Zentrum für wesensgemäße Bienenhaltung

Bienenkiste, Warré oder Top bar hive - welcher Bienenkasten ist besonders für Anfänger und Hobbyimker gut geeignet?


Wer in Deutschland mit der Bienenhaltung anfangen will, hat es nicht leicht. Gerade in Deutschland gibt es eine Unzahl von verschiedenen Systemen und Bienenkästen. In der Literatur, in der Lehre zum Tierwirt oder in den meisten Kursen für Anfänger, wird die Rähmchenbetriebsweise empfohlen - auch von Bioimkern (Bioland, Naturland, usw.), sogar von Demeter Imkern.

So gibt es Bücher wie "Der Wochendimker" von Karl Weiss oder die "Neue Imkerschule" (9. überarb. Auflage 1995) von Edmund Herold und Karl Weiss, die Jahrzehntelang wohl Tausende von Neuimker erfolgreich in die Irre geführt und um den gesunden Menschenverstand gebracht haben. In diesen Büchern stehen Empfehlungen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen! Darin heißt es zum Beispiel: "Auch bei früherem Schleudern lohnt sich ein Griff nach den Randwaben des Brutraums" damit der Imker seinen Honigertrag erhöhen kann oder "Ausnahmsweise kann man Honig beim Verflüssigen auch höher, z.B. auf 70°C, erhitzen (Melitherm)". Außerdem empfiehlt Karl Weiss dem Neueinsteiger Paradichlorbenzol zur Wachsmottenbekämpfung und Karbolineum als Außenanstrich für Magazinbeuten; er sagt sogar, mann solle die Futter-Wandzargen in Karbolineum tauchen. Dieses Holzschutzmittel wurde auch für Eisenbahnschwellen, Telegraphenmasten und Zaunpfähle als abdichtendes Isoliermittel verwendet. Karbolineum ist stark hautreizend, karzinogen und die Dämpfe greifen die Atemwege an. Seit 1991 ist es für die Verwendung nicht mehr zugelassen; Altholz, das mit Karbolineum behandelt wurde, ist als Sondermüll zu entsorgen.

Besonders verwirrend für den Anfänger ist, wenn ein Demeterimker in seinem Buch (Michael Weiler: Der Mensch und die Bienen, 1. Aufl. 2000) als "Literaturhinweis" zum Beispiel die "Neue Imkerschule" und zwei weitere Bücher empfiehlt, in denen Edmund Herold und Karl Weiss als Autoren auftreten.

Hat der Anfänger oder Hobbyimker sich soweit durchgekämpft und ist zu dem Entschluß gekommen, die Rähmchenimkerei mit künstlichen Wabenteilen, zum Teil Plastikwaben, Drähten, die die Waben durchziehen, auf Nimmer wiedersehen hinter sich zu lassen, und sich dem Naturbau zuzuwenden, stellt sich ihm nun die Frage: Bienenkiste, Warré oder Top bar hive?
 

Bienenkiste oder Top bar hive?

Was hat es zum Beispiel mit der Bienenkiste, die von Mellifera e.V. entwickelt wurde auf sich. Eignet sie sich für den Anfänger oder Hobbyimker?

Die Bienenkiste ist durchaus eine Verbesserung gegenüber der Rähmchenbetriebsweise; schwere Lasten heben und eine komplizierte Technik beherrschen muß der Imker aber auch hier. Um beispielsweise in diese Kiste hineinzuschauen, muß sie samt Volk und Honigvorräten erst hochgewuchtet und auf den Kopf gestellt werden; wenn das Brutnest zu Inspektionszwecken komplett geöffnet wird, gerät das gesamte Volk in Aufruhr, weshalb ausgiebig Rauch in das Volk hineingeblasen werden muß, damit die Bienen nicht zu aggressiv werden.

Die Anwendung von Rauch in der Imkerei kann grundsätzlich als Tierquälerei bezeichnet werden, da den Bienen jedesmal ein Buschbrand vorgegaukelt wird: die Bienen bereiten alles vor, um in der Not den Kasten als Schwarm verlassen zu können. Eine derartige Betriebsweise - also Bienenkiste, Rähmchen- und Magazinimkerei - ist gerade für Anfänger oder Hobbyimker völlig ungeeignet.

Zudem muß eine Imkerei, die auf die Anwendung von Rauch angewiesen ist, für die Gewinnung von Apitherapie-Produkten ausgeschlossen werden, da die Bienen-Produkte Geschmack und Schadstoffe annehmen. Ähnliches gilt für die sogenannte Warré-Beute: auch hier wird mit künstlichen Wabenteilen, Magazinen, Rauch, Drehung des Brutnestes ähnlich wie bei der Drehrahmenbeute gearbeitet. Zudem können Bienenkrankheiten bei der Stabilbau-Betriebsweise nicht rechtzeitig erkannt werden.

