen, hier Zar, dort König und in England Parlament genannt wird. Doch die 1789 begonnene und 1830 wieder aufgenommene Gleichmachung hat die scheelsüchtige Herrschaft der Bourgeoisie begründet und ihr Frankreich ausgeliefert. Eine unglücklicherweise heute allzu allgemeine Tatsache, die Unterjochung eines Bezirkes, einer kleinen Stadt, einer Unterpräfektur durch eine Familie, kurz, das Bild der Macht, die ein Gaubertin mitten in der Restauration zu erobern gewußt hat, wird dies soziale Uebel besser anzeigen als alle dogmatischen Versicherungen. ... Um Weitschweifigkeiten zu vermeiden, ist es nötig, die genealogischen Zweige in Kürze aufzuzeigen, durch welche Gaubertin das Land wie eine Boa umschlang, die sich mit solcher Kunst um einen riesenhaften Baum windet, dass ein Reisender eine natürliche Wirkung der asiatischen Vegetation darin zu sehen vermeint. Im Jahre 1793 gab es drei Brüder des Namens Mouchon im Avonnetal. Seit 1793 begann man aus Hass gegen die alte Lehensherrlichkeit statt Tal von Les Aigues Avonnetal zu sagen. Der älteste, Güterverwalter der Familie von Ronquerolles, wurde Bezirksdeputierter im Konvent. Nach dem Muster seines Freundes Gaubertin, des Staatsanwaltes, der die Soulanges rettete, rettete er die Güter und das Leben der Ronquerolles. Er hatte zwei Töchter, eine war mit dem Advokaten Gendrin, die andere mit Gaubertin, dem Sohne, verheiratet, und starb 1804. Der zweite erhielt durch Protektion seines älteren Bruders die Post von Conches gratis. Er besaß als einzige und Universalerbin eine Tochter, die mit einem reichen Pächter des Landes namens Guerbet verheiratet war. Er starb 1817. ... In diesem Augenblick fand Gaubertin, der Bürgermeister von Ville-aux-Fayes, in seinem Schwager Monsieur Gendrin, dem Präsidenten des Gerichts erster Instanz, ganz unerwartet eine starke Stütze. Gaubertin Sohn, der beschäftigtste Sachwalter des Gerichts, der ein sprichwörtliches Renommee im Kreise besaß, sprach bereits davon, seine Kundschaft nach fünfjähriger Praxis zu verkaufen. Er wollte seinem Onkel Gendrin im Advokatenberufe nachfolgen, wenn der sich zurückzog. Der einzige Sohn des Präsidenten Gendrin war Hypothekeninspektor. Der junge Soudry, der seit zwei Jahren den Hauptsitz der Staatsanwaltschaft innehatte, war Gaubertins Getreuer. Die schlaue Madame Soudry hatte es nicht unterlassen, die Position des Sohnes ihres Gatten durch ein ungeheures zukünftiges Vermögen zu befestigen, indem sie ihn mit Rigous einziger Tochter verheiratete. Das doppelte Vermögen des alten Mönchs und das Soudrys, das dem Staatsanwalt zufallen musste, machten aus dem jungen Manne eine der reichsten und angesehensten Persönlichkeiten des Bezirks. Der Unterpräfekt von Ville-aux-Fayes, Monsieur des Lupeaulx, ein Neffe des Generalsekretärs eines der wichtigsten Ministerien, war der zukünftige Ehemann von Mademoiselle Elise Gaubertin, der jüngeren Tochter des Bürgermeisters, deren Mitgift wie die der älteren sich auf zweimalhunderttausend Franken belief, ungerechnet was sie noch zu erhoffen hatte. Dieser Beamte bewies, ohne es zu wissen, Scharfsinn, indem er sich bei seiner Ankunft in Ville-aux-Fayes 1819 in Elise verliebte. Ohne seine Prätentionen, die angemessen erschienen, würde man ihn schon lange gezwungen haben, um seine Versetzung einzukommen; aber er gehörte ja sozusagen schon zur Familie Gaubertin, deren Haupt in diesem Bunde sehr viel weniger den Neffen als den Onkel sah. Auch stellte der Onkel im Interesse seines Neffen seinen ganzen Einfluss in Gaubertins Dienst. So tanzten die Kirche, das Richteramt unter seiner Doppelform, der absetzbaren und der unabsetzbaren, die Gemeindeverwaltung, die Regierung, die vier Füße der Macht nach des Bürgermeisters Willen. In folgender Weise hatte sich diese Macht über und unter der Sphäre, in der sie wirkte, befestigt: ... Der Graf von Soulanges, Pair von Frankreich, war, als getreuer Anhänger der Bourbonen, designiert, Marschall zu werden, und wußte seine Wälder und Besitzungen von dem Notar Lupin und von Soudry gut verwaltet und behütet. Er konnte als ein Beschützer von Gendrin angesehen werden, den er nach und nach, hierin übrigens von Monsieur Ronquerolles unterstützt, zum Richter und Präsidenten hatte ernennen lassen. Die Herren Leclercq und von Ronquerolles saßen im linken Zentrum, näher bei der Linken als beim Zentrum, eine politische Situation, die voller Vorteile für Leute ist, welche das politische Gewissen für ein Kleidungsstück ansehen. Monsieur Leclercqs Bruder hatte das Einkommensteueramt von Ville-aux-Fayes bekommen. ... So rechnete Gaubertin in den oberen Staatsregionen, in den beiden Kammern und im Hauptministerium auf eine ebenso mächtige wie aktive Protektion, und er hatte sie noch nicht für Kleinigkeiten in Anspruch genommen, noch durch zu viele ernsthafte Bitten ermüdet. Der Rat Gendrin, der von der Kammer zum Präsidenten ernannt worden, war der Hauptmacher des königlichen Gerichtshofs. Der erste Präsident, einer der drei ministeriellen Deputierten, ein im Zentrum nötiger Redner, überließ während der Hälfte des Jahres dem Präsidenten Gendrin die Leitung seines Gerichts. Der Präfekturrat endlich, ein Vetter von Sarcus namens Sarcus le Riche, war die rechte Hand des Präfekten und selber Deputierter. Ohne die Familienrücksichten, die Gaubertin und den jungen des Lupeaulx verknüpften, hätte man einen Bruder von Madame Sarcus als Unterpräfekt für den Kreis Ville-aux-Fayes »gewünscht.« Madame Sarcus, die Frau des Präfekturrats, war eine Vallat aus Soulanges, aus einer mit den Gaubertin verbündeten Familie; es hieß, sie habe den Notar Lupin in ihrer Jugend »ausgezeichnet.« Obwohl sie fünfundvierzig Jahre alt war und einen Ingenieurschüler als Sohn hatte, kam Lupin niemals in die Präfektur, ohne ihr seine Aufwartung zu machen oder mit ihr zu Mittag zu speisen. Guerbets Neffe, der Postmeister, dessen Vater, wie man gesehen hat, Steuereinnehmer in Soulanges war, hatte die wichtige Stellung eines Untersuchungsrichters beim Gericht in Ville-aux-Fayes inne. Der dritte Richter, ein Sohn des Notars Corbinet, gehörte notgedrungenerweise dem allmächtigen Bürgermeister mit Leib und Seele an; der junge Vigor endlich, ein Sohn des Gendarmerieleutnants, war stellvertretender Richter. Der Vater Sibilets, von Anfang an Schreiber am Gericht, hatte seine Schwester an Monsieur Vigor, den Gendarmerieleutnant von Ville-aux-Fayes, verheiratet. Dieser Biedermann, Vater von sechs Kindern, war der Vetter von Gaubertins Vater durch seine Frau, eine Gaubertin-Vallat. Vor achtzehn Monaten hatten die vereinten Bemühungen der beiden Deputierten, Monsieurs de Soulanges und des Präsidenten Gaubertin, eine Polizeikommissarstelle zugunsten des zweiten Sohnes des Gerichtschreibers in Ville-aux-Fayes geschaffen. Sibilets älteste Tochter hatte Monsieur Hervé, einen Institutinhaber, geheiratet, dessen Anstalt auf Grund dieser Heirat gerade in ein Gymnasium umgewandelt worden war, und seit einem Jahre erfreute sich Ville-aux-Fayes eines Gymnasialdirektors." Unsichtbare Koalition und unfassbare Tyrannei, despotische bürgerliche Vetternwirtschaft, diese furchtbare Liga, die alle staatlichen und privaten Dienstwege monopolisierte, die das Land aussog: "So begegnete man, nach welcher Seite man sich in Ville-aux-Fayes auch wendete, einem Mitgliede dieser unsichtbaren Koalition, deren von allen, von groß und klein anerkanntes und wahres Haupt der Bürgermeister der Stadt, der Generalagent des Holzhandels, Gaubertin war! Wo man von der Unterpräfektur aus ins Avonnetal hinunterging, dort herrschte Gaubertin, in Soulanges durch die Soudry, durch Lupin, den Bürgermeisterstellvertreter und Verwalter der Besitzung Soulanges, der immer mit dem Grafen in Briefwechsel stand; durch den Friedensrichter Sarcus, durch den Steuereinnehmer Guerbet, und durch den Doktor Gourdon, der eine Gendrin-Vattebled geheiratet hatte. Blangy beherrschte er durch Rigou, Conches durch den Postmeister, der absoluter Herr in seiner Gemeinde war. Aus der Art, wie der ehrgeizige Bürgermeister von Ville-aux-Fayes seine Macht über das Avonnetal ausdehnte, kann man schließen, in welcher Weise er den Rest des Bezirkes beeinflusste. ... Gaubertins Einfluss war so schwerwiegend, so groß, dass die Fonds, die Ersparnisse und das verborgene Geld der Rigou, der Soudry, der Gendrin, der Guerbet, der Lupin und selbst das von Sarcus le Riche seinen Vorschriften gehorchten. Ville-aux-Fayes glaubte überdies an seinen Bürgermeister. Gaubertins Tüchtigkeit wurde nicht minder gerühmt als seine Rechtlichkeit und seine Verbindlichkeit; er gehörte ganz und gar seinen Verwandten, seinen Untergebenen, doch auf Gegenleistung. Sein Gemeinderat betete ihn an. So tadelte denn auch die ganze Provinz Monsieur Mariotte aus Auxerre, weil er den braven Monsieur Gaubertin geärgert hatte. ... Der einzige Fremde in dieser großen avonnesischen Familie war der Wegebauinspektor; doch forderte man hartnäckig seine Versetzung zu Gunsten von Monsieur Sarcus, dem Sohn von Sarcus le Riche, und alles deutete darauf hin, dass dieser Fehler im Netze in kurzer Zeit ausgebessert sein würde. ... Diese furchtbare Liga, die alle staatlichen und privaten Dienstwege monopolisierte, die das Land aussog, die sich an die Macht heftete wie ein Hindernis unter ein Schiff, entging den Augen der Allgemeinheit; der General von Montcornet ahnte nichts von ihr. Die Präfektur beglückwünschte sich zu dem Gedeihen des Bezirks Ville-aux-Fayes, von dem der Minister des Innern sagte: »Das ist eine musterhafte Unterpräfektur, alles geht dort wie am Schnürchen! Wir würden sehr glücklich sein, wenn alle Bezirke dem glichen!« Der Familiensinn verstärkte sich dort so wohl mit dem Lokalgeist, dass dort, wie in vielen kleinen Städten und selbst Präfekturen, ein landfremder höherer Beamter gezwungen worden wäre, den Bezirk binnen Jahresfrist zu verlassen. Wenn die despotische bürgerliche Vetternwirtschaft jemanden aufopfert, wird er so gut umgarnt und geknebelt, dass er sich nicht zu beklagen wagt. Wie eine in einen Bienenkorb geratene Schnecke wird er in Propolis und Wachs eingehüllt. Dieser unsichtbaren, unfassbaren Tyrannei kommen mächtige Gründe zu Hilfe: der Wunsch, im Kreise seiner Familie zu leben, seine Besitzungen zu überwachen, die Unterstützung, die man sich gegenseitig leistet, und die Garantien, welche die Verwaltung findet, wenn sie ihren Agenten unter den Augen seiner Mitbürger und seiner Verwandten sieht. Wie in der kleinen Provinzstadt wird der Nepotismus auch in der oberen Sphäre des Departements geübt. Was geschieht? Landschaft und Lokalität triumphieren über Fragen des Allgemeininteresses; der Wille der Pariser Zentralisation wird häufig vereitelt, die Wahrheit der Geschehnisse entstellt, und die Provinz spottet der Gewalt. Kurz, sind die großen öffentlichen Belange einmal befriedigt, so ist es klar, dass die Gesetze, anstatt auf die Massen zu wirken, von ihnen das Gepräge erhalten; die Bevölkerungen passen sie sich an, anstatt sich ihnen anzupassen." Nepotismus, Mediokratie , egoistische Tyrännlein, Koryphäen der Linken: "Wer immer nach dem Süden, nach dem Westen Frankreichs und nach dem Elsaß gereist ist, um nicht nur dort in der Herberge zu schlafen und die Denkmäler oder die Landschaft zu besichtigen, muss die Wahrheit dieser Beobachtungen anerkennen. Solche Wirkungen des bürgerlichen Nepotismus stehen heute vereinzelt da, doch der Geist der gegenwärtigen Gesetze bestrebt sich, sie zu vermehren. Solche platte Herrschaft kann großes Unheil anrichten, wie es einige Ereignisse des Dramas, das sich damals im Tale von Les Aigues abspielte, beweisen werden. Das unbesonnener als man glaubt umgestürzte System, das monarchische System und das kaiserliche System, heilten diesen Missbrauch durch geweihte Existenzen, durch Klassifikationen und durch Gegengewichte, die man so töricht mit Privilegien definiert hat. In dem Augenblick, wo es aller Welt freisteht, den Klettermast der Macht hinaufzuklimmen, gibt es keine Privilegien mehr. Wären übrigens eingestandene, bekannte Privilegien nicht besser als so erschlichene Privilegien, die auf List sich gründen, zum Schaden des Geistes, den man allgemein machen will, Privilegien, die das Werk des Despotismus nach abgeändertem Plane wiederholen und ein niedrigeres Visier als ehedem nehmen? Hätte man edle Tyrannen, die an ihrem Lande hingen, nur gestürzt, um sich egoistische Tyrännlein zu schaffen? Soll die Macht in den Kellern stecken, anstatt an ihrem natürlichen Platze zu strahlen? Man muss darüber nachdenken. Der Lokalgeist, so wie er eben geschildert worden ist, wird die Kammer erobern. Montcornets Freund, der Graf de la Roche-Hugon, war kurze Zeit vor dem letzten Besuche des Grafen abgesetzt worden. Diese Amtsentsetzung warf den Staatsmann der liberalen Opposition in die Arme, wo er eine der Koryphäen der Linken wurde, von welcher er prompt einer Gesandtschaft halber abfiel. Zum Glück für Montcornet war sein Nachfolger ein Schwager des Marquis von Troisville, des Onkels der Gräfin, der Graf de Castéran. Der Präfekt empfing Montcornet ganz verwandtschaftlich und bat ihn liebenswürdig, sich in der Präfektur wie zu Hause zu fühlen. Nachdem der Graf von Castéran des Generals Klagen angehört hatte, bat er den Bischof, den Oberstaatsanwalt, den Obersten der Gendarmerie, den Rat Sarcus und den kommandierenden Divisionsgeneral für den folgenden Tag zum Frühstück zu sich. ... Da Montcornet unfähig war, den Einfluss der Mediokratie in seinem Tale zu ahnen, sprach er nicht von Gaubertin, dessen Hand die Glut der wiederentstehenden Schwierigkeiten schürte." Serail mit weißen Negersklaven des Renegaten und Zwingherrn von Ländereien; der eine lebte von Diebstählen in Naturalien, der andere bereicherte sich durch gesetzlich nicht verfolgbare Räubereien: "Dieser Ludwig XV. ohne Thron hielt sich nicht einzig und allein an die hübsche Annette. Der hypothekarische Zwingherr von Ländereien, die von den Bauern über ihre Mittel gekauft worden waren, machte das ganze Tal von Soulanges bis fünf Meilen über Conches hinaus gegen Brie zu seinem Serail, ohne dass er etwas anderes als Klageaufschübe ausgab, um jene flüchtigen Schätze zu erlangen, welche das Vermögen so vieler Greise verschlingen. Dies köstliche Leben, das dem Bourets vergleichbar war, kostete also fast nichts. Dank seiner weißen Negersklaven ließ Rigou seine Bäume, sein Heu, sein Korn schneiden, bündeln und einfahren. Für den Bauer will Arbeit wenig heißen, besonders in Anbetracht einer Stundung zu zahlender Zinsen. Während Rigou niedrige Gebühren für den Aufschub von einigen Monaten verlangte, sog er seine Schuldner aus, indem er Arbeitsleistungen, wahrhafte Frondienste von ihnen verlangte, zu denen sie sich hergaben, weil sie glaubten, nichts damit zu zahlen, da sie ja keinen Pfennig aus ihrem Beutel holten. So zahlte man Rigou manchmal mehr, als die ganze Schuldsumme ausmachte. ... Er ließ die Bauern sich durch das Spiel verborgener Fäden bewegen, deren Handhabung ihn wie eine Schachpartie ergötzte, bei welcher die Bauern lebten, die Reiter zu Roß saßen, die Läufer wie Fourchon schwatzten, die feudalen Türme in der Sonne prunkten und die Königin boshafterweise dem König Schach bot. Alle Tage beim Aufstehen sah dieser Mann von seinem Fenster aus die stolzen Giebel von Les Aigues, die Kamine der Pavillons, die herrlichen Tore und sagte sich: »All das wird niedersinken, ich werd' die Bäche dort trocken legen und die schattigen Buschwerke abschlagen.« Kurz, er hatte sein großes und sein kleines Opfer. Wenn er über den Ruin des Schlosses nachdachte, schmeichelte sich der Renegat, den Abbé Brossette mit Nadelstichen zu töten. ... Soudry folgte Rigous Beispiel von Soulanges bis fünf Meilen oberhalb von Ville-aux-Fayes. Die beiden Wucherer hatten sich in den Bezirk geteilt. Gaubertin, dessen Raubgier sich in einer höheren Sphäre betätigte, machte seinen Gesellschaftern nicht nur keine Konkurrenz, sondern hinderte auch die Kapitalisten von Ville-aux-Fayes, diesen ertragreichen Weg einzuschlagen. Man kann sich nun denken, welchen Einfluss das Triumvirat Rigou, Soudry und Gaubertin bei den Wahlen durch die Wähler erlangte, deren Glücksumstände von ihrer Milde abhingen. ... Rigou stellte sich über Tonsard; der eine lebte von Diebstählen in Naturalien, der andere bereicherte sich durch gesetzlich nicht verfolgbare Räubereien. Alle beide liebten das Wohlleben; es war die gleiche Natur in zweierlei Gestalt, die eine urwüchsig, die andere durch die Klostererziehung verfeinert." Holzdiebe wie jene Nager und Zerstörer, die je nach den Landstrichen Türken, Engerlinge, weiße Maden genannt werden und der erste Entwicklungszustand des Maikäfers sind (in seinem Roman "Die Bauern" (Les Paysans) verwendet der französische Schriftsteller Honoré de Balzac den Begriff „Türken“ als früher übliche Bezeichnung für schädliche Baum- und Holzmaden, die Larven des Maikäfers): "Seit zwanzig Jahren war dieser Wald von den Bewohnern so gut ausgebeutet worden, dass es dort nur noch grünes Holz gab, und sie beschäftigten sich damit, es zum Winter durch sehr einfache Maßnahmen, die erst lange Zeit später entdeckt werden konnten, zum Absterben zu bringen. Tonsard schickte seine Mutter in den Wald; der Wächter sah sie hineingehen. Er wußte, wo sie herauskommen musste und lauerte ihr dort auf, um ihr Bündel zu durchsuchen. Tatsächlich fand er sie da mit trockenem Reisig, morschen Aesten und abgebrochenen und geknickten trockenen Zweigen beladen. Und sie jammerte und beklagte sich, bei ihrem Alter so weit haben laufen zu müssen, um ein so elendes Bündel zusammenzulesen. Was sie aber nicht sagte, war, dass sie im dichtesten Dickicht gewesen war, dass sie den Stamm eines jungen Baumes freigelegt und seine Rinde an der Stelle, wo er aus der Wurzel wächst, ringsherum ringförmig losgelöst hatte; dann hatte sie Moos und Blätter, alles, wieder in Ordnung gebracht. Unmöglich konnte man diesen ringförmigen Einschnitt entdecken, der nicht mit dem Messer sondern durch einen Riss hergestellt schien, welcher dem von jenen Nagern und Zerstörern hervorgerufenen glich, die je nach den Landstrichen Türken, Engerlinge, weiße Maden genannt werden und der erste Entwicklungszustand des Maikäfers sind. Dieser Wurm liebt die Baumrinden, dringt zwischen Rinde und Splint ein und frißt sich um den Baum herum. Wenn der Baum stark genug ist, dass der Wurm zu seiner zweiten Metamorphose übergeht, zu seiner Larve, in der er bis zu seiner zweiten Wiedererweckung eingeschlafen ruht, so ist der Baum gerettet; denn so lange für den Saft eine mit Rinde bedeckte Stelle am Baume bleibt, wird er weiter wachsen. ... Der Engerling bildet die Verzweiflung des Grundbesitzers. Unterirdisch lebend, entgeht er dem behördlichen Rundschreiben, das erst dann sizilianische Vespern gegen ihn anordnen kann, wenn er Maikäfer geworden ist. Wenn das Landvolk wüßte, von welchem Unheil es bedroht wird, falls es die Maikäfer und Raupen nicht tötet, würde es den von den Präfekturen ausgegebenen Vorschriften besser Folge leisten. ... So ahmten denn in Erwartung der Ernte und des Stoppellesens fünfzig alte Weiber die Arbeit des Engerlings am Fuße von fünf- oder sechshundert Bäumen nach, die im Frühjahr abgestorben sein und sich nicht mehr mit Blättern bedecken sollten; und sie waren inmitten der weniger zugänglichen Stellen ausgewählt worden, so dass das Zweigwerk ihnen gehören würde." Felddiebe, Lumpenwelt, die man heute nur aus den Vorstädten der Großstädte kennt und die sich nicht nur aus wilden Arabern mit "gierigen, blödsinnigen, idiotischen, wilden Zügen der Gesichter", zusammensetzen und am liebsten Döner aus "Christenfleisch" essen würden, die hässlichsten Schöpfungen, die Murillos und Teniers Pinsel, die Gestalten Callots, dieses meisterhaften Schilderers des Elends, geschaffen haben, weit hinter sich ließen: "Die Stadtbewohner werden sich niemals vorstellen können, was das Stoppeln für die Landbewohner bedeutet. Ihre Leidenschaft ist unerklärlich; denn es gibt Weiber, die sehr gut bezahlte Arbeiten im Stich lassen, um zum Stoppeln zu gehen. Das Getreide, das sie auf die Weise bekommen, scheint ihnen besser zu sein. Der so erlangte Vorrat, der zu ihrer hauptsächlichsten Nahrung dient, lockt sie ungeheuer. Die Mütter nehmen ihre kleinen Kinder, ihre Mädchen und Jungen mit, die gebrechlichsten alten Leute schleppen sich hin; und wer etwas besitzt, heuchelt natürlich Bedürftigkeit. Zum Stoppeln geht man in Lumpen. ... Am Ende der gemähten Felder, wo die Wagen standen, auf welche die Garben geladen wurden, sah man etwa hundert Kreaturen, welche die hässlichsten Schöpfungen, die Murillos und Teniers Pinsel, die kühnsten auf diesem Gebiete, und die Gestalten Callots, dieses meisterhaften Schilderers des Elends, geschaffen haben, weit hinter sich ließen. Ihre Bronzebeine, ihre Glatzköpfe, Ihre ausgefransten Lumpen, ihre so merkwürdig abgetönten Farben, die fettigen Löcher, gestopften Stellen, aufgesetzten Flecken, verblichenen Stoffe, die Fadenscheinigkeit ihrer Kleider, kurz ihr Ideal der materiellen Erscheinung des Unglücks war übertroffen worden; ebenso hatten die gierigen, unruhigen, blödsinnigen, idiotischen, wilden Züge der Gesichter vor den unsterblichen Kompositionen dieser Fürsten der Farbe den ewigen Vorteil voraus, den die Natur vor der Kunst bewahrt. Es gab da alte Weiber mit einem Puterhals, mit roten enthaarten Wimpern, welche den Kopf vorgestreckt hielten wie Hühnerhunde, wenn sie ein Rebhuhn wittern; Kinder, schweigsam wie Soldaten unter den Waffen, und kleine Mädchen, die wie Tiere trappelten, die auf ihr Futter warten. Die Eigenart der Kindheit und des Alters waren durch eine wilde Begehrlichkeit verwischt: durch das Verlangen nach dem Gute anderer, das durch Missbrauch ihr Gut wurde. Alle diese Augen glühten, die Bewegungen waren drohend, doch alle verhielten sich in Anwesenheit des Grafen, des Waldhüters und des Hauptwächters schweigend. ... »Ja, das ist noch nicht alles; heute ein Zahn, morgen ein Ohr; wenn sie eine Tunke erfinden könnten, um unsere Kaldaunen wie die der Kälber zu fressen, würden sie Christenfleisch fressen!