Top bar hives dagegen sind weltweit bekannt dafür, daß man mit einem Minimum an Eingriffen auskommt. Top bar hives sind nicht nur einfacher konstruiert als die Bienenkiste, auch der Betreuungsaufwand ist viel geringer.

Die Konstruktion des Top bar hive ist mindestens seit 1682 überliefert. Das Prinzip ist aber schon seit Tausenden von Jahren bekannt - und zwar nicht nur in Afrika sondern weltweit. Ökonomische Aspekte haben früher eher nicht im Vordergrund gestanden. Auch bei heutiger Betriebsweise steht bei Top bar hives die wirtschaftliche Honigernte nicht im Vordergrund, sondern - soweit es sich um zertifizierte Partner-Imkereien handelt - eine wesensgemäße Bienenhaltung und die Erzeugung apitherapeutischer Produkte. Beides ist bei der Bienenkiste nur unter äußerst erschwerten Bedingungen möglich, wenn überhaupt, wie wir gleich sehen werden.

Die Entnahme einiger Waben aus dem Randbereich bedeutet nicht, daß das Brutnest gestört wird. In Top bar hives wird gerade das Brutnest am allerwenigsten gestört. In Magazinbeuten, der Mellifera-Großraum-Beute oder der Bienenkiste gerät dagegen das gesamte Volk in Aufruhr, wenn der Imker auch nur einen kleinen Einblick in das Volk erhaschen will. Zudem muß die Bienenkiste auch noch auf den Kopf gestellt werden, wenn der Imker in das Volk hineinsehen soll - ähnlich wie dies bei der Drehrahmenbeute üblich ist. [2] Dies stellt ein empfindliche Störung des Bienenvolkes dar, denn das Flugloch befindet sich während der Inspektion nicht mehr an der gleichen Stelle, das heißt die Nektar- , Pollen- und Propolissammlerinnen suchen währenddessen verzweifelt nach dem Flugloch. Eine zeitweise Veränderung des Standortes ist als besonders unnatürlich einzustufen, denn in der Natur findet diese Veränderung nur beim Schwärmen statt. Ähnlich wie bei einem "Bärenangriff" wird die Bienenkiste bei jedem Eingriff hin- und her geschleudert und das Brutnest komplett geöffnet.

Das Arbeiten mit Top bar hives ist sowohl für die Bienen als auch für die Imker entschieden stressärmer. Man kommt grundsätzlich ohne Rauch aus. Weil aber bei Rähmchen-Beuten und der Bienenkiste das Gesamte Volk in Aufruhr gerät, wenn der Imker sich ein Bild von seinem Volk machen soll, sind die Bienen viel aggressiver als bei TBH's. Ohne Rauch (man gaukelt dem Volk ein Buschfeuer vor) geht es bei der Rähmchen- oder Bienenkistenimkerei nicht. Der Binenkistenimker soll sich angeblich an der "biologischen Grundbedingung des Wabenbaus von Honigbienen orientiert" haben. [1]

Mir ist noch keine Honigbiene begegnet, die sich freiwillig künstliche Mittelwände oder eine derart kompliziert konstruierte Bienenkiste ausgesucht hätte, wie die sogenannte "Bienenkiste" von Mellifera, Beegood & Co.. Man wolle zwar "das Bienenvolk immer als Ganzes" sehen - künstliche Mittelwände, ein ausgiebiger Gebrauch des Smokers und die zeitweilige Verlegung des Flugloches rücken die Bienenkiste aber wieder in die näher der Rähmchen- und Magazinetriebsweise.
 

Warré oder Top bar hive?

Was hat es mit dem Warré Betriebsweise auf sich? Abbé Émile Warré (?-1951) hat ein nicht uninteressantes Buch geschrieben: L'Apiculture por Tous. Viele Imker im deutsch-, englisch- und französischsprachigen Raum haben sich davon inspirieren lassen. Man wollte die Rähmchenimkerei mit allen ihren Nachteilen hinter sich lassen und die Bienen wieder ihre Waben natürlich bauen lassen. Das ist ja auch eine wirklich schöne Sache. [3]

Da die Warré-Beute oder modifizierte Warré-Beuten auch heute unter Imkern immer populärer werden, sehen wir uns diese Betriebsweise einmal genauer an. Immerhin sagt der Autor von "Bienenhaltung für Alle":

"Die Imkerei nach Warré bietet dem modernen Imker die Chance auf eine einfache und bienengerechte Bienenhaltung. Für alle! Sehr sicher ist, dass die Erträge weit unter den Erträgen der Berufsimker und ihren Nachahmern, den Hobbyimkern zurückliegen werden. Als Entschädigung dafür darf die Freiheit des Honigs von Medikamenten gelten. Sowie die Gewissheit, eine nachhaltige und bienengerechte Haltung zu praktizieren. Die Ersparnis der vielen Arbeiten konventioneller Methoden fließt direkt in Stunden der verträumten Beobachtung und des Erlebens eines einzigartigen Wesen: Dem Bien." [4]

Wirklich sicher ist, daß "die Erträge weit unter den Erträgen der Berufsimker und ihren Nachahmern, den Hobbyimkern" liegen. Aber ob "die Gewissheit, eine nachhaltige und bienengerechte Haltung zu praktizieren" dabei tatsächlich existiert, diesen Nachweis sind uns die Protagonisten der Warré-Beute schuldig geblieben. Eine "verträumte Beobachtung" macht noch keine "nachhaltige und bienengerechte Haltung".

Von Vorteil ist wirklich, daß die Warré-Beute ohne Rähmchen auskommt - darin unterscheidet sie sich noch nicht vom Top bar hive. Problematisch ist aber, daß die Warré-Beute mit Zargen arbeitet wie sie in der Magazin-Imkerei üblich sind. Das heißt, wenn eine Zarge oder mehrere Zargen abgenommen werden, ist das Brutnest geöffnet. Schon der kleinste Einblick in das Völk erfordert eine Öffnung des Brutnestes und damit eine Störung des Volkes und Veränderung der Brutnesttemperatur (Nestduftwärmebindung); zudem ist es unerläßlich, mit Rauch zu arbeiten - eben weil das Bienenvolk stark gestört wird. Allein diese Tatsache macht die "Chance auf eine einfache und bienengerechte Bienenhaltung" weitgehend zunichte. Auch imkergerecht kann diese Betriebsweise nicht genannt werden, denn das Heben von schweren Zargen ist genauso erforderlich wie bei der Magazinimkerei.

"Durch das Eingangsloch werden ein paar kräftige Stöße Rauch mit dem Smoker gegeben. Nun wartet man ab, bis die Bienen ein säuselndes Geräusch von sich geben. Feueralarm. Die Bienen brauchen etwas Zeit, um sich mit Honig zu betanken und dadurch etwas von der Bereitschaft zu Stechen abkommen. Säuseln die Bienen, wird das Dach und das Heukissen vorsichtig abgenommen. Allgemein gilt: Jede grobe Erschütterung vermeiden. Man kann alles mit Bienen veranstalten, aber an der Kiste rütteln – das macht sie sehr ärgerlich. Ein paar Rauchstöße von oben in die Zarge. Manche legen auch ein mit etwas Nelkenöl getränktes Tuch oben auf. Man nimmt den Stockmeißel und trennt die oberste Zarge mit einem kleinen Hebel von der darunter liegenden Zarge  möglichst ruckfrei. Ganz ohne geht es nicht, aber eben so wenig wie
möglich. Bevor die oberste Zarge abgehoben wird, etwas innehalten, damit die Bienen sich etwas vom Ruckeln beruhigen dürfen. Dann die Kiste abkippen und mit der Kante auf die untere Zarge absetzen und mit ein paar Rauchstößen die Bienen dazu bewegen, aus der Kiste nach unten zu klettern. Währenddessen sieht der Imker sich die Waben an: Sind sie verdeckelt und voll Honig? Je nachdem, wie stark die Bienen die Beute ausgebaut haben, ist die oberste Zarge auch schon im ersten Jahr voll mit Honig. Die Zarge wird nun an die Seite auf den Ständer (siehe Zubehör, dort Rost aus Latten genannt) abgestellt und mit einer Zeitung abgedeckt. Die nächste Zarge wird inspiziert und abgenommen – nach dem gleichen Verfahren. Im zweiten Jahr werden die zwei obersten Zargen sicher voll Honig sein. Diese Zarge wird nun ebenfalls von Bienen befreit – so gut wie möglich –und an die Seite gestellt. Mit Zeitung abdecken. Die untersten zwei Zargen sind beide spätestens ab dem zweiten Jahr ausgebaut. Im ersten Jahr hängt das davon ab, wie gut die Tracht war und wie früh der Schwarm eingezogen ist." [4]