« sagte die alte Bonnébault, die dem Grafen, als er vorüberkam, ihr drohendes Profil zeigte, dem sie jedoch alsbald durch einen honigsüßen Blick und eine süßliche Grimasse einen scheinheiligen Ausdruck verlieh." Milder Platonismus: "Die Menschen, die daran gewöhnt sind, sich in den Abgründen der sozialen Welt herumzutreiben, alles zu begreifen, nichts zu unterdrücken, schaffen sich eine Oase im Herzen. Sie vergessen ihre und anderer Leute Verkehrtheiten, werden in einem engen und zurückhaltenden Kreise kleine Heilige, besitzen weibliches Zartgefühl und überlassen sich einer augenblicklichen Verwirklichung ihres Ideals. Für eine einzige Person, die sie anbeten, sind sie Engel und spielen dabei keine Komödie; sie bringen ihre Seele sozusagen auf die Weide. Sie haben es nötig, ihre Schmutzflecke abzubürsten, ihre Narben auszuheilen und ihre Wunden zu verbinden. Émile Blondet war ohne Gift und fast ohne Geist nach Les Aigues gekommen, er sagte nicht ein Epigramm, hatte eine Lammsgeduld und war von einem milden Platonismus." Wohltaten oder die heutige Einwanderung in die Sozialsysteme, bringt in Bezug auf die wilden Araber nichts, sie werden totzdem in flagranti erwischt: »Da hat jemand gekniet, und es war eine Frau; denn eines Mannes Beine hinterlassen nicht von den Knien abwärts eine so große Menge niedergedrückten Grases; hier ist der Abdruck des Rockes!.« Nachdem er den Fuß des Baumes untersucht hatte, stieß der Wächter auf die Arbeit eines angefangenen Lochs, ohne jedoch jenen Wurm mit der kräftigen, glänzenden, schuppigen, braun punktierten Haut zu finden, dessen Kopfende schon dem des Maikäfers ähnelt, indem es dessen Kopf und Fühler zeigt, sowie die starken Fresszangen, mit denen er die Wurzeln durchschneidet. »Mein Lieber, ich verstehe nun die große Menge ›abgestorbener‹ Bäume, die ich heute früh von der Schloßterrasse aus gesehen habe, und die mich hierher gezogen haben, um nach der Ursache dieses Phänomens zu suchen. Die Würmer rühren sich, es sind aber Ihre Bauern, die aus dem Holz herauskommen!« Der Wächter stieß einen Fluch aus und lief, von Blondet gefolgt, zur Gräfin zurück, die er bat, seine Frau mit sich zu nehmen. Er nahm Josephs Pferd, den er zu Fuß nach dem Schlosse zurückgehen ließ, und verschwand mit äußerster Schnelligkeit, um dem Weibe, das seinen Hund eben getötet hatte, den Weg abzuschneiden und sie mit einer blutigen Hippe und dem Werkzeug, mit dem sie die Einschnitte in die Stämme machte, zu überraschen. ... »Sehen Sie dort die Bäume mit abgestorbenem Laubwerk?« »Ja.« »Sehen Sie die, welche sich verfärben?« »Ja.« »Nun gut; all die abgestorbenen Bäume sind von jenen Bauern vernichtet worden, die Sie durch Ihre Wohltaten gewonnen zu haben glaubten.« ... »Die Leute verkaufen sich nie,« antwortete Sibilet, »wenn es sich um Verbrechen handelt, die zu ihrem Nutzen und mit Vorbedacht ausgeführt werden; denn man kann nicht leugnen, dass diese teuflische Erfindung überlegt und berechnet ist.« ... Drei Tage später führten die Gendarmen bei Tagesanbruch die alte Tonsard durch den tiefen Wald nach Ville-aux-Fayes. Sie war in flagranti von dem Hauptwächter und seinen Gehilfen und von dem Feldhüter erwischt worden. Man hatte bei ihr eine schlechte Feile gefunden, die ihr dazu diente, den Baum zu zerfleischen, und einen Durchschlag, mit dem die Delinquentin die ringförmige Rille glättete, wie das Insekt seinen Weg glättet. Man stellte im Protokoll fest, dass diese ruchlose Operation an sechzig Bäumen in einem Umkreise von fünfhundert Schritten vorgenommen worden war. Die alte Tonsard wurde nach Auxerre übergeführt. Das Schwurgericht war für diesen Fall zuständig. Als Michaud die alte Tonsard am Fuße des Baumes sah, konnte er nicht umhin zu sagen: »Das sind die Leute, die der Herr Graf und die Frau Gräfin mit ihren Wohltaten überhäufen!" [7] In seinem Roman "Die Frau von dreißig Jahren" beschreibt Honoré de Balzac eine der schönsten Landschaften und romantischen Eindrücke, die die reizvollen Ufer der Loire bieten können: "Zur Rechten umfasst der Reisende mit einem Blick alle Krümmungen der Cise, die sich wie eine silberne Schlange durch das junge Gras der Wiesen windet, dem der erste Lenztrieb zu dieser Zeit einen smaragdenen Ton verlieh. Zur Linken erscheint die Loire in ihrer ganzen Pracht. Auf der weiten, vom frischen Morgenwind leichtgekräuselten Wasserfläche, die dieser majestätische Fluss entfaltet, werden die Sonnenstrahlen von unzähligen Facetten gebrochen. Wie die Edelsteine eines Halsbandes reihen sich hier und da grünende Inseln auf den schier unendlichen Wassern. Auf der anderen Seite des Flusses breiten die schönsten Landschaften der Touraine, soweit das Auge reicht, ihre Herrlichkeit aus. In der Ferne ist der Blick nur von den Hügeln des Cher begrenzt, dessen Gipfel sich zu dieser Stunde in leuchtenden Konturen von dem durchsichtigen Blau des Himmels abhoben. Durch das zarte Laubwerk der Inseln gesehen, scheint Tours, im Hintergrund des Bildes, sich wie Venedig aus dem Schoß des Wassers zu heben. Die Glockentürme seiner alten Kathedrale ragten in die phantastischen Gebilde eines weißlichen Gewölks hinein. Jenseits der Brücke, auf der der Wagen hielt, erblickt man längs der Loire bis gegen Tours eine Felsenkette, die die Natur aus einer Laune dahin gestellt zu haben scheint, um den Fluss einzudämmen, dessen Fluten unaufhörlich den Stein aushöhlen – ein Schauspiel, das stets das Staunen der Reisenden hervorruft. Das Dorf Vouvray liegt wie eingebettet in den Schlünden und Aushöhlungen dieser Felsen, die von der Brücke der Cise eine Biegung machen. Von Vouvray bis Tours hat ein Winzervolk seine Wohnstätten in den furchterregenden Klüften dieser zerrissenen Hügel. An mehr als einer Stelle sind drei Stockwerke hohe Häuser in den Felsen eingehöhlt und durch gefährliche, gleichfalls in den Stein gehauene Treppen miteinander verbunden. Oben von einem Dach aus läuft ein junges Mädchen im roten Unterrock in ihren Garten. Der Rauch eines Kamins steigt zwischen den sprossenden Reben und Ranken eines Weinbergs auf. Pächter arbeiten auf beinahe senkrecht abfallenden Feldern. Eine alte Frau sitzt mit ihrem Spinnrad ruhig auf einem eingestürzten Felsblock unter einem blühenden Mandelbaum und lächelt über das Erschrecken der Reisenden, die zu ihren Füßen vorüberziehen. Sie kümmert sich ebensowenig um die Risse, die im Boden klaffen, wie um die überhängenden Reste einer alten Mauer, deren Steinschichten nur noch von den krausen Wurzeln eines Efeumantels festgehalten werden. Der Hammer der Küfer tönt durch die in luftiger Höhe eingebauten Kellergewölbe. Das Land ist überall bestellt und fruchtbar, obwohl die Natur dem menschlichen Fleiß die Erdscholle versagt hat. Entlang der Loire ist nichts dem reichen Panorama vergleichbar, das die Touraine hier den Augen des Reisenden auftut. Das dreifache Bild dieser in ihrer Mannigfaltigkeit kaum angedeuteten Szenerie bereitet der Seele ein Schauspiel, das sie für immer in ihr Gedächtnis einprägt; und wenn ein Dichter dies genossen hat, so werden ihm seine Träume auf eine märchenhafte Weise immer wieder diese romantischen Eindrücke hervorzaubern. Im Augenblick, wo der Wagen auf der Brücke der Cise angelangt war, tauchten zwischen den Inseln der Loire mehrere weiße Segel auf und verliehen dieser harmonischen Landschaft einen neuen Reiz. Der starke Duft der Weiden, die den Fluss begrenzen, vermischte sich mit dem Hauch der feuchten Brise. Die Vögel ließen ihr vielstimmiges Konzert ertönen, in welches der eintönige Gesang eines Ziegenhirten eine gewisse Schwermut mischte, während die Rufe der Schiffer eine ferne Regsamkeit ahnen ließen. Ein weicher Dunst, der launisch um die in die weite Landschaft gestreuten Bäume hing, lieh dem Bilde noch einen besonderen Zauber. Das war die Touraine in ihrer ganzen Pracht, der Frühling in seiner ganzen Herrlichkeit. ... In der Ferne konnte man die Ruinen der berühmten Abtei von Marmontiers, den Zufluchtsort des heiligen Martin, erblicken.
Wenn heute die Großstädte
von Linksradikalen und Islamisten terrorisiert werden, so waren es früher
die Meere durch Korsaren bzw. menschlichen Teufel, die entweder für
Linke Wirrköpfe oder für den hohlen und armseligen Götzen
Allah ihr Unwesen trieben; Hinzu kommen die Verräter, die ihnen in
die Hände spielen:
"An einem schönen Morgen befanden sich einige französische Kaufleute, die voller Ungeduld waren, mit den in mühseliger Arbeit und auf gefahrvollen Reisen nach Mexiko oder Kolumbien erworbenen Reichtümern in ihr Vaterland zurückzukehren, auf einer spanischen Brigg, einige Meilen von Bordeaux entfernt. An der Reling lehnte ein Mann, der durch Strapazen und Kummer mehr, als es seine Jahre mit sich brachten, gealtert war und unempfindlich schien für das Schauspiel, das die in Gruppen auf dem Oberdeck stehenden Fahrgäste boten. Den Gefahren der Seefahrt entronnen und von der Schönheit des Tages angelockt, waren sie hinaufgestiegen, wie um von weitem ihr Vaterland zu begrüßen. Die meisten unter ihnen behaupteten, in der Ferne die Leuchttürme, die Bauwerke der Gascogne und den Turm von Cordouan zu sehen, die zwischen den phantastischen Gebilden einiger weißer Wolken am Horizont auftauchten. Das Meer war so ruhig, dass, ohne die Silberfranse, die das Fahrzeug einsäumte, ohne die lange, rasch zerfließende Furche, die es zog, die Reisenden hätten meinen können, ihr Schiff läge unbeweglich auf dem Ozean. Der Himmel war von einer wunderbaren Klarheit. Die dunkle Farbe seiner Wölbung ging in unmerklichen Abstufungen in die bläuliche Färbung des Wassers über, und den Punkt ihrer Verschmelzung bezeichnete ein leuchtender Strich, von dem ein Funkeln wie von Sternen ausging. Auf der ungeheuren Wasserfläche schimmerte die Sonne in Millionen Facetten, so dass noch mehr Glanz von unten auszugehen schien als von den Gefilden des Firmaments. Ein wunderbar sanfter Wind schwellte die Segel der Brigg, und diese blendendweißen Tücher, die flatternden gelben Flaggen, das Gewirr des Tauwerks zeichneten sich mit kräftigen Konturen, die von den Schatten herrührten, die die aufgeblähten Segel warfen, scharf gegen den leuchtenden Hintergrund der Luft, des Himmels und des Ozeans ab. Ein schöner Tag, ein frischer Wind, das Heimatland in Sicht, ein ruhiges Meer, ein melancholisches Rauschen, eine schmucke, einsame Brigg, die auf dem Ozean dahingleitet wie eine Frau, die zum Stelldichein eilt – das war ein Bild voller Harmonie, war eine Szene, in der die Seele des Menschen den unbeweglich ruhenden Raum umfassen konnte, da sie von einem Punkt ausging, bei dem alles Bewegung war. Es war ein unvergleichlicher Gegensatz von Einsamkeit und Leben, von Stille und Ton, ohne dass man wissen konnte, wo Ton und Leben, wo die Stille und das Nichts war; nicht eine menschliche Stimme brach diesen himmlischen Zauber. Der spanische Kapitän, seine Matrosen, die Franzosen standen oder saßen, ganz versunken in einer frommen Begeisterung, die voller Erinnerung war. Es lag Trägheit in der Luft. Die heitern Gesichter zeugten von einem vollkommenen Vergessen vergangener Leiden, und all die Männer schaukelten auf diesem sanften Schiffe wie in einem goldenen Traume. Jedoch betrachtete der alte Passagier von der Reling aus den Horizont von Zeit zu Zeit mit einer gewissen Unruhe. In seinen Zügen stand Misstrauen gegen das Schicksal geschrieben, und er schien zu befürchten, dass sie nicht so bald den Boden Frankreichs betreten würden. Dieser Mann war der Marquis. Das Glück war gegen sein Flehen und die Anstrengungen seiner Verzweiflung nicht taub geblieben. Nach fünf Jahren mühseliger Versuche und Arbeiten sah er sich im Besitz eines beträchtlichen Vermögens. In seiner Ungeduld, in sein Vaterland zurückzukehren und seiner Familie das Glück zu bringen, war er dem Beispiel einiger französischer Handelsleute von Havanna aus gefolgt und hatte sich mit ihnen auf einem spanischen Segler mit Fracht für Bordeaux eingeschifft. Nichtsdestoweniger zauberte ihm seine Phantasie, die müde war, immer nur Unglück vorauszusehen, die köstlichsten Bilder seines vergangenen Glücks vor. Als er von ferne den braunen Strich sah, den das Land zog, glaubte er seine Frau und seine Kinder zu sehen. Er war zu Hause, am heimischen Herd, und fühlte, wie man ihn an sich drückte und liebkoste. Er stellte sich Moina vor, schön, groß geworden, stattlich wie eine Jungfrau! Als dieses Phantasiebild greifbare Gestalt angenommen hatte, traten ihm die Tränen in die Augen, nun, um seine Rührung zu unterdrücken, blickte er nach dem dunstigen Horizont, der der nebligen, Land verheißenden Linie gegenüberlag. »Da ist er ...«, sagte er, »er folgt uns.« – »Was ist's?« rief der spanische Kapitän. »Ein Schiff«, erwiderte der General leise. »Ich habe es schon gestern gesehen«, sagte Kapitän Gomez. Er sah den Franzosen prüfend an. Dann flüsterte er ihm ins Ohr: »Es hat die ganze Zeit Jagd auf uns gemacht.« – »Und ich weiß nicht, warum es uns nicht eingeholt hat«, entgegnete der alte Soldat, »denn es ist ein besserer Segler als Ihre verdammte ›Sankt Ferdinand‹« – »Er wird Havarie gehabt, ein Leck bekommen haben ...« – »Er holt uns ein!« rief der Franzose. »Er ist ein kolumbischer Korsar«, sagte ihm der Kapitän ins Ohr. »Wir sind noch sechs Meilen vom Lande entfernt, und der Wind lässt nach.« – »Er fährt nicht, er fliegt, als ob er wüßte, dass ihm in zwei Stunden seine Beute entwischt. Welche Tollkühnheit!« – »Da!« rief der Kapitän aus; »ah! er heißt nicht umsonst ›Othello‹. Er hat kürzlich eine spanische Fregatte in den Grund gebohrt und hat doch nicht mehr als dreißig Kanonen. Ich fürchtete niemand außer ihm, denn ich wußte, dass er in den Antillen herumstreicht... Ah, ah!« fuhr er nach einer Pause fort, während deren er auf die Segel seines Schiffes blickte; »der Wind kommt auf, wir werden es schaffen. Wir müssen es, der ›Pariser‹ wäre erbarmungslos.« – »Auch der schafft es!« versetzte der Marquis. Die ›Othello‹ war nicht mehr als drei Meilen entfernt. Obgleich die Mannschaft die Unterhaltung des Marquis mit Kapitän Gomez nicht gehört hatte, hatte das Auftauchen des Seglers den größten Teil der Matrosen und Passagiere in die Nähe der beiden Redenden geführt; doch die meisten hielten die Brigg für ein Handelsschiff und sahen es mit Interesse näher kommen, als plötzlich ein Matrose lauthals ausrief: »Beim heiligen Jakob! Wir sind verloren, da ist der ›Pariser Kapitän‹...« Bei diesem schrecklichen Namen verbreitete sich Entsetzen auf der Brigg, und ein unbeschreibliches Durcheinander entstand. Der spanische Kapitän flößte seinen Matrosen durch seine Stimme eine momentane Tatkraft ein, und da er in dieser Gefahr um jeden Preis das Land erreichen wollte, ließ er alle obern und untern Beisegel setzen, Steuerbord und Backbord, um dem Winde die ganze Fläche der Leinwand, mit der seine Rahen betakelt waren, zu bieten. Aber all diese Handgriffe wurden unter großen Schwierigkeiten ausgeführt; sie ließen natürlicherweise das bewunderungswürdige Zusammenspiel vermissen, das bei Kriegsschiffen so besticht. Obgleich die ›Othello‹ vermöge der Stellung ihrer Segel wie eine Schwalbe flog, gewann sie anscheinend so wenig Raum, dass die unglücklichen Franzosen sich einer angenehmen Täuschung hingaben. Plötzlich, in dem Augenblick, wo die ›Sankt Ferdinand‹ nach unerhörten Anstrengungen, dank der geschickten Manöver, zu denen Gomez durch Stimme und Gebärde anspornte, neuerdings in Fahrt gekommen war, legte der Steuermann durch eine falsche, wahrscheinlich beabsichtigte Bewegung des Steuers die Brigg quer vor den Wind. Die Segel, die den Wind nun von der Seite bekamen, schlugen so gewaltsam hin und her, dass die Brigg sich drehte und den Wind nun von vorn hatte, die Masten brachen und das Schiff vollständig außer Kontrolle geriet. Eine rasende Wut bemächtigte sich des Kapitäns und ließ ihn weißer werden als seine Segel: mit einem Satz sprang er auf den Steuermann los und stach so wild mit dem Dolch nach ihm, dass er ihn zwar verfehlte, ihn aber ins Meer stürzte. Dann ergriff er das Steuer und versuchte, dem entsetzlichen Wirrwarr, das sein braves tapferes Schiff rebellisch machte, abzuhelfen. Tränen der Verzweiflung traten in seine Augen; denn ein Verrat, der uns um einen Erfolg bringt, welcher unserer eigenen Kraft zu danken wäre, trifft uns grausamer als ein unmittelbar drohender Tod. Aber je mehr der Kapitän fluchte, desto weniger geschah das Erforderliche. Er gab selbst den Alarmschuss ab, in der Hoffnung, an der Küste gehört zu werden. In diesem Augenblick antwortete der Korsar, der mit einer Geschwindigkeit herbeikam, die alle Hoffnungen zunichte machte, indem er gleichfalls eine Kanone abfeuerte, deren Kugel etwa zehn Klafter von der ›Sankt Ferdinand‹ ins Wasser schlug. »Alle Wetter!« rief der General, »war das gezielt! Sie scheinen eigens dazu gemachte Schiffskanonen zu haben.« Ein Matrose versetzte darauf: »Ja, sehen Sie, der da, wenn der redet, muss man stille sein! Der ›Pariser‹ würde sich selbst vor einem englischen Schiff nicht fürchten.« – »Es ist alles aus!« rief in höchster Verzweiflung der Kapitän, der durch sein Fernrohr noch nichts vom Lande entdecken konnte; »wir sind noch viel weiter von Frankreich entfernt, als ich glaubte.« Der General suchte ihn zu trösten. »Warum wollen Sie alle Hoffnungen aufgeben? All Ihre Passagiere sind Franzosen. Sie haben Ihr Schiff an sie vermietet. Dieser Korsar ist Pariser, sagen Sie? Nun, hissen Sie die weiße Flagge und ...« – »Und er wird uns in den Grund bohren«, erwiderte der Kapitän; »ist das unter diesen Umständen nicht alles, was er tun muss, um sich reiche Beute zu verschaffen?« – »Ja, wenn er ein Seeräuber ist...« – »Seeräuber!« sagte der Matrose wild; »oh! er hält sich immer an das Gesetz oder weiß die Sache zu drehen.« – »Nun denn«, erwiderte der General und hob die Augen zum Himmel, »ergeben wir uns drein.« Und er hatte noch so viel Kraft, seine Tränen zurückzudrängen. Kaum hatte er diese Worte gesagt, als eine zweite, besser gezielte Kugel in den Rumpf der ›Sankt Ferdinand‹ eindrang. »Legt das Schiff back«, sagte der Kapitän traurig. Und der Matrose, der den ›Pariser‹ verteidigt hatte, half dieses verzweifelte Manöver in sehr geschickter Weise ausführen. Die Mannschaft verharrte eine tödliche halbe Stunde in der fürchterlichsten Bestürzung. Die ›Sankt Ferdinand‹ führte vier Millionen Piaster mit sich, die das Vermögen der fünf Passagiere ausmachten, und das des Generals betrug elfhunderttausend Francs. Die ›Othello‹ befand sich nun in einer Entfernung von zehn Flintenschussweiten, und man konnte deutlich die drohenden Schlünde von zwölf Kanonen unterscheiden, die bereit waren, Feuer zu geben. Er schien von einem Winde getragen zu sein, den der Teufel eigens für ihn blies; doch das Auge eines geübten Matrosen erriet unschwer das Geheimnis dieser Geschwindigkeit. Man brauchte sich nur den Schwung der Brigg anzusehen, ihre langgestreckte Form, ihre Schmalheit, die Höhe ihres Mastwerks, den Schnitt ihrer Segel, die bewundernswerte Leichtigkeit ihrer Takelung und die Fertigkeit, mit der die Gesamtheit ihrer Matrosen, von einem einzigen Willen gelenkt, die günstigste Stellung der weißen Fläche, die die Segel bildeten, ausnützte. Alles an diesem schlanken Geschöpf aus Holz, das so behende, so kundig wie ein Streitross oder ein Raubvogel war, sprach von einem ungeheuren Machtgefühl. Die Mannschaft des Korsaren verhielt sich ganz still und war bereit, falls sie auf Widerstand stoßen sollte, das arme Handelsschiff zu versenken, das sich zu seinem Glück, wie ein vom Lehrer ertappter Schüler, nicht rührte. »Wir haben Kanonen!« rief der General und drückte die Hand des spanischen Kapitäns. Dieser warf dem alten Soldaten einen beherzten, doch hoffnungslosen Blick zu und sagte: »Und Männer?« Der Marquis musterte die Mannschaft der ›Sankt Ferdinand‹ und ihn überfiel ein Schauder. Die vier Kaufleute waren bleich und schlotterten; die Matrosen, die um einen der ihren herumstanden, schienen abzumachen, auf die ›Othello‹ überzutreten, und starrten mit neugierigem Verlangen zu dem Piratenschiff hinüber. Nur der Bootsmann, der Kapitän und der Marquis wechselten prüfende Blicke, die von Edelmut zeugten. »Ach, Kapitän Gomez, ich habe vor sechs Jahren mit todbetrübtem Herzen von meiner Heimat und meiner Familie Abschied genommen; muss ich ihnen nun in dem Augenblick entsagen, wo ich die Freude und das Glück ins Haus bringe?« Der General wandte sich ab, um eine Träne der Wut ins Meer fallen zu lassen, und sah dabei, wie der Steuermann auf den Korsaren zuschwamm. »Diesmal«, entgegnete der Kapitän, »werden Sie wahrscheinlich für immer von ihnen Abschied nehmen.« Der Spanier war entsetzt von dem stumpfen Blick, den der Franzose auf ihn richtete. In diesem Augenblick lagen die Schiffe nahezu Bord an Bord; als der General das feindliche Fahrzeug in so unmittelbarer Nähe vor sich sah, glaubte er an die schlimme Weissagung des Kapitäns. Neben jeder Kanone standen drei Mann. Mit ihrem athletischen Körperbau, ihren eckigen Zügen, ihren nackten, nervigen Armen glichen sie Bronzestatuen. Der Tod hätte sie treffen können, ohne dass sie umgesunken wären. Die Matrosen, alle gut bewaffnet, tatkräftig, gewandt und kraftstrotzend, blieben unbeweglich. Ihre energischen Gesichter waren von der Sonne tief gebräunt, von schwerer Arbeit gehärtet. Ihre Augen funkelten wie Stechflammen und zeugten von kraftvollem Verstand und teuflischen Begierden. Die tiefe Stille, die auf dem von Menschen und Hüten schwarzen Deck herrschte, war ein Beweis für die unbeugsame Disziplin, unter die ein mächtiger Wille diese menschlichen Teufel beugte. Der Befehlshaber stand mit über der Brust verschränkten Armen am Fuße des Hauptmastes; er war waffenlos, nur eine Axt lag zu seinen Füßen. Um sich gegen die Sonne zu schützen, trug er einen großen breitkrempigen Filzhut, der sein Gesicht beschattete. Wie Hunde, die zu Füßen ihres Herrn liegen, heftete die Mannschaft, Soldaten und Matrosen, abwechselnd die Augen auf ihren Kapitän und das Handelsschiff. Als die beiden Briggs aneinanderstießen, wurde der Korsar aus seiner Träumerei gerissen, und er sagte einem jungen Offizier, der neben ihm stand, zwei Worte ins Ohr. »Die Enterhaken!« rief der Leutnant. Und die ›Sankt Ferdinand‹ wurde von der ›Othello‹ mit wunderbarer Schnelligkeit geentert. Den Befehlen gehorchend, die der Korsar leise erteilt und der Leutnant wiederholt hatte, begaben sich die zu den verschiedenen Diensten bestimmten Männer hintereinander, wie Seminaristen, die zur Messe gehen, auf das erbeutete Schiff, um den Passagieren und Matrosen die Hände zu binden und sich der Schätze zu bemächtigen. Im Nu waren die mit Piastern gefüllten Tonnen, die Lebensmittel und die Mannschaft der ›Sankt Ferdinand‹ auf die Brücke der ›Othello‹ transportiert. Der General glaubte unter dem Bann eines Traumes zu stehen, als er mit gebundenen Händen, als wäre er selbst eine Ware, auf einen Ballen geworfen wurde. Zwischen dem Korsaren, seinem Leutnant und einem Matrosen, der den Dienst des Bootsmanns zu versehen schien, fand eine Beratung statt. Als diese Unterredung, die nicht lange währte, beendet war, pfiff der Matrose seinen Leuten; auf einen Befehl, den er ihnen gab, sprangen sie alle auf die ›Sankt Ferdinand‹, kletterten in das Tauwerk und fingen an, sie ihrer Rahen, Segel, ihrer Takelage mit der gleichen Behendigkeit zu berauben, wie ein Soldat auf dem Schlachtfelde einen toten Kameraden auszieht, dessen Schuhe und Rock sein Begehren erregen. »Wir sind verloren«, sagte der spanische Kapitän, welcher die Gebärden der drei Schiffsoberen während ihrer Beratschlagung und die Bewegungen der Matrosen, die eine regelrechte Plünderung der Brigg vornahmen, mit den Augen verfolgt hatte, kaltblütig zum Marquis. »Wie denn?« fragte der General teilnahmslos. »Was sollen sie mit uns anfangen?« entgegnete der Spanier. »Sie sind jedenfalls zu der Einsicht gekommen, dass sie die ›Sankt Ferdinand‹ in den Häfen von Frankreich und Spanien schwer losschlagen können, und werden sie versenken, damit sie ihnen nicht weiter zur Last ist. Was uns angeht, glauben Sie denn, sie werden sich unsere Beköstigung aufladen, wo sie doch nicht wissen, in welchen Hafen sie einlaufen können?« Kaum hatte der Kapitän diese Worte beendet, als ein markerschütterndes Geschrei erscholl, dem ein dumpfes Geräusch folgte, welches von mehreren ins Wasser fallenden Körpern herrührte. Er drehte sich um und sah die vier Kaufleute nicht mehr. Acht wild aussehende Kanoniere hatten die Arme noch hochgehoben, als der General sie mit Grauen anstarrte. »Habe ich es Ihnen nicht gesagt?« bemerkte der spanische Kapitän ungerührt. Der Marquis erhob sich hastig; das Meer hatte sich schon wieder geglättet, er konnte nicht einmal die Stelle sehen, wo seine unglücklichen Gefährten untergegangen waren; sie sanken wohl jetzt mit gebundenen Füßen und Händen in die Tiefe, wenn die Fische sie nicht etwa schon gefressen hatten. Einige Schritte von ihm entfernt schlossen der verräterische Steuermann und der Matrose der ›Sankt Ferdinand‹, der die Stärke des Pariser Kapitäns gerühmt hatte, Freundschaft mit den Korsaren und bezeichneten ihnen mit dem Finger diejenigen von den Leuten der Brigg, die sie würdig erachteten, der Mannschaft der ›Othello‹ einverleibt zu werden; den übrigen wurden, obwohl sie schreckliche Flüche ausstießen, von zwei Schiffsjungen die Füße gebunden. Nachdem die Auswahl beendet war, bemächtigten sich die acht Kanoniere der Opfer und warfen sie ohne Umstände ins Meer. Die Korsaren beobachteten mit boshafter Neugier die verschiedenen Arten, wie diese Männer fielen: ihre verzerrten Gesichter und Todesqualen; doch ihre Züge drückten weder Spott noch Erstaunen, noch Mitleid aus. Es war für sie ein ganz belangloser Vorgang, an den sie gewöhnt waren. Die älteren von ihnen betrachteten mit finsterem, beharrlichem Lächeln die Fässer voller Piaster, die am Fuße des Hauptmastes aufgestellt waren. Der General und der Kapitän saßen auf einem Warenballen und tauschten schweigend einen fragenden, nahezu stumpfen Blick. Sie waren beinahe die einzigen, die von der Mannschaft der ›Sankt Ferdinand‹ übriggeblieben waren. Die sieben von den beiden Spionen unter den spanischen Seeleuten ausgewählten Matrosen hatten sich bereits wohlgemut in Peruaner verwandelt. »Was für verdammte Schurken!« rief plötzlich der General aus, der in gerechtem Zorn seinen Schmerz und alle Klugheit außer acht ließ. »Sie gehorchen der Notwendigkeit«, entgegnete Gomez kalt; »wenn Ihnen einer von diesen Männern nochmals begegnete, würden Sie ihm da nicht Ihren Degen in den Leib stoßen?« – »Kapitän«, sagte der Leutnant zum Spanier gewandt, »der Pariser hat von Ihnen sprechen hören. Er sagt, Sie sind der einzige Mensch, der die Meerengen in den Antillen und die brasilianischen Küsten genau kennt. Wollen Sie ...?« Der Kapitän unterbrach den Leutnant mit einem verächtlichen Ausruf und antwortete: »Ich werde als Seemann, als treuer Spanier und als Christ sterben ... Hörst du?« – »Ins Meer!« rief der junge Mann. Auf diesen Befehl ergriffen zwei Kanoniere Gomez. »Ihr seid Feiglinge!« rief der General und stellte sich vor die beiden Korsaren. »Erhitze dich nicht zu sehr, Alter! Vielleicht macht dein rotes Band auf unsern Kapitän Eindruck, ich schere mich den Teufel darum ... Wir werden gleich auch ein Wörtchen miteinander reden.« In diesem Augenblick verkündigte ein dumpfer Fall, in den sich kein Klageruf mischte, dem General, dass der tapfere Gomez als Seemann gestorben war. »Mein Vermögen oder den Tod!« schrie er in rasender Wut. »Ah! Ihr seid schlau«, sagte höhnisch der Korsar; »jetzt glaubt Ihr sicher etwas aus uns herauszuschlagen ...« Auf ein Zeichen des Leutnants eilten gleich zwei Matrosen herbei und versuchten dem Franzosen die Füße zu binden; aber dieser versetzte ihnen mit unvermuteter Kühnheit einen Schlag, riss dem Leutnant mit einer plötzlichen Bewegung den Säbel von der Seite und begann, als alter Kavalleriegeneral, der sein Handwerk verstand, diesen höchst gewandt zu handhaben. »Ach, ihr Räuber, ihr sollt einen alten Soldaten Napoleons nicht wie eine Auster ins Wasser werfen!« Ein paar Pistolenschüsse, die aus nächster Nähe auf den widerspenstigen Franzosen abgegeben wurden, erregten die Aufmerksamkeit des Parisers, der gerade das Herüberschaffen des Takelwerks von der ›Sankt Ferdinand‹, das er befohlen hatte, beaufsichtigte. Ungerührt packte er den mutigen General von hinten, hob ihn hoch, schleppte ihn zur Reling und schickte sich an, ihn wie einen unbrauchbaren Sparren ins Meer zu schleudern. ... Er nahm aus einer Schublade des Klaviers eine Menge Banknoten, ohne die Päckchen zu zählen, und überreichte dem Marquis eine Million. »Sie begreifen«, begann er wieder, »dass ich mir das Vergnügen, die Leute auf der Straße von Bordeaux zu betrachten, nicht leisten kann ... Wenn es Sie also nicht reizt, die Gefahren unseres Vagabundenlebens mitzumachen, die Naturschauspiele Südamerikas, unsere tropischen Nächte, unsere Schlachten mitzuerleben und die Flagge einer jungen Nation oder den Namen Simon Bolivar siegreich zu sehen, so müssen Sie uns verlassen. Eine Schaluppe und ergebene Männer erwarten Sie. Hoffen wir, dass eine dritte Begegnung ungetrübter sein möge ...« ... Auf dem Meere erwartete den General ein seltsames Schauspiel. Die ›Sankt Ferdinand‹, die in Brand gesetzt worden war, loderte wie ein gewaltiges Strohfeuer zum Himmel empor. Die Matrosen, die die spanische Brigg versenken sollten, hatten dabei eine große Ladung Rum an Bord entdeckt, und da diese Flüssigkeit auf der ›Othello‹ in großen Mengen vorhanden war, so fanden sie es spaßhaft, mitten im Meere eine große Punschbowle anzuzünden." [8]
Die schönsten Namen des Heiligen Landes oder des von Türken größtenteils befreiten Griechenlands, schließlich gehören mindestens Konstantinopel und die Hagia Sophia ebenfalls den Griechen und nicht den Truthähnen (Turkey). Verbrechertheorie: "Die Gesellschaft durch die Theorie des Einzelglücks auf Kosten der Gesamtheit erklären zu wollen, ist eine verderbliche Lehre, die in ihren logischen Folgerungen zu der Auffassung führt, dass das, was immer der Mensch sich im geheimen aneignet, ohne dass das Gesetz, die Welt oder ein einzelner des Verstoßes gewahr werde, ihm von Rechts wegen zukomme. Nach diesem Kodex ist der geschickte Dieb freigesprochen, die Frau, die unbemerkt gegen ihre Pflichten verstößt, glücklich und weise. Töten Sie einen Menschen, ohne dass die Justiz es nachweisen kann: wenn Sie wie Macbeth ein Diadem erringen, so haben Sie richtig gehandelt! Ihr Interesse wird dann oberstes Gesetz, und es handelt sich nur darum, Zeugen und Schuldbeweisen aus dem Wege zu gehen und sich über die Schwierigkeiten hinwegzusetzen, die Sitte und Gesetz zwischen Ihnen und Ihren Begierden aufrichtet. Von diesem Gesichtspunkt aus beschränkt sich das ganze Problem des Erfolgs darauf, ein Spiel zu wagen, dessen Einsätze eine Million oder die Galeere, eine politische Machtstellung oder völlige Entehrung sind. Zudem hat der grüne Tisch nicht Platz genug für alle Spieler, und es bedarf genialer Kombinationen, um einen Treffer zu machen. Ich wende mich weder an Ihre Religiosität noch an Ihr Gefühl; es handelt sich hier lediglich um das Räderwerk einer Maschine aus Gold und Eisen, deren sofortige Leistungen die Leute interessieren." Dazu ist die Kenntnis der guten Umgangsformen nötig; guter Ton ersetzt oft Wissen und wird zur gesellschaftlichen Grimasse; wahre Höflichkeit schließt einen christlichen Gedanken in sich: "Die Umgangsformen der höhern Kreise sind Ihnen ebenso unerlässlich wie die mancherlei ausgedehnten Kenntnisse, die Sie besitzen; guter Ton ersetzt oft Wissen. Oft haben im Grunde Unwissende dank angeborener geistiger Regsamkeit und der Fähigkeit, ihre Gedanken logisch zu ordnen, eine Stellung gewonnen, die Würdigern vorenthalten blieb. Ich habe Sie beobachtet, Felix, um festzustellen, ob Ihre Allerweltsschulbildung nichts Edles in Ihnen zerstört hat. Gott allein weiß, mit welcher Freude ich wahrgenommen habe, dass Sie das Wenige, das Ihnen fehlt, leicht erwerben können. Bei vielen in unsern Traditionen erzogenen Leuten sind gute Manieren etwas rein Äußerliches, doch feinster Anstand und wahrhaft gute Manieren kommen vom Herzen und von einem ausgeprägten Gefühl persönlichen Wertes. Deshalb sind manche Adlige trotz ihrer Erziehung unfein, während gewisse Leute bürgerlicher Herkunft von Haus aus eine vornehme Lebensart besitzen und nur einigen Schliffs bedürfen, um sich, ohne linkisch etwas nachzuahmen, die allerbeste gesellschaftliche Bildung anzueignen. Glauben Sie einer armen Frau, die nie ihr Tal verlassen wird: dieser vornehme Ton, diese anmutige Einfachheit, die sich im Wort, in der Geste, in der Haltung, selbst im Hause offenbart, sind gewissermaßen ein angeborenes, unbewußtes Künstlertum, dessen Reiz unwiderstehlich ist. Wie groß muss ihre Macht erst sein, wenn sie dem Herzen entspringen! Höflichkeit, liebes Kind, besteht darin, dass man sich für andere zu vergessen scheint; bei vielen Leuten ist sie eine gesellschaftliche Grimasse, die sich verwandelt, sobald das geschädigte Eigeninteresse durchbricht. In solchen Fällen wird ein Großer gemein, aber – und so soll es bei Ihnen sein, Felix! – die wahre Höflichkeit schließt einen christlichen Gedanken in sich, sie ist die Blüte der Liebe und besteht darin, sich in Wahrheit zu vergessen. ... Seien Sie weder vertrauensselig noch banal, noch zu entgegenkommend: das sind drei Klippen. Übergroße Vertrauensseligkeit untergräbt die Achtung, Banalität bringt Verachtung ein, Übereifer gibt uns der Ausbeutung preis. Und in erster Linie, liebes Kind, werden Sie im Leben nur zwei oder drei Freunde haben, denen kommt Ihr ganzes Vertrauen zu. Es an mehr Leute verschwenden, hieße das nicht: an den Würdigen Verrat üben? Wenn Sie sich mit einigen Menschen enger anfreunden als mit andern, seien Sie über sich selbst verschwiegen, seien Sie immer zurückhaltend, so, als sollten Sie die Freunde eines Tages zu Mitbewerbern, zu Gegnern oder zu Feinden haben. Die Wechselfälle des Lebens können es ja auch tatsächlich soweit kommen lassen. Wahren Sie sich eine Haltung, die weder ablehnend noch überschwenglich ist! Suchen Sie die goldene Mittelstraße zu finden, auf der man gehen kann, ohne sich etwas zu vergeben! Glauben Sie mir: ein Gentleman hält sich gleich fern von der feigen Gefälligkeit eines Philinte und von der herben Tugend eines Alceste. Die Kunst des Komödiendichters zeigt sich ganz in diesem Hinweis auf den wahren Mittelweg, den vornehme Menschen seiner Gesellschaft einschlagen werden. ... Noblesse oblige! Immerhin, erweisen Sie keine Dienste, die andere zur Undankbarkeit zwingen könnten, denn so würden Sie sich unversöhnliche Feinde machen! Es gibt eine Verzweiflung des Verpflichtetseins, wie es eine Verzweiflung des Untergangs gibt; beide verleihen unberechenbare Kräfte. Sie selbst dürfen von andern nur sowenig wie möglich annehmen; seien Sie keines Menschen Lehnsmann, stellen Sie sich ganz auf sich selbst! Ich berate Sie nur in den kleinen Dingen des Lebens, mein Freund. In der politischen Welt ist der Wechsel die Regel. Da müssen Ihre eigenen Prinzipien den großen Interessen weichen. Sollten Sie aber in die Sphäre gelangen, wo die Größten wohnen, so wären Sie, Gott gleich, alleiniger Richter Ihrer Entschlüsse. Dann sind Sie kein Mensch mehr, sondern das lebendige Gesetz, kein Individuum, sondern der Geist, der sich in der Nation verkörpert. Aber wenn Sie richten, werden auch Sie gerichtet werden, Sie werden vor dem Tribunal der Jahrhunderte erscheinen müssen, und Sie wissen soviel Bescheid in der Geschichte, um ermessen zu können, welche Gedanken und Taten zu wahrer Größe führen." [9] Der große Künstler ist ein König, man muss ihn fördern und nicht einen Trottel aus ihm machen: »Ja, Madame, lassen Sie es sich sagen, wenn Sie es noch nicht wissen: Der große Künstler ist ein König, mehr als ein König; er ist glücklich, er ist unabhängig, er lebt nach seinem Sinn; und Herrscher ist er in der Welt der Phantasie. Ihr Sohn hat eine schöne Zukunft! Anlagen wie die seinen sind selten; sie haben sich so früh nur bei einem Giotto, einem Raffael, Tizian, Rubens, Murillo enthüllt; er scheint mir nämlich eher Maler als Bildhauer zu werden. Heiliger Gott! Wenn ich solch einen Sohn hätte, ich' wäre so glücklich, wie es der Kaiser ist über seinen kleinen König von Rom! Sie haben zu bestimmen über das Los Ihres Kindes. Nur zu, Madame! machen Sie einen Trottel aus ihm, einen, der nur im Geleise laufen kann, einen elenden Federfuchser. Einen Mord begehen Sie! Ich hoffe bestimmt, er wird all Ihrer Mühe zum Trotz immer Künstler bleiben. Beruf ist stärker als alle Hindernisse, die man ihm entgegenstellt! Beruf, das heißt Ruf! das heißt: Gott hat gerufen, hat erwählt. Sie werden Ihr Kind unglücklich machen!« ... Seit die Schüler der Bildhauer- und Malerklassen wußten, dass Frau Bridau ihren Sohn nicht Künstler werden lassen wollte, war es ihr Hauptvergnügen, Joseph zu sich zu locken. Wohl musste der Knabe der Mutter versprechen, nicht mehr in das Institut zu gehen, aber er schlich sich doch oft in das Atelier des Malers Regnauld und ließ sich ermutigen, Leinwände vollzumalen. Als die Witwe sich beklagen wollte, sagten Chaudets Schüler zu ihr, Herr Regnauld sei nicht Chaudet; auch habe sie ihnen ihren Herrn Sohn nicht in Hut gegeben, und tausend andre Späße." Verstockte Verbrecher, "die ihre Pläne und üblen Taten hinter dem Schirm des Gesetzes und unter dem verschwiegenen Dach des Familienlebens verbergen. ... Dem Ungetüm fiel es nicht schwer, seine Miene den Umständen anzupassen." Körperlich tapfere, seelisch feige und unedle Menschen: "Wenn körperlich tapfere, seelisch feige und unedle Menschen, wie Philipp einer war, merken, dass nach einer Katastrophe, die ihre sittliche Geltung zu vernichten drohte, alles um sie her wieder seinen natürlichen Lauf nimmt, dann empfinden sie die Nachsicht der Angehörigen und Freunde als Ermunterungsprämie. Sie vertrauen auf Straflosigkeit; die falsche Richtung ihres Denkens, die Befriedigung ihrer Leidenschaften treiben sie an, zu untersuchen, wie ihnen die Umgehung der sozialen Gesetze gelungen ist, und darüber werden sie abscheulich geschickt." Tiefe und ernste Bildung, ideale Schönheit aller Dinge: "Der Maler erschien nur zum Diner; seine Abende gehörten den Freunden seines Kreises. Im übrigen las er viel und verschaffte sich die tiefe und ernste Bildung, die man nur durch eigne Kraft erwirbt und der sich alle Begabten zwischen Zwanzig und Dreißig widmen. ... jedermann, meinte er, hat seine Leidenschaft; er selbst liebte die ideale Schönheit aller Dinge, die Dichtkunst Byrons, die Malerei Géricaults, die Musik Rossinis, die Romane Walter Scotts." Staatsmonopole Tabak (zerstört den Körper, greift den Geist an und macht eine ganze Nation stumpfsinnig) und Lotterie: "Welche andre soziale Macht macht heutzutage die Menschen für zwei Franken fünf Tage lang glücklich und schenkt ihren Träumen alle Wonnen der Zivilisation? Der Tabak, ein tausendmal unmoralischeres Staatsmonopol, zerstört den Körper, greift den Geist an und macht eine ganze Nation stumpfsinnig, dagegen ist die Lotterie ganz unschuldig. Auch ist die Spielleidenschaft zwangsweise geregelt durch die Abstände zwischen den einzelnen Ziehungen und durch die gemeinsame Hingabe aller Herzen an das rollende Rad. Die Descoings setzte übrigens nur in die Pariser Lotterie. Ungewöhnliche Entbehrungen hatte sie sich auferlegt, um auf die letzte Ziehung des Jahres so hoch wie möglich setzen zu können. " Freundliche Worte, Trostworte, "wie sie die Künstler für die Armen im Geiste haben. Das große Talent ehrt und begreift die wahren Leidenschaften, legt sie aus und verfolgt sie bis auf ihre Wurzeln in Herz und Hirn. Er erkannte: sein Bruder liebte Tabak und Schnaps, die alte Mama Descoings die Terne, seine Mutter Gott, Desroches junior die Prozesse, Desroches senior das Angeln." Es gibt in Paris drei Klassen des Elends. "Erstens die Klasse derer, die den Schein wahren und eine Zukunft haben: die jungen Menschen, die Künstler, die Leute der Gesellschaft, die sich in zeitweiliger Verlegenheit befinden. Die Merkmale ihres Elends sind nur mit dem Mikroskop des geübtesten Beobachters zu entdecken. Diese Leute bilden die Ritterklasse des Elends, sie fahren noch Fiaker. In der zweiten Klasse finden sich die Alten, denen alles gleichgültig geworden ist, und die im Juni das Kreuz der Ehrenlegion auf einem dicken wollenen Überrock tragen. Das ist das Elend der alten Rentiers, der alten pensionierten Beamten, die sich um ihr Äußeres nicht mehr kümmern. Endlich das Elend in Lumpen, das Elend des Volkes, und das ist das poetischste; Callot, Hogarth, Murillo, Charlet, Raffet, Gavarni und Meissnier, die ganze Kunst hat es gepflegt und verherrlicht, insbesondere im