Damit aber nicht genug. Der Warré-Beuten-Imker hält es für bienengerecht, die Wabenstellung innerhalb der Beute nach Belieben zu verändern. Das Flugloch wird zwar an Ort und Stelle belassen, aber das Wabenwerk einmal quer zum Flugloch (Warmbau) oder einmal längs zum Flugloch (Kaltbau) durch "Drehen der Beute" ausgerichtet. Die Ähnlichkeit mit der Drehrahmenbeute (gilt als Prototyp einer nicht bienengerechten Haltung), ist sogar noch größer als bei der sogenannten Bienenkiste [4]

"Nun folgt eine Besonderheit im Detail: Die Wabenstellung wird wie folgt vorgenommen. Es gibt eine Winter- und eine Sommerstellung der Waben. Das Flugloch zeigt immer in die gleiche Richtung, doch die Ausrichtung der Waben (Achtung, nicht der Oberträger!) werden durch einfaches Drehen der Beute gewechselt." [4]

Die Warré-Betriebsweise versteht sich oft als einfache Betriebsweise, die besonders für Anfänger und Hobbyimker geeignet wäre. Ich fürchte eher das Gegenteil ist der Fall: eine sehr kompliziert konstruierte Beute mit den bekannten Nachteilen der Magazinimkerei, das heißt das Bienenvolk wird auf ähnliche Weise gestört. Gerade Top bar hives sind weltweit bekannt dafür, daß man mit einem Minimum an Eingriffen auskommt. Top bar hives sind nicht nur einfacher konstruiert als die Warré-Beute, auch der Betreuungsaufwand ist viel geringer. Bei heutiger Betriebsweise steht bei Top bar hives die wirtschaftliche Honigernte nicht im Vordergrund, sondern - soweit es sich um zertifizierte Partner-Imkereien handelt - eine wesensgemäße Bienenhaltung und die Erzeugung apitherapeutischer Produkte. Beides ist bei der Warré-Beute kaum möglich.

Die Entnahme einiger Waben aus dem Randbereich bedeutet nicht, daß das Brutnest gestört wird. In Top bar hives wird gerade das Brutnest am allerwenigsten gestört. In Magazinbeuten, der Warré-Beute, der Mellifera-Großraum-Beute oder der Bienenkiste gerät dagegen das gesamte Volk in Aufruhr, wenn der Imker auch nur einen kleinen Einblick in das Volk erhaschen will.

Ist Ihnen schon einmal ein Bienenvolk begegnet, das sich zusammen mit seinem Wabenwerk innerhalb einer Baumhöhle gedreht hätte?

Mit wesensgemäßer Bienenhaltung hat die Warré-Beute also nichts zu tun. Auch für Anfänger ist sie nicht einfacher zu bewirtschaften als Tbh's. Die Gewinnung apitherapeutischer Produkte ist kaum möglich, denn der Honig stammt aus "bebrüteten Waben". Allenfalls wird Presshonig gewonnen. Aber Wabenhonig und Wabenhonig mit Bienenbrot und Tropfhonig kann bei der Warré-Betriebsweise fast nicht geerntet werden, es sei den man nimmt Vorlieb mit Wabenhonig in bebrüteten Waben - was unter manchen Warré-Beuten-Imkern auch brav geschluckt wird!

Wer ernsthaft mit der wesensgemäßen Bienenhaltung anfangen will, sollte mit Top bar hives beginnen (zum Beispiel Top bar hives / Oberträgerbeuten konstruiert nach den Kriterien des Zentrums für wesensgemäße Bienenhaltung), eine Mitgliedschaft bei SAVE BEECOLONIES / Honeybee Stewardship Council beantragen und / oder einen Fernkurs und / oder einen praktischen Kurs im Zentrums für wesensgemäße Bienenhaltung absolvieren.

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[1] Webseite www.bienenkiste.de, Erhard Maria Klein | letzte Bearbeitung: 26.08.2009 09:53:16
[2] In der Drehrahmenbeute - die übrigens als Inbegriff einer nicht artgerechten Bienenhaltung angesehen werden kann - wird das Bienenvolk von Zeit zu Zeit auf den Kopf gestellt. Dieser Beutentyp ist laut Richtlinien des Zentrums für wesensgemäße Bienenhaltung nicht zugelassen; Bio-Imker dagegen dürfen diesen Beutentyp verwenden.
[3] Abbé Émile Warré:  L'Apiculture por Tous - beekeeping for all. Translated by David Heaf 2007
[4] Berndhard Heuvel 2008: Bienenhaltung für Alle

Weitere Literatur und Hinweise zum Thema:
Neues aus Wissenschaft, natuerlicher Bienenhaltung und Apitherapie:
Apikultur und Supplement Apicultural Review Letters,Archiv
Naturwissenschaft und Science Review Letters
 
 

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