Karneval!" Bild der Stadt Issoudun, eine der ältesten Städte Frankreichs; Basilika des fünften Jahrhunderts; Das Wort »dun«, das immer eine von dem Druidenkulte geweihte Anhöhe bezeichnete, würde demnach auf eine militärische oder religiöse Gründung der Kelten hinweisen. Die Römer haben am Dun der Gallier einen Isistempel gebaut. Daher der Name der Stadt: Is-sous-dun! (Is als Abkürzung von Isis); das Dunkel, das über der Geschichte unserer Sitten lagert, muss man bei jeder Gelegenheit versuchen, aufzuhellen: "Nach dreißigjähriger Abwesenheit kam Agathe in ihre Vaterstadt zurück und fand dort alles ganz anders geworden. Hier muss mit einigen Worten ein Bild der Stadt Issoudun entworfen werden; sonst bliebe der Heroismus der Frau Hochon bei der Unterstützung ihres Patenkindes und die seltsame Lage Jean-Jacques Rougets unverständlich. ... Man möge es uns in Paris nicht verübeln: Issoudun ist eine der ältesten Städte Frankreichs. Trotz der historischen Vorurteile, die aus dem Kaiser Probus den Noah Galliens machen, hat schon Cäsar den ausgezeichneten Wein von Champ-Fort (de campo forti) erwähnt, und das ist einer der besten Weinberge von Issoudun. Rigord äußert sich über diese Stadt in Wendungen, die keinen Zweifel an ihrer zahlreichen Bevölkerung und ihrem gewaltigen Handel zulassen. Aber nach diesen beiden Zeugnissen würde die Stadt immer noch verhältnismäßig jung erscheinen im Vergleich zu ihrem wirklichen hohen Alter. Neuerliche Ausgrabungen eines gelehrten Archäologen der Stadt, des Herrn Armand Pérémet, haben unter dem berühmten Turm von Issoudun eine Basilika des fünften Jahrhunderts entdeckt, vermutlich die einzige, die es in Frankreich gibt. Und diese Kirche bewahrt in ihrem Baumaterial die Spuren einer früheren Epoche, denn ihre Steine entstammen einem römischen Tempel, an dessen Stätte sie erbaut ist. Nach den Forschungen des erwähnten Gelehrten zeugt auch der Name der Stadt wie der aller französischen Städte mit der Endung »dun« (dunum) von autochthonem Dasein. Das Wort »dun«, das immer eine von dem Druidenkulte geweihte Anhöhe bezeichnete, würde demnach auf eine militärische oder religiöse Gründung der Kelten hinweisen. Die Römer hätten dann unter dem Dun der Gallier einen Isistempel gebaut. Daher, nach Chaumon, der Name der Stadt: Is-sous-dun! wobei Is eine Abkürzung von Isis wäre. Über der Basilika des fünften Jahrhunderts, dem dritten Denkmal der dritten Religion dieser alten Stadt, hat – das ist ziemlich sicher – Richard Löwenherz den berühmten Turm gebaut, in welchem er Münze schlug. Ihm hat diese Kirche als Stützpunkt gedient, als er seinen Wall aufwarf, und er hat sie erhalten, indem er sie mit seinen feudalen Befestigungen wie mit einem Mantel überdeckte. Sodann wurde Issoudun der Sitz der kurzlebigen Gewalt der Routiers und Cottereaux, jener Condottieri, die Heinrich II. seinem Sohne Richard, dem aufständischen Grafen von Poitou, entgegenstellte. Leider haben die Benediktiner die Geschichte Aquitaniens nicht geschrieben, und so wird sie wohl nie geschrieben werden, da es keine Benediktiner mehr gibt. Um so mehr muss man sich bemühen, das Dunkel, das über der Geschichte unserer Sitten lagert, bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, aufzuhellen. Ein anderes Zeugnis für die alte Macht Issouduns ist die Kanalisation der Tournemine, eines Flüsschens, dessen Bett auf weite Strecken hin mehrere Meter über das Niveau der Théols, welche die Stadt umfließt, erhöht worden ist. Diese Arbeit ist ohne Zweifel ein Werk des römischen Geistes. Und dann wird auch das Stadtviertel nördlich vom Schloss von einer Straße durchzogen, die seit mehr als zweitausend Jahren Rue de Rome heißt. Die Bewohner dieses Viertels haben in Rasse, Blut und Gesichtsform ein besonderes Gepräge und nennen sich Abkömmlinge der Römer. Sie sind fast alle Winzer und haben auffallend strenge Sitten; die verdanken sie sicherlich ihrer Herkunft, vielleicht auch ihrem Sieg über die Cottereaux und Routiers, die sie im zwölften Jahrhundert in der Ebene von Charost vernichtend geschlagen haben. Nach der Erhebung von 1830 war Frankreich zu aufgeregt, um den Aufstand der Winzer von Issoudun zu beachten. Dieser Aufstand war furchtbar, und man hatte gute Gründe, seine Einzelheiten der Öffentlichkeit vorzuenthalten. Die Bürger von Issoudun gestatteten den Truppen nicht, in die Stadt einzurücken. Sie wollten selbst die Verantwortung für die Ordnung in ihrer Stadt tragen, wie Brauch und Gesetz des mittelalterlichen Bürgertums es gebietet. Die Staatsgewalt sah sich gezwungen, den Bevollmächtigten der sechs- oder siebentausend Winzer nachzugeben. Diese hatten alle Archive und die Büros der indirekten Steuern verbrannt, schleppten den Zollbeamten von Straße zu Straße und riefen bei jeder Laterne: »Hier soll er hängen!« Die Nationalgarde konnte den armen Menschen den Rasenden nur unter dem Vorwande, ihn ins Gefängnis bringen und ihm den Prozess machen zu wollen, entreißen. Der General musste eine Kapitulation mit den Winzern vereinbaren, um in die Stadt einziehen zu können, und es gehörte Mut dazu, in die Masse einzudringen; denn in dem Augenblick, als er vor dem Rathaus erschien, hielt ihm ein Mann aus dem römischen Viertel seine »Hippe« an den Hals (Hippe heißt das dicke Gartenmesser, das, an einer Stange befestigt, zum Baumausschneiden dient) und schrie: »Keinen Schreiber mehr oder wir fangen von vorn an!« Dieser Winzer hätte ein Haupt abgeschlagen, das sechzehn Kriegsjahre verschont hatten, wäre nicht einer der Führer des Aufstandes dazwischengetreten, der sich hatte versprechen lassen, man werde von den Kammern die Abschaffung der »Kellerratten« fordern. Im vierzehnten Jahrhundert hatte Issoudun noch sechzehn- bis siebzehntausend Einwohner, die übriggeblieben waren von einer doppelt so starken Bevölkerung zu Rigords Zeiten. Charles VII. besaß daselbst ein Palais, das noch steht und bis ins achtzehnte Jahrhundert unter dem Namen »Haus des Königs« bekannt war. Damals war die Stadt der Mittelpunkt des Wollhandels, versah einen großen Teil Europas mit Wolle und fabrizierte in großen Mengen Tuche, Hüte und ausgezeichnete Glacéhandschuhe. Noch unter Ludwig XIV. wurde Issoudun, die Heimat Barons und Bourdaloues, als Stadt der Eleganz, der gewählten Sprache und der guten Gesellschaft viel genannt. In seiner Geschichte von Sancerre behauptet der Pfarrer Poupart von den Issoudunern, dass sie sich unter allen Berrichonen durch ihre Feinheit und ihren Mutterwitz auszeichneten. Heute ist nichts mehr von diesem Glanz und Geiste übrig. Die Ausdehnung der Stadt beweist wohl noch ihre ehemalige Bedeutung, aber die Bevölkerung zählt nur zwölftausend Seelen, und darin sind die Winzer von vier weitläufigen Vorstädten miteinbegriffen: von Saint-Paterne, Vilatte, Rome und Les Alouettes, vier richtigen kleinen Städten. Den Wollmarkt des Landes Berry hat Issoudun sich bewahrt, doch wird dieser Handel jetzt durch die überall eingeführten Verbesserungen der Schafrassen bedroht, an denen das Land Berry sich nicht beteiligen will." Weinbau: "Die Weinberge von Issoudun erzeugen einen Wein, der in zwei Departements getrunken wird; würde er behandelt wie der in Burgund und in der Gascogne, er könnte einer der besten Weine Frankreichs werden. Aber »alles halten wie die Alten« und nichts Neues einführen, ist nun einmal Landesgesetz. So lassen denn die Winzer immer noch den Raspel während der Gärung im Weine", davon wird das Getränk, das die Quelle neuen Reichtums und ein Gegenstand des Erwerbsfleißes für das ganze Land sein könnte, zwar speziell, aber durch den hohen Phenolgehalt förderlich für die Gesundheit..Zudem soll sich dieser Wein dank der Herbheit, die der Raspel ihm mitteilt, im Alter umwandeln und über ein Jahrhundert halten! Analogien zum Verfall von Issoudun finden sich in den wildesten Gegenden von Sardinien, dieser einst so bevölkerten und reichen Insel, die zur Zeit von Balzc verödet war, damals lag es daran, dass Teile der Insel von einer ununterworfenen Völkerschaft bewohnt war, "die von den Mauren abstammt und unsern heutigen Araberstämmen ähnlich ist", die sich heute nicht nur in den Vorstädten und in der Provinz Frankreichs, sondern in allen Großstädten Europas eingenistet haben, wie von vielen Autoren beschrieben, nicht zuletzt von Michel Houellebecq in seinen Romanen; auch hier treiben wilde Araber ihr Unwesen, bedrohen Polizisten und wollen am liebsten islamische Sitten und die Scharia einführen, Unwissenheit und Rückständigkeit sind hier unausrottbar; heute sind wilde Araber und und ihre Nachkommen, die die Städte verunsichern "klug genug, die Nacht für ihre Spitzbübereien zu wählen ... eine Fülle von Boshaftigkeit, wie sie nur der Jugend eigen ist und wie man sie sogar bei jungen Tieren beobachten kann. Ihr Bund gewährte ihnen obendrein die kleinen Genüsse, die das geheimnisvolle Wesen einer dauernden Verschwörung mit sich bringt. Sie nannten sich die Ritter vom Müßiggang ... Bei Tage waren die jungen Laffen lauter kleine Heilige, alle spielten die Stillen und Friedfertigen, auch pflegten sie nach den Nächten, in denen sie wieder etwas ausgefressen hatten, ziemlich tief in den Tag hinein zu schlafen". Die alte Kirche wurde damals von einem Banausen gekauft und niedergerissen. "Die Kirche war eins der feinsten Muster des romanischen Stiles in Frankreich. Leider ist sie nun verschwunden, ohne dass man von ihrem vollkommen erhaltenen Portal eine Zeichnung gemacht hat", stattdessen findet man in solchen Kleinstädten heute oft hässliche Kirchen oder Moscheen: "Der Verfall Issouduns ist demnach durch eine geistige Erstarrung, die bis zur Narrheit geht, zu erklären; eine Tatsache mag sie erläutern. Als man die Straße von Paris nach Toulouse in Angriff nahm, war es das Gegebene, sie von Vierzon nach Châteauroux über Issoudun zu führen. Die Straße wäre kürzer geworden als über Vatan. Aber die Honoratioren des Landes und der Gemeinderat von Issoudun, dessen Beratungsurkunde noch vorhanden sein soll, forderten die Leitung der Straße über Vatan: denn, so wandten sie ein, wenn die große Landstraße durch ihre Stadt ginge, würden die Lebensmittel im Preise steigen, und man könnte dann Gefahr laufen, für ein Huhn dreißig Sous zahlen zu müssen. Analogien zu einer derartigen Kundgebung finden sich nur in den wildesten Gegenden von Sardinien, dieser einst so bevölkerten und reichen Insel, die heute verödet ist. Als König Carlo Alberto die löbliche zivilisatorische Absicht hatte, Sassari, die zweite Landeshauptstadt mit Cagliari durch eine schöne und großangelegte Straße zu verbinden, hätte die gerade Linie über Bonorva führen müssen, einen Distrikt, welchen eine noch ununterworfene Völkerschaft bewohnt, die von den Mauren abstammt und unsern heutigen Araberstämmen ähnlich ist. Als die Wilden von Bonorva merkten, dass sie drauf und dran waren, von der Zivilisation erreicht zu werden, gaben sie sich gar nicht erst die Mühe zu beraten, sondern erklärten offen ihren Widerstand gegen die Vermessung der Straße. Die Regierung trug diesem Widerstand keine Rechnung. Da bekam der erste Ingenieur, der den ersten Messpfahl abstecken wollte, eine Kugel vor den Kopf und starb an seinem Pfahl. Es wurde weiter keine Untersuchung eingeleitet, und die Straße beschreibt nunmehr eine Kurve, die sie um acht Meilen verlängert. ... Das dauernde Sinken der Weinpreise befriedigt zwar das Bedürfnis der Bürgerschaft von Issoudun nach billigem Leben, aber zugleich ruiniert es die Winzer, die unter den Bestellungskosten und Steuern für einen Wein, der noch dazu nur im Lande selbst getrunken wird, zusammenbrechen; ebenso wird der Wollhandel ruiniert durch die Unmöglichkeit, die Schafrasse zu verbessern. Das Landvolk hat einen tiefen Abscheu vor jeder Art von Veränderung, selbst vor einer, die ihrem eigensten Interesse entgegenkommt. Ein Pariser trifft auf dem Felde einen Arbeiter, der eine ungeheure Menge Brot, Käse und Gemüse verzehrt. Er setzt ihm auseinander, er könne sich besser und billiger ernähren und mehr arbeiten, wenn er diese Nahrung durch eine Portion Fleisch ersetzen würde. Der Berrichone sieht die Richtigkeit der Rechnung ein. »Aber,« sagt er, »die Sprüch', die Sprüch', Herr!« – »Was denn für Sprüche?« »Ja, was würden denn die Leute sagen?« – Er würde zum Gerede der ganzen Gegend werden, erklärte der Landwirt, auf dessen Gut diese Szene stattfand, man würde ihn für so reich wie einen Bürger halten; vor der öffentlichen Meinung hat er Furcht, er hat Angst, dass man mit Fingern auf ihn zeigen, ihn für schwach oder krank halten wird . . . »So sind wir hierzuland.« Diesen letzten Satz sprechen viele Bürger sogar mit heimlichem Stolze aus. Wie aus dem Lande, wo die Bauern sich selbst überlassen bleiben, Unwissenheit und Rückständigkeit unausrottbar sind, so ist es auch in der Stadt Issoudun zu einer ausgesprochenen sozialen Stagnation gekommen. Schmutziger Geiz muss gegen das Hinschwinden der Vermögen ankämpfen, und so lebt jede Familie für sich. Es fehlt der Gesellschaft der Antagonismus der Stände, welcher den Sitten Charakter gibt. Die Stadt kennt nicht mehr den Gegensatz zweier Kräfte, auf dem das Leben der italienischen Stadtrepubliken im Mittelalter beruhte. Issoudun hat keinen Adel mehr. Den haben die Cottereaux, die Routiers, die Jacquerie, die Religionskriege und die Revolution ganz ausgetilgt. Und auf diesen Sieg ist die Stadt sehr stolz. Um die Lebensmittel wohlfeil zu erhalten, hat Issoudun sich immer geweigert, eine Garnison aufzunehmen. Dieses Verbindungsmittel mit dem lebendigen Jahrhundert hat sie sich ebenso entgehen lassen wie den Verdienst, der sich mit den Soldaten machen lässt. Bis zum Jahre 1756 war Issoudun allerdings eine der angenehmsten Garnisonstädte. Dann hat ein Justizdrama, das ganz Frankreich in Atem hielt, die Stadt ihrer Garnison beraubt, nämlich der bekannte Prozess des Amtsverwesers gegen den Marquis de Chapt, dessen Sohn, ein Dragoneroffizier, wegen einer galanten Angelegenheit vielleicht auf gerechte, aber doch verräterische Art hingerichtet wurde. Die Einquartierung der 44. Halbbrigade während des Bürgerkriegs war nicht dazu angetan, die Einwohner mit dem Kriegsvolk auszusöhnen. Von derselben sozialen Krankheit wie Issoudun ist auch Bourges befallen, dessen Bevölkerung von Jahr zu Jahr abnimmt. Die Lebensfähigkeit verlässt diese großen Körper. Und an diesem Unglück ist sicherlich die Verwaltung schuld. Die Pflicht der Regierung ist es, solche Flecken auf dem Körper des Staates zu bemerken und zu ihrer Heilung tatkräftige Männer an die erkrankten Stätten zu schicken, die den Dingen ein neues Gesicht geben. Aber, nein, man freut sich noch über die unheilvolle Todesstille. Und dann, wie soll man neue Verwalter und fähige Beamte hinbekommen, da sich heutzutage niemand findet, der Lust hätte, sich in der Provinz zu vergraben, wo das Gute, das man tut, ohne Widerhall bleibt? Und gelingt es einmal, Ehrgeizige, die fremd in der Gegend sind, dort unterzubringen, so werden sie bald von der Macht der allgemeinen Trägheit ergriffen und bequemen sich dem entsetzlichen Provinzleben an. Issoudun hätte selbst einen Napoleon eingeschläfert. Diese Lage der Dinge brachte es mit sich, dass Issoudun im Jahre 1822 von Männern verwaltet wurde, die alle aus dem Lande Berry waren. Die Obrigkeit war nichtig oder kraftlos bis auf die natürlich sehr seltenen Fälle, deren offensichtliche Schwere die Justiz zum Eingreifen zwang. Der Oberstaatsanwalt, Herr Mouilleron, war mit aller Welt versippt und verschwägert, und sein Substitut gehörte einer Familie der Stadt an. Der Gerichtspräsident machte sich, schon bevor er seinen hohen Posten bekleidete, durch eines der Worte berühmt, die in der Provinz einem Menschen für sein ganzes Leben eine Narrenkappe aufsetzen. Als bei einem Strafverfahren, das zur Verhängung der Todesstrafe führte, die Untersuchung abgeschlossen war, sagte er zu dem Angeklagten: »Mein armer Peter, dein Fall ist klar, man wird dir den Kopf abschlagen müssen. Lass dir das zur Lehre dienen . . .« Der Polizeikommissar, der seit der Restauration im Amte war, hatte Verwandte im ganzen Arrondissement. Und schließlich war die Religion nicht nur ohne Einfluss, sondern auch ihr Vertreter, der Pfarrer, genoß keinerlei Ansehen. Spöttisch und ungebildet, wie diese liberale Bürgerschaft war, erzählte sie sich mehr oder weniger komische Geschichten über die Beziehungen dieses armen Menschen zu seiner Köchin. Das hinderte nicht, dass die Kinder zum Katechismus gingen und ihre erste Kommunion machten, dass es ein Gymnasium gab, dass man die Messe las, alle Feste feierte und – das einzige, was Paris von der Provinz verlangt – Steuern zahlte, aber alle diese Kundgebungen des öffentlichen Lebens geschahen nur aus Gewohnheit. Die Schlaffheit der Verwaltung stimmte wunderbar mit dem Geistes- und Seelenzustande der Menschen überein. Was unsere Geschichte über die Wirkungen eines solchen Standes der Dinge zu berichten hat, steht übrigens nicht so einzig da, wie man glauben möchte. Viele französische Städte, besonders im Süden, gleichen Issoudun. Der Zustand, in den der Sieg des Bürgertums diese Kreishauptstadt versetzt hat, steht ganz Frankreich und selbst Paris bevor, wenn das Bürgertum fortfährt, die äußere und innere Politik unseres Landes zu beherrschen. ... Dem aufmerksamen Beobachter zeigen sich überall Spuren der einstigen Größe Issouduns, diese offenbart sich am deutlichsten in der Gruppierung der Stadtteile. Das Schloss, das ehedem mit seinen Mauern und Wallgräben eine Stadt für sich war, bildet ein besonderes Stadtviertel, in das man auch heute nur durch die alten Tore Eingang findet und das man nur über die drei Brücken der beiden Flüsse verlassen kann; dieses Viertel bewahrt noch das Aussehen einer altertümlichen Stadt. Hier treten noch an verschiedenen Stellen die gewaltigen Steinlagen der Wälle zutage, die jetzt Fundamente von Häusern bilden. Oberhalb des Schlosses erhebt sich der Turm, der einst Festungsturm war. Wer die Stadt rings um diese beiden befestigten Punkte in seinen Besitz gebracht hatte, musste noch Turm und Schloss erobern, um Herr von Issoudun zu werden. Und besaß er das Schloss, so hatte er noch nicht den Turm. Die Vorstadt Saint-Paterne, die in Form einer Palette jenseits des Turmes in die Wiesen langt, ist von so beträchtlicher Größe, dass man annehmen kann, sie war in grauer Vorzeit die eigentliche Stadt. Im Verlauf des Mittelalters wird Issoudun, wie Paris, seinen Hügel erklommen und sich rings um Turm und Schloss gelagert haben. Bis 1822 konnte sich diese Auffassung der Stadtgeschichte auf das Vorhandensein der reizenden alten Kirche von Saint-Paterne stützen, die neuerdings von dem Erben des Bürgers, der sie der Nation abgekauft hat, niedergerissen worden ist. Die Kirche war eins der feinsten Muster des romanischen Stiles in Frankreich. Leider ist sie nun verschwunden, ohne dass man von ihrem vollkommen erhaltenen Portal eine Zeichnung gemacht hat . . . Eine einzige Stimme erhob sich für die Rettung dieses Denkmals, aber sie fand in Stadt und Land nirgends Widerhall. ... In einer Stadt, die so geworden und geblieben war, die keine Tatkraft, nicht einmal die des Handels, keinen Sinn für die Künste, keinen Anteil an den Wissenschaften, kein öffentliches Leben hatte, musste ein Zustand eintreten – und er trat unter der Restauration im Jahre 1816 nach Kriegsende tatsächlich ein –, in dem unter den jungen Leuten der Stadt manch einer keine rechte Laufbahn vor sich sah und nicht wußte, was er bis zu seiner Heirat oder bis zum Antritt der elterlichen Erbschaft mit sich anfangen sollte. Zu Hause war es langweilig, in der Stadt gab es keine Zerstreuungen; und da, wie das Sprichwort sagt, die Jugend sich die Hörner ablaufen muss, so trieben die jungen Leute ihre Scherze auf Kosten der Stadt selbst. Bei Tage ihr Wesen zu treiben, war schwer, man konnte sie erkennen; und lief die Schale ihrer Untaten einmal über, so konnten sie beim ersten allzu üblen Streich vor die Zuchtpolizei kommen; daher waren sie klug genug, die Nacht für ihre Spitzbübereien zu wählen. ... Die Notwendigkeit, einander zu helfen, zu verteidigen, zusammen lustige Streiche auszuhecken, machte sie zu Verbündeten und entwickelte bei ihnen, wenn Einfall auf Einfall prallte, eine Fülle von Boshaftigkeit, wie sie nur der Jugend eigen ist und wie man sie sogar bei jungen Tieren beobachten kann. Ihr Bund gewährte ihnen obendrein die kleinen Genüsse, die das geheimnisvolle Wesen einer dauernden Verschwörung mit sich bringt. Sie nannten sich die Ritter vom Müßiggang. Bei Tage waren die jungen Laffen lauter kleine Heilige, alle spielten die Stillen und Friedfertigen, auch pflegten sie nach den Nächten, in denen sie wieder etwas ausgefressen hatten, ziemlich tief in den Tag hinein zu schlafen. Die Ritter vom Müßiggang begannen mit ganz gewöhnlichen Streichen: Schilder abnehmen und vertauschen, an den Türen schellen, ein Faß, das ein Bürger vor seiner Tür stehengelassen hatte, mit Gepolter in Nachbars Keller stürzen ..."
Wie kam die Sultanin der Place Saint-Jean zu dem Beinamen »Käscherin«? "Käschern, im Dialekt von Berry »rabouiller«, ist ein lautmalerischer Ausdruck, der die Tätigkeit eines Menschen bezeichnet, der mit einem großen Ast, dessen Zweige die Form eines Fangbechers bilden, das Wasser eines Baches trübt und zum Schäumen bringt. Dieser ihnen unbegreifliche Vorgang erschreckt die Krebse, sie stürzen stromaufwärts und werfen sich in ihrer Verwirrung mitten in die Behälter, die der Fischer in gehöriger Entfernung aufgestellt hat. ... »Nehmt Platz«, sagte der Arzt zum Onkel und zur Nichte. Flora und ihr Onkel standen barfuß da und sahen mit blödem Staunen die Wände an. ... Den Saal, den die kleine Bäuerin und ihr Oheim so sehr bewunderten, schmückte eine in dem reichen Geschmack der Louis-XV.-Zeit geschnitzte und grau gemalte Vertäfelung und ein schöner Marmorkamin. Darüber konnte sich Flora in einem hohen Spiegel sehen, der an den Seiten in geschnitzte vergoldete Rahmen gefasst war und oben ohne Aufsatz abschloss. Hier und dort an der Vertäfelung hingen einige Bilder, die aus den Abteien von Déols, Issoudun, Saint-Gildas, La Prée, Le Chézal-Benoît, Saint-Sulpice und aus den Klöstern von Bourges und Issoudun stammten, welche der Freigebigkeit unserer Könige und den Stiftungen der Frommen die schönsten Werke der Renaissance verdankten. Unter diesen Gemälden, die aus dem Besitze der Descoings auf die Rougets übergegangen waren, gab es eine Heilige Familie des Albano, einen Hieronymus von Dominichino, einen Christuskopf von Giovanni Bellini, eine Jungfrau von Leonardo da Vinci, eine Kreuztragung von Tizian, aus dem Besitz jenes Marquis de Belabre, der unter Louis XIII. belagert und geköpft wurde, ferner einen Lazarus von Paolo Veronese, eine Vermählung der Jungfrau von dem Genueser Priester, zwei Kirchenstücke von Rubens und die Kopie eines Perugino, die entweder ein Werk Peruginos oder Raffaels war; ferner noch zwei Correggio und einen Andrea del Sarto. Diese Schätze hatten die Descoings aus dreihundert Kirchenbildern ausgewählt, und zwar nur nach dem Grade ihrer Erhaltung, da sie von ihrem Werte nichts verstanden. Die Bilder waren meist prachtvoll gerahmt, einige waren sogar unter Glas. Die Schönheit der Rahmen und das besondre Ansehen, das die ›Scheiben‹ den Bildern gaben, veranlassten die Descoings, diese Schätze aufzubewahren. Heutzutage würde die Ausstattung dieses Saales sehr hoch eingeschätzt werden, damals hatte sie in Issoudun keinen besondern Wert. Auf dem Kamin stand zwischen zwei herrlichen sechsarmigen Silberleuchtern eine Uhr, deren kirchliche Pracht aus der Werkstatt von Boulle stammte. Auch die Sessel aus geschnitzter Eiche, bezogen mit Stickereien hochadeliger frommer Stifterinnen, würden heute sehr geschätzt werden; sie waren alle mit Wappen gekrönt. Zwischen den beiden Fenstern stand eine prächtige Konsole aus adeligem Besitz. ... Vom zwölften bis zum vierzehnten Lebensjahre genoss die reizende Käscherin ein ungemischtes Glück. Sie war gut angezogen und viel schmucker ausstaffiert als die reichsten Mädchen von Issoudun, sie bekam eine goldene Uhr, und um sie zum Fleiß anzuhalten beim Lesen, Schreiben und Rechnen, das ihr ein Lehrer beibringen musste, schenkte ihr der Arzt kleine Schmucksachen. Aber von ihrem fast animalischen Bauerndasein war der kleinen Flora eine solche Abneigung gegen den bitteren Kelch der Wissenschaft verblieben, dass der Doktor mit seiner Erziehung nicht weit kam." Das Übermaß des Schlafes beschwert den Geist und macht stumpfsinnig: "Flora war die geborene Bäckerin und Braterin, das sind Begabungen, die man weder durch Beobachtung noch Fleiß erwerben kann, und in kurzer Zeit übertraf sie Fanchette. Indem sie Köchin wurde, dachte sie an das Glück ihres Jean-Jacques, aber wir wollen nicht verschweigen, dass sie auch selbst die gute Kost nicht verschmähte. Da sie wie alle Ungebildeten keine Möglichkeiten hatte, sich geistig zu betätigen, entwickelte sie ihre Energie im Haushalt.... Flora erzählte ihm alle Begebenheiten und den ganzen Klatsch des Tages, den sie für ihn in der Stadt eingesammelt hatte. Gegen acht Uhr wurde das Licht ausgemacht. In der Kleinstadt ist es üblich, früh zu Bett zu gehen, um Kerze und Feuer zu sparen. Diese Sparsamkeit trägt dazu bei, die Leute durch zuviel im Bette liegen stumpfsinnig zu machen. Das Übermaß des Schlafes beschwert und verschleimt den Geist." Man speist in der Kleinstadt nicht so üppig wie in Paris, aber man speist besser, sogar ein Sultan interessiert sich dafür, "die Gerichte sind durchdacht, ausstudiert. Tief in der Provinz gibt es unansehnliche Wesen, unbekannte Genies, die aus einem einfachen Bohnengericht etwas zu machen verstehen, das des bewundernden Kopfschüttelns würdig wäre, mit dem Rossini das vollkommen Gelungene zu begrüßen pflegt. ...Zum Dessert brachte die Magd den berühmten weichen Käse der Touraine und des Landes Berry, der aus Ziegenmilch bereitet wird und die Zeichnung der Weinblätter, auf denen er serviert wird, in so deutlichen Abdrücken reproduziert, dass der Kupferstich eigentlich in der Touraine hätte erfunden werden müssen. Zu beiden Seiten der kleinen Käsestücke hatte Gritte mit einer gewissen Feierlichkeit Nüsse und die obligaten Biskuits aufgebaut. ... Diese traurigen Worte sprach sie munter aus, dabei nahm sie aus einem Schrank ein Fläschchen mit Cassis, ihrem selbstbereiteten Hauslikör, dessen Rezept sie von den berühmten Nonnen hatte, denen man die Issouduner Kuchen verdankt, eine der größten Schöpfungen der französischen Zuckerbäckerei, die noch kein Küchenchef, Koch, Konditor oder Confiseur nachzumachen verstanden hat. Monsieur de Rivière, der Gesandte in Konstantinopel ließ jedes Jahr gewaltige Mengen dieses Gebäcks für Mahmuds Serail kommen." Im Termomix-Kochbuch Cookido gibt es sogar ein Rezept für "Massepan d' Issoudun. Die beiden Großmächte der Stadt, die Sultanin und ihr Freund, der Spitzbube und würdige Räuberhauptmann, der überall seine Spione hatte; wie man mit solchen Sultaninnen umgehen muss; auch problematisch wenn sie als Politikerin herrschen, Rettung aus Teufelskrallen, alberne ägyptische Gans; besser abschieben als dass er nachts in der Stadt Issoudun üble Streiche begeht; die Erziehung hatte ihm nicht den Adel des Denkens und Auftretens vermittelt: »Für tausend Taler werdet ihr Spione, für zehntausend würdet ihr am Ende Mörder werden! . . . Habt ihr Frau Bridau nicht schon beinahe umgebracht? Herr Gilet wußte doch, dass Fario nach ihm gestochen hatte, als er dies Attentat auf meinen Gast Joseph Bridau schob. Solch ein Verbrechen konnte dieser Galgenvogel nur begehen, nachdem er von euch erfahren hatte, dass Frau Agathe beabsichtigte, hier zu bleiben. Meine Enkel die Spione eines solchen Menschen! Meine Enkel Spitzbuben! . . . Wußtet ihr nicht, dass euer würdiger Räuberhauptmann bereits im Anfang seiner Laufbahn im Jahre 1806 ein armes junges Menschenkind umgebracht hat? Ich will keine Mörder und Diebe in meiner Familie haben; ihr werdet euer Bündel schnüren und euch anderswo hängen lassen! ... Sechs Jahre lang seid ihr Halunken mir durchgegangen. Seht ihr! Nun brauch ich nur eine Stunde, um euch einzuholen; ich habe Siebenmeilenstiefel.« ... »Fassen Sie keinen Entschluss ohne mich. Ich kenne die Weiber. Ich habe für eine zahlen müssen, die mich mehr gekostet hat, als Flora Sie je kosten wird. Die hat mir für den Rest meines Lebens beigebracht, wie man mit dem schönen Geschlecht umgehen muss. Die Frauen sind ungezogene Kinder, sind Tiere von niederer Gattung als der Mann, man muss sie in Respekt halten; nichts ist schlimmer für uns, als wenn uns diese Bestien beherrschen.« ... »Gott hat meine Gebete erhört. Der Sieg der Bösen ist nie von Dauer.« ... »Wenn Sie meinen Triumph wollen, so bleiben Sie bis zur Ankunft der albernen Gans hier bei uns und helfen Sie mir, dem Alten zuzureden, damit er nicht von seinem Entschluss abgeht; dann werden wir zwei schon der Dame Käscherin ihre wahren Interessen beibringen.« ... »... er braucht ja nur Issoudun zu verlassen und sich nach Amerika einzuschiffen. Ich bin der erste, der Ihnen rät, ihn mit dem Nötigen zu versehen, damit er sich möglichst die besten Waren kaufen kann, und wünsche ihm gute Reise! Er wird drüben sein Glück machen, das ist besser als nachts in der Stadt Issoudun üble Streiche zu begehen und hier im Hause den Teufel zu spielen.« ... Er war verzweifelt darüber, dass die Stadt hinter seine Heimlichkeiten gekommen war ... ein Mensch, den die Natur als verwöhntes Kind behandelt hatte, indem sie ihm Mut, Kaltblütigkeit und die diplomatische Anlage eines Cesare Borgia gab. Aber die Erziehung hatte ihm nicht den Adel des Denkens und Auftretens vermittelt, ohne den in keiner Laufbahn Größe möglich ist. ... »Ich habe bereits die giftigere der beiden Bestien beseitigt.« Ein Halunke und infamer Parvenü, der es mit dem Teufel selbst aufnehmen würde, dieser Kavallerie-Mephistopheles, aber in den Augen der Gesellschaft ein Ehrenmann; er verstand sich auf den Ton des Hofes, wie er sich auf den der Gesellschaft von Issoudun verstanden hatte: »Sie werden sehen!« erwiderte Desroches. »Im Glück wie im Unglück wird Philipp stets der Mann bleiben, der er war, der Mörder der Frau Descoings, der Hausdieb; aber zu Ihrer Beruhigung sei's gesagt: in den Augen der Gesellschaft wird er ein Ehrenmann sein!« ... Flora stand in seinem Banne, wie Frankreich in Napoleons Bann gestanden hatte . . . Und der alte Rouget verzappelte seine letzten Kräfte wie ein Schmetterling, dessen Fühler in das heiße Wachs einer Kerze geraten sind. Angesichts dieser Agonie blieb der Neffe ungerührt und kalt wie die Diplomaten von 1814 vor den Zuckungen des kaiserlichen Frankreichs. ... Philipp verstand es, aus der Inszenierung des kronprinzlichen Theaterliberalismus Nutzen zu ziehen und sich zum Adjutanten eines bei Hofe gern gesehenen Marschalls ernennen zu lassen. Im Januar 1827 wurde Philipp als Oberstleutnant in die königliche Garde eingereiht, und zwar in das Regiment des Herzogs von Maufrigneuse, und bewarb sich um die Gunst, geadelt zu werden. Unter der Restauration wurde die Verleihung des Adels zu einer Art Recht, auf das die Bürgerlichen, die in der Garde dienten, Anspruch erheben konnten. Oberst Bridau, der gerade das Landgut Brambourg gekauft hatte, wurde vorstellig um die Gnade, es zu einem gräflichen Majorat erheben zu dürfen. Er setzte es auch durch dank seinen Verbindungen in der höchsten Gesellschaft, in der er sich mit großem Aufwand an Karossen und Livreen als Grandseigneur bewegte. Sobald er sich nun als Oberstleutnant des schönsten Gardekavallerieregiments im Almanach unter dem Namen Graf von Brambourg eingetragen sah, verkehrte er eifrig im Hause des Artilleriegenerals Grafen von Soulanges und machte der jüngsten Tochter, Fräulein Amélie von Soulanges, den Hof. Der Unersättliche, den noch dazu die Mätressen aller einflussreichen Männer unterstützten, bewarb sich um die Ehre, beim Dauphin selber Adjutant zu werden. Er besaß die Keckheit, zur Dauphine zu äußern: ein alter Offizier des großen Krieges, der auf mehreren Schlachtfeldern verwundet worden, könnte bei Gelegenheit Seiner königlichen Hoheit vielleicht von Nutzen sein. Er verstand sich auf den Ton des Hofes, wie er sich auf den der Gesellschaft von Issoudun verstanden hatte. Im übrigen führte er ein großes Leben mit Festen und Diners und empfing in seinem Hause keinen seiner früheren Freunde, der etwa seine Stellung gefährden konnte. ... Philipp wollte Fräulein Amélie von Soulanges heiraten, General werden und ein königliches Garderegiment führen. Er hatte so viel Wünsche, dass man, um Ruhe vor ihm zu haben, ihn zum Kommandanten der Ehrenlegion und des Sankt-Ludwigs-Ordens ernannte." ... »Der Bube,« sagte er, »würde es mit dem Teufel selbst aufnehmen! Und so was nennt sich Ehrenmann, so was hängt sich einen Haufen Klimperzeug um den Hals und schlägt sein Pfauenrad bei Hofe, statt dass man ihn aufs Rad sticht! So was lässt sich Herr Graf titulieren!« ... »Und von der Sorte gibt's viele!« meinte Bixiou. ... »Dieser Kavallerie-Mephistopheles, der sich Philipp Bridau nennt«, sagte Bixiou, »hat es kurios angestellt, um sich seine Frau vom Halse zu schaffen. ... Als Philipp sah, wie sich seine Käscherin an schöne Toiletten und teure Vergnügungen gewöhnte, hat er ihr kein Geld mehr gegeben und es ihr selbst überlassen, sich's zu verschaffen. Wie, könnt ihr euch denken! So hat er im Verlauf von anderthalb Jahren seine Frau von Vierteljahr zu Vierteljahr tiefer hinabsinken lassen; schließlich hat er ihr noch mit Hilfe eines schneidigen Unteroffiziers den Geschmack an Schnäpsen beigebracht. In dem Maße, als er sich erhob, sank seine Frau, und jetzt sitzt die Gräfin im Schmutze. Auf dem gefährlichsten Posten gesetzt, bei den wilden Arabern: "Sein Unglück wollte, dass er 1835 ein Regiment in Algier bekam, wo er drei Jahre lang, in beständiger Hoffnung auf die Generalsepauletten, auf dem gefährlichsten Posten blieb; ein böswilliger Einfluss, der des Generals Giroudeau, ließ ihn dort sitzen und warten. Hart geworden, übertrieb Philipp die Härte des Dienstes und war trotz seiner an Murat erinnernden Tapferkeit verhasst. Im Anfang des verhängnisvollen Jahres 1839 unternahm er bei einem Rückzug einen Gegenangriff gegen überlegene arabische Streitkräfte und stürzte sich mit einer einzigen Kompagnie auf das Gros des Feindes. Es gab einen blutigen schrecklichen Kampf, Mann gegen Mann, und nur wenige Reiter schlugen sich durch. Als diese aus der Ferne ihren Obersten umzingelt sahen, hatten sie keine Lust, ihr Leben unnütz dranzusetzen, um ihn herauszuschlagen. Sie hörten noch die Rufe: »Euer Oberst! Her zu mir! Ein Oberst des Kaisers!«, dann folgte ein gräßliches Geheul. Sie kehrten zum Regiment zurück. Philipp fand einen schaurigen Tod; man schnitt ihm, als er von den Jatagans schon halb zerhackt war, den Kopf ab. Um dieselbe Zeit heiratete Joseph, protegiert von dem Grafen von Sérizy, die Tochter eines ehemaligen Pächters und Millionärs und erbte Schloss und Gut Brambourg, über die sein Bruder nicht mehr hatte verfügen können, so gern er Joseph des Erbes beraubt hätte. Am meisten freute sich der Maler an der schönen Bildersammlung." [10] Über Halunken, Schurken, verschiedene Arten der Polizei, Spionage als Gabe des Himmels: „Manche Leute geben uns Informationen, ohne es zu wissen und ohne dafür bezahlt zu werden. Dummköpfe und Schwachköpfe halte ich für noch schlimmer als Schurken.“ „Ihr Schlingel seid oft originell und witzig!“, sagte Leon. „Gehören Sie zur Polizei?“, fragte Gazonal und beäugte den harten, unnahbaren kleinen Mann, der wie der dritte Angestellte in einem Sheriffbüro gekleidet war, mit unbehaglicher Neugier. „Welche Polizei meinen Sie?“, fragte Fromenteau. „Gibt es mehrere?“ „Bis zu fünf“, antwortete der Mann. „Die Kriminalpolizei, deren Chef Vidoeq war; die Geheimpolizei, die die anderen Polizeibehörden im Auge behielt, deren Chef stets unbekannt war; die politische Polizei – die gehörte Fouche. Dann gab es noch die Polizei des Auswärtigen Amtes und schließlich die Palastpolizei (des Kaisers, Ludwigs XVIII. usw.), die sich ständig mit der Polizei des Quai Malaquais stritt. Unter Monsieur Decazes wurde sie aufgelöst. Ich gehörte zur Polizei Ludwigs XVIII.; ich war seit 1793 dort, zusammen mit diesem armen Contenson.“ Die vier Herren blickten einander an und dachten alle dasselbe: „Wie viele Köpfe muss er wohl zum Schafott gebracht haben!“ „Heutzutage versuchen sie, ohne uns auszukommen. Wahnsinn!“, fuhr der kleine Mann fort, der immer furchtbarer wirkte. „Seit 1830 wollen sie ehrliche Männer in der Präfektur! Ich habe gekündigt und mir ein kleines Zubrot verdient, indem ich Schulden eintreibe.“ „Er ist die rechte Hand der Wirtschaftspolizei“, sagte Gaillard in Bixious Ohr, „aber man kann nie herausfinden, wer ihm am meisten zahlt, der Schuldner oder der Gläubiger.“ „Je skrupelloser ein Geschäft ist, desto mehr Ehre gebührt ihm. Ich bin für den, der mir am besten zahlt“, fuhr Fromenteau an Gaillard gewandt fort. „Sie wollen fünfzigtausend Francs zurückholen und reden von Pfennigen, wenn es um Ihre Mittel geht. Geben Sie mir fünfhundert Francs, und Ihr Mann ist noch heute Abend geschnappt, denn wir haben ihn gestern schon erwischt!“ ... „Wenn ich die Eigenschaften aufzählen sollte, die einen Mann in unserem Beruf auszeichnen“, sagte Fromenteau, dessen schneller Blick es ihm ermöglicht hatte, Gazonal vollständig zu durchschauen, „würden Sie denken, ich spräche von einem Genie. Zunächst brauchen wir Luchsaugen; dann Kühnheit (um Häuser wie Bomben zu durchbrechen, die Bediensteten anzusprechen, als ob wir sie kennen würden, und Verrat vorzuschlagen – dem stets zugestimmt wird); dann Gedächtnis, Scharfsinn, Erfindungsgabe (um Pläne zu schmieden, die schnell erdacht werden und nie gleich sind – denn Spionage muss sich an den Charakteren und Gewohnheiten der Bespionierten orientieren; sie ist eine Gabe des Himmels); und schließlich Beweglichkeit und Kraft. All diese Fähigkeiten und Eigenschaften, Monsieur, sind auf der Tür des Gymnase-Amoros als Tugend dargestellt. Nun, wir müssen sie alle besitzen, sonst verlieren wir die Gehälter, die uns vom Staat, der Rue de Jerusalem oder dem Handelsminister gezahlt werden.“ Ruhm wollen nur Narren, daher gibt es viele lebende Karikaturen; heutzutage, unter unserer neuen politischen Ordnung, versucht jeder Mensch, sich mit Ruhm zu schmücken, "und die meisten hüllen sich in Spott; daher gibt es viele lebende Karikaturen, die der Welt noch völlig neu sind.“ „Wenn jeder Ruhm erntet, wer kann dann noch berühmt sein?“, sagte Gazonal. „Ruhm! Den wollen nur Narren“, erwiderte Bixiou. „Dein Cousin trägt das Kreuz, aber ich bin die besser gekleidete von uns beiden, und ich bin es, auf die die Leute schauen.“ Fehler von Schriftstellern; Berufe wandeln sich: "Einer der größten Fehler von Schriftstellern, die unsere Sitten und Gebräuche schildern, ist das Festhalten an veralteten Typenbildern. Heutzutage wandeln sich alle Berufe. Der Krämer wird Pair von Frankreich, Künstler legen ihr Geld gewinnbringend an, Vaudeville-Autoren beziehen feste Einkünfte. Mag es auch noch einige wenige geben, die geblieben sind, was sie ursprünglich waren – im Allgemeinen haben die Berufe weder ihre spezifische Tracht noch ihre einst festen Gewohnheiten und Verhaltensweisen behalten." Friseur; die Wissenschaft hat mit den Wilden gemein, dass sie ihre Männer sauber skalpiert: "Lassen Sie sich sagen: Ein Friseur – ich sage nicht ein 'guter' Friseur, denn ein Mann ist entweder Friseur oder er ist es nicht –, ein Friseur, ich wiederhole, ist schwerer zu finden als … was soll ich sagen? als … ich weiß nicht was … ein Minister? (Bleiben Sie ruhig sitzen!) Nein, denn Minister taugen nicht als Maßstab; von denen wimmelt es auf den Straßen. Ein Paganini? Nein, der ist nicht bedeutend genug. Ein Friseur, Monsieur, ein Mann, der Ihre Seele und Ihre Gewohnheiten ergründet, um Ihr Haar in Einklang mit Ihrem Wesen zu frisieren – dieser Mann besitzt alles, was einen Philosophen ausmacht; und das ist er auch. Sehen Sie sich die Frauen an! Frauen wissen uns zu schätzen; sie kennen unseren Wert. Für sie liegt unser Wert in dem Triumph, den sie erringen, wenn sie ihr Haupt in unsere Hände legen. Ich sage Ihnen: Ein Friseur – die Welt weiß gar nicht, was das ist. Ich, der ich hier zu Ihnen spreche, ich verkörpere so ziemlich alles, was es auf diesem Gebiet gibt – ohne prahlen zu wollen, darf ich sagen, dass ich bekannt bin. Dennoch glaube ich, dass noch mehr möglich wäre. Die Ausführung, darauf kommt es an! Ach, wenn die Frauen mir doch nur freie Hand ließen! Wenn ich doch nur die Ideen verwirklichen dürfte, die mir kommen! Ich besitze, sehen Sie, eine geradezu teuflische Fantasie! Aber die Frauen lassen sich nicht darauf ein; sie haben ihre eigenen Pläne. Sobald ich mich umdrehe, fahren sie sich mit den Fingern oder dem Kamm durch die herrlichsten Kunstwerke – Werke, die eigentlich in Kupfer gestochen und für die Nachwelt festgehalten werden müssten; denn unsere Schöpfungen, Monsieur, überdauern leider nur wenige Stunden. Ein großer Friseur, nicht wahr? Er ist wie Carême oder Vestris auf ihrem jeweiligen Gebiet. (Den Kopf bitte ein wenig hierher, so; ich lege besonderen Wert auf die Frontansicht!) Unser Berufsstand wird durch Stümper ruiniert, die weder die Zeit noch ihr Handwerk verstehen. Es gibt Perücken- und Essenzhändler, bei denen einem die Haare zu Berge stehen; denen geht es nur darum, einem Fläschchen zu verkaufen. Ein Jammer! Aber so ist das Geschäft. Solche armen Wichte schneiden und frisieren das Haar, so gut sie eben können. ... Ich verachte Reklame; was die Werbung gekostet hätte, Monsieur, das steckte ich in Eleganz, Charme und Komfort. Im nächsten Jahr werde ich in einem der Salons ein Quartett spielen lassen – und zwar Musik von höchster Güte. Ja, wir müssen die Langeweile derer vertreiben, deren Köpfe wir frisieren. Ich bin mir der Unannehmlichkeiten für die Kundschaft durchaus bewusst. (Sehen Sie sich nur an!) Sich frisieren zu lassen ist anstrengend, vielleicht genauso sehr, wie für ein Porträt Modell zu sitzen. Monsieur weiß vielleicht, dass der berühmte Monsieur Humboldt – ich habe mein Bestes mit den wenigen Haaren getan, die ihm Amerika gelassen hatte; die Wissenschaft hat mit den Wilden gemein, dass sie ihre Männer sauber skalpiert –, dass also dieser berühmte Gelehrte sagte, nach dem Leiden, gehängt zu werden, komme das Leiden, gemalt zu werden; doch ich stelle die Strapaze, sich frisieren zu lassen, noch über die des Porträtiertwerdens, und manche Damen sehen das ebenso. Nun, Monsieur, mein Ziel ist es, dass diejenigen, die hierherkommen, um sich die Haare schneiden oder kräuseln zu lassen, sich wohlfühlen." Die Bildhauerei ist ein Priesteramt; nur ein Händler von Nippes bringt eine Universität in Verruf, ähnlich wie ein Hersteller von islamischen Nippes-Klamotten und ein Verteidiger der islamischen Rechtsvorschriften, wo man immer wieder verblüfft ist, einen Mann außerhalb einer Irrenanstalt auf diese Weise sprechen zu hören: „Sie bringen die Akademie in Verruf“, fuhr der Maler fort. „Einen solchen Mann auszuwählen! Ich will nichts Schlechtes über ihn sagen, aber er übt ein Handwerk aus. Wohin ziehen Sie die erste aller Künste herab – jene Kunst, deren Werke am längsten überdauern, die Völker ans Licht bringt, an die sich die Welt längst nicht mehr erinnert, eine Kunst, die große Männer krönt und weiht? Ja, die Bildhauerei ist ein Priesteramt; sie bewahrt die Ideen einer Epoche, und Sie übertragen ihren Lehrstuhl einem Hersteller von Spielzeug und Kamingesims-Schmuck, einem Dekorateur, einem Händler von Nippes! Ach! Wie Chamfort sagte: Man muss jeden Morgen eine Viper verschlucken, um das Leben in Paris zu ertragen. Nun, uns wenigen bleibt immerhin die Kunst; man kann uns nicht daran hindern, sie zu pflegen …“ Zusammenspiel der Künste: „Völlig vollendet“, antwortete Dubourdieu. „Ich habe versucht, Hiclar zu sprechen und ihn dazu zu bewegen, eine Symphonie dafür zu komponieren; ich möchte, dass das Publikum beim Betrachten meines Bildes Musik im Stil Beethovens hört, um die Ideen zu entfalten und sie durch das Zusammenspiel zweier Künste dem Verstand zugänglich zu machen. Ach, wenn die Regierung mir doch nur einen der Säle des Louvre überlassen würde!“ Auswirkungen des
Ehrgeizes auf Künstler; Meinungen verleihen kein Talent, doch sie
verderben stets das vorhandene; heiliges Feuer: "Du hast gerade, Vetter,
eine der Auswirkungen des Ehrgeizes auf Künstler erlebt. Allzu oft
leihen sich Künstler in Paris – getrieben von dem Wunsch, schneller
zu jenem Ruhm zu gelangen, der für sie gleichbedeutend mit Glück
ist, als es der natürliche Weg erlauben würde – die Flügel
der Umstände; sie glauben, sich als Spezialisten oder Verfechter irgendeines
‚Systems‘ wichtiger machen zu können, und bilden sich ein, sie könnten
eine Clique in die Öffentlichkeit verwandeln. Der eine ist Republikaner,
der andere Saint-Simonist; dieser Aristokrat, jener Katholik, andere hängen
dem Juste-Milieu, dem Mittelalter oder dem Deutschtum an – ganz wie es
ihrem Zweck dient. Nun verleihen zwar Meinungen kein Talent, doch sie verderben
stets das vorhandene; und der arme Kerl, den du gerade gesehen hast, ist
der Beweis dafür. Die Überzeugung eines Künstlers sollte
lauten: Glaube an seine Kunst, an sein Werk; und der einzige Weg zum Erfolg
ist harte Arbeit, sofern die Natur ihm das heilige Feuer verliehen hat."
[11]
4. Comédie Humaine (Die menschliche Komödie) IILambert verdankte die Protektion Madame de Staël, dieser berühmten Frau bzw. der "Vorsehung, die dem hilflosen Genie stets die Wege zu ebnen weiß. Aber uns, deren Blicke an der Oberfläche der menschlichen Dinge haften bleiben, erscheinen diese Schicksalswendungen, für die das Leben der großen Männer uns so viele Beispiele gibt, nur als das Resultat eines rein natürlichen Vorganges. Und für die meisten Biographen erhebt sich das Haupt eines Genies über die Massen wie eine schöne Pflanze, die auf den Feldern durch ihren Glanz die Augen des Botanikers auf sich lenkt. Dieser Vergleich ließe sich auch auf das seltsame Ereignis in Louis Lamberts Leben anwenden: Gewöhnlich verbrachte er die Zeit, die sein Onkel ihm als Ferien gönnte, im Elternhause. Aber anstatt sich nach Schülerart den Freuden des »dolce far niente« hinzugeben, ging er mit Brot und Büchern bewaffnet fort und las und grübelte in den Wäldern, um sich den Ermahnungen seiner Mutter zu entziehen, der dieses andauernde Studium gefährlich erschien. Wunderbarer Mutterinstinkt! Von dieser Zeit an war die Lektüre bei Louis zu einer Art Heißhunger geworden, den nichts stillen konnte. Er verschlang Bücher aller Art und labte sich wahllos an religiösen, geschichtlichen, philosophischen und physikalischen Werken. ... Louis Lambert erfasste die Tatsachen wirklich und erklärte sie, nachdem er sowohl Anfang wie Ende derselben mit dem Spürsinn eines Wilden aufgefunden hatte. Auch konnte er, durch eines jener sonderbaren Spiele, in denen sich die Natur zuweilen gefällt und die die Anomalie seines Wesens bewies, schon mit vierzehn Jahren mit Leichtigkeit Gedanken äußern, deren Tiefe mir erst viel später aufgegangen ist."Geist die Mysterien: »Oft«, so sagte er mir, wenn er von seiner Lektüre sprach, »oft habe ich wunderbare Reisen gemacht, indem ich mich auf einem Wort in die Abgründe der Vergangenheit einschiffte, wie das Insekt auf einem Grashalm einen Fluss hinuntertreibt. Von Griechenland aus ging ich nach Rom und durchquerte den weiten Raum des modernen Zeitalters. Was für ein schönes Buch könnte man da nicht zustande bringen, wenn man das Leben und die Abenteuer eines Wortes schriebe? Es hat von den Ereignissen, denen es gedient hat, sicherlich die verschiedensten Eindrücke erhalten; je nach dem Orte hat es die verschiedensten Ideen erweckt; aber ist es nicht noch größer, wenn man es unter dem dreifachen Gesichtspunkt von Seele, Körper und Bewegung betrachtet? Und wenn man von seinen Funktionen, seinen Wirkungen und Handlungen absieht und es nur an sich betrachtet, versinkt man da nicht in ein Meer von Reflexionen? Tragen nicht die meisten Worte die Färbung der Idee, die sie äußerlich darstellen? Welchem Genie verdanken wir sie? Wenn ein großer Geist notwendig ist, um ein Wort zu schaffen, welches Alter hat dann die menschliche Sprache? Die Zusammensetzung der Buchstaben, ihre Formen, das Aussehen, das sie einem Wort geben, zeichnen, je nach dem Charakter jedes Volkes, ein deutliches Bild von den unbekannten Wesen, deren Erinnerung in uns lebt. Wer erklärt uns philosophisch den Übergang von der Empfindung zum Gedanken, vom Gedanken zum Wort, vom Wort zu seinem hieroglyphischen Ausdruck, von der Hieroglyphe zum Alphabet, vom Alphabet zur geschriebenen Sprache, deren Schönheit in einer Folge von Bildern besteht, die der Redner anordnet und die wie Hieroglyphen des Gedankens sind? Hat nicht die alte Wiedergabe menschlicher Gedanken, die in Tierformen dargestellt wurden, die ersten Zeichen bestimmt, deren sich der Orient bediente, um seine Sprache niederzuschreiben? Und hat sie nicht durch Traditionen ein paar Spuren in unsern modernen Sprachen zurückgelassen, die sich dann in die Trümmer des ersten Wortes der Völker geteilt haben, des erhabenen und feierlichen Wortes, dessen Erhabenheit und Feierlichkeit in dem Maße abnimmt, in dem die Gesellschaft altert, dessen Klang, der so volltönend in der hebräischen Bibel ist und so schön noch in Griechenland im Fortgang unserer nacheinander folgenden Zivilisationen jedoch sich abschwächt? Verdanken wir diesem alten Geist die Mysterien, die sich in jedes menschliche Wort geflüchtet haben? Lebt nicht in dem Wort »wahr« eine geradezu unwirkliche Lauterkeit? Ist nicht in dem kurzen Ton, in dem es ausgesprochen wird, ein unbestimmtes Bild der keuschen Nacktheit, der Schlichtheit des Wahren in jedem Ding? Diese Silbe atmet eine unerklärliche Frische. Ich habe als Beispiel die Formel für einen abstrakten Begriff genommen, da ich das Problem nicht an einem Wort erläutern wollte, das es zu leicht verständlich machen würde, wie zum Beispiel das Wort »Flug«, in dem soviel zu den Sinnen spricht. Und ist es nicht mit jedem Wort so? Alle sind sie Zeichen einer lebendigen Kraft, die sie von der Seele empfangen und die sie ihr wieder zurückerstatten durch das Geheimnis wunderbarer Wirkung und Gegenwirkung zwischen Wort und Gedanken. Könnte man sie nicht mit einem Liebenden vergleichen, der von den Lippen seiner Geliebten so viel Liebe schlürft wie er ihr gibt? Durch ihr Aussehen allein beleben die Worte in unsrem Hirn die Dinge, denen sie als Gewand dienen. Wie alle Wesen haben sie nur einen Platz, wo ihre Eigenart voll wirken und sich voll entfalten kann. Aber dieser Gegenstand brauchte wohl eine ganze Wissenschaft für sich.« Und Louis zuckte die Achseln, wie um zu sagen: wir sind zu groß und auch zu klein!" Swedenborg, Madame de Staël: "Die Baronin von Staël, die auf vierzig Meilen von Paris verbannt war, verbrachte mehrere Monate ihres Exils auf einem Gut in der Nähe von Vendôme. Eines Tages, auf einem Spaziergang, begegnete sie am Saum des Parkes dem Kind des Gerbers, das in fast zerlumpter Kleidung in ein Buch vertieft war. Dieses Buch war eine Übersetzung des Werkes »Von Himmel und Hölle«. Zu dieser Zeit waren Saint-Martin, de Gence und ein paar andere Schriftsteller – zur Hälfte Deutsche – fast die einzigen Menschen, die im französischen Kaiserreich den Namen Swedenborg kannten. Erstaunt ergriff Madame de Staël das Buch, mit jenem Ungestüm, das sie in ihre Fragen, ihre Blicke und ihre Bewegungen zu legen pflegte; dann sah sie Lambert an und sagte zu ihm: »Verstehst du denn das?« »Beten Sie zu Gott?« fragte das Kind. »Aber gewiss doch!« »Und verstehen Sie ihn?« ... Die Baronin blieb ein paar Augenblicke sprachlos; dann setzte sie sich neben Lambert hin und unterhielt sich mit ihm. Leider ist mein Gedächtnis, wenn auch sehr umfassend, so doch lange nicht so treu wie das meines Freundes, und ich habe dieses Gespräch bis auf jene ersten Worte ganz vergessen. Diese Begegnung war dazu angetan, Madame de Staël aufs lebhafteste zu interessieren. Bei ihrer Rückkehr ins Schloss sprach sie wenig davon, trotz ihres Mitteilungsbedürfnisses, das bei ihr in Geschwätzigkeit ausartete; sie schien nur sehr nachdenklich. Die einzige noch lebende Person, die die Erinnerung an diese Begegnung bewahrt hat und die ich befragt habe, um die wenigen Worte zusammen zu bringen, die Madame de Staël damals entschlüpft waren, fand in ihrem Gedächtnis nur mühsam den Satz, den die Baronin in bezug auf Lambert gesagt hat: »Das ist ein wahrer Seher!« Louis rechtfertigte in den Augen der Welt die schönen Hoffnungen nicht, die seine Beschützerin in ihn gesetzt hatte. Das flüchtige Interesse, das sie ihm entgegenbrachte, wurde daher als Weiberlaune angesehen, als eine jener besonderen Launen, wie sie Künstlernaturen eigen sind. Madame de Staël wollte Louis Lambert dem Kaiser und der Kirche entreißen, um ihn dem auserwählten Schicksal zurückzugeben, das, wie sie sagte, seiner harrte. Denn sie machte schon einen neuen Moses aus ihm, den sie aus den Wassern errettet hatte. Vor ihrer Abreise beauftragte sie einen ihrer Freunde, den Herrn de Corbigny, der damals Präfekt in Blois war, ihren Moses zur gegebenen Zeit aufs Gymnasium von Vendôme zu schicken. Dann vergaß sie ihn wahrscheinlich. Lambert war mit vierzehn Jahren, zu Beginn des Jahres 1811, in die Anstalt eingetreten und sollte sie zu Ende 1814 nach bestandenem Abiturientenexamen verlassen. Ich glaube nicht, dass er in dieser Zeit jemals das geringste Zeichen des Erinnerns von seiner Wohltäterin bekommen hat, wenn denn überhaupt als eine Wohltat gelten soll, dass man drei Jahre hindurch die Pension für ein Kind bezahlt, ohne weiter an dessen Zukunft zu denken, nachdem man es aus einer Laufbahn herausgerissen hat, in der es vielleicht sein Glück gefunden hätte. Die Zeitverhältnisse und auch der Charakter Louis Lamberts können Madame de Staël hinsichtlich ihrer Sorglosigkeit wie auch ihrer Großmut in weitem Maße von aller Schuld freisprechen. Die Persönlichkeit, die in ihren Beziehungen zu dem Kinde als Mittelsperson gedient hatte, verließ Blois in dem Augenblick, da der Knabe aus dem Gymnasium herauskam. Die politischen Ereignisse, die dann folgten, rechtfertigen einigermaßen die Gleichgültigkeit dieses Mannes für den Schützling der Baronin." Weiter philosophischer Blick, Übersetzer Fichtes, Schule des Pythagoras, Wanderung durch den Weltenraum, Leben in Ideen, Denken ist sehen, alle menschliche Wissenschaft beruht auf Deduktion, die ein langsames Schauen ist, Swedenborg, Natur des Engels in sich nähren; wer aus Mangel an tieferer Erkenntnis, das körperliche Leben vorherrschen lässt, anstatt das geistige zu stärken, fördert die Materialisierung beider Naturen; es gibt Menschen, dessen unlebendiger Geist ihn zu einer offenbaren geistigen Stumpfheit verdammt; Dantes Göttlichen Komödie, Jakob Böhme, neue, echte Wissenschaft im Sinne Steiners Geisteswissenschaft, Natur als Meisterin, Chemiker des Willens; »Willen« bedeutet das »Milieu«, in welchem sich der »Gedanke« entwickelt, Reihe der großen Denker; Viele Wesen leben in einem Zustand des Willens, ohne jedoch in den des Denkens zu gelangen; Gabe, die Ideen zu schauen, Wünschelrute; Cardanus, Apollonius von Thyana; einfachste Beweisführung, die sich auf Tatsachen stützt, wertvoller als die schönsten Systeme; et verbum caro factum est; überlieferte geschichte der Hebräer und Hindus: "Barchou de Penhoën, hat weder seine Prädestination Lügen gestraft, noch den Zufall, der die beiden einzigen Schüler von Vendôme, von denen dort noch heute gesprochen wird, in die gleiche Klasse, auf die gleiche Bank, unter das gleiche Dach gebracht hatte. Der heutige Übersetzer Fichtes, der Ausleger und Freund Ballanches', war damals schon, wie ich selbst auch, mit metaphysischen Fragen beschäftigt. ... Lambert, der nur gelassen war oder verdutzt, antwortete auf keine unserer Fragen. Einer von uns sagte, er käme sicher aus der Schule des Pythagoras. Ein allgemeines Gelächter erscholl, und der »Neue« wurde während seiner ganzen Schulzeit Pythagoras genannt. Doch der durchdringende Blick Lamberts, die Verachtung, die sich auf seinem Gesicht malte und die er für unsere Kindereien hatte, die nicht zu seiner Geistesart passten, die ruhige Haltung, in der er verblieb, seine sichtliche Kraft, die seinem Alter entsprach, flößten den Schlimmsten unter uns einen gewissen Respekt ein. Ich selbst stand neben ihm und beobachtete ihn nur schweigend. ... Mir allein war es vergönnt, in diese erlesene Seele – warum sage ich nicht göttliche Seele? – zu schauen. Was ist Gott näher als das Genie im Herzen eines Kindes? Die Gleichheit unseres Geschmacks und unserer Gedanken machte uns zu Freunden und »Gefährten«. Unsere Brüderschaft wurde so eng, dass unsere Kameraden unsere beiden Namen mit einander verbanden, sodass einer nicht ohne den andern ausgesprochen wurde; und um uns zu rufen, schrien sie: »Dichter-und-Pythagoras«. ... »Warum ist die grüne Farbe in der Natur soviel vertreten?« fragte er mich. »Warum gibt es in ihr so wenig gerade Linien? Warum wendet der Mensch in seinen Werken so selten Kurven an? Warum hat er allein Gefühl für die gerade Linie?« Solche Worte verrieten eine lange Wanderung durch den Weltenraum. Er hatte ganze Landschaften gesehen oder den Duft der Wälder eingeatmet. Er war, eine lebendige und erhabene Elegie, immer schweigsam, resigniert, immer leidend, ohne jedoch sagen zu können: ich leide! Dieser Adler, der die Welt brauchte für seine Nahrung, war eingekerkert in vier enge und schmutzige Wände. Daher wurde sein Leben denn auch im weitesten Sinne des Wortes ein Leben in Ideen. ... »Denken ist sehen!« sagte er eines Tages zu mir, fortgerissen durch eine unserer Auseinandersetzungen über den Ursprung unseres Wesens. »Alle menschliche Wissenschaft beruht auf Deduktion, die ein langsames Schauen ist, von der Ursache hinunter zur Wirkung, von der Wirkung hinauf zur Ursache, oder mit einem bedeutsameren Ausdruck: alle Poesie entsteht, wie jedes Kunstwerk, aus einem schnellen Schauen der Dinge.« ... Seine Leidenschaft für alles Mystische und die natürliche Gläubigkeit der Jugend veranlassten uns oft, von »Himmel und Hölle« zu sprechen. Louis versuchte damals, indem er mir Swedenborg erklärte, mir seinen Glauben an die Engel mitzuteilen. ... In uns gibt es zwei voneinander verschiedene Geschöpfe; nach Swedenborg ist der Engel das Individuum, bei dem das »Innere Wesen« über das »Äußere Wesen« triumphiert. Will ein Mensch, sobald ihm vom Gedanken seine doppelte Existenz gezeigt worden ist, seiner Berufung als Engel gehorchen, so muss er bemüht sein, die auserwählte Natur des Engels in sich zu nähren. Wenn er, aus Mangel an tieferer Erkenntnis seines Schicksals, das körperliche Leben vorherrschen lässt, anstatt das geistige zu stärken, gehen alle seine Kräfte in das Spiel seiner äußeren Sinne über, und der Engel geht langsam durch diese Materialisierung beider Naturen ein. Im entgegengesetzten Falle, wenn er sein Inneres mit den Substanzen, die ihm eigen sind, nährt, dann siegt die Seele über die Materie und versucht, sich von ihr loszulösen. Wenn ihre Trennung unter der Form geschieht, die wir den Tod nennen, dann bleibt der Engel, der mächtig genug ist, sich von seiner Hülle zu befreien, bestehen und beginnt sein wahres Leben. Die unendlich vielen Besonderheiten, die die Menschen voneinander unterscheiden, lassen sich nicht anders erklären, als durch diese Doppelexistenz: sie machen sie verständlich und beweisen sie. Tatsächlich sollte uns der Unterschied, der zwischen einem Menschen besteht, dessen unlebendiger Geist ihn zu einer offenbaren geistigen Stumpfheit verdammt, und demjenigen, dessen innere Sehergabe ihn mit irgend einer Kraft ausgestattet hat, annehmen lassen, dass zwischen dem Geist und dem gewöhnlichen Sterblichen derselbe Unterschied bestehe wie zwischen dem Blinden und dem Sehenden. Dieser Gedanke, der die Schöpfung unendlich erweitert, gibt in gewissem Sinne den Schlüssel zum Himmel. Die Geschöpfe, die hier unten augenscheinlich untereinander vermischt sind, sind dort oben nach der Vollkommenheit ihres »Inneren Wesens« in getrennte Sphären eingeteilt, deren Gebräuche und Sprachen einander fremd sind. Wenn ein Bewohner der niederen Regionen in einen höheren Kreis kommt, ohne dessen würdig zu sein, so versteht er in der unsichtbaren Welt (genau wie in der sichtbaren) nicht nur dessen Gewohnheiten und Reden nicht, sondern seine Gegenwart lähmt dort die Stimmen und die Herzen. In seiner Göttlichen Komödie mag Dante wohl eine leise Ahnung von diesen Sphären gehabt haben, die in der Welt der Schmerzen beginnen und sich durch eine kreisförmige Bewegung bis in die Himmel erheben. Die Lehre Swedenborgs wäre also das Werk eines hellsehenden Geistes, der die unzähligen Erscheinungen aufgezeichnet hat, durch die die Engel sich inmitten der Menschen offenbaren. Diese Lehre, die ich heute zusammenzufassen suche, indem ich ihr einen logischen Sinn gebe, wurde mir von Lambert mit allem Verführerischen des Mysteriums dargebracht, eingehüllt in die Wendungen jener besonderen Sprache, wie sie den Mystikern eigen ist; dunkle Worte voller Abstraktion, die so auf das Gehirn wirken wie gewisse Bücher von Jakob Böhme, Swedenborg oder Madame Guyon, deren Lektüre Phantasiebilder heraufbeschwört, so vielgestaltig wie Opiumträume. Lambert erzählte mir so merkwürdige mystische Dinge, er wirkte daher so stark auf meine Phantasie, dass mir schwindelte. Doch ich versank gern in diese geheimnisvolle Welt, die den Sinnen unsichtbar ist, in der aber jeder gern lebt, sei es, dass er sie sich unter der unendlichen Form des zukünftigen Lebens vorstellt, sei es, dass er sie in die unbestimmten Formen des Märchens hüllt. Diese heftigen Erregungen der Seele belehrten mich, unbewußt, über ihre Kraft und gewöhnten mich an die Arbeit des Denkens. ... Er konnte in der Tat ein ganzes System davon ableiten, indem er, wie es Cuvier auf einem anderen Gebiet tat, aus einem Gedankenbruchstück eine ganze Schöpfung rekonstruierte. In jenem Augenblick setzten wir uns beide unter eine alte abgebrochene Eiche. Nach ein paar Augenblicken des Nachdenkens sagte Lambert zu mir: »Wenn die Landschaft nicht zu mir gekommen ist, was absurd zu denken wäre, dann bin ich eben zu ihr gegangen. War ich also hier, während ich in meinem Alkoven schlief, setzt dann diese Tatsache nicht eine völlige Trennung meines Körpers von meinem inneren Wesen voraus? Bezeugt sie nicht irgend eine Bewegungsfähigkeit des Geistes oder Wirkungen, die den Bewegungen des Körpers entsprechen? Vermag sich also im Schlaf mein Geist von meinem Körper zu trennen, warum soll ich beide nicht ebenso gut im Wachen voneinander scheiden können? Ich sehe keine Zwischenglieder zwischen diesen beiden Behauptungen. Aber gehen wir weiter, dringen wir in die Einzelheiten tiefer ein. Entweder haben sich diese Dinge kraft einer Fähigkeit vollzogen, die ein zweites Wesen in Tätigkeit setzt, dem mein Körper als Hülle dient – denn ich war in meinem Alkoven und sah die Landschaft, und das stößt viele Systeme um – oder diese Dinge haben sich entweder in irgend einem Nervenzentrum zugetragen, in dem sich die Gefühle bewegen, und dessen Namen wir noch erst erfahren müssen, oder aber in dem Gehirnzentrum, in dem sich die Gedanken bewegen. Diese letzte Hypothese hat die merkwürdigsten Fragen im Gefolge. Ich bin gegangen, ich habe gesehen, ich habe gehört. Die Bewegung vollzieht sich nicht ohne Raum; der Ton reagiert nur in Winkeln oder auf Oberflächen und die Farbe existiert nur durch das Licht. Wenn ich des Nachts mit geschlossenen Augen farbige Gegenstände gesehen habe, wenn ich in der absoluten Stille Geräusche gehört habe, und dies alles, ohne die notwendigen Vorbedingungen für die Entstehung des Tones, wenn ich in vollkommenster Unbeweglichkeit den Raum durchmessen habe, dann besitzen wir innere Kräfte, die unabhängig sind von den äußeren physikalischen Gesetzen. Der Geist muss also die materielle Natur durchdringen können. Wie haben die Menschen bis heute so wenig über die Vorgänge des Schlafes nachdenken können, die ein Doppelleben im Menschen andeuten? Liegt in diesem Phänomen nicht eine neue Wissenschaft?« fügte er hinzu und schlug sich heftig gegen die Stirn. »Und wenn es nicht der Anfang einer Wissenschaft ist, so verrät es doch gewaltige Kräfte im Menschen; es offenbart zum mindesten die häufige Trennung unserer beiden Naturen, eine Tatsache, über die ich seit langem nachgedacht habe. So habe ich endlich einen Beweis für die Überlegenheit unserer verborgenen Sinne über unsere sichtbaren Sinne gefunden. Homo duplex! – Aber« – fuhr er nach einer Pause fort und machte dabei eine Bewegung des Zweifels, »vielleicht leben gar nicht zwei Naturen in uns? Vielleicht sind wir ganz einfach mit geheimen und vervollkommnungsfähigen Kräften begabt, deren Übung und Entwicklung noch bisher unbeobachtete Erscheinungen der Bewegung, der Durchdringung, des Schauens hervorbringen. In unserer Vorliebe zum Wunderbaren – einer Leidenschaft, die von unserm Stolz erzeugt wird – haben wir diese Wirkungen in Phantasiegebilde verwandelt, weil wir sie nicht verstanden haben. Es ist so bequem, dem Unbegreiflichen zu misstrauen! Ich muss gestehen, ich würde den Verlust meiner Illusionen beweinen. Mir ist es ein Bedürfnis, an eine doppelte Natur und an die Engel von Swedenborg zu glauben! Diese neue Wissenschaft wird sie also töten? Ja, die Prüfung unserer unbekannten Fähigkeiten schließt eine anscheinend materialistische Wissenschaft in sich; denn ›der Geist‹ gebraucht, zerteilt, belebt die Substanz, aber er zerstört sie nicht.« ... Immer, wenn er mir von Himmel und Hölle sprach, pflegte er die Natur als Meisterin anzusehen; aber bei diesen letzten Worten, die voller Wissen waren, schwebte er noch kühner als sonst über der Landschaft und seine Stirn schien fast zerspringen zu wollen unter der Macht des Genies: seine Kräfte, die man bis zu einer neuen Sprachordnung »geistige« Kräfte nennen muss, schienen aus den Organen herauszuquellen, die dazu bestimmt waren, sie hervorzubringen. Seine Augen schleuderten den Gedanken hervor, seine erhobenen Hände, seine stummen und zitternden Lippen waren beredt; sein brennender Blick leuchtete; sein Kopf endlich, zu schwer oder zu müde von allzu heftiger Erregung, fiel ihm auf die Brust. Dieses Kind, dieser Riese, beugte sich herab, nahm meine Hand, presste sie in der seinen, die feucht war, so fieberte er in der Suche nach der Wahrheit. Dann sagte er nach einer Pause: »ich werde berühmt werden. – Aber du auch«, fügte er lebhaft hinzu. »Wir werden beide die Chemiker des Willens sein.« Edles Herz! Ich erkannte seine Überlegenheit an, er aber hütete sich, mich sie je fühlen zu lassen. Er teilte die Schätze seines Denkens mit mir, maß auch mir innerhalb seiner Entdeckungen eine Bedeutung bei und überließ mir meine unbedeutenden Gedanken. ... Schon am nächsten Tage begann er seine Arbeit, die er »Abhandlung über den Willen« benannte; seine Überlegungen änderten zwar oft Plan und Methode; aber das Erlebnis jenes feierlichen Tages hatte doch den Keim dazu gelegt ... Lamberts Ideen nahmen, durch dieses plötzliche Licht erleuchtet, größere Dimensionen an; er erkannte in diesen Errungenschaften weit auseinanderliegende Wahrheiten, die er miteinander verband; dann schmolz er alles wie ein Gießer zusammen. ... Seine philosophischen Spekulationen hätten ihn gewiss in die Reihe der großen Denker gestellt, wie sie in verschiedenen Zeiträumen unter den Menschen erscheinen, um ihnen die nackten Anfänge irgend einer zukünftigen Wissenschaft zu enthüllen, deren Wurzeln langsam wachsen und eines Tages im Reiche des Geistes schöne Früchte tragen werden. So hatte einst ein armer Handwerker, Bernard, der die Erde durchwühlte, um das Geheimnis der Metallfarben zu finden, im sechzehnten Jahrhundert mit der unfehlbaren Autorität des Genies geologische Tatsachen behauptet, deren Darlegung heute den Ruhm eines Buffon und eines Cuvier ausmachen. Ich glaube eine Vorstellung von Lamberts »Abhandlung« geben zu können, wenn ich in der Hauptsache die Grundzüge derselben darlege. Aber ich entkleide sie dabei unwillkürlich der Gedanken, in die er sie hüllte und die ihnen unentbehrlich sind. Denn da ich einen anderen Weg ging als er, griff ich von seinen Forschungen nur das auf, was zu meinem System am besten passte. Ich weiß daher nicht, ob ich, sein Schüler, seine Gedanken treu wiedergeben kann, nachdem ich sie mir in der Weise angeeignet habe, dass ich ihnen die Farbe der meinen gab. Für neue Ideen braucht man entweder ganz neue Worte oder erweiterte, umfassendere, besser definierte Anwendungen der alten; Lambert nun hatte, um die Grundbegriffe seines Systems darzulegen, allgemein bekannte Worte gewählt, die ungefähr seinen Gedanken entsprachen. Das Wort »Willen« bedeutet das »Milieu«, in welchem sich der »Gedanke« entwickelt, oder, weniger abstrakt ausgedrückt: die Summe von Kräften, durch die der Mensch die Handlungen, aus denen sein äußeres Leben besteht, außerhalb seiner hervorbringen kann. Das »Wollen,« ein Wort, das wir den Reflexionen Lockes verdanken, drückt den Akt aus, durch den der Mensch seinen »Willen« anwendet. Das Wort »Denken«, für ihn das wesentliche Resultat des Willens, bezeichnet auch das Milieu, in dem die Ideen entstehen, denen der Wille als Substanz dient. Die »Idee«, ein Name, der allen Schöpfungen des Gehirns gemeinsam ist, begründet den Akt, durch den der Mensch sein Denken anwendet. So waren der Wille und das Denken die beiden zeugenden Mittel; das Wollen und die Idee die beiden Erzeugnisse. Das Wollen schien ihm die Idee zu sein, die aus ihrem abstrakten Zustand in den konkreten übergeht, von einem flüssigen zu einem nahezu festen, wenn diese Worte überhaupt so schwer zu verstehende Gedanken wiedergeben können. Nach seiner Auffassung sind das Denken und die Ideen Bewegungen und Auswirkungen unseres inneren Organismus, wie das Wollen und der Wille die des äußeren Lebens sind. Er hatte den Willen vor das Denken gesetzt. – »Um zu denken, muss man wollen«, sagte er. »Viele Wesen leben in einem Zustand des Willens, ohne jedoch in den des Denkens zu gelangen. Im Norden finden wir eine lange Lebensdauer, im Süden ein kurze; dagegen ist im Norden Stumpfheit, im Süden eine dauernde Angespanntheit des Willens; bis zu dem Punkt, wo durch allzu große Kälte oder allzu große Hitze die Organe fast vernichtet sind!« Sein Wort »Milieu« war ihm durch eine Beobachtung gekommen, die er in seiner Kindheit gemacht hatte, deren Bedeutung er damals wohl kaum ahnte, deren Merkwürdigkeit seiner so leicht beeindruckbaren Phantasie aber aufgefallen sein musste. ... »Der Himmel«, sagte er zu mir, »ist nach alledem das ›Überleben‹ unserer vervollkommneten Fähigkeiten, die Hölle ist das Nichts, in das die unvollkommenen Fähigkeiten zurückfallen.« ...In einem Brief schreibt Lambert, dass das gewöhnliche Arbeitsleben für ihn nicht in Frage komme, er ziehe das Denken dem Tun vor, eine Idee einem Geschäft, die Betrachtung der Bewegung; Derjenige, der lebt, um im Reiche des Geistes Großes zu vollbringen, braucht materiell wenig: "Lieber Onkel, ich werde dieses Land, in dem ich nicht leben kann, bald verlassen. Hier ist kein Mensch, der das liebt, was ich liebe, der sich mit dem beschäftigt, was mich beschäftigt, der sich über das verwundert, was mich in Erstaunen setzt. Da ich mich ganz in mich zurückziehen muss, hin ich wie ausgehöhlt und leide. Das lange und beharrliche Studium, dem ich die hiesige Gesellschaft unterzogen habe, hat zu traurigen Schlüssen geführt, in denen der Zweifel vorherrscht. Hier ist das Geld Ausgangspunkt für alles. Man braucht Geld, sogar um Geld entbehren zu können. Aber wenn dieses Metall auch für denjenigen notwendig ist, der ruhig denken will, so habe ich doch nicht den Mut, es zu der einzigen treibenden Kraft meiner Gedanken zu machen. Um ein Vermögen anzuhäufen, muss man einen Stand wählen, muss man, mit andern Worten, durch irgend ein Vorrecht von Stellung oder Kundschaft, durch ein gesetzliches oder geschickt erworbenes Privileg das Recht kaufen, jeden Tag aus dem Geldbeutel des andern eine kleine Summe zu entnehmen, die in einigen Jahren zu einem kleinen Kapital anwächst, das in zwanzig Jahren kaum vier- bis fünftausend Franken Rente abwirft, wenn ein Mensch ehrlich dabei verfährt. In fünfzehn bis sechzehn Jahren nach angespannter Arbeitszeit haben Rechtsanwälte, Notare, Kaufleute, kurz, alle Berufsmenschen, sich für ihre alten Tage ihr Brot verdient. Ich fühle mich zu all diesem nicht geschaffen. Ich ziehe das Denken dem Tun vor, eine Idee einem Geschäft, die Betrachtung der Bewegung. Mir fehlt vor allem die unablässige und notwendige Aufmerksamkeit dessen, der sich ein Vermögen schaffen will. Jedes kaufmännische Unternehmen, jede Notwendigkeit, dem andern Geld abzufordern, würde bei mir schlecht ablaufen, und ich wäre bald ruiniert. Wenn ich auch nichts besitze, so schulde ich in diesem Augenblick auch nichts. Derjenige, der lebt, um im Reiche des Geistes Großes zu vollbringen, braucht materiell wenig; aber wenn mir auch zwanzig Sous pro Tag genügen würden, so besitze ich nicht einmal die Rente für diese arbeitsreiche musse. Wenn ich nachdenken will, so jagt mich die Not aus dem Heiligtum heraus, in welchem sich mein Gedanke regt. Was soll aus mir werden? Das Elend erschreckt mich nicht. Wenn man die Bettler nicht einsperrte, beschimpfte und verachtete, ich würde betteln, um in Ruhe die Probleme lösen zu können, die mich beschäftigen. Aber dieser erhabene Verzicht, durch den ich meinen Gedanken befreien könnte, indem ich ihn von meinem Körper löste, würde nichts helfen: man braucht Geld, um gewisse Experimente zu machen. Sonst würde ich gern die äußere Armut des Denkers, dem Erde und Himmel gehört, auf mich nehmen. Um groß im Elend zu sein, genügt es, sich niemals zu erniedrigen. Der Mensch, der kämpft und leidet, während er auf ein großes Ziel losgeht, bietet sicher ein schönes Schauspiel; aber wer hat hier Kraft, um zu kämpfen? Man erklimmt Felsen, denn man kann nicht immer im Schmutz waten. Hier aber wird jeder Geist, der der Zukunft zustrebt, in seinem graden Flug zu ihr entmutigt. In einer Höhle der Wüste würde ich mich nicht so fürchten, wie ich mich hier fürchte; in der Wüste wäre ich allein mit mir, ohne Ablenkung; hier empfindet der Mensch eine Menge Bedürfnisse, die ihn erniedrigen. Wer hier ausgeht, in Träume und Gedanken vertieft, den ruft die Stimme des Armen, der um einen Almosen bittet, wieder mitten in diese Welt des Hungers und des Durstes zurück. Man braucht schon Geld, um spazieren zu gehen. Der Organismus, unablässig durch Nichtigkeiten ermüdet, ruht sich nie aus. Die nervöse Konstitution des Dichters wird hier unablässig erschüttert, und was sein Ruhm sein sollte, wird seine Qual: seine Phantasie ist seine ärgste Feindin. Der verunglückte Arbeiter, die arme Wöchnerin, die krankgewordene Dirne, das verlassene Kind, der kranke Greis, das Laster, ja selbst das Verbrechen finden hier ein Asyl und Pflege; aber für den Erfinder, für den Menschen, der nachdenkt, ist die Welt mitleidslos. Hier muss alles einen sofortigen, greifbaren Erfolg haben; über anfangs unfruchtbare Versuche, die aber zu den größten Entdeckungen führen können, macht man sich lustig und man achtet das anhaltende und eingehende Studium nicht, das eine lange Konzentration der Kräfte verlangt. Der Staat sollte das Talent besolden, wie er den Soldaten bezahlt, aber er fürchtet, von dem intelligenten Menschen übervorteilt zu werden, als ob das Genie lange zu unterdrücken wäre! Ach, lieber Onkel, wenn man schon die klösterliche Einsamkeit am Fuße der Berge, unter grünen und stillen Schatten, zerstört hat, sollte man da nicht Hospize für leidende Seelen errichten, die mit einem einzigen Gedanken ganze Völker befruchten oder den Fortschritt einer Wissenschaft verbreiten?"Für die normalen Menschen gab es die Religionen, nur Mohammed hat für die wilden und einfältigen Araber aus diesen Religionen den Koran zusammengeschrieben, "und passte alles dem Geiste der Araber an". "Weißt du, warum ich wieder bei Swedenborg gelandet bin, nachdem ich unendlich viel über die Religionen studiert habe und mir durch die Lektüre der Arbeiten, die das fleißige Deutschland, die England und Frankreich seit sechzig Jahren veröffentlicht haben, die tiefe Wahrheit meiner Jugendbemerkungen über die Bibel klar gemacht habe? Swedenborg fasst in der Tat alle Religionen zusammen oder vielmehr, die einzige Religion der Menschheit. Wenn ihre Gottesdienste auch unzählige Formen angenommen haben, ihr Sinn und ihre metaphysische Gestaltung haben sich nie gewandelt. Der Mensch hat also stets nur eine Religion gehabt. Der Schivaismus, der Vischnuismus und der Brahmaismus, die drei ersten menschlichen Kulte, die in Tibet, im Tale des Indus und auf den weiten Ebenen des Ganges entstanden sind, haben ein paar tausend Jahre vor Christus den Krieg untereinander beendet, indem sie die hinduistische Lehre von der Trimurti angenommen haben. Aus diesem Dogma ging in Persien die Religion der Magier hervor, in Ägypten die afrikanischen Religionen und der Mosaismus und endlich der Kabirismus und der griechisch-römische Polytheismus. Während diese Ausstrahlungen der Lehre von der Trimurti die Mythen Asiens den Phantasien jedes Landes anpassen, in das sie durch die Weisen eingeführt wurde, die die Menschen dann in Halbgötter wie Mithra, Bacchus, Hermes, Herkules verwandeln, erhebt sich Buddha, der berühmte Reformator der drei ersten Religionen in Indien und gründet dort seine Kirche, die noch heute zweihundert Millionen Anhänger mehr zählt als das Christentum, und aus der die gewaltigen Gedanken eines Christus und eines Konfuzius Kraft geschöpft haben. Das Christentum erhebt sein Banner; später schweißt Mohammed Judentum und Christentum, Bibel und Evangelium in einem Buche, dem Koran, zusammen, und passte alles dem Geiste der Araber an. Swedenborg nun nimmt aus der Lehre der Magier, aus dem Brahmaismus, dem Buddhismus und dem christlichen Mystizismus, was diese vier großen Religionen Gemeinsames, Wirkliches, Göttliches haben, und gibt ihren Lehren eine sozusagen mathematische Grundlage. Wer sich in diese religiösen Strömungen stürzt, deren Gründer nicht alle bekannt sind, der erkennt, dass Zarathustra, Moses, Buddha, Konfuzius, Jesus Christus, Swedenborg die gleichen Prinzipien haben und dass sie dem gleichen Ziele zustreben."Ätherischen Substanzen, Materie; das Tier als Produkt der Notwendigkeit; größere oder geringere Vollkommenheit des menschlichen Organismus; der Ton ist eine Abwandlung der Luft, alle Farben sind Abwandlungen des Lichtes; Zorn, Gefühle sind lebendige Kräfte; die Welt der Ideen; der größte Teil der sichtbaren Menschheit, und zugleich ihr schwächster Teil, bewohnt die Sphäre des Instinkts; abstrakte Begriffe; Gabe des Schauens, Intuition; es gibt drei Welten: die natürliche, die geistige, die göttliche; Auferstehung: "Hienieden ist alles das Produkt einer »ätherischen Substanz«, der gemeinsamen Basis mehrerer Phänomene, die unter den unzulänglichen Namen »Elektrizität«, »Wärme«, »Licht«, »galvanisches und magnetisches Fluidum« bekannt sind. Die Gesamtheit der Wandlungen dieser Substanz schafft das, was man gemeinhin die Materie nennt. ...
Balzac meint, Vielleicht besteht allein hierin der Unterschied zwischen dem Natur- und dem Kulturmenschen. "Der Barbar hegt nur Gefühle, der zivilisierte Mensch Gefühle und Gedanken. Darum empfängt das Gehirn des Wilden sozusagen nur schwache Eindrücke von außen; er unterliegt völlig den Gefühlen, die in ihm herrschen, während das Herz des zivilisierten Menschen von der Überlegung beeinflusst und verändert wird. Hier wirken tausend Interessen und vielerlei Empfindungen in einer Menschennatur vereint; im Wilden dagegen gedeiht nur ein einziger Gedanke auf einmal." Maske der Würde wie sie heute gern von Politikern und linken NGO's zur Schau getragen wird; Phrasen und blitzende Bonmonts, den Brillanten der französischen Plauderkunst; Leute wie wandelnde Mumien, durch seine Eitelkeit wird er zu guter Letzt gottergeben seinen Geist aufgeben: "Hulot der Jüngere war einer der jungen Männer, wie sie die Revolution von 1830 hervorgebracht hat: den Kopf voll Politik, erfüllt von seinen Plänen und Hoffnungen, die er hinter der Maske der Würde verbarg, und sehr eifersüchtig auf alle bereits Berühmten. Er warf mit Phrasen um sich, aber nicht mit den blitzenden Bonmonts, den Brillanten der französischen Plauderkunst. Seine Haltung war gut, aber von einer steifen Zurückhaltung, die Vornehmheit ausdrücken sollte. Solche Leute sind wie wandelnde Mumien, in denen ein Franzose der guten alten Zeit einbalsamiert liegt. Manchmal regt sich der alte Gallier wieder und möchte die englische Tünche abwerfen, aber die Eitelkeit duckt ihn immer wieder, bis er zu guter Letzt gottergeben seinen Geist aufgibt. Solche wandelnden Mumien stecken immer in tadellosen schwarzen Röcken." Dieser Luxus hatte den Beigeschmack der Spießbürgerlichkeit: "Jenes künstlerische Etwas fehlte völlig, das dort entsteht, wo guter Geschmack jeden einzelnen Gegenstand zum Besitzer passend aussucht." Dem Slawen eigentümliche Haltlosigkeit, Zerrissenheit; innige Überschwenglichkeit, die den Slawen eigentümlich ist und ihnen mit Unrecht als unterwürfige Falschheit ausgelegt wird; Götterkraft : "Diese seltsame Freundschaft beruhte darauf, dass hier ein kräftiger Wille unaufhörlich auf einen schwachen Charakter einwirkte, auf jene dem Slawen eigentümliche Haltlosigkeit, die zwar im Kriege wahrem Heldenmut weicht, sich im übrigen aber in einer unglaublichen Zerrissenheit äußert, deren Untersuchung wirklich einmal die Physiologen beschäftigen sollte. ... Die Mischung von Derbheit, ja Härte, und von Güte in ihr erklärt die Macht, die Lisbeth über den jungen Mann gewonnen hatte, den sie gewissermaßen als ihr Eigentum betrachtete. Das Leben fesselt uns nun einmal durch seinen Wechsel von Gut und Böse. Wäre dem jungen Polen an Lisbeths Stelle eine Frau Marneffe begegnet, so hätte er in dieser Beschützerin nur eine Führerin in Schmutz und Schande gefunden. Er wäre endlich verdorben. Gearbeitet hätte er dann gewiss nicht, und niemals wäre der Künstler in ihm erwacht. Obwohl er zuweilen unter der herrischen Zuneigung des alten Mädchens geradezu litt, so sagte ihm doch sein Verstand, dass er diese eiserne Zucht dem faulen und verderblichen Leben vorziehen müsse, das so mancher der polnischen Flüchtlinge in Paris führte. ... »Ach«, rief der Unglückliche, der die Schauer des Todes noch in sich fühlte, »wie recht haben die Verbannten aller Länder, wenn sie sich nach Frankreich sehnen wie die im Fegefeuer schmachtenden Seelen nach dem Paradiese! Man zeige mir ein anderes Land, wo sich solche Hilfsbereitschaft, ein solcher Edelmut der Herzen überall findet, selbst in einer Dachkammer wie hier! Meine gütige Wohltäterin, Sie werden alles, alles für mich sein! Ich bin Ihr Sklave! Seien Sie meine Freundin!« Er sagte das in jener innigen Überschwenglichkeit, die den Slawen eigentümlich ist und ihnen mit Unrecht als unterwürfige Falschheit ausgelegt wird. ... »Oh, wenn Sie wüßten, wie ich mich nach einem Wesen, das sich um mich kümmert – und sei es auch ein Tyrann –, gesehnt habe, wenn ich einsam durch dieses weite Paris irrte!« sagte der Pole. »Sibirien erschien mir begehrenswerter, das Land, wohin mich der Zar geschickt hätte, wenn ich zurückgekehrt wäre . . . « ... »Vielleicht den jungen Polen, der bei mir gelernt hat? Wissen Sie, das ist ein großer Künstler! Man sagt von mir, ich sei ein Teufelskerl. Aber dieser arme Junge weiß noch gar nicht, dass Götterkraft in ihm steckt!« ... »Wenn Sie Ihren Polen dazu bringen, ordentlich zu arbeiten«, berichtete er ihr, »dann haben Sie mehr Glück als Verstand in dieser Angelegenheit; dann wird er Ihnen alles, Zinsen, Unkosten und Kapital zurückzahlen. Der Mann hat Talent und kann sich seinen Lebensunterhalt schon verdienen. Aber schließen Sie seine Pantalons und seine Schuhe ein und lassen Sie ihn ja nicht den Frauenzimmern in die Hände fallen! Halten Sie ihn kurz! Ohne diese Vorsichtsmaßregeln wird Ihr Künstler bummeln gehen – und wenn Sie wüßten, was so ein Künstler unter Bummeln versteht! Schauderhaft, höchst schauderhaft! Man hat mir soeben erzählt: einen Tausendtalerschein verhaut so ein Individuum an einem Tag!« ... Man muss allerdings zugeben, dass Slawen in puncto Tapferkeit keine Prahler sind; mutig sind sie wirklich." Haremsnatur und atavistische Wildheit wie bei den Arabern; Hass und Rachsucht ohne Übergänge wie in einem Geschöpfe des Morgenlandes: "Als echte Pariserin verabscheute Frau Marneffe die Anstrengung. Sie war saumselig wie eine Katze, die nur in der Not läuft und klettert. Für sie musste das Leben eine Kette von Vergnügungen sein, und nicht einmal das Vergnügen durfte Mühe erfordern. Sie liebte Blumen, aber sie mussten ihr ins Haus getragen werden. Ins Theater zu gehen, fiel ihr gar nicht ein; sie hätte denn eine Loge für sich und einen Wagen zum Hin- und Herfahren haben müssen. Diese Haremsnatur hatte Valerie von ihrer Mutter geerbt, die wärend ihres Pariser Aufenthalts vom General Montcornet verwöhnt worden war. Zwanzig Jahre lang hatte ihr alle Welt zu Füßen gelegen. Verschwenderisch, wie sie war, hatte sie alles durchgebracht und alles vergeudet, bis der Sturz Napoleons dem Luxusleben aller jener Existenzen ein Ende setzte. Die Granden des Kaiserreichs waren in ihren tollen Streichen um kein Haar anders als die Grandseigneurs des Ancien régime. ...Geleitet von der berüchtigten Klugheit der Pariserin, die stundenlang auf dem Diwan ausgestreckt vor sich hingrübelt und mit der Laterne ihrer Beobachtungsgabe die dunkelsten Winkel der Seelen mit all ihren Gefühlen und Verworrenheiten durchstöbert, war sie auf den Einfall gekommen, eine Genossin der Spionin zu werden. ... In dieser Stunde hatte Tante Lisbeth ihr altes wahres Ich wiedergewonnen. Eine atavistische Wildheit, lange unterdrückt, brach in ihr mit einem Male hervor. ... In dieser Stunde wurde Lisbeth zum Wilden, dessen Schlinge keiner entgeht, dessen Heuchelei undurchdringlich ist und dessen rascher Entschluss auf einer unerhörten Verfeinerung der Sinne beruht. Hass und Rachsucht ohne Übergänge trieben ihr Wesen in Lisbeth wie in einem Geschöpfe des Südens oder des Morgenlandes." Jungfrau Maria als Schlüssel der höheren Welten; als alltägliches Lesebuch galt »Die Nachfolge Christi des Thomas a Kempis.«: "Unter diesem Gesichtspunkte übertrifft die Jungfrau Maria, rein als eine symbolische Erscheinung betrachtet, alle indischen, ägyptischen und griechischen Vorbilder. Die Jungfräulichkeit, die Magna parens rerum, hält in ihren schönen weißen Händen den Schlüssel der höheren Welten. Diese schrecklich-großartige Wundergestalt verdient in der Tat alle die Ehren, die ihr der katholische Kult erweist. Was heute auf die barbarischen Muslim-Banditen in den Banlieue zutrifft, mutmaßte man damals von den Polen: "Das sind Gauner. Alle miteinander Leute ohne Treu und Glauben, ... Leute, die am liebsten ganz Europa in Brand setzen und zugrunde richten möchten ...Die Polen verkennen das neunzehnte Jahrhundert. Wir sind keine Barbaren mehr! Der Krieg ist abgeschafft! Jawohl, Verehrteste, abgeschafft mitsamt den Fürstenthronen!" Kunstsinn der alten Italiener: "Zu keiner Zeit verpasste der Reichtum die Gelegenheit, Geschmacklosigkeiten in die Welt zu setzen. Man könnte heute in Paris ein zehnfaches Venedig sehen, wenn die reichen ehemaligen Kaufleute jenen großartigen Kunstsinn der alten Italiener hätten. Aber auch in unsern Tagen noch hat ein mailändischer Kaufmann eine halbe Million zur Vergoldung der Madonna auf der Kuppel des Doms vermacht. Canova trägt in seinem Testament seinem Bruder auf, eine Kirche für vier Millionen zu bauen, und der Bruder fügte aus seinem Vermögen noch etwas hinzu. Kein Pariser Bürger denkt je daran, die unvollendeten Glockentürme von Notre-Dame ausbauen zu lassen. Dabei liebt der Pariser seine Stadt über alles." Der Nachteil des allzu frühen Ruhms: "Sein allzu früher Ruhm, seine Wichtigkeit, die Schmeicheleien, die die Welt den Künstlern zollt, ohne sich viel dabei zu denken, verliehen ihm jenes Selbstbewußtsein, das in Geckenhaftigkeit ausartet, je mehr sich das Talent verflüchtigt. Das Kreuz der Ehrenlegion vervollständigte in seinen eigenen Augen den großen Mann, der zu sein er sich einbildete." Größte Leistungen der Erdenkinder, Mut; Fähigkeit der künstlerisch veranlagten Menschen, künstlerisches Schaffen; die Inspiration ist ein ätherisches Wesen; Michelangelos Denker in Florenz und Albrecht Dürers Muttergottes; Kunst ist freiestes Schaffen. Große Künstler müssen unabhängig von Bestellern und Käufern arbeiten: "Die künstlerische Arbeit ist eine Jagd im Hochlande des Menschentums, eine der größten Leistungen der Erdenkinder. Zur Kunst muss man alle auf inneren Vorgängen beruhenden Schöpfungen rechnen. Was man am meisten an Künstlern bewundern sollte, das ist der Mut, ein Mut, den sich der Alltagsmensch gar nicht vorstellen kann. ... Das Werk ist da noch gleichsam ein ungeborenes schönes Kind, an dem man im Liebesrausch unsinnige Vorfreude genießt. Wer seine Schöpferträume in Worte fassen kann, ist bereits ein ungewöhnlicher Mensch. Diese Fähigkeit besitzen alle künstlerisch veranlagten Menschen. Nun kommt aber das Erzeugen, das Hervorbringen, das mühselige Aufziehen des Kindes. Es muss jeden Abend genährt, schlafen gelegt, jeden Morgen mit unerschöpflicher Mutterliebe wachgeküsst, gereinigt und hundertmal in schöne Kleider gehüllt werden, die immer wieder zerreißen. Den tollen Wirrwarr des Lebens zu bändigen und in einem Meisterwerke der Skulptur, Malerei, Dichtkunst oder Musik zu neuem Leben wiedererstehen zu lassen, das zu allen Menschen spricht, das heißt künstlerisches Schaffen. Die Hände müssen unermüdliche Diener der Phantasie sein. Und die Phantasie setzt sich in schaffende Kraft nur um, wenn die Liebe am Werke ausharrt. Diese schöpferische Ausdauer, diese unermüdliche, gefühlsmäßige wie geistige Mütterlichkeit geht fabelhaft leicht verloren. Die Stimmung ist die Sonne des Genies. Die Inspiration ist ein ätherisches Wesen, das sich nicht fassen lässt, nicht an den Locken halten, weil es Flammenhaar hat. Die künstlerische Arbeit ist ein müdemachender Kampf, den die Stärksten fürchten und lieben, in dem viele zugrunde gehen. Ein großer neuerer Dichter sagt von dieser schrecklichen Arbeit: »Voll Verzweiflung gehe ich an sie heran, und mit Kummer verlasse ich sie!« Die Laien ahnen das nicht. Ein Künstler ... muss alle Schwierigkeiten niederkämpfen wie der verliebte Ritter im Märchen den ewig sich wandelnden Zauberer, bis er seine Prinzessin befreit. Sonst bleibt das Werk ein Torso, der noch in der Werkstatt zerfällt. ... Es ist eine alte Geschichte, dass die Zärtlichkeiten eines Weibes die göttlichen Musen verjagen; sie brechen die Kraft und die Zähigkeit des Schaffenden. Ein halbes Jahr verging so; die Hände des Bildhauers verlernten den Meissel zu führen. ... Die Skulptur ist, ähnlich wie die dramatische Kunst, die schwierigste und leichteste aller Künste. Das Leben kopieren, und das Werk ist fertig! Aber es beseelen, aus einer Kopie einen männlichen oder weiblichen Typ schaffen, das ist prometheisch. Große Plastiker gibt es in den Jahrbüchern des Menschengeschlechts ebenso wenige wie große Dichter. Ein einziges echtes Werk genügt zur Unsterblichkeit eines Meisters. ...Michelangelos Denker in Florenz und Albrecht Dürers Muttergottes im Mainzer Dom leben ewig. Solche Werke sind Taten. Das Geheimnis dieses gewaltigen Erfolges liegt in ausdauernder gleichmäßiger Arbeit, denn die technischen Schwierigkeiten müssen derartig bezwungen werden, die Hand des Künstlers muss so geschickt und gehorsam sein, dass er gleichsam Seele gegen Seele mit einem unfassbaren Wesen ringt, das er zugleich verklärt und verkörpert. Beständige Arbeit ist das oberste Gesetz in der Kunst wie im Leben. Kunst ist freiestes Schaffen. Große Künstler müssen unabhängig von Bestellern und Käufern arbeiten. Sie schaffen immerdar. Canova ist aus seinem Atelier nicht herausgekommen. ... Man verlangt von ihnen vergeblich die Erfüllung herkömmlicher und weltlicher Pflichten. Man begegnet ihnen selten, und der großen Menge, die immer aus oberflächlichen, neidischen und ungebildeten Leuten besteht, bleiben sie unverständlich. Und nur großherzige Frauen vermögen sie mitunter zu verstehen." Nicht nur die Waffen der wilden Araber und die Hitze tyrannisieren die Menschen früher wie heute (vor allem in bestimmten Vierteln der Städte), auch Missstände in den eigenen Reihen führen zu größeren Verlusten.(wenn Staatsgelder von Politikern veruntreut werden, wenn Politiker und Beamte Missbrauch von Sozialleistungen, Ausweismissbrauch und Einwanderung der Moslems in die Sozialsysteme begünstigen oder den "Barmherzigkeitsfanatismus" der UN fördern, der hauptsächlich Terrororganisationen wie Hamas zugute kommt): »Einer unserer Berichterstatter schreibt uns aus Algier, beim Proviantamt der Provinz Oran hätten sich derartige Unregelmäßigkeiten herausgestellt, dass eine gerichtliche Untersuchung erforderlich geworden sei. Die Unterschleife lägen zutage. Die Schuldigen kenne man. Wenn hier nicht mit eiserner Hand eingegriffen werde, wären durch derartige Mißstände größere Verluste an Mannschaften zu befürchten als durch die Waffen der Araber und das heiße Klima. Wir erwarten weitere Nachrichten, ehe wir auf dieses bedauernswerte Vorkommnis näher eingehen. Es ist uns jetzt nicht mehr unverständlich, warum man sich gegen die Gründung einer Zeitung in Algier sträubt, obgleich es die Verfassung von 1830 zulässt.« ... "Wie Sie aus den beiliegenden Untersuchungsakten ersehen werden, haben wir eine böse Sache auf dem Halse. Kurzgefasst: der Baron Hulot von Ervy hat einen Verwandten von sich in die Provinz Oran geschickt, um unsaubere Proviant- und Furagespekulationen zu unternehmen. Ein Proviantamtsvorstand ist Helfershelfer. Letzterer hat die Sache gemeldet, um von sich reden zu machen, und ist dann geflüchtet. Da es nur Unterbeamte betraf, hat der Staatsanwalt die Angelegenheit auf das strengste untersucht." ... »So ein Galgengesicht!« ... »Ein unverschämter Schurke!« ... »Der Teufel muss ihn geritten haben!« schimpfte der Fürst und zuckte mit den Achseln. »Sind Sie denn von Ihren Weibern verhext und um Ihren Verstand gebracht? Sie kennen die peinliche Genauigkeit, mit der die französische Verwaltung alles bucht und protokolliert. Man verschwendet Ballen von Schreibpapier, um den Ein- und Aufgang von ein paar Groschen nachzuweisen. Sie haben sich selber einmal bei mir beklagt, dass hundert Unterschriften nötig seien, um einen Soldaten zu entlassen oder um eine Lieferung Striegel zu bezahlen. Und da haben Sie sich eingebildet, diese Geschichte werde nicht alsbald aufgedeckt? Dazu die Presse, die Neider, die Leute, die selber stehlen! Ihre Weiber müssen Sie um den gesunden Menschenverstand gebracht haben! Anders kann ich mir die Sache nicht erklären. In dem Moment aber, wo Sie kein Mann mehr waren, sondern ein Stimmungsmensch, in diesem Moment mussten Sie Ihren Abschied nehmen. Wenn man bei seinen Verbrechen noch derartig geistig beschränkt ist, dann endet man . . . ich will Ihnen lieber nicht sagen, wo!« Der Politiker als Emporkömmling, ehrt das Geld: "Seitdem Crevel Politiker war, ging er stets in schwarzem Rock. Sein Gesicht leuchtete über dieser Tracht wie der Vollmond über einer dunklen Wolkenwand. Sein mit drei dicken Perlen, von denen jede fünfhundert Francs gekostet hatte, besterntes Hemd kennzeichnete den ganzen Mann: Hier ist der künftige Riesenvolksredner zu sehen! Seine derben Bürgerhände staken vom frühen Morgen an in gelben Glacéhandschuhen. Seine tadellosen Lackschuhe verrieten, dass er in seinem kleinen einspännigen braunen Coupé hergekommen war. Während der letzten drei Jahre hatte er – wie es bei den großen Malern heißt – seinen Frühstil überwunden. In großer Gesellschaft, wenn er beim Fürsten von Weißenburg, im Stadthause, beim Grafen Popinot und so weiter war, behielt er den Hut ungezwungen in der Hand – Valeries Erziehung – und steckte den Daumen der andern Hand etwas schauspielerisch in den Ärmelausschnitt seiner Weste, wobei er mit Kopf und Augen kokettierte. Diese neue »Attitüde« hatte Valerie in ihrer Spottlust dem Herrn Bürgermeister einstudiert, mit der Behauptung, sie mache ihn jünger, in Wahrheit, um seine Lächerlichkeit zu erhöhen. ... »Gnädige Frau, die Heiligen mögen in die Hospitäler gehen, wenn sie glauben, dort sei die Himmelstür. Ich bin ein Weltkind. Ich fürchte Gott, aber mehr noch die Hölle der Armut und des Elends. Kein Geld haben, das ist bei unsern sozialen Verhältnissen der Gipfel alles Unglücks. Ich bin ein Kind meiner Zeit: ich ehre das Geld!« ... »Gnädige Frau«, erwiderte er, »ich bin immer der gleiche. Ich lebe ein lustiges Leben. Heiter gleite ich den Strom des Daseins dahin. Ich erfülle alle Pflichten, die mir das Gesetz, mein Herz und meine Familie auferlegen, genau wie ich ehedem am Verfalltage prompt meine Wechsel eingelöst habe. Meine Kinder sollten sich mich in wirtschaftlichen Dingen zum Muster nehmen, dann wäre ich zufrieden. Meine dummen Streiche, wenn ich deren überhaupt welche mache, kosten keinem etwas außer mir selber. Niemand darf sie mir also vorwerfen, und meine Kinder werden nach meinem Tode ein hübsches Vermögen vorfinden.« Gaunerhandwerk, Mangel an Familiensinn; Leidenschaftliche Naturen sind ebenso blind wie taub, gemeiner Raub, deine künftige Frau ist eine ehrlose Person; ein gutes Werk, zum Beispiel Geld für ein von Islamisten im Morgenlande zerstörtes Kloster: »Sie hat ihr Gaunerhandwerk so fein verstanden, dass sie schon zwei Familienväter um eine Rente von vierzigtausend Francs ärmer gemacht hat. Sie ist nun im Begriffe, das Doppelte zu ergaunern, wenn sie den alten Herrn heiratet und ihn dann baldigst unter die Erde befördert. Es besteht somit die Gefahr, dass Ihre Familie um ein großes Vermögen kommt . . .« »Das stimmt so ungefähr«, meinte der Anwalt. »Es handelt sich um meinen Schwiegervater, Cölestin Crevel . . .« »Ehemaligen Parfümerienhändler, jetzigen Bürgermeister!« ... »Gewiß«, fuhr sie fort, »Sie wollen, dass jene Frau ihre Beute losläßt, die sie bereits zwischen den Zähnen hat. Was würden Sie tun, wenn Sie einem Tiger ein geraubtes Stück Vieh wieder entreißen wollten? Würden Sie ihm den Rücken streicheln und ›liebe Miezekatze!‹ sagen? Sie haben keine Logik! Sie wollen den Krieg, aber keine Verwundeten! Gut! Ich will Ihnen das Gefühl der Schuldlosigkeit verschaffen, an dem Ihnen so sehr viel liegt! Ehrliebe und Heuchelei sind Geschwister. In einem Vierteljahr wird Sie eines Tages ein Bettelmönch besuchen und Sie um vierzigtausend Francs für irgendein gutes Werk bitten, sagen wir: für ein im Morgenlande zerstörtes Kloster. Sind Sie bis dahin mit Ihrem Schicksal zufrieden, dann geben Sie dem Manne die vierzigtausend Francs! Die Summe ist nicht zu hoch im Vergleich zu der, die Ihnen zufällt.« ... »Du heiratest eine Frau, die sich durch den Ruin meines Vaters unrechtmäßig bereichert hat; eine Frau, die ihn ohne Bedenken dahin gebracht hat, wo er sich jetzt befindet; eine Frau, die ein Verhältnis mit dem Schwiegersohn des Mannes unterhält, den sie zugrunde gerichtet hat; eine Frau, die meiner Schwester das schlimmste Leid angetan hat! Und du bildest dir ein, die Gesellschaft sollte es erleben, dass wir eine solche Torheit billigen, indem wir zu deiner Hochzeit erscheinen! Du tust mir aufrichtig leid, lieber Crevel. Dir mangelt jeglicher Familiensinn! Für die gegenseitigen Verpflichtungen der einzelnen Mitglieder einer Familie hast du kein Verständnis! Und was richten Vernunftgründe gegen eine Leidenschaft aus? Leidenschaftliche Naturen sind ebenso blind wie taub. Cölestine ist dir eine zu pflichttreue Tochter, als dass sie auch nur ein Wort des Tadels gegen dich fände . . .« ... »Das ist zweifellos sehr weltmännisch und sehr großherzig gedacht«, meinte der Anwalt, »soweit es sich auf ihre Herzensangelegenheiten, auf ihre Irrungen aus Leidenschaft bezieht. Ich kann diese Anschauungen indessen nicht auf den gemeinen Raub ausdehnen, den diese Frau an meinem Vater begangen hat! Kurz und gut, ich erkläre dir, mein lieber Schwiegervater, deine künftige Frau ist eine ehrlose Person. Sie betrügt dich, und sie hat ein Verhältnis mit meinem Schwager Steinbock. . . .« ... ».... Die Schmeichelkatze hat es faustdick hinter den Ohren. Ich kenne ihre Schliche.« Enthusiast seiner
Wissenschaft, drollige Käuze, die Mediziner; Freigeist und Materialist,
die Ideen des Barons Holbach sind mein Evangelium, Pfaffengeschwätz:
»Der rechte Arzt ist ein Enthusiast seiner Wissenschaft«, gab
Bianchon zur Antwort. »Die Erfahrungen meiner Praxis sind zugleich
meine Freuden. Gerade jetzt sehen Sie mich im Genusse einer solchen Gelehrtenfreude,
wegen der mich mancher oberflächliche Beobachter für herzlos
halten könnte. Morgen will ich der Ärzte-Akademie einen interessanten
Fall vortragen. Ich beobachte nämlich zur Zeit eine Krankheit, die
man für nicht mehr vorkommend gehalten hat, übrigens eine tödliche
Krankheit, zumal in unserm gemäßigten Klima. In den Tropen soll
es Mittel dagegen geben. Es ist eine der Seuchen des Mittelalters. Der
Kampf des Arztes gegen solch eine Krankheit ist etwas Wundervolles. Seit
zehn Tagen denke ich an nichts anderes mehr als an meine beiden Kranken.
Es ist ein Ehepaar. Ich glaube, es sind entfernte Verwandte von Ihnen:
Herr und Frau Crevel . . .« ... »Die ganze Sache ist
mir überhaupt unerklärlich. Diese Krankheit ist bisher nur unter
den Negern und gewissen amerikanischen Mischvölkern nachgewiesen,
niemals aber an Weißen. Ich wüßte auch gar keine Verbindung
zwischen Negern und Mestizen und Herrn und Frau Crevel. So interessant
der Fall medizinisch ist, im allgemeinen ist die Krankheit entsetzlich.
Die arme Frau, die so hübsch gewesen sein soll, ist für einen
Fehltritt furchtbar bestraft worden. Sie ist völlig entstellt. Die
Haare sind ihr ausgefallen. Sie sieht wie eine Aussätzige aus und
ekelt sich vor sich selber. Eiterungen zerfressen ihr Leib und Glieder.«
... Sieben Ärzte, die Bianchon hergebeten hatte, waren versammelt,
um diesen einzigartigen Krankheitsfall zu studieren. Bianchon selbst war
auch bereits da. Alle diese Kapazitäten standen sich in ihren Meinungen
einander in zwei Lagern gegenüber. Ein einziger hatte seine Ansicht
für sich. Er erklärte die Krankheit für eine künstlich
erregte Vergiftung und sprach von Privatrache. Es sei keine mittelalterliche
Krankheit. Auch die gemachte Blutanalyse brachte keine Klarheit in die
Meinungen. ... Der üble Geruch war so stark, dass trotz der weitgeöffneten
Fenster und der angewandten Räuchermittel niemand imstande war, lange
in dem Zimmer zu bleiben – mit Ausnahme des Gottesmannes. Gestank vertreibt
keinen Pfaffen." ... »Mein Gott, das ist ja wahr!« brummte
Crevel. »Die Ärzte haben ja an mir eine vorsintflutliche Krankheit
ausbaldowert . . . Drollige Käuze, die Mediziner!« »Väterchen,
nur Mut!« tröstete Cölestine. »Sie werden dich schon
wieder gesund machen!« »Freilich, freilich, Kindchen«,
stimmte ihr Crevel kaltblütig zu, »der alte Knochenmann ist
nicht so schnell zur Stelle. Er überlegt sich die Sache zweimal, ehe
er einen Pariser Bürgermeister am Schlafittchen nimmt.« »Hast
du denn schon mit dem Priester um deine Genesung gebetet?« »Gott
bewahre!« wehrte er ab. »Was soll der Unsinn? Ich bin ein Freigeist!
Ich bin ein Kind der Großen Revolution. Die Ideen des Barons Holbach
sind mein Evangelium! Die machen einem die Seele stärker als alles
Pfaffengeschwätz! Was soll mir das? Montesquieu, Richelieu, Voltaire,
Rousseau, Béranger! Zum Teufel, das waren meine Leute im Leben!
Und ich bleibe ihnen treu bis in den Tod!« [13]
Anmerkungen [1] Wissenschaftsbriefe
/ Science Review Letters 2026,
25, Nr. 1747; Honoré de Balzac,
Les contes drolatiques (Tolldreiste Geschichten), Paris, München,
Leipzig, Weimar 1832-37/1955/1981; Ders. Comédie Humaine (Die menschliche
Komödie), Eugénie Grandet, Roman 1834, 1997 ;La vieille fille,
Roman 1836 (Die alte Jungfer), Paris, Leipzig, 1838/1986; La peau de chagrin,
Roman 1831 (Das Chagrinleder), 1841; La maison Nucingen, Erzählung
1838 (Das Haus Nucingen), 1845; Les paysans, Roman 1835 (Die Bauern), 1923,
1925; La femme de trente ans, Roman 1842 (Die Frau von dreißig Jahren),
1845; Le lys dans la vallée, Roman 1835 (Die Lilie im Tal), 1845,
1982; La rabouilleuse (Un ménage de garcon), Roman 1841/42 (Junggesellenwirtschaft),
1998; Les comédiens sans le savoir, Erzählung 1846 (Die unfreiwilligen
Komödianten), 1923; Louis Lambert, Roman 1832, 1977; La cousine Bette,
Roman 1846 (Kusine Lisbeth, Cousine Bette. Die Rache einer Frau) 1910,
1956, 2022; vgl. Kurse
Nr. 694 Honore
de Balzac,
Nr. 693 Guy de Maupassant,
Nr.
545 Sittenlehre I-II, Nr. 665 Molière,
Nr.
622 Victor Hugo I, Nr. 674 Victor
Hugo II, Nr. 629 Voltaire I-II, Nr.
678 François Rabelais, Nr.
563 Miguel de Cervantes I, Nr.
667 Romantische Kunst und Philosophie I, Nr.
669 Romantische Kunst und Philosophie II, Akademie der Kunst und Philosophie
/ Académie des sciences
Eine gewitzte politische
Karikatur von William Heath, der unter anderem Mitbegründer des Karikaturenmagazins
„The Glasgow Looking Glass“ war und dessen Werk im Britischen Museum zu
sehen ist. Auf dieser Karikatur ist ein Felsbrocken zu sehen und ein Grieche
kniet darauf: Brocken und Kniender werden von einem riesigen Bären
mit russischer Zarenkrone entführt, während Engländer, Franzosen
und Österreicher empört ihren Anteil fordern und dem Miniaturgriechen
die Worte „Bewahre mich vor meinen Freunden“ in den Mund gelegt werden.
Das Ganze spielt sich über einem geköpften Truthahn (Turkey)
mit Turban ab, der die besiegten Türken darstellt.
Honoré
de Balzac
Allgemeine
Infos zur Akademie der Kunst und Philosophie und den Kursen
Zur Philosophie und Kulturgeschichte von Byzanz, des Mittelalters, der Schule von Chartres, der Renaissance, des Barock, der Aufklärung, des Idealismus, der Romantik vgl. Kurse:Nr. 551 G.W.F. Hegel I, Nr. 660 G.W.F. Hegel II, Nr. 511 Johann Gottlieb Fichte I, Nr. 658 Johann Gottlieb Fichte II, Nr. 509 F.W.J. Schelling I, Nr. 510 F.W.J. Schelling II, Nr. 513 F.W.J. Schelling III, Nr. 505 Arthur Schopenhauer I-II, Nr. 663 Arthur Schopenhauer III, Nr. 531 Platon, Nr. 533 Aristoteles, Nr. 623 Johann Ludwig Wilhelm Müller, Nr. 020 Johann Wolfgang von Goethe I-II, Nr. 673 Johann Wolfgang von Goethe III, Nr. 553 Friedrich Schiller I-II, Nr. 675 Friedrich Schiller III, Nr. 554 Friedrich Hölderlin I-II, Nr. 512 Novalis I, Nr. 671 Novalis II, Nr. 677 Jean Paul, Nr. 667 Romantische Kunst und Philosophie I, Nr. 669 Romantische Kunst und Philosophie II, Nr. 630 Johann Ludwig Tieck, Nr. 631 Adelbert von Chamisso,Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 693 Guy de Maupassant, Nr. 694 Honore de Balzac, Nr. 665 Molière, Nr. 622 Victor Hugo I, Nr. 674 Victor Hugo II, Nr. 629 Voltaire I-II, Nr. 678 François Rabelais, Nr. 679 Laurence Sterne, Nr. 621 Lord Byron I, Nr. 676 Lord Byron II, Nr. 628 Percy Bysshe Shelly, Nr. 561 Sir Walter Scott, Nr. 555 Angelus Silesius, Nr. 634 Hans Sachs, Nr. 619 Franz Werfel, Nr. 680 Nikos Kazantzakis, Nr. 588 Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Nr. 550 Fjodor M. Dostojewskij I-II, Nr. 506 Wladimir Sergejewitsch Solowjow, Nr. 664 Philosophie der Kunst, Nr. 661 Philosophie der Geschichte I, Nr. 686 Philosophie der Geschichte II, Nr. 687 Philosophie der Geschichte III, Nr. 687 Philosophie der Geschichte IV, Nr. 687 Philosophie der Geschichte V, Nr. 691 Philosophie der Geschichte VI, Nr. 691 Philosophie der Geschichte VII, Nr. 659 Wissenschaftslehre I, Nr. 666 Wissenschaftslehre II, Nr. 681 Wissenschaftslehre III, Nr. 682 Wissenschaftslehre IV, Nr. 683 Wissenschaftslehre V, Nr. 684 Wissenschaftslehre VI, Nr. 685 Wissenschaftslehre VII, Nr. 545 Sittenlehre I-II, Nr. 614 Sittenlehre III, Nr. 544 Staats- und Rechtslehre I-II, Nr. 641 Staats- und Rechtslehre III, Nr. 644 Staats- und Rechtslehre IV, Nr. 655 Staats- und Rechtslehre V, Nr. 618 St. Ephraim der Syrer, Nr. 617 St. Cyrill von Alexandrien, Nr. 616 St. Gregor von Nazianz, Nr. 613 St. Gregor von Nyssa, Nr. 612 St. Johannes Chrysostomos, Nr. 611 St. Johannes Cassianus, Nr. 627 St. Basilius der Große, Nr. 625 Theodorus Abucara, Nr. 624 Byzantinische Wissenschaft / Philosophie, Nr. 653 St. Cyprianus, Nr. 609 St. Athanasius der Große, Nr. 605 St. Irenaeus von Lyon, Nr. 604 St. Hildegard von Bingen, Nr. 600 St. Johannes von Damaskus,Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Nr. 581 Bernhard von Chartres, Nr. 580 Wilhelm von Conches, Nr. 578 Pierre Abaelard, Nr. 574 Johannes von Salisbury, Nr. 577 Petrus Lombardus, Nr. 576 Gilbert de la Porrée / Gilbert von Poitiers, Nr. 565 Johannes Scotus Eriugena, Nr. 575 Thierry de Chartres, Nr. 571 Alanus ab Insulis, Nr. 572 Anselm von Canterbury, Nr. 570 St. Hilarius von Poitiers, Nr. 568 Nicolaus Cusanus I, Nr. 568 Nicolaus Cusanus II, Nr. 568 Nicolaus Cusanus III, Nr. 564 St. Ambrosius, Nr. 564 St. Augustinus I, Nr. 601 St. Augustinus II, Nr. 654 St. Augustinus III, Nr. 579 St. Albertus Magnus, Nr. 500 St. Thomas von Aquin I, ScG, Nr. 501 St.Thomas von Aquin II, Sth I., Nr. 502 St.Thomas von Aquin III, Sth. I-II, Nr. 582 St.Thomas von Aquin IV, Sth II-II, Nr. 583 St.Thomas von Aquin V, Sth. III, Nr. 566 Meister Eckhart, Nr. 562 Dante Alighieri I-II, Nr. 672 Dante Alighieri III, Nr. 558 Calderón de la Barca, Nr. 648 Calderón de la Barca II, Nr. 650 Calderón de la Barca III, Nr. 651 Calderón de la Barca IV, Nr. 563 Miguel de Cervantes I, Nr. 645 Miguel de Cervantes II, Nr. 637 Lope de Vega I, Nr. 638 Lope de Vega II, Nr. 642 Lope de Vega III, Nr. 643 Lope de Vega IV, Nr. 652 Juan Ruiz de Alarcón, Nr. 632 Ginés Pérez de Hita, Nr. 633 Luis Vaz de Camões, Nr. 557 Ludovico Ariosto I-II, Nr. 668 Ludovico Ariosto III, Nr. 556 Torquato Tasso, Nr. 552 William Shakespeare I-II, Nr. 559 Wolfram von Eschenbach, Nr. 560 Walter von der Vogelweide, Nr. 662 Gottfried von Strassburg, Akademie der Kunst und Philosophie / Académie des sciences Nr.
320 Romanische Kunst und Architektur, Nr.
350 Byzantinische Kunst und Architektur, Nr.
325 Kunst und Architektur der Gothik, Nr.
326 Kunst und Architektur der Renaissance, Nr.
586 Tizian, Nr. 591 Paolo Veronese,
Nr.
597 Correggio, Nr. 670 Annibale
Carracci, Nr. 520 Rembrandt, Nr.
598 El Greco,
Nr. 620
Giovanni Battista Tiepolo, Nr.
590 Giovanni Bellini,
Nr. 656 Andrea
Solari, Nr. 657 Bernadino Luini,
Nr.
587 Andrea Mantegna,Nr. 595 Jan van
Eyck,
Nr. 635 Rogier van der
Weyden, Nr. 640 Stefan Lochner,
Nr.
646 Michael Pacher,
Nr. 647 Peter
Paul Rubens, Nr. 649 Giotto di
Bondone,
Nr. 626 Luca Signorelli,
Nr.
610 Piero della Francesca,
Nr. 596 Perugino,
Nr.
522 Raffael (Raffaello Sanzio), Nr.
523 Sandro Botticelli, Nr. 602 Benozzo
Gozzoli,
Nr. 606 Fra Angelico,
Nr.
607 Pinturicchio, Nr. 608 Domenico Ghirlandaio,
Nr.
593 Filippo Lippi,
Nr. 594 Filippino
Lippi,
Nr. 589 Albrecht Dürer,
Nr.
603 Bernard van Orley, Nr. 615 Ambrogio
da Fossano detto il Bergognone, Nr. 636
Eugène Delacroix,
Nr. 639 Bartolomé
Esteban Murillo, Nr. 690
Caspar David Friedrich, Akademie der Kunst und Philosophie
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